U-Boot in Not


  • Deutscher Titel: U-Boot in Not
  • Original-Titel: Gray Lady Down
  •  
  • Regie: David Greene
  • Land: USA
  • Jahr: 1978
  • Darsteller:

    Charlton Heston (Capt. Paul Blanchard), David Carradine (Capt. Gates), Stacy Keach (Capt. Bennett), Ned Beatty (Mickey), Stephen McHattie (Murphy), Ronny Cox (Cmdr. David Samuelson), Dorian Harewood (Fowler), Charles Cioffi (Admiral Barnes), Jack Rader (Harkness), Antony Ponzini (Caruso), Michael O'Keeffe (Harris), Christopher Reeve (Phillips), Robert Symonds (Minister), Charles Cyphers


Vorwort:

Für Captain Paul Blanchard von der US Navy soll es eigentlich eine launige Abschiedstour werden – er darf sein frisch überholtes Atom-U-Boot „Neptune“ noch einmal im Atlantik Gassi führen, ehe er es an seinen bisherigen ersten Offizier Dave Samuelson übergibt.

Dementsprechend ist die Stimmung an Bord ziemlich gelöst. Blanchard ordnet an, die Heimfahrt aufgetaucht zu absolvieren. Schlechte Idee bei dichtem Nebel und vor allem dann, wenn auf Kollisionskurs ein norwegischer Frachter liegt, dessen Radar ausgefallen ist und dessen Kapitän sich ob dessen Umstands nicht sonderlich in die Seemansbuxe macht. Es kommt zum Crash – die „Neptune“ wird schwer beschädigt und sinkt auf 1450 Fuß Tiefe an den Rand eines unermesslich tiefen Canyons.

Für Blanchard und die weiteren Überlebenden des Unglücks beginnt das bange Warten – wird das Boot, das jenseits seiner offiziellen Belastungsgrenzen liegt, durchhalten, bis eine Rettungsmission das Boot überhaupt findet?

Die Navy legt die Rettungsmaßnahmen in die Hände von Colonel Bennett, einem alten Freund Blanchards. Ein Tiefseerettungsvehikel ist auch bereits auf dem Weg und nach einigen Stunden gelingt es dem Rettungsschiff, Kontakt mit der „Neptune“ aufzunehmen. Dort versucht Blanchard, seine Crew – und vor allem seinen Ersten, der nicht unmissverständlich den Captain für den Unfall verantwortlich macht – bei Laune zu halten. Leider ist das Gebiet, in dem die „Neptune“ sich zur Ruhe gebettet hat, recht unruhig. Erdrutsche erschüttern das U-Boot und, was noch dramatischer ist, verschütten die Ausstiegsluke, an dem das Rettungsvehikel andocken könnte.

Bei der Navy erinnert man sich an Captain Gates, einen erfinderischen und eigenbrötlerischen Navy-Hund, der ein experimentielles Tiefsee-Tauchboot, das mit allen technischen Schikanen UND einem Greifarm, der die Luke freiräumen können sollte, ausgestattet ist. Gates und sein Helfer Matty machen sich prompt auf den Weg – Bennett ist nicht begeistert, da Gates von der traditionellen Rang-Autorität nicht sonderlich viel hält. Gates‘ Frohsinn hält sich auch in Grenzen, da Bennett ultimativ anordnet, dass einer seiner Männer mit Gates den Tauchgang durchführen soll und nicht der mit dem Gerät erfahrene Matty. Prompt entdeckt Gates nicht etwa das gesunkene U-Boot, sondern nur einen alten Cadillac, der vor Jahren als Übungsziel versenkt wurde. Bennett muss einsehen, dass es wohl gewinnbringender ist, das eingespielte Team einzusetzen.
Im zweiten Anlauf entdeckt Gates die „Neptune“ und kann mit Klopfzeichen Kontakt zu den Eingeschlossenen aufnehmen, denen mittlerweile die Funkverbindung wieder abhandengekommen ist. Das Freiräumen der Luke klappt, allerdings reißen die Hiobsbotschaften nicht ab. Ein weiterer Erdstoß bringt die „Neptune“ in eine (nicht so stabile) Seitenlage – dumm, weil das Rettungsfahrzeug nur andocken kann, wenn das Boot einigermaßen gerade liegt.

Blanchard verfällt auf den riskanten Plan, die Pressluftvorräte der Neptun auszublasen, um so das Boot aufzurichten. Hat noch niemand versucht und ist kein garantierter Erfolg, aber was will man machen? Das Unternehmen könnte sogar klappen, läge da nicht ein großer Felsbrocken im Weg, der die „Neptune“ in einer unzureichenden Position einklemmt…

 

Inhalt:

Als das moderne Blockbuster-Kino 1975 mit „Der weiße Hai“ sein grimmiges Haupt erhob, war das für die weltweite Filmproduktion – und natürlich primär für Hollywood – eine echte Wasserscheide. Praktisch die komplette Filmhistorie kann in eine Zeit vor und eine nach „Jaws“ eingeteilt werden; für das Kino als rein wirtschaftlich zu betrachtendes Kommerzprodukt war der durch Spielberg eingeläutete Paradigmenwechsel womöglich bedeutender als der Übergang vom Stumm- zum Tonfilm oder die flächendeckende Einführung des Farbfilms.
 
Aber natürlich vollzog sich der Übergang vom klassischen Hollywood-Kintopp zum GROSSEN Event-Movie (oder „tentpole release“, wie man’s heutzutage nennt) nicht über Nacht, für eine kurze Übergangsphase, die man vielleicht maximal bis 1980/81 datieren kann, wurden noch Filme nach der alten Schule (und mit den „alten“ Stars) gemacht. „Gray Lady Down“ aka „U-Boot in Not“ ist einer dieser Filme, der noch nach dem bewährten Rezept des namhaften Ensemble-Casts konstruiert wurde und, ganz nebenbei, auch einer der letzten klassischen Katastrophenfilme im Irvin-Allen-Style (auch wenn der ausnahmsweise mal nix mit der Produktion zu tun hatte).
 
Für die Filmfassung eines Romans von David Lavallee trommelte Walter Mirisch (vermutlich am bekanntesten für die von ihm produzierte „Pink Panther“-Reihe) ein nicht überwältigendes, aber respektables Star-Ensemble zusammen. Angeführt wurde die geballte Testosteron-Power von Charlton Heston, dem Alpha-Männchen des Hollywood-Kinos der 60er und frühen 70er schlechtin, zur Seite gestellt wurden ihm Stacy Keach, der frisch vom „Kung Fu“-Ruhm bestrahlte David Carradine, Ned Beatty, Ronny Cox, und, in seinem ersten notierten Filmauftritt (an 16. Stelle im Cast geführt) Christopher Reeve. Die Wahl des Regisseurs ist ein wenig überraschend – der Brite David Greene war primär einer für die Fischkiste, für die er seit den 50er Jahren überwiegend tätig war, und der sich nur gelegentlich ins Kino verirrte, und dann auch nicht unbedingt mit actionhaltigen Stoffen (er inszenierte einen Großteil von „Reich und Arm“ und übernahm den Job bei „World War III“, als Boris Segal es für eine gute Idee hielt, in einen Hubschrauberheckrotor zu laufen).

Auch hier ist zu verzeichnen, dass das Script versucht, einen ausgesprochen realistischen Ansatz zu finden, sich der Sache zu nähern – was bei einer „isolierten“ Katastrophe wie einem U-Boot-Unglück natürlich einfacher ist als bei einem Erdbeben... Man muss nicht viele spekulative Elemente einbauen, um Spannung einzubringen, das Szenario alleine sorgt für die nötige Suspense, also sind „Einzelschicksale“, die beim ganz großen Katastrophenfilm wie „Erdbeben“ oder „Flammendes Inferno“ das Zuschauerinteresse hoch halten sollen (und das Staraufgebot beschäftigen) nicht nötig. Wer vom Überlebenskampf der im U-Boot eingeschlossenen Überlebenden nicht gepackt ist, ist ein herzloser Gnom und wäre vermutlich auch nicht zu rühren, wenn im U-Boot noch eine herzkranke Oma auf dem Weg zu ihrer im Koma liegenden Enkelin sitzen würde, um ihr einen kleinen süßen Hund zu schenken.

„U-Boot in Not“ spielt sich daher ausgesprochen geradlinig – wir haben das Unglück gleich zu Beginn (gemäß der Genre-Maxime „zeig die Katastrophe in den ersten zehn Minuten oder gar nicht“), die Rettungsmaßnahmen werden professionell eingeleitet, aber durch ungünstige Umstände immer wieder verkompliziert. Mehr „drama“ braucht der Film nicht – für persönliche Animositäten ist kein Platz und an den zwei Stellen, an denen das Script droht, ein wenig zu seifig zu werden, wird der Kurs schnell wieder korrigiert (Daves kurzfristiges Rumgenöle, wonach Blanchards Leichtsinn das Unglück ausgelöst habe, und Bennetts anfänglicher Unwille, auf Gates' Expertise zu hören). Der Wille von Script und Umsetzung, nicht auf Teufel komm raus irgendeinen künstlichen Konflikt zu integrieren, nur, um Genregepflogenheiten zu bedienen, lässt „U-Boot in Not“ beinahe schon wie ein Dokudrama wirken (das wird z.B. auch durch das praktisch vollkommene Fehlen von Frauenrollen dokumentiert – es gibt ein oder zwei ganz kurze Szenen mit Blanchards Frau, die über den Unfall informiert wird, aber das ist es dann auch schon; Frauen haben bei der Rettungsaktion nichts verloren, also kommen sie im Film nicht vor. Das würde Rufus Excalibur ffolkes wohlwollend goutieren).

Was natürlich nicht fehlen darf, ist Heldenpathos inklusive heroischer Opfergänge – als Genrekenner kann man natürlich vorhersagen, wer wann seinen Großen Moment (TM) haben wird. Ebenso selbstverständlich ist, dass die US Navy, trotz des kurzen Alphamännenkabbelns zwischen Bennett und Gates, hervorragend wegkommt. Es ist, wie sollte es auch anders sein, ebenso Katastrophenthriller wie Leistungsschau des Militärs, das hier stolz sein reales Deep Sea Rescue Vehicle präsentiert (auch das Mini-U-Boot von Gates hat eine reale Entsprechung), und stolz sein effektives Katastrophenmanagement ins rechte Licht rückt. Sogar die aufkommende Umweltbewegung bekommt – im Jahr des Three Mile Island-Zwischenfalls – einen wohlwollenden Nod: als der US-Marineminister über den Unfall informiert wird, ist tatsächlich die allererste Frage die geklärt wird, ob eine Reaktorkatastrophe zu befürchten ist, was glücklicherweise (natürlich dank der hervorragenden und selbstlosen Arbeit der Reaktor-Crew) nicht der Fall ist.

Regisseur Greene kann also auf die vollständige Kooperation der Navy zählen – gedreht wurde auf den echten Rettungsschiffen mit dem echten Material. Unter Wasser regieren kompetente Modelltricks. Das U-Boot-Set ist detailfreudig und glaubwürdig. Handwerklich gibt’s nichts auszusetzen. Steven Larner („Badlands“, „Twilight Zone – The Movie“) gelingen einige mitreißende Bilder, der Score von Jerry Fielding („The Wild Bunch“, „Wer Gewalt sät“) bedient die zu erwartenden Knöpfe auf nicht herausragende, aber funktionierende Weise.

Das vorgelegte Tempo ist zügig, die Spannungsschraube wird ordentlich angezogen.

Das Ensemble lässt sich auch nicht lumpen. Charlton Heston, bärtig, dafür aber jovial, spielt ein wenig gegen sein Image an. Klar, er ist auch hier ein Alpha-Männchen, aber eines, das nicht viel tun kann. Die Situation verurteilt ihn weitgehend zur Passivität, er kann wenig dazu tun, die Lage zu verbessern, muss sich darauf beschränken, als Motivator und personifizierter Hoffnungsträger seine Crew bei Laune zu halten, quasi also durch Präsenz, Körpersprache und Attitüde überzeugen anstatt durch Aktion. Das gelingt ihm durchaus gut. Ronny Cox („Beverly Hills Cop“, „Total Recall“) genießt zwar hohes Billing, hat aber nicht sehr viel zu tun und seine „mood swings“ sind, sorry to say, nicht sehr überzeugend. Schon besser ist Stacy Keach („Mike Hammer“, „Die Klasse von 1999“) als Koordinator der Rettungsmaßnahmen, dem man abnimmt, dass er Blanchard und seine Crew um jeden Preis – auch eben um den seiner disziplinarischen Prinzipien – retten will. David Carradine meldet sich erst zur Filmmitte zum Dienst – auch für DC ist es eine eher untypische Rolle, weil völlig „unphysisch“, aber er bewältigt sie gut. Ned Beatty („Deliverance“) sorgt als sein kleiner dicker Mechaniker für ein wenig humoristische Auflockerung.

An Bord der Neptune sind auch noch einige bekannte Namen tätig – der junge Stephen McHattie („Pontypool“, „The Fountain“) als stellenweise überenthusiastischer junger Offizier, Dorian Harewood („Full Metal Jacket“, „Sudden Death“) als Crewman, der aufgrund rudimentärer medizinischer Kenntnisse zum Bordarzt befördert wird und Antony Ponzini („Friday the 13th, Teil 4“, „Hardbodies“, „Night of the Running Man“). Über der Oberfläche wären neben dem erwähnten Christopher Reeve (der nicht viel Dialog, aber verhältnismäßig viel Screentime hat und sehr gut besorgt kucken kann) Charles Cioffi („Shaft“, „Klute“) als Admiral, Michael O'Keeffe („Caddyshack“, „Wolfsmilch“, „Roseanne“), Carpenter-Spezi Charles Cyphers („Das Ende“, „Halloween“) und Robert Symonds („Der Exorzist“, „Superstition“, „Krieg der Eispiraten“) als Marineminister zu erwähnen.

Die Blu-Ray von WVG bietet gute Bild- und Tonqualität, allerdings bis auf den Trailer keine Extras.

Freunde des gepflegten Old-School-Katastrophenfilms müssen hier eigentlich zuschlagen – als Genrenachzügler ist er in der breiten Wahrnehmung sicher etwas unter Wert geschlagen, aber das zu unrecht, es ist ein spannender, aufwendiger und überwiegend gut gespielter Genrevertreter, der vielleicht nicht mit der allerersten Garde („Poseidon Inferno“, „Flammendes Inferno“) mitspielen kann, aber es sich sicher in der Verfolgergruppe gemütlich einrichten kann.

© 2019 Dr. Acula


BOMBEN-Skala: 7

BIER-Skala: 2


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