Zero Woman: Red Handcuffs


  • Deutscher Titel: Zero Woman: Red Handcuffs
  • Original-Titel: Zero Woman: Red Handcuffs
  • Alternative Titel: Der Tiger von Osaka
  • Regie: Yukio Noda
  • Land: Japan
  • Jahr: 1974
  • Darsteller:

    Miki Sugimoto (Rei), Eiji Go (Yoshihide), Tetsuro Tanba (Nagumo), Hideo Murata (Kusaka), Yoko Mihara (Sesumi), Ichiro Araki, Seiji Endo, Rokko Toura


Vorwort:

Ultraviolence in Japan! Ich hätt’s damals nicht geglaubt, aber Sigue Sigue Sputnik wussten schon, wovon sie, äh, „sangen“.

Ich bin jetzt sicherlich nicht der geeignete Autor, um euch einen historisch fundierten Abriss über das japanische Genrekino an und für sich und den gewalttätigen Crime-Thriller made in Nippon im Besonderen liefern zu können (verdammt, ich bin froh, wenn ich zwei japanische Schauspieler, die ungefähr gleich alt sind, voneinander unterscheiden kann), dafür wendet Ihr Euch am besten vertrauensvoll an den Kollegen Keith Allison von Teleport City, der sowieso nicht unwesentlich dafür verantwortlich ist, dass ich eine ellenlange Liste japanischer 60er-Jahre-Gangsterfilme vor mir her schleppe, die ich wahrscheinlich nie abarbeiten kann und werde. Elender.

Das Problem mit diesem alten Japan-Kram ist, dass er hierzulande schwer erhältlich ist. Fernostfilme jenseits des Martial-Arts- und Horrorgedöns, von dem’s jeder Semiamateurfilm zu einem ordentlichen Release bringt, sind nun mal ein totales Nischenprodukt und wenn man nicht gleich die totale Exploitation-Schiene fährt und sich auf „Female Prisoner Scorpion“ etc. stürzt, kuckt man gern mal in die Röhre. Auch „Zero Woman: Red Handcuffs“ kennt einen offiziellen deutschen Release nur vom Hörensagen, hier aber waren wenigstens die holländischen Kollegen von (Japan) Shock aktiv (Update: Man unterrichtet mich gerade, dass es tatsächlich eine um sieben Minuten gekürzte SPIO/JK-Version unter dem „Tiger von Osaka“-Titel gibt. Danke an David für den Hinweis. Auch wenn ich eine solche Cut-Fassung natürlich aus prinzipiellen Gründen nicht empfehlen möchte :)). Auch die kümmern sich gemeinhin um, äh, extremere Geschichten wie Shogun’s Sadism, wenn also ein „herkömmlicher“ Crime-Film in deren Programm aufscheint, dürfte der nicht ganz ohne spektakulären Blutverlust abgehen… Unsere titelgebende Nullfrau ist die Undercover-Politesse Rei, die gerade dabei ist, einen perversen Sexmörder, der seine Opfer gern auspeitscht und vergewaltigt, bevor er sie umbringt, sich des schicken Namens „Robert Saxon“ bedient und unverschämterweise mit deutschem Reisepass unterwegs ist (auch wenn ich recht zuversichtlich bin, dass wir auch 1974 nicht „Almania“ in unsere amtlichen Ausweisdokumente drucken liessen. Höchstens El-Alamein als Sterbeort, ähmpt), zur Strecke zu bringen.
Unglücklicherweise belässt es Rei nicht bei einer soliden Festnahme, sondern nutzt ihre spezialangefertigten „roten Handschellen“ (wie auch eine rote Spielzeugpistole) als halsumschlingende und -penetrierende Mordwaffe (dass sie Saxon nebenbei noch das Gemächt abschießt, ist eher ein Fall für die „add insult to injury“-Abteilung). Obwohl Japans Bordsteinschwalben nun wieder sicherer streetwalken können, ist man seitens Reis Vorgesetzter eher unleidlich. Augenscheinlich war’s nicht Reis erste Eskapade, bei der sie sich mit rechtsstaatlichen Feinheiten nicht aufgehalten hat und die Chefetage hat die Faxen dicke. Man verfällt auf den Plan, Rei unzeremoniell wegzusperren und den Schlüssel wegzuwerfen – und erfahrungsgemäß sind verknackte Cops auch im Frauengefängnis ungefähr so beliebt wie Scheidenpilz (wenn gleich vermutlich weniger verbreitet, ähmpt-mpt).

Wie’s Leben so spielt, die eine kommt, der andere geht. Aus dem Männerknast wird entlassen, äh… also… naja… ich weiß ehrlich nicht, wie der Bursche heißt, obwohl er eine der absoluten Hauptfiguren in dem Film ist. Sei’s drum. Jedenfalls ist der aus staatlichem Logis freigewordene Knabe Oberhaupt einer überschaubar kompetenten Bande halbhirnamputierter Vollpfosten. Da keiner von den Burschen so etwas wie einen Charakternamen hat, den ich mitbekommen habe, nenne ich die Maestros Chef (der eben grad Entlassene), Tiger (unter Maßgabe seiner Jeansjacke mit lausigem Tiger-Backpatch, der dem Streifen vermutlich seinen damaligen deutschen Kino-Titel eingebracht hat), Brillenschlange, Perverso (worauf wir noch kommen werden) und Chefs kleiner Bruder. Wenn die Burschen nach Daltons kommen, dann nach denen aus „Lucky Luke“. Dementsprechend reicht ihr krimineller Geschäftsplan auch nur für Nummer wie „halbwegs attraktive Frauenzimmer an romantischen Gegenden am Ende der Welt (wie hier den Ausläufern des Hafens von Osaka) aus Autos zerren und gangbangen, bis die Schwarte kracht“. Auch Chefs kleiner Bruder soll, ungeachtet der Tatsache, dass das Bewusstsein des Vergewaltigungsopfers sich schon nach Besteiger #3 sinnvollerweise empfohlen hat, seinen jungfräulichen Schniedel in das Mädel stecken. Deren zuvor k.o. geschlagener Liebhaber hat, kaum wieder bei Sinnen, die dusslige Idee, den Helden zu spielen, und wird gemördert. „Das kann schon mal vorkommen“, brummt Chef seinen Untergebenen, die ’nen kleinen Mord unter Freunden nicht auf der Rechnung hatten, zu. Dann wird die bewusstlose Schnalle abgeschleppt, denn die Tussi kann man ja noch gewinnbringend an ein Freudenhaus verticken und zufälligerweise ist Chefs Schwester/Cousine/Whatever Sesumi Oberhäuptin eines solchen.

Und im Gegensatz zu den fünf Freunden zumindest soweit im Besitz einer funktionierenden Denkmurmel, als ihr die Visage ihres Neuzugangs (den man sich wohl mit Drogen gefügig halten will) mächtig bekannt vorkommt. Und in der Tat – Chef und die seinen haben nicht irgendeine 08/15-Schlampe flachgelegt und entführt, sondern Kyoko, das Töchterchen des einflussreichen und wichtigen Politikers Nagumo (oder so). Da blinkt der Bande doch kollektiv das Yen-Zeichen in den Augen…

Nagumo ist ob Entführung und Lösegeldforderung über 30 Millionen Yen (hört sich viel an, ist auch nicht wenig, aber jetzt auch keine exorbitante Summe) not amused. Wie üblich bei Politikern steht die ein oder andere Wahl an und einen Skandal kann der Herr, der offensichtlich noch nie was vom Konzept der „Mitleidsstimmen“ gehört hat, grad absolut nicht brauchen. Die Sache darf daher nicht an die Öffentlichkeit, die Cops mögen doch bitte mit absoluter Diskrepanz, äh, Diskretion vorgehen und ganz besonders fein wäre es, wenn von den Entführern am Ende der Aktion möglichst keiner mehr was zu der ganzen Angelegenheit mehr sagen könnte, weil tot, dann wäre das Nagumo ausgesprochen recht und billig, selbst wenn die Polizei den gesicherten Boden legalen Vorgehens hierzu geflissentilch verlassen müsste. Das ist nun der Punkt, an dem sich Reis Ex-Vorgesetzter an die Verknackte erinnert…

Und so unterbreitet er das unmoralische Angebot – nimmt Rei den Job an, könnte ihre Akte ja zufällig hinter irgendein Regal fallen und verstauben, und überhaupt, eine Geschlechtsgenossin zu retten, müsste ja genau ihr Ding sein. Rei ist sich vollkommen darüber klar, dass hier politische Intrigen laufen und solche für den einführenden Exekutivschergen noch selten gut ausgegangen sind. Nach einer ausufernden diesbezüglichen Predigt (die zu übersetzen sich die Untertitelmacher mal elegant gespart haben) akzeptiert sie dennoch.

Und sorgt in ihrem roten Ledermantel wenig später dafür, dass Chef beim ersten Versuch einer Lösegeldübergabe den ziemlich aufdringlichen Polizeihäschern entkommen kann – sie geht ziemlich rabiat vor und schlitzt den armen Cops mit ihrem Messerchen die Wangen auf. Dies natürlich deshalb, um gemeinsam mit Chef zu entkommen und erfolgreich dessen Hideout, Sesumis Freudentempel, zu infiltrieren. Dort stellt die Bande des Schreckens erst mal fest, dass die Cops sie lösegeldtechnisch gelinkt und mit den berühmten sprichwörtlichen Zeitungsschnipseln abgespeist hat. Und in einem ungeahnten Anfall von Ratio kommt es Perverso und Brillenschlumpf spanisch vor, dass rein zufällig eine arschtretende Kampfbraut zur Stelle war, um Chef aus der Bredouille zu helfen. Der allerdings hat für heute genug gesehen und haut sich aufs Ohr.
Perverso, Tiger und Brillenschlange nutzen die günstige Gelegenheit, um Rei auszuziehen, zu fesseln, auszupeitschen (hauptsächlich Perverso steht da drauf) und zünftig zu vergewaltigen. Rei lässt dies stoisch über sich ergehen – Verwertbares über ihre etwaige Copidentität ermitteln Perverso & Co. jedenfalls nicht. Das versucht aber dafür Sesumi, die mit dem geübten Blick einer Puffmutter längst betriffen hat, auf welcher Seite Reis Brötchen gebuttert wird, und versucht, für Chef vorgeblich durch lesbische Avancen Reis Loyalitäten abzuklopfen, einen Deal herauszuschlagen. Sie möchte nicht mehr als das ausgemachte Lösegeld behalten. Rei zieht ihr aus der Nase, dass die Entführungsnoobs ihr Opfer tatsächlich im Haus in einem Schrank verstecken und bringt sie anschließend um. Soviel zum Deal.

Erstaunlicherweise ist diese Zurschaustellung des Mordbrennertums genug für die Jungs, Rei wieder als vertrauenswürdig zu behandeln. Und Rei übernimmt gleich mal die intellektuelle Leitung – ’ne 30-Mio-Lösegeldforderung für so eine Schnalle nimmt doch keiner ernst – hundert Milliönchen müsste man schon verlangen. Chef tut wie ihm geheißen – Brillenschlange wird zur Übergabe abkommandiert, doch anstatt eines Manns mit dem Geldkoffer erwartet ihn eine halbe Armee, die sich als Angestellte von Nagumo ausgeben und ersichtlich wenig Interesse an einer gewaltfreien Lösung haben. Natürlich sind’s Bullen und die exekutieren Brillenschlange, dem dazu auch nicht mehr einfällt als ein „ihr seid auch nicht besser als wir“ (naja, sie *hätten* ihn vorher noch tüchtig rapen können…).
Da Brille gleich an Ort und Stelle verbuddelt wird, schürt dies beim Rest der Bande heftiges Misstrauen, zumal Nagumo auf Anfrage kurz angebunden verkündet, seinen Teil des Deals gehalten zu haben. Ob Brillo mit der Asche stiften gegangen ist?

Diesbezügliche Überlegungen müssen aber zurückgestellt werden, denn aus dem Hinterhaus dringt verdächtiger Lärm ans Ohr des Chefs. Zu seinem tiefsten Leidwesen muss er feststellen, dass sein eigen Fleisch und Blut ihn hintergeht. Chefs kleiner Bruder hat versucht, Kyoko, an der einen kleineren Narren gefressen hat (und die zumindest realisiert, dass C.k.B. nicht auf der gleichen Abschaumsstufe steht wie der Rest der Gang), zur Flucht zu verhelfen. Chef reagiert ungehalten und verprügelt den Babybruder so heftig, dass selbst Perverso mulmig wird. Tatsächlich geht Chef kurz in sich, kontempliert die Familiengeschichte, greift sich dann eine Flasche und schlägt damit seinem Brüderchen den Schädel ein. C.k.B. verscheidet unter Zuckungen, Kyoko ist hysterisch und wird von Tiger wieder mit Drogen ruhiggestellt. Chef bekommt erwartungsgemäß drei Sekunden nach dem Mord an seinem Bruder seinen moralischen, heult dem Erschlagenen dekorativ in den bluttriefenden Skalp und befiehlt dann, die Zelte abzubrechen. Mit einer nur noch vom Rost und shintoistischen Gebeten zusammengehaltenen Schrottmühle flüchten Chef, Perverso, Tiger, Rei und die Geisel, ohne zu ahnen, dass die Polizei sie längst auf Schritt, Tritt und Reifenbreite beschattet.

Das Problem: Chefs sowieso bestenfalls auf Halbmast wedelnder Verstand hat nun endgültig winke-winke gemacht. Beim gemeinsamen an-den-Zaun-Pinkeln der Herren der Schöpfung erspäht Chef eine Schauspielschule o.ä., in der ein kaukasischer Lehrer mehr oder weniger (mehr weniger) erfolgreich versucht, einer japanischen Elevin „Romeo und Julia“ (und speziell, dass es nicht „Lomeo“ heißt) einzutrichtern. Da die Schauspielschülerinnen jung + knackig sind, wird der ganze Verein in Beschlag genommen. Was versucht, sich zu wehren, wird niedergeprügelt, ansonsten wird jetzt auch von Chef mit Wonne die strippen + fesseln + auspeitschen-Nummer durchgezogen. Perverso reicht’s (vielleicht ist er auch nur sauer ob der billigen Nachahmung), er versucht, Rei gewaltsam zu knattern (deren Position im Gang-Gefüge unklar bleibt – ist sie Komplizin, geduldete Mitwisserin oder doch Gefangene?), doch die setzt ihm erfolgreich den Floh ins Ohr, dass Chef mittlerweile so durchgeknallt ist, dass die ganze Sache nur noch beschissen enden kann und es für Perverso daher erheblich gesünder wäre, würde er sich vom Acker machen, so lange es noch geht. Perverso stellt seinen Samenüberdruck tatsächlich hinter den Überlebenswillen und büxt aus, natürlich geradewegs in die Arme der Cops, die die Schule längst umringt haben.

Zu Perversos persönlichem Pech befiehlt Nagumo unmissverständlich, dass alles an Informationen aus ihm herausgepresst werden soll, was geht, und das unter Einsatz sämtlicher nicht erlaubten Mittel. Perverso wird mit Schraubstöcken, in denen seine Hände zerquetscht werden, Schweißbrenner und Wasserfolter traktiert, ist aber dennoch geistesgegenwärtig genug, seine (jetzt kaputten) Hände in Unschuld zu waschen und Vergewaltigungen, Auspeitschungen und Drogeninjektionen auf die werten Komplizen zu schieben. Wider Erwarten wird Perverso nicht gekillt, sondern als „Spion“ zurück in die Schauspielschule geschickt. Man hat ihm aber auch mit auf den Weg gegeben, dass Rei für die vorgeblich Guten spielt und so schenkt er ihr seine Story der zukünftigen Zusammenarbeit brühwarm ein. Leider scheint die schwere Folter sein peripheres Sehvermögen heftigst eingeschränkt zu haben, denn dass Tiger und Chef sprichwörtlich neben bzw. hinter ihm stehen. Rechtfertigungsversuche und blame-shifting in Richtung Rei fallen auf taube Ohren. Chef legt Perverso per Schrotflintenladung in die Plauze um und bläst ansonsten wiederum zum Aufbruch, nicht allerdings, bevor Reis Habseligkeiten untersucht und Tiger die bewussten roten Handschellen findet. Die benutzt Chef jetzt als Hundeleine für Rei (die muss ’nen schmalen Hals haben). Das Haus wird angezündet (und die weiteren Geiseln verbrennen, ohne dass es Freund oder Feind stört…).

Man braust vom Hof und Chef erledigt bei der Gelegenheit noch einen nachballernden Cop mit Blattschuss. Wie üblich – jetzt, wo sich herausstellt, dass der Gegner sich möglicherweise doch wehrt, werden die Kollegen des Entleibten sauer und stellen fest, dass das doch alles keine anständige Polizeiarbeit mehr usw. usf. Reis Vorgesetzter wird zu Nagumo zitiert und der überrascht mit einem kaltherzigen Beschluss. War er zuvor noch der Ansicht, dass Kyoko, durch die Zwangsbedrogung nun zweifellos Junkie, irgendwo in einer amerikanischen Anstalt bei Leuten, die selbst „shit to cover up“ haben, verklappt werden sollte, ist es seiner Ansicht nach jetzt, wo ein Bulle hin ist, nur noch möglich, die Chose zu vertuschen, wenn Kyoko bei der Zugriffsaktion… äh… einen kleinen Unfall erleiden könnte. Dafür möge Reis Vorgesetzter doch bitteschön sorgen.
Mit der unausgesprochenen, nichtsdestoweniger unmissverständlichen Drohung, dass im Versagensfalle seppuko die einzige Form der Entschuldigung sein dürfte, im Kreuz macht sich Reis Chef mit zwei Getreuen auf die Verfolgung. Die wilde Jagd bringt die namenlosen Bullen ins frühe Grab, Reis Vorgesetzter verfolgt Gangster und Geiseln auf ein verlassenes amerikanische Kasernengelände, wo sich der Showdown entfalten kann…

Ihr wollt wissen, wie’s ausgeht? Na, meinetwegen. Tiger bezieht Posten auf einem Wachtturm etc. und wird, just, als er Reis Chef mit einem Messer spickt, von jenem erschossen. Dabei hatte Reis Vorgesetzter eh schon eine Schrotladung in die Schulter abbekommen. Chef jagt ihn dann noch mitsamt seiner Polizeischüssel in die Luft. Jetzt erinnert sich Rei daran, dass sie streng genommen die Hauptfigur des Films ist, kämpft Chef nieder, befreit Kyoko und lässt ihren schwer verbrutzelten Vorgesetzten mit ein paar netten Worten zum Sterben liegen, ehe sie Kyoko zur Presse fährt, damit sie die Sache an die Öffentichkeit bringt und die politische Karriere ihres Vaters vernichtet…

Inhalt:

Wöff. Man muss sich immer wieder vor Augen halten, dass die klassischen japanischen Exploitation-Filme nicht von Yoshi Koshi in der Garage realisiert wurden, sondern die amtlichen großen Studios hier ihre jungen Wilden werkeln ließen – „Zero Woman: Red Handcuffs“ wurde von den altehrwürdigen Toei Studios (13 Assassins) auf die Beine gestellt, die keine Probleme damit hatten, ihr Geld mit pinkus oder „Kamen Rider“ zu verdienen. Yukio Noda führte Regie, Fumio Konami und Hiro Matsuda („Sternenkrieg im Weltall“) adaptierten den Manga von Tooru Shihorara (der neben dem „Zero Woman“-Manga auch die berühmtere „Female Convict Scorpion“-Reihe auf dem Kerbholz hat).

Bei diesen ultragewalttätigen Thrillern kommt vieles zusammen – die Faszination vieler junger japanischer Regisseure für die französische nouvelle vague, die traditionelle japanische Hassliebe für westliche Popkultur und Einflüsse (dass der Sexmörder im cold open westlicher Ausländer ist, ist wohl ebensowenig Zufall wie der Showdown auf einem verlassenen US-Gelände), die Möglichkeiten, die sich den jungen Rebellen bot, quasi „unter dem Radar“ des rigiden japanischen Studiosystems mehr oder weniger machen zu können, was man wollte, solange es Kasse machte und nicht viel kostete. Da konnte man dann als Regisseur oder Autor sogar die Obrigkeitshörigkeit der Gesellschaft, in der ein Politiker die Polizei als sein persönliches Killerkommando missbrauchen kann, auf’s Korn nehmen.

Die Welt im japanischen Gangsterfilm ab, naja, Mitte der 60er, war selten eine sonderlich fröhliche, aber soviel abgebrühten nihilstischen Zynismus (oder zynischen Nihilismus, ganz nach Gusto), wie „Red Handcuffs“ ausstrahlt, ist schwer verdaulich. Sympathische Figuren? Da muss man suchen… eigentlich ist jede Figur in diesem Film entweder böse, amoralisch oder korrumpiert. Selbst Kyoko, das Entführungsopfer, wird am Ende des Films von Rei quasi gezwungen, zur Presse zu gehen – womit sie im Sinne der traditionellen japanischen Wertegesellschaft natürlich ihre Familie entehrt; Chefs kleiner Bruder ist noch am ehesten eine „positive“ Figur, aber er ist dennoch, auch wenn er im Endeffekt an der Gruppenvergewaltigung nicht teilnimmt – weil Kyokos Lover sich einmischt – und versucht, ihr die Gefangenschaft einigermaßen erträglich zu gestalten und ihre Flucht ermöglichen will, ein freiwilliges Mitglied der Bande, das nicht völlig exkulpiert werden kann.
Chef (könnte den Credits nach „Yoshihide“ sein) und Nagumo sind letztlich zwei Seiten einer Medaille – der des Bösen schlechthin. Nagumo ist der Vertreter des organisierten, mechanisierten, berechnend-„kalten“ Bösen, Yoshihide der Böse des „Chaos“, hoffnungslos überfordert in einer Situation, die für ihn mindestens drei Nummern zu groß ist, alles andere als berechnend, aber nicht minder gefährlich. Seine Komplizen sind kaum mehr als Metaphern (der wortkarge, offensichtlich an Italo-Western-Antihelden orientierte Tiger, der hysterische Brille und der sexuell „abartige“ Perverso, der aber wieder in manchen Dingen als der „normalste“ erscheint).

Tja, und Rei – sie ist dieses amoralische Wesen, das hauptsächlich darauf wartet, bis sich ihre Gegner gegenseitig umgebracht haben. Rei ist erstaunlich passiv – nachdem sie Sesumi umbringt, greift sie aktiv erst wieder im Showdown ein, nachdem nur noch sie und Yoshihide übrig sind! Und es ist nicht so, als hätte sie zuvor keine Gelegenheit gehabt, ein paar Bandenmitglieder zu töten (schließlich ist sie ebenso skrupellos und kampftechnisch zweifellos allen anderen Charakteren überlegen), aber sie zieht es vor, abzuwarten, nimmt ohne weiteres in Kauf, dass Kyoko weiter misshandelt wird (von den Geiseln in der Schauspielschule, die völlig unschuldig sterben, mal ganz abgesehen. Die hätten aber auch von den Cops gerettet werden können) – Menschenfreundlichkeit ist was anderes (vielleicht ist sie aber auch masochistisch veranlagt – sie lässt sich mehrmals im Filmverlauf tüchtig vermöbeln). Immerhin ist Rei die einzige, die tatsächlich etwas „gewinnt“, ihre Freiheit, aber der bis dahin aufgetürmte Kollateralschaden verbietet es eigentlich, auch nur von einem moralischen Sieg des Zero Woman zu reden.

Bei all diesem Zynismus und den ausgewalzten Gewalttätigkeiten vom Bloodshed, wie’s John Woo nicht schöner hingekriegt hätte (oder Peckinpah, um eher im Zeitgeist zu bleiben), drängt sich mir eine obskure Querverbindung auf – ungefähr zur gleichen Zeit drehte Wes Craven für’n Appel und ´Ei The Last House on the Left, einen Film, der auf Seiten der nominellen Antagonisten nicht nur eine ähnliche Gruppendynamik aufbaute (von der Krug-Company zur Yoshihide-Gang muss man nicht viele Abzweigungen nehmen, nur dass sich das bei den Japanern auf mehr Köpfe verteilt), sondern auch aufzeigte, dass das „Gute“ unter Umständen willens ist, die Gewalttätigkeiten der „Bösen“ qualitativ zu erreichen oder sogar zu übertreffen.
Wo aber Craven eine klare, biblische Moral postuliert („um die Brutalität der Bösen zu bezwingen, müssen wir eben noch brutaler werden“; eine Weltsicht, die der damalige deutsche Verleih mit seinem naiv-debilen Titel „Mondo Brutale“ auf einfältige Weise noch unterstrich), ist Noda da deutlich wertneutraler (wenn man so will, kommt er eher nach Michael Reeves‘ nihilistischer Weltsicht aus Witchfinder General). Er beobachtet, er bildet ab, er stellt fest, aber er behauptet nie, dass das so in Ordnung wäre – ganz im Gegenteil. Im Noda’schen Weltbild gibt es schlicht kein „Gut“ und „Böse“, alle sind in unterschiedlichem Maße böse und die, die an und für sich „gut“ sein sollten, sind es deswegen noch lange nicht. Deswegen gibt es keine heroischen Akte – auch nicht auf Seiten der Polizei oder bei Rei. Der Tod ist hässlich und qualvoll, egal, wen es trifft, ähnlich wie im nihilistischen Spätwestern Leise weht der Wind des Todes (auch wenn Rei Yoshihide umbringt, ist das kein sonderlich heldenhafter oder glorioser Moment), die Sexszenen kommen ohne jede erotisierende Ästhetik aus, und die Folter des Bösewichts Perverso ist, obschon die ganz großen graphischen Exzesse ausbleiben (bzw. außerhalb des Bildausschnitts gehalten werden), viel unangenehmer anzusehen als jeder Torture Porn, den ein Wichtelhirn wie Eli Roth sich ausdenken könnte.

Filmisch brennt trotz des geringen Budgets nichts an – abgesehen vielleicht von den Nasen, die uns mit den neuen billigen japanischen Semiamateurgoreheulern beglücken, gibt’s keinen japanischen Regisseur, der nicht mit gewisser panache vorgehen würde, der nicht stylish inszenieren könnte, wenn es sich anbietet. Noda arbeitet viel mit dutch angles, also gekippten Kameraeinstellungen, die oft und gerne auch die Machtverhältnisse in der entsprechenden Szene unterstreichen. Wie anhand des Titels (und auch des Inhalts…) unschwer zu erraten, ist die Farbe Rot ein stets wiederkehrendes leitmotif, nicht nur, was Reis Kleidung und Accessoires angeht, sondern natürlich auch die knackig-knalligen und ultrabrutalen Bluteffekte (jugendfrei ist der Film gewiss nicht).
Ein interessantes Stilmittel sind die rasanten Standbildflashbacks, die Noda immer dann einsetzt, wenn Yoshihide sein verkorkstes Leben reflektiert (quasi ein umgekehrte Stilmittel zu Tom Tykwers Standbild-Flashforwards in „Lola rennt“).
Das Pacing ist ein ausgesprochen hurtiges – selbst wenn in einer Szene mal ausnahmsweise niemand ermordet, vergewaltigt oder gefoltert wird, tut sich immer etwas für die Story relevantes, Atempausen gibt’s kaum (viel mehr als 85 Minuten läuft die Chose dann netto auch nicht).

Der Score ist nicht ganz von der lässig-beschwingten Sorte, wie ich sie eigentlich erwartet hatte – vielmehr wird Musik eher akzentuiert eingesetzt und gerade in Verfolgungsszenen, bei denen man hollywoodbelastet „spannende Musik“ erwartet, gern komplett auf musikalische Untermalung verzichtet.

Angesichts der für mich recht unklaren Credit-Situation (wie gesagt, bis auf Miki Sugimoto rate ich, wer hier wer ist), ist meine Schauspielerkritik eher allgemeiner Natur. Sugimoto selbst spielt Rei als emotionslosen Eisklotz, die selbst, wenn sie vergewaltigt wird, freiwillig keinen Mundwinkel verzieht. Irgendein Problem damit sich auszuziehen hat sie jedenfalls nicht (und das ist in der Tat ein erfreulicher Anblick).
Für asiatische Verhältnisse ist auch der Rest-Cast recht zurückgenommen – das wilde Herumgefuchtel und –geschreie, das man in der fernöstlichen Filmsprache gerne als angemessene Ausdrucksweise, gerade in Actionfilmen und Thrillern, betrachtet, wird hier auf ein sozialverträgliches Mindestmaß zurechtgestutzt. Anfällig dafür sind höchstens die Darsteller von Brillenschlange und in geringerem Umfang Perverso, der Yoshihide-Akteur hat sich bis auf ein-zwei Segmente im Umfeld des Brudermords auch weitgehend im Griff. Tetsuro Tanba (den kann ich auch zweifelsfrei zuordnen), obwohl nur meist irgendwo finsteren Blickes sitzend, agiert angemessen verachtenswert.

Die DVD aus dem Hause Japan Shock ist nicht mehr ganz neu – im Schuber findet sich ein Amaray mit zwei Discs, auf Disc 1 findet sich der Film in seiner japanischen Originalfassung mit deutschen, englischen und holländischen Untertiteln sowie eine knappe Trailershow, auf Disc 2 gibt’s die ungekürzte deutsch synchronisierte Version. Beide Versionen bedienen sich eines durchaus ordentlichen 2.35:1-Prints (non-anamorph), der sich auch auf einem großen Flatscreen ziemlich bedenkenlos aufblasen lässt. Die Kompression ist allerdings eher mäßig (was auch die vergleichsweise unspektakuläre Screenshotauswahl erklärt).

Der japanische O-Ton ist brauchbar, im Gegensatz zu den Untertiteln, die in allen drei Sprachvarianten nur das übersetzen, was der jeweilige Übersetzer offenkundig als zwingend notwendige Mindestexposition betrachtete – mitunter quasseln sich die Charaktere on-screen um Kopf und Kragen, ohne dass einer der drei Subtitle-Spuren dazu etwas übersetzbares einfallen würde; es macht den Film nicht unverständlich, aber es ist sehr ärgerlich, zumal zumindest die englische Untertitelspur (die deutschen Subs kleben offensichtlich an der ohrenscheinlich öfters dummschwätzenden Synchro) auch mit vielen lästigen orthographischen Fehlern brilliert.

Als Extras gibt’s vier Trailer – den für „Zero Woman“, dazu die für „Yakuza’s Law“, „Joy of Torture“ und „Shogun’s Sadism“. Ein zusätzliches Gutzi sind vier Hochglanz-Aushangfoto-Postkarten.

Summa summarum… ich weiß mal wieder nicht so recht, ähnlich wie damals bei „Witchfinder General“, ob ich „Zero Woman: Red Handcuffs“ als „gute Unterhaltung“ klassifizieren möchte. Das kommt wohl drauf an, ob man’s auch als „gute Unterhaltung“ empfindet, wenn man einen soliden Leberhaken verpasst bekommt. Fest steht: „Zero Woman“ ist rasant, spannend, brutal sowohl an offener Gewalt als auch an psychologischer Wirkung – und damit sicherlich ausgesprochen sehenswert, so man Blutverlust und nackte Haut nicht nur als Selbstzweck begreift.

4/5
(c) 2013 Dr. Acula


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