Tiger der Meere


  • Deutscher Titel: Tiger der Meere
  • Original-Titel: La tigre de sette mari
  •  
  • Regie: Luigi Capuano
  • Land: Italien
  • Jahr: 1962
  • Darsteller:

    Gianna Maria Canale (Consuelo), Anthony Steel (William Scott), Maria Grazia Spina (Anna de Cordoba), Andrea Aureli (Robert), Carlo Ninchi (Tiger), John Kitzmiller (Serpente), Enresto Calindri (Inigo de Cordoba), Nazzareno Zamperla (Rick), Carlo Piscane (Old Pirate), Giulio Battiferri (Puertoricaner)


Vorwort:

Nachdem uns unser nicht unbedingt geplanter, aber mittlerweile schon irgendwie beabsichtigter  Exkurs in die wunderbare Welt des Italo-Historienepos schon ins antike Ägypten, nach Assyrien und in die italienische Provinz geführt hat, war eigentlich absehbar, dass wir früher oder später auch in der Karibik und damit im Genre des Piratenfilms landen würden. Und zack, schon sind wir da…
 
Wie’s der Deibel so will, haben wir sogar noch einen direkten Anknüpfungspunkt zu unserem letzten Reviewobjekt, TÖDLICHE RACHE, denn erneut sitzt Luigi Capuano am Steuer. Was mich angesichts der doch eher ernüchternden Angelegenheit, die TÖDLICHE RACHE war, jetzt eher so mittelmäßig positiv auf TIGER DER MEERE einstimmt. Andererseits – was mich an TÖDLICHE RACHE neben Hauptfigur Fabrizio und ihrer Nase gestört hat, war der extrem langweilige Look des Streifens, und ein Piratenfilm sollte schon per Definition mehr an Scope, mehr an Action, mehr an „interesting things to look at“ bieten. Außerdem kann man sich ja durchaus verbessern, und es ist reeelativ gesichert, dass TIGER DER MEERE nach TÖDLICHE RACHE entstand.
 
Die notwendigen Lire für die Produktion spuckte auch jemand aus, den wir im Rahmen dieser kleinen informellen Review-Reihe schon kennengelernt haben, nämlich Octavio Poggi, der auch NOFRETETE – DIE KÖNIGIN VOM NIL finanzierte. Der war ja einigermaßen sorgfältig gearbeitet, also kann TIGER DER MEERE ja vielleicht doch ein ansehenswertes Unterfangen werden. Also schwingen wir uns in die Zeitmaschine, reisen in die Karibik, die in diesem kühnen Falle gemimt wird vom… (seufz) Gardasee, und prüfen mal nach, was so ein Meerestiger denn ist und was er treibt – bislang kannte ich nur Tigerhaie…

Inhalt:

Unter den Eröffnungstiteln spielt sich das übliche Piratengewerbe ab. Die Halsabschneider und Halunken, die die „Santa Maria“ (nicht die von Columbus, sondern ein nicht ganz so impressiver Zweimaster), das Schiff des auf allen Weltmeeren, insbesondere aber eben in der Neuen Welt gefürchteten Piraten „Der Tiger“ (Carlo Ninchi, DIE DREI MUSKETIERE DER MEERE, KONSTANTIN DER GROSSE), sind gerade dabei, eine spanische Galeone zu entern. Es wird gefochten, in die Takelage gestiegen und von Krähennestern gefallen, und als die Credits sich bis zum Regisseur vorgearbeitet haben, ist die Schlacht dann auch entschieden und die Piraten sind eindeutig die Sieger des Tages. Was direkt zum erfreulichen Thema „Begutachten der Beute“ führt.
 
Und der Tiger kann zufrieden sein – die spanische Schaluppe war ordentlich mit Gold, Edelsteinen und Juwelen beladen. Da freut sich auch der ungefähr 200 Jahre alte Senior-Pirat (der nie einen Namen bekommen wird, aufgrund der Ähnlichkeit von mir fürderhin auf den Namen Methusalix getauft wird, Carlo Pisacane, MASKENBALL BEI SCOTLAND YARD, HALT MAL DIE BOMBE, LIEBLING) beinah das Holzbein ab, denn eine besonders schicke Kette würde er gerne seiner noch aufzutreibenden künftigen Verlobten um den Hals hängen. Ist nicht, mahnt der Tiger, den Klunker bekommt seine Tochter, denn die soll mal, sobald der Tiger das aktive Piratenbusiness an die Hakenhand hängt und das Leben eines reichen Plantagenbesitzers führen wird, mal eine ganz feine Dame werden. Die Stimmung könnte also eigentlich ganz gut sein, ist aber dennoch getrübt, denn es offenbart sich eine gewisse Opposition zu Tigers Führungsstil. William (Anthony Steel, WESTLICH SANSIBAR, STURM ÜBER DEM NIL, DER FREIBEUTER), der jungdynamische Stellvertreter des Tigers, kritisiert das zögerliche Handeln seines Kapitäns, was dazu geführt habe, dass einige der Kameraden unnötigerweise ins wässrige Gras gebissen haben. Der Tiger reagiert grumpelig und so recht mag sich Williams Kritik kein anderes Besatzungsmitglied anschließen. Auch nicht der zwielichtige Robert (Andrea Aureli, LADY FRANKENSTEIN, DON’T TORTURE A DUCKLING)und sein quasi siamesisch angewachsener Kumpel ebenfalls ohne Namen, daher von mir als Lügfix vermerkt. Die beiden Herrschaften haben weniger etwas gegen Tigers eingeschränkte oder auch nicht Handlungsfähigkeit, sondern seine Art , die Beute zu verteilen – ¼ für den Kapitän, ¼ für die Crew und ½ als Rücklage für schlechte Zeiten. Klare Sache, Robert und Lügfix stören sich primär an der Rücklage. Während Lügfix am liebsten sofort zur offenen Meuterei aufrufen würde, mahnt Robert zur Geduld. Der richtige Augenblick wird sich noch bieten.
 
Die Santa Maria kehrt also auf die heimische Pirateninsel zurück, wo des Tigers rassige Tochter Consuelo (Gianna Maria Canale, DER SCHARLACHROTE MUSKETIER, VENUS DER PIRATEN, MACISTES GRÖSSTES ABENTEUER) bereits sehnsüchtig die Rückkehr ihres alten Herrn erwartet, und man kann’s ja auch verstehen, der Piratenjob ist ja keine 9-to-5-Angelegenheit, jede Ausfahrt der Santa Maria kann potentiell die letzte sein. Treu an ihrer Seite steht ihr stummer Diener Serpento (John Kitzmiller, JAMES BOND 007 JAGT DR. NO, DIE GROTTE DER LEBENDEN TOTEN, und gleich zweimal Tom in ONKEL TOMS HÜTTE-Adaptionen), dem dereinst die Spanier den Fleischlappen in der Mundhöhle gekappt haben und der deswegen seine Loyalität unumstößlich den Piraten gewidmet hat. Bevor Consuelo allerdings Papi über den Weg läuft, kreuzt William ihren Weg, und ja, ise klare, Consuelo und William sind schon immer ein verfluchtes Liebespaar. Und William kann sie auch erzählen, dass sie mit den väterlichen Zukunftsplänen – also Landsitz, reich sein und mit der besseren Gesellschaft minglen, jetzt nicht so arg viel anfangen kann. Sie ist Piratentochter, ergo liegt ihr das Herumpiraten im Blut, und was sie WIRKLICH will, ist auf See fahren, andere Schiffe überfallen und Spanier abschlachten. Die gute Maid sollte sich mal ein Hobby zulegen – Makramee falten, Origiami kneten o.ä.
 
Am Abend wird in der Dorfspelunke ordnungsgemäß die Rückkehr des Tigers bei zwei-drei-vierzehn Krügen Wein pro Nase und allgemeiner Partystimmung gefeiert. Nur einer ist zwar geladen wie ein Bordgeschütz, aber eher miesepetrig drauf – der olle Käpt’n himself. Die Infragestellung seiner Autorität hat ihn empfindlich getroffen, so dass sich der Tiger zu ein-zwei Grundsatzstatements verpflichtet fühlt. 1. Ja, er ist stinkreich. 2. Ja, er plant, die Kohle dereinst selbst zu verjuxen. 3. Die gesetzlich vorgeschriebene Schatzkarte trägt er in einem dezenten Lederbeutel um den Hals. 4. Wer glaubt, dass er besser kapitänen könnte als er, solle sich jetzt nach Piratensitte durch in die Tischplatte gehobelten Dolch melden, dann könnte das an Ort + Stelle durch einen Zweikampf ausdiskutiert werden. William zögert keine Sekunde, seinen Zahnstocher in den Ring zu werfen, aber scheinbar ist er der einzige Kandidat. Das ist dem Herrn Kapitän jetzt auch wieder nicht recht und er beleidigt seine Crew als einen Haufen erbärmlicher Feiglinge. Erst auf persönliche Ansprache hin wagt es Robert, sich ebenfalls zu bewerben. Die Piratensitte sieht in diesem Falle offenbar vor, dass die beiden Herausforderer einen Ausscheidungskampf bestreiten, denn erst mal hauen sich Robert und William ihre respektiven Degen um die Ohren, und da Robert, wie erwartet, eher der Typ große Klappe, wenig dahinter ist, fährt William mit ihm Schlitten, schenkt ihm aber nach dem raschen Sieg ob seiner „tapferen Gegenwehr“ (pöh!) das armselige Leben. Damit könnte William nun gegen den Tiger antreten, doch da bohrt sich aus dem Obergeschoss ein weiteres Messer in den Tisch – es gehört… tadam… Guacamole, eh, Consuelo, die, wie wir beiläufig bereits erfahren haben, eine erstklassige Messerwerferin ist. Es regt sich die typisch chauvinistische Reaktion, wonach Consuelo zweifelsfrei ein weibliches Wesen und damit per se unqualifiziert für den Job eines Piratenkapitäns ist, aber schlussendlich spricht der Tiger ein Machtwort. Wenn das Mädchen kämpfen will, dann soll es auch so sein, aber – der Kampf geht auf Leben und Tod (wobei dem Sieger ein Begnadigungsrecht eingeräumt wird. Weicheier, und so was will Pirat sein). Consuelo beweist sich im Umgang mit dem überdimensionalen Brieföffner als sehr versiert und da, wo ihr das Können dann doch ausgeht, übernimmt freundlicherweise ihr Stuntman. Das Ende vom Lied: William ist besiegt, wird aber von Consuelo natürlich begnadigt. Allgemeines Hallo und Gelächter, vor allem auf Kosten von William, der mit seinem Sidekick Rick (Nazzareno Zamperla, HÜGEL DER BLUTIGEN STIEFEL, EINE KUGEL FÜR MAC GREGOR) bedröppelt Leine zieht.
 
So richtig glücklich ist auch Consuelo nicht über den Sieg, der ihr offensichtlich die legitime Nachfolgeposition auf der Captainstelle eingebracht hat, aber auch nicht, denn sie plagt das unbestimmte Gefühl, dass William aus Liebe nicht mit voller Kraft gekämpft hat. Sie wird schnell andere Sorgen haben, denn vor der Tür zieht lallend und gröhlend der Tiger vorbei, bis sich das alloholisierte Gröhlen in einen Hilfeschrei verwandelt. Serpento und Consuelo stürzen auf die Straße und finden den Tiger mit einem Messer im Rücken (damit geht man doch eigentlich noch lange nicht nach Haus). Der Tiger röchelt seinen letzten Odem in den Armen seines Töchtlings. Wer hat den Kapitän auf dem Gewissen? Die Beweislage ist recht eindeutig, denn das Messer gehört zweifelsfrei William. Hat er so seine Niederlage kompensiert? William wird schnell gefangen genommen und schon am nächsten Morgen vor das Piratengericht gestellt. Da seine Verteidigungsstrategie sich auf ein schlichtes „ich war’s nicht“ beschränkt, kommt das Urteilsfindungskommitee unter Roberts Führung in nullkommanix zur Bewertung „schuldig wie die Sünde“. Die Ehre, den Delinquenten persönlich aufzuknöpfen, fällt nach Piratenbrauch Consuelo als Kapitänin zu. Nach kurzem Zögern schickt sie sich an, die traurige Pflicht zu erfüllen, doch plötzlich und unerwartet greifen die Spanier an! Chaos! Kampf! Irrwitz!
Capitano Alvaro (möglicherweise Renato Izzo) kann jedenfalls einen vollen Erfolg feiern. Dutzende Piraten gehen ihm in die Falle, aber in den Wirren des Gefechts sind ihm sowohl Consuelo nebst einiger Getreuen als auch William mit einer Handvoll Männer durch die Lappen gegangen. Zu Consuelos persönlicher Schmach und Schande hat William sich bei der Flucht noch die Santa Maria unter den gierigen Nagel geritten, was für die rechtmäßige Kapitänin nur ein weiteres Indiz dafür ist, dass William wirklich der Tigermörder ist.
 
In Puertonoevo, dem Sitz des spanischen Gouverneurs Inigo de Cordoba (Ernesto Calindri, KAISERLICHE VENUS, DAS ÖFFENTLICHE ÄRGERNIS ODER: DIE JUSTIZ IN NÖTEN) könnte die Stimmung fast nicht besser sein. Inigo verteilt Orden, als würde es morgen verboten, und hegt die bescheidene Hoffnung, dass der König seine Anstrengungen im Kampf gegen die Piraten ebenfalls mit der einen oder anderen kleinen Auszeichnung und der Rückberufung an den Hof in Madrid würdigt. Da wäre grundsätzlich auch seine scharfe Frau, Anna de Cordoba (Maria Grazia Spina, HÖLLENSCHLACHT DER TARTAREN, HILFE ICH BIN SPITZ…E!, CAMORRA – EIN BULLE RÄUMT AUF) ´für, nur hat sie da noch ein paar Anmerkungen – Anna ist nämlich keine Hochwohlgeborene, sondern von gemeiner Herkunft, und geht daher davon aus, in der Madrider Gesellschaft nur dann angemessenen Respekt zu erfahren, wenn sie mit den entsprechenden Reichtümern wuchern kann. Es überrascht daher nicht sehr, dass die zwei gefangenen Piraten, die direkt in die Gemächer der Gouvernante geführt werden, Robert und Lügfix sind. Lügfix wird schnell rausgeworfen, aber mit Robert versteht sich Anna gar prächtig. Auch wenn der nicht sonderlich begeistert ist, wähnte er sich doch schon nah am Ziel, über Consuelo an die Schatzkarte heranzukommen, und die ist’s doch, die er für Anna apportieren soll, damit sie halbe-halbe machen können. Nunja, auch hier wird der richtige Zeitpunkt noch kommen, bis dahin können Robert und Lügfix als falsche Edelleute die Annehmlichkeiten des Gouverneurspalast in Anspruch nehmen.
 
Consuelo hat nichts anderes zur Verfügung als eine mickrige Pinasse. Mit ihren loyalsten Gefolgsleuten sticht sie damit in See, in der Hoffnung, damit einer spanischen Galeone vor den Bug zu fahren. Das klappt auch – die „Fuentes“ unter Capitano Alvaro gabelt die vermeintlichen Schiffbrüchigen auf. Consuelo gibt sich als portugiesische Komtess aus Brasilien aus, die von garstigen Piraten überfallen wurde. Da kann Alvaro gar nicht anders als sich von seiner charmantesten Seite zu zeigen. Aber was hat mann nun von seiner herzlichen Gastfreundschaft? Richtig, man wird beschissen.

Zugegeben – die Art und Weise, wie Consuelo die „Fuentes“ erobert, hat was für sich – sie lässt Alvaro demonstrieren, wie er rein hypothetisch seine Mannschaft für ein Gefecht befehligen würde, und wiederholt dann die Kommandos für ihre eigene Truppe... die Piraten sind nun also im Besitz eines Schiffes, Alvaro wird ob seienr Nettigkeit Consuelo gegenüber nicht über die Planke geschickt, sondern auf einer Insel ausgesetzt, und Consuelo geht mit dem Kahn auf große Kaperfahrt.
Das eröffnet Capuano die Möglichkeit zu einer Montage minutenlanger Enter- und Kampf-Stock-Footage aus früheren Piratenepen, zu der ein Voiceover erläutert, dass Consuelo binnen kürzester Zeit zur von allen Flaggen gefürchtetsten Piratin wird. Nur einer kriegt das offenbar nicht mit – William, der selbst mit der „Santa Maria“ auf Kaperfahrt ist und auch so einige Beute gemacht hat. Die Santa Maria ankert vor einer Insel, und zwar justament vor der, auf der Alvaro vor sich hin vegetiert. Das trifft sich insoweit gut, als der Capitano William brühwarm von Consuelos feindlicher Übernahme der Fuentes berichten kann. Und so ist William wenigstens mental vorbereitet, als die Santa Maria wenig später auf die Fuentes trifft. Logisch, dass die Rückeroberung der väterlichen Schaluppe für Consuelo eine Frage der Ehre ist, aber William verblüfft die Kollegin mit dem Hissen der weißen Flagge und lässt sich mit einem Ruderboot zur Fuentes übersetzen. Consuelo hält das für den ältesten Trick der Piratenbranche, aber William meint es anscheinend ehrlich und erklärt, dass er die Santa Maria nur geklaut habe, um sie vor den Spaniern in Sicherheit zu bringen und für Consuelo zu sichern. Dagegen lässt sich aus Consuelos Sicht jetzt nicht viel sagen. Außerdem ist sich William sicher, dass nur ein verräterischer Verräter den Spaniern gesteckt haben kann, wo die Piraten ihr Nest hatten, und von Alvaro weiß er auch, dass eine potentiell schwer verdächtige Fiesmorchel im Puertonovo das Jet-set-Leben genießt. Was er leider nicht weiß, ist die Identität des schüftigen Schufts. Aber das sollte sich klären lassen – William beansprucht 10 Tage Zeit, um den wahren Mörder ihres Vaters heranzuschaffen. Sein Plan beruht auf der Annahme, dass es in Puertonuevo genug potentielle Verbündete gibt, denen die Spanier ein größerer Dorn im Auge sind als die Piraten. Consuelo willigt ein.

William liegt mit seiner Vermutung richtig – seit die Spanier die Piratengefahr ausgeschaltet haben, fühlen sie sich, nicht ganz ungerechtfertigterweise, als Herren der Lage und sind nach Ansicht der einfachen Bevölkerung von Puertonuevo noch unausstehlicher als sie's vorher schon waren. So sieht's z.B. auch der Puertoricaner (Giulio Battaferri, VENUS DER PIRATEN, DER SCHWARZE SEETEUFEL, TODESMELODIE), der in der Stadt eine fünftklassige Taverne betreibt, die normalerweise von Piraten gern frequentiert wurde, jetzt aber von spanischen Soldaten, die sich aufführen wie Arschgeigen, als Trunkstube genutzt wird. Als William mit Rick eintrifft, braucht's nicht viel Überredungskunst, den Puertoricaner zur Teilhabe an einem Plan zur Infiltration des Palasts zu gewinnen.
Der Puertoricaner ist nämlich auch so etwas wie der Hoflieferant für Bölkstoff, und da die Cordobas eine größere Festivität planen, fällt es nicht auf, dass er zur Anlieferung der enormen Mengen hierfür veranschlagten Fusels ein paar Handlanger beschäftigt, selbstredend William und Rick. Kaum innerhalb der Festungsmauern setzt sich William ab, um den Verräter dingfest zu machen. Dass es sich dabei um Robert handelt, überrascht William jetzt nicht speziell. Womit er allerdings sicherlich nicht gerechnet hat, ist, dass es zwei Verräter gibt und Lügfix ist clever genug, die Wachen zu alarmieren, als er sieht, wie William seinen Kumpel mit vorgehaltenem Degen abzuführen versucht. William swasht und buckled zwar wie ein Profi, aber ein gutes Dutzend solide ausgebildeter spanischer Soldaten sind dann doch vier oder fünf zu viel für unseren Helden, der sich darob umgehend im tiefsten Kerker des Palasts wiederfindet.

Robert und Lügfix verschafft das wieder ein paar Pluspunkte bei Anna de Cordoba, und Consuelo kommt zu dem Schluss, dass William ein verdrießlich Ungemach geschehen ist und er sich nicht etwa abgesetzt hat, um den Piratenschatz selbst zu finden. Also startet sie eine Rettungsaktion. Dies koinzidiert erfreulicherweise mit einer günstigen Gelegenheit für eine solche, denn die Cordobas haben einen großen Maskenball ausgerufen. Es ist eines der größeren Geheimnisse des Films, warum er so ein Gedöns darum macht, dass Inigo de Cordoba beim Fest unbedingt unerkannt bleiben will und sich deshalb -hahaa – in ein Piratenkostüm gesteckt hat (stilecht mit Jolly Roger auf der Hutkrempe). It's completely pointless, alles würde sich exakt gleich abspielen, wenn Inigo als „er selbst“ auf die Party gegangen wäre. Naja, egal. Jedenfalls exhumiert Consuelo zu diesem Anlass ihre portugiesische-Komtess-Identität und schmuggelt Rick und Serpento als ihr Gefolge ein. Währenddessen warten draußen vor den Toren der Festung etliche vom Puertoricaner organisierte Männer und auf der der Wildnis zugewandten Seite der Anlage Consuelos Piratencrew inklusive Methusalix und warten auf das Zeichen zum großen Angriff, das Rick geben soll, sobald William befreit ist (zumindest male ich mir den Plan so aus).
Der Plan scheint auch darauf abzustellen, dass der Inkongnito-Gouverneur stantepete auf die frisch eingetroffene Komtess abfährt. Alter Schwerenöter! Aber er hat die Erlaubnis von Anna (die wahrscheinlich froh ist, wenn er nicht an ihr rumfummelt, ist er doch ungefähr 30 Jahre älter als sie) zumindest zum „kucken, nicht anfassen“. Schnell sind falsche Komtess und Gouverneur 1 Herz + 1 Seele auf der Tanzfläche, so dass Consuelo sogar „gestehen“ kann, dass sie keine echte Komtess ist, aber halt soooo gerne auf den Ball gehen wollte. Das findet der Gouverneur amüsant, und erst recht, dass sie soooo sehr an echten Piraten interessiert ist. Da freut sich der Gouverneur, denn er hat ja noch jede Menge hinten im Hof, bzw. im Kerker-Keller und ist nur zu gern bereit, der Gästin eine kleine Führung durch die Katakomben zu gewähren. So checkt Consuelo raffiniert aus, wo William und die anderen Piraten gefangen gehalten werden und kann William sogar eine Nachricht zukommen lassen, wonach der sich schon mal seelisch auf die anstehende Befreiung vorbereiten kann.

Indes hat sich aber Robert unter die Feiernden gemischt und zwingt dadurch Serpento und Rick, die er ja an der Nasenspitze erkennen würde, zu gewagten Tarnungsmanövern. Zum Glück bleibt Robert nicht lange, sondern greift sich nur Lügfix und macht sich auf zum Kerker. Es scheinen alle Wege zum Kerker zu führen, denn gäb's nur einen, müssten die Parteien sich zwangsläufig über den Weg läaufen und dann wäre Polen offen, aber man vermeidet sich. Robert ist vielleicht auch nicht völlig hundertprozentig aufmerksam, denn jetzt und hier ist genau Ort und Zeitpunkt, um William die Lage des Tigerschatzes aus der Nase zu foltern. Ich dachte bislang zwar, Garrottieren würde funkionieren, indem man dem Opfer einen Strick um den Hals legt und dann langsam zuzwirbelt, aber es funktioniert offenbar auch so auf Level Bauchnabel plus 10 cm. Jedenfalls tut's William gar schrecklich weh und nach einigen Minuten spuckt er die Koordinaten aus – zweite Grotte, 10 Meter nördlich vom Eingang. Robert und Lügfix sind's zufrieden und lassen William hängen.

Im Ballsaal treffen Robert und Consuelo endlich aufeinander – das Mädel lässt die Tarnung fallen und attackiert Robert, während Rick das Signal zum generellen Angriff gibt. Die beiden Piratenschiffe im Hafen feuern aus allen Rohren (und völlig sinnfrei, denn die können nie im Leben auf den Berg, auf dem die Festung steht, raufschießen... den Winkel können die gar nicht bewältigen), und die beiden Kontingente Piraten bzw. Piratenfreunde beginnen mit dem Sturm. Robert und Lügfix gelingt es, sich in den allgemeinen Kampfeswirren abzusetzen, und Consuelo setzt auch die Priorität korrekterweise auf die Befreiung Williams. Der dann auch genau weiß, wo man Robert und Consuelo findet, nämlich in der bewussten Grotte, wo's alles mögliche gibt, aber mit Sicherheit keinen Schatz, hat Schelm William doch eine vorsätzlich falsche Aussage getätigt (womöglich sogar noch unter Eid!).
Während die Schlacht tobt und zahlreiche Opfer fordert, u.a. den Puertoricaner (NEEEEIIIN! Nicht den Puertoricaner! Er war mir so ans Herz gewachsen!), stellen William, Consuelo und ihre Getreuen die Verräterbande in der Grotte. Serpento wirft sich heldenmütig in eine Consuelo zugedachte Kugel, bevor Robert und Lügfix ihr angemessenes Schicksal ereilen kann, aber am Ende lacht eine unerwartete Partei am letzten und besten...

Sieht man eine ganze Reihe italienischer historischer Abenteuerfilme quasi „am Stück“, fällt einem schon auf, dass trotz der unterschiedlichsten historischen Settings die Themen, die Geschichten und die Umsetzung derselben doch am Ende immer die gleichen sind. Das ist natürlich Absicht, denn der italienische Kommerzfilm hatte nie den Anspruch, neu, originell oder innovativ zu sein, sondern setzte vielmehr auf den Wiedererkennungswert – der Kinokunde, der seine 2 Mark an der Kinokasse abdrückte, sollte seine Erwartungen erfüllt gesehen. Schöne Frauen und tapfere Männer im Kampf gegen die Ungerechtigkeit, erzböse Bösewichte und schuftige Verräter, die Perspektive immer nah am „Underdog“. Es waren und sind Filme nicht für Cineasten, sondern fürs „einfache Volk“, das zwei Stunden Eskapismus wollte und bekam. Ob die Plotte dann im alten Ägypten, in Rom, auf hohere See oder bei Burgen, Rittern oder Musketieren spielte, das war zweitrangig; erst als sich bei den italienischen Filmemachern ein gewisses politisches Bewusstsein breit machte und sie ihrem Publikum zumuten konnten, dass das „Gute“ nicht immer gewinnen würde oder die Helden gar nicht erst „Gute“ im bisherigen Sinne sein mussten, fixierten sie sich auf ein quasi feststehendes historisches Szenario für ihre Filme, zunächst den Western und dann später den kontemporären Crime-Film.

TIGER DER MEERE spielt sich grundsätzlich auch nach dem erprobten Schema einer Liebesgeschichte mit Hindernissen, verkompliziert durch einen Verrat, der die Liebenden auf verschiedene Seiten schiebt, ehe sie zum Happy-End zueinander finden können. Der kleine Unterschied – der eigentliche Erzbösewicht und der Verräter sind ausnahmsweise mal die selbe Person, denn auch wenn Robert auf der Lohnliste des Gouverneursehepaars (und hauptsächlich der recht skrupellosen Gouverneursfrau, die aber keinerlei Loyalität gegenüber Robert empfindet, und ihn ohne weiteres opfern würde, sofern für sie das Endresultat aufs Gleiche rausläuft) steht, sind die spanischen Edelleute nicht die wahren Gegner unserer Helden. Insofern überrascht das Ende auch damit, dass (SPOILER) die echten Gewinner am Ende Inigo und Anna de Cordoba sind, die am Schluss auf dem Schatz finden und mit den Piraten ein Arrangement zum beidseitigen Nutzen geschlossen haben (auf der Basis der Annahme, dass nichts schlechter für Ruhm, Ehre und Vorankommenschancen Inigos sind, wenn's auf einmal keine Piraten mehr gäbe, mit deren Bekämpfung man sich profilieren kann). Das ist in seiner „realpolitischen“ Attitüde beinahe schon ein noch launiger, aber fingerzeigender Vorgriff auf spätere Westernweltbilder...

Bis zu dieser amüsanten Schlusspointe allerdings zieht sich TIGER DER MEERE schon ordentlich, obwohl der Film zumindest einen Piratenfilmfehler nicht macht und zumindest einen merklichen Zeitanteil auf hoher See verbringt. Freilich gibt es „nur“ zwei echte Seekämpfe (und der erste findet unterhalb der Credits statt und ist daher nicht wirklich gut verfolgbar), dafür aber einen ganzen Schwung piratesker stock footage während der Montagesequenz. Die ausgiebige Schlussschlacht um die Festung entschädigt für das gefühlte Fehlen einer großen Actionszene zuvor. Die Ausstattung ist einen sichtbaren Tacken aufwendiger als bei Capuanos vorherigem TÖDLICHE RACHE, das Tempo ist aber auch hier relativ mäßig, Alvaro Mancos Kameraführung reißt keine Bäume aus und Carlo Rustichellis Musik könnte genauso gut auch aus einem Errol-Flynn-Schinken aus den 40ern stammen (was man im Endeffekt generell über den Film sagen könnte, er macht keine Anstalten, „moderner“ zu wirken als ein klassischer Hollywood-Abenteuerfilm).
Schauspielerisch habe ich wenig Einwände gegen Gianna Maria Canale als Consuela, um so mehr dagegen aber gegen den Briten Anthony Steel (ehemals Ehemann von Anita Ekberg) als William – ich weiß, ich weiß, ich hab selbst schon oft genug auf die italienische Tradition hingewiesen, entweder Langweiler oder Unsympathen in unpassende Heldenrollen zu quetschen, aber Steel, der ein bisschen aussieht wie die 50er-Jahre-Ausgabe von William H. Macy sieht nicht nach dem Part aus und erfüllt ihn auch nicht mit Leben. Sein Sidekick, Nazzareno Zamperla, ist da schon deutlich lebendiger. Auch die Schurkenfraktion ist mit Andrea Aureli nicht gerade eindrucksvoll besetzt, zumal das Script ja auch deutlich macht, dass er kein großer Fechter ist und daher auch kein Duell auf Augenhöhe mit William führen kann... John Kitzmiller, der wenig später als Quarrel bei DR. NO Drachenfutter wurde, ist als stummer Ex-Sklave Serpento ohne Worte recht eindrucksvoll.

Ansonsten lohnen sich der Worte viele nicht – TIGER DER MEERE ist ein protoyptischer Italo-Abenteuerfilm mit all seinen Schwächen und Stärken, einen Hauch besser und sorgfältiger gearbeitet als der hingeluschte TÖDLICHE RACHE, aber nicht wirklich interessant genug, um länger als die 85 Minuten, die er dauert, im Gedächtnis zu bleiben. Kann man auch bleiben lassen...

© 2019 Dr. Acula


BOMBEN-Skala: 6

BIER-Skala: 4


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