Vampire Vienna


  • Deutscher Titel: Vampire Vienna
  • Original-Titel: Vampire Vienna
  •  
  • Regie: Mike Lomoz
  • Land: Österreich
  • Jahr: 2019
  • Darsteller:

    Mike Lomoz (Walter), Dominic Marcus Singer (Vampir), Belle Black (Claudia), Lisa-Marie Hiller (Esmeralda), Emem Augendopler (Bürgermeister), Emil de Cilla (Therapeut), Mareen Neumann (Luzifer), Michaela Jessica Donat (Frau auf der Parkbank), Kaja Clara Joo (Awanataahave), Konrad G. Lorenzi (Frantisek)


Vorwort:

Eines schönen Tages in Wien... zwei Mitarbeiter des transport-logistischen Gewerbes sind, ganz entgegen der berufsüblichen Praxis, an einem Sonntag bei der Arbeit. Aber für zweitausend Euro plus tausend Euro Prämie für in Zaum halten der Neugier und Verzicht auf Fragen wuchtet man gern auch mal am Tag des Herrn eine große Kiste herum und deponiert sie vorübergehend im Dachgeschoss eines leerstehenden Hauses. Selbst gewisser Blutverlust durch scharfe Kanten wird ob dieser Entlohnung in Kauf genommen.

Jenes Haus steht unglücklicherweise auf der to-do-Liste eines, naja, semikompetenten Einbrecherduos und die maskierten Diebe werden, deshalb „unglücklicherweise“ Augenzeugen der durch die unfreiwillige Blutspende des Kistenschiebers erfolgenden Wiederauferstehung des Kistenbewohners. Der hat lange Fingernägel, eine wallende weiße Haartracht und eine gepflegt altmodische Ausdrucksweise und zudem nach dem längeren Schönheitsschlaf verständlicherweise guten Hunger, und als kleines spätes Frühstück kommen ihm die Einbrecher da grad recht, ist unser aufgewecktes Kerlchen doch ein Vampir. Der das Haus verticken wollende Makler, der just jetzt nach dem Rechten sehen wollte, wird als Nachtisch gern mitgenommen.

Währenddessen ist Wiens erster und einziger Kampfexorzist, Pfarrer Walter, bei der Arbeit und treibt, eher gelangweilt, einem Mädel einen drittklassigen Dämon aus (Walter ist derart motiviert, dass er dem Dämon nur die Bibel hinwirft und freundlich bittet, die passenden Austreibungsverse doch, bitteschön, selbst zu lesen).

Der Vampir sucht indes einen Friseur auf, um sich etwas der Zeit angemessener zu stylen. Jetzt ein attraktiver schmucker Jungbursche (der natürlich noch die Frisöse ausgesaugt hat), ist der Blutsauger bereit, sich den Herausforderungen des 21. Jahrhunderts zu stellen. Diese werden sich ihm in erster Linie in weiblicher Form vorstellen, denn an die selbstbewusste und sexuell freizügige neue Generation der holden Fraulichkeit muss sich unser Vampir erst mal gewöhnen. So z.B., als er von der promiskuitiven Claudia abgeschleppt wird und ihm die Labertasche, erst recht nach ein paar aus seiner Sicht unangemessenen Anmerkungen bezüglich seiner Person, empfindlich auf die Nerven geht.

Nach Claudias programmatischem Abgang kollidiert der Vampir zufällig mit Walter, und obwohl zunächst natürlich keiner von des jeweils anderen Geheimnis weiß, sind sich die Herrschaften auf Anhieb zutiefst unsympathisch. Während der Vampir auf Anraten seiner nächsten weiblichen Bekanntschaft, die bei ihm allerhand mentale Issues ausmacht, einen Therapeuten aufsucht, wird Walter zu seiner überschaubaren Begeisterung von seinem informellen Brötchengeber, dem Bürgermeister von Wien, dienstlich damit beauftragt, die sich bereits herumsprechende Serie vampirischer Morde zu beenden und den Verursacher zu pfählen, zu enthaupten, in Weihwasser zu ersäufen oder eine anderweitig anerkannte Methode des Vampirkillens anzuwenden, obwohl sich Walter als Dämonenaustreiber nun nicht wirklich dafür zuständig fühlt, aber wie auch der Exorzist einsehen muss, die Gelben Seiten von Wien weisen unter „Vampirjäger“ eher wenig Einträge auf.

Walter nimmt die Hilfe der Zigeunerin Esmeralda zu Hilfe. D.h. weniger deren persönlichen Einsatz als deren Spezialelixier, dessen Benutzer den Blutsauger über die Astralebene aufspüren kann. Wäre eigentlich kaum nötig, denn der Vampir hat Walter bereits als seinen primären Gegner ausgemacht – man läuft sich alle Nase lang über den Weg. Das Problem ist allerdings, dass die Kontrahenten sich in einer ewigen Pattsituation wiederfinden. Der Vampir kann Walter nichts antun, solange der sein vom Papst persönlich geweihtes Kruzifix trägt, und ohne das verlässt Walter nie seine geliebte Badewanne (in der er zu wohnen, schlafen und zu essen scheint), andererseits fehlt es Walter an Mitteln, Wegen und Stärke, um dem Vampir ernstlich Schaden zu können.

Der Vampir schlägt Walter daher einen freundlichen Seitenwechsel vor – ein kleiner Biss und Walter könnte dem Untotenteam mit allen seinen Vorteilen (Unsterblichkeit allem voran) beitreten, aber Walter lehnt ab (hat er doch schon ein besseres Angebot von Luzifer persönlich ausgeschlagen), ebenso wie einen alternativ vorgeschlagenen Nichtangriffspakt. Ebenso wenig kann sich allerdings der Vampir mit Walters Gegenangebot, sich zukünftig im Kirchenasyl von Blutkonserven zu ernähren, anfreunden. Man vertagt sich also.

Da Esmeralda Walter nicht weiter zu helfen gewillt ist, wendet der sich an die indianische Schamanin Awanataahave, die ihm vermittelt, dass der einzige, der ihm helfen kann, sein entfremdeter Ex-Exorzisten-Azubi Frantisek, mit dem sich Walter herzhaft verkracht hat, ist. Frantisek wäre auf einem quid-pro-quo-Prinzip bereit, Walter gefällig zu sein, aber blöderweise wird er, bevor er Walter überhaupt berichten kann, welche Art Gegengefallen er wünscht, vom Objekt ebendiesem, nämlich seiner dämonisch besessenen Frau, umgebracht. Blöd das.

Aber auch der Vampir hat die Faxen nunmehr dicke. Wenn auf friedliche Weise keine Lösung zur gemeinsamen Koexistenz gefunden werden kann, und auch eine heimtückische hinterrückse Hinterlist nicht in Frage kommt, weil der Blutsauger Walter als Ehrenmann einschätzt, muss es halt sein – ein faires Duell soll den gordischen Knoten durchschlagen. Walter akzeptiert...

Inhalt:

Wir haben ja bei badmovies.de schon immer ein Herz für den deutschsprachigen Indie-Film gehabt, insbesondere, wenn der etwas mehr sein wollte als das übliche „wir schmoddern im Wald mit Kechtup“-Gedöns der Spläddakiddieschule. Ambitionierte Amateure und Semi-Profis sind ja, muss man ehrlich konstatieren, das letzte Hurra einer eigentlich großen Tradition im Bereich des phantastischen Films im deutschen Sprachraum, dessen Filmindustrie sich ansonsten ja nur noch geschichtsbewusster Problemfilme oder Weisheitszähne ohne Betäubung ziehender Schweiger-/Schweighöfer-“Komödien“ verschrieben hat. Einige der Beteiligten an unserem heutigen, aus unserem lustigen Nachbarland Österreich stammenden corpus delicti, kennen wir schon aus HERMANN MIT DER SCHNEESCHAUFEL, VAMPIRE VIENNA ist allerdings primär die Show von Vorlagen-Autor/Co-Drehbuchschreiber/Regisseur/Star/Co-Komponist Mike Lomoz, der sich hier die Rolle des erprobten Exorzisten Walter auf den Leib geschrieben hat.

Vampire sind ja als Horror-Figuren zeitlos und haben sogar den beherzten Versuch, sie zu Kuscheltraumpartnern für verblödete Teenies zu machen (TWILIGHT, ne) einigermaßen unbeschadet überstanden – witzigerweise kam einer der originelleren Vampirfilme der letzten Jahre, THERAPIE FÜR EINEN VAMPIR, ja auch aus Österreich. Mag sein, dass unsere durch die gemeinsame Sprache von uns getrennten Nachbarn aufgrund der vielzitierten Morbidität der österreichischen Gesellschaft zum Blutsaugerthema eine ganz andere kulturelle-soziologische Verbindung haben als wir Teutonen (die zum Thema dann in letzter Zeit auch nur Teen-Rave-Vampire in WIR SIND DIE NACHT beizusteuern hatten), aber es scheint , gerade in Wien, einfach nahezuliegen, sich filmisch mit Vampiren zu befassen.

VAMPIRE VIENNA versteht sich dabei in erster Linie als Komödie. Es gibt, um die Horrorfans bei Laune zu halten, auch ein paar ordentlich blutige Szenen, aber das Herzstück des Films ist das humorige Dauerduell zwischen dem ständig genervten Exorzisten und dem gut gelaunten, aber mit den Tücken der modernen Zeit (und dem geänderten Frauenbild) kämpfenden Vampir, die sich, aus oben genannten Gründen, praktisch gegenseitig neutralisieren und daher irgendwie eine Möglichkeit finden müssen, ihren Konflikt unter mehr oder minder aktiver Hilfe ihres Kontrahenten aufzudröseln. Das ist als Storylinekonstrukt, an dem der Film sich entlanghangeln kann, durchaus tauglich, auch wenn der Streifen dadurch naturgemäß episodisch spielt, von Begegnung zu Begegnung der Antagonisten springt, ohne eigentlich einen echte, sich als roter Faden durch den Film ziehenden Plot verfolgen zu müssen.

Dabei lebt der Film von den Charakterisierungen der beiden Gegner – wir haben auf der einen Seite Walter als den wind- und wettergegerbten Exorzisten, der fraglos in seiner Ahnengalerie ein paar klassische Italowestern-Antihelden stehen hat, eher ruppig im Umgang von jeglichem Idealismus lange verlassen (aber noch nicht weit genug abgerutscht, um die Angebote zum Überlaufen ernstlich in Betracht zu ziehen), auf der anderen Seite den „aus seiner Zeit“ gefallenen Vampir, der nach Jahrhunderten Schlaf als barocker Schöngeist mit klarem geschlechtlichen Rollenverständnis gewisse Anpassungsprobleme hat – der geniale Einfall des Films ist, den Vampir deutlich nach Klaus Kinski (nicht in dessen Nosferatu-Rolle, sondern vielmehr in seiner öffentlichen „Persona“) zu modellieren – von Mannerismen bis zur altmodisch-geschwurbelten „Kinski liest Poesie“-Ausdrucksweise; damit rennt man bei mir als Kinski-Fan (jaja, ich weiß, dass der Mann im Privatleben ein verabscheuungswürdiges Ekel war) offene Türen ein und der Kontrast zwischen dem genervten (Anti-)Helden und dem sich bei allen Schwierigkeiten königlich amüsierenden Vampir hat großen Unterhaltungswert.
Aber auch, wenn die beiden Figuren nicht direkt aufeinandertreffen, gibt’s sehr lustige Szenen wie des Vampirs Therapiesitzung beim Psychiater (der „viele viele Sitzungen“ prognostiziert, damit aber natürlich daneben liegen wird) oder Walters skurrile Badewannenfixierung. Die Gagfrequenz ist sicher nicht im ZAZ-Bereich angesiedelt, aber hoch genug, um auch den ein oder anderen nicht sooo zündenden Witz aufzufangen und auch wenn es über den Film verteilt nur eine Handvoll Granatengags gibt, ist die Qualität der Jokes im Durchschnitt gut genug, um als Zuschauer mit einem permanenten Grinsen über die Runden zu kommen.

Filmisch darf man natürlich bei einer kleinen Indie-Produktion keine Großtaten erwarten. Die Kameraarbeit ist meist recht schlicht auf Schuss-Gegenschuss orientiert, dafür wird versucht, über flotte Szenenwechsel, parallel erzählte Segmente, zwischen denen geschnitten werden kann, Tempo einzubringen, dass der Film, der sicher nicht viel an „Action“ aufweist, bei strikter „eins-nach-dem-anderen“-Erzählung nicht aufbringen könnte. Mit gut 75 Minuten Nettospielzeit überzieht VAMPIRE VIENNA auch seinen Goodwill nicht. Die Handvoll visueller Effekte, die benutzt wird, ist allemal im Rahmen des Sozialverträglichen für eine Ultra-Low-Budget-Angelegenheit, wohingegen mich etwas stört, dass für ähnliche Szenen (z.B. Walters Badewannenaktivitäten, seine Visionen oder die Treffen mit Esmeralda) immer das gleiche Kamera-set-up benutzt wird, was zwar unmittelbaren Wiedererkennungswert bringt, bei ständiger Wiederholung aber auch optisch etwas langweilig wirkt. Positiv zu vermelden ist der Wille, den Narrativ immer wieder mal mit einer kompletten non-sequitor-Sequenz aufzubrechen – so sieht sich der Vampir for no particular reason einen s/w-Monster-Stummfilm an, wird ein Handlungssprung ganz nonchalant mit einer Handvoll launiger Texttafeln überbrückt oder endet eine Vision, in der Walter den Vampir durch die Jahrhunderte bekämpft, mit einer Clowns-Verfolgungsjagd in einem Kinderwunderland... Und dem männlichen Auge wird mit einigen schmucken Bikini-Babes Tribut gezollt...

Ein Pluspunkt ist der eklektische Soundtrack inklusive eines großartigen Theme-Songs (für den auch ein putziges Musikvideo gedreht wurde, das meinem Online-Screener angehängt war).

Schauspielerisch ist die Sache naturgemäß etwas „uneven“ - es ist nunmal eine bestenfalls semiprofessionelle Produktion. Generell beiße ich mich etwas an der Nachsynchronisation; wiewohl ich es prinzipiell für lobenswert halte, wenn eine kleine Produktion sich den Aufwand einer Post-Synchro gönnt, ist die hiesige Version ein wenig steril und – insbesondere für Walter – etwas emotionslos; klar, Walters Charakter ist darauf ausgelegt, dass ihm der ganze Kram, in den er verwickelt wird, gelinde auf den Sack geht und er deswegen nicht mit der ganz großen inneren emotionalen Beteiligung, eh, beteiligt ist, klingt er in der Nachsynchro hauptsächlich gelangweilt, ohne großen Unterschied, ob er gerade einen belanglosen Dialog führt oder in einer Life-or-Death-Situation ist. Da hätte ich mehr schon etwas mehr Verve gewünscht, zumal die Dialoge gar nicht so schlecht sind. On-screen ist Mike Lomoz ganz in Ordnung, Dominic Marcus Singer als Vampir dagegen eine echte Schau – wie gesagt, dass die ganze Figur und ihre Performance ihr Kinski-Vorbild nicht verleugnet, ist für mich sowieso ein großes Pfund, mit dem der Film wuchert, und in seinem Fall lässt ihm die Nachsynchro auch die Zeit, auch stimmlich dem großen Vorbild eindringlich nachzueifern.

Die Nebendarsteller (von denen einige auch double duty schieben) schwanken zwischen „naja, erträglich“ bis „gut“, wobei ich nicht traurig gewesen wäre, wenn Mareen Neumann oder Emem Augendopler größere, substantiellere Parts abbekommen hätten.

Sei's drum – VAMPIRE VIENNA zeigt, dass seine Macher das Herz grundsätzlich am richtigen Fleck haben. Klar, da ist noch Luft nach oben, vor allem im technischen Bereich Kamera/Post-Production, aber meine Güte, im Vergleich zu einer typischen Schnaas- oder Rose-Produktion (die natürlich auch andere Schwerpunkte setzen, klar, die sind und produzieren für Gorebauern, was VAMPIRE VIENNA nicht anstrebt) ist das allemal CITIZEN KANE, Ideen sind auf jeden Fall vorhanden. Ich mag's, wenn mein Indie-Film nicht mehr abbeißt, als er zu schlucken im Stande ist und sich dann auch mit einem herzlichen Augenzwinkern präsentiert – das macht durchaus Laune. VAMPIRE VIENNA befindet sich gerade (Stand November 2019) auf einer Kino-Screening-Tour. Wer ein Herz für hausgemachte Low-Budget-Horror-Comedy hat, nicht alles auf die Goldwaage legt, mit der ein oder anderen technischen Unzulänglichkeit leben kann, solange der Spaß, den die Macher haben, sich auch auf den Zuschauer zu übertragen vermag, der sollte, wenn der Film in seine Gegend kommt, den Abend Zeit nehmen.

© 2019 Dr. Acula


BOMBEN-Skala: 6

BIER-Skala: 7


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