Stranded


  • Deutscher Titel: Stranded
  • Original-Titel: Djinns
  •  
  • Regie: Sandra Martin, Hugues Martin
  • Land: Frankreich
  • Jahr: 2010
  • Darsteller:

    Grégoire Leprince-Rinquet (Michel), Thierry Frémont (Vacard), Said Taghmaoui (Aroui), Cyril Raffelli (Louvier), Aurélien Wiik (Saria), Stéphane Debac (Durieux), Matthias van Khache (Malovitch), Grégory Quidel (Max), Emmanuel Bonami (Ballant), Raouia Harand (Daouia)


Vorwort:

1960 – es tobt der algerische Unabhängigkeitskrieg und La Grande Nation schickt ihre Besten in die Wüste, darunter auch den jungen Michel, der als Kriegsberichterstatter mit der Filmkamera die Heldentaten der Armee dokumentieren soll. Für den Moment darf er eine Patrouille unter dem Kommando des als harten Hunds bekannten Vacard, begleiten, die in der unüberschaubaren Sahara nach einem abgestürzten Flugzeug, bestückt mit zahlreichen Lamettaträgern, fahnden soll. Michel stößt schnell an seine persönlichen Belastbarkeitsgrenzen und dass er den Tross aufhält, macht ihn nicht sonderlich beliebt, nur Saria freundet sich mit dem Jungspund ab. Wenigstens findet die Patrouille tatsächlich das Flugzeugwrack, diverse Leichen, einen ominösen Geheimkoffer und, noch unerfreulicher, einen Trupp algerischer Rebellen, die sie couragiert unter Feuer nehmen und zwei Soldaten töten. Die Franzosen müssen stiften gehen. In der Nacht bemerkt Michel, der inzwischen unter rätselhaften Visionen leidet, dass Ballant, einer der Soldaten, den Koffer klauen will. Es gelingt, den Schelm an der Missetat zu hindern, Ballant flieht allerdings in die Wüste…

Am nächsten Tag entdeckt der Stoßtrupp ein Dorf und besetzt es – könnte ja schließlich eine Brutstätte des Freiheitskampfs (bzw. Terrorismus, newa) sein und außerdem könnte Ballant sich dort aufhalten. Beides negativ, aber durch eher versehentliches Erschießen einer Dorfbewohnerin steigen die Besatzer nicht gerade auf der Popularitätsliste der Dörfler. Michel, von einem Kind, das er aus einer seiner Visionen kennt, in die Wüste geführt, gelingt es, vier der Freiheitskämpfer, darunter deren Captain, einen früher in Armee-Diensten stehenden Indochina-Veteranen, gefangenzunehmen. Da hat Vacard gleich mal was zu foltern und zu erschießen… Michel seinerseits wird zur Dorf-Seherin Daouia geführt, die ihm eröffnet, ihr Nachfolger als „Wächter“ zu sein. Was gibt’s in so einem Wüstenkaff zu bewachen? Und vor wem? Letztere Frage ist leicht beantwortet, denn in der Nacht kommen die Djinne aus der Wüste – geisterhafte Erscheinungen, die dafür sorgen, dass die Franzosen sich mit Wonne gegenseitig meucheln…

Inhalt:

Das FFF ist mein jährlicher Fix für Franzosen-Filme. Ehrlich, so viele linksrheinische Filme sehe ich sonst das ganze Jahr nicht. Wie wir in diesem Jahrgang schon beispielhaft anhand The Pack oder Sphinx festgestellt haben, kann man sich auf französische Thriller eigentlich blind verlassen, bei französischem Horror muss man allerdings aufpassen. „Djinns“ (etwas unglücklich oder zumindest zusammenhanglos international „Stranded“ benannt), der Debütfilm von Sandra und Hugues Martin (ich halte die mal unbefangen für ein Ehepaar) klassifiziert sich zwar nominell als Horrorfilm, hat aber mit der neuen Welle harten (teilweise überharten) französischen Terror-Kinos (erfreulicherweise?) nichts am Hut.

Vielmehr steht „Djinns“, sofern man einen – und das sag ich selten – von seiner Konzeption und Umsetzung relativ eigenständigen Film in einer „Tradition“ sehen kann, in der des nun auch schon dreißig Jahre alten Michael-Mann-Semidemihemiklassikers „The Keep“ (aka „Die unheimliche Macht“), in dem ein Nazi-Stoßtrupp in Italien von übernatürlichen Ereignissen aufgemischt wird. „Djinns“ kombiniert Elemente des klassischen Kriegsfilms mit einer guten Dosis atmosphärischen Grusels – wer Schnitt- und Effektfeuerwerke erwartet, dürfte bei diesem Streifen sanft entschlafen, aber wer noch ein Faible für ruhig erzählten „unheimlichen“ Kintopp hat, dürfte sich freuen.

Wie so mancher französische Genrefilm der jüngsten Zeit versucht sich „Djinns“ an einem klassischen Stilbruch etwa zur Halbzeit (wie das auch die von mir ausführlich abgelehnten High Lane oder „The Pack“) – einer ziemlich straight erzählten, ausführlichen Auftaktphase, die bis auf die gelegentlichen Visionen Michels (der Sinn der entscheidenden Vision erschließt sich erst mit der aller-allerletzten Einstellung des Films und setzt die ganze Story in einen anderen Kontext), die kommendes Ungemach andeuten, als geradliniges Kriegsabenteuer (mit allerdings nur einer „richtigen“ Actionsequenz) daherkommt, folgt der übernatürliche Grusel in Halbzeit Zwo – im Gegensatz zu den zitierten anderweitigen Stil(ver)brechern entwickelt sich der Turn ins phantastische Genre allerdings schlüssig und flüssig, ohne einen wirklich harten , schmerzhaft spürbaren Bruch, zumal das Script einige clevere Ideen hat. Der vordergründige Clou (die Djinne selbst begehen keinerlei bösartigen Mordtaten, sie bringen die Soldaten „nur“ dazu, aufeinander loszugehen und sich gegenseitig umzubringen) wird durch den Twist noch verstärkt (SUPERDUPEREXTREMMEGASPOILER: Die Djinne selbst sind zwar „gefährlich“, wie Daouia ausführt, aber nicht „böse“, ihr Ziel ist es letztlich, einen französischen Atombombentest in der Wüste zu verhindern. SPOILERENDE), es spielt mit der Rückblendentechnik (der Film steigt mit der klassischen „der-letzte-Überlebende-stolpert-in-Sicherheit“-Szene ein, variiert aber auch diese alte Genrekonvention – es ist nicht derjenige, den man dafür halten würde, genauso wie – ohne übermäßig politisch zu werden – es mit der Terroristen-/Freiheitskämpfer-Terminologie arbeitet, und auch die Charaktere (der junge, unerfahrene Michel, sein „Freund“ Saria, Vacard, der mustergültige Kommisskopf, Malovitch, der bei seinen Kameraden aufgrund seiner jüdischer Herkunft einen schweren Stand hat) mögen auf dern ersten Blick baukastenmäßig erscheinen, erarbeiten sich aber, obwohl der Film im Endeffekt auf die Ereignisse einer Nacht abzielt, ihren Tiefgang.

Hauptsächlich lebt „Djinns“ aber nicht von seiner Geschichte per se, sondern von der Atmosphäre – die Martins setzen einen sehr wirkungsvollen Kontrast zwischen den hellen Wüstenaufnahmen der ersten Hälfte und dem düsteren, neblig-kalten zweiten Part in dem festungsartig gestalteten Dorf, in dem sich die Djinne unheimlich aus dem aufziehenden Nebel manifestieren (shades of Carpenter…) „Djinns“ ist alles andere als eine Tempogranate und braucht einen geduldigen Zuschauer, der nicht auf Höhepunkte im Minutentakt aus ist, der Streifen ist mit viel Behutsamkeit und Bedacht inszeniert, bedient sich eines sehr ruhigen, gleichförmigen Erzählrhythmus (was auch zum Setting passt, die Sandwüste an sich ist an sich „ruhig“ und „gleichförmig“; bringt man nicht die Bereitschaft mit, sich auf diese Erzählweise, dieses Tempo, das sich auch zum Showdown hin nicht wesentlich steigert, kann einem der Film schon ein wenig monoton und langweilig erscheinen (mein werter Herr Sitznachbar und Technik-Guru spaulding war mit dem Mitternachtsscreening dann doch leicht überfordert :-)), es ist ja nun auch nicht gerade ein farbenprächtiger Film, sondern einer, der in Braun- und Grautönen schwelgt; man muss sich auf diesen Ansatz einlassen – und wird dann mit wirklich schön fotografiertem, atmosphärischem Grusel belohnt; alleine die Szenen, in denen die Djinne erscheinen, mit ihrem sanft-monströsen Design, sind für Freunde des eher old-school-orientierten Gruselkinos das Eintrittsgeld wert. Das Zusammenspiel von Kamera, Schnitt und Musik überzeugt, und als kleines Gutzi für durchhaltewillige Splatterfreunde gibt’s zum Ende hin auch ein-zwei solide Ruppigkeiten.

Auch die Darsteller geben sich keine Blöße Gregoire Leprince-Ringuet („Das schöne Mädchen“, „Chanson der Liebe“, „Die Prinzessin von Montpellier“) ordentlich sich in seiner ersten Genre-Rolle, allerdings sind die Nebenrollen deutlich präsenter (was freilich auch am Script liegt, dass der Hauptfigur eine eher passive Rolle zuordnet). Thierry Fremont („Im Kopf des Mörders“, „Femme Fatale“) als Vacard, Said Taghmaoui („G.I. Joe“, „8 Blickwinkel“, „Five Fingers“ und demnächst im „Conan“-Remake) als sein Gegenspieler auf Rebellenseite, Aurelien Wilk („Frontier(s)“) als Michels einziger „Freund“ und Matthias van Khache („Lady Blood“) als geplagter Malovitch leisten bachtliches.

Fazit: „Djinns“ wird es vermutlich recht schwer haben, sein Publikum zu finden – sein Szenario ist sehr „französisch“ (der Algerien-Konflikt ist nun mal nicht so präsent wie das amerikanische Vietnam-Trauma), die Umsetzung und die Erzählweise vergleichsweise unspektakulär; kein Film, den ich mir jede Woche ansehen müsste oder könnte, aber ein angenehmer Rückfall in die Zeiten, als Horror noch nicht ausschießlich über die verspritzte Menge Kunstblut und die Anzahl abgeschlagener Gliedmaßen definiert wurde, ein altmodischer, atmosphärischer Gruselfilm, souverän gespielt und inszeniert, mit kleiner subtiler politischer Note. Das alles macht „Djinns“ nicht zum Reißer oder Klassiker, aber zu einem soliden Genrevertreter, der einen besseren internationalen Verlehititel verdient hätte (warum blieb man nicht einfach bei „Djinns“? Ist doch ein guter Titel?). Das verdient locker drei Filmrollen.

3/5
(c) 2010 Dr. Acula


mm
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