Rocco – Der Mann mit den zwei Gesichtern


  • Deutscher Titel: Rocco - Der Mann mit den zwei Gesichtern
  • Original-Titel: Sugar Colt
  • Alternative Titel: Kavallerie in Not
  • Regie: Franco Giraldi
  • Land: Italien/Spanien
  • Jahr: 1966
  • Darsteller:

    Jack Betts (Sugar Colt/Tom Cooper, als Hunt Powers), Soledad Miranda (Josepha), Giuliano Raffaelli (Col. Haberbrook, als Julian Rafferty), Gina Rovere (Bess, als Jeanne Oak), Erno Crisa (Yonker, als James Parker), Victor Israel (Totengräber), Nazzareno Zamperla, George Rigaud (Alan Pinkerton), Jeff Cameron, Luis Barboo, Frank Brana, Riccardo Pizzuti


Vorwort:

Der amerikanische Bürgerkrieg ist vorbei, die Soldaten kehren nach Hause zurück. So auch eine Brigade Nordstaaten-Scharfschützen, doch ihr Hauptmann ist ein fieser Möpp – er hat die Truppe an Gangster „verkauft“. Er hat zwar wenig davon, weil seine wenig vertrauenseinflößenden Geschäftspartner ihn unmittelbar nach Geldübergabe totschießen, aber seine Soldaten noch weniger – wer nicht durch eine gezielte Sprengung unter Felsbrocken begraben wird, kuckt verdutzt in die Colts der Ganoven...

Ein Jahr später ist das mysteriöse Verschwinden der Brigade so etwas wie ein urbaner Mythos (ohne Urbanität, versteht sich). Wer davon nicht sonderlich imprägniert ist, ist Tom Cooper, der in einer Kleinstadt die „Akademie zur spirituellen Verteidigung der Frau“ gegründet hat – hochtrabender Name für einen Indoor-Schießstand, in dem Cooper den Frauenzimmern den richtigen Umgang mit Schießprügeln beibringt, z.B. für den Fall, dass eine holde Dame sich demnächst zur Witwe zu machen wünscht, Cooper ist da nicht wählerisch. Eines schönen Tages wird er von seinem alten Freund Pinkerton, Gründer und Chef der gleichnamigen Detektei, aufgesucht. Pinkerton hätte einen Job für „Rocco“, Coopers ad acta gelegtes Revolvermann-alter ego und der hat mit den verschwundenen Soldaten zu tun. Der alte Herr eines Vermissten hat nämlich ein Schreiben erhalten, wonach er den Sohnemann gegen die schmale Bearbeitungsgebühr von 50.000 Dollar gerne wieder haben könnte. Der betreffende Gentleman ist offenbar ein Geizkragen und will nicht zahlen, hat daher Pinkerton eingeschaltet. Cooper winkt ab – ihm ist das ruhige Stadtleben, bei dem er schlimmstenfalls vom Querschläger einen untalentierten Schülerin aufs Korn genommen werden kann, eigentlich ganz recht. Pinkerton ist persönlich und menschlich enttäuscht. Und am nächsten Morgen tot, alldieweil er und sein Klient von unbekannter Mördershand auf offener Straße niedergemeuchelt werden.

Jetzt muss Cooper wohl oder übel sein Rennhuhn satteln und der Sache mit den Soldaten doch auf die Spur gehen – einem Sterbenden schlägt man schließlich keine Bitte ab. Cooper tarnt sich als „mild-mannered“ und naiver Mediziner und reist nach Snake Valley, nach Pinkertons Ermittlungen der einzige Ort, zu dem die Soldaten abgesehen von ihrem richtigen Bestimmungsort hätten ziehen können, aber auch dort nie eingetroffen sind.

In Snake Valley herrscht Colonel Haberbrook, ein charmanter Tyrann zwar, nichtsdestoweniger aber eben ein Tyrann. Cooper quartiert sich im örtlichen Hotel, geführt von der etwas „durchen“ Bess und ihrer Tochter/Nichte/Urenkelin/Whatever Josepha, einem anerkannt heißen Feger vor dem Herrn, ein. Erst mal bekommt Cooper als Willkommensgeschenk tüchtig aufs Maul, revanchiert sich aber kurz darauf mit einer zunächst belächelten, dann respektierten Boxeinlage. Patienten allerdings sind eine andere Sache – zwar gibt’s das ein oder andere zu behandelnde Wehwechen, aber Haberbrooks Schergen sorgen dafür, dass es sich die potentiellen Kunden schleunigst anders überlegen.

Dieweil, auf Haberbrooks Ranch – dort hält der Schelm tatsächlich die Reste der Brigade gefangen. Sein Plan ist es tatsächlich, die Jungs einzeln an ihrer vorher als zahlungskräftig ausgekuckten Familien zurückzuverkaufen, und sobald klar ist, dass für einen bestimmten Mann kein Lösegeld bezahlt wird, hat der Betreffende seine Schuldigkeit getan und wird erschossen. Für Unruhe sorgt Coopers Partner und Freund Sammi, der während Cooper noch seine dummer-Doktor-Rolle spielt, das Hinterland nach Überresten der Brigade durchgräbt und gelegentlich Freund und Feind durch Blasen der Regimentsfanfare ins Bockshorn jagt.

Nach einiger Zeit bekommt Cooper endlich einen brauchbaren Tipp von einem Informanten. Der wird wenig später ermordet aufgefunden, was Cooper freilich sagt, dass die Information, die Haberbrook und seine Ranch ins Blickfeld seiner Ermittlungen rücken, zumindest nicht aus der hohlen Hand gesaugt war. Zeit für unseren Helden, die Arztverkleidung abzulegen, und den guten alten Rocco wieder ans Tageslicht zu bringen, auf dass der für biblische Gerechtigkeit sorge...

Inhalt:

Also noch'n Italo-Western. „Rocco – Der Mann mit den zwei Gesichtern“ ist zunächst natürlich wieder ein Titel, den sich der deutsche Verleiher in einer whiskeyumnachteten Sternstunde hat ausdenken lassen, im Original heißt der Streifen „Sugar Colt“, das war den Teutonen wohl etwas zu zuckrig...

„Rocco“ ist schon deswegen einigermaßen bemerkenswert, weil es ein recht früher Vertreter der Italo-Vogue war. Sergio Leone hatte das Genre gerade erst auf den Kopf gestellt, aber das, was den „klassischen“ Spaghettiwestern ausmacht, war noch nicht absolut in Stein gemeißelt, und so konnte Franco Giraldi, der für Leone schon bei „Für eine Handvoll Dollar“ als Second-Unit-Regisseur gearbeitet hatte, noch einen vergleichsweise eigenständigen Film vorlegen, der mehr als die meisten anderen Western vom Stiefel einen „amerikanischen“ Ton hat. Liegt womöglich an Drehbuch-Hauptschreiber Ferdinando di Leo, der in den 70ern einige wichtige polizioteschi drehen sollte (natürlich auch die amüsante Giallo-Gurke „Das Schloss der blauen Vögel“ nach Konsalik-Vorlage). Deswegen haben wir in „Rocco“ nicht nur, lange bevor Bud Spencer und Terence Hill den Western zur Klamotte machten, komödiantische Elemente und keinen muffigen Anti-Helden, sondern einen klaren positiven Protagonisten. Schließlich und endlich ist schon allein die Tatsache, dass unser Held nicht aus irgendwelchen Zufälligkeiten oder situationsgegebener Notwendigkeit in den Plot eingreift, sondern klar als quasi-detektivischer Ermittler den Fall lösen will, der seinen alten Freund das Leben gekostet hat, von einer für den Italo-Western untypischen Geradlinigkeit.

Der Film unterteilt sich – nach der Prolog-Sequenz, in der wir als Zuschauer zumindest andeutungsweise über das Schicksal der die Geschichte bewegenden Soldaten informiert werden, recht deutlich in zwei Hälften; eine vergleichsweise leichtgewichtige erste Halbzeit, und dann die zweite Hälfte, in der die Action, der Pathos und das Sterben abgehandelt werden. Beide Spielzeiten haben ihre Momente, auch wenn die Kombination der humorigen und der dramatischen Szenen sicher eleganter hätte gelöst werden können als durch die strikte Teilung. Aber, wie gesagt, in beiden Hälften findet der Genrefreund sehenswerte Szenen – alleine schon die Vorstellung von Tom Cooper in seinem Damen-Schießkabinett hat was, und Coopers Verkleidung als naiv-trotteliger Quacksalber, der dank seiner schieren Harmlosigkeit keinen echten Verdacht bei den Bösewichtern aufkommen lässt, hat schon fast etwas vorweggenommenes Terence-Hill-mäßiges (was durch die ausschweifende Saloon-Schlägerei, erst mit Cooper als exklusivem Prügelempfänger, dann als in seiner drolligen Unterwäsche auftretender Boxer, auch noch verstärkt wird; das ist ein Segment, in dem man sich wirklich Hill exzellent vorstellen könnte).

Wenn's dann in den schwereren Teil geht, hat der Film immer noch starke Szenen, z.B. das Begräbnis des Informanten, bei dem Cooper zunächst als einziger dem Sarg folgt, ehe Bess und Josepha es ihm gleichtun und langsam andere Stadtbewohner es wagen, sich dem Trauerzug – mit Sicherheitsabstand – abzuschließen. Nicht gerade ein „Ich bin Spartakus“-Moment, sicher, aber schon von gewisser Gravitas (der sich nicht einmal Haberbrook entziehen kann, der sich unter Coopers strengem Blick dem Zug ebenfalls anschließt). Im Finale auf Haberbrooks Ranch, wenn Cooper bzw. Rocco (bzw. Sugar Colt) den gefangenen Yankees zum Ausbruch verhilft und es zu einer Schlacht zwischen diesen und Haberbrooks Gang kommt, die sogar eine Gatlin Gun aufbauen, wird dann auch ordentlich geballert, geschossen und gestorben.

Aber, und das ist zugegeben ein aber mit kleinem asterix, sowohl in seinem eher komödiantischen Part wie auch in seinem Action-Drama-Part kommt „Rocco“ nie wirklich ganz aus dem Knick, legt nie wirklich einen höheren Gang ein. Die Komik bleibt immer in einem „lassen wir's lieber nicht ZU lustig werden“-Rahmen, obwohl das Szenario sicher mehr an Gags zugelassen hätte als letztlich tatsächlich aufgefahren werden, und wenn dann die blauen Bohnen fliegen, ist man vom Italo-Western retrospektiv natürlich schon galligere, drastischere Action gewohnt. Dafür kann der Film letztlich nicht wirklich viel, weil er entstand, bevor der Italo-Western endgültig in den nihilistischen Zynismus (oder zynischen Nihilismus) abkippte, und er eben eine Geschichte erzählen will, die mit dem Sieg der Gerechtigkeit ohne Pferdefuß (außer den vieren des Kleppers des Helden), ohne Einschränkungen (und sogar einem romantischen Happy End) ausklingt.

Damit geht einher, dass der Streifen sich insgesamt auch eher unspektakulär abspult. Alles ist auf einem gediegen-soliden Niveau, fotografiert vom Routinier Alejandro Ulloa („Die Irrfahrten des Herkules“, „Ein Colt für 1000 Särge“, „Lasst uns töten, Companeros“), aber auch ohne das gewisse Etwas, abgesehen vielleicht davon, dass die nackten Berge Almerias noch etwas desolater aussehen als in den meisten anderen Western (weil Snake Valley ja auch wirklich am absoluten totalen Arsch der Welt gelegen sein soll). Ganz große Schauwerte fehlen, und manchmal möchte man der Geschichte auch einen kleinen Tritt in den Allerwertesten verpassen (da wir als Zuschauer einen Wissensvorsprung gegenüber dem Protagonisten haben, und in diesem Fall die „suspense“ im Hitchcock-Sinn dem Film nicht unbedingt weiterhilft).

Der Score von Luis Bacalov („Der Postmann“, „B.Monkey“, „Fellinis Stadt der Frauen“) ist gefällig, ein paar unkreditierte Melodeien soll auch Ennio Morricone beigesteuert haben.

Für die Hauptrolle suchte Giraldi gezielt einen amerikanischen Darsteller, der nicht dem klassischen Westernhelden-Bild entsprechen sollte, sondern glaubhaft als „Ermittler“ durchgehen sollte. So stieß er auf Jack Betts, einen TV-Darsteller der dritten Liga, der in Serien wie „General Hospital“, „Bonanza“ oder „Rauchende Colts“ Gastparts spielte und verständlicherweise keine moralischen Einwände dagegen hatte, für ein paar Hauptrollen nach Italien überzusiedeln. Allerdings war sein Name wohl zu „weich“, weswegen er für seine Westernrollen in das männlich-markante „Hunt Powers“ umbenannt wurde. Unter diesem Namen spielte er Django („Halleluja pfeift das Lied vom Sterben“) und Sartana („Django und Sartana kommen“), aber auch mit Klaus Kinski (der hier besprochene „Adios Companeros“). Mitte der 70er kehrte Betts in die USA zurück und nahm seine Fernsehtätigkeit wieder auf (u.a. in „Remington Steele“ und „Falcon Crest“). Eine seiner raren Filmrollen spielte er in „Dead Men Don't Die“, auf die Jahrtausendwende hin wurde er zum character actor in größeren Filmen wie „Batman & Robin“, „8 mm“ oder „Spider-Man“. Hier macht er sich ganz gut, besonders in der Phase, in der der Film (und der Charakter) Cooper nicht ganz ernst nimmt, in den Actionszenen stinkt er aber auch nicht ab.

Zu Soledad Miranda (schwelg) muss ich Stammlesern dieser Seiten nichts mehr erzählen – Jess Francos erste große Muse ist ein bezauberndes Wesen, auch wenn sie sich, wie hier, zugeknöpft gibt. Gina Rovere („Hochwürden Don Camillo“, „Allein gegen die Freibeuter“) ist als reservierte Bess ebenfalls gut, und Giuliano Raffaelli (eh, „Julian Rafferty“, „Raumschiff Alpha“, „Schreie in der Nacht“, „Johnny Madoc“) gibt einen gleichermaßen charmanten wie hassenswerten Schurken ab. Erno Krisa („Erik, der Wikinger“, „Sklavin der Südsee“) ist solide als Raffaellis Chef-Henchman Yonker, Victor Israel („Draculin“, „Zwei wilde Companeros“) ganz eindrucksvoll in der kleinen Rolle des Totengräbers. In kleineren Schurken-Rollen finden sich verdiente Eurotrash-Kämpen wie Jeff Cameron („Ein Halleluja für Django“, „Adios Companeros“), Frank Brana („Sirene 1“, „Supersonic Man“), Luis Barboo („Conan, der Barbar“, „Die Nacht der offenen Särge“) und Riccardo Pizzuti (praktisch jeder Bud-Spencer-Film).

Die Blu-Ray-/DVD-Combo-Veröffentlichung von Koch lässt keine Wünsche übrig. Der 2.35:1-Print ist so gut, wie man es von einem Film dieser Gewichtsklasse erwarten darf, als Bonusmaterial gibt’s die DDR-Synchronfassung („Kavallerie in Not“ - der Titel ist auch nicht besser als der westdeutsche...), Trailer, ein ausführliches Interview mit Jack Betts, ein Videointerview mit Franco Giraldi und eine filmhistorische Einordnung mit dem italienischen Experten Fabio Melelli, außerdem eine Galerie mit Werbematerialien.

„Rocco – Der Mann mit den zwei Gesichtern“ ist letztendlich ein solider, aber auch nicht sonderlich aufregender Mittelklassewestern. Er unterscheidet sich in Stil- und Umsetzung einigermaßen vom 08/15-Spaghettiwestern, allerdings dann auch nicht auf eine solche Weise, die den Film memorabel machen würde. Die darstellerischen Leistungen sind insgesamt gut, dem Film fehlen aber ein paar zündende Ideen. Kann man ankucken, muss man aber auch nicht zwingend...

© 2019 Dr. Acula

  • 100 Mann und 1 Befehl

  • Man nannte ihn auch den "Widowmaker".

  • Wer Zylinder und Brille trägt, der muss sich schon mal eine Abtastung gefallen lassen.

  • Evil Westman Stare.

  • "Schießen Sie auf den Pianisten? Wie bitte?"

  • Es wird Dresche verteilt. Und Pizzuti bleibt unbehelligt. Ein Weltbild wird erschüttert.

  • Und schon konnte einer das Elend nicht mehr ertragen.

  • Seit wann trägt man Weiß zu einer Beerdigung? Stillos!

  • Täuschend echt - Rocco als Mexikaner.

  • "Sprich mit der Hand!"

  • "Nimm die nicht, die hat bald nen Autounfall!" (öhm)


BOMBEN-Skala: 5

BIER-Skala: 5


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