The Valdemar Legacy


  • Original-Titel: La herencia Valdemar
  • Alternative Titel: The Valdemar Legacy
  • Regie: José Luis Alemán
  • Land: Spanien
  • Jahr: 2010
  • Darsteller:

    Daniele Liotti (Lázaro Valdemar), Laia Marull (Leonor Valdemar), Silvia Abascal (Luisa Llorente), Óscar Jaenada (Nicolás Tremel), Ana Risueno (Nora Cervia), Paul Naschy (Jarves), Francisco Maestre (Aleister Crowley), Rodolfo Sancho (Eduardo), Norma Ruiz (Ana), Eusebio Poncela (Maximilian), Santi Prego (Santiago), José Luis Torrijo (Dámaso)


Vorwort:

Eine Immobilienfirma beauftragt Gutachterin Luisa Llorente mit der Taxierung des Valdemar-Anwesens, einem viktorianischen Herrenhaus in der spanischen Pampa. Die Sache ist dringlich, den Orificio, der ursprünglich eingeteilte Gutachter, ist seit Wochen mit seinem Report überfällig. Luisa macht sich ans Werk – das Gemäuer ist angemessen spooky – und auf dem Dachboden findet Luisa nicht nur die verstümmelte Leiche Orificios, sondern auch noch jemand… oder „etwas“ anderes. Mit Hilfe des Gärtners/Caretakers Santiago gelingt ihr die Flucht…

Doch vier Tage später fehlt von Luisa jede Spur. Grund genug für Firmenboss Maximilian, Privatdetektiv Nicolas Tremel einzuschalten, der zusamen mit Dr. Cervia, der Präsidentin der Valdemar-Stiftung, der das Anwesen gehört, herausfinden soll, was mit Orificio und Luisa passiert ist. Cervia setzt Nicolas über die unheimliche Geschichte des Hauses ins Bild.

Ende des 19. Jahrhunderts betrieb Lazaro Valdemar mit seiner Frau in dem Gemäuer ein Waisenhaus – im Gegensatz zu praktisch allen anderen Waisenhausbetreibern im Horrorfilm aber durchaus aus edelmütigen, karitativen Motiven. Zur Aufbesserung der stets schmalen Kassen veranstaltet Valdemar, der das Hobby Spiritismus entdeckt hat, Séancen für die High Society. Selbstredend ist alles getürkt und eines Tages kommt ein Journalist dem Schwindel auf die Spur. Der Schmierfink will Geld sehen, aber Lazaro will sich nicht erpressen lassen. Also wird der Skandal öffentlich und Lazaro wandert erst mal in den Knast – zur Bestürzung seiner schwangeren Frau Leonor. Hilfe erhält Lazaro von unerwarter Seite, der britische Satanist Aleister Crowley drängt sich als Verbündeter auf und tatsächlich gelingt es Crowley, durch eine geschickt eingefädelte Intrite den Journalisten zu diskreditieren und Lazaro auf freien Fuß zu bringen – gegen einen unspezifizierten Gefallen in näherer Zukunft. Vor lauter Wiedersehensfreude erleidet Leonor eine Fehlgeburt und da bereits diese Schwangerschaft riskant war, ist’s mit zukünftiger Vermehrung Essig. Lazaro kümmert sich aufopferungsvoll um seine sieche Frau – bis Crowley zurückkehrt und seinen Gefallen einfordert. Obschon Lazaro darauf besteht, dass seine Séancen nichts als Show waren, wittert Crowley, dass der Spanier tatsächlich Kontakt mit außerweltlichen Mächten aufgenommen hat. Und eine solche „Verbindung“ braucht Crowley für eine – eigentlich ganz philanthropisch gemeinte – Dämonenbeschwörung…

Inhalt:

Das Schöne am FFF ist, dass man Krempel auf der großen Leinwand sieht, den man unter normalen Umständen bestenfalls irgendwann mal auf DVD, wenn überhaupt, zu Gesicht bekäme. Ein spanischer Horror-Zweiteiler, selbst wenn er von der iberischen Dependance des Majors Universal Pictures finanziert wird, wird wohl eher selten im Teutonen-Kino landen. Wenn dann noch der alte Werwolf Paul Naschy (in seiner letzten Filmrolle) mitmischt, ist das Grund genug für den Doc, das Risiko einzugehen, für „einen“ Film gleich in zwei Kinokarten zu investieren.

„The Valdemar Legacy“ (die trotz des Namens „Valdemar“ zu meiner persönlichen Bestürzung leider nichts mit Waldemar Daninsky, Naschys felligem alter ego, zu tun hat) gibt sich in Teil 1 als liebevolle Hommage an altmodischen period-piece-Grusel. Newcomer José Luis Alemán (erstaunlich, dass man als first-timer in Spanien gleich an eine 13-Mio-Euro-Produktion herangelassen wird. Ist nun nicht gerade low-budget, ganz besonders nicht für die spanische Industrie) erzählt sein wohltemperiert-chilliges Gruselgarn behutsam, mit viel Zeit für’s Detail und für die durchaus auf Klischeekameraden basierenden, aber lebendig wirkenden Charaktere, entwickelt die Story in kleinen Schritten, aber doch mit enormer Sogwirkung auf den Höhepunkt (der sich nicht wirklich als cliffhanger im Wortsinn präsentiert, sondern den ersten Teil in sich rund abschließt, und dennoch genügend Neugierde für den zweiten Part generiert) – mit einer Einschränkung.

Ich bin mit der gewählten Erzählstruktur nicht ganz glücklich – wir steigen, wie oben ersichtlich, in der Gegenwart ein (wobei es, aus mir auch nicht ganz nachvollziehbaren Gründen, offensichtlich nicht *unsere*, sondern eine ganz dezent steampunkig angehauchte Gegenwart ist – Flugverkehr wird per Zeppelin absolviert und die Bahnstrecken werden von Dampfloks bedient, alles andere scheint aber unserer Welt zu entsprechend, inklusive Autos, Handys etc.) und bekommen dann den Löwenanteil des Films als Flashback (gelegentlich unterbrochen durch kurze Schwenker zu Tremel und Cervia, die sich im Zug eben über diese Ereignises auslassen) gezeigt, wobei Cervia als allwissende Erzählerin der Flashback-Segmente fungiert. Das scheint mir nicht zwingend nötig – ja, es ist zum Aufbau des grundsätzlichen Mystery erst mal nicht verkehrt, in der Gegenwart zu beginnen und dann erst zur Geschichte des Hauses zu kommen, aber man hätte ohne die erzählerische Krücke des voiceover und des Travelogue von Tremel und Cervia auskommen und die Rückblende einfach matter-of-factly mit einem „100 Jahre früher o.ä.“ zeigen können (dass die Cervia Tremel aufklärt, wäre auch anderweitig beiläufig zu etablieren gewesen). Es tut dem Filmvergnügen an sich wenig Abbruch, aber es reißt immer wieder aus der an und für sich durchaus zwingend erzählten Geschichte Valdemars, die in Teil 1 erheblich wichtiger ist.

Herz der Story ist die fortschreitende Korrumpierung eines wohlmeinenden Menschen (=Lazaro, dessen Schwindeleien ja grundsätzlich nicht die falschen ausnutzen und der seinen finanziellen Gewinn nicht zur persönlichen Bereicherung nutzt – obschon natürlich sein Lebensstandard, sobald er mit den Reichen und Wichtigen auf Du und Du ist, steigt -, sondern um den Waisenkindern zu helfen) hin zum „Bösen“. Crowley (nicht die einzige historische Person, die mit Valdemar verquickt wird – es treten auch noch Serienkillerin Belle Gunnes, Axtmörderin Lizzy Borden, Bram Stoker und ein gewisser Italiener namen „Luciano Fucchini“ – wem da wohl Hommage erwiesen wird? – auf) hat erst einmal auch „lautere“ Motive, er sucht „Wissen“ (und auch die anderen Mitglieder seines Zirkels, die gerade erwähnten Personen, sind auf der Suche nach Lösungen für ihre Probleme – Stoker sucht Inspiration für sein literarisches Werk, Lizzy such Hilfe für ihre Familienprobleme etc.), doch seine Fehleinschätzung, das, was er aus der „anderen Welt“ zu beschwören gedenkt, kontrollieren zu können, löst die Katastrophe aus und treibt Lazaro (der Crowleys Plan für alles andere als ’ne grandiose Idee hält, sich aber verpflichtet fühlt und eh nicht glaubt, dass die Sache funktioniert) letztendlich in die Geschehnisse von Teil 2 (und setzt konsequenterweise die Spirale in Gang, die in der Gegenwart zu Orificios Tod und Luisas „Verschwinden“ führen).

Alemán (und seinem D.O.P. David Azcano) gelingen dabei stets schöne, stimmungsvolle Bilder, unterstützt von der prächtigen, durchaus im positiven Sinne an die alten Hammer-Klassiker erinnernden Ausstattung. Das Tempo ist, wie erwähnt, bedächtig, es ist ein Film der leisen Töne, der erst im Finale die Pandora-Dose öffnet (und dann okaye CG-Effekte auffährt, sicherlich nicht auf dem Standard des aktuellen 200-Mio-Dollar-Hollywood-Kloppers, aber brauchbar für einen „kleineren“ Genrefilm), der nicht auf Splattereffekte und FX-Overkill setzt (zumindest nicht Teil 1, verrät Future Doc), sondern wohlige old-school-Grusel-Atmosphäre verbreitet, in dem sich der Schrecken langsam, aber zwangsläufig entwickelt. Wenn make-ups und prosthetics dezent eingesetzt werden, gibt’s keinen Grund zur Klage (auch nicht über den gefälligen Score von Arnau Bataller).

Auch die Schauspieler wissen zu überzeugen – der Italiener Daniele Lotti („Das Ende der Götter“) gibt einen charismatischen sort-of-Anti-Helden ab, Laia Marull („Öffne meine Augen“, „Im Schatten von Lissabon“) macht sich gut als seine zarte, schwache Ehefrau und Francisco Maestre („Faust: Love of the Damned“, „El dia de la bestia“, „The Devil’s Backbone“, auch er in einer seiner letzten Filmrollen) bringt als Crowley die richtige Mischung aus unheimlich-dämonischer Präsenz und leutseligem Charme mit. Selbst Paul Naschy in der wichtigen Nebenrolle als Lazaros loyaler Diener liefert eine richtig gute Vorstellung ab. Die „Gegenwarts“-Darsteller haben weniger zu tun – Oscar Jaenada („The Losers“, „Pirates of the Caribbean – Fremde Gezeiten“, „Che“) und Ana Risueno (Unter der Haut) diskutieren nur Exposition, Silvia Abascal („El Lobo“, „My Mother Likes Women“) gibt eine solide damsel-in-distress ab, Santi Prego und Jose Luis Torrijo („Alles über meine Mutter, „The Devil’s Backbone“, „Pans Labyrinth“) schinden als sinistres Caretaker-Duo durchaus Eindruck. Eusebio Poncela („Das Gesetz der Begierde“, „Anatomie des Grauens“, offenbar in Spanien Star genug um eine „unter-besonderer-Mitwirkung-von“-Titelkarte abzustauben, wie übrigens auch Naschy) hat nur einen Auftritt, der leise andeutet, dass sein Charakter in Teil 2 noch eine gewichtige Rolle spielen wird.

Fazit: „The Valdemar Legacy“ ist sicher nicht jedermann’s Sache – manch einem mag der Streifen (wir reden momentan noch exklusiv vom ersten Teil) ein wenig zu altmodisch, ein wenig zu ruhig und bedächtig inszeniert und erzählt sein, doch mir als bekennendem Freund atmosphärischem Grusels, der nicht nur auf FX, „frisson“ und Gewaltexzesse setzt, ist ein so bis auf kleine Abzüge in der B-Note gefühlvoll realisierter Rückgriff auf die „guten alten Zeiten“ immer wieder eine Freude, zumal die Spanier mittlerweile auch handwerklich und technisch den Bogen raushaben. Wird vermutlich ein Geheimtipp bleiben, aber ein solcher, den ich aus vollem Herzen weiterempfehle. Mal sehen, was Teil 2 bringt.

4/5
(c) 2011 Dr. Acula


mm
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