Reykjavik – Rotterdam


  • Deutscher Titel: Reykjavik - Rotterdam
  • Original-Titel: Reykjavik - Rotterdam
  • Alternative Titel: Reykjavik to Rotterdam Reykjavik - Rotterdam: Tödliche Lieferung
  • Regie: Oskar Jonasson
  • Land: Island/Deutschland/Niederlande
  • Jahr: 2008
  • Darsteller:

    Baltasar Kormakur (Kristoffer), Invgar Eggert Sigurdsson (Steingrimur), Lilja Nott Porarinsdottir (Iris), Prostur Leo Gunnarson (Jensen), Jörundur Ragnarsson (Arnor), Theodor Juliusson (Runolfur), Olafur Darri Olafsson (Elvar), Victor Löw (Hoogland)


Vorwort:

Die Zeiten sind schlecht für Kristoffer – nachdem er ein halbes Jahr wegen Alkoholschmuggels gesiebte Luft atmen durfte, schlägt er sich jetzt als Wachmann die Rejkjaviker Nächte um die Ohren. Obwohl seine Frau Iris als Friseuse werkelt, reicht die Kohle hinten und vorn nicht für die mit zwei aufgedrehten Kackbratzen gesegnete Familie. Zwei Monate Mietrückstand, und dann will der Vermieter die finstere Souterrainwohnung auch noch verscherbeln. Als wäre das nicht schon genug Ärger, hat sich Iris' mißratener jüngerer Bruder Arnor auch noch mit irgendwelchen Gangsterypen eingelassen, die ihn schwer vertrimmen.

In dieser allgemein finsteren Lage lässt Kristoffer sich von seinem alten Kumpel und Ex-Komplizen Steingrumur zu einer allerletzten Schmuggeltour breitschlagen. Das läuft so – man heuere auf einem Containerschiff ein, nutze den Landgang in Rotterdam zum Einkauf von Rohalkohol und Spiritousen, verstecke den Kram auf dem Schiff, lade es in der Heimat wieder ab und erfreue sich am erklecklichen Reibach ob der exorbitanten Alkpreise auf der Wikingerinsel. Steingrimur, inzwischen erfolgreicher Bauunternehmer (und nebenher Iris' Ex), muss allerdings seinen ganzen Einfluss geltend machen, damit Kristoffer trotz seiner kriminellen Vergangenheit wieder einen Job an Bord bekommt. Und der Kapitän des Dampfers ist ganz besonders begeistert, hat er doch den Durchblick, dass Kristoffer nur angeheuert hat, um seine alte Laufbahn wieder aufzunehmen, und den Rückkehrer daher von der ersten Sekunde an explizit auf dem Kieker.

Nichtsdestotrotz gelingt es Kristoffer schnell, einige seiner alten Freunde in der Mannschaft in seinen Plan einzubinden, ohne zu ahnen, dass sich hinter seinem Rücken auf der Insel Unheil zusammenbraut. Arnors Gangsterkollegen schauen bei Iris vorbei und demolieren die Bude, weil der Bruder, ebenfalls an Bord des Kahns, beim letzten Trip bedauerlicherweise eine größere Drogenlieferung verloren hat. Steingrimur lädt Iris und die Kinder ein, für die Dauer Kristoffers Abwesenheit bei ihm einzuziehen, was Kristoffer nach einer kleinen late reaction für eine so eher mittelgute Idee hält. Er weiß gar nicht, wie recht er hat, denn zum einen sind die Schlägertypen stolze Einträge auf Steingrimurs Lohnliste und daher von niemand anderem als ihm selbst beauftragt, und zum anderen wittert er eine exzellente Chance, einen neuen Anlauf zu unternehmen, um Iris in die Kiste zu kriegen.

Dieweil läuft auch in Sachen Alkohol nicht viel nach Plan. Zwar gelingt es Kristoffers Komplizen, das Schiff lang genug lahmzulegen, um in Rotterdam auf Einkaufstour gehen zu können, doch als sich seine übliche Alkoholquelle als von der Polizei trockengelegt erweist, muss er sich an an den skrupellosen Gangster Hoogland wenden. Das Geschäft würde trotzdem über die Bühne zu gehen, hätte Arnor nicht das zum Schnapseinkauf gedachte Geld gemopst, um zur Begleichung seiner eigenen Schulden Drogen einzukaufen. Hoogland verzichtet gnädig darauf, Kristoffer und seinen Freund zu ermorden, presst sie aber in die Komplizenschaft beim Überfall auf einen Werttransporter. Der endet in einem Shoot-out mit der holländischen Polizei – und Kristoffer verfügt nunmehr über mehrere Quadratmeter bemalte Leinwand, ohne auch nur im Geringsten zu ahnen, was er da in Händen hält. Das kostbare Kunstwerk wird als Abdeckplane für den Alk verwendet...

Die Probleme reißen nicht ab – Kristoffer stellt Arnor zur Rede und findet die Drogen, Steingrimur wäre aber nach telefonischer Rücksprache stark dafür, diese nicht, wie von Kristoffer angedacht, über Bord zu werfen. Das meint auch Iris nach einem weiteren Besuch von Steingrimurs Schlägern, und dann wäre da noch die Aufgabe zu lösen, wie man den Alkohol unauffällig an Land bekommt. Und damit ist die Lage noch gar nicht abschließend eskaliert...

Inhalt:

Unterkühlte und/oder ironische Krimi- und Thrillerkost aus Skandinavien hat ja seit Jahr und Tag einen guten Ruf, „Schwedenkrimi“ ist ja praktisch ein Markenname dank der Wallanders, Larssons und sonstigen Wikingernachfahren. Auch in Island, dem Land der Geysire, lässt man sich nicht lumpen, und auch die kleine, aber feine isländische Filmindustrie beteiligt sich ab und an an Ausflügen in den Thrillerbereich (auch wenn Islands filmischer Hauptexport wohl doch Arthousefilme wie der großartige „Metalhead“ sind). „Rejkjavik – Rotterdam“ erregte immerhin genug Aufsehen, um von Hollywood für ein ordnungsgemäßes Starkino-Remake ausersehen zu werden. Niemand anderes als der hiesige Hauptdarsteller und Co-Produzent Baltasar Kormakur inszenierte 2012 „Contraband“ mit Mark Wahlberg in der Hauptrolle. Das regte an den Kinokassen niemand sonderlich auf und das Original findet man mittlerweile in der Grabbelkiste bei KiK. Zumindest hab ich's daher.

„Rejkjavik – Rotterdam“ folgt dabei eher der „unterkühlten“ Schule, auch wenn seine Plotpoints und Storytwists der „Murphy's Law“-Gesetzgebung folgen (wie es z.B. auf der lustigen Seite der Medaille die Dänen-Streiche „In China essen sie Hunde“ und „Old Men in New Cars“ taten) – unser Protagonist heckt einen vergleichsweise simplen Plan aus, um an einfache Weise an Geld zu kommen, aber alles, was irgendwie schief gehen kann, geht schief und dem Helden entgleitet zunehmen die Kontrolle über die Geschehnisse. Hier wird das aber eben nicht auf den Witz hin geschrieben und inszeniert, sondern als bitterer Ernst, und so wird aus dem einfachen Vorhaben, ein paar tausend Liter Alkohol einzuschmuggeln, schnell eine Angelegenheit auf Leben und Tod.

Die Eskalation der Ereignisse gewinnt dabei sicher wieder mal keine Preise für außerordentliche Originalität, besticht aber durch einen uhrwerkhaften Ablauf, dessen Steigerung in sich schlüssig ist, Plottwists logisch aufeinander aufbaut und so folgerichtig die Spannungsschraube ordentlich anzieht, und Protagonist Kristoffer tatsächlich keine echte Chance lässt, aus dem Teufelskreis auszubrechen; es ist ein durchaus gelungener Kunstgriff, Kristoffer zwar als klaren Protagonisten zu zeichnen, aber auch als jemanden, der mehr oder weniger zur Passivität verurteilt ist und in das „Große und Ganze“ kaum eingreifen kann, er kann nur im Rahmen seiner beschränkten Möglichkeiten reagieren – aber er ist eben entweder auf dem Schiff und nur per Smartphone mit seiner Familie und Steingrimur verbunden, oder in Holland vollständig in der Hand von Hoogland, die Geschehnisse aktiv steuern kann er eben nicht, nur einigermaßen versuchen, von dem sich um ihn auftürmenden Chaos nicht völlig überrollt zu werden.

Dabei widersteht Regisseur Oskar Jonasson der Versuchung, Island selbst zu einem Charakter des Films zu machen – die isländische Portion des Film spielt ausschließlich in Rejkyjavik, und die Hauptstadt des Inselstaates ist eine moderne Metropole, die sich auf den ersten Blick nur durch die sehr obskuren Beschilderungen von einer norddeutschen Mittelstadt unterscheidet. Filmisch spannender ist der Blick in den Mikrokosmos eines Containerschiffs, den Jonasson auch mit dem angemessenen Blick für die trotz der immensen Größe des Potts unvermeidlichen Klaustrophobie inszeniert. Im holländischen Teil des Films setzt Jonasson seine Protagonisten als klare Outsider in Szene, die in der Auseinandersetzung mit einem echten skrupellosen Profigangster klar überfordert sind (und setzt hier den einzigen echten „humoristischen“ Akzent des Films, indem er Kristoffer und seine Freunde keine blasse Ahnung davon haben lässt, was sie da für Hoogland eigentlich geklaut haben. Das Schicksal des Kunstwerks ist schon irgendwie bekümmernd...).

Stilistisch bevorzugt Jonasson die klare, kühle skandinavische Sachlichkeit ohne künstlerische Sperenzchen oder kommerzielle Anbiederung durch exploitative Elemente – selbst die einzige größere Actionsequenz, der shoot-out mit der holländischen Polizei, wird nicht als Schnittinferno mit zigtausend Kameraperspektiven und einem entsprechend reißerischen Score gestaltet, sondern vergleichsweise realistisch. Es ist die spektakulärste Sequenz des Films, dennoch aber nüchtern und eher beobachtend als emotional mitreißend.

Natürlich stellt sich bei dieser Herangehensweise die Frage, warum das unbedingt ein Kinofilm hat werden müssen und eine befriedigende Antwort kann ich darauf nicht geben. Das hätte selbstverständlich auch ein Fernsehfilm werden können (und vielleicht auch sollen, denn in der Koproduzentenliste findet sich z.B. auch die ARD-Filmherstellungsanstalt Degeto). Der Film ist durchaus kompetent gemacht, fein beobachtet und unterhaltsam, aber auf der anderen Seite hebt ihn auch nichts über zahlreiche andere skandinavische Krimis hinaus – weswegen ich mich auch nochmals frage, warum ausgerechnet dieser kleine Streifen mit einem US-Remake „geadelt“ wurde. Da fielen mir erst mal schon ein paar andere Stoffe aus den nordischen Regionen ein (natürlich zuallerfürderst ein Hollywood-Wallander).

An den Schauspielern liegt's nicht, es herrscht ja in diesen Gefilden im Allgemeinen kein Mangel an guten Darstellern. Baltasar Kormakur („Engel des Universums“, „101 Reykjavik“) spielt den Kristoffer mit genug Ecken und Kanten, um ihn eher zum Antihelden denn zum Helden zu stilisieren, aber auch sympathisch genug, um als Identifikationsfigur dienen zu können. Ingvar Eggert Sigurdsson („Everest“, „Engel des Universums“, „K-19“, „Justice League“, „Phantastische Tierwesen: Grindelwalds Verbrechen“) gibt den Steingrimur mit der richtigen Mischung aus Charme und abgründiger Boshaftigkeit, Lilja Nott Porarinsdottir („Sense 8“, „101 Reyjkjavik“) bringt ein wenig menschliche Wärme in die nordische Kühle und Jorundur Ragnarsson („Sture Böcke“) spielt als Arnor seinen Part überzeugend genug, um ihm eigentlich ständig in die Fresse hauen zu wollen. Als Gast fungiert der holländische Akteur Victor Löw („Der Admiral – Kampf um Europa“, „Temmink: The Ultimate Fight“, „Antonias Welt“) als fieser Gangster Hoogland.

Die Blu-Ray von Studiocanal erfüllt die Anforderungen an das Medium mit ordentlichem 2.35:1-Widescreen-Bild, guter Synchro, isländischem O-Ton, aber keinen weiteren Extras als dem Trailer.

Wer ein Herz für den skandinavischen Thriller hat, wird auch hier nicht enttäuscht werden, der Film ist gut gespielt, professionell gearbeitet und durchaus spannend,. Allerdings ist er eben auch relativ unspektakulär und nicht übermäßig originell. Kann man also mitnehmen, wenn er einem im Fernsehen oder im Stream mal über den Weg läuft, mir fiele aber nun auch kein besonderer Grund ein, gezielt danach auf die Suche zu gehen.

© 2018 Dr. Acula

  • Ein Mann, völlig im Einklang mit sich selbst.

  • Islands intellektuelle Elite.

  • Der Maschinenraum, schwer am Schuften.

  • Zu viel Videokucken ist also doch schlecht für die Gesundheit.

  • Holländer. Man kann ihnen nicht trauen. Meine Rede seit 1853.

  • Gibt's gleich Hirnschmodder?

  • Isländer in der holländischen Metropole, ratlos.

  • Wird Regen geben, die Werttransporter fliegen tief.

  • Nicht verzagen, Smutje fragen.

  • Kristoffer, übellaunig.


BOMBEN-Skala: 4

BIER-Skala: 6


mm
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