Transsiberian


  • Deutscher Titel: Transsiberian
  • Original-Titel: Transsiberian
  •  
  • Regie: Brad Anderson
  • Land: Großbritannien/Spanien/Deutschland/Litauen
  • Jahr: 2008
  • Darsteller:

    Woody Harrelson (Roy), Emily Mortimer (Jessie), Kate Mara (Abby), Eduardo Noriega (Carlos), Ben Kingsley (Grinko), Thomas Kretschmann (Kolzak)


Vorwort:

Das Ehepaar Roy und Jessie hat mit Gottes Segen in Peking bei einem kirchlichen Projekt mit Hand angelegt. Die Rückreise in die Staaten haben sie, weil Roy beinharter Eisenbahn-Fan ist, mit der Transsibirischen Eisenbahn über Moskau gebucht. Dank Roys leutselig-jovialer Art findet man schnell Anschluss bei den Abteilgenossen, dem Backpacker-Pärchen Carlos und Abby. Jessie kommt die Kombination des aufdringlich-fröhlichen Carlos und der eher zurückhaltend-schüchternen Abby zwar komisch vor, aber als Roy bei einem Zwischenstopp die Weiterfahrt verpasst und erst mit dem nächsten Zug nachkommen kann, nimmt sie dankbar das Angebot an, in einem russischen Provinzkaff mit Carlos und Abby auf Roy zu warten. Carlos drängt ihr einen Ausflug zu einer Kirchenruine auf, wo er ihr recht unbefangen zu verstehen gibt, dass er ihr sofort und auf der Stelle in den Schlüpfer steigen möchte und dies nötigenfalls auch gegen den erklärten Widerwillen der Schlüpferbesitzerin. Jessie handelt so, wie es jede vernünftige Frau tun würde, schlägt Carlos tot und verbuddelt seine Leiche im Schnee. Wieder mit Roy vereint, geht die Reise weiter. Neuer Abteilgenosse ist ausgerechnet der russische Drogenbulle Grinko, der sich sehr für das lustige Backpacker-Paar interessiert und die These äußert, bei den beiden könnte es sich um Drogenkuriere gehandelt haben. Jessie, die sich die Story aus den Fingern gezogen hat, Carlos und Abby hätten sich einfach verdünnisiert, stellt bei Überprüfung ihres Gepäcks fest, dass der fiese Carlos ihr tatsächlich Rauschgift untergeschoben hat. Als zudem Abby Carlos als vermisst meldet und sich herauskristallisiert, dass Jessie die letzte ist, die ihn gesehen hat, gerät Jessie in arge Nöte, ihr Lügengebilde einigermaßen aufrecht zu erhalten und verwickelt sich zunehmend in Widersprüche, die Grinko hellhörig werden lassen – und ausgesprochen lästigerweise interessiert sich Grinko nicht seiner Polizeimarke halber für die Sache, sondern, weil er einem Drogenkartell angehört und Carlos diesem eine nicht unbeträchtliche Menge Bargeld gezwickt hat…

Inhalt:

Auch „Transsiberian“ war einer der Filme, die SOFORT nach Sichtung des FFF-Programms auf des Docs „muss-ich-unbedingt-sehen“-Liste standen. Immerhin handelt es sich um das neueste Werk von Brad Anderson, und den hatte ich nach The Machinist aus grundsätzlich Erwägungen heiliggesprochen (was mich nicht daran hindert, erstens seine „Masters of Horror“-Folge noch nicht gesehen zu haben und zweitens zuzustimmen, dass „The Machinist“ nicht so verzwickt und komplex ist, wie er gern wäre, also eher „Lynch-light“, trotzdem aber für meine Begriffe ein herausragender Film ist).

Für sein neuestes, wieder hauptsächlich mit spanischen Mitteln entstandenes Werk hat sich Anderson von der Realitätsverdreherei verabschiedet und sich herkömmlicher Thrillerkost gewidmet. Muss ja nichts heißen, kann ja durchaus auch schmackhaft sein. Für das für europäische Verhältnisse stolze 15-Mio-Dollar-Budget konnte Anderson sich auch einen namhaften Cast leisten (auch wenn man konstatieren muss, dass sowohl Woody Harrelson als auch Ben Kingsley, die beiden Zugpferde des Ensembles, vom Renomée her ihre besten Zeiten hinter sich haben). Jedoch plagt sich „Transsiberian“ mit einem, gerade für einen spannungsgeladenen Thriller, schwerwiegenden Problem – die Geschichte ist nicht tragfähig für einen zweistündigen Film…

Zwei Ursachen sind hier hauptsächlich zu nennen – erstens ist das „Mystery“, also der Aufhänger der Geschichte, zu schwach – und da wir als Zuschauer ziemlich genau wissen, was abgeht (bis auf den Umstand, dass Carlos ihr Drogen zugesteckt hat, was wir uns aber auch zusammenreimen konnten, weil die entsprechende Szene ultra-offensichtlich aufgesetzt ist), kommt eine „wie-und-warum“-Spannung von Haus aus nicht auf. Problem Nummer 2 ist, dass wir offensichtlich mit Jessie sympathisieren sollen, zumindest mir aber auf Anhieb (und auch nach längerer Überlegung) kein rechter Grund einfallen will, warum… Wir haben’s hier mit einer Variante des beim letztjährigen FFF geprüften Black Water-Syndroms zu tun; dort kamen die Charaktere nur in Gefahr, wenn sie sich bewusst dafür entschieden. Hier ist’s – unter völlig anderer Prämisse freilich – ähnlich. Jessie ist nur in Gefahr, weil sie sich fortgesetzt um Kopf und Kragen redet; sie hat mehrfach die Chance, aus ihrer Lügengeschichte auszusteigen bzw. sie hätte gar nicht erst reinkommen müssen, da’s ihr ein Leichtes gewesen wäre, gegenüber den russischen Behörden anzugeben, Carlos habe sie zu vergewaltigen versucht und sie ihn in Notwehr getötet; ich kann noch verstehen, dass es nach Möglichkeit vermeiden will, in die unberechenbaren Mühlen russischer Justiz zu geraten, aber Roy hätte schließlich die US-Botschaft alarmieren können mit allen diplomatisch-juristischen Folgen einer solchen Aktion. Es fällt also schwer, so etwas wie eine innere Verbundenheit mit Jessie aufzubauen, und auch die halbseidenen Versuche des Films, ihrer Lügerei eine gewisse moralische Rechtfertigung mitzugeben, können nicht überzeugen: weder ihre mehrfach in Bezug genommene „wilde“ Vergangenheit, die zu implizieren scheint, dass ihr das Leben an der Seite des Weichspül-Langweiler-Schattenparkers Roy zu öde ist und sie deshalb in der Räuberplotte einen Kick sieht (was aber letztlich durch’s Script und Mortimers Performance nicht gedeckt wird), noch die Etablierung Grinkos als fiesem Finger und Lakaien der Drogenbarone (denn auch dem wäre es im Zweifelsfall sicher lieber gewesen, das Problem des verschwundenen Geldes einfacher zu lösen). Es macht Jessie auch nicht sympathischer, dass sie durch ihr permanentes Lügen nicht nur Roy in Lebensgefahr bringt, sondern (SPOILER) sogar dabei zusieht, wie die Grinko mittlerweile ins Netz gegangene Abby brutal gefoltert wird (SPOILERENDE). Ginge es um einen wirklich lebensbedrohenden Umstand (d.h. man würde Roy die Gurgel durchschneiden, WENN sie etwas sagt), könnte man damit ja noch irgendwie umgehen, aber es ist ja nicht so, dass Jessie etwas davon * hat *, wenn sie die Wahrheit hartnäckig verschweigt. Kurz gesagt – mir fehlt jegliche moralische Rechtfertigung für Jessies Verhalten, was sie als Protagonistin völlig untauglich macht.

Vielleicht kommt ein unbefangener Beobachter aber gar nicht erst bis zu dieser Erkenntnis, weil der Film viel zu lange braucht, um in die Puschen zu kommen. Bis sich Anflüge einer echten Geschichte schüchtern zeigen, ist schon ’ne dreiviertel Stunde verstrichen (der Wortvogel beugte sich an der Stelle schon mal rüber und fragte: „Das mit dem ‚was passieren‘ kommt noch, oder?‘). Leider wird’s halt auch nicht viel intensiver, wenn wir dann endlich zur eigentlichen Story gekommen sind – erst die letzten 20-25 Minuten ziehen deutlich an (nominell dann, wenn Grinko seine Maske fallen lässt und sich offiziell als schuftiger Schuft outet) – dann allerdings ergibt sich der Film relativ kampflos den üblichen Klischees (und da wird dann auch aus Weichflöte Roy ein Actionheld, dem dazu noch seine Eisenbahn-Liebe zu Hilfe kommt). Zu allem Überfluss erlebt der Schurke dann noch nicht mal eine zünftige come-uppance (sofern man nicht eh davon ausgehen will, dass der eigentliche Schurke des Stücks Jessie ist), und dann tackern Anderson und sein Co-Writer Will Conroy noch einen selten dämlichen Epilog dran, über dessen Idiotie ich mich nicht mal mehr sonderlich aufregen mag – ist schlecht für den Blutdruck.

Das alles wird von Brad Anderson handwerklich untadelig, aber auch ohne jeden Anflug der noch vom „Machinist“ gewohnten Innovation heruntergefilmt. Xaví Gimenez, der auch den „Machinist“, aber auch „Clever & Smart“ fotografierte (und Balaguenos „Darkness“ und „The Nameless“) gelingen zwar gefällige Bilder des winterlichen Sibiriens (für das als Double Litauen herhalten musste, was aber recht unproblematisch ist), aber alles ist betulich, unspektakulär, sieht im Endeffekt mehr nach langatmigem TV-Zweiteiler als nach echem Kinothrill aus. Mag sein, dass Thematik und Mechanismen eines ordinären Crime-Thrillers Anderson nicht liegen, aber er hat sich den Stoff selbst ausgesucht und selbst co-geschrieben, also kann ich nicht umhin, als ihm hier zu bescheinigen, dass er dafür einfach kein Händchen hat und es besser lassen, sprich im Bereich der Phantastik bleiben sollte. „Transsiberian“ dümpelt vor sich hin, entwickelt keine Fahrt, kein Tempo, keine Spannung.

Ein eindrucksloser Score von Alfonso Villalonga reißt ebensowenig raus wie die Tatsache, dass es sich auch um einen im Wortsinne ausgesprochen blutarmen Thriller handelt; die Effektkünstler haben nicht viel zu tun, memorabel bleibt höchstens die kurze Folter-Sequenz, die die arme Abby aushalten muss, die aber im Vergleich zum Restfilm dann schon wieder aufgesetzt und wie eine Konzession an die „Hostel“-Fan-Fraktion wirkt (schließlich können wir heutzutage keinen Film mehr im ehemaligen Ostblock ansiedeln, in dem nicht irgendwo sadistisch gefoltert wird, gelle? Vielen Dank dafür nochmal, Herr Roth).

Auch mit dem Ensemble hab ich so meine liebe Müh und Not. Woody Harrelson leistet sich den Luxus, der topgebillte Star zu sein, aber für das Filmprozedere an sich eigentlich herzlich unnötig zu sein – während der „entscheidenden“ halben Stunde ist er überhaupt nicht präsent und auch davor und danach braucht’s ihn bestenfalls als Stichwortgeber, der durch sein gutes Verhältnis mit Grinko Jessie tiefer in die Kacke reinreitet. Es ist eine undankbare Rolle – vielleicht leicht zu spielen, aber eben nichts, womit man sich auszeichnen könnte. Insgesamt scheint mir Harrelson ein Bilderbuchbeispiel dafür zu sein, wie Produzenten einen namhaften, aber eben noch so bezahlbaren „Star“ für’s Marketing einkaufen, ohne dass wirkliche Not dafür, einen solchen name actor dabei zu haben, besteht.

Emily Mortimer („Scream 3“, Young Adam, „The Pink Panther“) hat das schon oft von mir angesprochene Problem, dass ein so massiv falsch geschriebener Charakter wie ihre Rollengestalt auch höherklassigere Mimen vor unlösbare Aufgaben stellen würde. Sie müht sich redlich, aber in keiner Sekunde kann sie vermitteln, warum Jessie so seltsam tickt, wie sie’s tut. Sorry. Kate Mara („24“, „Zoom“, „Brokeback Mountain“, „Urban Legends: Bloody Mary“) sieht gut aus, hat zumindest die einzig wirklich memorable Szene als Folteropfer, aber auch ihr macht das Script den entscheidenden Strich durch die Rechnung (in dem Fall nämlich den, warum sie überhaupt mit Carlos rumhängt). Aber ich will auch loben, wo’s angebracht ist: Eduardo Noriega („Guerreros“, „Che Guevara“) macht als Carlos einen ziemlich guten Job, Thomas Kretschmann („King Kong“, „Wanted“) ist als Henchman verlässlich, sollte aber langsam aufpassen, dass seine vielversprechende internationale Karriere durch ihm letztlich nicht wirklich weiterhelfende Nullitäten-Rollen nicht wieder entgleist (und hoffentlich wurde auch er nicht nach Worten bezahlt, der hat nämlich maximal zehn…). Ben Kingsley, bei dem’s immer eine Frage der Motivation ist, ob er was reißen kann oder will (bei Boll würde ich auch nicht unbedingt wollen) ist gut aufgelegt, spielt den jovialen Kumpel-Bullen mit dem düsteren Gangster-Geheimnis charmant und lustig genauso gut wie sadistisch-gnadenlos – eine der besseren Vorstellungen aus Kingsleys Spätwerk.

Aber ein Kingsley in guter Form allein reicht nicht aus, um aus einem zweistündigen Langweiler einen unterhaltsamen Film zu machen. Es bleibt dabei: „Transsiberian“ gibt einfach von seiner Storykonstruktion keinen epischen 111-Minuten-Film her; es wäre mühselig genug, aus der Plotte eine brauchbare 45-Minuten-Serienfolge zu destillieren. Schade – nach Aja (mit Mirrors) geht mit Anderson ein weiterer meiner „new hopefuls“ der letzten Jahre vor die Hunde. „Transsiberian“ ist einfach, ich kann’s nicht anders ausdrücken, angesichts eines überragenden Films wie „The Machinist“ eine bittere Enttäuschung und trotz Totalgraupen wie Virus Undead oder 36 Steps für mich vielleicht die größte Enttäuschung des Festivaljahrgangs 2008. Von den genannten Mistfilmen hatte ich nichts erwartet – von Anderson allerdings mindestens deutlich Überdurchschnittliches; und wenn’s dann (auch nur aufgrund des essentiellen Handwerks) für ein „mit viel gutem Willen und allen zugedrückten Hühneraugen gerade eben so knapp durchschnittlich“ (und das ist schon mit allem Fanboy-Bonus, den ich aufbringen kann) reicht, ist das halt verdammt wenig. Meine Empfehlung an Mr. Anderson: von normaler Thrillerkost die Finger lassen und wieder „weird fiction“ machen. Das ist eher Ihr Metier, Sir.

2/5
(c) 2008 Dr. Acula


mm
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