Zwei-Minuten Warnung


  • Deutscher Titel: Zwei-Minuten Warnung
  • Original-Titel: Two-Minute Warning
  •  
  • Regie: Larry Peerce
  • Land: USA
  • Jahr: 1976
  • Darsteller:

    Charlton Heston (Capt. Peter Holly), John Cassavetes (Sgt. Button), Martin Balsam (Sam McKeever), Beau Bridges (Mike Ramsey), Marilyn Hassett (Lucy), David Janssen (Steve), Jack Klugman (Sandman), Gena Rowlands (Janet), Walter Pidgeon (Der Taschendieb), Brock Peters (Paul), David Groh (Al), Mitchell Ryan (Der Priester), Joe Kapp (Charlie Tyler), Pamela Bellwood (Peggy Ramsey), Jon Korkes (Jeffrey), Andy Sidaris (TV-Regisseur), Robert Ginty (Verkäufer)


Vorwort:

Die Wege der filmhistorischen Einordnung mancher Lichtspielwerke sind, wie die von Demdaoben, oft genug unergründlich. ACHTERBAHN, den wir gerade erst vor ein paar Tagen besprochen haben, wird von der Filmkritik zumeist undiskrimierend in den Zyklus der Großen Amerikanischen Katastrophenfilme, also die von Irwin Allen dominierte Phase des US-Kinos gesteckt, in der pro Film ungefähr ein halbes Dutzend Oscar-Preisträger nebst eines supporting casts, für den die meisten Produzenten getötet hätten, zynisch durch das Unglück nach Wahl (Erdbeben, Großfeuer, Schiffsuntergang, Flugzeugabsturz etc.) gekillt wurden – dabei hat ACHTERBAHN weder von der Konzeption noch der Umsetzung (und schon gar nicht dem Cast) her mit der üblichen Disaster-Formel arg viel zu tun – der Film ist vielmehr ein geradezu klassisch Hitchcock-inspirierter Suspensethriller, der eine künstlich herbeigeführte Katastrophe lediglich als Aufhänger und in der Folge als MacGuffin nutzt. Der Film, mit dem wir uns heute beschäftigen werden, ZWEI-MINUTEN WARNUNG von Larry Peerce, wird dagegen meist „nur“ als gewöhnlicher Thriller abgehandelt, obwohl er der Irwin-Allen-Formel beinahe sklavisch folgt – wir haben einen Cast „of millions“ und noch kaum bedeutungsvolle Nebenrollen sind mit bekannten Gesichtern besetzt, inner- und außerhalb der Haupthandlung spielen sich mehr oder wenige mitreißende Charakter-Dramen als Subplots ab, und obwohl die „Katastrophe“ in diesem Fall keine Lawine, kein Vulkan, sondern nur ein einsamer Scharfschütze ist, bricht sie sich schließlich wie eine unaufhaltsame Naturgewalt Bahn. Man kann’s drehen und wenden wie man will – ZWEI-MINUTEN WARNUNG ist ein Katastrophenfilm, wie er im Drehbuch steht…

Inhalt:

Ein wunderschöner Morgen bricht in Kalifornien an und die ersten Frühsportler wagen sich auf ihre Joggingtreter und Fahrräder. In einem Hotel ein paar Meilen außerhalb von L.A. baut ein mysteriöser Mensch (Warren Miller, CAGED HEAT, PHILADELPHIA) sein Präzisionsgewehr zusammen, öffnet das Fenster, legt an und erledigt einen arglos ein paar Blocks weiter strampelnden Fahrradfahrer per Blattschuss. Dann zerlegt er sein Gewehr wieder, packt seine sieben Sachen, checkt aus, besteigt seine Motorkutsche und gondelt gemütlich Richtung Downtown.

Los Angeles ist heute im Football-Fieber – das Endspiel um die nationale Football-Meisterschaft steht an und das ortsansässige Team empfängt die böse Konkurrenz aus Baltimore (wir erkennen zweierlei: die NFL nahm nach Lektüre des Drehbuchs dankend Abstand von einer offiziellen Beteiligung am Film, so dass die namenlosen Teams nicht den „Superbowl“, sondern die „Championship X“ bestreiten, und der Film gibt bereits jetzt jeden Anspruch auf Realitätsbezug auf – wann war zuletzt ein Team aus L.A. auch nur ansatzweise konkurrenzfähig?) – es werden über 90.000 Zuschauer im Coliseum-Stadion erwartet, und Stadionmanager McKeever (Martin Balsam, PSYCHO, DIE ZWÖLF GESCHWORENEN, DIE UNBESTECHLICHEN) ist am Hudeln, denn unter den zahlreichen Ehrengästen, die auf Staatskosten Football kucken und Publicity kassieren wollen, sind nicht nur die Gouvernanten, äh, Gouverneure der beteiligten Bundesstaaten, selbst der Präsident, der eigentlich durch Abwesenheit glänzen wollte, hat’s sich anders überlegt und entschieden, zur Halbzeit vorbeizuschneien. Es MUSS also alles klappen.

Dass alles klappen MUSS, denkt auch Baltimore-Quarterback Charlie Tyler (Real-Life-Football-Hero Joe Kapp, DIE HÄRTESTE MEILE, NEVADA PASS). Von dessen Form und speziell seinem angeschlagenen Knie hängt nach allgemeinem Dafürhalten ab, ob Baltimore eine reelle Titelchance hat. Tyler sucht daher göttlichen Beistand in Form seines alten Uni-Kumpels aus Boston (Mitchell Ryan, LETHAL WEAPON, HALLOWEEN 6, DIRTY HARRY II – CALLAHAN), der mittlerweile als katholischer Priester in L.A. sein Unwesen treibt. Damit das mit dem für den alten Freund beten auch klappt, spendiert Charlie eine Freikarte.

Tylers Knie ist auch von Interesse für Mr. Sandman (Jack Klugman, QUINCY, MÄNNERWIRTSCHAFT), einem engagierten Zocker, der gerade 30 Riesen auf einen knappen Sieg für L.A. gesetzt hat, obwohl die Quoten gerade ob der Kunde, dass Charlies Knie wohl halten soll, zugunsten Baltimores ausfallen. Das könnte er durchaus machen, hätte er nicht ungefähr in gleicher Höhe Schulden bei einem Kredithai ersten Ranges, und der besteht ultimativ auf Rückzahlung bis zum Abend, ansonsten werde Sandman das Fliegen lernen, von einem Hotelzimmerbalkon aus. Sandmans Nervenkostüm ist fürderhin ordentlich angeschlagen.

Aus Baltimore reisen zahlreiche Fans an – so auch das Pärchen-oder-auch-nicht Steve (David Janssen, AUF DER FLUCHT, DIE GRÜNEN TEUFEL, DUELL DER HELIKOPTER) und Janet (Gena Rowlands, MINNIE UND MOSKOWITZ, EINE FRAU UNTER EINFLUSS), die eine etwas seltsame Beziehung pflegen, die hauptsächlich darauf zu beruhen scheint, dass Steve bei jeder denkbaren und undenkbaren Gelegenheit anbringt, dass sie eben KEIN Paar sind. Das Arrangement scheint trotzdem einigermaßen zu funktionieren.

Natürlich bringt auch L.A. Heimfans in Stadion – der gerade seines Arbeitsplatzes verlustig gegangene Familienvater Mike Ramsay (Beau Bridges, DIE FABELHAFTEN BAKER BOYS, MIT DEM WIND NACH WESTEN, DA STEHT DER GANZE FREEWAY KOPF) ist mit Kindern, Kegeln und Ehefrau Peggy (Pamela Bellwood, AIRPORT ´77 – VERSCHOLLEN IM BERMUDA-DREIECK, DENVER-CLAN)) unterwegs, um ganz klassisch vor dem Stadion zu picknicken.

Jeffrey (Jon Korkes, KING KOBRA, SYNGENOR) hat seine Arbeitskollegin Lucy (Marilyn Hassett, DIE KEHRSEITE DER MEDAILLE) eingeladen, offensichtlich in der Hoffnung, ihr im Nachgang des Spiels an die Wäsche gehen zu können, doch Lucy hat primär Augen für ihren Sitznachbarn Al (David Groh, WHITE CARGO, BLACK SCORPION).

Für wiederum andere Leute ist der Game-Day simpel eine erstklassige Gelegenheit zum Geldverdienen, z.B. für den älteren Taschendieb (Walter Pidgeon, ALARM IM WELTALL, UNTERNEHMEN FEUERGÜRTEL) und seine Assistentin (Julie Bridges, DIE GELIEBTE DES PRÄSIDENTEN). Professionelles Interesse anderer Art am Treiben vor allem im Stadion hat Andy (Andy Sidaris, THE BARE WENCH PROJECT, und bekannter als Erfinder des chicks-with-guns-Genre als Regisseur von HARD TICKET TO HAWAII etc., der sich hier quasi selbst spielt, begann er doch seine Regisseurs-Laufbahn in der Tat als Dirigent von Live-Sportübertragungen), der als Regisseur im TV-Truck für gute Fernsehbilder sorgen soll.

Dieweil unser freundlicher Scharfschütze von Nebenan ganz legal mit einer Eintrittskarte in der Hand und einer in zwei Teile zerlegten Präzisonswaffe im Futteral seiner Jacke das Stadion betritt, pestert McKeefer Police-Captain Holly (Charlton Heston, DIRTY HARRY, PLANET DER AFFEN) nach mehr Polizisten, ob der ständig steigenden Anforderungen an die Sicherheit, speziell durch den angekündigten Präsidentenbesuch. Polizisten wachsen aber auch in L.A. nicht auf Palmen und Holly fragt sich zurecht, woher Beamte nehmen wenn nicht jeden Penner von der Straße in eine Uniform stecken, erst recht, wo ein ungeklärter Mordfall aus einem Vorort, bei dem ein Fahrradfahrer von einem Scharfschützengewehr getötet wurde, seiner Aufmerksamkeit bedarf.

Der Sniper denkt nicht daran, den ihm zugeteilten Platz einzunehmen, sondern schleicht sich durch eigentlich verschlossene Pfade in die Eingeweide des Stadions und schließlich und endlich auf den Turm, auf dem acht Jahre später das Olympische Feuer brennen sollte und macht es sich auf der Plattform über der elektronischen Anzeigentafel gemütlich.

Das große Spiel beginnt – und obwohl Charlies Knie seinen Coaches Sorgen macht, fährt die Pass-Offensive Baltimores – zu Sandmans Entsetzen, der aber wenigstens den Priester als Sitznachbarn hat und so wenigstens ein paar Gratis-Gebete abstauben kann – mit der unorganisierten L.A.-Defense Schlitten. Das zahlende Publikum hat noch nicht mal vollständig seine Colas und Hotdogs in den Pfoten, da steht es schon 14:0 für die Gäste. Der erste, dem auffällt, dass etwas nicht stimmt, ist Mike Ramsey – der hat in weiser Voraussicht einen Feldstecher mitgebracht und entdeckt beim ziellosen Herumkucken in einer Spielunterbrechung, dass auf dem Feuer-Tower ein Typ mit Gewehr sitzt. Es dünkt ihm komisch, aber nicht komisch genug, darauf zu reagieren – zumal er mit zwei quengelnden Kids natürlich auch noch andere Sorgen hat (u.a. einem aufdringlichen Merchandising-Verkäufer [Gary Sandy, TROLL]).

Der nächste Blitzmerker sitzt in Form eines der Regieassistenten im Fernsehtruck – der mit einer Kamera ausgestattete Goodyear-Zeppelin filmt zufällig auf die Tower-Plattform und auch der Fernsehfuzzi bemerkt, dass da jemand mit Knarre sitzt. Er allerdings alarmiert McKeever, der wiederum panisch Holly anruft. Holly kreuzt umgehend im Stadion auf und wäre dafür, das Spiel abzubrechen und die Hütte zu evakuieren. Keine sonderlich gute Idee, meint McKeever, denn das würde a) eine Panik auslösen und b) vielleicht den Scharfschützen, der momentan noch keine Anstalten macht, irgendetwas zu tun, gerade erst auf die Idee bringen, um sich zu ballern. Eine Logik, der sich Holly nicht grundsätzlich verschließen kann. Auf eigene Faust handelt dieweil Paul (Brock Peters, JAHR 2022… DIE ÜBERLEBEN WOLLEN, STAR TREK VI – DAS UNENTDECKTE LAND), so etwas wie der oberste Hausmeister des Stadions und auch dafür zuständig, dass der Teil der Anlage, auf dem sich der Sniper gerade rumtreibt, eigentlich für niemanden zugänglich sein sollte. In seinem Berufsethos gekränkt, versucht Paul den Sniper eigenhändig zu stellen. Das ist innerhalb weniger Minuten die zweite miese Idee, denn der Sniper wünscht an seinem Aufenthaltsort keine Gesellschaft und schubst Paul die zwanzig Meter hohe Trittleiter runter. Par-dauz.

Für eins ist dieser Absturz allerdings gut – bislang beging der Sniper streng genommen keine Straftat (dass er der Biker-Killer ist, weiß ja niemand) jenseits von Hausfriedensbruch und damit nichts, was einen Einsatz des LAPD rechtfertigen würde. Jetzt allerdings hat Holly freie Hand. Mit der freien Hand schaltet er ein SWAT-Einsatzkommando ein, denn gewöhnliche Streifenbullen und ähnliches Gesocks dürften mit der Situation und dem Umstand, dass der Schütze 90.000 Geiseln und potentielle Zielscheiben hat, minimal überfordert sein. Und so erscheinen die letzten Puzzlesteine des Mosaiks – SWAT-Sergeant Button (John Cassavetes, DAS DRECKIGE DUTZEND, ROSEMARIES BABY, mal wieder dabei, sich das Budget für zwei-drei ambitionierte Independent-Dramen zu verdienen) und sein Team (u.a. Tom Bower, STIRB LANGSAM 2, Carmen Argenziano, DER PATE 2, ANGEKLAGT, Asher Brauner, SWITCHBLADE SISTERS, SCHATZ DER MONDGÖTTIN, Harry Northup, TAXI DRIVER, ALICE LEBT HIER NICHT MEHR, und Larry Manetti ,MAGNUM, TIME SERVED – HÖLLE HINTER GITTERN).

Das Problem allerdings bleibt – noch tut der Scharfschütze nichts, außer hin und wieder aufzustehen und ein paar Schritte zu machen. Gegen die medizinische Versorgung des gefallenen Paul scheint er auch nichts zu haben, solange man ihm nicht zu nahe kommt. Holly erlaubt deshalb zunächst keinen SWAT-Einsatz, Buttons Männer sollen sich nur postieren. Der Sergeant beordert zwei Teams in die Flutlichtmasten und einen Vertreter in den TV-Truck, der dort die Bewegungen des Scharfschützen beobachten und weitergeben soll. Er selbst und der Rest seiner Leute stehen quasi Gewehr bei Fuß, sobald Holly das OK gibt.

Dieweil es McKeever zumindest gelungen ist, die Präsidentenkolonne aufzuhalten (zu Hollys Missfallen wurde das aber im Radio durchgegeben, was heißt, dass der Sniper, mit einem Weltempfänger ausgerüstet, das jetzt weiß und möglicherweise, so der Präses sein Ziel war, seine Pläne ändert), hat irgendjemand in den Pausentee des L.A.-Teams ein Aufputschmittel gerührt. Die Gastgeber starten eine Aufholjagd – Sandman ist dem Herzinfarkt nahe, während im Baltimore-Fanblock rund um Steve und Janet der Alkoholkonsum steigt und das gegenseitige Anzicken des Sort-of-Paares proportional heftiger wird.

Die Spannung steigt – überall, auf den Tribünen, zwischen den Paaren, im TV-Truck, bei Holly und Button. Die Cops gehen mittlerweile davon aus, dass der Schütze das Spielende und das dabei entstehende Chaos ausnutzen will. Holly gibt daher die Losung aus, dass Button, sobald die Zwei-Minuten-Warnung ertönt (für Nicht-Football-Regelfeste: eben das akustische Zeichen, dass die letzten zwei Spielminuten angebrochen sind), zuschlagen darf…

Ich denke, allein durch meine Evozierung der Irwin-Allen-Formel im Vorwort habe ich schon angedeutet, dass der Film deutlich weniger stringent die Handlung vorantreibt als ich dies in meiner Inhaltsangabe getan habe – getreu der vermutlich erstmals durch AIRPORT etablierten Genreregeln wird die eigentliche Thriller-Handlung in schöner Regelmäßigkeit durch Umschalten in einen der zahlreichen human-interest-Subplots unterbrochen. Man muss also schon damit leben können, dass die privaten Nöte und Sorgen der zahlreichen Nebencharaktere gewichtigen Raum einnehmen, aber das ist ja der Sinn der Übung. Jede Nase, jede Figur in diesem Film ist ein potentielles Opfer, und damit uns, falls und wenn der Sniper tatsächlich den Finger um den Abzug krümmt, diese Menschen nicht egal sind, sondern wir sie kennengelernt haben, wissen, was sie antreibt was für Menschen sie sind, welche Gefühle sie haben, welche Sorgen sie umtreiben. Das ist natürlich emotionale Manipulation, weil diese Figuren in rein dramaturgischer Hinsicht nicht „wichtig“ sind, aber es ist eine für das Funktionieren des Genres essentielle Manipulation ; wir mögen bei Filmen wie „The Day After Tomorrow“ oder „2012“ gemurmelt haben, dass uns die Familiengeschichten nur vom disaster porn abhalten, aber das liegt in diesen Fällen (bzw. bei den meisten modernen Katastrophenfilmen) nicht daran, dass die Idee, human interest-Geschichten in den Kontext einer Katastrophe zu setzen, falsch ist, sondern nur, dass heutigen Autoren offensichtlich bei Todesstrafe verboten ist, andere human-interest-Szenarien als die Wiederherstellung der prototypischen Spielberg-Klischeefamilie aufzubauen. Wenn wir uns ZWEI-MINUTEN WARNUNG ansehen, stellen wir fest, dass genau einer der Subplots (der um Ramsey) diesem Schema entspricht, ansonsten aber durchaus kantige Charaktere (bis hin zu schlicht kriminellen, dem Taschendieb-Paar) gezeigt werden, geradezu, GASP, „echte“ Menschen…

Der human-interest-Stuff erweist sich in diesem Falle sogar als ganz besonders notwendig, denn es dauert schon eine ganze Weile, bis das, was wir als „Hauptplot“ bezeichnen, wirklich in die Gänge kommt. Über weite Strecken tut unsere personifizierte Bedrohung nun wirklich nichts anderes, als auf seiner Aussichtsplattform über der Anzeigentafel herumzuhängen, da und dort mal sein Gewehr über die Brüstung zu halten und es dann wieder abzulegen. Natürlich haben wir Holly und Button, ihre leichten Meinungsverschiedenheiten (Holly ist entgegen Clints Dirty-Harry-Image eher liberal und gegen die Eskalation durch Gewalt, während Button den Sniper prophylaktisch bei erstbester Gelegenheit seiner Rübe verlustig gehen sehen will), die Vorbereitungen des Zugriffs und eine Art „false scare“, als ein Typ, der sich nur das Eintrittsgeld sparen wollte und auf einen Flutlichtmast geklettert ist, als Komplize des Snipers gewertet wird, aber um auf seine 2 Stunden Laufzeit zu kommen, sind die kurzen Vignetten um die verschiedenen Besucher des Spiels eben auch geeignet, ein paar Minuten zu füllen – wie natürlich auch der Fortgang des Spiels an und für sich (die Spielszenen wurden übrigens bei einem College-Spiel mitgeschnitten).

Während der Streifen also grundsätzlich einer etablierten Formel folgt, hat er sicherlich auch einen spirituellen Vorläufer in Peter Bogdanovichs Low-Budget-Wunder „Bewegliche Ziele“ und damit auch einen kleinen modernen Horror-Aspekt, da auch hier „das Böse“ in Form des Snipers keinen Masterplan verfolgt, die Opfer rein zufällig ausgewählt werden und der Antagonist keine spezielle Motivation besitzt – was im Vergleich zu „Bewegliche Ziele“ fehlt, ist der Blick „in den Kopf“ des Snipers – die Rolle ist praktisch dialogfrei, was den Täter ticken lässt, bleibt außen vor (was eben auch zur Disaster-Formel passt und den Sniper zu einer Art unkontrollierbaren Naturgewalt macht) – wir erfahren gerade einmal seinen Namen, aber nicht, was ihn zu seiner killing spree treibt, was psychologisch dahinter steckt – Holly wüsste es gerne, wird’s aber nicht rausbekommen…

Natürlich bleibt der Film auch in seiner langen „Mittelphase“, in der wir eben Hollys und Buttons Pläne und unsere verschiedenen Subplots durchaus spannend, weil auch wir als Zuschauer nie wirklich wissen können, ob und wann der Sniper zuschlagen wird, was er vorhat, wen er aufs Korn nehmen wird… aber richtig die Sau raus lässt der Streifen erst in seinen letzten 20 Minuten. Aber dann…

Ich hau ja gelegentlich auch kurze Reviews auf der Plattform Letterboxd raus (dort in Englisch, weil me being a cosmopolit), und dort habe ich bereits verlauten lassen – die letzten 20 Minuten von ZWEI-MINUTEN WARNUNG gehören zu den erschreckendsten, zupackendsten, im positiven Sinne des Worts schrecklichsten, die ich gesehen habe (vielleicht dadurch verstärkt, dass man, wenn man in den 80ern aufgewachsen ist, die Katastrophen im Heysel-Stadium in Brüssel und im Hillsborugh-Stadion in Sheffield z.T. live mitbekommen hat). Wenn der Sniper tatsächlich anfängt, wahllos in die Zuschauermenge zu schießen und inmitten der mitfiebernden Sportfans plötzlich Menschen tot umfallen und sich naturgemäß eine Massenpanik anschließt, verfehlt das nicht seine Wirkung. Tausende Statisten stürmen in sehr glaubhaft gezeigter totaler Panik und Angst auf das Spielfeld, durch die schmalen Ausgänge, über die Treppen – die Szenen sind so überzeugend in ihrer Drastik, dass sie 1983 für den Anti-Atom-Film „The Day After“ wiederverwendet wurden.

Das Script von Edward Hume („The Day After“) selbst muss gar keine großen Klimmzüge bewältigen – dadurch, dass sich ZWEI-MINUTEN WARNUNG quasi in Echtzeit spielt (wenn überhaupt, dann eher in „verzögerter“ Echtzeit, denn die zweite Halbzeit des Spiels dauert gefühlt etwas zu lang), kann sich Peerce („The Incident“, „Zum Teufel mit der Unschuld“) auf „Beobachten“ beschränken (auch räumlich beschränkt sich der Film nach der Intro-Phase ausschließlich auf den Bereich im und um das Stadion herum). Kameramann Gerald Hirschfeld („Frankenstein Junior“, „Coma“) und das Oscar-nominierte Editoren-Team Walter Hannemann/Eve Newman benötigen keine Mätzchen, der Score von Charles Fox hält sich dezent im Hintergrund.

Die Konzeption als Super-Ensemblefilm bedingt die strukturelle Notwendigkeit des Verzichts auf eine echte durchgängige Hauptfigur (Button steigt nach zwei kurzen „Privat“-Vignetten erst etwa zur Halbzeit richtig in die Handlung ein, Holly kurz zuvor), d.h. es hat auch niemand wirklich die ganz große Gelegenheit, sich schauspielerisch auszuzeichnen. Heston und Cassavetes sind als Alpha-Männchen natürlich eine sichere Bank, wo Cassavetes ist, ist seine Muse Gena Rowlands natürlich nicht weit (hier als David Janssens geplagte Geliebte; Janssen selbst schlägt sich in einer ihm nicht wirklich liegenden Rolle etwas unter Wert). Mitchell Ryan als Priester und Jack Klugman als Spieler am Rande des Nervenzusammenbruchs sorgen für etwas humoristisch angehauchte Auflockerung, Beau Bridges ist auch nicht schlecht als everyman, der am Ende doch noch in den Strudel der Ereignisse gezogen wird. Wer besonders gut aufpasst, entdeckt auch noch „Schinkenbrötchen“ Robert Ginty (DER EXTERMINATOR) als Stadion-Verkäufer...

Die Blu-Ray von Koch Media/Universal lässt bild- und tontechnisch keine Wünsche übrig (die deutsche Synchro ist aufgrund ihrer geringen Fachkunde in Sachen American Football mit Vorsicht zu genießen – die macht z.B. aus Quarterback Charlie Tyler einen „Tief-Verteidiger“. Jessas… ich weiß, Football war 1976 in Europa noch nicht sehr populär, aber man hätte ja jemand fragen können, der sich auskennt). Als Extras gibt’s neben dem Trailer und einer Bildergalerie noch die auf 16 Minuten kondensierte Super-8-Fassung (falls jemand nicht auf den „good stuff“ warten will).

Insgesamt ist ZWEI-MINUTEN WARNUNG ein sehenswerter Beitrag zum 70er-Katastrophenfilm-Zyklus – er nimmt sich vielleicht da und dort etwas zu viel Anleihen bei AIRPORT (was die human-interest-Subplots angeht), vergisst aber seine eigentliche raison d´être nie. Und das Finale… puuuh, dieses Finale…

© 2019 Dr. Acula


BOMBEN-Skala: 7

BIER-Skala: 2


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