Totgemacht – The Alzheimer Case


  • Deutscher Titel: Totgemacht - The Alzheimer Case
  • Original-Titel: De Zaak Alzheimer
  • Alternative Titel: The Alzheimer Case
  • Regie: Erik van Looy
  • Land: Belgien
  • Jahr: 2003
  • Darsteller:

    Koen de Bouw (Vincke), Werner de Smedt (Verstuyft), Jan Decleir (Ledda), Jo de Meyere (Baron de Haack), Hilde de Baerdemaeker (Linda), Geert van Rampelberg (Coemans), Gene Bervoets (Seynaeve)


Vorwort:

Belgien 1995 – Kriminalkommissar Vincke versucht, einem Kinderprostitutionsring auf die Schliche zu kommen. In einem Undercover-Einsatz gelingt es ihm wenigstens, die zwölfjährige Bieke aus den Klauen ihrer Missbraucher zu retten. Die Hintermänner des Verbrecherrings heuern den alternden Auftragskiller Ledda an, das Mädchen und einen anderen potentiellen Zeugen auszuknipsen. Mit letzterem hat Ledda kein Problem, aber Kinder – nein, Kinder bringt man nicht um, erst recht nicht, nachdem Ledda hherausgefunden hat, worum’s eigentlich geht. Trotzdem liegt Bieke wenig später tot im Kanal – entsetzt wendet sich Ledda gegen seine Auftraggeber, doch da gibt’s ein kleines Problem (das der Titel sanft andeutet). Er leidet unter Alzheimer und sein Gedächtnis ist nicht mehr so ganz perfekt in Schuss. Trotzdem gelingt es ihm, den ihn verfolgenden Vincke, der das Puzzle erst mühselig zusammensetzen muss, an der Nase herumzuführen, wobei beide Männer eigentlich das gleiche Ziel verfolgen – sie wollen die Hintermänner, doch die wissen sich zu schützen…

Inhalt:

So langsam trudeln die ersten Filme, die vor wenigen Wochen noch beim Fantasy Film Fest gelaufen sind, auf DVD ein. Auch der belgische Thriller „De Zaak Alzheimer“ (den etwas dümmlich auf dem Götz-George-Film aufsetzenden deutschen Titel „Totgemacht“ hätte sich der deutsche Distributor ebenso wie den geschmacklosen Claim „Der Fall Dutroux war erst der Anfang“ allerdings mit Fug, Recht und meinem Segen schenken können) tourte mit dem FFF durch Deutschland und wird jetzt von Sunfilm auf Disc veröffentlicht.

Ich nehm’s mal vorweg – der Film ist Hammer und ich ärgere mich jetzt um so mehr, dass ich mir den nicht beim FFF angesehen habe. Die Story ist packend – nicht nur aufgrund ihres brisanten Themas (dessen Umsetzung beweist, dass man, im Gegensatz zum US-Produkt „A Promise Kept“ durchaus einen exzellenten Spannungsfilm zum Thema Kindesmissbrauch auf die Beine stellen kann) und ihres Kniffs, den Killer Ledda (der allerdings nicht so die alleinige Hauptfigur spielt, wie es z.B. der Klappentext behauptet, dazu gleich noch was) mit Gedächtnislücken auszustatten (gut, der ein oder andere wird sicher an „Memento“ denken, wenn Ledda sich Memos an sich selbst auf den Unterarm schreibt. Es sei erwähnt, dass „De Zaak Alzheimer“ auf einem zwanzig Jahre alten Roman basiert). Die Geschichte funktioniert auf allen Ebenen – auf der eines Psychoduells zwischen Vincke und Ledda (die mindestens gleichberechtigte Figuren sind. Regisseur Van Looy gibt zu, dass er sich dieser Beziehung auf der Basis von Michael Manns „Heat“ angenähert hat), auf der eines mörderspannenden Thrillers und auf der direkt zupackenden Ebene des verdammenswerten Kindesmissbrauchs. Obwohl Van Looy dem Vernehmen nach die politischen Elemente der Romanvorlage zurückgefahren hat, verteilt der Film genügend Seitenhiebe auf die kaputte belgische Gesellschaft, in der Fälle wie Dutroux möglich und von höchsten Kreisen offenbar gedeckt werden. Vincke kämpft nicht nur gegen die verbrecherischen Elemente, sondern auch gegen missliebige Kollegen und Vorgesetzte, rivalisierende Behörden, die lieber keinen Ermittlungserfolg haben als mit zu kooperieren, mafiöse Strukturen auf allerhöchster Ebene bis hin in die hohe Politik, Staatsanwälte, die einflussreiche Persönlichkeiten decken oder vorwarnen, das alles führt der Film an schweren Geschützen auf und gewinnt so, gerade wenn man sich die realen Begebenheiten im Dutroux-Fall vor Augen hält, eine bitter-gallige Aktualität.

Aber keine Missverständnisse – Über all seine Schärfe vergisst der Film nie den Nervenkitzel. Van Looy selbst sagt, dass er einen Film im Stile von David Fincher u.ä. realisieren wollte und das gelingt ihm verdammt gut. „De Zaak Alzheimer“ ist düster, nervenzerfetzend und überragend gefilmt (dank hervorragender Regieeinfälle – wie setzt man Alzheimer aus Sicht des Betroffenen filmisch um? Van Looys Antwort: in bruchstückhaften Flashback-Sequenzen von Erinnerungsfragmenten, an deren Ende Ledda ratlos irgendwo steht oder sitzt und verzweifelt überlegt, was gerade eigentlich passiert ist. Auf diese Weise lässt der Film auch geschickt die vielleicht entscheidende Frage offen, ob Ledda Bieke getötet hat oder es doch ein anderer gedungener Killer war). Der mit dem für belgische Verhältnisse enormen Budget von 2,5 Mio. Euro entstandene Film hat einen ausgezeichneten Look (und lässt mich wieder mal traurig darüber räsonnieren, warum man in Frankreich, Schweden, Belgien, Dänemark, ja scheinbar überall in Europa – technisch gesehen – hollywoodreife Actionfilme und Thriller drehen kann, aber nicht bei uns. Es ist eine Schande) und enormen Drive, obwohl der Film sicher keine Tempoorgie ist. Es gibt einige Actionsequenzen, die hoch professionell ausgefallen sind, aber nie die eigentliche Story in den Hintergrund drängen. Auch wenn der DVD-Klappentext wieder mal vom „Actionthriller“ faselt, das Schwergewicht liegt auf Thrill und das ist auch gut so. Wenn man mal ein paar tausend Filme gesehen hat, ist man nicht mehr so leicht zu beeindrucken und daher ist es schon ein verdammt großes Kompliment, wenn ich behaupten kann: Die letzten vierzig-fünfundvierzig Minuten des Films saß ich atemlos gespannt vor der Glotze (bzw. dem PC-Monitor, dazu unten bei der Technik) und knabberte mir fast die Fingernägel ab. Kommt nicht oft vor, ist also Ausdruck höchster Wertschätzung. 118 Minuten klingt zwar zunächst nach einer verdammt langen Laufzeit, aber ich möchte keine Sekunde missen, im Gegenteil, „De Zaak Alzheimer“ ist einer der extrem seltenen Fälle von Film, die für mich gerne noch drei Stunden länger hätten sein können.

Wie gesagt, das ist filmisch auf allerhöchstem Niveau (abgesehen von ein paar Anachronismen, die daher rühren, dass man den Streifen im Jahr 1995 angesiedelt hat), mit ausgezeichneter Kameraführung, mitreißendem Schnitt und einem exzellenten Score. Härtemäßig sind keine „Sieben“-mäßigen Abgründe zu erwarten, es gibt den ein oder anderen knackigen Einschuss und eine Szene, die ich mal salopp als „splattrig“ bezeichnen möchte, aber der Film bezieht seine enorme Spannung und seine ganze Kraft nicht aus spekulativen Härten, sondern aus der intelligenten, clever konstruierten und dazu noch glaubwürdigen Geschichte, hier passen mal Style und Content hervorragend zusammen. Ein Riesenkompliment an Erik van Looy, der mir persönlich absolut kein Begriff war (ich hab die belgische Szene zugegebenermaßen nicht wirklich verfolgt. 1999 drehte er eine Dramödie ums Filmbusiness mit Mickey Rourke namens „Shades“), aber sich hier wirklich für große Aufgaben empfiehlt (der Meister selbst ist dem Gedanken an ein Sequel um die Kriminaler Vincke und Verstuyft nicht abgeneigt, es gibt wohl noch einige Romanvorlagen).

Auch schauspielerisch gibt’s große Kunst zu bewundern. Jan Decleir („Rosenstraße“, „SuperTex“) gibt dem kranken Killer Konturen, ohne ihn zu einer zu sympathischen Figur werden zu lassen – obwohl Ledda letztlich „für die gute Sache“ kämpft, lassen Script als auch Decleirs Interpretation des Charakters keinen Zweifel daran, dass seine Mittel die falschen sind. Koen De Bouw („Shades“) ist als Vincke ein ebenbürtiger Gegenspieler: integer, bereit, für den Fall auch seine Kompetenzen zu überschreiten und Regeln zu brechen und selbst an einem Trauma laborierend. De Bouw kommt mit der Figur, die in einem solchen Film immer Gefahr läuft, weniger „attraktiv“ zu werden als der Konterpart auf der anderen Seite des Gesetzes, sehr gut zurecht, eine kongeniale Vorstellung. Die Nebendarsteller haben nicht gar so viel zu tun. Werner De Smedt sorgt für ein wenig Auflockerung als Vinckes Partner Verstuyft, ansonsten beeindrucken vor allem Gene Bervoets als schmieriger Mord-Mittelsmann und Laurien Van den Broeck in der kleinen, aber schwierigen und prägnanten Rolle der Bieke.

Bildqualität: Gemeinhin hat man da bei Sunfilm nichts zu meckern und prinzipiell stimmt das auch – der anamorphe 1.85:1-Widescreentransfer ist von durchaus angemessener Qualität. Detail- und Kantenschärfe liegen ebenso wie der Kontrast im absolut grünen Bereich, die Kompression könnte einen Hauch besser sein, wobei sich das erst in höheren Zoomstufen richtig bemerkbar macht, im „Normalgebrauch“ gibt’s keinerlei Verpixelungen oder Nachzieher. Der Print ist selbstverständlich frei von Verunreinigungen und Bildstörungen gibt’s auch nicht. Nur mein Player, der ab und an mal Problem mit Best-Scheiben hat, streikte erstmals bei einer Sunfilm-DVD und gab nach 95 Minuten den Geist auf bzw. verweigerte die Arbeit (wobei sich erste Hänger schon ab dem Layerwechsel bemerkbar machten). Im PC-Laufwerk lief die Scheibe allerdings klaglos.

Tonqualität: Wie schon fast gewohnt bei Sunfilm, Tonspuren satt, nämlich fünf Stück. Deutsch gibt’s wie üblich in Dolby 2.0, 5.1 und dts, den Originalton (größtenteils flämisch mit gelegentlichem Französisch) in Dolby 2.0 und 5.1. Ich hab mich an den flämischen 5.1er-Track gehalten, denn der klingt für meine Ohren am dynamischten. Optimale Sprachqualität, ausgezeichnete Soundeffekte und sehr lebendiger Klang der Nebengeräusche, dazu wuchtiger-voluminöser Score. Die deutschen Sprachfassungen wirken besonders hinsichtlich Musik und Nebengeräusche etwas heruntergeregelt und steriler. Die Synchro itself scheint allerdings ganz gut gelungen zu sein. Optionale deutsche Untertitel sind natürlich selbstverständlich [natürlich selbstverständlich obligatorisch? – der Lektor].

Extras: Ein paar Bonusfeatures haben auf die Scheibe gefunden. Neben dem Originaltrailer findet sich ein gut zwanzigminütiges „Behind the Scenes“, das sich quasi als unkommentiertes, mit Musik unterlegtes Video-Drehtagebuch entpuppt. Nicht ganz das, was ich schätze, aber gut. Die auf dem Cover vermeldeten „Interviews“ mit Regisseur, Autor der Romanvorlage und den beiden Hauptdarstellern liegen leider nur auf Texttafeln vor (insgesamt ca. 40), verraten aber dennoch einiges wissenswertes über den Film und seine Macher. Trailer für „The Third Wave“, „Dead Bodies“ und „Secretary“ sind ebenfalls vertreten.

Fazit: Ich hatte den starken Verdacht, dass es sich bei „Totgemacht“ um einen guten Film handelt. Dass es sich aber um einen ausgezeichneten Streifen handelt, einen der spannendsten Thriller, den ich dieses Jahr gesehen habe und der ein heikles Thema, ein heißes Eisen gekonnt anpackt, ohne sich die Finger zu verbrennen und trotzdem Wirkung erzielt, das ist eine positive Überraschung. Ich bin von diesem Film begeistert und lege ihn jedem Freund ambitionierter, realistischer und doch düsterer, mörderisch spannender Filme dringend ans Herz. Packende Story, großartig gespielt, visuell blendend umgesetzt – ein Volltreffer! Die Sunfilm-DVD hält durchaus den hohen technischen Standard, den wir mittlerweile vom Publisher gewöhhnt sind, die Probleme mit meinem Scott-Player sollen aber durchaus Erwähnung finden.

5/5
(c) 2004 Dr. Acula


mm
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