Sprengkommando Atlantik


  • Deutscher Titel: Sprengkommando Atlantik
  • Original-Titel: ffolkes
  • Alternative Titel: North Sea Hijack Assault Force
  • Regie: Andrew V. McLaglen
  • Land: Großbritannien
  • Jahr: 1980
  • Darsteller:

    Roger Moore (Rufus Excalibur ffolkes), James Mason (Admiral Brinsden), Anthony Perkins (Lou Kramer), Michael Parks (Shulman), David Hedison (King), Jack Watson (Olofson), George Baker (Fletcher), Jeremy Clyde (Tipping), David Wood (Herring), Faith Brook (Prime Minister), Lea Brodie (Sanna)


Vorwort:

Die altehrwürdige Lloyd’s Versicherung hat in ihrer unerschöpflichen Weisheit einige Bohrinseln versichert und macht sich nun Gedanken über eine potentielle terroristische Bedrohung derselben. So wird Rufus Excalibur ffolkes, der exzentrische Vorsteher einer privaten Froschmanntruppe damit beauftragt, ein Szenario zur erfolgreichen feindlichen Übernahme einer Bohrplattform zu entwickeln und, sobald damit fertig, entsprechende Gegenmaßnahmen.

Schon wenige Monate später wird Kapitän Olofson, Chef des Bohrinsel-Versorgungsschiffes Esther, kurzfristig zum Babysitter einer internationalen Pressetruppe verdonnert. Kaum ist die Esther auf hoher See, erweisen sich die vermeintlichen Reporter als fiese Ganoven und übernehmen gewaltsam das Kommando über die Esther. Ihr nächster Schritt ist das Anbringen von Haftminen am Bohrturm Ruth, ehe die Esther programmgemäß vor der Förderplattform Jennifer vor Anker geht, die Taucher des Fieslingsgeschwaders auch dort Minen anbringen und das Gangsteroberhaupt, Lou Kramer, dem verblüfften Bohrinselkommandanten King eröffnet, dass er, sollte sein bescheidener Wunsch nach 25 Millionen Pfund nicht binnen 24 Stunden erfüllt werden, er erst Ruth und etwas später dann Jennifer samt Mann + Maus zu den Fischen schicken werde.

Die britische Regierung in Form der Iron-Lady-Premierministerin verhandelt selbstverständlich nicht mit Terroristen und bezahlt sie schon gar nicht. Allerdings, so räsonniert man im Krisenstab, man könne ja eigentlich dem zuständigen Versicherer Llloyd’s nicht abschlagen, das Lösegeld zu bezahlen. Bei Lloyd’s hegt man allerdings auch wenig Lust, diesen Betrag auszutüten und erinnert sich daran, dass man ja ffolkes mit einer Evaluierung genau jenes Szenarios beauftragt habe. Ffolkes sah sogar zuverlässig voraus, dass die Angreifer sich eines Versorgungsschiffs bemächtigen würden (was ich jetzt a. nicht für die immens großartige Geistesleistung halte und b. auf meiner Liste der Topverdächtigen ffolkes auf einen Logenplatz befördern würde). Die Admiralität ist nicht begeistert, die heikle Aufgabe in die Hände eines Zivilisten zu legen – noch dazu eines, der sich hauptsächlich von Whiskey pur ernährt, für die Menschheit, insbesondere, so sie das bedauernswerte Schicksal ereilt hat, weiblich zu sein, primär Verachtung übrig hat und ansonsten nur zu seinen Katzen eine innige Beziehung pflegt.

Sei’s drum – ffolkes ist der richtige Mann am richtigen Ort und übernimmt den Einsatz. Während seine Froschmänner sich heimlich, still und leise anschleichen sollen, geht er mit Admiral Brisden an Bord der Jennifer, vorgeblich um mit Kramer zu verhandeln, hauptsächlich aber, um den zu nerven. Dabei hat Kramer schon mit der renitenten norwegischen Crew der Esther zu tun, die sich nicht zu willfährigen Erfüllungsgehilfen der skrupellosen (aber un-ideologischen) Ganoven machen lassen will. Köchin und Bedarfskrankenschwester Sanna verfällt auf die Idee, die Gangster mit einer Medikamentenüberdosis zu vergiften, aber dafür muss sie erst einmal an den Kapitän und dem von ihm gehorteten Schlüssel zum Apothekenschrank herankommen.

Ffolkes ahnt natürlich nichts von den Vorgängen auf der Esther und gedenkt, seinen Plan durchzuziehen, der darin besteht, dass er, King und der Admiral zur Geldübergabe auf der Esther sein sollen und ffolkes nach einem Ablenkungsmanöver des Admirals Kramer töten will. Dumm nur, dass Kramer ffolkes Visage auf den Tod nicht leiden kann und ihn daher gar nicht erst auf die Esther lässt. Jetzt muss ffolkes sich binnen Minuten einen Alternativplan ausdenken…
 

Inhalt:

Es gibt Filme, die werden heutzutage einfach nicht mehr gemacht. Dazu gehört z.B. der Actionthriller ohne Action (ein Beispiel dafür ist z.B. das Sean-Connery-Vehikel „Ransom“), ein Genre, in das sich auch „Sprengkommando Atlantik“ - wieder mal ein sehr debiler deutscher Titel, da die Plotte nicht im Atlantik, sondern in der Nordsee spielt und es gerade darum geht, eine Sprengung zu verhindern anstatt etwas in die Luft zu jagen. Aber okay, es ist ein verständlicherer Titel als der ursprüngliche Originaltitel „ffolkes“ (die Kleinschreibung ist so beabsichtigt) oder der Titel der Romanvorlage „Esther, Ruth and Jennifer“. Auch für den internationalen Markt dachte man sich einen etwas zugkräftigeren Titel aus – „North Sea Hijack“, was auch nichts daran änderte, dass der Streifen kolossal floppte.

Der Streifen markiert die zweite Zusammenarbeit von Regisseur Andrew V. McLaglen mit dem damals aktuellen James Bond Roger Moore nach „Die Wildgänse kommen“. Moore war ja, wie die meisten Bond-Darsteller, stets bemüht, außerhalb der Reihe nach Rollen zu fahnden, die sich vom Image des Geheimagenten absetzten. Hier war Moore mal wirklich erfolgreich – der verschrobene Schotte mit dem gesunden Menschen- und schon eher ungesunden Frauenhass, der in einem schottischen Schloss im Kreise seiner Katzen lebt, dem Alkohol bei jeder Gelegenheit frönt und zum Denken Stickbilder von Katzen anfertigt, ist wirklich weit weit weg von Bond. Moore befand im Nachgang, dass der Film besser sei als alle seine Bond-Filme, hielt sich aber auch für ein wenig fehlbesetzt – ersteres ist sicherlich übertrieben, zweiteres nicht wirklich nachvollziehbar. Moore stieß auf die Geschichte, noch bevor der Roman von Jack Davies (der später auch das Drehbuch verfasste) in den Buchläden stand. Davies war mit Moore befreundet und ließ ihm das Manuskript vorab zukommen, und Moores damalige Ehefrau überzeugte ihren Gatten davon, dass der Protagonistenpart etwas für ihn wäre.

Jedenfalls ist ffolkes ein denkwürdiger Charakter und ein solcher, der in politisch korrekten Zeiten wie den heutigen so nicht mehr auf die Leinwand gebracht werden könnte (oder zumindest nicht als Held, oder allermindestens im Filmverlauf lernen müsste, dass Frauen womöglich doch zu irgendwas gut sind). Das Kunststück an der Figur ist, dass sie den Film dominiert, ohne großartig in Aktion zu treten. Was ffolkes und sein Gegner Kramer sich liefern, sind „mind games“ und das Interessante an der Umsetzung dieses durchaus nicht unbedingt neuen Konzepts ist, dass ffolkes, der Held, aus einer Position der Überlegenheit aus agiert, was daran liegt, dass Kramer nicht mal weiß, dass er einen Gegner hat, und dann noch einen solchen, der praktisch jeden potentiellen Schachzug Kramers vorhergesehen hat und daher den Großteil seiner Zeit auf der Jennifer damit verbringen kann, sein Katzenstickbild zu komplettieren, Whiskey zu trinken und gelegentlich Kramer mit einer launigen Funkmeldung auf die Nerven zu gehen.

Kramer hingegen ist zwar bestens vorbereitet und Besitzer eines narrensicheren Plans, vorgeblich also Herr der Lage, aber doch in der schwächeren Position. Jede Minute, die verstreicht, ohne dass seine Forderungen erfüllt werden, machen in nervöser, ffolkes' Bluff, eine Explosion zu simulieren, die die „versehentliche“ Zerstörung von Ruth ausmacht (während der Bohrturm in Wirklichkeit in aller Seelenruhe evakuiert wurde), beraubt ihn eines Druckmittels, und zudem macht ihm die renitente Crew der Esther zu schaffen. Die Umkehrung des üblichen Prinzips, dass die Fraktion des Guten aus der Underdog-Situation arbeiten muss und von den Entwicklungen überrollt wird, sorgt für eine ganz andere Dynamik. Dass ffolkes' Plan schief zu gehen droht, liegt nicht an Fehleinschätzungen seinerseits oder überlegenem Intellekt seines Gegenspielers, sondern schlicht und ergreifend an einem nicht vorhersehbaren Bauchgefühl Kramers.

Es ist erstaunlich, wie viel Spannung McLaglen in einem Film unterbringt, der weder rasend schnell erzählt wird (und der sich erlaubt, seine eigentliche Hauptfigur mal locker fast ne dreiviertel Stunde aus dem Spiel zu nehmen, weil wir statt dessen den Coup Kramers und die ersten Reaktionen, in die ffolkes verständlicherweise noch nicht verstrickt ist, ausführlich beiwohnen) noch, wie nun schon mehrfach erwähnt, mit plakativen Action-set-pieces um sich wirft – was natürlich auch wieder mit dem bemerkenswert konzipierten Script einher geht – weder ffolkes noch Kramer haben ein Interesse daran, dass die Situation außer Kontrolle und/oder in einem Blutbad endet, beiden ist daran gelegen, die Operation in ihrem jeweils eigenen Sinn so unproblematisch und sauber wie möglich durchzuziehen. Die Opfer auf Seiten der Esther-Crew resultieren nicht daraus, dass Kramer ein besonderes Interesse daran hat, seinen Bodycount hochzuschrauben, sondern aus deren „ill-advised“ Versuchen, den Ganoven aufzuhalten.

Und so werden eben auch „kleine“ Sequenzen – wie der Versuch der Esther-Crew, die Gangster mit einer Medikamentenüberdosis im Kaffee zu vergiften, zu herausragenden suspense-Einlagen, die den Zuschauer bei der Stange halten, ohne dass alle fünf Minuten etwas in die Luft fliegen muss oder sich Leichenberge aufstapeln. In Zeiten, in denen wir gewohnt sind, wie Einzelkämpfer ganze Armeen ausschalten und Schurkenstaaten zu Fall bringen, ist es gleichermaßen „entspannend“ wie eben sauspannend, mal wieder in die Zeit zurückzublicken, in denen ein solches Thema noch mit einem gewissen realistischen Anspruch angegangen wurde.

Einen Sonderpunkt verdienen sich auch die Dialoge, die immer wieder mal eine Dosis Humor einbringen (ganz besonders natürlich, wenn ffolkes zu seinem Leidwesen mit Weibsvolk konfrontiert wird).

McLaglen hatte nicht zuletzt mit „Die Wildgänse kommen“ unter Beweis gestellt, dass er sowohl ein Ensemble steuern kann als auch mit den technischen Herausforderungen umzugehen weiß. Auch hier räumt er seinen Stars – namentlich Moore, Mason und Perkins – angemessenen Platz zur Entfaltung ein, und profitiert davon, dass er so viel wie möglich an Originalschauplätzen drehen konnte. Tony Imi („Enemy Mine“, „Steiner – Das eiserne Kreuz II“, „Die Seewölfe kommen“ - letzterer markierte Moores dritte Zusammenarbeit mit McLaglen) weiß, dass hier keine künstlerische Kamera gefragt ist, sondern es darum geht, die klaustrophobische Atmosphäre der Esther und die rauen Naturgewalten in Szene zu setzen. Michael Lewis („Der Fluch der Sphinx“) setzt einen unauffälligen, aber effektiven Score ein.

Darstellerisch brennt natürlich nichts an – Roger Moore ist schier göttlich als exzentrischer misogyner funktionaler Alkoholiker und fühlt sich sichtlich pudelwohl (oder „katzenwohl“) in der Rolle. Anthony Perkins darf mal wieder seine bewährte (und natürlich auch type-gecastete) well-mannered-psychopath-Rolle ausführen und macht das wie beinahe immer bemerkenswert gut. Altstar James Mason hat kein Problem damit, quasi den Laufburschen für Moore und Perkins zu spielen und sich die Initiative immer von anderen vorgeben zu lassen. Der spätere Tarantino-Favorit Michael Parks („Red State“, „From Dusk Till Dawn“, „Planet Terror“) überzeugt als Perkins' rechte Hand und Bombenexperte, David Hedison (Felix Leiter in „Leben und sterben lassen“ und „Lizenz zum Töten“) bietet eine sachliche Performance als Bohrinsel-Chef King. Jack Watson („Die Wildgänse kommen“, „Augen der Angst“) setzt sich als Esther-Kapitän Olofson gut in Szene, Lea Brodie („Tauchfahrt des Schreckens“) gefällt als Sanna.

Die Blu-Ray von WVG bringt den Film in angemessem guten 2.35:1-Widescreen, das auch noch – für Puristen – etwas Filmkorn übrig lässt. Der Ton ist nicht spektakulär, aber brauchbar, an Extras gibt’s leider nur den Trailer. Aber ich bin immer dankbar, wenn Filme dieser Kragenweite, die heftig unterbewertet sind und auch kommerziell nicht die Reißer waren, überhaupt einen ordentlichen HD-Transfer spendiert bekommen.

Womit dann auch gesagt wäre, dass ich „Sprengkommando Atlantik“ uneingeschränkt empfehle. Wer mit dem an allen Ecken und Enden knallenden und rumpelnden Blockbuster-Kino moderner Prägung aufgewachsen ist, wird sich wundern, wie effektiv und spannend ein Film sein kann, der in kompletter Verleugnung der scheinbar unabdingbaren Zutaten für Action-Thriller-Kino konzipiert und umgesetzt wurde. Und auf jeden Fall macht das Fernduell von Roger Moore und Anthony Perkins unbändigen Spaß. Daher – kaufen, kucken, liebhaben!

© 2019 Dr. Acula

  • "Jungs, ihr seid alle totale Kacke. Wollte ich nur mal gesagt haben."

  • Sein Home ist sein Castle.

  • "By the power of my Rollkragenpullover, I command you!"

  • Ein Mann, der seine Mütze liebt.

  • Uhrenvergleich. Wider Erwarten nicht erfunden von Parker Lewis.

  • Lecker Mittagessen für die Bösens.

  • Zweimal Lametta + ein Schurke.

  • Die darf ihn aber auch nur anfassen, weil er nicht glaubt, dass sie ein Mädchen ist. Nimm das, Lucilectric.


BOMBEN-Skala: 2

BIER-Skala: 7


mm
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Ein wunderbarer und wonnevoller Film (trotz des zweifelhaften Haustiergeschmacks seines Helden)! Ich bin voreingenommen, da das mein erster „erwachsener“ Actionfilm/Thriller war, den ich in meiner Kindheit sah, aber als ich ihn nochmal auffrischte, gefiel er mir auch erwachsen noch gut.