Total Force

 
  • Deutscher Titel: Total Force
  • Original-Titel: Total Force
  •  
  • Regie: Steven Kaman
  • Land: USA
  • Jahr: 1996
  • Darsteller:

    Timothy Bottoms (Drake), Rustam Branaman (Stode), J.D. Rifkin (Rock), Morgan Daniel (Stone), Frank Stallone (Jack O’Hara), Calista Carradine (August), Oleg Taktarov (Boris), Tom Bresnahan (Spike), Richard Lynch (Dr. Edmund Wellington), Robert Z’Dar (Test Subject)


Vorwort

Abt. Midnight Movies mit Jorge #012

Manchmal stoßen wir auch auf Filme, die so richtig, richtig schlecht, aber trotzdem irgendwie sympathisch sind. Zumeist handelt es sich dabei nicht um eingetragene Trashgranaten und Spaßbomben. Solche Filme ziehen auch nur selten gegen Machtstrukturen von im Gesetz des Mainstream-Kinos in Geiselhaft genommenen Erzählstrukturen, Minenfelder an Klischees oder propagierte Feindbilderkennung in den Krieg, sondern heben sich nur in ihrem entwaffnend naiven Dilettantismus und den explosiv übersteigerten Glauben an die eigenen Fähigkeiten von anderen Playern im globalen Kampf um die zur Invasion der Videoverleihstätten willigen Massen ab. Sie ziehen eine Spur der Verwüstung hinter sich her, doch der Geigerzähler berichtet von keinerlei Strahlkraft – die Atombombe der Filmunkunst verweilt noch im Silo. Entwarnung!


Inhalt

Der Strahlenwaffen-Spezialist Dr. Edmund Wellington präsentiert in seiner Forschungseinrichtung einen illustren Runde aus Industriellen und Politikern seine neueste Erfinden – den Neurolator! Dieser befindet sich auf einem Satelliten in einer geostationären Umlaufbahn und kann mithilfe von GPS jede Person auf der Welt ins Visier nehmen und sie mit Strahlen beschießen. In der Folge verwandelt sich das Opfer in eine mordlüsterne Bestie, die über alles und jeden herfällt. Der Clou des Ganzen ist aber, dass sein Gehirn durch einen zweiten Strahl komplett zu Mus verwandelt werden kann. Eine Demonstration der Wunderwaffe scheitert allerdings an der zweiten Stufe. Das ist blöd, denn der gute Doktor hat auch schon einen Feldversuch gestartet und dafür das Haus eines Laborassistenten unter Beschuss genommen, wo sich jetzt alle in mordende Bestien verwandeln. Nun kommt die Total Force unter Leitung von Captain Drake zum Einsatz, die die Scheiße wegputzen muss. Da Wellington den ganzen Schlamassel unter den Teppich kehren will, schwärzt er Drake bei seinem Vorgesetzten als amoklaufender Irrer an. Der Elitesoldat wird erst einmal suspendiert und das Militär übernimmt die Kontrolle über die Forschungseinrichtung. Das passt dem guten Doktor aber nicht, gut, dass er die Terroristenbande um Jack O’Hara engagiert hat, um wieder Herr des Hauses zu werden. Jetzt ist es wieder an Drake und seinen Jungs, die Welt vor dem Rückfall in die Steinzeit zu bewahren…

What’s the Deal?

Ein paar Minuten in den Film hatte ich noch gewitzelt, dass der Regisseur vorher bestimmt Pornos gedreht hätte (zum einen war es eine Spur zu „professionell“ für einen Amateurfilm, zum anderen hatte er wohl schlicht keine wirkliche Ahnung, wie ein richtiger Spiel-, respektive Actionfilm funktioniert). Eine kurze Recherche (also ein Blick in die IMDb) ergab, dass Steven Kaman tatsächlich zuvor bei Porno-Produktionen hinter der Kamera stand (also wortwörtlich, er war Kameramann). Er war wohl das Fickfilm-Business leid und wollte „richtige“ Filme drehen. Ein Shot-on-Video Action-Streifen mit leichten SF- und Horror-Anleihen sollte es werden. Das Drehbuch schrieb Kaman dazu kurzerhand selbst, das Equipment war sicherlich schon vorhanden, es wurde zudem jede Menge Stock Footage aus Militär wie Raumfahrt eingekauft, und als Stars verpflichte er B-Lister wie den in den 90ern eh schmerzbefreiten Richard Lynch (INVASION USA, CUT AND RUN), für die prominenten Nachnamen Frank Stallone (SAVAGE HARBOR, DEATH ON SAFARI), MME-Champion Oleg Takarov (ROLLERBALL, PREDATORS) sowie Calist Carradine (Tochter von David). Den Helden gab Timothy Bottons, der einst als Nachwuchsstar (JOHNNY ZIEHT IN DEN KRIEG) gehandelt wurde und in dieser Phase seines Lebens dem späteren US-Präsidenten George W. Bush zum Verwechseln ähnlich sah, was ihm später u.a. eine eigene Sitcom namens HIER KOMMT BUSH!/THAT’S MY BUSH (2003) einbrachte, die von den SOUTH PARK Machern Trey Parker und Matt Stone erschaffen wurde, es aber auf nur acht Episoden brachte.

Besonders lustig

– Die ersten Minuten des Films bestehen samt und sonders aus Stock Footage verschiedener Qualität; man könnte glauben, man sei in einem frühen Neil-Breen-Film.
– Auch wenn der Film tatsächlich anfängt und Richard Lynch seine Ansprache hält, wird immer wieder, eher sinnbefreit, Stock Footage eingeblendet.
– Die Strahlen der Waffe werden als Bildverfremdungen dargestellt (negativ/positiv); das ist gemeinhin eine übliche Praxis, ich weiß, sieht in Verbindung mit der miesen Bildqualität dann doch recht kurios aus.
– Robert Z’Dar taucht kurz in einem Bit-Part als Soldat auf, der in der Demonstration der Wirkung der Waffe dem zombiefizierten Versuchsobjekt zum Opfer fällt – ein Frevel!
– Der Film wird immer wieder von einem Voice-Over kommentiert, dessen qualitativ hochwertigste Informationen in der Art ausfallen, das sie uns erklärt, was wir sowieso gerade sehen.
– Die Freunde, die im Haus des Wissenschaftlers in dessen Abwesenheit Party machen und sich dann in Zombies verwandeln, sehen aus wie die hinterletzten Asis – Was für Gesocks nennt dieser Mann, studiert und einem Rüstungsbetrieb tätig, bitte seine Freunde?
– Hier sieht man auch sehr schön, dass die Bildqualität selbst der originären Aufnahmen schwankt (Regisseur Kaman hätte das als gelernter Kameramann besser hinbekommen sollen, for sure); manchmal sieht das alles sehr, sehr nach Homebrew aus.
– Ich hatte es ja schon erwähnt, aber in motion ist es echt lustig, Timothy Bottoms aka „Fake George W.“ als Held durch den Film stapfen zu sehen.
– Es ist erstaunlich, wie leicht man beim US-Militär mit unbewiesenen Anschuldigungen um sich werfen kann, aber auch, welche Kompetenzen dieses sich hier gegenüber Zivilisten im eigenen Land für sich einfach mal so beansprucht.
– Als Timothy Bottoms suspendiert wird, ist sein größtes Ärgernis, dass sie ihm, neben seinen Waffen, auch sein Auto wegnehmen.
– Terroristen und Waffen beschafft sich der Doc beim gleichen Mann, der an der Ecke auch Aufputschmittel vertickt.
– Es ist alarmierend, wie schlecht empfindliche Einrichtungen gesichert scheinen, wenn eine als ahnungslose Zivilistin getarnte Terroristin da, so mir nicht, Dir nichts, reinmarschieren und eine Wache nach der anderen ausschalten kann, ohne das jemand sie ernsthaft aufhalten oder zumindest Alarm schlagen würde.
– Richard Lynch kann zuerst die Militärs mit Hilfe der Terroristen und danach einfach so mal die Terroristen übertölpeln; ist der Film denn nur von Vollidioten bevölkert?
– Terrorist Frank Stallone und seine Truppe schließt sich letztlich den Helden um Timothy W. Bottoms an, um mal kurz den Tag zu retten.
– Im Finale gibt es mehr Anschlussfehler als Einzel-Einstellungen.
– am Ende schließt man gar Freundschaft, also Elite-Soldat und menschenverachtender Massenschlächter von Terrorist, wtf?

Was gibt’s sonst noch zu sagen?

Steven Kaman, soviel ist klar, hatte damals weder eine Vorstellung davon, was eine stringente Erzählung, noch was ein Konzept für Actionszenen sein soll. Er knallt hier einfach mal alles übereinander, benutzt haufenweise Stock Footage als Füllmaterial und Pflaster, wenn mal die Szenenfolge keinen gesteigerten Sinn ergeben will. Sowieso Sinn, was soll das sein? Muss eine Geschichte einer internen Logik folgen? Muss der Erzähler unbedingt Ahnung von dem haben, was er da gerade absondert? Ist es nicht viel schöner, der eigenen Fantasie ihren Lauf zu lassen. Kaman wusste damals wahrscheinlich, wie man eine Kamera hält, wie man auf Aufnahme drückt und auf Stop. Das war’s dann auch schon. Von seinen Mitstreitern wollte ihn wohl niemand belehren. Wer sollte es ihnen verübeln, denn zumindest scheint es, als ob alle eine gute Zeit beim Dreh hatten, und das ist ja auch schon was.

Wo oder wie kann ich mit dem Dreck mein Aug‘ beschmutzen?

Hingegen zum Nachfolger ABSOLUTE FORCE (ja, ihr habt richtig gelesen, das Ding hat ein Sequel bekommen, sogar noch im selben Jahr) hat sich TOTAL FORCE nie nach Deutschland verirrt und ist auch weltweit nur spärlich erhältlich (wahrscheinlich reine Glückssache). Aber für solche Fälle gibt es ja die Tube. Was Bild und Ton angeht, denkt man ans Ausgangsmaterial, ist die dort anzusehende Version kein Verbrechen, das den Film irgendwie entstellen würde.

Was am Tage übrig bleibt

Ja, TOTAL FORCE ist eigentlich ein Totalausfall, in objektiven Belangen sogar bodenlos. Aber irgendwie fanden wir den schon knuffig, seine Auffassung von technischen Fortschritt und dem Verhältnis von Militär zur Rüstungsindustrie sind so herrlich naiv, dass man Kaman und seinen Mitstreitern kaum böse sein mag. Das hat schon starke Homebrew-Vibes, steht technisch dann doch aber etwas solider dar. Mit Bottoms, Stallone und Lynch gibt es dann sogar ein Triumvirat von Held, Antiheld und Bösewicht, was an sich recht gut funktioniert. Hätte TOTAL FORCE nun noch ein wenig mehr Unterhaltung zu bieten, nicht derart mit schrecklich dösigen Längen zu kämpfen, der könnte tatsächlich richtig Spaß machen. Aber sei es drum, wer ein Herz für harten Trash hat, nicht so leicht Augenkrebs bekommt, kann ja mal reinlinsen. Auf eigene Gefahr! Alle anderen sollten sich blitzdingsen und einfach ihr Leben weiterleben und ins Kino gehen, oder wie sie auch sonst immer ihre Mainstream-Schlaftabletten konsumieren.


BOMBEN-Skala: 9

BIER-Skala: 4


mm
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