Splitter / Im Spiegel


  • Deutscher Titel: Splitter / Im Spiegel
  • Original-Titel: Splitter / Im Spiegel
  •  
  • Regie: Hendrik Röhrs
  • Land: Deutschland
  • Jahr: 2004/2005
  • Darsteller:

    Klee (Robert Alexander Koch)
    Marie (Anne Stechern)
    Anne (Marleen Dorani)
    Annes Schwester (Jana Bösche)


Vorwort:

Wer nicht eben erst seit gestern auf diesen heiligen Seiten mitliest, hat vermutlich schon mitbekommen, dass die Jungs von Transcendental Pictures seit Es war einmal... und vor allem Dunkel - Das erste Kapitel einen Stein von den Ausmaßen einer mittleren ägyptischen Pyramide bei mir im Brett haben und, Gebetsmühle anwerf, der lebende Beweis dafür sind, dass aus der deutschen Indie-Szene nicht nur vergessenswürdiger Schmafusi a la Rose oder Schnaas auf die kaufwilligen Konsumenten losgelassen wird.

Schon allein deshalb muss ich tierisch Abbitte dafür leisten, dass ich das Angebot, ein Kurzfilm- und noch dazu Non-Horror-Programm aus dieser Schmiede zu begutachten, zwar wie üblich als Freibierg´sicht dankend annahm, mir mit der öffentlichen Stellungnahme dazu aber schändlicherweise ein paar Monate Zeit gelassen habe. Okay, in dieser Zeitspanne steckt der ungeplante Umzug des badmovies.de-Hauptquartiers mit allen organisatorischen Hindernissen (und das waren einige), aber zu meiner weiteren Verteidigung führe ich an, dass ich die beiden zentralen Shorts vor einigen Wochen zwar angesehen, mir nur nicht ganz klar darüber war, wie ich reviewmäßig damit umgehen soll, kann, darf und muss. Einfach gemacht wird´s dem Rezensenten nämlich nicht...

Aber führen wir uns zunächst einmal, nicht ganz so ausschweifend-detailliert wie üblich (das ziemt sich meiner Ansicht nach für diese Filme nicht, was ich, wenn ich´s in den nächsten 20 Minuten nicht vergesse und NICHT NOCHMAL auf die Wordpad-Tastenkombination für "nicht rückgängigmachbares Entfernen" drücke, weiter unten noch begründen werde), den Inhalt der Filme zu Gemüte.

Inhalt:

Im Mittelpunkt von Splitter steht Klee, ein junger Mann, der mit seinem Dasein eigentlich ganz zufrieden sein könnte - mit Marie hat er eine attraktive Freundin, die darüber hinaus eine Spitzenspielerin des örtlichen Tennisclubs zu sein scheint. Die Beziehung befriedigt ihn offenbar nicht völlig (obwohl er die körperlichen Freuden gern mitnimmt), zumal Marie ihn in Richtung eines flotten Dreiers mit ihrer Tennis-Partnerin Anne (und/oder deren Schwester) zu drängen scheint. Das hält Klee für verrückt (ein Kerl, der freiwillig einen Dreier mit zwei Mädels ablehnt? Kann man den einweisen?). Nachdem Marie sich unter Beteuerungen, ein anstehendes Match um jeden Preis gewinnen zu müssen, abgesetzt hat, kommt Klee angesichts eines herumliegenden Messers auf eine Idee. Gewaltsam dringt er ins Haus von Annes Schwester ein, nimmt selbige als Geisel und verlangt von ihr, Anne und Marie herbeizutelefonieren. Wider Erwarten kulminieren die Ereignisse * nicht * in einem Gemetzel...

Im Spiegel, eine Adaption einer mir völlig unbekannten Kurzgeschichte, erzählt dagegen von Achim, einem Chaoten, dessen Bude ungefähr so aufgeräumt wird wie die vormalige Berliner Anschrift des Schreibers dieser Zeilen, und, auch darin ähnelt er mir, einem Morgenmuffel. Wieder mal ist es ein Uhr mittags und Achim kommt nicht in die Gänge. Bis er sich im Spiegel betrachtet und, angefeuert von Punk aus´m Radio, eine Methode entwickelt, die ihn auf Touren bringt - auch wenn die für tägliche Anwendung ein wenig aufwendig scheint...

Ja, das war´s schon. Ich kann auch kurz (äh, ich kann aber auch länger, hüstel)! Wobei speziell die Inhaltsangabe zu Splitter mit Vorsicht zu genießen ist, denn auch nach dreimaligem Ansehen bin ich mir immer noch nicht ganz darüber klar, wovon dieser Film handelt... Ohne zu hochtrabende Vergleiche anstellen zu wollen, erinnerte mich Splitter vom Feeling her ein wenig an David Lynch, bei dem man ja auch gerne mal das Gefühl hat, einem GROSSEN Film beigewohnt zu haben, ohne auch nur die geringste Ahnung zu haben, was der Filmemacher uns damit sagen wollte (Lost Highway, anyone?). Natürlich spielt Splitter in einer anderen Gewichtsklasse, aber auch hier regieren symbolhafte Bildsprache, rätselaufgebende Dialoge und Szenen, die man nicht "Filmrealität" oder "Traum/Vision" zuordnen kann. Unterstützt wird dieser Eindruck auch durch die gelungene Musikauswahl, die hauptsächlich jazzige Klänge von Calexico verwendet, was durchaus (bewußt?) an die Klänge von Lynchs Hauskomponisten Angelo Badalamenti erinnert.

Regie und Script erzeugen durchaus eine unwirkliche Spannung (und sei´s die, dass man sich als Zuschauer fragt, wohin das alles überhaupt führt), die im unerwarteten Finale dann konsequent, wenn auch nicht befriedigend für Freunde des Ausbuchstabierten, aufgelöst wird. Das grundsätzliche Indie-Problem der arg statischen Kamera stört hier weniger, da einerseits einige hervorragende Einstellungen gelingen und andererseits die Stimmung des Films durch die teilweise ungewöhnlichen Kamerapositionen verstärkt wird.

Für diejenigen, die Indie-Produktionen mit "Horror" gleichsetzen, sei versichert, dass Splitter ohne FX auskommt, dafür aber mit einer elegant gefilmten (nudity-freien) Sexszene aufwarten kann.

Schauspielerisch brilliert Robert Koch, der bereits in der Hauptrolle von Dunkel - Das erste Kapitel überzeugen konnte in der vermutlich auch für den Darsteller nicht wirklich durchschaubaren Rolle des Klee. In einer Nebenrolle gibt´s ein Wiedersehen mit Jana Bösche aus Es war einmal....

Im Spiegel ist wesentlich einfacher gehalten - der bis auf einige Radioansagen dialogfrei inszenierte Short, wie gesagt, auf einer mir gänzlich unbekannten Kurzgeschichte von Margret Steenfatt basierend, und beeindruckt vor allen Dingen durch seine Detailfreude in der Ausstattung (die Kurzgeschichte spielt in den 80ern, ergo der Film auch, und man gab sich wirklich Mühe, diese Zeit zu rekonstruieren, inklusive des obligatorischen "Rettet den Wald"-Buchs auf dem Nachttisch). Die Story selbst reizt (mich wenigstens) nicht unbedingt zum wiederholten Ansehen... ist ein bissl eine one-joke-Geschichte und sobald die Pointe mal gesehen ist, gibt der Stoff nicht wirklich rewatchability her - ist allerdings nicht die Schuld der Filmemacher. Die Umsetzung ist gelungen, besonders die Abstimmung mit dem Soundtrack, den die alten Punkkämpen der Dead Kennedys bestreiten, weiß erneut zu gefallen. Steffen Alexander Röhrs in der einzigen Rolle macht seine Sache als chaotischer Morgenmuffel recht gut.

Gesichtet wurden die Filme auf einer mir von Transcendental Pictures zur Verfügung gestellten VCD. Splitter liegt in ca. 2.35:1-Widescreen (non-anamorph) vor und bietet dabei gute Bildqualität. Eine weitere alte Indie-/Amateurkrankheit ist der zu leise Dialogton, da muss man manchmal förmlich in die Boxen hineinkriechen, um alle verbalen Äußerungen mitzubekommen. Im Spiegel kommt in etwas schmalerem Format daher (ca. 1.85:1), scheint auf nicht ganz so gutem Equipment gedreht zu sein und präsentiert sich daher etwas grobkörnig.

Als Zusatzgimmicks gibt´s einen lustigen 30-Sekunden-Trailer auf eine Indie-Kinonacht und den erstaunlich professionellen Trailer auf Dunkel. Bei Interesse an der Scheibe nehmt bitte über die Transcendental-Homepage hier Kontakt mit den Machern auf.

Fazit: Auch wenn beide Filme (wie schon der im Es war einmal...-Zusatzmaterial versteckte Kurzfilm Der Schachspieler) in die experimentielle Ecke tendieren und das nicht immer my cup-of-tea ist, gefällt mir insbesondere Splitter richtig gut. Das ist, wie eben auch bei Konsorten wie Lynch, schwer an objektiv messbaren Punkten fest und greifbar zu machen, sondern ist halt einfach so... die Atmosphäre, die Undurchschaubarkeit des Spiels fasziniert, die darstellerische Leistung und die filmische Umsetzung der rätselhaften Story beeindrucken. Im Spiegel erscheint mir dagegen eher wie eine zwar gut absolvierte, aber letztendlich nicht wirklich * wichtige* Fingerübung. Die herausragende Stellung der Transcendental-Leute im Feld der deutschen Independents unterstreicht aber vor allem Splitter einmal mehr.

(c) 2005 Dr. Acula


BOMBEN-Skala: 3

BIER-Skala: 6


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