Voodoo Child


  • Deutscher Titel: Voodoo Child
  • Original-Titel: The Dunwich Horror
  • Alternative Titel: The Terror of Dunwich
  • Regie: Daniel Haller
  • Land: USA
  • Jahr: 1970
  • Darsteller:

    Sandra Dee (Nancy Wagner), Dean Stockwell (Wilbur Whateley), Ed Begley (Dr. Henry Armitage), Lloyd Bochner (Dr. Cory), Sam Jaffe (Old Whateley), Joanne Moore Jordan (Lavinia Whateley), Donna Baccala (Elizabeth Hamilton), Talia Shire (Nurse Cora)


Vorwort:

Dr. Henry Armitage (Ed Begley, THE MONITORS, DIE ZWÖLF GESCHWORENEN) ist der führende Experte für Hexerei und Okkultes an der Miskatonic University von Arkham, und wie nicht anders zu erwarten ist sein größter Schatz und Augenstern die nach aller Kenntnis letzte vollständige Ausgabe des Necronomicon, der führenden Bibel in Sachen okkulte Beschwörungsformeln und Riten, die ein Möchtegern-Hexenmeister sich wünschen könnte. Armitage ist natürlich keiner von der Sorte, sondern ist nur auf wissenschaftlicher Basis an dem Schmöker interessiert, und natürlich um seinen Studenten eindrucksvolle Vorlesungen halten zu können. Nach einer solchen beauftragt er seine Lieblingsstudentin Nancy Wagner (Sandra Dee, SOLANGE ES MENSCHEN GIBT, LAND OHNE MÄNNER) mit dem sachgemäßen Verstauen des Buchs in der Uni-Bibliothek. Zwischen dem gesicherten Schaukasten und dem Buch steht allerdings ein junger Bursche namens Wilbur Whateley (Dean Stockwell, ZURÜCK IN DIE VERGANGENHEIT, PARIS, TEXAS), der zu Protokoll gibt, eine lange Zugfahrt auf sich genommen zu haben, um mal einen Blick in das stolze Werk werfen können zu dürfen. Sein Interesse ist praktisch familiär geprägt, denn sein Großvater, Orin Whateley, war seines Zeichens einer der bewussten Möchtegern-Hexenmeister und hatte selbst mal ein Exemplar, nur leider ist das nicht mehr vollständig. Ein Blick in die treuen Augen des jungen Mannes überzeugt Nancy von der Harmlosigkeit des Besuchers, und so autorisiert sie kraft ihrer Wassersuppe die Lesestunde.

Dr. Armitage ist erwartungsgemäß nicht sonderlich erfreut, als er feststellt, dass ein hergelaufener Hanswurst im kostbarsten Besitz der Universität herumblättert, vermutlich Eselsohren in die Seiten knickt und vielleicht noch ein paar Notizen in die Seitenränder malt – die Einsichtnahme wird sofort unterbunden. Armitage gibt sich etwas versöhnlicher, als er die Identität des Raublesers erfährt. Als, wie gesagt, führender Experte für Hexerei und Okkultes ist er selbstverständlich mit den Umtrieben von Whateley, dem Älteren, vertraut, geradezu entzückt, einen Nachkommen des Hexers persönlich kennenzulernen und lädt Wilbur zum Essen ein. Man unterhält sich einigermaßen angeregt, aber Wilburs Bitten, ihm das Necronomicon doch mal zu Studienzwecken leihweise zu überlassen, werden von Armitage mit Vehemenz zurückgewiesen. Tja, kann man nichts machen, und zudem müsste Wilbur jetzt auch mal wieder nach Hause gondeln, doch hat er, kein Wunder bei den angeregten Gesprächen, seinen letzten Zug verpasst. Nancy, die gute Seele, bietet sich und ihren fahrbaren Untersatz als Ersatzverkehrsmittel nach Dunwich an. Dunwich ist der übliche abgelegene Ort und die Eingeborenen reagieren ausgesprochen feindselig – der Tankwart, der eben noch freundlich seine Dienstleistung offeriert hat, rupft den Zapfhahn unsanft wieder aus dem Tank, als er Wilbur auf dem Beifahrersitz bemerkt. Es liegt auf der Hand – der Whateley-Clan gewinnt in Dunwich nicht mal das billige Imitat eines Popularitätspreises. Damit kann man aber wohl leben, wenn man eine bequeme Heimstatt an, und wiewohl das Whateley-Anwesen von außen nicht viel her macht, ist’s von innen ein Traum in viktorianischer Bemöbelung, wirkt aber trotzdem leicht unheimlich, wie Nancy, von Wilbur mit charmanter Aufdringlichkeit zu einer kleinen Stammsitzbesichtigung genötigt, feststellt. Nach einer Höflichkeitstasse Tee würde sie sich gern wieder verabschieden, zumal Wilburs vermeintlicher Vater (Sam Jaffe, DER TAG, AN DEM DIE ERDE STILL STAND, BEN HUR, SADOR – HERRSCHER IM WELTRAUM), der uneingeladen ins traute téte-à-téte platzt, ein reichlich schräger Genosse ist, der sich in eine Art unchristlicher-Priester-Kutte gehüllt hat und ständig einen zwei Meter langen Kult-Stab mit sich herumträgt. Mit der von Nancy geplanten umgehenden Abreise wird’s aber nichts, weil Wilbur ihrer Karre in einem unbeobachteten Moment ein paar vitale Kabel aus dem Motor gerupft hat. Sie wird wohl hier übernachten müssen…

Wir vermuten als cleverer Zuschauer natürlich absolut richtig, dass Wilbur durchaus daran gelegen ist, aus Nancys Aufenthalt einen längerfristigen solchen zu stricken, und mit ein paar in den Tee geschütteten Drogen und seiner erstaunlichen Suggestionskraft ist es auch nicht sonderlich schwer, etwaige Bedenken, die Nancy hegen könnte, zu pulverisieren und die holde Maid stattdessen nach allen Regeln seiner Kunst (die nicht sonderlich außergewöhnlich sind) zu becircen. Was, wie gesagt, natürlich einfacher ist, wenn das Objekt der Begierde bereits in einer permanenten Semi-Trance verfangen ist.

Nichtsdestoweniger fällt dem lieben Dr. Armitage die plötzliche Fehlmenge an Studentinnen tatsächlich auf – 2+2 ist schnell zusammengezählt. Nancy ist verschwunden, seit sie Wilbur nach Hause gefahren hat, also liegt der Verdacht sehr nahe, dass sich die Abgängige nach wie vor in Dunwich oder Umgebung aufhält. Armitage schnappt sich Nancys Kommilitonin Elizabeth (Donna Baccala, BRAINSCAN, THE LAST MOVIE) und beginnt dort Erkundigungen einzuziehen. Am Whateley-Anwesen beißt er auf Granit – dort ist nur der Alte anzutreffen ist und der ist wenig auskunftsfreudig. Armitage braucht Informationen über den mysteriösen Whateley-Clan (so weit her ist es mit seiner Fachexpertise dann wohl doch nicht) und hofft die, beim Dorfarzt Dr. Cory (Lloyd Bochner, POINT BLANK, DIE NACKTE KANONE 2 ½) zu finden. Cory ist überraschenderweise mit der ärztlichen Schweigepflicht nicht verheiratet – vielmehr scheint es so, als hätte er nur auf die passende Gelegenheit gewartet, endlich jemandem seine persönliche unheimliche Geschichte zum Thema Whateleys vor den Latz ballern zu können. Cory hat indeed vor stückers 20 Jahren oder so Wilbur auf die Welt gebracht. Das zumindest sagt die Geburtsurkunde, nur…. so rein faktisch war der liebe Doktor bei der Geburt nicht anwesend. Das war nämlich eine von den Whateleys selbst vollzogene Hausgeburt, und Cory hat nur aus Gefälligkeit seinen Friedrich Wilhelm unter die entsprechenden Papiere gesetzt – und damit auch bestätigt, dass es sich um eine Zwillingsgeburt gehandelt habe, nur dass einer der Zwillinge leider tot geboren worden wäre. Ob das stimmt, kann Cory nicht sagen, denn er hat nicht mal die tote Babyleiche anschauen dürfen. Was er aber weiß – und was Armitage gelinde verblüfft – ist, dass die Mutter der Zwillinge, Lavinia (Joanne Moore Jordan, BURY ME AN ANGEL, HÖLLENFEUER) ob der Umstände ihren Verstand verloren habe und seitdem in einer gut sortierten Klapsmühle in der Nähe ihr Dasein fristet.

The plot thickens, as one says… Armitage und Cory besuchen Lavinia in der Klapse – die wirkt aus unerklärlichen Gründen deutlich älter als sie eigentlich von Fug und Rechts wegen sein sollte, und ist wirklich weit weit weit jenseits von Gut und Böse. Nancy bemerkt, dass es aus einem verschlossenen Zimmer im Obergeschoss des Whateley-Anwesens, von dem sie sich eigentlich fern halten soll, verdächtig rumort. Könnte da der vermeintlich tote Zwilling hausen? Und Wilbur… der macht einen weiteren Ausflug nach Arkham, um das Necronomicon zu klauen, das er, es hilft nix, für seine finsteren Pläne dringend braucht. Dabei kommt ihm ein Wachmann in die Quere, und im Handgemenge wird der von Wilbur auf einer in der Library der Uni ausgestellten Lanze getötet. Corys Sprechstundenhilfe Cora (Talia Shire, ROCKY, DIE PROPHEZEIHUNG) drängt Elizabeth darauf, Nancy nicht im Stich zu lassen, da ihr in Wilburs Gewalt große Gefahr drohe.

Der hat aber erst mal andere Sorgen, alldieweil der alte Whateley spontan verscheidet. Dass Wilbur auf dem örtlichen Friedhof eine dezidiert unchristliche Begräbniszeremonie vollzieht, zieht den Zorn der Dorfbevölkerung auf sich und Sheriff Harrison (Jason Wingreen, DIE UNGLAUBLICHE REISE IN EINEM VERRÜCKTEN FLUGZEUG, MATLOCK) kann mir mit Müh und Not verhindern, dass ein spontaner Mob unter der Führung des schießwütigen Einheimischen Reeger (SHELL SHOCK, THE GUN RUNNER) an Ort und Stelle Wilbur mit Fackeln und Mistgabeln aus dem Dorf jagt. Diese unerfreuliche Erfahrung hindert Wilbur nicht daran, seinen schändlichen Plan weiter zu verfolgen. Seine Absicht ist nichts anderes, als durch ein Opfer – und für diese Position ist unbürokratisch Nancy, die mittlerweile voll unter Wilburs mentaler Fuchtel steht, ausersehen – ein Portal zu den „Ancient Ones“, einer bösartigen Rasse, die lange vor den Menschen existierte, zu öffnen. Während also Wilbur Nancy zu einer alten unchristlichen Kultstätte unweit von Dunwich lotst, verschafft sich Elizabeth Einlass ins Whateley-Anwesen und öffnet dabei die verbotene Tür, hinter der geheimnis- und geräuschvolle Unhold haust. Sehr schlecht nicht nur für Elizabeths eigene Lebenserwartung – die berechnet sich in Millisekunden -, sondern auch allgemein für die Dorfbevölkerung, denn Wilburs versteckter Zwillingsbruder ist ein sehr mordlustiges Monstrum…

Können Armitage, Cory, der Sheriff und die von Reeger angeführte Posse, die jetzt ein legitimes Ziel vor Augen hat, das Schlimmste verhindern?

Inhalt:

Die legendäre B-Produktionsschmiede AIP hatte schon so Mitte der 60er drei Dinge festgestellt – erstens: der hauptamtlich von Roger Corman verantwortete Zyklus an sehr freien Edgar-Allan-Poe-Adaptionen spülte für die Verhältnisse des Ladens ungeahnte Mengen an Dollars in die Firmenkasse; zweitens: Corman ging langsam die Lust aus, sich im gleichen Terrain aufzuhalten und sucht nach neuen Themen und Genres für sein Talent; drittens: der Vorrat an Poe-Geschichten, die man mit vertretbarem Aufwand in Low-Budget-Gruselfilme umsetzen konnte, ging zur Neige…

Die Schlussfolgerungen lagen auf der Hand. Zu Frage 1: Mehr von dem Zeug muss her. Zu Frage 2: Dann muss den Kram halt jemand anders machen. Zu Frage 3: Gibt’s da nicht noch irgendeinen amerikanischen Horror-Autor, der eine Fülle von Kurzgeschichten und Erzählungen verfasst hatte, die man mit ein bisschen gutem Willen in ein Poe-Korsett zwängen könnte? Hieß der nicht H.P. Lovecraft? Noch Corman himself hatte mit THE HAUNTED PALACE Lovecrafts „Fall Charles Dexter Ward“ als Poe-Adaption getarnt in die Kinos gebracht, und die Angelegenheit war beim Publikum nicht negativ aufgefallen. Prinzipiell schien der Weg, Lovecraft als Ersatz-Poe herzunehmen, also gangbar zu sein. AIP liebäugelte zunächst damit, die Produktion von THE DUNWICH HORROR, die bereits 1963 angedacht worden war, nach Italien outzusourcen und Mario Bava, mit dessen PLANET DER VAMPIRE das Studio noch gute Erfahrungen machen würde, mit der Regie zu beauftragen, aber aus im Nachhinein unerfindlichen Gründen kam das Projekt nicht zustande (und wir können nur wehmütig einem potentiellen Meisterwerk hinterhertrauern). AIP behielt die ganze Thematik aber stets im Auge, und 1965 brachte das Studio dann tatsächlich mit DIE, MONSTER, DIE! (zu Deutsch: DAS GRAUEN AUF SCHLOSS WITLEY) seine erste offizielle Lovecraft-Adaption in die Kinos. Dirigiert von Daniel Haller, hauptamtlich AIPs Art Director, der erfolgreich dafür gesorgt hatte, dass gerade Cormans Poe-Zyklus trotz der üblichen mickrigen Budgets wie Richtig Teures Kino ™ ausgesehen hatte, presste Jerry Sohls Drehbuch die Lovecraft-Story „The Colour Out of Space“ (später auch verfilmt als THE CURSE, DIE FARBE, SAAT DES BÖSEN und gerade erst von Richard Stanley als DIE FARBE AUS DEM ALL) wie mutmaßlich von den AIP-Oberhonchos gewünscht ins enge Gewand einer Poe-Verfilmung (böse Zungen behaupten dann auch, der Film hätte mehr mit Poes UNTERGANG DES HAUSES ASCHER zu tun als mit dem Lovecraft-Stoff). 1968 folgte dann in Kooperation mit den Briten von Tigon DIE HEXE DES GRAFEN DRACULA, eine, sagen wir mal, von der Lovecraft-Story „Dreams in the Witch House“ inspirierte Sache, wie DIE, MONSTER, DIE mit Boris Karloff als Zugpferd (bzw. einem der Zugpferde, Tigon zog ja auch noch Christopher Lee an Land). 1970 wagte AIP dann eine weitere Allein-Produktion und ließ erneut Daniel Haller –nachdem der zwischendurch einen Biker- und einen Autorenn-Filme, neue Trends an den Kinokassen, gedreht hatte - an einen Lovecraft-Stoff. Es sollte Hallers letzte Horror-Arbeit sein, in der Folge entwickelte er sich zu einem gefragten TV-Regisseur, der u.a. für KAMPFSTERN GALACTICA, BUCK ROGERS, QUINCY, MATLOCK oder AIRWOLF tätig war. „The Dunwich Horror“ war nicht nur eine der Geschichten, die Lovecraft (bekanntlich selbst einer seiner schärfsten Kritiker) für gelungen und besonders fies hielt (und sogar befürchtete, sein üblicher Abnehmer, Weird-Tales-Herausgeber Farnsworth Wright könnte nicht wagen, sie zu drucken – was ein Trugschluss war, denn Wright bezahlte ihm für die Geschichte mehr als der Autor bis dahin jemals für eine einzelne Geschichte verdient hatte), sondern gilt auch heute noch als eine der besten, bösesten und spannendsten seiner Storys. Der in Deutschland unter dem recht unsinnigen Titel VOODOO CHILD veröffentlichte Film wurde von Curtis Hanson (später Regisseur von Gassenhauern wie TODFREUNDE – BAD INFLUENCE, DIE HAND AN DER WEIGE, L.A. CONFIDENTIAL oder 8 MILE), Henry Rosenbaum (Autor von SIE NANNTEN IHN PRETTY BOY FLOYD und LOCK UP – ÜBERLEBEN IST ALLES) und Ronals Silkowsky (der Hallers THE WILD RACERS geschnitten hatte und nur noch als Autor des Oliver-Reed-Thrillers THE RANSOM, in dem ausgerechnet Teutone Paul Koslo einen „Native American“ spielt, auffällig wurde) verfasst und wiewohl sich das Drehbuch etliche Abweichungen von der literarischen Vorlage erlaubt, kann man – was mehr ist als man von vielen Lovecraft-Adaptionen behaupten kann – die Handschrift unser aller Lieblingsrassisten noch erkennen.

„The Dunwich Horror“ gehört als Geschichte direkt zum großen Cthulhu-Mythos – auch wenn Cthulhu selbst keine Erwähnung findet, so ergibt sich allein schon durch die Bezüge auf Arkham, die Miskatonic University und das Necronomicon, die „Großen Alten“ sind ein wichtiges Plotelement, und Yog-Sothoth (im Kontext der Geschicht‘ vermutlich der Vater der unheimlichen Zwillinge, und in Lovecrafts Kosmologie Cthulhus Opa, aber nicht selbst einer der „Großen Alten“, sondern eine kosmische Entität, die auf ungeklärte Weise mit den Großen Alten in Verbindung steht) ist eine treibende Kraft der ganzen Mär. Die Filmfassung behält die grundsätzlichen Elemente bei, ändert da und dort etwas herum, lässt hier was weg, erfindet dort was hinzu, um die Story, die, wie üblich bei Lovecraft, obwohl eine der konventionelleren Geschichten des Autors, schwer zu verfilmen ist, da sie nicht wirklich echte Protagonisten hat, in eine klassische Drei-Akt-Struktur zu formen. In der Geschichte wird Wilbur beim Versuch, das Necronomicon zu stehlen, getötet, was dann die nachfolgende Rampage seines monströsen Bruders auslöst, da niemand mehr da ist, der das Monster kontrollieren kann. Eine Nancy gibt’s in der Story ebensowenig wie Dr. Cory, Elizabeth oder Cora, Lavinia ist eine wichtigere Präsenz als in der Story, dafür spart der Film einige Uni-Kollegen von Armitage aus, die in der Geschichte eine gewichtige Rolle spielen, und Wilbur selbst wird von der „Schimäre“ der Geschichte, die in keiner Form attraktiv (sondern, im Gegenteil, von Lovecraft dezidiert als „exceedingly ugly“ beschrieben wird), zu einem hübschen jungen Mannsbild, der vermutlich nicht wirklich hypnotische Fähigkeiten bräuchte, um Nancy zu verführen.

Änderungen hin, Werktreue her – man kann Haller und seinem Schreiberlingsteam auf jeden Fall bescheinigen, dass sie versucht haben, eine adäquate Lovecraft-Adaption hinzuzimmern und nicht nur vage Motive aus seinem Ouvre irgendwie in die Formel der AIP-Poe-Reihe zu quetschen. Nur heißt „versuchen“ noch lange nicht, es „richtig“ oder „gut“ zu machen. The road to hell is, as we all know, paved with good intentions. Sicher muss man den Filmemachern zublligen, dass sie mehr oder minder die ersten waren, die probierten, Lovecraft „as is“ in Filmform zu bringen, und da sich bis heute Drehbuchautoren, Produzenten und Regisseure sehr schwer damit tun, Lovecraft angemessen umzusetzen, erst recht und insbesondere, wenn der ausgekuckte Stoff mit dem großen Mythos in Verbindung steht und nicht, wie RE-ANIMATOR oder FROM BEYOND auf Kurzgeschichten basieren, die erstens nicht oder nicht direkt mit dem Cthulhu-Stoff zu tun haben und zweitens so kurz, so fragmentarisch waren, dass Lovecraft-Spezialist Stuart Gordon einigermaßen frei fabulieren konnte, ist es sicher nicht besonders fair, nun ausgerechnet Haller und seine Autoren in die Pfanne zu hauen, weil sie bei diesem Versuch… nun, nicht geradeaus versagt, aber zumindest eben noch viel Luft nach oben gelassen haben. Lovecraft-Geschichten sind schon per Definition „slow burner“, die sich langsam, aber stetig auf die (meist eben völlig unfilmbare) Eskalation, den Ausbruch des Wahnsinns, hinarbeiten, und wiewohl „The Dunwich Horror“ in seiner literarischen Form eine der wenigen Geschichten ist, die eine echte Klimax (und effekt-taugliche Höhepunkte) bietet, steht eine adäquate Umsetzung derselben weder in den finanziellen noch FX-technischen Möglichkeiten von AIP 1970, noch wäre derartiger schleimiger Ekel-Gore etwas gewesen, das in dieser Zeit irgendwo auf der Welt eine Freigabe erhalten hätte. Bei Haller bleibt davon unter den gegebenen Voraussetzungen absolut verständlicherweise nur der „slow burner“ übrig. Nach der Teaser-Sequenz müssen wir uns als Zuschauer lange Zeit mit Andeutungen begnügen (oder, retrospektiv gesehen, mit dem Namedropping diverser Lovecraft-Üblichkeiten, unterhalten), weil wirklich nichts *passiert*. Für eine Weile kommt man sich sogar so vor, als wäre man in einem etwas schrägen Liebesfilm gelandet, weil’s so aussieht, als wäre die Hypno-Verführung der holden Nancy der primäre Plot unseres Films. So gesehen macht’s Sinn, dass wir den Ausflug in die Irrenanstalt und zu Lavinia unternehmen, damit wir so zur Filmmitte mal dezent daran erinnert werden, dass wir uns, rein technisch gesehen, in einem Horrorfilm befinden, der eigentlich Sinn und Zweck haben sollte, den Zuschauer wenn nicht direkt zu erschrecken, dann ihn doch wenigstens in eine Stimmung des Unbehagens, des Unheimlichen zu versetzen, und dafür tut die eigentliche Plotline um Wilbur und Nancy über weite Strecken herzlich wenig. Erst im Schlussakt zieht Haller Tempo und den Willen, auch ein paar Schauwerte zu liefern, deutlich an, wird dabei aber freilich vom Stand der ihm zur Verfügung stehenden FX-Technik unterminiert. Ich respektiere, dass Haller tatsächlich versucht, einen Großen Alten (oder zumindest eine mit diesen verwandte Monstrosität) zu *zeigen* und nicht nur zu implizieren, aber natürlich ist das Tentakelmonster, das zweimal für vielleicht eine halbe Sekunde zu sehen ist, nur eine lieb gemeinte Annäherung an das Thema. Die Monster-Rampage wird daher weitgehend aus der Sicht des Monsters gezeigt und obwohl die Idee, dass sich die Monster-Attacken durch mysteriöse Winde oder Wasser, das gegen die normale Richtung fließt, ankündigen, durchaus patent ist, bleibt’s oft genug bei eher symbolischen Effekten, die durch entsprechende Ansagen der Charaktere konkretisiert werden müssen. Auch die Farbverfremdungen, mit denen das Monster „tötet“, sind die ersten ein-zweimal vielleicht noch interessant, laufen sich dann aber, im Showdown inflationär eingesetzt, rasch tot.

Immerhin – die sicher beste Entscheidung des Scripts und der Umsetzung ist es, den Schluss der Kurzgeschichte (eben den Ausbruch des Monsters und seine killing spree) parallel zu der für den Film erfundenen Klimax der Opferzeremonie, die Wilbur (in der Kurzgeschichte an der Stelle längst schon tot) an Nancy vornehmen will (und die nicht im klassischen Sinn ein Menschenopfer darstellt, was dem Film ein für 1970 auch recht vorwitziges nicht-wirklich-Happy-End erlaubt) und quasi als Obstakel, das Armitage und seine Posse überwinden müssen, bevor sie überhaupt daran denken können, Nancy zu retten, zu gestalten. Das ist dann wirklich „kinematischer“ als in der Vorlage und dennoch atmosphärisch und thematisch passend.

Wie bei Haller üblich sieht THE DUNWICH HORROR nicht schlecht aus – die Ausstattung stimmt (auch wenn sie größtenteils aus dem AIP-Poe-Zyklus-Fundus stammen dürfte), und die via Matte Painting hingedeichselte Kultstätte der Alten kommt so gut rüber, wie es eben im Rahmen einer solchen Produktion geht. AIP hatte genug Erfahrung, um mit den begrenzten finanziellen Mitteln ein optisch ansprechendes Resultat auf die Leinwand zu klatschen, da gibt’s kein Vertun.

Auf der schauspielerischen Ebene habe ich viel Kritik an Dean Stockwells Performance gelesen. Ich sehe, woher die Kritik kommt, aber ich stimme ihr nicht zu. Es wäre viel zu einfach, Wilbur Whateley als einen weiteren verrückten Möchtegern-Warlock zu spielen, der muwa-haa-hend durch den Film stolziert und sich ein „Ich bin BÖSE“ als Neon-Tattoo auf die Stirn dengeln könnte, ohne auffälliger zu sein, aber Stockwell widersteht dieser Versuchung, sondern „unterspielt“ die Figur, behandelt ihn sachlich, zurückgenommen, teilweise fast schüchtern. Wüssten wir nicht durch eine Teaser-Sequenz um die okkulten Umstände seiner Geburt, dass er praktisch schon durch seine Gene zum bösen Hexer, der Chaos und Verderben über die Welt bringen will, prädestiniert ist, wir könnten fast annehmen, dass Wilbur einfach ein normaler junger Mann ist, der nicht zuletzt erst durch die offene Anfeindung seiner Familie durch die Dunwich-Dorfbewohner dazu getrieben wurde, die Studien seines Großvaters wieder aufzunehmen und herauszufinden, was es mit dem ganzen „Ancient Ones“-Gedöns wirklich auf sich hat. Wie gesagt, ich kann verstehen, dass jemandem, der einen klassischen Horror-Schurken erwartet, Stockwells Wilbur etwas zu „blah“ ist, aber ich empfand eine zurückhaltend, eher kühl gespielte Schurkenfigur als eine durchaus gefällige Abwechslung. Weniger überzeugt bin ich von Ed Begley – der ist sicher kein schlechter Schauspieler (hier in seiner letzten Rolle unterwegs), aber ihm fehlt die Gravitas, die Ausstrahlung, die selbst ein weitgehend immobiler, im Rollstuhl sitzender Boris Karloff im kleinen Finger und mit der kleinesten Augenbrauenregung ausdrücken konnte. Er wirkt nicht wie ein Experte für Okkultes und Hexerei, sondern mehr wie ein langweiliger Buchhalter. Auch mit Sandra Dee bin ich nicht recht glücklich – dieweil die Schauspielerin, die in den späten 50ern und frühen 60ern ein Star für Universal in Dramen und romantischen Filmen wie den TAMMY-Filmen war, ganz bewusst nach dem Ende ihres Universal-Vertrags auf einen radikalen Image-Wechsel Wert gelegt hatte (was einigermaßen erfolglos war – in den 70ern musste sie sich primär mit TV-Rollen über Wasser halten), Als Nancy tut sie sich schwer damit, den Zwiespalt zwischen „damsel in distress“, was sie ja eigentlich ist, und willigem Romanzenoper und „Komplizentum“ (bedingt dadurch, dass sie ja nicht Herrin ihres eigenen Willens ist), zu transportieren – was dazu führt, dass sie dem Zuschauer einigermaßen egal ist, zumal wir sie kaum eine Minute lang als ihr unbeeinflusstes Selbst sehen. Klar, es ist nicht die einfachste Rolle im Horror-Kontext, aber Dees Performance ist zu eindimensional. In den Nebenrollen macht Sam Jaffe als durchgeknallter alter Whateley einigermaßen Laune, Lloyd Bochner zu wenig einprägsam, zumal der Film sich auch wirklich nie einig ist, ob Cory nun eine „wichtige“ Figur ist oder nicht. Talia Shire kann in ihrer (kleinen) zweiten Filmrolle als Cora auch nicht wirklich Eindruck schinden.

THE DUNWICH HORROR ist bei den verdienstvollen Freunden von Wicked Vision erschienen. Mir liegt die Mediabook-Blu-Ray-/DVD-Combo vor. Die Bildqualität ist, wie man bei Wicked Vision mittlerweile durchaus voraussetzen kann, das Optimum, was aus dem Material herauszuholen ist. Die Tonspur ist adäquat, das Booklet informativ. Die Extras sind okay- zwei Audiokommentare, eine "Nostalgiefassung" (ergo ein 4:3-VHS-Rip), Originaltrailer sowie die kommentierte Trailerfassung aus der "Trailers from Hell"-Reihe.

Abschließend ist zu sagen, dass THE DUNWICH HORROR sicher als frühes Experiment, Lovecraft einigermaßen im Sinne des Autors umzusetzen und nicht nur als Ersatz-Poe zu behandeln, interessanter als er „gut“ wäre. Um ein richtig fesselnder, packender Horrorfilm zu sein, fehlen ihm der Drive, die zwingende Inszenierung, die echten Höhepunkte, aber auch als atmosphärischer Spät-Gothic-Grusler in kontemporärem Setting kann der Streifen nicht wirklich überzeugen. Lovecraft-Fans sollten trotzdem unbedingt reinschauen, schon allein aus filmhistorischem Interesse, aber unglücklicherweise teilt sich der Film im Endergebnis das Schicksal so vieler weiterer, späterer Lovecraft-Adaptionen – es ist einfach verflixt schwierig, dem Mann aus Rhode Island in filmischer Form wirklich gerecht zu werden. Still, it was worth a try…

© 2020 Dr. Acula


BOMBEN-Skala: 5

BIER-Skala: 6


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DMJ
DMJ
23. April 2020 10:46

„Nichtsdestoweniger fällt dem lieben Dr. Armitage die plötzliche Fehlmenge an Studentinnen tatsächlich auf“

Yay! Nach langer Zeit mal wieder meine Lieblingsformulierung! Offenbar wird auch das g.T. stille Mitlesen belohnt. 😀