Van Diemen’s Land


  • Deutscher Titel: Van Diemen's Land
  • Original-Titel: Van Diemen's Land
  •  
  • Regie: Jonathan Auf der Heide
  • Land: Australien
  • Jahr: 2009
  • Darsteller:

    Oscar Redding (Alexander Pearce), Arthur Angel (Robert Greenhill), Paul Ashcroft (Matthew Travers), Mark Leonard Winter (Alexander Dalton), Torquil Neilson (John Mathers), Greg Stone (William Kennerly), John Francis Howard (Ned „Little“ Brown), Tom Wright (Thomas Bodenham), Jason Glover (Lt. Cuthbertson)


Vorwort:

n den 1820ern… „Van Diemen’s Land“ in Tasmanien ist eine unwirtliche, kaum besiedelte Region, die sich die Briten als Ort für ihr härtestes Straflager überhaupt ausgesucht haben. Wer hier landet, ist „Wiederholungstäter“ und muss unter unmenschlichen Bedingungen schuften. Eines Tages gelingt es einer Gruppe von acht Männern, ihren Bewacher zu überwältigen. Die angedachte Flucht per Boot allerdings muss entfallen, da zur Unzeit britische Soldaten auftauchen. Statt dessen retten sich die Männer, mit zwei Äxten, nur wenig Wasser, und ein wenig Mehl zum Brotbacken als Proviant in den tasmanischen Urwald. „Kapitän“ Greenhill, Organisator des Fluchtversuchs, plädiert für einen Trek gen Osten, in der Hoffnung, nach einigen Tagen harten Marsches auf Siedlungen zu stoßen. Trotz anfänglich passabler Stimmung sind Spannungen innerhalb der Gruppe nicht zu übersehen – das gemeinsame Schicksal hat Engländer, Schotten und Iren zusammengewürfelt; speziell die Iren sehen sich santem Spott bis hin zu offenen rassistischen Anfeindungen ausgesetzt. Bald gehen die Vorräte zur Neige und von bewohntem Gebiet ist weit und breit nichts zu sehen. Der Ire Pearce belauscht Greenhill und seinen Vertrauten Travers, die planen, einen aus der Gruppe zu töten und zu essen. Pearce wird ertappt und zum Mitwisser gemacht – es bleibt ihm nichts anderes übrig als dem Vorhaben zuzustimmen, obwohl es Dalton, Pearces einzigen Vertrauten in der Gruppe, treffen soll. Die Tat wird vollbracht – Kennerly und Brown, zwei ältere Männer, und mit Kennerly die „Stimmungskanone“ unter den Flüchtigen, trennen sich entsetzt vom Rest. Die fünf Anderen marschieren weiter – im vollen Bewusstsein, dass Dalton nicht der letzte gewesen sein wird, der erschlagen und verspeist werden wird.

Inhalt:

Meinen jährlichen Aussie-Film beim FFF gib mir heute. „Van Diemen’s Land“ widmet sich einem Thema, das bereits im vorigen Festivaljahrgang als Prolog des tasmanischen Backwood-Reißers „Dying Breed“ verwendet wurde; die wahre Geschichte von Alexander Pearce, einem Strafgefangenen, dem zweimal die Flucht aus einem Arbeitslager gelang und der nach eigener Aussage durch das Essen von Menschenfleisch überlebte (beim ersten Mal glaubte man ihm nicht, sondern ging davon aus, dass er seine entkommenen Kameraden zu decken versuchte, beim zweiten Mal war die Beweislage eindeutiger und Pearce wurde gehängt). Langfilmdebütant Auf der Heide erweiterte (das scheint ein Trend des aktuellen Jahrgangs zu sein) einen Kurzfilm zu einem abendfüllenden Werk.

„Van Diemen’s Land“ ist ein Film mit sehr wenig Plot – wie zutreffend nach der Vorführung gesagt wurde, besteht die Handlung schlicht daraus, dass dreckige Männer durch den Wald latschen und sich gegenseitig annölen. Es gibt nur zwei Faktoren in der Story: die Gruppe der acht Männer und den Wald an sich als „Feind“. Die Dialoge sind sparsam, weil die Herrschaften sich nicht sonderlich viel zu sagen haben – wenn sie sich etwas sagen, endet es zumeist im Streit, weil keiner von ihnen recht weiß, was auf sie zukommt, welches Ziel sie haben, wann sie es erreichen werden; wenn Kennerly dann eines Abends am Lagerfeuer ein trauriges irisches Lied singt und damit die Gruppe, die ansonsten nur durch das gemeinsame vage Ziel eines Lebens in Freiheit zusammengehalten wird, anrührt und trotz der schwermütigen Zeilen einen kurzen Glücksmoment heraufbeschwört, hat das die emotionale Wucht einer Atombombe. Ohne den Figuren zu viel Hintergrund aufzubürden, macht Auf Der Heide aus seinen entsprungenen Sträflingen echte *Charaktere*: Greenhill und Travers sind die ränkeschmiedenden Anführer, Mathers der gutmütige „strongman“, Bodenham der Hitzkopf, den keiner richtig leiden mag, aber trotzdem noch eher zum „Kern“ der Gruppe gehört als Pearce und Dalton, die mit ihrer gemeinsamen irischen „Heritage“ in der britisch dominierten Gruppe die echten Außenseiter sind (wofür sie auch „aktiv arbeiten“, da sie sich öfters auf Gaelisch unterhalten und damit den Eindruck schüren, ihr eigenes Süppchen zu kochen), die „Alten“ Kennerly und Brown werden von den „Anführern“ für entbehrlichen Ballast gehalten, sind aber – speziell Kennerly – als ausgleichende, mäßigende Elemente wichtig für die Stimmung. Kein Wunder, dass Kennerly es ist, der die Gruppe nach dem ersten Mord sprengt, weil er – egal, ob er zuletzt nur gegerbte Jacke lauwarm zwischen den Zähnen hatte – beim Menschenfressen die Grenze zieht. Von diesem Moment an herrscht nur noch das blanke Mißtrauen, da jedem klar ist, er könnte als nächster auf dem Speiseplan landen (außer, man heißt Greenhill und Travers, denn die sind von Stund an die uneingeschränkt mächtigen Herrscher über Leben und Topf). Auf Der Heide begeht nicht den Fehler, seinen Protagonisten Pearce zum „Helden“ des Stücks zu machen. Pearce ist, obwohl unsere Sympathien bei ihm liegen, keine positive Figur – er ist ein rückgratloser Opportunist, der seinen Freund ans Hackebeil liefert, Bündnisse eingeht, um sie im Ernstfall zu brechen, um seine Haut zu retten, er ergreift keine Initiative (erst im „Showdown“), und bleibt dennoch „menschlich“, weil er uns per (auf Gaelisch gehaltener) voice-over-narration an seiner Scham, seiner Schande, seinem Abstieg ins „Böse“, wenn auch durch religiöse Metaphern ein wenig „verschlüsselt“, teilhaben lässt. Er weiß, dass sein Überleben diesen Preis nicht wert ist, aber er kann seinen „Überlebensinstinkt“ nicht abschalten.

Auch wenn die Story mit zwangsläufiger Konsequenz auf das Duell Pearce gegen Greenhill zusteuert, so ist der eigentliche Gegner doch die Natur (schrob ich oben „Wald“, ist das etwas zu kurz gegriffen, da auch einige Szenen auf verschneiten Bergen oder in wilden Feldern spielen). Und so wirkungsvoll hat schon lange kein Autor/Regisseur mehr die lebensfeindliche Umgebung *an sich* zu einem „Charakter“ gemacht. Auf Der Heide braucht dafür keine spekulativen Elemente – ganz im Gegenteil zum klassischen „lost-in-the-jungle“-Abenteuerfilm ist es nicht die gefährliche Tierwelt, sondern vielmehr *die Abwesenheit* jeglichen Lebens, das die Bedrohung ausmacht. Ein tasmanischer Urwald ist nun mal sprichwörtlich leer – da gibt’s keine Fauna, die man jagen und grillen könnte (lediglich die Tatsache, dass die Existenz von Schlangen im Film ausdrücklich – eine beißt Travers – bestätigt wird und man zumindest versuchen könnte, eine solche zu fangen und zu essen, schwächt diesen Punkt leicht ab. Wie das mit der Fischwelt aussieht, weiß ich mangels entsprechender zoologischer Kenntnis nicht), es gibt nur Bäume, Farne und Steine, die düster und unheilsschwanger die wenigen Menschen umgeben und sie allein durch ihr schieres Dasein zu erdrücken scheinen. Kudos an Kameramann Ellery Ryan („Cyborg Agent“, „The Young Indiana Jones Chronicles“), der die perfekte Balance findet – seine Landschafts- und Naturaufnahmen sind großartig, aber immer im richtigen Moment, bevor es *zu* episch, *zu* malerisch wird, wird das Panorama ausgeblendet und unsere Figuren finden sich wieder in ihrer hoffnungslosen Situation wieder – die „Freiheit“ wird angedeutet, aber stets deutlich gemacht, dass die Flüchtigen ihr Gefängnis lediglich gegen ein anderes, ungleich gefährlicheres und „böseres“, ohne Gitterstäbe oder bewaffnete Wärter, eingetauscht haben. Selten war die strapazierte Metapher einer „grünen Hölle“ angebrachter als hier.

Dramaturgisch muss man Auf Der Heide allerdings den Vorwurf machen, dass „Van Diemen’s Land“ bei aller Liebe für eine ruhige, bedächtige Erzählweise, die langsam, aber sicher das Abgleiten einer Gruppe in den Wahnsinn von Mord, Totschlag und Kannibalismus dokumentiert, deutlich zu lang ist. Zwanzig Minuten weniger hätten’s auch getan, ohne dass der Film an Wirkung eingebüßt hätte. Der Film hat zu viele Passagen, die letztlich auch für den „ordeal“ der Charaktere bedeutungslos sind und die Beziehungen der Figuren untereinander nicht wesentlich vertiefen, zumal es praktisch keine „Action“ gibt (die dramatischte Sequenz beschreibt die Durchquerung eines reißenden Flusses). Die brutalen Mordtaten bleiben im Off (d.h. wir sehen bestenfalls noch den jeweiligen Mörder die Axt schwingen; nur Pearce darf einmal on-screen töten, aber er erstickt sein Opfer auch „nur“), da sie nicht wesentlich für das sind, was Auf Der Heide zeigen will – er ist kein italienischer Gorebauer, der durch massive Blut-, Gedärm- oder Freßszenen schocken will, ihm geht es um die Umstände, die Menschen dazu treiben, ihre Menschlichkeit zu verlieren. EXTREMSPOILER Am Ende des Films hat Pearce überlebt, aber er ist innerlich gebrochen, und er weiß es und verurteilt sich selbst dafür – selbst, wenn wir es als Zuschauer vielleicht nicht können, weil wir seine Handlungen verstehen. SPOILERENDE.

Wie gesagt – Geduld ist für „Van Diemen’s Land“ mitzubringen, ebenso die Bereitschaft, sich auf einen Film einzulassen, der nicht darauf gerichtet ist, den Zuschauer durch oberflächliche Effekte oder „künstliche“ Hilfsmittel zur Spannungserzeugung zu fesseln (ersatzweise gibt’s Schniedelwutze zu sehen). Noch deutlicher als Vampyrer ist „Van Diemen’s Land“ Charakterkino, aufgewertet durch die unheimliche und perfekt eingefangene Atmosphäre der tasmanischen Natur (die Musik von Jethro Woodward, der größtenteils auf zeitgenössische Instrumentierung und traditionelle Klänge setzt, passt ebenso ausgezeichnet und verstärkt die latent bedrohliche Atmosphäre ideal).

Zu bemerken wäre noch, dass ich den Film in einer voll untertitelten Fassung gesehen habe – nicht nur die gaelischen Dia- und Monologe wurden untertitelt, auch die englischen Konversationen; etwas, das ich mir beim FFF schon bei vielen australischen Filmen gewünscht habe, ausgerechnet hier aber nicht gebraucht hätte, da der klasssische Aussie-Slang 182tobak noch nicht erfunden war und die Figuren mit „gewöhnlichen“ englischen, irischen oder schottischen Akzenten parlieren, die leichter verständlich sind.

Oscar Redding, der die Rolle des Pearce schon in Auf Der Heides Kurzfilm spielte und ansonsten im Aussie-TV tätig ist (u.a. in der ewigen Soap „Nachbarn“, außerdem gab er sich im deutsch ko-produzierten Thriller „Abschied in den Tod“ die Ehre) überzeugt voll und ganz – er bringt die Zerrissenheit des Charakters, einerseits zu wissen, dass seine Handlungen moralisch falsch sind, andererseits aber sein nacktes Überleben davon abhängt, auf den Punkt. Arthur Angel (auch schon im Kurzfilm dabei, außerdem in „Ghost Rider“ und demnächst im nächsten „Narnia“-Film zu sehen) ist ein angemessen mieser Greenhill, Paul Ashcroft (ebenfalls im Kurzfilm, aber in anderere Rolle, des Weiteren in der TV-Neufassung von „Salem’s Lot“) als sein „siamesischer Zwilling“ Travers lange etwas unauffällig. Hohes Lob geht an Greg Stone („Nachbarn“) als Kennerly und auch an Torquil Neilson („Liebe und andere Katastrophen“, „The Hard Word“) als Mathers.

Fazit: Anstatt eines plakativen Kannibalenreißers entschied sich Jonathan Auf Der Heide erfreulicherweise für eine fast schon poetisch-lyrische Reise in menschliche Abgründe, getaucht in Bilder einer ebenso schönen wie unbarmherzigen Natur. Nichts für die Freunde hyperaktiver Schnitt- und FX-Orgien, und ja, der Film ist mindestens fünfzehn Minuten zu lang, aber dank seiner exzellenten Dramaturgie, seiner ausgezeichneten Charakterarbeit und größtenteils überzeugender darstellerischen Leistungen ist „Van Diemen’s Land“ eine kleine Entdeckung (die um so dramatischer ist, wenn man direkt zuvor einen hirntoten CGI-Splatterheuler wie Blood: The Last Vampire gesehen hat), die von Fans des behutsam erzählten, leisen Abenteuerdramas auf DVD angetestet werden sollte.

4/5
(c) 2009 Dr. Acula


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