The Beast


  • Original-Titel: Biseuteo
  •  
  • Regie: Jung-Ho Lee
  • Land: Südkorea
  • Jahr: 2019
  • Darsteller:

    Sung-min Lee (Jeong Han Soo), Jae-myung Yoo (Han Min Tae), Daniel Choi (Jong Chan), Ho-jung Kim, Jae-yeon Ok, Seong-Bong Ahn


Vorwort:

Das Morddezernat der Polizei in Incheon ist in zwei Einheiten unterteilt – Einheit 1 steht unter der Fuchtel des altgedienten Veteranen Jeong Han Soo, Einheit 2 untersteht dem eher modernen Methoden zugeneigten Han Min Tae. Chief Sung, ihr gemeinsamer Chef, steht vor der Beförderung zum Superintendent, was seinen jetzigen Sessel naturgemäß frei machen wird. Sungs Favorit für seine Nachfolge wäre Jeong, nicht zuletzt, um den Knaben von der Straße wegzubekommen, wo seine althergebrachten Eigenmächtigkeiten – mal einen Gangster ohne Formalitäten wie Festnahme oder Anklage zu verdreschen oder zwielichtige Informanten (wie die geheimnisvolle Madame Oh, die ein anrüchiges Etablissement in einer Seitengasse betreibt und wie eine Spinne in einem Netz aus Informationen sitzt ) zu beschäftigen – nicht mehr ganz dem zeitgemäßen Image, mit dem sich eine moderne Polizeibehörde schmücken will, entsprechen. Gewisse höhere politische Kreise favorisieren allerdings den geschniegelteren und öffentlichkeitswirksameren Han.

Nun wird Incheon gerade von dem Fall des verschwundenen 16-jährigen Schulmädchens Min-jan erschüttert und da Hans Einheit sich seit über zwei Wochen erfolglos die Zähne an der Sache ausbeißt, ist die öffentliche Meinung auf die Cops nicht sonderlich gut zu sprechen und fordert rollende Köpfe. Im Hinblick auf das Beförderungsdomino stellt sich die Sache einigermaßen simpel dar – wer immer diesen Fall löst und den Verbrecher dingfest macht, wird, was die Chief-Position angeht, kaum zu übergehen sein. Die Lage verschärft sich, als aus dem Fall des verschwundenen Schulmädchens Min-jan der Fall des ermordeten Schulmädchens Min-jan wird – ihre zerstückelte Leiche wird am Strand verbuddelt gefunden. Wg. erwiesener Erfolglosigkeit wird der Fall federführend Han entzogen und Jeong zugeteilt. Das scheint eine gewinnbringende Entscheidung Sungs zu sein, denn schon nach kurzer Zeit hat Jeong einen vielversprechenden Verdächtigen an der Hand – den Diakon der Kirche, in der Min-jan im Chor gesungen hat, der eine Geschichte sexueller Belästigung aus Unitätszeiten hinter sich hat und eine ganze Schublade Fotos des Opfers in seinem Wohnklo aufbewahrt. Gut, Min-jan wurde laut Autopsie nicht sexuell missbraucht, aber das sind Details, und mit ein bisschen gezielt ausgeübten psychologischen Druck hat Jeong noch am Tag der Festnahm ein Geständnis aus dem Diakon gepresst und lässt sich angemessen feiern. Nur Han traut dem Braten nicht und unterzieht den Verdächtigen einer weiteren ausführlichen Befragung, an deren Ende sich des Gottesmanns Status von „Hauptverdächtiger“ auf „elementarer Augenzeuge“ geändert hat. Das Mädchen hatte sich selbst dem standhaften Fast-Priester aufgedrängt, der sie in höchster Sorge beschattete und Min mit zwei Männern und einem Lieferwagen beobachtet hat.

Dieweil tut sich anderes – die Kleinganovin Lim wird nach einem dreijährigen Aufenthalt hinter koreanischen Stahlgardinen aus dem Knast entlassen und ist rachedurstig. Der Dealer, dessen Aussage sie ins Kittchen gebracht hat, muss weg. Natürlich ist auch ihr klar, dass sie im Falle des plötzlichen gewaltsamen Ablebens des Typens selbst der dümmste Dorfbulle der Serengeti ziemlich schnell auf sie kommen würde, aber sie hat einen Plan. Lim war nämlich auch eine von Jeongs bevorzugten Informantinnen und selbstredend ist Jeong zu einem Treffen bereit, als sie ihm Informationen zum Fall Min-jan in Aussicht stellt. Aber bevor sie redet, wird ein bisschen spazieren gefahren, bis an eine dunkle Ecke irgendwo am Rand der Stadt, wo Lims Dealerfreund irgendwelche Verrichtungen zu erledigen hat. Vor Jeongs entzündetem Auge legt Lim den Dealer um und schlägt dann ein unmoralisches Geschäft vor – sie hat in der Tat Infos über die bewussten Typen mit dem Lieferwagen, aber dafür muss Jeong ihr ein Alibi geben. Jeong meint, keine Wahl zu haben.

Die entsprechenden Verdächtigen hausen in einem heruntergekommenen Wohnblock, der, was die Lage nicht vereinfacht, von diversen Mafiaclans als Drogenlabor/Vertriebszentrum genutzt wird. Das würde Jeong an und für sich nicht tangieren, doch blöderweise arbeitet die Drogenfahndung seit mehreren Monaten an einer großen Operation gegen den Mob, und wegen eines lausigen Mädchenmords wollen die sich ihren Sting nicht verderben lassen. Jeong knickt ein, aber das passt nun wieder Han nicht, der eine Chance wittert und im Alleingang zur Verhaftung schreiten will. Es hilft nix, Jeong muss seinen ungeliebten Kollegen unterstützen. Der Einsatz endet in einem mittleren Desaster – der Verdächtige, der in der Tat hinter einer falschen Wand eine Folter- und Schlachterkammer eingerichtet hat und sich an den auf Kassette aufgenommenen Schreien einer ganzen Fuhre von Opfern ergötzte, ist zwar tot, aber auch drei Cops, inklusive Jeongs Junior-Partner. Der Vater des Verdächtigen, ein alter kranker Mann, ist aber entkommen.

Damit hat sich die Sache aber noch lange nicht in Wohlgefallen aufgelöst – auch der Drogenfahndung blieb keine Wahl, als aufgrund Hans Solo-Auftritt ihre Razzia vorzuziehen und hat so ein lauschiges dutzend Kilo feinsten Stoffs beschlagnahmt. Kommt nicht gut an bei dem Mafia-Clan, dem das Zeug gehört. Und die haben tatsächlich eine gewisse Vorstellung, wer Jeong die Info gesteckt hat. Unter der Androhung, ihren Freund umzubringen, wird Lim dezent gebeten, für die Wiederbeschaffung des Stoffs zu sorgen – sie ist doch auf du und du mit einem gewissen einflussreichen Polizeicaptain? Auf der anderen Seite flüstert ein Vögelein Han die Geschichte eines toten Dealers, einer Mörderin und eines sie deckenden Polizeibeamten. Als wäre das nicht schon dramatisch genug, enthüllt die Autopsie des toten Verdächtigen, dass er unmöglich der Serienkiller sein konnte – der wahre Killer ist also noch auf freiem Fuß…

Inhalt:

South Korea Best Korea. Auf jeden Fall, was die Filmindustrie angeht. Koreanisches Blockbusterkino ist, das habe ich sicher schon irgendwann mal erwähnt, heutzutage das womöglich polierteste, stylischte und gelackteste Big-Budget-Kino Asiens, wenn nicht sogar der Welt. Wenn Cops und Gauner sich im K-Kino jagen, passiert das normalerweise vor der hypermodernen Kulisse von Seoul mit allen Schikanen, Stunts, shoot-outs und Martial Arts.

Nicht so in THE BEAST, einem Film, der den koreanischen Cop-Thriller aus der schillernden Metropole mit ihren Neonfarben holt und in die Industriestadt Incheon, und dort die schmierigsten, abgefacktesten und schmutzigsten Ecken packt. Seht her, scheint Jung-Ho Lee, Autor und Regiedebütant von THE BEAST, zu rufen, wir können auch „dark and gritty“.

Dark and gritty ist dann auch wirklich die perfekte Umschreibung für einen Film, bei dem die vordergründige Jagd auf den Serienkiller, so spannend sie auch sein mag, eigentlich nicht das zentrale Element, das Herz des Streifens ist. THE BEAST ist die Geschichte von Jeong und Han, zwei Cops, die beide auf ihre Art das Beste wollen, Gerechtigkeit walten lassen wollen, aber beide auf ihre Art kaputt und korrupt sind – Han lässt sich politisch protegieren, was selbstverständlich impliziert, dass seine Gönner und Förderer im Falle des Falles auch Gegenleistungen erwarten, Jeong hat nach wer-weiß-wie-vielen Dekaden auf der Straße längst das Augenmaß verloren, inwieweit er mit Kriminellen kooperieren und sie beschützen kann, um sich Informationsquellen warmzuhalten, lässt den Zweck die Mittel heiligen und überschreitet spätestens mit der Entscheidung, Lim zu decken, eine rote Linie. Dass ihre ungesunde Rivalität generell ihrer Arbeit und dem Arbeitserfolg abträglich ist, versteht sich dabei von selbst, zumal sich die gegenseitige herzliche Abneigung zwanglos auch auf ihre Untergebenen überträgt. Trotz ihrer Schritte abseits des rechten Wegs sind weder Han noch Jeung üble Kerle – beide wollen das „Richtige“ tun, werden aber auch durch externe Faktoren manipuliert und durchschauen nicht immer die Konsequenzen ihres Tuns; was in einer Welt, in der sprichwörtlich jeder Dreck am Stecken zu haben scheint und auf seinen eigenen Vorteil bedacht ist, auch nicht einfach ist (Jeung z.B. verkneift es sich, Lim zu verpfeifen auch deswegen, weil selbst wenn er sie als Mörderin hinhängen würde, immer noch der Umstand bleibt, dass er sie nicht an der Tat gehindert hat. Was immer er tun würde, es bliebe Kacke an ihm haften).

Der Serienkiller ist dabei, wie man sieht, nur ein MacGuffin, ein Plotdevice, das die Geschichte in Gang hält, was man auch daran festmachen kann, dass THE BEAST ein loses Remake des 2004 von Olivier Marchal inszenierten französischen Cop-Thrillers 36 – TÖDLICHE RIVALEN ist, und in der Vorlage das Verbrechen, um dessen Aufklärung die zwei Polizisten streiten, eine Serie von bewaffneten Überfällen auf Geldtransporter ist. You see – der Aufhänger ist eigentlich wurscht, es geht darum, wie sich dieser Kampf der Rivalen auf sie auswirkt, wie weit zu gehen sie bereit sind.

THE BEAST war in Korea kein sonderlicher Publikumserfolg. Mag daran liegen, dass „crooked cops“ nun prinzipiell kein neues Thema, ganz besonders im asiatischen Krimikino, sind, aber THE BEAST simple Schwarz-Weiß-Malerei völlig vermeidet. Wie schon gesagt, weder Jeung und Han sind „Schurken“, obwohl sie sich Methoden bedienen, die nicht in Ordnung sind (und sich auch durchaus dieses Umstands bewusst sind), sie sind – insbesondere Jeung – damit zufrieden, wenn am Ende ein akzeptables Ergebnis steht; wie sie dahin kommen, und ob sie unterwegs die Gesetze, deren Aufrechterhaltung sie eigentlich verpflichtet sind, auch selbst einhalten, ist zweitrangig. Wer mag sie ernstlich verurteilen? Vielleicht traf das etwas zu sehr auf empfindliche Stellen der koreanischen Volksseele, die ja, wie praktisch alle asiatischen Kulturen, stark auf den persönlichen Ehrbegriff abstellt und Protagonisten, die „the end justifies the means“, ganz egal, ob das tatsächlich im konkreten Fall *stimmt* oder der bewusste Zweck nicht nur persönliches Vorankommen ist, sofort unterschreiben würden, daher schlecht ankommen (zum Vergleich: THE VETERAN, der vor ein paar Jahren ja auch einen, sagen wir mal, ambivalenten „Helden“ in den Mittelpunkt stellte, war trotz zweifelhafter Methoden jemand, der ganz klar ein positives Ziel – den Machtmissbrauch einer reichen Elite aufzudecken – verfolgte, aber jenseits eines Gefühls, Ungerechtigkeiten zu richten, kein persönliches Motiv hatte).

Vielleicht lag’s aber auch an der Umsetzung. Zum einen schickt Lee, wie schon gesagt, uns nicht nur mental, sondern auch ganz physisch an die Orte der koreanischen Gesellschaft, an denen’s weh tut – die Hinterhöfe, Seitengassen und vergammelten Plattenbauten, in denen sich der Abschaum der Unterklasse sammelt (nicht von ungefähr auch Immigranten aus Thailand oder China, die sich mit ihren jeweiligen organisierten Gangsterbanden dort eingenistet haben). Es ist schon auffällig, wie sehr der Film vermeidet, auch nur eine Szene in der (durchaus vorhandenen und modernen, wolkenkratzergeprägten) City-Downtown Incheon anzusiedeln, sondern für seine Exteriors fast exclusiv auf Industriehalden und dreckige Slumsiedlungen setzt (und wenn etwas „heller“ und „freundlicher“ wirkt, verbergen sich dort moralische Abgründe).

Nun muss man aber konstatieren, dass „dark and gritty“ auf Koreanisch immer noch zwei bis fünf Ligen polierter und glatter ist als das, was man allgemein unter dem Terminus versteht. Es scheint koreanischen Filmemachern schlicht körperlich unmöglich zu sein, wirklich einen adäquat abgeranzten Grindhouse-Look hinzuzimmern. Man muss das also schon in einer gewissen Relation sehen.

Lee inszeniert den Streifen durchaus druckvoll und spannend (sowohl, was die Mörderjagd als auch den inneren Konflikt seiner Figuren angeht) – und trotzdem, mit seiner über zweistündigen Laufzeit und seiner konsequenten „schlechten Laune“, in der es eigentlich nie einen Moment erlösender Heiterkeit gibt, ist der Film schon ein bisschen anstrengend, nicht gerade entspanntes easy viewing für Nebenher und Zwischendurch, man muss schon in der passenden Stimmung sein. Es ist nicht ganz diese misanthropische Weltsicht von japanischen Ultra-Downern wie GESTÄNDNISSE oder THE WORLD OF KANAKO, nach denen man sich direkt die Pulsadern öffnen will, um dieser schnöden Welt Lebwohl zu sagen, aber schon insgesamt recht unerfreulich. Sicher hätte man da und dort ein wenig straffen und 10, 15 Minuten einsparen können, ohne an Message und Wirkung zu verlieren, andererseits stört die Laufzeit auch nicht, wenn man sich auf den Film und seinen Erzählrhythmus eingelassen hat.

Schauspielerisch brennt auch nichts an, speziell Sung-min Lee (THE GOOD, THE BAD, THE WEIRD) weiß als Jeong zu überzeugen und kontrastiert gut mit seinem so gegensätzlichen Rivalen Jae-Myung Yoo (SILENT ASSASSIN), ansonsten primär populärer TV-Darsteller in Korea, wie auch Daniel Choi, der Jeongs unglücklichen Partner spielt.

Wer in Sachen Asia-Crime-Thriller nicht nur die actiongespickte Hochglanzvariante schätzt, sondern auch den ambivalenten Blick in den „underbelly“ und die menschlichen Abgründe und das moralisch zweifelhafte Territorium goutiert, kommt bei THE BEAST allemal auf seine Kosten - ein Film, der gerade als Gegenentwurf zum typischen südkoreanischen High-Tech-Neon-Thriller seine Meriten hat.

© 2020 Dr. Acula


BOMBEN-Skala: 3

BIER-Skala: 7


mm
avatar
  Subscribe  
Benachrichtige mich zu: