- Deutscher Titel: Mermaid Legend
- Original-Titel: Ningyo densetsu
- Regie: Toshiharu Ikeda
- Land: Japan
- Jahr: 1984
- Darsteller:
Mari Shirato (Migiwa Saeki)
Kentarô Shimizu (Miyamato Shouhei)
Jun Etô (Saeki Keisuke)
Yoshirô Aoki (Terumasa Miyamoto)
Junko Miyashita (Natsuko)
Seiji Miyaguchi (Tatsuo)
Vorwort
Abt. Sex & Gewalt – Poetic Fantasy Nippon Style
Manche Filme spuken wie düstere Legenden durch die Filmgemeinde, scheinen aber nicht fassbar, und jeder, der über sie schreibt oder von ihnen spricht, stützt sich rein auf Hörensagen. Es sind Filme, von denen man weiß, dass es sie gab oder gibt, aber von denen (hier in der westlichen Hemisphäre), die von ihnen berichten, keiner aus erster Hand sprechen kann, da sie in einem anderen Land, in einer den meisten nicht zugänglichen Sprache erschienen sind. Und dass dann vielleicht sogar nur im Kino und nicht einmal in physischer Form, was ein Entdecken, oder sagen wir, Wiederentdecken umso schwerer und scheinbar unwahrscheinlicher macht. Aber wir haben es inzwischen schon oft erlebt, dass Filmkunst widerstandsfähiger und die Wege von Kinorollen oder Kamera-Negativen wundersamer sein können, als wir es als Fans zu hoffen wagten. MERMAID LEGEND von Toshiharu Ikeda geisterte schon lange in Magazinen, auf Internetseiten und Diskussionen mit anderen Fans des japanischen Kinos rum. Es ist bestimmt schon mehr als 20 Jahre her, dass ich zum ersten Mal davon gehört habe. Es rankten sich Mythen um den Film, der seinerzeit auf dem Yokoham Film Festival mit den Preisen für die beste weibliche Hauptrolle, die beste Regie und die beste Kamera ausgezeichnet wurde, konnte aber an den Kinokassen, dem Vernehmen nach, nicht überzeugen. Es ist also wenig verwunderlich, dass der Film danach, so mir nichts, Dir nichts, einfach in der Versenkung verschwand. Rüde Sexszenen und ein epochales Blutbad versprachen die Überlieferungen, eingebettet in eine wahrhaft poetisch erzählte Geschichte. An ersterem zweifelte wohl auch niemand, der wußte, das Regisseur Ikeda vom Roman Porn kam und danach den berüchtigten wie populären EVIL DEAD TRAP (1988), und später auch den letztens hier besprochenen FEMALE PRISONER SCORPION – DEATH THREAT (1991), drehte – der übrigens auch über Jahre nicht aufzutreiben war (abseits einer japanischen, natürlich nicht untertitelten VHS), bis er mit dem Aufkommen der DVD seine Auferstehung feierte. Nun steht die deutsche Heimkino-Premiere für MERMAID LEGEND an und es ist mir vergönnt, vorab einen Blick auf diese Veröffentlichung werfen zu können. Also wollen wir mal sehen, was dran ist an all den Vorschusslorbeeren, mit denen der Film schon aufgrund seines Legendenstatus‘ über die Jahre bedacht wurde…
Inhalt
Keisuke ist Fischer in einem kleinen Küstenort. Mit seiner Frau Migiwa, einer begnadeten Taucherin, hat er sich auf Seeohren, eine beliebte Delikatesse spezialisiert. Das junge Ehepaar pflegt eine sehr innige Beziehung, da Migiwa ihrem Mann bei jedem Tauchgang, den sie mittels eines Tauchgewichts absolviert, quasi ihr Leben anvertraut. Abends kippt sich Keisuke mit seinem Kumpel Shouhei und anderen Fischern gerne in der örtlichen Kneipe einen hinter die Binde. Gesprächsthema Nummer 1 sind hierbei die Bemühungen der Ishiyoshi Construction Company, alles Land in Küstennähe aufzukaufen, um hier vorgeblich einen Vergnügungspark zu bauen. Den Bürgermeister und den Vorstand der Fischerei-Innung haben die Unternehmer wohl schon im Sack. Es ist aber vor allem die dabei zu erwartende Verschmutzung ihrer Fischgründe, die den Unmut der Anwohner schürt. Eines Nachts wird Keisuke auf dem Heimweg Zeuge, wie Unbekannte einen Fischer auf seinem Boot in die Luft sprengen. Beim Tauchgang am nächsten Tag wird Migiwa Zeugin, wie ihr Mann, nachdem er auf ihre Signale zum Einholen nicht reagiert, erstochen ins Wasser fällt. Der Täter hat es auch auf sie abgesehen, verletzt sie mit einem Schuss aus der Harpune und lässt sie verletzt und blutend im Meer zurück.
Einige Zeit später wird Migiwa an die Küste gespült, sie hat, wie durch ein Wunder, überlebt. Bei den örtlichen Behörden heißt es allerdings, dass sie ihren Mann ermordet hätte und danach sich selbst umbringen wollte. Um ihrer Verhaftung zu entgehen, lässt sie sich von Shouhei auf das nahegelegene Watakano Island bringen. Sie gilt als autarke Enklave, als ein der Küste vorgelagertes Vergnügungsviertel für zahlungskräftige Kundschaft vom Festland. Hier leben nur Frauen und es gibt, bedingt durch die Art der Geschäfte, die hier geführt werden, keinerlei Polizeipräsenz. Migiwa kommt in einem Bordell unter, deren Besitzerin Shouhei sehr angetan ist. Als Migiwa erfährt, dass Shouhei, der sie zudem zum Sex nötigt, der Sohn von Terasuma Miyamoto, dem Vorsitzenden der Ishiyoshi Construction Company, ist, und dieser hinter dem Mord an ihrem Mann Keisuke steckt, beginnt sie einen blutigen Rachefeldzug…
Besprechung:
Der Racheengel, ob nun bildlich oder wörtlich genommen, ist eine typisch japanische Trope in Literatur und Film. Das kennen wir schon in mannigfaltiger Form – sei es ganz irdisch wie in etwa LADY SNOWBLOOD (1973), jenseitig ala RINGU (1998), oder eben unbestimmt, wie im surrealen SASORI – JAILHOUSE 41 (1972) oder dem verstörenden AUDITION (1999). Gerade, weil es schwer zu sagen ist, würde ich MERMAID LEGEND (auch aufgrund des Titels) wohl eben letzterer Kategorie zuordnen. Das Skript von Takuya Nishioka (NEO CHINPIRA: ZOOM GOES THE BULLET) bleibt hier, wohl auch bewusst, sehr vage. Die Frage muss erlaubt sein, wie Migiwa den Tauchgang an jenem schicksalhaften Tag, an dem ihr Gatte ermordet und sie zum Sterben zurückgelassen wird, überhaupt überlebt hat. Es wird im Vorfeld unmissverständlich etabliert, dass sie sich unter Wasser verausgabt, so lange wie möglich taucht, um im letzten Moment an der Leine zu signalisieren, dass Keisuke sie schnellstmöglich hochziehen soll. Und selbst wenn sie es zurück an die Oberfläche geschafft hat, so trieb sie danach immer noch blutend und bewusstlos auf dem Meer. Auch hat sie später anscheinend die Kraft, sich gegen körperlich klar überlegende Männer durchzusetzen. Und, ohne zu viel vorwegnehmen zu wollen, scheinen ihr die Kräfte des Wetters und des Meeres am Ende wie durch Zauberhand gewogen. Das sind natürlich alles keine schlüssigen Beweise (vor Gericht würde das nie standhalten), und es wird auch nie ausgesprochen, doch der Titel MERMAID LEGEND scheint eben nicht von ungefähr zu kommen. Es handelt sich ja auch um eine Geschichte, als Film erzählt, weswegen das „Legende“ im Titel auch sehr passend scheint.
Die Wurzeln des Regisseurs Toshiharu Ikeda im Roman Porno, dem Quasi-Gegenstück des Studio Nikkatsu zu Toeis Pinky Violence Filmen, sind hier kaum zu verleugnen. Es gibt zwei sehr rüde Sexszenen zu bewundern, die sogar im Beckenbereich der Darsteller durch eine „graue Wolke“ zensiert werden mussten. Hierbei ist gerade letztere davon wirklich bemerkenswert. Der Yakuza, der ihren Mann Keisuke umgebracht hat, offenbart sich ihr, erzählt ihr die Umstände in allen Einzelheiten; alles aus der Gewissheit heraus, sie gleich ebenfalls ins Reich der Toten zu überführen. Doch im darauf folgenden Handgemenge gelangt Migiwa an sein Messer, streckt ihn mit mehreren Stichen nieder. Die Blutfontänen, die die junge Frau daraufhin mit roten Lebenssaft bedecken, lassen sich auf verschiedene Weisen deuten, die sich gegenseitig nicht einmal ausschließen. Es könnte für die Entjungferung von Migiwa stehen; nicht im eigentlichen Sinne, sondern als Verlust der Unschuld durch den Akt des Tötens. Genauso lassen sich die herausschießenden Fontänen natürlich auch sexuell konnotiert sehen, als ein Orgasmus, als Befriedigung für Migiwa, den Tod ihres Mannes durch den Mord an den Männern, die dafür Verantwortung tragen, sühnen zu können.
Ihr Weg von hier aus ist nun klar vorgezeichnet – in ihr lodert das Feuer der Rache, welches sogar noch weiter von jemanden geschürt wird, den sie eigentlich gar nicht mit zur Verantwortung ziehen wollte. Danach brechen dann in ihr alle Dämme. Migiwa wird dabei stets als zwar zurückhaltende, fast schon introvertierte Frau gezeichnet. Wenn sie mal aus sich rauskommt, schlägt die Gefühlsskala dann aber heftig aus. Ihre Zurückhaltung sollte dabei auch nicht als Schwäche gewertet werden, vielmehr erduldet sie weite Teile ihres Schicksals, ohne sich davon brechen zu lassen. Unklar bleibt, wie viel davon schon vor dem Mord an ihrem Mann und ihrer „Wiederauferstehung“ an der Küste in ihr steckte. Zuvor kannten wir nur ihr Vertrauen in Keisuke, der nun aber nicht mehr ist. Mit ihm scheint auch das Vertrauen verschwunden, ist Skepsis und der bereits erwähnten Erduldung gewichen.
Das hört sich jetzt alles wahrscheinlich aber weitaus aufregender an, als es sich dann im Film selbst gestaltet. Bis unser eigentlich zerbrechlich nur erscheinender Rachegeist zu diesem Punkt kommt, sind wir schon bei der Hälfte des Films, und das fast punktgenau. Ikeda nimmt sich sehr viel Zeit, um die Situation zu etablieren, vor allem die Verzeiflung seiner Protagonistin, die nicht nur ihres Mannes, sondern auch ihres Alltags, eigentlich ihres Lebens (und hier passt auch die vage Vermutung eines realen Todes wieder sehr gut) beraubt wird, greifbar zu machen. Bildsprache und Schnitt wirken sehr ruhig, angesichts der Entwicklung der Geschichte sehr gefasst. Das sehr schöne, schon traumhafte Hauptthema erklingt einzig zu meditativ wirkenden Einstellungen und Szenen, etwa wenn Migiwa unter Wasser am Tauchen ist. In diesen kurzen Momenten glauben wir fassen zu können, was die MERMAID LEGEND sein könnte.
Allerdings lässt sich nicht bestreiten, dass der Film sich hier ein wenig zieht und nur stellenweise, wenn es denn dramatisch wird, kurzzeitig Spannung aufbauen kann. Es macht sich zwar ein gewisses Unbehagen breit, welches aber nicht unbedingt Überhand nimmt. Ich kann hier nur mutmaßen, dass Ikeda darauf aus war, uns kalt zu erwischen, wenn es dann knallt, wenn der Rachegeist in der jungen Frau plötzlich nach Blut dürstet. Das mag damals ein herber Klatscher ins Gesicht gewesen sein, klappt heute in meinen Augen aber eher mittelprächtig. In den letzten 40 Jahren sind da ja schon ganz andere Kaliber um die Ecke gekommen. Was nicht heißen soll, dass diese Szenen ihrer Schockwirkung komplett verlustig gehen, nur dass wir ihr zeitgenössisches Potenzial eigentlich nur erahnen können. Doch spätestens zum Finale, wenn die Wut der verwitweten jungen Frau in einen irrsinnigen Overkill umschlägt und sie wahllos Menschen, egal ob mitschuldig oder nutznießend, brutal niedermetzelt, sollten dann auch die letzten Kinnladen runterklappen. Das bietet zwar keine hemmungslose Splatterorgie, wie man sie von anderen Filmen kennt, nötigt aber ob des zur Schau gestellten Wahnsinns verdienten Respekt ab.
Mit der stilsicheren Inszenierung Toshiharu Ikedas, dem es sicherlich zu verdanken ist, dass MERMAID LEGEND nach seinem Bruch zur Mitte des Films nicht auseinanderfällt oder schon vorher versandet, der guten Kameraführung Yonezô Maedas (MINBO – DIE KUNST DER ERPRESSUNG, DIE LETZTE SCHLACHT DER SAMURAI) und dem überzeugenden Spiel von Hauptdarstellerin Mari Shirato (alle drei wohl zurecht beim Yokoham Filmfestival ausgezeichnet) hat der Film schon einiges auf der Habenseite. Das schöne musikalische Hauptthema, das von Toshiyuki Honda (MINBO – DIE KUNST DER ERPRESSUNG, ROTE LATERNE) komponiert wurde, gesellt sich dazu, unterstreicht es doch sehr gut die traumgleichen Unterwasserszenen. Im Ganzen ist es sicherlich nicht jedermanns Sache, wie hier der ruhige Fluss der Geschichte immer mehr von verstörenden Gewaltausbrüchen konterkariert wird, eine gewisse Offenheit gegenüber graphischer Grausamkeiten sollte schon vorausgesetzt werden. Unter den Voraussetzungen lässt sich MERMAID LEGEND sicherlich auch genießen und nicht bloß überstehen.
Fassung:
Der lange verschollen geglaubte MERMAID LEGEND erschien bereits im Februar 2025 bei Third Window Films im UK auf Blu-ray. Genau fünf Monate später feiert der Film bei Rapid Eye Movies nun sein deutsches Debüt. Es handelt sich hierbei, wie schon bei CRAZY THUNDER ROAD, um die exakt gleiche Disc. Der Film wurde, soweit ich das richtig gelesen habe, von einer japanischen Kinokopie gezogen und remastered, da die originalen Filmelemente leider nicht mehr vorlagen. Das Ergebnis kann sich trotzdem durchaus sehen lassen. Das Bild ist klar, der Kontrast gut, die Farben wirken frisch. Auch der Ton präsentiert sich größtenteils rauschfrei, die Dialoge gut verständlich. High-End-Jünger (oder Leute, die genau danach suchen) werden sicherlich das ein oder andere Haar in der Suppe finden, ich für meinen Teil bin mit der technischen Seite dieser Veröffentlichung zufrieden, zumal es den Film zum ersten Mal in der westlichen Hemisphäre zu sehen gibt. Als Extras gibt es einen Audiokommentar der Japan-Kenner Jasper Sharp und Tom Mes von The Midnight Eye, sowie ein Interview mit Autor Takuya Nishioka sowie ein Video Essay über Komponist Toshiyuki Honda.
Fazit:
Auch wenn sicherlich nicht frei von Längen in der ersten Hälfte, kann MERMAID LEGEND auch heute noch als Kleinod des japanischen Kinos der 80er überzeugen. Hinsichtlich seines Regisseurs Toshiharu Ikeda, der dann mit EVIL DEAD TRAP noch eine übelst splattrige, surreal bis komplett wahnsinnige Hommage an das Slasher-/Giallo- und amerikanisch-europäische Horrorkino der frühen 80er abliefern sollte, präsentiert sich der Film dann sogar eher zurückgenommen, manchmal in stiller Schönheit schwelgend, bis dann alle Dämme brechen und das Blut literweise fließt. Die sexuellen Einschübe, die von der Roman Porno-Vergangenheit des Filmemachers zeugen, setzen verstörende Duftmarken, bevor es richtig ans Eingemachte geht. Kein Film für schwache Nerven, dennoch kein reiner Horrorfilm oder Psycho-Thriller, da er dem menschlichen Drama seiner Hauptfigur reichlich Platz einräumt. Doch hier schwächelt MERMAID LEGEND leider auch ein wenig, da es aufgesetzt wirkt, kaum Tiefe bietet, nicht weit genug unter die Oberfläche dringt. Eben um das Mysterium irgendwie am Leben und den Tonfall des Films ruhig zu halten, des Effekts wegen, den der Bruch in der Erzählung zur Mitte erzielen soll. Insgesamt ist es ein sperriges, aber auch der Entdeckung lohnenswertes Werk. Von mir gibt es für Interessierte jedenfalls eine klare Empfehlung.
Bildmaterial © Rapid Eye Movies
BOMBEN-Skala: 3
BIER-Skala: 7
Review verfasst am: 15.07.2025