Rabid Grannies

 
  • Deutscher Titel: Rabid Grannies
  • Original-Titel: Les mémés cannibales
  •  
  • Regie: Emmanuel Kervyn
  • Land: Belgien/Frankreich/Niederlande
  • Jahr: 1988
  • Darsteller:

    Catherine Aymerie (Helen), Caroline Braeckman (Suzie), Richard Cotica (Gilbert), Danielle Daven (Elizabeth Remington), Patricia Davia (Alice), Robert Du Bois (Ojciec Percival), Florine Elslande (Bertha), Anne-Marie Fox (Victoria Remington)


Vorwort

Der Splatterfilm hat eine lange Geschichte – nicht allzu lang wie vielleicht andere (Sub)Genres, aber dafür auch eine sehr illustre, von Zensur und Indizierung geprägte. Alles begann in den frühen 60er Jahren, um genau zu sein 1963. Während sich in Deutschland harmlose Krimi-Thriller á la Edgar Wallace großer Beliebtheit erfreuten, rührte ein den Trash-Freunden wohlbekannter Werbekünstler aus den USA namens Herschel Gordon Lewis die ersten Gore-Filme für die hungrigen Drive-In Kinos an: BLOOD FEAST (1963) wird im allgemeinen als erster waschechter Splatterfilm gesehen, und markierte eine neue Zäsur in der Filmgeschichte, in Folge derer immer weitere Machwerke entstanden, die die blutdurstigen Kinobesucher schocken sollte. Lewis drehte selbst zahlreiche solcher Werke und es kam so, dass das Kino immer weitergehen konnte. Nach Filmen wie George A Romeros DIE NACHT DER LEBENDEN TOTEN (1968), begann in den 70 er Jahren eine Welle an weiteren Terror- und Splatterfilmen, angeregt durch Wes Cravens DAS LETZTE HAUS LINKS (1972) und Tobe Hoopers berühmt-berüchtigten BLUTGERICHT IN TEXAS (1974), auch wenn diese Werke aus heutiger Sicht geradezu handzahm erscheinen mögen. Doch die Entwicklung war längst nicht mehr aufzuhalten und als die VHS aufkam, stieg die Anzahl derartiger Produktionen rasant. Die Zombiewelle brachte mit Fulcis WOODOO – DIE SCHRECKENSINSEL DER ZOMBIES (1979) oder Romeros DAWN OF THE DEAD (1978) immer blutigere Werke hervor, doch auch eine andere Art von Gewaltorgien kam jetzt auf – Der Funsplatter, der sich selbst nicht ganz so ernst nahm. Und mit diesem Genre ist die Filmschmiede Troma Entertainment ganz besonders verbunden, feierte sie mit „Kultklassikern“ Filmen wie THE TOXIC AVENGER (1984) oder MUTTERTAG (1980) große Erfolge. Und auch die heutige Bewegtbildproduktion wurde seinerseits von Troma vertrieben: RABID GRANNIES aus dem Jahre 1988, oder wie er im Original so schön heißt, les mémés cannibales, ist nicht nur einer der wenigen belgischen Splatterfilme dieser Zeit, sondern auch ein Trashfilm, der es verdient, hier besprochen zu werden. Also, höret die Troma-Fanfare erschallen und begebt euch in den Westen Flanderns!


Inhalt

Nachdem die Trompeten des Troma-Intros abgeklungen sind, werden wir Zeuge, wie sich ein Priester für den Besuch der Geburtstagsfeier seiner lieben Tanten Victoria und Elizabeth freinimmt. Und genau diese alten (und offenbar auch sehr reichen) Schachteln kehren gerade zu ihrem Anwesen zurück, wo die mürrische Kochfrau die erwartete buckelige Verwandtschaft ihrer Herrinnen gegenüber der dusseligen Küchengesellschaft mit der schönen Metapher verdeutlicht, sie wären wie ein totgeborenes Kalb: An der Oberfläche schön weich, darunter gebe es nichts Anderes als von Maden zerfressen Fleisch. Selbst das ganze Dorf weiß es: Die fiese Verwandtschaft kommt nicht, um den beiden alten Damen nett zu gratulieren, sondern um sich einzuschleimen und auf das Erbe zu hoffen.
Und diese reist auch nach und nach an. Da wäre der kompromisslose Waffenfabrikant, der seine Gewehre an die Islamisten, die Chinesen UND den Russen verkaufen will, der fette Umweltschützer hassende Unternehmer und seine einfältige Frau, ein lesbisches Paar, ein langweiliges Ehepaar mit zwei nervigen Bälgern, ein arroganter junger Schnösel und zuletzt noch besagter Priester. Angekommen und, naja, nach herzlichen Begrüßungen folgt auch schon das große Festessen, in dem es darauf angelegt wird, die alten Tanten von seiner eigenen guten Moral zu überzeugen. Doch eine Überraschung gibt es noch: Eine mysteriöse Frau bringt ein Paket vorbei, dass von dem verstoßenen schwarzen Schaf der Familie stammt: Einem Satanisten, der nach einer Feier auf einem Friedhof ins Gefängnis ging, jetzt aber um Vergebung bittet und anbei sogar noch eine schöne Holzschatulle mitgegeben hat. Etwas Qualm kommt heraus, vermengt sich mit den Getränken, die von den Alten sofort geleert werden. Und da kommt, was man von Familienfeiern eben kennt: Die Großmütter (eigentlich ja Tanten, aber egal) mutieren zu blutdürstigen Dämonen, die erst den Kuchen anschneiden, dann aber auch die Gäste.

Besprechung:

Ja, diese Inhaltsbeschreibung, beziehungsweise die gesamte „Story“ und überhaupt die gesamte Aufmachung passt perfekt zu den billigen und aberwitzigen Trashfilmen, die sich Troma Entertainment in den 80 er Jahren in ihr Œuvre einverleibten, also nicht selber produzierten, sondern aufgekauften, um sie auf den florierenden VHS-Markt zu werfen. Dies merkt man dem Film nämlich auch an, denn er ist zwar extrem und sollte offensichtlich nicht ernst genommen werden, aber er ist bei weitem auch kein so cartoon-artiges und völlig übertriebenes Troma-Eigenwerk wie der Toxic Avenger, wo Lloyd Kaufmann und Michael Hertz die Produktion ja noch selbst direkt zu verantworten hatten.

Überhaupt fristet der Film ein Schattendasein und kann sich kaum größerer Bekanntheit erfreuen, selbst in der Filmographie von Troma, und zählt bei IMDB gerade mickrige 1800 Bewertungen (die auf lediglich 4,8 von 10 Sternen kommen). Klar, er ist kein Splatter-Meisterwerk wie BRAINDEAD, der erst 4 Jahre später kam, oder eine Ikone wie BAD TASTE, aber kann sich dennoch mit diesen Werken in eine schöne Splatter-Sammlung einreihen, insofern man die Erwartungen etwas zurückschrauben kann. Wirft man einen genaueren Blick hinter die Kulissen, sieht man, dass zum Größtenteils Amateure am Werk waren. Es ist die einzige Arbeit von Regisseur und Drehbuchautor Emmanuel Kervyn, der ansonsten nur noch als Schauspieler in einem Kampfsportfilm gelistet ist.
Auch die Schauspieler-Riege ist wenig professionell, im Gegensatz zu Kervyn hatten einige wenige noch diverse andere kleine Auftritte in Film und Fernsehen, unsere beiden lieben Großmütter (beziehungsweise ja eigentlich Tanten) traten danach allerdings leider nicht mehr in Erscheinung, ihre Rollen als Kannibalen-Rentnerinnen sollten ihre letzten Rollen werden (insofern sie kein Comeback planen). Hinzu kommt, dass die sich die französisch sprechenden Schauspieler-Laien offenbar schwer mit dem Englischen taten, denn der Film wurde trotz der Herkunft des Teams auf dieser Sprache gedreht, weswegen sich viele der vor der Kamera agierenden ihre Dialoge lediglich über die Töne merkten. Anschließend wurde Nachsynchronisiert. Apropos Synchro: Die Deutsche Synchronisation ist an einigen Stellen zwar eigentümlich und hört sich logischerweise nicht allzu Qualitativ an, schadet dem Unterhaltungswert des Films aber auch nicht.
Insgesamt sollte man also keine Glanzleistungen erwarten, aber die Schauspieler machen ihre Sache den Umständen entsprechend ganz nett und können ihre klischeebehafteten Charaktere in dem Murks mit etwas Witz rüberbringen.

Wichtiger, oder bei sowas hier, am wichtigsten sind dann doch die Splatter-Effekte. Es dauert zwar gut eine halbe Stunde, bis die Omas das Teufelsgeschenk entgegennehmen und dann dementsprechend am Rad drehen, doch bis dahin kann der Film die Laufzeit mit der kurzen Einführung der Charaktere ohnehin passabel überbrücken. Die dann zusehenden Effekte sind zwar billig, aber doch recht effektiv: Es wird gespuckt, geschleimt, und sich verwandelt, und zwar in eine Art Kreatur, die mich an einer Mischung zwischen dem Gingerdead Man und der letzten Vorstufe aus DIE FLIEGE (1986) erinnerte. Die Omis sehen in Aktion also nicht aus wie auf dem Cover, sondern noch viel monströser und bestienartiger, aber die Maske, das Aussehen nach der Verfluchung, ist durchaus gut gelungen. Sie werden also nicht nur schlicht verrückt, sondern geradezu diabolisch böse. Nachdem am Essenstisch also erstmal ein Kopf abgerissen wird, gibt es erstmal eine kurze Pause, denn die anwesenden verschwinden in verschiedensten Räumen und diskutieren erstmal ihre Lage. In der Mitte kommt so also etwas Leerlauf auf, die Effekte sind im Mittelteil etwas weniger gestreut. Gen Ende kommt es aber wieder zu recht harten Szenen, wenn etwa der Dicke, der im Fenster stecken bleibt, hinten regelrecht aufgerissen, oder ein anderer mit einer Axt aufgespießt wird. Garniert wird das Ganze mit ironischen Sprüchen der Großmütter, die dazu ständig am Kichern sind, wenn sie sich am Blut und an den Eingeweiden der Toten laben. An einigen Stellen hätte etwas mehr Einfallsreichtum nicht geschadet, um der Story etwas hinzuzufügen, aber es reicht dennoch aus, um die kurzweilige Laufzeit zu füllen und die Effekte in einen mehr oder weniger sinnvollen Kontext zu setzen. Mit dem Mönch gibt’s zudem noch einige Seitenschläge gegen die Kirche, aber selbstironischer Witz ist nicht vorhanden (aber das war damals ja auch noch nicht so beliebt wie heute).
Die Kamera tut was sie voll und fängt das Massaker entsprechend ein, auch in hektischeren Szenen kann man noch nachvollziehen, was gerade passiert. Teilweise wird’s kreativ, wenn sich die Kamera um 360 Grad dreht, wenn die Mutter die Treppe runterläuft, aber beschweren kann man sich hier nicht. Als musikalischen Beiklang gibt’s gerade zu Anfang einen auffällig vornehmen Score, der die edle Umgebung des Anwesens der Damen unterstreicht.

Das Ganze kam (natürlich) damals als VHS raus, heute gibt’s auch ne Blu-Ray und DVD Combo direkt von Troma selbst zu erstehen. Hierzulande sieht es etwas karger aus, ich selbst besitze die Scheibe von XT-Video in der kleinen zwei-DVD Hartbox, die ich recht günstig auf einer Börse erstand. Die Ausstattung ist ganz gut und obwohl auf der Rückseite darüber informiert wird, dass es von dem Film kaum gutes Material gibt, ist die Bild- und Tonqualität den Umständen entsprechend annehmbar. Als Extras gibt es noch zwei weitere Schnittversionen, diverse Interviews und ein sehr kurzes, aber eher uninteressantes Making-Of, wo’s nicht besonders viel zu sehen gibt.

Fazit:

Insgesamt kann ich für meinen Teil sagen, dass mich der Film gut unterhalten hat. Für das was er ist, ein billiger Troma-Splatter-Quatsch, ist er gut gelungen und Genrefans zu empfehlen, die jetzt nicht das ganz große Splatter-Fest erwarten. Es ist ein sympathisches, nettes Kleinod aus vergangenen Zeiten, geschaffen von einer Amateur-Crew, und dafür mag ich den Film und seine Idee eigentlich. Es ist nicht die Mega-Überraschung, aber der Splatter-Fan sollte für Zwischendurch zufriedengestellt sein.


BOMBEN-Skala: 7

BIER-Skala: 7


mm
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Hubert Farnsworth
Hubert Farnsworth
2. Januar 2023 12:50

Von der Blu-ray aus dem Hause Troma sollte man tunlichst die Finger lassen. Die Qualität ist unterirdisch (u. a. hat man das Bild von 4:3 auf 2,35:1 zurechtgecroppt sowie einen starken Blaufilter eingebaut) und beide enthaltenen Film-Versionen sind geschnitten.