- Original-Titel: The Boy Who Cried Werewolf
- Regie: Nathan Juran
- Land: USA
- Jahr: 1973
- Darsteller:
Kerwin Mathews (Robert Bridgestone)
Elaine Devry (Sandy Bridgestone)
Scott Sealey (Richie Bridgestone)
Robert J. Wilke (Der Sheriff)
Susan Foster (Jenny)
Jack Lucas (Harry)
Bob Homel (Bruder Christopher)
George Gaynes (Dr. Marderosian)
Vorwort
Abt. Von Fabeln, Scheidungs-Dramen & Grindhouse-Horror
Manche Filme können sich einfach nicht entscheiden, welche Richtung sie nehmen sollen, wenn sie an der Kreuzung des Genre-Weges stehen. Gerade in der Zeit des Grindhouse Cinema, in den 70ern, als das Kino zu neuen Ufern aufbrach, aber der B-Film, obzwar gewillt, neue Ufer zu erkunden, in seinem schmal budgetierten Innern noch der vorhersehbaren Formelhaftigkeit erlegen war. EIN JUNGE SCHRIE WERWOLF gehört nicht zu eben genannten B-Filmen, denn irgendwie, irgendwo und irgendwann steckten da wohl doch irgendwelche Ambitionen drin – von Seiten des Autors, der mit der Geschichte ein Scheidungsdrama als Horrorfilm erzählen wollte, das dann noch unterhaltsam; von Seiten eines alten Hasen des Effektekinos, der hier aber ohne eben diese ziemlich aufgeschmissen schien; von Seiten des alternden Stars, der hier stoisch seinen Weg geht, ganz egal, wohin die Geschichte eigentlich steuern will. Und dann gibt es da noch ein nerviges Gör, oh man, wie sehr ich nervige Gören gefressen habe. Natürlich muss auch genau dieses genau im Mittelpunkt der Handlung Platz nehmen, aber das war bei dem Titel schon zu befürchten. Am Ende zählt aber nur, was dabei rumkommt, nicht was ich davor befürchte, es zählt, wie der Werwolf mit dem Schwanz zu wackeln weiß, nicht wie der Nervbolzen von Junge schreit; denn dem glaubt ja ohnehin niemand, oder?
Inhalt
Richie Bridgestone fährt mit seinem Vater Robert auf einen Jagdausflug. Seine Eltern haben sich scheiden lassen, der Bruch in der Familie und dem Leben des Jungen ist noch recht frisch. Er ist alt genug um zu begreifen, dass Vater Robert und Mutter Sandy sich nicht mehr so gut verstanden und die ständigen Streitereien allen dreien das Leben schwer gemacht haben. So wirklich hat sich der Steppke freilich noch nicht mit der neuen Situation abgefunden. Doch treten diese Gedanken schnell in den Hintergrund, als die beiden am Abend im Wald von einem Werwolf angefallen werden. Robert kann den Angriff des Monsters abwehren und einen Abhang herunterstürzen, wo das Biest auf einem Zaun aufgespießt wird. Allerdings trägt der tapfere Mann eine Bisswunde am Arm aus dem Kampf davon. Als der Sheriff dann später den Tatort inspiziert, findet er mitnichten eine haarige Bestie vor, sondern den Körper eines Mannes. Richies Berichte über den heldenhaften Kampf seines Dads mit dem Werwolf finden bei ihm kein Gehör, erst recht nicht, als auch Robert seinen Sohnemann zu dessem Entsetzen verleugnet. Genauso versetzt diese Geschichte im Anschluss auch Mutter Sandy in Sorge, die ihren Ex-Mann dazu drängt, dem Psychologen des Jungen einen Besuch abzustatten, um den Ernst der Lage um die fantasievollen, aber in ihrer Ernsthaftigkeit besorgniserregenden Geschichte ihres Sohnes zu besprechen. Am nächsten Vollmond-Wochenende fährt das Vater-Sohn-Gespann wieder raus zur Jagdhütte und am Abend schickt ein neben sich zu stehen scheinender Robert seinen Jungen weg. Kurz darauf wird Richie dann Zeuge einer Werwolf-Attacke auf einen Truckfahrer an der nahe gelegenen Landstraße. In ihm keimt ein grausiger Verdacht: Ist sein Vater nun auch zu einem Werwolf mutiert? Wird irgendjemand seinen unglaublichen Vermutungen Glauben schenken? Und was werden die gottesfürchtigen und Drogen entsagenden Hippies, die im Wald, sehr zum Missfallen des Sheriffs, ihr Lager aufschlagen mit der ganzen Sache zu tun haben?
Besprechung:
Das ist schon ein komischer Film, der irgendwie zwischen allen Stühlen sitzt. Der Titel EIN JUNGE SCHRIE WERWOLF/THE BOY WHO CRIED WEREWOLF ist natürlich unverkennbar an die berühmte Fabel Der Hirtenjunge und der Wolf bzw. Der Junge, der Wolf schrie angelehnt. Die Tatsache, dass Richie allen von dem Angriff (bzw. später den Angriffen) des Werwolfs erzählen will, aber niemand – weder Gesetzeshüter, noch Psychiater oder selbst seine eigene Mutter – ihm glauben will, steht dabei unumstößlich im Mittelpunkt der Erzählung. Es kristallisiert sich dabei auch schnell ein Bruch in der Beziehung zu seinem Vater heraus, der Richies Geschichte nicht nur wider besseren Wissens dem Sheriff gegenüber als fantastisches Gefasel abtut, sondern im Anschluss seinem Sohn die Wahrhaftigkeit dieses Erlebnisses von Grund auf auszureden sucht (erinnert darin erschreckend dem „Fake News!“-Geblabbel eines bekannten Polit-Clowns mit Atomgewalt). Prompt kippt die Geschichte von EIN JUNGE SCHRIE WERWOLF von einem Horrorfilm in ein Scheidungsdrama. Richie steht hierin relativ ungünstig zwischen den Ehepartnern, die ihn nicht ernstnehmen wollen, vor allem weil sie gerade viel zu sehr mit sich selbst beschäftigt sind. Von nun an wechselt der Film dann auch immer wieder zwischen seinen seichten Horror-Parts mit dem Werwolf und dem eher unausgegorenen Drama um die gescheiterte Liebe der Eltern hin und her, diverse Holprigkeiten in Plot und Pacing sind vorprogrammiert.
Bob Homel, der hier auch den Anführer der Jesus-Hippies gibt, ist als Autor zumindest bemüht, immer wieder ein paar unterhaltsamere Elemente und Szenen mit einzustreuen, doch alleine der Umstand, dass Richie immer und immer wieder auf taube Ohren für seine erschreckenden Entdeckungen stößt, bremst das Ganze unschön aus. Dabei zeigen einige Entwicklungen und Szenen, oder auch mal nur Kleinigkeiten am Rande, dass hier durchaus Potenzial für einen originellen und interessanten Film drinstecken könnte. Die Gespräche mit dem Therapeuten etwa könnten an sich ganz interessant sein, wären sie besser in die Handlung integriert und stringenter ausformuliert. Aber in der vorliegenden Form machen sie mal hü (der Junge verarbeitet die Trennung, indem er sich in Fantastereien flüchtet), mal hott (Therapeut klärt Robert über Ursprung und Wesen der Lykanthropie auf), und am Ende ist der ganze Schabernack nur für einen, zumindest recht lustigen, aber eher am Rande versteckten Gag gut. Etwas daneben wirken auch die Annäherungsversuche Roberts, der es unverhohlen darauf anzulegen scheint, seine Ex wieder in die Kiste zu bekommen (auch wenn sich später herausstellt, dass dies durchaus auf Gegenseitigkeit beruht). Dazu kommt noch, dass der ganzen Geschichte komplett der Sinn für die vergangene Zeit abhanden geht. Denn gefühlt spielt sich das an vielleicht drei hintereinander folgenden Wochenenden ab, dem Mondzyklus nach müssten es aber mindestens zwei ganze Monate sein.
Für den meisten Frohsinn, wie sollte es auch anders sein, sorgen dann auch die Hippies, die ab ungefähr der Hälfte des Films Einzug in die Handlung halten. Zuerst vom Sheriff kritisch beäugt – er durchsucht sogar ein verdächtiges Paket auf einem Beifahrersitz, doch es kommt nur eine Bibel zum Vorschein -, stellen sie sich als die gute Kraft im Kampf gegen Dämonen wie den Werwolf heraus. Auch wenn zwischendurch mal angedeutet wird, dass Bruder Christopher, der seine Schäfchen hierher geführt hat, vielleicht auch nicht gerade festen Glaubens an die göttliche Sache ist (also auch hier erweist sich das Skript als recht wischi-waschi). Schön ist auf jeden Fall die Szene, wenn Familie Bridgestone auf Richies Drängen dort mal anhält, sich Vater Robert aber nicht ins Lager traut, da es mit einem Pentagramm gesegnet ist, das Dämonen austreiben soll. Und ja, das scheint auch wirklich so zu funktionieren, wenn man ihn davor stehend so schwitzen sieht. Sowieso steht EIN JUNGE DER WERWOLF SCHRIE in der zweiten Filmhälfte weit besser dar, da sich nicht nur die Ereignisse zuspitzen (was am Ende natürlich in einen ländlichen Mob auf der Jagd nach dem mörderischen Albtraum aller Friseure gipfelt), sondern eben auch die lustigsten Ideen hier verbraten werden, was zumindest zwischenzeitlich für Frohsinn zu sorgen weiß.
Dem Skript, wie schon gesagt aus der Feder von Darsteller Bob Homel, muss ich schon zugute halten, dass es sich eben der Formelhaftigkeit üblicher Grindhouse-Filme – EIN JUNGE SCHRIE WERWOLF lief als Double Bill mit SSSNAKE KOBRA – zu entziehen suchte; die sah ja eigentlich vor, nach einem stimmungsvollen Beginn im Mittelteil eher vor sich hinzudümpeln, um dann wieder mit einem fulminanten Finale auftrumpfen zu können. Es hat zunächst den Anschein, als ob das auch hier der Fall wäre, doch dann erkennt man die Bemühungen, dem Mittelteil einen gewichtigen Part in der Entwicklung der Geschichte und seiner Figuren einzuräumen. Nur gelingt das eben nicht wirklich gut, und kommt in bewegten Bildern auch ein wenig unbeholfen rüber. Denn der frühere Szenenbildner Nathan A. Juran (1947 Oscar-nominiert für AUF MESSERS SCHNEIDE) konnte mit der Geschichte an sich anscheinend nicht wirklich was anfangen, was sich vor allem tonal niederschlägt. Er versucht tatsächlich die Horror-Parts rein wie ein Horrorfilm, die Anflüge von Scheidungsdrama dann entsprechend ernsthaft umzusetzen – auf die Idee, beides miteinander zu verweben oder die Tonart einer Seite auf die andere zu übertragen, um ein weniger holpriges Ergebnis zu erzielen, ist er scheinbar nicht gekommen. Er war ja eigentlich für seine drei Harryhausen-Filme – DIE BESTIE AUS DEM WELTENRAUM (1957), SINDBADS SIEBENTE REISE (1958) und DIE ERSTE FAHRT ZUM MOND (1964) – sowie den Fantasy-Streifen DER HERRSCHER VON CORNWALL (1962) bekannt, hatte aber auch abseits dessen u.a. mit DAS TODBRINGENDE UNGEHEUER (1957), DIE AUGEN DES SATANS (1957) und ATTACK OF THE 50 FOOT WOMAN (1958) Erfahrung im fantastischen Bereich sammeln können. Allerdings muss man auch bescheinigen, dass die meisten dieser Filme, bezogen auf das menschliche Drama, doch sehr konfliktarm daherkamen. Von der technischen Seite gibt es indes nichts zu beanstanden, das ist alles sauber gefilmt und geschnitten. Auch die Werwolfmasken sehen recht gut aus, das war ja auch noch vor AMERICAN WEREWOLF und DAS TIER (beide 1981).
Mit Kerwin Matthews hatte Juran schon bei SINDBADS SIEBENTE REISE und DER HERRSCHER VON CORNWALL zusammengearbeitet. Sie waren beides alte Hasen im Business, und Matthews nimmt seine Rolle als Vater Robert hier auch sichtbar todernst, was dann auf der anderen Seite bei manchen Szenen (etwa Pentagramm) dann doch unfreiwillig komisch rüberkommt. Sie nahmen beide nach diesem Film Abscheid von der großen Kinoleinwand. Die Rolle von Mutter Sandy ist schon hartes Brot für Elaine Devry, die zwischen Sorge um den Sohn und Schmachten nach dem Ex-Mann keine Nuancen findet, sondern einfach mal übermäßig dick aufträgt. Die starke und erfolgreiche Frau, die sie (in nur einer Szene als Grund für Roberts Minderwertigkeitskomplexe und die anschließende Scheidung mal angeführt) angeblich sein soll, bleibt reine Behauptung. Und eigentlich steht und fällt der Film sowieso mit Sohnemann Richie, der ja eben Dreh- und Angelpunkt der Handlung bleibt. Statt hier die Chance am Schopf zu packen, einen Jungen in ängstlicher Entfremdung von seinem Vater und mit der Unverständnis konfrontierten, überforderten Mutter zu porträtieren, präsentiert sich Scott Sealey zumeist leider nur als Nervbolzen erster Güte. Ich selbst habe ihn nach nur wenigen Minuten gehasst. Die übrigen Rollen mit Robert J. Wilke (tatsächlich eine seiner größten Rollen) als hartnäckigen Sheriff und Bob Homel als Hippie-Prediger, der die komödiantischen Highlights setzt, was nahe legt, dass er sich den Part auf den fülligen Leib geschrieben hat, durchaus passend besetzt.
Fassung:
Anolis Entertainment veröffentlichte EIN JUNGE DER WERWOLF SCHRIE als #6 der Reihe Die 70er im Blu-ray Mediabook. Bild und Ton sind standardmäßig gut, so gut ein solch alter und eher stiefmütterlich behandelter Film es eben hergibt. Die neue deutsche Vertonung klingt im Dialog qualitativ einen Tick besser als die englische Tonspur, ist passend besetzt und durchaus gut anhörbar, auch wenn ich selbst eher zum O-Ton tendiere, der nebenher auch die authentischere Geräuschkulisse aufbietet. Das Booklet von Dr. Rolf Giesen beschäftigt sich nur kurz mit dem Film, dafür dann aber mehr mit Nathan Juran, Kerwin Matthews und den Werwolf-Film an sich.
Fazit:
In den ersten Minuten dachte ich, dass ich mit EIN JUNGE SCHRIE WERWOLF nun überhaupt nicht glücklich werden würde. Gute Freunde werden wir gewiss auch nicht mehr, doch reißt die zweite Hälfte des Films zumindest das Ruder mit einigen guten Ideen und unterhaltsamen Szenen noch rum, um bis zum erwartbaren Finale bei Laune zu halten. Das ist wieder mal so ein Film, der lange im Regal steht, bis dann wieder ein verregneter Sonntag kommt, an dem man genau in seine Richtung greift und vielleicht dann auch erwischt. Eben nichts, dem man entgegen fiebert, sondern ein Film, den man einfach mal mitnehmen kann, gerade wenn man auf Werwolf-Filme und Kerwin Matthews gut kann und einigermaßen schmerzresistent bei nervigen Gören ist.
BOMBEN-Skala: 4
BIER-Skala: 5
Review verfasst am: 25.10.2026