Crime Hunter: Bullets of Rage

 
  • Original-Titel: Kuraimuhanta Ikari no Judan
  •  
  • Regie: Shundo Okawa
  • Land: Japan
  • Jahr: 1989
  • Darsteller:

    Masanori Seda (Joker)
    Minako Tanaka (Sister Lily)
    Seiji Matano (Bruce)
    Keishi Hunt (Hunt)
    Riki Takeuchi (Ahiru)


Vorwort

Abt. Wenn der Bulle mit der Nonne böse Buben über den Haufen ballert

Dass die Japaner ordentlich einen an der Klatsche haben, filmkulturell gesehen, wissen wir spätestens seit der Pinky Violence ala FEMALE PRISONER SCORPION. Doch war schon das Kino der 60er und 70er eine 1a-Spielwiese für schräge Ideen, Gewaltexzesse und Bondage-Fantasien, konnte die neue Generation von Regisseuren sich ab Ende der 80er mit den Videoproduktionen des V-Cinema erst einmal austoben und die Hörner abstoßen. Wie unschwer zu erraten, geht es hier und heute wieder um einen Film aus V-Cinema Essentials: Bullets & Betrayal (ein oder zwei weitere werden auch noch folgen). Wir klinken hier nun beim ersten Film der Box, zugleich dem ersten Film der Spart V-Cinema überhaupt ein. Im Raum stand damals wohl die Frage, wie viele Schießereien und Verfolgungsjagden man denn in nur eine Stunde (Brutto-)Laufzeit packen könnte, und die Executives bei Toei so: Ja!


Inhalt

Die Bullen Joker und Ahiru sind in Little Tokyo ihrer Nemesis, dem fiesen Gangster Bruce, auf den Fersen. Und dieses Mal scheint das Glück auf ihrer Seite, denn der durchtriebene Räuber, der sich gerade eine 5-Millionen-Dollar-Finanzspritze aus dem Klingelbeutel der Kirche genehmigt hat, gerät ihnen tatsächlich ins Netz. Doch die Handschellen sind gerade erst zugeschnappt, als drei maskierte Killer auftauchen, die beiden Cops über den Haufen ballern und Bruce befreien. Ahiru stirbt noch an Ort und Stelle, Joker jedoch kann trotz ganzer dreizehn Schusswunden im Krankenhaus zusammengeflickt werden. Und da die „13“ von Unglück kündet, eröffnet der Captain ihm dann auch noch, dass dieser Fall nun an den Kollegen Hunt, der eben nicht emotional involviert ist, übergeben wurde, woraufhin der nach Rache sinnende den Dienst quittiert, um Bruce selbstpersönlichst nachzustellen. Derweil ist die Kirchengemeinde von Little Tokyo in heller Aufregung, werden die fünf Millionen Dollar doch dringend benötigt, weswegen die Nonne Lily sich aufmacht, es den Armen des Räubers wieder zu entreißen, und infolgedessen schon bald an Jokers Hosenzipfel hängt, immer eine Pistole an seinen rachsüchtig-eigensinnigen Kopf gerichtet. Was folgt ist ein Bäumchen-wechsel-Dich-Spiel mit dem Geldkoffer, begleitet von Blechschäden, Ballereien und Anfällen von Karaoke…

Besprechung:

Ja, das war mal wieder ein wilder Ritt! Wir haben es hier mit einem knapp 60-minütigen Action-Spektakel zu tun, und gleichzeitig dem ersten Film, den Toei direkt für die Vermarktung in Videotheken vorgesehen hatte. Denn Ende der 80er gab es inzwischen Millionen Videoabspielgeräte in japanischen Haushalten und der Kundschaft dürstete es nach actionreicher Unterhaltung, die ihm das japanische Kino nicht offerieren konnte und dann in der lokalen Videothek mit vornehmlich amerikanischen Importen befriedigt wurde. Der findige Toei-Produzent Tatsu Yoshida erkannte hier brachliegendes Potenzial und gab den ersten Direct-to-Video Film des Studios in Auftrag – das V-Cinema, zuerst als Name für Toeis Video-Releases und später als Synonym für die gesamte DTV-Branche, war geboren. CRIME HUNTER begründete eine Reihe immens erfolgreicher Produktionen, die Japans größte Filmschmiede auf ihr weit verzweigtes Netz aus verpartnerten Videotheken losließ. Mit nur einer Stunde Laufzeit sollte der Film die Geduld seines anvisierten Publikums nicht überfordern; das lag zum einen wohl daran, dass Yoshida bei einem Videotheken-Besuch erfuhr, dass junge Menschen häufiger mehrere Filme für einen Abend entliehen, welche sie im Fast Forward konsumierten, zum anderen hatte sich die Laufzeit von gut einer Stunde schon bei den Roman Porn- und den Pink-Filmen seiner Zeit als Soft Spot für einen Videoabend etabliert. Doch es dauerte nicht lange, dass auch die Videoproduktionen mit wachsender Popularität auf abendfüllende Länge, also damals rund 90 Minuten, anschwillen sollten. Erstaunlich finde ich, dass man sich als Startschuss für diese Direct-to-Video Sparte einen originären Stoff ausgesucht hat, anstatt auf eine etablierte Reihe wie später mit FEMALE PRISONER SCORPION: DEATH THREAT zu setzen.

CRIME HUNTER – BULLETS OF RAGE hat mich stellenweise ein wenig an Rodriguez‘ EL MARIACHI erinnert. Das liegt kurioserweise wohl daran, dass diametral zur Semiprofessionalität des mexikanischen Filmemachers First-Time-Director Shundo Okawa (NOBODY) zwar durchaus eine Vision seines Actionfilms und durchweg professionelles Personal zur Verfügung stehen hatte, aber eben nicht wirklich eine Ahnung davon, wie er es umzusetzen hatte. Das ist über weite Strecken eine Aneinanderreihung von Action-Szenen, die eben nur so semi-gut eingefangen sind, und man merkt durchgehend, wie im Schnitt versucht wurde, diese Defizite wieder auszubügeln. Diametral zu dem Erstling des Japaners verkauft sich also die Action bei Okawa ein wenig schlechter, als sie von Haus aus sein könnte. Das offenbart im Gegenzug ein wenig trashig-unbeholfenen Charme, gerade auch, weil Okawa sehr viel mit Kamera-Winkeln und Farbdramaturgie experimentiert. Dank des immensen Pacing des Films fällt das nicht ausschlegend groß ins Gewicht, sondern offenbart im Gegenteil immer neue „Sehenswürdigkeiten“. Man darf nicht vergessen, das hier in eine Stunde Laufzeit u.a. Schießereien in miefigen Hinterhöfen, auf einem Schrottplatz und einem Finale in einer unabdingbaren Fabrikhalle (wäre es PM, und mit derem Output ist CRIME HUNTER durchaus vergleichbar, hätten wir es mit einem Wasserkraftwerk zu tun), sowie mehrere Verfolgungsjagden, eine Karaoke-Nummer Lilys ohne Pinguin-Outfit (die ungewollt komisch rüberkommt, da sie zu einem Lied von Madonna gefilmt, aber dann mit einem vollkommen anderen Song vertont wurde) und dann natürlich noch die dünne Story, die das alles zusammenhalten soll, gepackt wurden.

Darstellerisch ist eigentlich für einen Film dieser Größenordnung alles im grünen Bereich. Es ist wieder ein wenig Overacting angesagt, was aber auch hilft, die fehlenden Eckpunkte des Drehbuchs für die Charaktere zu übertünchen. Masanori Sera, zuvor erst für einen Japanese Academy Award als bester Nebendarsteller in Hideo Goshas TÖDLICHE SCHATTEN nominiert, gibt seinen Joker schon extrem grumpy, dafür hat er auch nicht allzu viel Text. Für Minako Tanaka war es eine ihrer ersten Filmrollen, sie kam vom (und ging wieder zum) Fernsehen. Ihre Lily ist für eine Nonne schon extrem kaltschnäuzig (und selbst als Pinguin ziemlich sexy), was die Comichaftigkeit des Geschehens schön unterstreicht. Siji Matano kann sich als Bruce nicht wirklich auszeichnen, in den 60 Minuten ist ihm nicht viel Screentime gegönnt. Schnell aus dem Spiel ist der kommende B-Movie Star Riki Takeuchi (DEAD OR ALIVE 1-3, BATTLE ROYALE 2) als Jokers Partner Ahiru. In einer „blink & you miss him“-Rolle kann das Nippon-geübte Auge einen jungen Susumu Terajima erspähen, der später vor allem als Regular bei Takeshi Kitano (u.a. SONATINE, HANA-BI, BROTHER) und Sabu (POSTMAN BLUES, UNLUCKY MONKEY, MONDAY, DRIVE) Bekanntheit erlangte. Eigentlich sind alle Rollen abseits von Joker, Lily und Bruce (eigentlich sogar auch der) eher funktional zu sehen, vor allem eben Kanonenfutter.

Fassung:

Der HD-Print auf der Blu-ray kann sich wirklich hören und sehen lassen. Man darf natürlich nicht vergessen, dass Direct-to-Video ja auch nicht gleich Shot-on-Video bedeutet, das wurde natürlich alles auf 35 mm gefilmt. Toei konnte, mit einigen tausend Videotheken im Rücken, auch mit den nötigen Yen ein gewisses Maß an Qualität sichern. So wurde CRIME HUNTER vorher nicht nur auf VHS, sondern dann später auch als DVD released. Ein Intro vom japanischen Filmkritiker Masaki Tanioka (der jeden Film des Sets in solcher Form vorstellt) ist sehr informativ, genauso der Video-Essay vom Japan-Experten Tom Mes (The Midnight Eye), den dieser aber leider scheinbar mit dem Mikrofon seines Laptops aufgenommen zu haben scheint, denn die Soundqualität ist miserabel. Ein Interview mit Regisseur Shundo Okawa rundet das Ganze perfekt ab.

Fazit:

Als Startschuss für Toeis V-Cinema, wie auch der DTV-Welle im Japan der 90er, ist es nur allzu passend, dass CRIME HUNTER: BULLETS OF RAGE quasi die Pole Position in dieser schönen Box aus dem Hause Arrow Video namens Bullets & Betrayal: V-Cinema Essentials besetzt. Die ganze Angelegenheit präsentiert sich angenehm rasant, angemessen schräg und annehmbar gespielt, sodass der DIY-Stil Okawas quasi als Bonus für jeden Trashfan aufgerechnet werden kann und damit für das Sehvergnügen arbeitet, anstatt dagegen. In der Kürze liegt die Würze, zudem kann man sich über Action-Armut eben nicht gerade beschweren. Wer V-Cinema mag, den erwartet ein kurzweiliges Vergnügen, wer einen Einstieg dazu sucht, ist hier gewiss nicht falsch, auch wenn es in der Folge auch kinematischere Vertreter, wie sicher auch billigere und langweilige Nulpen gab. Das war aber bei westlicher Videothekenware eben auch nicht anders.


BOMBEN-Skala: 6

BIER-Skala: 6


mm
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