Sinthia: The Devil’s Doll


  • Original-Titel: Sinthia: The Devil's Doll
  •  
  • Regie: Ray Dennis Steckler (als Sven Christian)
  • Land: USA
  • Jahr: 1970
  • Darsteller:

    Shula Roan (Cynthia), Ted Roter (Lennie/Vater, als Boris Bachaloff), Brett Zeller (Carol, als Bret Zeller), Gary Kent (Mark), Maria Lease (Liz), Diane Webber (Hausfrau), Herb Robins (Lucifer), Lynn Levin (Asagorah)


Vorwort:

Falls Ihr gedacht habt, Ihr wäret jetzt erst mal eine Weile vor Ray Dennis Steckler sicher, kennt Ihr mich nicht…

Unser heutiges corpus delicti ist allerdings im Steckler-Kanon tatsächlich ein eher nachrangiges Werk, das selbst von seinem Schöpfer als nicht wichtig genug erachtet wurde, um in seiner von Media Blasters veröffentlichten „Signatur-Edition“ auf DVD veröffentlicht zu werden. Aber was Steckler nicht selbst macht, kann ja durchaus jemand anderes übernehmen, und in diesem Fall war dieser Andere Mike Vraney mit seinem verdienstvollen Kult-Label Something Weird Video.

Weil SINTHIA: THE DEVIL’S DOLL einen halbseidenen Bezug zum Thema Satanismus hat (werden wir gleich näher erörtern) packte Vraney den Film als „lower bill“ zu der von Anton LaVey persönlich autorisierten und unterstützten Church-of-Satan-Dokumentation SATANIS: THE DEVIL’S MASS. Ich weiß nicht, ob Steckler mit dieser Gesellschaft sonderlich glücklich wäre, aber das muss auch nicht mein Problem sein. Der Maestro inszenierte den Film unter seinem Pseudonym Sven Christian und muss – man sehe und staune – ohne Carolyn Brandt auskommen. Schauen wir mal, wie sich das auf seine Kreativität auswirkt…

Inhalt:

Wir lernen unsere Protagonistin, Cynthia Kent (Shula Roan), im zarten Alter von zwölf Jahren kennen (was Steckler natürlich nicht daran hindert, sie von seiner regulären, erwachsenen Darstellerin spielen zu lassen, aber im noch aufzudröselnden Kontext des Films ist das auch eine lässliche Sünde). Cynthia ist, wie so viele Mädchen in diesem Alter, heftig verknallt in ihren Vater (Ted Roter, HOLLYWOOD SHE-WOLVES, WILD NURSES IN LUST), allerdings nicht in einer drollig-unschuldigen Pre-Teen-Backfisch-Manier, sondern real-deal-Daddy-ist-der-einzige-Mann-in-meinem-Leben-und-wird-das-auch-bleiben-artig, was man püschologisch für nicht ganz gesund halten kann. Und das bedeutet, dass sie auch ordentlich eifersüchtig auf ihre werte Frau Mama ist (zumal der Film später auch andeuten wird, dass die Mutter-Tochter-Beziehung nicht sonderlich innig ist) – und als Cynthia zufällig ins Schlafzimmer platzt, während Mum (Brett Zeller, BODY FEVER, THE DOLL SQUAD) und Dad eifrig den Matratzentango schieben, platzt noch was, nämlich Cynthias Kragen. Das wäre im Allgemeinen allenfalls Grund für eine peinliche Familienszene, doch dummerweise hat Cynthia akuten Zugriff auf ein Messer und schreitet zur spontanen Elternschlachtung…

Acht Jahre später sitzt Cynthia, nunmehr in jeder Hinsicht erwachsen, im Behandlungszimmer ihres Psychotherapeuten. Der gute Mann rekapituliert noch mal, was dem armen Mädchen widerfahren ist. Nach dem Mord an ihren Eltern wurde sie – da die Amis bekanntlich keinen großen Wert auf das Alter der Angeklagten legen – vor Gericht gestellt, aber aufgrund der allgemeinen Umstände, ihrer Jugend etc. freigesprochen und in die Obhut von Onkel und Tante gegeben. Augenscheinlich haben sich keine weiteren Gewalttätigkeiten eingestellt und Cynthia wäre jetzt nicht nur im heiratsfähigen Alter, sondern ist sogar verlobt und beabsichtigt, demnächst vor den Traualtar zu treten, wären da nur nicht die furchtbaren Albträume, unter denen sie Nacht für Nacht leidet und die ihr das Leben zur Hölle machen. Nun, angesichts eines ganz erheblichen Kindheitstraumas überrascht dieser Umstand niemand, und auch keinen aus- und eingebildeten Seelenklempner, aber er ist sich sicher, dass man den Geisteszustand Cynthias schon verbessern kann, jedoch nur, wenn das Mädchen selbst mithilft.

Es muss dem Grund für die Nachtmahre auf den selbigen gegangen werden, und darum soll sich Cynthia an Ort und Stelle in ihre bedrückenden Visionen hineinprojizieren und berichten, was auch immer sich vor ihrem entzündeten geistigen Auge abspielt…

Womit wir das, was unser Film als, hust-hust, „Narrativ“ bezeichnet, praktisch erschöpfend abgehandelt haben – die nachfolgenden gut 70 Minuten werde wir praktisch ausschließlich mit den mehr oder minder surrealen, symbolischen oder einfach nur bizarren Visionen eines maladen Geists verbringen.

So findet sich Cynthia zunächst inmitten einer ausschweifenden satanischen Orgie – nackte Körper überall, die sich aneinander reiben, und über der ganzen Soirée thront der Höllenfürst Luzifer (WURMFRESSER Herb Robins mal wieder, der auch an dem, was man leichtsinnigerweise „Drehbuch“ nennen könnte, maßgeblich beteiligt war) nebst seiner Höllenfürstin Asagorah (Lynn Levin). Mittendrin – eine verzweifelte Cynthia auf der Suche nach ihrem Daddy. Mag der eigentliche Erzeuger auch kein Bestandteil der Orgie sein, einen, der nur zu gerne „who’s your Daddy?“ sagt, gibt’s allemal, und das ist eben Luzifer – so verdorben und verdammt, wie Cynthia nun mal ist, kann ja nur der Satan persönlich ihr metaphorischer Vater sein, da kann das arme Ding lamentieren und heulen, wie’s lustig ist.

Irgendwie allerdings beamt sich Cynthia aus der Hölle an eine felsige Klippe, wo sie nicht nur wieder Klamotten am Körper trägt (ein lustiges Kleid mit großen roten und orangen Punkten), sondern auch von einer seltsamen Kreatur mit einem rotgepinselten Gesicht verfolgt wird. Rettung bringt eine mysteriöse, mystische Frau, Carol (Brett Zeller again), die Cynthia in das Atelier eine Kuschtmalers führt und sie dort die großartigen Gemälde des Meisters bewundern lässt. Selbiger, nämlich der Kunstmaler, sieht verdächtig aus wie der Herr Papa (Ted Roter again), trifft auch wenig später ein und ist von Cynthia so fasziniert, dass er sie gern malen würde. Vorher aber legt die Mystikerin Cynthia die Tarotkarten, und weil wir uns in einem Albtraum befinden, sind die Prophezeihungen der Karten insgesamt eher unlustig – der Teufel, der Gehängte, der Tod… man muss kein Kartenleger mit Abschluss in Schwarzer Magie sein, um sich auszurechnen, dass das insgesamt verhältnismäßig düstere Farben für Cynthias Zukunft malt. Kein Wunder, dass das Girl erst mal das Weite sucht.

Aber sie kommt bald zurück – vom Künstler oder Carol ist nichts zu sehen, dafür aber macht Cynthia die Bekanntschaft einer sexuell vernachlässigten Hausfrau (Diane Webber, THE TRIAL OF BILLY JACK). Man schüttet sich gegenseitig das Herzelein aus, und, naja, wie halt eins zum anderen kommt, haben sich die Frauen auf einmal geküsst. I KISSED A GIRL AND I LIKED IT, plärrt Katy Perry, und was Cynthia angeht, hat sie offensichtlich recht, den wir dürfen wohl davon ausgehen, dass das Hausweib unsere Heldin in die Freuden der gleichgeschlechtlichen Liebe einführt.

Der Künstler kehrt zurück und ist weiterhin willig, das Abbild Cynthias auf eine Leinwand zu klatschen, jedoch wäre es hierfür hilfreich, säße sülbige auch leibhaftig Modell. Die ebenfalls von wo auch immer zurückkehrte Carol ist so frei, Cynthia zu apportieren. Sie hat auch durchaus Freude daran, dass der Maler sich zum Pinselschwingen angeregt fühlt, erleidet zwischendurch aber wieder einen kleinen Daddy-Schreikrampf, für den sie sich aber auch vielfach entschuldigt. In seiner Konzentration offenbar gestört, schlägt der Künstler vor, man könne doch statt dessen ins Theater gehen, denn performance art sei Carols neuestes Steckenpferd.

Es handelt sich hierbei offenkundig um ein SEHR avantgardistisches Off-Off-Off-Off-Off-Broadway-Theater, denn mit drei Zuschauern ist die Vorstellung wohl ausverkauft. Das Stück ist ein Ehedrama – Liz (Maria Lease, ONE MILLION AC/DC, LOVE CAMP 7) bezichtigt ihren Göttergatten Mark (Gary Kent, THE THRILL KILLERS) der allgemein mangelhaften Männlichkeit und versucht, sich nackt auf ihn zu werfen. Das löst bei Cynthia eine gewisse Reaktion aus – sie identifiziert Mark ohne weiteres als ihren geliebten Paps, und dem muss natürlich beigestanden werden, also stürmt sie die Bühne und schiebt sich zwischen die verblüfften Darsteller. Vor allem Mark kommt zu dem Schluss, dass hier alle bekloppt geworden sind (so, wie ich experimentielles Theater kenne, dürfte ein unbelasteter Zuschauer sich nicht wundern, sondern das alles für einen gewollten Bestandteil des Stücks halten).

Wir springen kurz zurück in die, eh, Realität. Der Psychodoc hat für den Moment genug gehört und die Lösung für alle Probleme Cynthias gefunden – sie müsse sich einfach nur umbringen. Das ist jetzt, sagen wir mal, ein etwas unerwarteter Ratschlag von einem Dachschadenflicker, aber ganz so hat er’s dann doch nicht gemeint. Natürlich soll Cynthia nicht im echten Leben von der nächstbesten Brücke springen (obschon das ihre Seelenpein natürlich auch reichlich endgültig beenden täte), sondern *in ihrem Traum*. Der Doktor ist nämlich zur Erkenntnis gekommen, dass nur weil die Gesellschaft an und für sich Cynthia für ihre Tat nicht verurteilt habe, ihr Unterbewusstsein noch lange nicht ebenso freigiebig ist und einen amtlichen Schuldkomplex aufgetürmt hat, der nur dadurch umzuwerfen ist, dass Cynthia sich selbst angemessen für ihre Untat bestraft, und sei’s eben nur im Reich ihrer Albträume. Okay, so betrachtet klingt das psychologisch nicht völlig daneben. Jedenfalls empfiehlt der Psychologe, dass Cynthia sich zurück in die Mordnacht versetzen soll und, nachdem sie ihre Eltern einmal mehr abgestochen und das Haus angezündet hat, sich nicht retten zu lassen, wie’s im echten Leben passierte, sondern zu töten.

Cynthia versucht ihr Bestes. Das mit dem Eltern-Abstechen funktioniert auch wieder ganz gut, nur nach dem Feuerlegen jagen die Flammen sie ins Bockshorn, dass sie sich zurück in die Gesellschaft von Carol, Lennie, dem Künstler, Mark und Liz transportiert. Cynthia scheint sich besonders zu Lennie hingezogen zu fühlen, der allerdings scheint gemeinsam mit Carol nur eine Art Mentoren-Rolle für sie übernehmen zu wollen. In dieser Funktion hat das traute Paar einen sachdienlichen Hinweis für Cynthia – sie kann sich nur retten bzw. den Teufel aus ihrer Seele vertreiben, wenn sie einem Anderen das Geschenk ihrer „Reinheit“ macht (okay, okay, ich denk jetzt nicht drüber nach, wie „rein“ jemand sein kann, der den Belzebub in sich sitzen hat). Das lässt sich im Kontext eines Grindhouse-Films von 1970 unschwer damit übersetzen, dass Cynthia dringend jemanden beschlafen muss, der’s nötig hat. Und das wäre ohne weiteres Mark (was ich dann so verstehen muss, dass das Theaterstück mehr oder minder seine wahre Lebensgeschichte ist. Aber, wie gesagt, dream logic. Entschuldigt alles). Dieses Unterfangen gelingt dann auch – damit ist nicht nur Mark von welch grausamer Seelenpein er nun geplagt ist durch Cynthias selbstlose Hingabe kuriert, sondern gewinnt Cynthia auch selbst die notwendige mentale Stärke, um sich bei der darauffolgenden Zugaben-Vorstellung des Elternmordes nun auch zur ordnungsgemäßen Selbsttötung schreiten kann.

Womit sie dann wieder in die Realität zurückkehrt und dem zufriedenen Psychofuzzi berichtet, dass sie sich nach dem virtuellen Selbstmord bereits viel viel besser fühle. Na, dann ist ja alles tippitoppi, Cynthias Dachschaden ordnungsgemäß geheilt und einer glücklichen Eheschließung steht nichts im Wege. Hurra! Und so lässt sich Cynthia von ihrem Verlobten aufgabeln und abholen – und der sieht sehr verdächtig aus wie Lennie, der Künstler und Vater…

Wenn mir nach mittlerweile sieben Steckler-Filmen eines klar geworden ist, dann das – den „typischen“ Steckler gibt es nicht, der Mann ist eine Wundertüte ersten Ranges… verlassen kann man sich eigentlich nur darauf, dass es in irgendeiner Form bizarr wird. Und doch… SINTHIA ist ein „untypischer“ Steckler. Wie kömmt’s?

Nun, obwohl Steckler in den 70ern sein Geld mit schlichter Pornographie verdiente – aber nie wirklich Herzblut an seine Erwachsenenfilme vergoss -, hielt er es in seinen, hmpft-hmpft, „richtigen“ Filmen eigentlich stets so, dass Gewalt und nackte Tatsachen zwar mehr oder weniger impliziert, aber selten bis kaum offen vor der Kamera gezeigt wurden. THE THRILL KILLERS, im Tiefsten seiner schwarzen Seele ja ein klassischer Roughie, blieb so clean es eben möglich war, BLOOD SHACK, formal eine Art Proto-Slasher, erhob die filmische Gewaltlosigkeit praktisch zum Prinzip, und selbst in THE HOLLYWOOD STRANGLER MEETS THE SKID ROW SLASHER, in dem der Umstand, dass verführerische Nacktheit den Würger erst zum Würgen bringt, ja der ganz wesentliche Plotpoint war, setzte Steckler die nackten Tatsachen mit Bedacht ein. Klar, Steckler war ein Exploitationfilmer, aber einer, der immer Wert darauf legte, den eigentlichen Exploitation-Anteil so gering wie möglich zu halten.

Und dann kommt auf einmal ein Film wie SINTHIA: THE DEVIL’S DOLL daher und zeigt nachdrücklich auf, dass Steckler, wenn losgelassen, entsprechend motiviert oder einfach nur angehalten, etwas in den Kasten zu hauen, was die Regenmantelcrowd im Grindhousekino zum Verweil einlädt, durchaus anders konnte – ein Film, der vollgepackt ist mit wirklich aggressiver, in your face-Nacktheit im Überfluss, und unter praktisch völligem Verzicht auf eine nachvollziehbare Handlung (well, das ist jetzt nichts, was Steckler völlig fern gelegen hätte, aber auch wenn BLOOD SHACK oder THE HOLLYWOOD STRANGLER nicht wirklich exzessiv Storytelling betrieben, so kann man die „Handlung“ der Filme doch immerhin in zwei-drei Sätzen sinnvoll zusammenfassen). Steckler legt mit seinem framing device der Therapie-Sitzung nur die Rahmenbedingungen fest, nach denen unsere Protagonistin „funktioniert“ und schickt sie dann in eine frei flottierende Abfolge mehr oder minder surrealer Szenen und Szenenfragmente, deren Zusammenhang man sich als Zuschauer gefälligst selbst zusammenreimen darf. Wobei die psychologische Komponente natürlich sehr simpel gehalten ist (man will ja auch die Zielgruppe nicht überfordern – das Ding soll keine tiefschürfende Feldstudie sein, sondern denjenigen, der 25 Cent an der Bumskino-mit-permanentem-Einlass-Kasse gelöhnt hat, ein Stündchen bei Laune halten) – Cynthia hat eine ungesunde Fixierung auf ihren lieben Vater, die sie zur Bluttat getrieben hat, und ihr Unterbewusstsein ist zwar nicht willens, ihren reverse Ödipus abzuschalten, verlangt aber gleichzeitig eine Sühne ihrer Schuld. Das klingt nicht unplausibel auf eine Fragen-Sie-Frau-Sibylle-küchenpsychologische Weise – klar, wer zwölf Semester Psychoanalyse studiert hat, dem wird das alles natürlich erheblich zu simplifiziert sein, aber als Gerüst, um einen Charakter daran zu entwickeln, reicht das allemal (bzw. würde es reichen, wenn der Film ernstlich an einer Auseinandersetzung mit der psychischen Materie interessiert wäre. Ist er aus o.g. Gründen natürlich nicht), und selbst das bisschen, was der Film uns an greifbaren Hinweisen an die Hand gibt, ist auf den ersten Blick so wenig nachvollziehbar nicht – Cynthia baut sich in ihrem Unterbewusstsein eine Ersatz-Vaterfigur auf, die aber, wie der „echte“ Papa, für sie unerreichbar bleibt und statt dessen versucht, sie in eine „gesündere“ Ersatzbeziehung zu schieben, um ihre Komplexe zu überwinden. Wie gesagt – es wäre ein Konstrukt, aus dem ein ernsthaftes Psychodrama schon etwas machen könnte.

Aber wenn Steckler jemals einen *richtigen* Exploitationfilm gemacht hat, also einen, der wirklich keine andere Existenzberechtigung hat als „cheap titilation“, als T&A-Revue ohne weitere Hintergedanken, dann ist es SINTHIA. Die IMDb führt den Streifen als „Horror“, könnte aber, wie so oft, nicht weiter daneben liegen – klar, es gibt den (mehrfach wiederholten und auch aus verschiedenen Kameraperspektiven geschilderten) Elternmord (der aber in treuer Steckler-Tradition ungraphisch bleibt), der Rest des Films hat aber keinerlei Horror-Elemente, falls man nicht eine Sequenz in einer (selbstverständlich nicht „realen“, sondern eben nur unterbewusst im Kopf Cynthias existierenden) Hölle und ihres Chefs als Horror-Element werten will – ich tue das nicht, weil es eben auch explizit eine Sex-Hölle ist, voller Nacktheit und Fellatio. In seiner, eh, Mentalität liegt SINTHIA sicher deutlich näher am reinrassigen Pornofilm als am Genre-Horror, vielleicht über drei Ecken vergleichbar mit dem Avantgarde-Porno THROUGH THE LOOKING GLASS (nur eben ohne Penetration), nur auch deutlich billiger.

Manchmal bleibt Stecklers Symbolik vage bis unverständlich – die Szenen an der Klippe mit dem rotbemalten „Dämonen“ oder der kurze Ausflug ins Off-Theater bleiben ebenso rätselhaft wie das lesbische Interludium mit der gelangweilten Hausfrau, das weniger aus der psychologischen Klemme unsere Heroine zu resultieren scheint als aus dem Willen, auf Gedeih und Verderb auch eine Lesbenszene unterzubringen, wie auch Daddy/Lennies Manifestation als Kunstmaler sich für meine Begriffe nicht gerade zwingend ergibt. Und wir wollen mal gar nicht darüber reden, dass – wenn wir den Film als Psychostudie ernst nehmen würden – am Ende zwar scheinbar das Albtraumproblem gelöst ist, Cynthias Vaterkomplex aber alles andere als überwunden ist…

Naja. Egal. Ist, wie gesagt, nicht so, als würde sich Steckler wirklich für die psychischen Implikationen interessieren, solange das Script es hergibt, das sich alle Beteiligten regelmäßig nackig machen (wobei Gary Kent und Ted Roter zumindest immer ein Stück Textil um die Hüften behalten. Danke dafür, sind beides nicht gerade Besitzer astreiner Adonis-Körper). Steckler ist hier mal wieder sein eigener Kameramann und obwohl er gelegentlich ein Händchen für eine gelungene Einstellung hat, ist das nicht seine absolute Stärke. Andererseits ist SINTHIA allein von den finanziellen Voraussetzungen her natürlich kein Film, der eine jeder-Frame-ein-Gemälde-Situation hergibt. Wir wissen, dass Steckler notfalls für 500 Dollar einen, hüstel, abendfüllenden Film zusammenbauen kann und arg viel mehr als BLOOD SHACK wird auch SINTHIA nicht gekostet haben. Schließlich gibt es im Film schlicht nichts, was auch nur annähernd so aussieht, als hätte man dafür ernstlich Kohle ausgeben müssen. Die „Sets“ sind sprichwörtlich leer bis auf die unmittelbar in der Szene verwendeten Requisiten (und das sind auch nicht sonderlich viele), als ob Steckler befürchtete, jede Dekoration, jede Investition in greifbare Gegenstände könnte von den nackten Körpern ablenken (was mich wirklich ablenkte, war allerdings hauptsächlich Cynthias orange-getupftes polkadot-Kleid. Sowas hatte meine Oma als Wohnzimmertapete).

Die Musik (vermutlich wieder mal von Henri Price zusammengestellte library music) ist furchtbar, und was die nackten Tatsachen an und für sich angeht. Shula Roan hat einen durchaus entzückenden girl-next-door-Charme und kommt auch, wenn sie sich komplett aus ihren Klamotten schält, recht süß und unschuldig rüber, Brett Zeller und Maria Lease sind nicht hässlich, aber man muss schon ein Faible für die, äh, natürliche 70er-Jahre-Weiblichkeit haben, und in der Höllenszene gibt’s einige mehr oder minder attraktive Menschen beiderlei Geschlechts zu betrachten. Wie gesagt, es vergeht kaum eine Minute, ohne dass nicht irgendjemand nackt oder halbnackt durchs Bild hüpft, für die ein oder andere simulierte Sexszene ist auch Zeit, und wiewohl einem zu keiner Zeit das Mittagessen noch mal durch den Kopf zu gehen droht, ist „Ästhetik“ nicht unbedingt die allererste Vokabel, die mir im Zusammenhang mit der hier gezeigten Nacktheit einfallen würde.

Die Legende behauptet, Shula Roan, die nie wieder vor die Filmkamera trat, wäre eine Sonntagsschullehrerin (!) gelesen, die zufällig Herb Robins aufgelesen habe, als er auf dem Weg zu Steckler, um das Drehbuch und das Casting zu besprechen, eine Autopanne hatte, und Steckler, der Schwierigkeiten hatte, eine geeignete Cynthia zu finden, habe bei ihrem Anblick sofort gewusst, dass sie die Richtige sei. Wenn das stimmt, dann einerseits Respekt in Richtung von Miss Roan, sich als lupenreine Amateurin für einen derartigen Schundfilm so zu entblößen, aber auch in Richtung von Stecklers Überredungskünsten, ein anständiges Mädchen zur Mitwirkung in seinem Sexschinken zu bewegen… Zu ihrem schon erwähnten girl-next-door-Charme kommt in schauspielerischer Hinsicht noch eine gewisse, durchaus passende natürliche Naivität, die ihre Vorstellung beinahe, ächz, „glaubwürdig“ macht. Der Rest des Ensembles ist nicht weiter der Rede wert, wobei Wurmfresser Herb Robins zu den weniger eindrucksvollen Teufeln der Filmgeschichte zählt…

Something Weirds Print ist ordentlich abgeranzt, aber ich möchte gar nicht wissen, aus welchem junkieversifften Bahnhofsklo Vraney die Rolle gezogen hat… dass von einem Film dieser Kategorie überhaupt viertelwegs vorzeigbares Material zur Verfügung steht, ist immer wieder eine kleine Sensation, und um sich ein Bild zu machen, reicht’s dann auch (zumal es ja auch, wie erwähnt, die „lower bill“ des Double Features ist). Something Weird-typisch ist die Scheibe vollgepackt mit thematisch mehr oder weniger passenden Kurzfilmen (das Thema ist natürlich „Satanismus“) und Trailern und bietet über drei Stunden Programm für den verhältnismäßig schmalen Obolus.

Als *Film* ist SINTHIA: THE DEVIL’S DOLL eine weitere interessante Merkwürdigkeit in einem Ouevre, das praktisch nur aus interessanten Merkwürdigkeiten besteht. Wer mit Steckler nichts anfangen kann, sollte auch diesen Streifen umfahren, auch wenn er mehr nackte Haut zeigt als alle anderen von mir bislang gesichteten Steckler-Filme zusammen, denn auch wenn er auf eine, eh, andere Weise idiosynkratisch und eigenwillig ist als ein RAT PFINK A BOO BOO oder THE INCREDIBLY STRANGE CREATURES, so ist es doch wieder ein für unbelastetes Publikum zu unzugängliches Unikum, und eher etwas für den Freund kuriosen Avantgarde-Trashs, sofern es so etwas gibt (also sowohl Avantgarde-Trash als auch Freunde davon…).

© 2020 Dr. Acula


BOMBEN-Skala: 8

BIER-Skala: 4


mm
Subscribe
Benachrichtige mich zu:
guest
0 Comments
Inline Feedbacks
View all comments