Rubber


  • Deutscher Titel: Rubber
  • Original-Titel: Rubber
  •  
  • Regie: Quentin Dupieux
  • Land: Frankreich
  • Jahr: 2010
  • Darsteller:

    Stephen Spinella (Chad), Roxane Mesquida (Sheila), Wings Hauser (Man in Wheelchair), James Parks (Deputy Gilber), Blake Robbins (Deputy Roque), Thomas F. Duffy (Deputy Xavier), Jack Plotnick (Accountant), Courtenay Taylor (Deputy Lynn), Ethan Cohn (Movie Buff #1), Charley Koontz (Movie Buff #2), Robert (The Tire)


Vorwort:

Irgendwo in der Wüste im Westen Amerikas. Ein alter, weggeworfener Autoreifen, der inmitten von Kakteen und Sanddünen abseits der Straße vor sich hingammelt, erwacht zum Leben und geht den Dingen nach, die ein Reifen eben so tut – er rollt (und rollt und rollt, der Reifen von Reifen-Schwarz… *pfeif-summ*). Einen Heidenspaß macht ihm das Überrollen von Dosen und/oder Skorpionen, aber als er an eine Glasflasche gerät, die sich seinen Überrollaktionen widersetzt, macht er eine erstaunliche Entdeckung. Mit genügend Konzentration kann er Dinge telekinetisch zum Platzen bringen, das muss nach der Flasche auch ein arglos vorbeihoppelnder Mümmelhase erfahren. Sich solchermaßen über seine Fähigkeiten klar geworden, rollt der Reifen zur Straße, wo ein entzückendes Frauenzimmer in ihrem Cabrio vorbeibraust. Der Reifen ist sofort schwer verliebt und macht sich auf die Verfolgung, wobei er sich selbstredend die Zeit nimmt, diejenigen, die ihn aufhalten, nerven oder irritieren, mit seinen awesome headsplot-powers zu tilten. In einem kleinen Motel mitten im Nirgendwo macht Sheila, das bewusste Frauenzimmer, ’nen Übernachtungsstop. Gut für den Reifen, schlecht für das Zimmermädchen, das „seine“ Kemenate säubern will…

Die kopflose Leiche stellt mangels eines Verdächtigen die Polizei in Form des tapferen Sheriffs Chad vor ein Mysterium. Dem Teenager-Sohn des Motelbesitzers, der von einem Reifen, der ohne angeschlossenes Fahrzeug in ein Motelzimmer gerollt sein soll, berichtet, glaubt natürlich niemand einen Meter Highway weit, aber schon bald muss Chad sich mit der Tatsache auseinandersetzen, dass er in der Tat ein mörderisch veranlagtes Stück Gummi in seinem County beherbergt – und das ist mittlerweile richtig sauer…

Inhalt:

Öh. Ah. Ja-haaa. Darauf muss man erst mal kommen… Zumindest stand „Autoreifen, der mit telekinetischen Kräften Köpfe explodieren lässt“ in meinem Buch dringend zu verfilmender Ideen nicht auf den ersten fünftausend Seiten, aber dafür gibt’s ja andere Leute, die meinen, sowas wäre eine knorke Idee und dann auch noch wieder andere Leute finden, die ihnen Geld geben, auf dass sie aus dieser Idee tatsächlich einen abendfüllenden Film machen (in diesem Fall u.a. arte, der unter weitgehendem Ausschluss der Öffentlichkeit sendende, dafür aber überraschend trash-affine öffentlich-rechtliche Minderheits-Kultur-Sender, was dafür spricht, dass wir „Rubber“ in absehbarer Zeit tatsächlich im Free-TV begutachten dürfen).

Das schlechte Gras, nach dessen Genuss man auf solche naheliegenden Einfälle kommt, hat in diesem Falle Quentin Dupieux geraucht, und, auch, wenn Euch der Name nix sagt, gehe ich doch fast ’ne Wette ein, dass Ihr den Knaben bzw. sein bisheriges Werk kennt. Monsieur Dupieux ist zwar als Filmemacher bislang unbeleckt, hat dafür aber einen gewissen plüschigen Genossen namens Flat Eric zu verantworten, der Levi’s Jeans vor ca. 10 Jahren eine ihrer erfolgreichsten Werbekampagnen einbrachte, und macht unter dem Künstlernamen Mr. Oizo auch elektronische Musik der minimalistisch-technoiden Art (und landete mit dem „Flat Beat“, dem Song/Musikvideo zur Levi’s-Kampagne, auch hierzulande einen voluminösen Nummer-1-Hit). Der (hier aus diversen rechtstechnischen Gründen nicht weiter aufzuklärende) Zufall will es so, dass ich mit dem Genossen Dupieux tatsächlich schon beruflich zu tun hatte und aus dieser Zeit sogar noch ein vom Maestro persönlich zusammengestelltes VHS-Tape mit einigen Flat-Eric-Spots, dem „Flat Beat“-Video und einigen Kurzfilmen, die er mit der Vorläuferfigur von Flat Eric (damals noch „Stephane“ genannt) als Fingerübung realisierte, im Regal stehen habe (und mir seitdem klar ist, dass Dupieux im positiven Sinn bekloppt ist).

Erfreulicherweise ruht sich Dupieux nicht auf dem bescheuerten Einfall eines killenden Autoreifens aus – das mag einen Gag-Kurzfilm tragen, aber für 90 Minuten wär’s ein bisschen mager, da so ein Reifen konstruktionsbedingt nicht arg viel machen kann außer rumzurollen. Zwar melkt der gute Quentin die Angelegenheit bis zum Exzess aus (und baut wirklich mördermäßig deppert-geniale Gags ein – unser Reifen sieht sogar gerne TV und da, natürlich, neben Aerobic-Videos auch NASCAR-Rennen), aber diese oberflächliche Horrortrashhandlung ist nur eine Ebene des Films, und, wenn man so will, sogar noch die rationalere (schließlich sind leblose Objekte, die für Tod und Zerstörung sorgen, ja jetzt nicht gerade eine ganz neue Erfindung, wenn auch eben zumeist eine Domäne des unterprivilegierten Ultra-B-Movies, denen wir auf dieser Seite ja auch gerne und mit Vorliebe frönen). Dupieux macht nämlich eine, wenn man drüber nachdenkt, ziemlich beißende Meta-Ebene auf, deren Ab- und Behandlung schlussendlich wichtiger ist als die eigentliche Narretei des bösen Mörderreifens. Es erscheint mir daher nötig, aus dem Gedächtnis die Eröffnungsszene von „Rubber“ zu rezitieren:

Auf einem einsamen Wüstenhighway steht eine ganze Menge billiger Holzstühle, in gewissem Abstand voneinander kreuz und quer über die Straße verteilt. Ein heruntergekommener, verstaubter Straßenkreuzer fährt ins Bild und beginnt, in einem kuriosen Slalom alle diese Stühle umzufahren. Der Wagen hält an, ein Mann steigt aus, geht zum Kofferraum, öffnet ihn. Aus dem Kofferraum steigt Sheriff Chad, geht auf die Kamera zu und hält einen (gigantischen) Monolog darüber, warum in Filmen irrationale und/oder unlogische Dinge passieren (z.B. fragt er, „warum lebt der Titelcharakter von ‚Der Pianist‘ wie ein Penner, wo er doch ein derart genialer Klavierspieler ist?“ – er beantwortet diese Frage selbst mit dem entwaffnenden Argument „no reason“ und erklärt das sich anschließende Lichtspiel zur großen Hommage an das „no reason“ schlechthin. Damit aber nicht genug des fourth-wall-Brechens (mal ganz abgesehen davon, dass Dupieux so ganz lässig denjenigen, die einen Film über einen killenden Reifen zum Schmarrn erklären, den Wind aus den Segeln nimmt) – wie wir im Fortgang der Szene erfahren, ist die ganze Reifen-Geschichte eine Art „Film im Film“, der vor Ort, also on location, einem Rudel zahlender (und mit Feldstechern, damit sie der Handlung auch folgen können, bewaffneten) Zuschauern live vorgeführt wird (und, da „Rubber“ im Gegensatz zu The Silent House kein Echtzeitfilm ist, bedingt dies, dass das werte Live-Publikum in freier Natur nächtigen muss und, was, äh, ein wichtiger Plotpoint ist, nach ein paar Stunden und in Ermangelung eines Freßstandes, mächtig Kohldampf schiebt).

Da ich jetzt in Gefilde aufbrechen werde, die entscheidende Winkelzüge des Films aufschlüsseln (naja, zumindest mal anreißen und drüber spekulieren), eine SPOILER-Warnung. Es scheint mir wirklich so zu sein, also ob diese Meta-Ebene die wichtigere ist; es ist teilweise Publikumsbeschimpfung (da wird irgendwelchen Bimbos die Frage „is it in color?“ in den Mund gelegt, als sie den Feldstecher bekommt, und ein vielleicht sechsjähriger Knirps konstatiert die ersten Minuten des „Films“ mit seinen weitschweifigen Wüstenpanoramas mit einem beherzten „it’s boring already“) – wobei man sich natürlich als Cineast entspannt zurücklehnen und feststellen kann, dass genau die *Richtigen* beschimpft werden -, da gibt’s einen kurzen Verweis auf Raubmordkopieren (ein Zuschauer wird streng ermahnt, das Mitfilmen mit der Videokamera sein zu lassen), und, vor allem, in einem leicht Haneke-artigen turn-of-events (ohne dabei in Kakteenfickerei zu verfallen, obschon sich das anhand der Landschaft anbieten würde, ähem), wird die These postuliert, dass ein Film nur deswegen läuft, weil er gekuckt wird und deswegen eine mysteriöse „Accountant“-Gestalt auf Weisung einer höheren Macht ernstlich daran arbeitet (und dies größtenteils auch schafft), das Publikum umzubringen, damit die „Darsteller“ endlich mit dem „Spielen“ aufhören können (wobei augenscheinlich nur Chad zwischen „in character“ und „real life“ unterscheiden kann, wie sich hilariöserweise in einer Szene zeigt, in der er seine Deputys davon überzeugen will, dass der Film vorbei ist und alle nach Hause gehen können); gen Ende wird dann die Distanz zwischen Charakter-im-Film und Zuschauer-im-Film ganz überwunden, indem der letzte überlebende „Zuschauer“ in die Handlung des „Films“ eingreift. SPOILERENDE

Es ist ein schräges Konzept, aber eines, das, lässt man sich auf diesen ganzen Ansatz überhaupt ein (und ich hab‘ ausnahmsweise mal wirklich Verständnis für jeden, der das nicht tut), von Dupieux in seiner bewussten Inkonsequenz, der Aufweichung des Gegensatzes von „zuschauen“ und „teilnehmen“ (und der weiteren Metaebene, dass Chad sich ja in seinem Eröffnungsmonolog an *uns* richtet, d.h. er sich offensichtlich auch darüber klar ist, dass er nicht nur *im Film* in einem Film spielt, sondern auch dies nur eine Rolle in einem Film ist… meine Güte, gleich verknoten sich meine Synapsen bei dem verzweifelten Versuch, etwas, was eigentlich völlig klar ist, wenn man den Film, und jetzt meine ich mal wirklich „Rubber“ im Ganzen, sieht, in Worte zu fassen. Ist schon prima, dass Film ein visuelles Medium ist), konsequent durchgezogen wird (inklusive der Schlusssequenz, die vielleicht etwas sehr lang geraten ist, in der der reinkarnierte – don’t ask – Reifen in Begleitung etlicher Kollegen nach Hollywood rollt). Da steckt ein Konzept dahinter, auch wenn es seines ist, das sich im Gegensatz zum erwähnten Haneke nicht auf ein „wer-Horror-kuckt-ist-böse“ erschöpft, sondern vielschichtiger zu sein scheint, mehr mit den Metaebenen spielt als das „du-böser-Zuschauer-bist-schuld-wenn-schlimme-Dinge-passieren“ a la „Funny Games“; ja, Dupieux hat es wohl auch auf die Erwartungshaltung des Publikums abgesehen, auf die Ungeduld „moderner“ Filmzuschauer, die angesichts eines zweiminütigen statischen Shots entsetzt aus dem Fenster springen, aber er formuliert das nicht als Anklage, sondern als Witz, amüsiert sich darüber und watscht im gleichen Atemzug auch noch die Produzenten, die ihre Wahre als billigen Fastfood sehen, den man nur verkaufen muss – ob das Ganze dann in irgendeiner Form *gut* ist, muss nicht mehr interessieren, sobald man die Asche des Zuschauers in der Tasche hat -, personifiziert durch die ungesehene „höhere Macht“, die dem „Accountant“ die Anweisungen gibt, ab. Da ist kein mahnender, erhobener Zeigefinger, sondern – wenn überhaupt – höchstens der ausgestreckte Mittelfinger an diejenigen, die für alles und jedes einen Grund, eine moralische Rechtfertigung brauchen. What happens, happens…

Das ist teilweise mörderisch komisch, teilweise nur noch seltsam, teilweise in seiner hysterischen Über- und Abgedrehtheit fast schon zuviel des Guten (bzw. des Sinnlosen), aber man kann Dupieux jedenfalls nicht vorwerfen, nichts grundlegend *neues* geschaffen zu haben. Angesichts des schrägen Konzepts kann man fast schon dankbar sein, dass er dann wenigstens auf der visuellen Schiene eher konventionell arbeitet und dies auch eher mit ruhigen, bedächtigen Bildern, für die er in Personalunion als Kameramann und Cutter selbst zuständig ist. Wer nur oberflächlich auf die Thematik geglotzt hat und rasante Auto-Action erwartet, ist hier mal wieder im vollkommen falschen Kinosaal gelandet. „Rubber“ ist kein Film für Tempo-Gurus oder solche, die audiovisuellen Overkill brauchen, die vergleichsweise leise, zurückhaltende Inszenierung, die überwiegend, der Location angemessen, auf sand- und erdfarbene Töne setzt, bildet einen angenehmen Kontrast zum absurden Inhalt. Unter seinem „Mr. Oizo“-Pseudonym steuert Dupieux in Zusammenarbeit mit der französischen Electronica-Legende Gaspard Augé auch den recht lässigen, irgendwo zwischen jazzigen und Ambient-Klängen pendelnden Score bei.

Die Splattereffekte (exploding heads galore) sind relativ schlicht, aber durchaus wirkungsvoll.

Wider Erwarten erweist sich „Rubber“ dann tatsächlich auch noch als Schauspielerkino, denn zwei formidable Leistungen gibt es zu bewundern. Stephen Spinella („Virtousity“, „Ravenous“, „24“, „Desperate Housewives“) punktet schon mit seiner staubtrockenen Rezitation des Eröffnungsmonologs ohne Ende, aber die eigentliche Überraschung ist, dass Dupieux niemand geringeres als den altgedienten C-minus-DTV-Kämpen Wings Hauser („L.A. Bounty“, Coldfire, „Beastmaster 2“, Tales from the Hood, „Watchers 3“) zu einer richtig, richtig guten Performance antreibt (und das ist jetzt wirklich mehr als nur Schundfilmfreund-Nostalgia, die aus mir spricht). Das Objekt der Begierde des Reifens Sheila wird von Roxane Mesquida (Kaboom) ordentlich gespielt, Laune macht auch die Darbietung von Jack Plotnick („Reno 911“, „Action“).

Fazit: Von der Festivalleitung als Publikumsspalter angekündigt wurde „Rubber“ dieser Vorab-Wasserstandsmeldung durchaus gerecht – es ist ein sehr sehr seltsamer Film, in jeder Faser seines Seins eigenwillig, abgefahren (wie ein alter Reifen halt zu sein pflegt…) und vor allem *anders* als alles, was wir bisher gesehen haben. Vom brüllenden Lacher bis hin zum Facepalm deckt er die komplette Bandbreite an Zuschauerreaktion ab… Ich schrob es schon bei Amer, wenn ich mich recht entsinne; als Genre-Fans gieren und geifern wir nach neuen Ideen, völlig neuen, anderen Herangehensweisen und filmischen Konzepten, und die liefert Quentin Dupieux in rauhen Mengen. Muss einem nicht gefallen (mir aber schon), respektieren sollte man es, und wenn man sich auf dieses Hohelied an „no reason“ an sich einlässt, kann man mit „Rubber“ eine echte Erfahrung machen. Straight from Bizarroworld…

4/5
(c) 2010 Dr. Acula


mm
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