Rohr frei für Familie Hollowhead


  • Deutscher Titel: Rohr frei für Familie Hollowhead
  • Original-Titel: Meet the Hollowheads
  • Alternative Titel: Life on the Edge
  • Regie: Tom Burman
  • Land: USA
  • Jahr: 1988
  • Darsteller:

    Henry Hollowhead (John Glover)
    Miriam Hollowhead (Nancy Mette)
    Billy Hollowhead (Matt Shakman)
    Cindy Hollowhead (Juliette Lewis)
    Bud Hollowhead (Lightfield Lewis)
    Mr. Martin Crabneck (Richard Portnow)
    Joey (Joshua John Miller)
    Babbleaxe (Anne Ramsey)
    Top Drone (Logan Ramsey)
    Räum-Instruktor (Lee Arenberg)
    Spike (Shnutz Burman)
    Junger Räumer (Barney Burman)
    Grandpa (Layne Britton)
    Oliver (Chaz Conner)
    Cop #1 (Bobcat Goldthwait als Jack Cheese)
    Cop #2 (Donovan Scott)


Vorwort:

Es wird Zeit, mal wieder einen Film zu reviewen, der nicht in unsere übliche Badmovie-Schublade passt. Diese Site ist ja nicht ausschliesslich für filmische Totalkatastrophen gedacht, sondern auch für Filme, die entweder zu Unrecht einen schlechten Ruf geniessen, generell unterbewertet sind oder die schlicht und ergreifend kein Mensch kennt. Unser heutiges Beispiel ist einer der Kultfilme meiner guten alten Videozeit, ROHR FREI FÜR FAMILIE HOLLOWHEAD. Der ein oder andere mag sich vielleicht an den Streifen erinnern, aber einer grossen Öffentlichkeit blieb der Film verborgen, obwohl immerhin mit Juliette Lewis ein späterer Weltstar hier eine frühe Rolle zum besten gibt. ROHR FREI war (und ist) anders. Aber was will man erwarten, wenn ein Special-Make-up-FX-Whizz wie Tom Burman seinen ersten eigenen Film macht? Etwas, bei dem FX natürlich eine herausragende Rolle spielen, gewiss, aber eine derart abgedrehte Genremischung (soweit man davon sprechen kann und dem Streifen nicht eh ein eigenes Genre zubilligen muss) sieht man nicht alle Tage (eigentlich fast nie). Mit diesem Dilemma sahen sich auch die Produzenten des Streifens konfrontiert, als sie das fertige Produkt vor sich hatten. Was dann mit dem Film passierte (nicht zum ersten, und vermutlich auch zum letzten Mal), ist klar – die Post-Production-Schere musste her, um den Film irgendwie vermarktbar zu machen. Co-Drehbuchautorin Lisa Morton war so freundlich, mir auf e-mail-Anfrage ihre Erfahrungen mitzuteilen, Ihr könnt, das, was sie zu sagen hat, weiter unten, nach der Inhaltsangabe, nachlesen. Dafür ein Spezial-Badmovies.de-Super-Dankeschön an Lisa Morton!

Wie alle absichtlichen Komödien ist ROHR FREI FÜR FAMILIE HOLLOWHEAD schwer in meinem üblichen Stil zu rezensieren, schliesslich mach ich normalerweise hier die Witze und nicht die Filme (zumindest nicht aus purer Absicht…). Ich versuch also mein Glück, wenn´s Euch nicht gefällt, springt gleich nach unten zum „Interview“ mit Lisa Morton.

Inhalt:

Things you gotta know before you can make sense out of it… der Film spielt in einer Art „Paralleluniversum“, das, wer hätte es bei dem Titel gedacht, sich hauptsächlich um Rohre dreht. Alles kommt und geht aus und in Rohre und darüber hinaus bewegt man sich in der ständigen Angst, „von der Kante“ zu fallen (hence der Originaltitel LIFE ON THE EDGE).

Unsere Protagonisten: die fünfköpfige Familie Hollowhead (sic!). Papa Henry ist Röhrenzähler, Mama Miriam sein braves Housewife, der älteste Sohn Bud ist Musiker, die vierzehnjährige Cindy (Juliette Lewis!) und der zwölfjährige Billy (der eine Blade-Runner-mässige Voiceover-Erzählerrolle übernimmt, dazu weiter unten) runden das traute Familienleben ab.

Unser Film beginnt mit einem Röhrofonat (auch das Telefon ist ein Rohr, was sonst) von Henry und Miriam, denn Paps informiert sein Eheweib, dass er heute abend seinen neuen Chef Mr. Crabneck zum Essen mitbringen wird (also nicht „als Essen“, gelle). Dazu tönt ein eher fürchterbarer Rap-Song (auch dazu unten).

Miriam Hollowhead ist nicht wirklich angetan, denn auf überraschenden Besuch ist sie nicht vorbereitet (das Haustier, ein einziger Riesententakel mit einem Riesenauge, kuckt skeptisch). Zudem kommt auch noch Billy mit einem bildhübschen Veilchen nach Hause, das gleich röhrenmässig kuriert wird – Billy wird auf eine Liege geschnallt, ein Helm aufgesetzt und auf das Auge ein Schlauch gesetzt und durch diesen bewegt sich ein schleimiger Saugtentakel mit Heilfunktion).

Joey, Billy´s bester Freund, schaut vorbei und verrät Mama Hollowhead, warum Billy sich geprügelt hat, basically deswegen, weil ein anderer Junge Billy´s Dad als Rohrkrepierer tituliert hat. Zur Belohnung für die Plapperei macht Mama Hollowhead ihren Spezialsnack – Kröte gevierteilt in Teigrolle. Yummy yummy.

Während Miriam Hollowhead sich ihren heftigtst 50er-Jahre-gestylten Kopf darüber zerbricht, was sie auftischen soll, entdeckt Joey Billy´s pride and joy, die neueste Plitsch-Platsch-Maschine. Das ist ein Teil, bei dem man mittels einer Schleuder durch einen Propeller mit Gummizeugs auf eine Zielscheibe schiesst. Joey kommt auf die Idee, dass dieses Spiel lustiger wäre, wenn man die Parasiten, die auf dem mutierten Hollowhead-Familienköter Spike hausen, als Geschosse verwendet. Der Plan wird, entgegen Billy´s halbherzigem Protest, in die Tat umgesetzt und verursacht eine riesen sploddrige Sauerei.

Bud kommt nach Hause und ertappt Billy bei dieser Aktivität. Die angedrohte Verpetzung kann Billy nur verhindern, indem er gelobt, die nächsten vier Mal die Fütterung von Opa zu übernehmen (you´ll find ou). Dann gibt uns Bud eine Probe seines musikalischen Könnens. Sein Instrument ist ein Huhnophon (I made this up, okay) – eine Art Keyboard-Saxophon-Teil mit einem gerupften, aber lebendigen Huhn (oder einem Hühnermutanten) als integralem Bestandteil. Huch!

Auch Cindy kommt nach Hause, aber genau wie Bud kann sie Mama nicht zur Hand gehen, da sie auf eine Party gehen will. Cindy begleitet kurz Bud sangestechnisch, bevor Mama sich den Lärm verbittet und Cindy zu einem typischen Teenie-Telefonat mit ihrer Freundin Connie übergeht.

In der Küche hat Mama Probleme, denn die Röhren sind verstopf und liefern kein Futter. Also schickt sie Billy und Joey zur Pumpstation von Stationsleiterin Babbleaxe, um sich dort a) zu beschweren und b) vor Ort die benötigten Zutaten fürs Diner zu besorgen. Der Gang führt an der Kante entlang und Joey erzählt ein paar creepy stories und creepy Typen kommen unseren Kids entgegen.

In der Pumpstation stossen die Kinder auf eine Rohrputzer-Einheit, die gerade gedrillt wird und der Drill Sergeant sucht einen „Freiwilligen, einen Helden“ für die Reinigung der Abfallröhre. Der Freiwillige wird natürlich in einem fairen Prozess ausgesucht. Joey spielt den „practical joker“ und schon haben die Knaben die Putzkolonne auf dem Hals. Sie können entkommen, werden aber von der „Top-Drohne“ der Stationsleiterin Babbleaxe aufgebracht. Der Einkauf wird erledigt, d.h. diverser Schleim in den Geschmacksrichtungen „schmierig, knusprig und brackig“ wird abgefüllt, bevor Babbleaxe und die Drohne die Kinder ein wenig erschrecken.

Cindy entsetzt derweil ihre Mum mit dem Verlangen nach „Prickelgel“. „Dafür bist du noch zu jung,“ befindet Mum, aber nachdem Cindy damit rausrückt, dass sie nicht etwas mit Jeff, sondern dem Oberlangweiler Oliver zur Party geht, darf sie das Zeug verwenden.

Dad Hollowhead und Mr. Crabneck treffen ein. Crabneck entwickelt gleich ein monumentales Verlangen nach Miriam Hollowhead, während Cindy die Styling-Röhren und diverse Outfits ausprobiert.

Henry versucht wenig elegant, das Gesprächsthema auf seine Beförderung zu lenken, wird aber von Crabneck abgeledert. Als Henry einwendet, dass Crabneck seinen Chefsessel nur geerbt hat, reagiert der Chef recht cholerisch.

Billy und Joey liefern die Einkäufe ab, Joey geht nach Hause. Cindy probt vor dem Spiegel ein Gedicht für ihren angebeteten Jeff, wird aber von Billy belauscht. Eine kleine Erpressung später ist das Geheimnis sicher, aber Cindy hat die nächsten sechs Opa-Fütterungen am Hals.

Für Henry Hollowhead läuft´s nicht gut, auch nicht, als er seinen Sohn Billy vorstellt. „Den letzten Glibber aus der Röhre gequetscht, was?“ fragt Crabneck. Henry flüchtet in die Küche, wo er seiner Frau gesteht, dass Crabneck sich selbst eingeladen hat. Miriam beruhigt ihn, sie wird den Chef schon schaukeln.

Billy bemerkt, dass Crabneck im Bad einen gewissen Damenunterwäschefetisch entwickelt. Als Dad Hollowhead seinem Junior dann eine Moralpredigt wegen der Schlägerei liefern wird, mischt sich Crabneck ein und wird ein wenig grob. Billy rettet sich mit einem gezielten Fusstritt, was Crabneck mit einem Raubtier-ROOARRR quittiert und sich auf Henry stürzen will. Zum Glück kommt da gerade Cindy in den Raum und Crabneck kommt ins Sabbern. Henry kann Cindy noch in die Küche lotsen, bevor die Situation peinlich wird. Das trifft sich gut, findet Miriam, kann Cindy doch jetzt noch schnell Opa füttern. Der haust im Keller, was offenbar illegal ist. „Wenn das jemand rausfindet, lassen sie ihn einfach absaugen,“ erklärt Miriam. Der alte Zausel wird durch das per Riesenspritze verabreichte Happi recht lebendig und will gleich mal Cindy an die Wäsche.

Oliver trifft ein, um Cindy abzuholen. Der Geek findet das tiefste Missfallen Crabnecks, aber Cindy und Oliver können ungeschoren abziehen.

Crabneck giert nun wieder nach Miriam, jetzt, wo das Essen serviert wird. Die unvorsichtigerweise von Henry aufgebracht Röhrenthematik gibt elegenheit für jede Menge eindeutig zweideutiges, bis selbst Henry auffällt, wie Crabneck giert und seinen Chef rausschmeissen will. Miriam beruhigt die Lage fürs erste, bis das Thema auf „verstopfte Röhren“ gelenkt wird. Crabneck rastet nun aus, denn die Röhren sind das, womit er seine Kohle verdient und da erlaubt er keine Kritik. Noch einmal kann Miriam den Boss beruhigen, der mit einer herzzerreissenden Story über seine Ex-Frau aufwartet. „Sie haben sie innig geliebt?“ fragt Miriam. „Sehr oft,“ entgegnet Crabneck, aber am Ende hat er sie absaugen lassen.

Der Chef wird wieder zudringlicher und greift Miriam unter´m Tisch ans Bein, dieweil er unverblümt verkündet, dass Henry eine Beförderung nicht zu erwarten hat, es sei denn natürlich Miriam…

Während Henry immer noch grübelt, wie er doch zur Beförderung kommen könnte, jagt Crabneck Miriam in die Küche und fällt über sie her. Apropos fallen, auch bei Henry fällt der Groschen und er verpasst seinem Chef ein paar Kinnhaken. Im Nahkampf ist Crabneck seinem Untergebenen aber klar überlegen, so dass Miriam versucht, ihn mit ihren Kochgeräten zu elektroschocken. Das funktioniert zwar, aber wirft Crabneck nicht um, genauso wenig eine Gabel in den Hals. Ein Tentakel (der als Nahrungsquelle in einem Wandschrank haust) würgt Crabneck, Henry haut ihm eine Röhre über den Schädel, doch erst ein Mikrowellenstrahler ins Gesicht kann den mittlerweile übel zugerichteten Scheff stoppen. Was tun? Henry ist nicht unbedingt überwältigt von der Aussicht, seinen Chef umgebracht zu haben, also schlägt er eine Regeneration vor. Die funktioniert aber nur, wenn derjenige noch lebt, wirft die Familie ein, aber Crabneck ist sowieso noch quicklebendig, stürzt sich auf Henry und wird nochmals von hinten abgestochen. Dann säbelt Miriam ihm noch zwei Finger ab. „Oh Mist,“ sagt Crabneck und fällt ins Abendessen.

Da nähert sich Besuch. Crabneck wird in die Küche verfrachtet, doch es ist zunächst nur ein derangierter Bud. Seine musikalischen Darbietungen kamen nicht wirklich gut an, der Knabe ist fertig mit der Welt. Kaum ist er da, klingelt es schon wieder, diesmal sind es die Cops, die Cindy abliefern. Während Bud in die Küche geschleift wird, erklären die Bullen, dass die Party etwas au dem Ruder gelaufen ist und die Kids verbotene Dämpfe gemischt haben – Klartext: Cindy ist stoned wie Sau und wurde „ernsthaft kompromittiert“. Von wem, verlangt der Vater zu wissen. „Ich kann mich nicht mehr an jeden erinnern,“ lallt Cindy, bevor sie einem der Cops an die Hose geht. Mit Müh und Not kann noch ein herumliegender Finger beseitigt werden und Billy haut dem sich wieder einmal erhebenden Crabneck noch mal ein Rohr über die Rübe. Die Cops sind gerade am Abziehen, da entdeckt Bud den herrlich zugerichteten Crabneck und stürmt mit einem „Monster!“-Schrei ins Wohnzimmer. Das macht die Bullen natürlich neugierig, aber Billy rettet die Lage, indem er sich quick mit einigen Röhreningredenzien als Monster maskiert.

Die Cops verpfeifen sich, aber die Hollowheads haben immer noch ein Problem – Crabneck…

Am näcshten Morgen – die Hollowheads sitzen am Frühstückstisch. Cindy und Bud kurieren diverse Hangover aus und Papa Hollowhead platzt vor Stolz über seinen Jungen Billy. „Er ist nicht dein Junge“, rutscht es Mama Hollowhead heraus. Fragender Blick, doch Miriam kann ihren Kopf noch aus der Schlinge ziehen. „Er ist jetzt ein junger Mann.“ Henry ist zufrieden. Wer füttert Opa, ist die nächste Frage, aber Vater entscheidet salomonisch, die ganze Familie zieht in den Keller und neben Opa sitzt dort Crabneck und wartet aufs Fresschen…
Bewertung

Worte können nur unzureichend ausdrücken, was sich in diesem überabgedrehten SF-Horror-Comedy-Spektakel abspielt. Es ist, vielleicht trifft es das halbwegs, eine Art „Sitcom on crack“. In der Tat ist die Grundidee vielleicht wirklich, ein klassisches Sitcom-Setting der „all american family“ zu nehmen und das ganze ins Land Absurdistan zu verfrachten. Als mittlerweile mit Sitcoms fast schon zu Tode gepeinigter TV-Glotzer vermisst man tatsächlich manchmal regelrecht die Lachspur. Ein gehöriger Einfluss waren sicherlich (schon allein was Kostüme und Frisuren, insbesondere bei Mama Hollowhead angeht) Hanna-Barbera-Cartoons wie die FLINTSTONES und vor allem die JETSONS (die sicher auch Pate für diverse der Household-Appliances standen).

LIFE ON THE EDGE gewinnt einen Grossteil seines Reizes aus dem Kontrast zwischen „vollkommen alltägliche Dinge in einer absolut abartigen Weise“ und „vollkommen abartige Dinge in absolut alltäglicher Weise“, veredelt durch (selbst in der deutschen Fassung recht) pfiffige Dialoge (die natürlich oft und viel mit „Rohren“ zu tun haben). Hinzu kommt das aberwitzige Set Design, das zwischen cartoonesk (die Wohnung der Hollowheads) und horribel (a la ALIENS, die Pumpstation) pendelt, aber grandios gelungen ist (und dabei vermutlich nicht so viel Kohle gekostet hat) – das dabei alles irgendwie röhrenförmig ist (selbst die Räume der Wohnung), kann bei der Thematik natürlich nicht ausbleiben, aber es funktioniert!

Tom Burman wäre nicht Tom Burman und damit gefragter Effekte-Macher, wenn sich das nicht auch in seinem Regiedebüt durchschlagen würde – Burman liefert nicht nur einige drastische Make-up-Effekte für den Showdown, sondern zollt seiner Vorliebe für schleimige Tentakel Tribut, Tentakel gibt´s in nahezu jeder Form (der Speisetentakel sieht aber seeehr verdächtig nach einem gewissen männlichen Geschlechtsorgan aus – dass die MPAA das hat durchgehen lassen, wundert mich bei einem PG-13-Rating aber sehr gewaltig). Profi in diesem Metier, der er ist, lässt Burman natürlich auf dieser Seite nichts anbrennen. Der einzige Effekt, der technisch nicht ganz überzeugend wirkt, ist der Mutantenhund Spike, der irgendwie etwas billiges an sich hat – aber vermutlich war dieses vollanimierte Teil schwer genug unter nicht-unbedingt-big-budget-Bedingungen zu realisieren, ausserdem spielt der Hund keine grosse Rolle und ist daher nicht sehr oft im Bild. Freunde schleimiger Effekte kommen also durchaus auf ihre Kosten.

Auch im sonstigen handwerklichen Bereich erweist sich Burman als fähiger Regisseur. Die Story rollt in flottem Tempo voran, Burman zeigt Gespür für einige effektvolle Kamerafahrten und ist in der glücklichen Lage, zu wissen, wann eine potentiell komische Situation ausgereizt ist und seine Gags nicht totzutreten; das Drehbuch verfügt sowieso über genügend absurde Einfälle, um nicht den selben Gag dreimal bringen zu müssen.

Tja, das Script selbst schafft es tatsächlich, nicht nur gekonnt Elemente aus Horror, SF und Sitcom auf absolut selbstverständliche Weise zu kombinieren, sondern gönnt sich dabei noch den Luxus, satirisch den „american way of life“ zu kommentieren und ein paar gesellschaftskritische Hiebe auszuteilen; dafür gebührt Lob, andere Drehbuchautoren hätten sich vermutlich damit begnügt, noch mehr an Situationskomik oder Wortwitz einzubauen. Damit soll nicht gesagt sein, dass LIFE ON THE EDGE ein Rivale für BRAZIL wäre (was vielen Kennern des Films als einzig halbwegs passender Vergleich einfällt, wobei BRAZIL sicher in jeder Hinsicht einer anderen Liga angehört, auf jeden Fall ist BRAZIL ein Schlag ins Gesicht, wo LIFE ON THE EDGE eine sympathisch-abgedrehte Komödie ist).

Das würde natürlich alles nicht funktionieren, hätte Burman nicht ein hervorragendes Ensemble zur Verfügung. John Glover spielt das leicht vertrottelte Familienoberhaupt in der perfekten Balance zwischen Ernsthaftigkeit und reiner Komödie (mit einem Chevy Chase würde der Film völlig anders aussehen) – Glover brillierte kurze Zeit danach als Donald-Trump-Imitat in Joe Dante´s grandiosem GREMLINS 2.

Nancy Mette ist einfach direkt einer 50er-Jahre-Sitcom wie LEAVE IT TO BEAVER entsprungen. Sowohl in den Sitcom-Elementen als vordergründig naive, aber in Wahrheit alles checkende Hausfrau als auch im Horrorfinale überzeugt Mette, die keine herausragende Filmkarriere zu verzeichnen hat, voll und ganz.

Juliette Lewis (NATURAL BORN KILLERS, FROM DUSK TILL DAWN) liefert wie in CHRISTMAS VACATION eine überzeugende frühe komödiantische Rolle ab. Fast schade, dass ihr Part nicht grösser ausfiel. Aber ich bin da voreingenommen, da Juliette-Lewis-Fan. Als ihr Filmbruder Bud fungiert übrigens ihr Real-Life-Bruder Lightfield.

Schön schleimig der gefragte Character Actor Richard Portnow als „bad guy“ Crabneck, der den miesen fiesen Mr. Evil Capitalist absolut überzeugend gibt. Und selbst die von mir gern und oft kritisierten Kid Actors sind hier nicht nervig.

„Extended cameo appearances“ liefern Anne Ramsey (SCHMEISS DIE MAMA AUS DEM ZUG) in einer ihrer letzten Rollen (der Film ist ihr gewidmet), unter schweren gesundheitlichen Problemen (zu denen sich auch gleich Lisa Morton äussern wird), und ihre Ehemann Logan Ramsey ab, des weiteren POLICE-ACADEMY-Star Bobcat Goldthwait in einer kurzen, lustigen Rolle (unter dem Pseudonym Jack Cheese…).

LIFE ON THE EDGE ist also ein abgedrehtes Stück Filmkuriosum, und trotzdem, selbst in seiner vorliegenden Fassung nicht mal der Gipfel der Abgedrehtheit, wie ihn sich seine Macher Tom Burman und Lisa Morton vorgestellt haben. In der endgültigen Release-Fassung ist das eigentlich nur daran zu merken, dass der Gang zur Pumpstation, den Billy und Joey antreten, vermutlich mehr als erste Klimax angelegt war, als er letztendlich im Endprodukt rüberkommt.

Zu diesem und anderen Problemen, die Lisa Morton und Tom Burman in der Post-Produktions-Phase mit ihren Produzenten erlebte, äussert sich jetzt niemand geringeres als Co-Drehbuchautorin Lisa Morton selbst. Ich fragte sie per e-mail nach den Änderungen zwischen der von Burman und Morton abgelieferten Schnittfassung und der schliesslich veröffentlichten Endfassung. Hier ihre ausführliche Antwort, übersetzt aus dem Englischen.

„Zunächst einmal ist da der Titel. Unser Original-Titel war LIFE ON THE EDGE; der Film wurde unter diesem Film konzipiert und gedreht. Unnötig zu sagen, dass wir etwas überrascht über die Umbenennung waren, die vollständig ohne unser Wissen gemacht wurde. Das nächste ist der Rap-Song, der den Film eröffnet; Tom (Burman) und ich hassen ihn so sehr … im Original eröffnet der Film mit einer wunderbaren Soundeffekt-Montage, während wir dem Telefonanruf durch das System folgen. Dann ist da die Voiceover-Erzählung von Billy, die ein Jahr, nachdem der Film vervollständigt war, hinzugefügt wurde (und man merkt es, denn die Stimme unseres zwölfjährigen Schauspielers hatte sich geändert). Die „Gang an der Kante“-Szene (als die Kinder zur Pumpstation gehen), war ursprünglich eine sehr lange und gruslige Montage, bei der die Kinder an allen möglichen verrückten Schauplätzen und Individuen vorbeikommen (tatsächlich war ich in dieser Szene, weswegen ich am Ende des Films Schauspieler-Credits bekomme). Wir wollten, dass diese Szene möglichst unheimlich wird und damit das Gefühl vermitteln, dass die Welt „draussen“ gefährlich ist, aber offensichtlich sahen die Produzenten das anders und schnitten die Szene zu dem kleinen Stück zusammen, das jetzt übrig ist. Es gibt viele kleine Veränderungen im ganzen Film, aber die zwei, die am meisten stören sind die Untertitel in der Pumpstation (Anne Ramsey, die arme Frau, starb an Krebs und hatte Schwierigkeiten mit den Wörtern) , und die beschleunigte Bewegung von Mr. Crabneck, als er auf die Familie kurz vor Filmende zukriecht (ich habe keine Ahnung, was das bedeuten soll). Diese Veränderungen wurden alle von den Produzenten vorgenommen und Tom und ich hatten absolut kein Mitspracherecht oder überhaupt Kenntnis darüber. Wir fragten sie [die Produzenten] ein Jahr lang, was mit dem Film geschieht und dann eines Abends wurden wir zu einer Vorführung eingeladen, um zu sehen, was sie damit angestellt hatten. Ihr könnt euch unsere Bestürzung nur vorstellen.“

Soweit Lisa Morton. Aus „deutscher Sicht“ muss man anmerken, dass wir insofern Glück gehabt haben, als der peinliche Lapsus mit der geänderten Stimme in der Voiceover-Narration sowie die Untertitelung von Anne Ramsey (hätte man das nicht nachsynchronsieren können?) erspart blieben. Was den Rap-Song angeht, kann man Lisa nur beipflichten (überhaupt scheinen noch zwei weitere Songs erst nachträglich hinzugefügt worden sein) und dass uns die „Gang an der Kante“-Szene in ihrer vollständigen Form vermutlich nie erfreuen wird, ist schlicht und ergreifend schade. So ist LIFE ON THE EDGE ein schönes Beispiel, wie Produzenten, die über das, wofür sie ihr Geld ausgegeben haben, vermutlich etwas entsetzt waren, versuchten, aus ihrer Sicht zu retten, was zu retten ist und die originale künstlerische Vision verunstalteten.

Man kann von Glück sagen, dass die Fassung, die letztendlich das Licht der Welt öffentlich erblickte, immer noch so abgedreht ist, wie sie jetzt vorliegt. Wer seine Komödien etwas ANDERS mag, als sie einem normalerweise von Hollywood vorgesetzt wird, technisch perfektes Handwerk und gute Effektarbeit schätzt und, mir fällt sonst kein geeignetes Adjektiv ein, einfach mal ganz anders unterhalten werden will, muss sich diesen Film unbedingt mal reinziehen. Wenn Ihr nur annähernd in den selben verwirrten Bahnen denkt und lebt wie meinereiner, werdet Ihr, wie ich, LIFE ON THE EDGE rasch in den Status eines absoluten Kultfilms heben.

(c) 2001 Dr. Acula


BOMBEN-Skala: 3

BIER-Skala: 8


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