The Candy Snatchers


  • Original-Titel: The Candy Snatchers
  •  
  • Regie: Guerdon Trueblood
  • Land: USA
  • Jahr: 1973
  • Darsteller:

    Tiffany Bolling (Jessie), Ben Piazza (Avery), Susan Sennett (Candy), Brad David (Alan), Vince Martorano (Eddy), Bonnie Boland (Audrey Newton), Jerry Butts (Dudley Newton), Leon Charles (Boss), Dolores Dorn (Katherine), Phyllis Major (Lisa), Christopher Trueblood (Sean Newton)

Die drei Entführer schauen in das gegrabene Loch, in dem ihr Opfer liegt - The Candy Snatchers

Vorwort:

Jessie, ihr Bruder Alan und Kumpel Eddy, seines Zeichens über beide Ohren in Jessie verknallt, lauern der jungen Candy auf ihrem Weg in die Schule auf. In einem halbwegs unbeobachteten Moment fallen sie über sie her und zerren sie in ihren Van. Der Plan ist, von ihrem Vater Avery, dem Manager eines Juwelier-Ladens, einige sehr wertvolle Diamanten zu erpressen. Dazu bringen sie das Objekt der Erpressung, ihren Pfandschein für ein besseres Leben, erst einmal an einen Ort außerhalb der Stadt, wo sie das arme Ding in einem Sarg mit Luftröhre verscharren. Allerdings werden die drei dabei von dem kleinen Sean Newton beobachtet, der still in einem nahen Gebüsch hockt.

Der würde dies Erlebnis auch zu gerne seinem Vater berichten, doch zum einen ist Sean stumm und zum anderen sein Vater Dudley mit anderen, wichtigeren Sachen, wie etwa dem Abendessen mit seinem Chef, das für seine Karriere enorm wichtig ist, weswegen auch Frau und Kind eingeladen sind. Somit ist jeglicher Versuch, sich irgendwie verständlich zu machen, von vornherein zum Scheitern verurteilt. Währenddessen übermitteln die drei Amateur-Entführer ihre Forderungen. Doch entgegen aller Hoffnungen sieht Avery keinen Grund zur Veranlassung, auch nur einen Finger zu krümmen. Selbst seiner Frau Katherine erzählt er nicht nur nichts von der Entführung, er belügt sie sogar über den Verbleib ihrer Tochter.

Auch das geschäftliche Abendessen der Familie Newton endet nicht wunschgemäß. Der Grund dafür ist der stumme Sean, dessen stilles Leiden wohl eher psychosomatisch begründet liegt. Der stumme Junge hat Dudleys Chef glatt so sehr verstört, dass er ihn nun doch nicht mehr für die bevorstehende Beförderung in Betracht zieht. Grund genug für Mutter Audrey, um schon auf dem Heimweg auf den Jungen loszugehen. Die Entführer versuchen derweil, ihren Forderungen Nachdruck zu verleihen, was irgendwie nicht fruchten will. Die Stimmung verbessert sich auch nicht, als Eddy feststellen muss, dass Jessie ihm gegenüber, entgegen seiner Annahme, doch keine romantischen Gefühle hegt. Also wendet er sich der bemitleidenswerten Candy zu, die man für die Nacht in eine nahe gelegene Hütte gebracht hat.

Am nächsten Tag spitzt sich die Lage weiter zu. Bei einem persönlichen Besuch bei Avery erfährt Eddy aus erster Hand, dass der gar nicht vor hat, irgendeine Art von Auslöse für die arme Candy, nebenher nur seine Stieftochter und angehende Erbin eines Vermögens, das er viel lieber mit seiner Geliebten Lisa verbraten würde, zu bezahlen. Zur gleichen Zeit findet Sean, der seine Zeit verständlicherweise außerhalb des Elternhauses und möglichst weit weg von seiner fiesen Mutter verbringt, die gefesselte Candy in der Hütte, die den stummen Jungen anfleht, die Polizei zu rufen, weil die Entführer sie sonst töten würden…

Inhalt:

Als Regisseur Wes Craven zusammen mit Produzent Sean S. Cunningham 1972 den Schocker THE LAST HOUSE ON THE LEFT in die US-Kinos brachte, löste das nicht nur einen Skandal aus (Kinovorführer schnitten den Film aufgrund seines gewalttätigen Inhalts oft nach Gutdünken und aus der Fachpresse erntete er zumeist auch nur Wut und Empörung), sondern stieß auch, weil er trotzdem oder deswegen relativ erfolgreich und vor allem in aller Munde war, eine Reihe von ähnlich gelagerten Filmen im Bereich des Grindhoues- und Exploitation-Kinos los. THE CANDY SNATCHERS, der zu einem der frühen Nachzügler zählt, sucht sogar mit einem entsprechenden Plakat-Motiv die Nähe zum Original. Was die Qualität und Intensität der gezeigten Gewalttaten angeht, kann er nun nicht mithalten oder sogar noch einen draufsetzen (ich höre, wie ein Raunen durch die Reihen gewaltliebender Gorehounds geht, Pech gehabt), entfaltet aber eigene Stärken.

Money Is the Root of all Happiness

Anders als der fiese Krug und seine missratene Sippschaft in THE LAST HOUSE ON THE LEFT ergeben sich die Akteure in THE CANDY SNATCHERS bis auf wenige Ausnahmen der profanen Motivation der eigenen Bereicherung und der Verbesserung der sozialen Stellung. Unsere drei Entführer betonen, dass sie nur das haben wollen, was ihnen die Gesellschaft angeblich vorenthält, sie von sich aus nie erreichen könnten – es ist natürlich generell ein Armutszeugnis, dass man felsenfest der Meinung ist, einen sozialen Aufstieg nicht durch harte Arbeit erreichen zu können, gerade wenn man zu dritt ist und patent genug, solch eine Entführung zu planen und durchzuziehen; das zeugt natürlich von einem handfesten Minderwertigkeitskomplex, was tatsächlich im Film auch noch thematisiert wird. Der Film hält ja, wie der Inhaltsangabe zu entnehmen ist, schon ein recht komplexes Personen-Konstrukt parat, aber alleine in der Dynamik innerhalb dieser Dreier-Gruppe findet sich jede Menge Zündstoff für eine unausweichliche Katastrophe. So wissen wir recht schnell, dass der klobige Eddy denkt, mit dem Geld ein glückliches Leben mit Jessie beginnen zu können. Als ihm allmählich klar wird, dass das eine monumentale Fehleinschätzung ist, weil Jessie frigide ist und unter höllischen Depressionen leidet, wie sich unter Druck herausstellt, wendet er sich gleich dem bedauernswerten Entführungsopfer, der jungen Candy, zu, in der irrsinnigen Hoffnung, in körperlichen Intimität mit ihr Verständnis und Liebe zu erfahren. Und Jessies Bruder Alan entpuppt sich letztlich sogar als brutaler und berechnender Psychopath. Allerdings leiden sie alle ein wenig an Selbstüberschätzung, denn der todsichere Plan, so stellt sich schnell heraus, hat doch einige tückische Lücken.

Aber unsere drei Schnuckelchen sind nicht die Einzigen, die in ihrer Egomanie düstere Gedanken und destruktive Kräfte entwickeln. Denn Candys Vater, oder eher gesagt Stiefvater, was zu investigieren unser Trio versäumt hat, hat es selbst nur auf das Erbe der Kleinen abgesehen. Ihre naive Mutter Katherine hat er nur geehelicht, um sich diese Mühen irgendwann mit Reichtum zu versilbern. Ihm scheint die Drohung der drei, Candy zu töten, wenn er nicht spurt, wie ein Wink des Schicksals. Dann gibt es da noch das Ehepaar Newton, bei denen Vater Dudley vor allem auf seine Beförderung bedacht ist. Als der kleine Sean dem im Wege steht, da der Chef ein gestörtes Kind scheinbar als Zeichen für eine nicht intakte Familie und damit Dudley als ungeeignet für den angedachten Posten ansieht, nimmt Mutter Audrey, die allgemein mit dem stummen Sohn überfordert scheint, das sogleich zum Anlass, dem armen Knirps ordentlich einzuheizen (sie fantasiert später ihm gegenüber sogar davon, ihm statt seiner Medizin eine Pille zu geben, die ihn für immer schlafen lässt), was sein Vater in keinster Weise zu verhindern versucht.

Sean und Candy sind die Opfer in diesem perfiden Spiel. Aber da Candy, die von wirklich allen um sie herum wie ein Gegenstand behandelt wird, rein physisch nicht in der Lage ist zu handeln und auch die Vergewaltigung durch Eddy stoisch hinnimmt, bleibt eigentlich nur noch der stumme Junge, zum Erfüllungsgehilfen des Schicksals zu mutieren. Und seine Versuche, etwa wie von der verzweifelten Candy gefordert, die Polizei zu rufen, da man sie sonst töten würde (sie fragt den Kleinen auch immer wieder eindringlich, was das heißt, zu töten und zu sterben, was er stumm nickend bejaht), in dem er eine Polizisten-Puppe aufzieht und ins Telefon sprechen lässt, sind geradezu herzzerreißend. Während sich die Handlung zwischen den Entführern und Candys Vater Avery komplett gelöst von ihnen entwickelt und auf eine Eskalation zusteuert, stellt die Begegnung zwischen Candy und Sean dagegen die Weichen für den letztlichen Ausgang der Geschichte.

Hinter THE CANDY SNATCHERS steckt also tatsächlich ein wenig mehr, als die schmuddelige Grindhouse-Herkunft vermuten lässt. Das Drehbuch verknüpft recht geschickt die verschiedene Handlungsstränge (Entführer & Candy, Avery betrügt seine Frau, Mutter Audrey malträtiert den kleinen Sean), verpasst den Figuren ein wenig Tiefe (widmet ihnen aber auch nur so viel Zeit, wie unbedingt nötig, mal abgesehen von Sean; da brach wohl der stolze Vater aus Regisseur Trueblood heraus, der diese Rolle ja mit seinem eigenen Sohn Christopher besetzte) und legte das Ganze weniger als spannender Thriller sondern eher einer mitreißenden Tragödie aus – vielleicht hat sich dies auch nur daraus ergeben, dass man es schlicht nicht besser konnte, denn die Gestaltung der Szenen und die Schnitt-Dynamik verhindern recht zuverlässig, dass sich irgendeine Art von Grundspannung etablieren könnte. Aber sei es drum, am Ende zählt halt nur, dass das im Ganzen eigentlich ziemlich gut funktioniert. Wenn am Ende der Titelsong „Money Is the Root of All Happiness“ (der den Film schon kongenial einleitet) ertönt, hat man, so man denn kein gefühlskaltes Arschloch ist, schon einen dicken Klos im Hals.

THE CANDY SNATCHERS ist der einzige Spielfilm von Regisseur Guerdon Trueblood, der aus Costa Rica stammt. Er hat in erster Linie selbst als Drehbuchautor gearbeitet und war vorwiegend fürs Fernsehen tätig, schrieb aber auch das Skript zum Spätwestern DER LETZTE DER HARTEN MÄNNER (1976) und erarbeitete, zusammen mit Richard Matheson, die Story zu DER WEISSE HAI 3 (1983). Das Drehbuch zu seinem Debüt schrieb er zusammen mit Bryan Gindoff (EIN STAHLHARTER MANN, DIE AUFREISSER VON DER HIGH SCHOOL). Für die routinierte Fotografie des Films zeichnete der im Exploitation-Genre erfahrene Robert Maxwell (ASTRO-ZOMBIES, AMPUTIERT – DER HENKER DER APOKALYPSE, DER RASIERMESSER-KILLER) verantwortlich. Insgesamt kann man die technische Arbeit an THE CANDY SNATCHERS als durchaus solide bezeichnen, da fällt nichts irgendwie negativ ins Gewicht.

Aus dem Cast sticht vor allem Tiffany Bolling als Jessie hervor, die ihre Rolle eindringlich (und manchmal auch etwas theatralisch) vorträgt. Sie hatte sich im Jahr zuvor für den Playboy ausgezogen und drehte in der Folge einige schmierige B-Filme, u.a. BONNIE’S KIDS (1973) und DER RASIERMESSER-KILLER (1974), dann war sie noch William Shatners Love Interest in MÖRDERSPINNEN (1977). Später bereute sie diese Phase ihres Lebens und vor allem die Rollen, die sie in diesen Filmen spielte, und begründete es mit einer unschönen Vorliebe für weißes Pulver. Neben ihr agieren Brad David als Bruder Alan und Vince Martorano als Eddy, beide zumeist im TV zuhause, recht solide, mit leichtem Hang zur Übertreibung. Den fiesen Stepdaddy gibt Ben Piazza, ebenfalls ein TV-Darsteller, der sich nicht wirklich auszeichnen kann. Als Audrey Newton, Mutter des kleinen Sean, macht es uns Bonnie Boland leicht, sie zu hassen, was ja heißt, dass sie eigentlich alles richtig macht. Wenn ich ihre dünne Filmographie überblicke, dürfte THE CANDY SNATCHERS schauspielerisch auch sicherlich das Highlight ihrer Karriere gewesen sein. Ihr Gegenüber, Jerry Butts als Ehemann Dudley bleibt blass, hat aber eh kaum was zu tun. Susan Sennett (BIG BAD MAMA) hat als Candy natürlich eine denkbar undankbare Rolle, sie ist die meiste Zeit gefesselt und oft sogar geknebelt. Als ihre Mutter Katherine sehen wir Dolores Dorn, die vom Theater kommt, aber nebenher auch zweimal Miss Chicago war, als Averys Geliebte Lisa das in Europa recht erfolgreiche Model Phyllis Major. Ein gesondertes Lob muss man an Christopher Trueblood aussprechen, der als Sean alle Sympathien auf seiner Seite hat und auch in keinster Weise nervig rüberkommt (was natürlich dadurch begünstig ist, dass er nicht sprechen kann). Die IMDb will mir erzählen, dass er am 11. Juli 1971 das Licht erblickt haben soll, was aber nicht stimmen kann, denn dann wäre er beim Dreh kaum zwei Jahre alt gewesen. Ich denke, da hat man sich um gut ein, zwei Jährchen vertan.

The CANDY SNATCHERS galt nach seinem Kino-Einsatz Mitte der 70er lange Jahre als verloren, bis 2005 plötzlich eine DVD von Subversive Cinema in den USA erschien, die den Film als Abtastung vom originalen Kamera-Negativ in vollem Glanz erstrahlen ließ. Inzwischen nahm sich ja auch das Liebhaber- und Archivlabel Vinegar Syndrome des Films an und spendierte ihm eine wirklich schöne Blu-ray Veröffentlichung, die in den Extras auch einige Interviews mit Regisseur Trueblood, Produzent Gary Edelman und Darsteller Vince Martorano enthält. Es ist müßig zu erwähnen, dass die Blu-ray der schon hervorragenden DVD technisch noch einmal deutlich überlegen ist.

Unter den Filmen des Grindhouse-Kinos der 70er ist THE CANDY SNATCHERS kein wirklicher Kracher im herkömmlichen Sinn, denn dafür schippert der Film zu gemütlich und zudem nicht sehr spannend vor sich hin und ergeht sich nicht in erwartbaren Gewalt-Exzessen wie eben Cravens THE LAST HOUSE ON THE LEFT. Zimperlich geht es natürlich nicht zu, wir werden Zeuge der Kindesmisshandlung, einer Vergewaltigung und natürlich beginnt im Finale dann das große Sterben. TV-Autor Trueblood tat äußerst gut daran, seinen Charakteren zumindest ein dreidimensionales Profil zu verpassen, auch der Fokus auf die Opfer, Candy und Sean, lenkt die Sympathien in die richtigen Bahnen (auch wenn man tatsächlich auch mit Entführer Eddy, der eine fehlgeleitete Seele auf der Suche nach Liebe scheint), wodurch das Ende dann seinen Impact nicht verfehlt. Wer also mal zu gute Laune hat und einem guten 70s-Exploiter ohne Anspruch auf eine Masse von Sex- und Gewaltszenen nicht abgeneigt ist, ist bei THE CANDY SNATCHERS genau richtig. Denn wir wissen ja: Geld allein macht nicht glücklich!

4/5


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