Red Planet Mars


  • Original-Titel: Red Planet Mars
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  • Regie: Harry Horner
  • Land: USA
  • Jahr: 1952
  • Darsteller:

    Peter Graves (Chris Cronyn), Andrea King (Linda Cronyn), Herbert Berghof (Franz Calder), Walter Sande (Adm. Bill Carey), Marvin Miller (Arjenian), Willis Bouchey (Präsident), Morris Ankrum (Secretary of Defense Sparks), Orley Lindgren (Stewart Cronyn), Bayard Veiller (Roger Cronyn), Tom Keene (Maj. General George Burdette), Lewis Martin (Dr. Mitchell), House Peters jr. (Dr. Boulting)


Vorwort:

Science-fiction-Filme aus den 50er Jahren fallen, allgemein gesprochen, gemeinhin in eine von zwei Kategorien: heroische Darstellungen des menschlichen Forschergeists bei der Eroberung des Weltalls (DESTINATION MOON, RAKETE MOND STARTET) oder Alien-Invasionen zwecks Eroberung unseres schönen Planeten und/oder Diebstahl unserer Frauen. Ausnahmen von dieser Regel sind selten – vielleicht METALUNA 4 ANTWORTET NICHT, in dem die Menschen mehr oder minder hilflose Beobachter in einem interplanetaren Konflikt fremder Rassen sind, oder ALARM IM WELTALL, der als Shakespeare-in-space-Adaption eh einigermaßen außer Konkurrenz läuft.
 
Kurz gesagt – der 50er-SF-Film war nicht der Platz für intellektuelle, zerebrale Geschichten. Hier wurden keine komplexen oder abstrakten ethische oder moralische Fragen beantwortet, sondern entweder der (amerikanische) Pioniergeist gefeiert oder vor der roten Gefahr des bösen Kommunismus gewarnt, und generell richtete sich der SF-Film dieser Zeit weniger an ein erwachsenes Publikum, sondern an die Teenager, die mit ihren Hot Rods in die Drive-ins strömten. Die „zerebrale“ SF bahnte sich ihren Weg erst Ende der 60er in den filmischen Mainstream, und selbst dann kann man konstatieren, dass komplexe Fragestellungen und Gedankenspiele üblicherweise in schriftlicher Form besser funktionieren denn als Film.
 
Wenn man dann doch auf einen Streifen stößt, der sich von den üblichen Genre-Klischees speziell der 50er weit entfernt, um sich doch in den Bereich des intellektuellen Gedankenspiels zu bewegen, ist das schon bemerkenswert genug, und erst recht, wenn das entsprechende Exemplar dann noch ostentativ das Themenfeld „Religion“ beackert. Religion und SF don’t necessarily mix that easily, das wissen wir, schließlich fragen wir uns seit jeher, wozu Gott ein Raumschiff brauchen könnte, man darf also gespannt sein.
 
Immerhin – der Autor ist kein Nixblicker. John L. Balderston schrieb das DRACULA-Theaterstück, das die Vorlage zu Todd Brownings Universal-Klassiker abgab, ebenso die amerikanische Fassung des Bühnenstücks, dass die Grundlage für Universals FRANKENSTEIN abgab und die Drehbuchfassung für DIE MUMIE. In der Folge arbeitete er u.a. auch an MARK OF THE VAMPIRE, FRANKENSTEINS BRAUT, dem britischen Karloff-Grusler THE MAN WHO CHANGED HIS MIND, VOM WINDE VERWEHT und GASLICHT. Auch RED PLANET MARS basiert auf einem Balderston-Bühnenstück, das er mit John Hoare verfasste. Die Drehbuchadaption übernahm Balderston selbst mit dem Co-Produzenten und zweifachen Oscar-Nominenten Anthony Veiller (STAGE DOOR, THE KILLERS, MOULIN ROUGE).
 
Welche Message also wollen Balderston, Veiller und Regisseur Harry Horner nun also vors Knie nageln?
 

Inhalt:

Der Astronom Dr. Mitchell (Lewis Martin, KAMPF DER WELTEN, REPORTER DES SATANS), der mit seinem Riesenteleskop zur Zeit (für die Epoche) hochauflösende Bilder der Marsoberfläche schießt, bekommt Besuch. Sein Wissenschaftlerkollege Chris Cronyn (Peter Graves, KOBRA, ÜBERNEHMEN SIE, THE BEGINNING OF THE END, DIE UNGLAUBLICHE REISE IN EINEM VERRÜCKTEN FLUGZEUG) erscheint mit seinem angetrauten Eheweib Linda (Andrea King, DIE BESTIE MIT DEN FÜNF FINGERN, DIE PIRATENBRAUT, BLACKENSTEIN). Cronyn verbindet ein gemeinsames Interesse am Mars mit Mitchell – letzterer macht Fotos, ersterer „spricht“ mit dem Mars. Yep, das ist der Kniff – Cronyn hat mit seiner selbstentworfenen Funkanlage Verbindung mit dem roten Planeten aufgenommen. Tolle Sache, fraglos. Nun kucken sich die Cronyns und Mitchell die neuesten Fotos vom Mars an, und wie Mitchell ausführt, auf dem Nachbarplaneten tut sich was. Binnen weniger Tage sind die tausende Meter hohen Berge auf den Polarkappen des Mars verschwunden – in Verbindung mit den plötzlich reflektierenden Kanälen (seufz) kann das nur eines bedeuten: die Berge waren aus Eis und sind von den Marsbewohnern, wie auch immer, in Rekordtempo abgeschmolzen worden.  Irgendwas ist auf dem Mars also im Busch…
 
Wieder daheim bekommen die Cronyns selbst Besuch – Admiral Bill Carey (Walter Sande, STADT IN ANGST, HABEN UND NICHTHABEN). Das freut Cronyn mächtig, hatte er doch Carey ohne große Hoffnung selbst angeschrieben. Carey genießt legendären Ruf als derjenige, der im Zweiten Weltkrieg den japanischen Code entschlüsselt hat („es war kein besonderes guter Code“, spielt der Admiral seine Leistung bescheiden herunter), und jemanden, der sich mit Codes und Verschlüsselung auskennt, könnte Cronyn sehr gut brauchen. Das Ding ist nämlich – „Kommunikation“ mit dem Mars ist eine gelinde Übertreibung. Cronyn schickt mit seinem Sender mehr oder weniger Morsesignale at random in Richtung Mars und der Mars retourniert die Botschaft postwendend auf identische Weise. Carey ist skeptisch – das könnte darauf hindeuten, dass die Signale schlicht von der Atmosphäre des Mars reflektiert werden, aber Cronyn hat ein Gegenargument. Die Funksignale brauchen 3 Minuten 8 Sekunden bis zum Mars, und wenn sie einfach nur zurückbouncen würden, müssten sie exakt nach 6 Minuten 16 Sekunden wieder empfangen werden. Werden sie aber nicht, es gibt immer eine Verzögerung von 40 Sekunden bis eineinhalb Minuten, was seines Erachtens beweist, dass *jemand*  sie erst einmal verarbeitet, bevor er sie zurückschickt. Ein Argument, das Cronyn an Ort und Stelle durch eine praktische Demonstration bekräftigt.
Carey ist angemessen beeindruckt, nicht nur von Cronyns Erfolgen an und für sich, sondern auch von der technischen Ausrüstung seines Labors. Cronyn gibt zu, dass das alles nicht auf seinem Mist gewachsen ist, die theoretischen Grundlagen hat der als Kriegsverbrecher verurteilte Nazi-Wissenschaftler Franz Calder gelegt, dessen Aufzeichnungen im Rahmen der Nürnberger Prozesse in amerikanischen Besitz gelangt sind und von denen aus, insbesondere Calders „Wasserstoff-Ventil“, das die enorme Energie liefert, die Cronyn zum Powern seines Senders braucht, hat Cronyn weitergearbeitet. Carey würde sich ob dieser elementaren technischen Fortschritte gern ein Pfeifchen anzünden, wird aber von Cronyn einigermaßen enthusiastisch davon abgehalten. Wasserstoff, erinnert er den Admiral, ist geruchlos, aber dafür hochgradig explosiv, daher herrscht im Labor striktes Rauchverbot. Carey muss sich damit begnügen, auf dem Mundstück seiner Pfeife herumzukauen.
 
Jedenfalls besteht das Problem, wie man vom Ping-Pong-Spielen sinnloser Morsesignale zu sinnvoller Kommunikation kommt, und das wäre der Punkt, meint Cronyn, an dem Carey und seine Codebreaker-Fähigkeiten ins Spiel kommen. Carey fehlt aber jeglicher Ansatzpunkt, an dem man zur Etablierung eines Vokabulars einhaken könnte. Den bahnbrechenden Einfall hat Cronyns älterer, dreizehnjähriger Sohn Stewart (Orley Lindgren, UNDER MY SKIN, DER JAZZTROMPETER, DER WEISSE SOHN DER SIOUX) beim Kuchenessen. Eine hochentwickelte, technische Zivilisation muss zwangsläufig das Rad erfunden haben, und wer Räder baut, der muss wissen, was Pi ist. Der Gedanke – man sende die ersten paar Stellen dieser Zahl, hoffe, dass die Marsianer kapieren, und mit der Fortsetzung der Nachkommastellen antworten (prinzipiell eine clevere Idee, die allerdings sehr hoffnungsfroh von der Prämisse ausgeht, dass die Marsianer sich auch auf ein Dezimalzahlensystem verständigt haben).
 
Cronyn macht sich sofort ans Werk, auch wenn Linda skeptisch ist. Mars ist, das weiß ja nun jedes Kind, der Gott des Krieges und damit der Planet Mars auch ein Symbol für Krieg, und Mrs .Cronyn ist nach reiflicher Überlegung zum Schluss gekommen, dass es vielleicht besser wäre, Marsianer Marsianer sein zu lassen, weil man nicht wissen kann, was bei der Kontaktaufnahme rauskommt. Es herrscht seit ein paar Jahren Frieden (der Film spielt ungefähr vier-fünf Jahre in der relativen Zukunft) und wie alle Mütter auf der Welt wünscht sie sich, dass das jetzt erst mal so bleibt. Chris ist da deutlich optimistischer – die Menschheit könnte durch den Kontakt mit den Marsianern einen Entwicklungssprung um Jahrtausende machen, und wissenschaftlicher Fortschritt schlägt seines Erachtens jegliche anderweitigen Bedenken k.o. Kein Wunder, dass der Kerl einen ähnlichen Vornamen trägt wie Christian Lindner.
 

 
Also wird Pi in den Weltraum geblasen, und nach knapp 7 Minuten kommt auch die Antwort. Eine zunächst sehr enttäuschende Antwort, denn Mars scheint wie gehabt lediglich die ausgesandte Botschaft treudoof zu wiederholen. Doch beim zweiten Durchlauf ändert sich das Bild… wie erhofft, setzen die Marsianer die Zahlenfolge korrekt fort. Jubel! Die Basis für eine sinnvolle Kommunikation ist geschaffen.
 
Dieweil, irgendwo in den Anden, knapp unterhalb der Statue des „Christ Redeemer of the Andes“, an der chilenisch-argentinischen Grenze. Dort steht eine kleine Berghütte, die bis zur Halskrause mit elektrischem und elektronischem Equipment vollgestopft ist, die dem von Chris Cronyn verdächtig ähnlich sieht. Der Bewohner dieser Hütte ist, wir sind nicht sonderlich überrascht, el elendo Nazi Franz Calder (Herbert Berghof, CLEOPATRA, MASTERMIND, HARRY UND TONTO), himself. Calder muss sich mit unerwartetem Besuch auseinandersetzen. Wie die meisten Nazi-Schergen, die nicht mittlerweile in amerikanischen Diensten stehen, sind seine Brötchengeber die (nie namentlich genannten, aber natürlich gemeinten) Sowjets, auch wenn Calder schlau genug war, sich nicht in die Sowjetunion verschicken zu lassen, sondern das Geld der Kommunisten mehr oder minder im Untergrund verjubelt. Trotzdem – die Russkis wollen irgendwann mal auch Ergebnisse sehen, und da Calder bislang nicht geliefert hat, schaut sein Führungsoffizier Arjenian (Marvin Miller, THE STORY OF MANKIND, STRANDGUT und professioneller Erzähler wie auch die Stimme von Robbie, dem Roboter, aus ALARM IM WELTALL und SOS RAUMSCHIFF) in Begleitung zweier unfreundlich kuckender Herrschaften, die vermutlich ein größeres Assortment an Schießprügeln unter den jeweilien Kaftanen tragen, vorbei, um sich von Calder persönlich auf den aktuellen Stand bringen zu lassen und, sollte dieser nicht zufriedenstellend sein, den Geldverschwender terminal zu eliminieren. Calder brummt, dass er nichts berichtet habe, weil es nichts zu berichten gäbe. Seine Versuche, mit dem Mars Verbindung aufzunehmen, wie er es Arjenian versprochen hatte (wobei ich nicht auf Anhieb die Erleuchtung habe, wie das die kommunistische Weltrevolution voran bringen sollte), seien schmählich gescheitert. Das wäre jetzt eigentlich ein Grund für Arjenian, Calder eine Zigarette und eine hübsche Wand zum Dranlehnen zu spendieren, aber der Ex-Nazi behauptet, dass er anderweitig wertvoll sein könnte…
 
Ya see – Calders eigene Sendeanlage hat offensichtlich nicht genug Power, um den Mars zu erreichen, aber sie bedient sich der gleichen Frequenzen wie die von Cronyn und dessen Sendungen kann sie mithören. Und so weiß der Nazi in Kommi-Diensten, dass Cronyn das, was er selbst erfolglos versuchte, gelungen ist – und auch, dass der rote Planet geantwortet hat! Arjenian begreift schnell – die Kommunikation der Amerikaner mit dem Mars live mithören zu können, ist praktisch genauso gut wie selbst mit dem Mars zu parlieren, schließlich kommt es nicht unbedingt darauf an, die Informationen als erster zu haben, sondern sie als erster um- und einzusetzen! Calder bekommt also die gewünschte Lebensverlängerung unter der Maßgabe, die erlauschten Botschaften umgehend nach Moskau weiterzutratschen. Da kann man schon mal drauf anstoßen, und weil Calder die russische Kohle nicht nur in seine Apparate investiert hat, lässt sich das auch einrichten.

 
Nun, Calder hat auch bald was zu berichten. Die ersten Fragen werden zum Mars gesandt und die Marsbewohner lassen sich nicht lumpen. Andererseits könnte sich Calder die Weitergabe der Information auch sparen, denn die Amis, als Verfechter der freien Rede, veröffentlichen die marsianischen Botschaften sowieso ganz offen und öffentlich. So eben, dass die Marsianer eine Lebenserwartung von schlappen 300 Erdjahren haben. Das versetzt die Versicherungsbranche in Aufruhr, die sofort sämtliche Auszahlungen stoppt. Das könnte man jetzt noch milde amüsant finden, es sei denn, man steht kurz vor Zuteilungsreife, doch mit der zweiten Botschaft wird die Lage schon kitzliger. Mit dem Ertrag von einem Hektar Land ernährt man auf dem Mars locker 1000 Personen. Das wiederum löst helle Panik bei den Landwirten aus, denn mit diesen Zahlen kann kein irdischer Agrarökonom mithalten. Es werden Subventionen und staatliche Garantien gefordert. Aber richtig gerät die Kacke ans Dampfen mit der dritten Botschaft der Marsianer – die haben sich nämlich längst von allen fossilen Brennstoffen wie Kohle und Öl verabschiedet und verarbeiten pure kosmische Energie! Panik bricht aus. Bergwerksarbeiter wie –besitzer sind sich einig, dass ihre ganze Industrie vor der Auslöschung steht, und der Erdölbranche geht’s nicht anders. Streiks und Betriebsschließungen führen zu einem kompletten industriellen Stillstand in der westlichen Welt – die Börsen brechen zusammen, eine totale Wirtschaftskrise mit den entsprechenden politischen und gesellschaftlichen Folgen schließt sich an. Das spürt auch Cronyn, der als Auslöser des ganzen Schlamassels eine Rekordkarriere vom American Hero schlechthin zum meistgehassten Mann der freien Welt durchmacht. Wie sich das für einen weltfremden Wissenschaftler gehört, versteht Chris rein grundsätzlich nicht, warum Millionen Menschen, die vor dem Verlust ihrer Existenz stehen, mit Steinen nach ihm werfen und seine Familie unter Polizei- und Militärschutz quasi unter Hausarrest steht. Den Fortschritt in seinem Lauf halten nun mal weder Ochs und Esel auf, und als das Automobil das Pferdefuhrwerk verdrängte, mussten sich die Kutscher notgedrungen halt auch mit den neuen Zeiten arrangieren.

Während man sich in Sowjetrussland ins Fäustchen lacht – dort herrscht eiserne Zensur hinsichtlich der Mars-Nachrichten, aber die Bevölkerung wird von der „Voice of America“ informiert, man darf sich halt nur nicht erwischen lassen - , herrscht in Washington Krisenstimmung. Der Verteidigungsminister (Morris Ankrum, FLIEGENDE UNTERTASSEN GREIFEN AN, RAKETE MOND STARTET, KRONOS) drängt den Präsidenten (Willis Bouchey, DER MANN, DER LIBERTY VALANCE ERSCHOSS, PANIK IM JAHRE NULL, AUF DER KUGEL STAND KEIN NAME) dazu, den Sowjets den Krieg zu erklären, solange die USA zumindest noch ansatzweise überhaupt handlungsfähig sind, doch der Präses hat sich selbst das strikte Dogma auferlegt, während seiner Amtszeit keine Kriege zu führen, zumindest aber mal keine anzufangen. Man einigt sich immerhin darauf, Carey und seine Dechiffrierbrigade nach D.C. zu verlegen und zukünftige Botschaften erst mal nicht freizugeben.
 
Carey und seine Bande zermartern sich die Brägen über einem ganzen Dutzend weiterer Botschaften, beißen sich aber die Zähne aus. Lediglich auf eine Frage scheint eine verständliche Antwort vorzuliegen. In typischer menschlicher Manier wurde nämlich angefragt, wie’s die Marsianer bei all ihrer kosmischen Power geschafft haben, sich bis dato nicht gegenseitig die Lebenslichter auszublasen, wie’s auf  Mutter Erde gute Sitte ist. Die decodierte Antwort haut Carey aus den Schuhen…
 
Indes erhalten die Cronyns eine Audienz beim Präsidenten, denn mal abgesehen vom globalen Chaos, das Chris so nonchalant ausgelöst hat, gibt es auch noch anderweitigen Grund zur Beunruhigung, nämlich die bösen Kommunisten. Dass die, trotz der Staatszensur, über alle Botschaften bestens Bescheid wissen, ist natürlich keine große Überraschung, denn auch ein sowjetischer Parteifunktionär kann ein Radio auf Voice of America einstellen und die offiziellen amerikanischen Verlautbarungen mithören… allerdings hat ein Vögelein den Yankees gezwitschert, dass zumindest die dritte marsianische Nachricht in Moskau Tagesgespräch war, noch bevor die Amerikaner sie freigegeben hatten! Bevor die Angelegenheit allerdings ausdiskutiert werden kann, platzt Carey mit seiner neuen übersetzten Botschaft in die traute Gesprächsrunde.
 
Die Quintessenz der Botschaft ist, dass die Marsianer sich zwecks Beantwortung der irdischen Frage an ihren „supreme leader“ gewandt hätten, und so, wie Carey und seine Spießgesellen das kontextuell verstehen, meinen sie damit ihren spirituellen Anführer, oder, wie es einer seiner Decoder noch deutlicher machte, ihren „Gott“. Und der verweist darauf, dass vor sieben Lebenszeiten nach marsianischer Rechnung das uns Menschen schon mal einer auf einem Hügel genauestens auseinandergesetzt habe. Als decent god-fearing folk ist den Anwesenden glasklar, worauf sich die Nachricht bezieht, auf einen Zimmermann aus Galiläa und seine Bergpredigt! Chris, der sich bis dato noch tierisch darüber aufgeregt hat, dass die Regierung die Veröffentlichung weiterer Mars-Botschaften untersagt hat, ist sich jetzt völlig sicher- DIESE Nachricht darf unmöglich verbreitet werden, da sie jedes Vertrauen in die Wissenschaft unterminieren würde. Der Präsident ist anderer Ansicht – gerade diese Nachricht MUSS unter die Leute, und im Zweifelsfall ist halt der Präsident der, der anschafft, auch wenn es seinem Verteidigungsminister nicht gefällt.
 
Die Reaktionen lassen nicht auf sich warten – in der westlichen Welt strömen die Menschen scharenweise in die Kirchen (und sei’s nur auf Verdacht), und auch in der zwangsweise entreligiösierten Ostblockwelt verbreitet sich die Kunde. Calder ist zwischenzeitlich hauptsächlich damit beschäftigt, sich zwischen (und auch während) seiner Berichte nach Moskau belustigt besinnungslos zu saufen. Der Präsident hält eine Rede vor den Vereinten Nationen, ruft zur Ruhe auf und weist darauf hin, dass die großen Religionen – Christentum, Islam, Judentum, Buddhismus – im Großen und Ganzen doch die gleichen Grundlagen haben, von Liebe, Frieden und Toleranz predigen, und das, gerade angesichts der kosmischen Botschaften, doch auch die Grundlage für die weltliche Politik sein sollte. Die Marsianer bekräftigen das mehr oder minder mit einer weiteren Botschaft, wonach die ständigen Kriege der Erde und die Angst vor der totalen Zerstörung darauf zurückzuführen sind, dass die Menschheit die neutestamentarischen Lehren und Gebote vergessen habe. Das Feuer der neu erwachten Religiösität auf Erden verbreitet sich weiter, und selbst in der tiefsten russischen Provinz streifen zwangsweise entfrockte Priester wieder ihre Soutanen über und schreiten zu spontanen Gottesdiensten. Die Staatsmacht behilft sich mit Maschinengewehren…
 
Nun tagt der Krisenstab des Politbüros in Moskau und besonderes Arjenian steht ob der schlechten Nachrichten schon ziemlich weit oben auf der Abschussliste. Calder ist keine große Hilfe – neue Nachrichten vom Mars gibt’s nicht, und selbst wenn es welche gäbe, der Ex-Nazi ist mittlerweile dauerbesoffen.  Der russische Premier wartet einigermaßen verzweifelt auf das Eintreffen des Patriarchen der orthodoxen Kirche für ein Krisengespräch, doch es gibt keine Nachricht vom Flughafen. Dafür aber spontane Massendemonstrationen auf der Straße, unter dem Absingen christlicher Choräle. Die Armee schießt in die Menschenmenge (das spielt sich natürlich off-screen bzw. für uns unsichtbar vor den „Kreml“-Fenstern ab), doch die Sache ist längst entschieden, der singende Jesus-Mob reißt die Stalin- und wer-auch-immer-gerade-der-Chef-ist-Portraits von den Hauswänden. Die KP hat verloren…
 
Calder amüsiert das prächtig, aber auch für ihn hat Derdaoben eine passende Strafe parat – eine Lawine reißt seine Hütte in den Abgrund.
 
Ein paar Tage später – die Cronyns sehen fern und erfahren wie der Rest der Welt, dass in Moskau nunmehr eine Übergangsregierung unter dem Vorsitz des Patriarchen amtiert und deren erste Amtshandlung es war, umgehend alle Truppen aus den Ostblockstaaten abzuziehen – der Warschauer Pakt hat aufgehört zu existieren. Einer neuen Ära des Weltfriedens – one planet under God, sozusagen (und meine Fresse, würde das die heutigen evangelikalen Fundis auf die Barrikaden bringen) – steht somit nichts mehr im Wege. Hat sich also doch noch alles in Wohlgefallen aufgelöst.  Der Mars schweigt seit einiger Zeit vor sich hin, es gibt also auch im heimischen Labor für Chris und Linda nicht wirklich etwas zu tun… Nun, der bewaffnete Eindringling, der plötzlich hinter den Cronyns steht, sieht das womöglich anders. Es ist, das überrascht zumindest uns als Zuschauer nicht, Calder, und der ist zunächst mal angemessen beeindruckt, aber auch beleidigt ob des aufgebauten technischen Equipments auf Grundlage seiner theoretischen Vorleistungen. Wenn’s darum geht… Chris ist jetzt kein Obermoralist, und wiewohl er es als legitim ansieht, auf den beschlagnahmten Nazi-Unterlagen aufgebaut zu haben, hat er den guten Franz völlig ordnungsgemäß in aller Form kreditiert, Calder soll den ihm zustehenden Anteil an Ruhm + Ehre erhalten. Gut, aus Calders Sicht war das ein launiger Gesprächseinstieg, aber mitnichten und –neffen der Grund seines unangemeldeten Vorbeischneiens. Er hat in Chris‘ Namen schon ein paar Reporter bestellt, und die werden in Kürze eintreffen, denn es gibt einige welterschütternde Enthüllungen zu, äh, enthüllen. Calder erklärt zunächst mal, dass er sich in den letzten Jahren auf sowjetische Rechnung den Arsch in den Anden abgefroren und dort sein eigenes Labor aufgebaut habe und mit dem habe er Cronyns Botschaften ins All mitgehört. Was die Antworten angeht, hat Calder aber eine Überraschung in Form eines Notizbuchs auf Lager – die Antworten nämlich, die vorgeblich vom Mars kamen, die waren von IHM!
 
Mit den aus dem Hintern gezogenen Geschichten vom klassenlosen Utopia auf dem Mars hat er, ganz im Sinne seiner Geldgeber, den Westen erfolgreich destabilisiert. Cronyn glaubt natürlich kein Wort, aber Calders Notizbuch ist eindeutig - okay, für mich jetzt nicht, denn das kann ja schließlich auch nur die schlichte Transkription der Mars-Antworten sein, aber letztlich, stellt auch der Naziverbrecher klar, ist es vollkommen Wurst, ob Cronyn ihm das glaubt, wenn diese Version der Ereignisse sich erst mal verbreitet. Den Cronyns fällt aber etwas anderes auf - die letzten Antworten stimmen nicht mit denen, die von den USA veröffentlicht worden, überein. Stimmt, gibt Calder zu – seine Antwort auf die Frage, warum der Mars nicht in Kriegen untergegangen ist, war ein ziemlich nazi-mäßiges „ein Stamm muss führen“. Für Calder liegt auf der Hand, dass die pro-religiösen Messages von den amerikanischen Powers-that-be gefaked wurden, was ihm allerdings einigermaßen egal war, da er von seiner Andenbastion aus belustig zusehen bzw. –hören konnte, wie diese Botschaften nun den kommunistischen Apparat auseinandernahmen.

Was Calder jedenfalls nicht daran hindern soll, den bald eintreffenden Reportern seine Sicht der Dinge und die Fälschung der Mars-Nachrichten auf die Nase zu binden, und dann wird sich seiner bescheidenen Ansicht nach die Menschheit wieder mit Freuden gegenseitig die Schädel einschlagen.  Die Cronyns ziehen immer noch nicht recht mit, aber einen Beweis hat Calder noch in petto. Vor neun Tagen wurde sein Labor mit seiner Sendeanlage von der Lawine, aus der er sich nur mit Mühe wieder rausgraben konnte, zerstört, und auffälligerweise herrscht seit neun Tagen in Punkto Mars totale Funkstille. Wenn das kein merkwürdiger Zufall ist…
 
Nun, auch die Cronyns realisieren, dass der Zug einigermaßen abgefahren ist und Calder dahingehend völlig richtig liegt, dass es ziemlich egal ist, ob Calder nun die Wahrheit sagt oder sich nur eine fiese Geschichte ausgedacht hat – auch wenn die Cronyns bezweifeln, dass Admiral Carey bei einer solchen Fälscherei mitgespielt haben könnte, ist der Zweifel an der Authentizität der Mars-Chroniken erst mal in der Welt, hat sich die ganze neue Friede-Freude-Eierkuchen-Welt in Nullkommanix wieder erledigt. Ergo – es muss verhindert werden, dass Calder vor die Presse treten kann. Die Optionen sind allerdings sehr dünn gesät, und für Chris bietet sich nur ein sehr verzweifelter Ausweg. Er rupft heimlich eine Gasleitung aus dem Wasserstoff-Ventil. Das Gas ist, wie wir uns erinnern, geruchlos und hochexplosiv… Chris will Linda, die begriffen hat, was er vorhat, zu den Kindern schicken, aber ebenso wenig, wie Linda Chris allein ein Himmelfahrtskommando antreten lassen will, hat Calder vor, ein potentielles Sicherheitsrisiko einfach rausspazieren zu lassen. In der hoffnungslosen Lage bittet Nichtraucherin Linda ihren Göttergatten um eine Zigarette…
Chris bekommt aber jetzt doch seine moralische Krise – den Tod seines geliebten Besens kann und will er nicht verantworten, da kann Linda noch so viel um einen finalen Glimmstengel betteln. Doch da… auf einmal schaltet sich der oszillographische Monitor der Sende- und Empfangsanlage ein – der Mars sendet! Die religiösen Mars-Botschaften waren also doch keine Fälschungen! Linda und Chris fallen sich um den Hals, Calder, verständlicherweise ist weniger begeistert und kann diese letzten Beweis nicht akzeptieren – er zieht seinen Revolver und erschießt den Monitor… in der hochexplosiven, gasgeschwängerten Atmosphäre des Labors. KA-BOOOM!!!
 
Und so kann der Präsident nur vor die Völker der Welt treten und den Märtyrertod des Ehepaars Cronyns verkünden (die Kinder haben überlebt, kucken doof, dürfen aber wenigstens in das, was dieser Film uns als „Oval Office“ verkaufen will. Oval isses schon mal nicht). Die letzte Botschaft des Mars wurde gottlob (ähm) aufgezeichnet, auch wenn sie der Explosion sei dank unvollständig war: „You did well, my...“. Und nun muss die Menschheit kucken, wie sie ohne göttlich-marsianischen Beistand (da offenbar niemand in der Lage ist, Calders und Cronyns Gerätschaften nachzubauen) zurechtkommt…

 
 
 

Ich erwähnte es bereits gelegentlich… ich habe per se nichts gegen religiöse Filme. Ich habe nur etwas gegen *schlechte* religiöse Filme, bzw. solche, in denen Religion als Waffe zur Verbreitung von Hassbotschaften missbraucht wird – quasi wie im echten Leben auch. Man kann schließlich Atheist sein, so viel man will, und trotzdem auch einen okkulten Horrorfilm goutieren, und wenn DAS OMEN oder DER EXORZIST läuft, bringt’s ja auch nix, mit verkniffener Miene auf der Couch zu sitzen und „Blödsinn, gibt schließlich keinen Gott, also auch keinen Teufel, verdammich“ zu murmeln. Wenn Filme (wie alle anderen Arten der Fiktion) die Existenz des buchstäblichen höllischen Bösen postulieren dürfen, dann im Umkehrschluss zwanglos auch die der entsprechenden Gegenseite, also die des himmlischen Guten mit allem Gott- und Engelfirlefanz, der den Autoren einfällt (was analog natürlich auch für alle anderen Religionen gilt. Ausgedacht sind sie ja letzten Endes alle, hehe).
 
Dennoch – es ist schon ungewöhnlich, wenn einem ein so offen religiös motivierter Film im Gewand einer Science-fiction-Geschichte daherkommt. Aber wie schon ganz oben ausgeführt, sind „Was-wäre-wenn“-Gedankenspiele eine der elementaren Aufgaben der SciFi und die Frage, wie man strikte wissenschaftliche Herangehensweise mit dem Glauben an Gott unter einen Hut bringt, wird natürlich ganz besonders dann reizvoll, wenn die Wissenschaft plötzlich mit einem „Gottesbeweis“ konfrontiert wird.
 
RED PLANET MARS bleibt dabei ambivalent genug, um sich nicht zu sehr ins religiöse Bett zu legen. Klar, der Film möchte schon die aus seiner Sicht positive Message verbreiten, dass der Glaube an Gott per se und die Befolgung der göttlichen Gebote zum Thema Nächstenliebe etc. der beste Garant für den Frieden wäre (und dabei in erstaunlicher Progressivität, von der die religiösen Pamphlete in Filmform, mit denen wir uns ja oft genug schon beschäftigt haben, nur [alb-]träumen können, zwar aus einer christlichen Perspektive erzählt wird, aber explizit in der zentralen Rede des US-Präsidenten alle anderen Religionen einschließt, weil sie auf die Essenz heruntergebrochen einen weitgehend identischen Glaubenskern haben), aber um die endgültige Beantwortung der Frage, ob Gott jetzt praktisch in leibhaftiger Person auf dem Mars sitzt (oder das, was wir „Gott“ nennen, der religiös-spirituelle Anführer der Marszivilisation ist, was durchaus eine Position sein kann, deren Besetzung wie bei uns die des Papstes wechselt), Jesus am Ende ein Botschafter des Mars war, oder die Marsianer zufällig oder aufgrund einer Art kosmischen Konstante die gleichen religiösen Konzepte entwickelt haben wie wir, drückt sich der Streifen.
Dabei vergisst der Film – mutmaßlich schon gegenüber der ursprünglichen Bühnenfassung zeitgeistgemäß aufgepeppt – nicht die 50er-typische Abteilung Attacke in Richtung der kommunistischen Bedrohung. RED PLANET MARS (die Doppeldeutigkeit, die dem Titel dahingehend innewohnt, fiel allerdings niemandem auf) ist dabei sogar sehr offen in seiner antikommunistischen Haltung – der Genrefilm tarnte die Russkis bis dahin meistens ja in abstrakter Form als die bösen Außerirdischen, hier sind sie, auch wenn das Wort „Sowjetunion“ nie genannt wird (wohl aber russische Städte wie Moskau oder das damalige Noch-Leningrad) ganz konkret das anti-klerikale, anti-religiöse Feindbild (wobei auch der Film nicht vergisst darauf hinzuweisen, dass die Sowjets durchaus in der Lage waren, die religiöse Karte zu spielen, wenn es der Sache dienlich war, z.B. beim Großen Vaterländischen Krieg), das sich der spirituellen Neuerweckung der Menschheit – letztlich chancenlos – in den Weg stellt. Bevor man den Film allerdings zu achtlos in die „red scare“-Ecke schiebt, sollte man beachten, dass durchaus auch die amerikanischen militärischen Hardliner, die eine Erstschlags-Doktrin verfolgen (in Person von Verteidigungsminister Sparks), und vom pazifistisch geprägten Präsidenten überstimmt werden, ihr Fett abkriegen. Der Film nimmt somit eine gerade im 50er-Genrefilm recht eigentümliche Position zwischen den Stühlen ein, indem er durchaus die Attacke gegen den roten Erzfeind reitet, aber nicht bedingungslos mit der patriotischen Flagge wedelt, sondern es – ich wiederhole mich, zum vermuteten Entsetzen jedes anständigen evangelikalen endzeitherbeibetenden Bibelwerfers – bevorzugen würde, wenn sich die Menschheit unter dem Banner der Liebe und des Friedens eint, egal, welcher spezifischen religiösen Ausprägung sie folgt.
 
Und damit ist der Streifen, obwohl er damit eindeutig eine misisonierende Absicht verfolgt und damit bei mir eigentlich trotz meiner eingangs erwähnten Toleranz gegen religiöse Filme Zahnschmerzen auslösen sollte, einer, der sich bemüht, eine inspirierende, versöhnliche Botschaft zu verbreiten. Nicht das „wenn du nicht exakt der Auslegung des Glaubens, die ICH als die einzig richtige festgelegt habe, folgst, schmorst du in der Hölle“-Schule, sondern die mir durchaus sympathische „es ist egal, WEN du genau anbetest, solange du den gleichen grundsätzlichen Prinzipien folgst, ergo ein anständiger Mensch bist“-Variante vertritt.
 
Damit hätten wir das „was“, denke ich, erschöpfend abgehandelt, und gehen zum „wie“ über. Da ist RED PLANET MARS, sein Geburtsjahr 1952 nicht verleugnend, natürlich schon reichlich naiv, sowohl, was manche Handlungen der Charaktere als auch die ganze Umsetzung angeht. Bei allem Respekt für „Offenheit“ und „freien Informationsfluss“ – die geradezu liebenswert-unbeholfene Arglosigkeit, mit der die Amerikaner die Mars-Botschaften in die Welt hinausposaunen, ist schon bemerkenswert, selbst 1952 (bzw. in der nahen Zukunft des Jahres 1956, in der der Film spielen sollte, wenn seine zeitlichen Angaben Sinn machen sollen) sollte ein Präsident Berater haben, die auch einen überzeugten Gutmenschen und Pazifisten davon abhalten, ungefiltert derart brisante Informationen herauszugeben. Andererseits wirken natürlich auch die Reaktionen stark überzogen – auf dem Mars lebt man 300 Jahre und schon gehen die Versicherungskonzerne aus dem Leim und stellen ihre Auszahlungen ein? Haben die ein paar Millionen Policen auf dem Mars verkauft oder wo ist da der unmittelbare Zusammenhang? Klar, der Film geht unbefangen davon aus, dass auf dem Mars Menschen wie du und ich leben, aber dennoch übertragen sich weder medizinische noch anderweitige technische Fortschritte per Handauflegen oder simples durch-den-Äther-funken. Selbst wenn die Marsianer ihre diesbezüglichen Kenntnisse an die Erde weitergeben würden und die sich 1:1 hier umsetzen lassen könnten, dann nicht über Nacht, d.h. die betroffenen Gewerbe-Bereiche könnten (und müssten) entsprechend adaptieren, sich anpassen können. Das gilt natürlich auch für die marsianischen Fortschritte auf den Gebieten Landwirtschaft und Energiegewinnung – dieweil ich für glaubhaft halte, dass es in der Tat zu einer globalen Rezession kommen könnte, halte ich diesen totalen Standstill der westlichen Industrie, nur, weil ein paar knappe Botschaften von einem anderen Planeten andeuten, dass man’s auch anders machen kann, für wenig glaubwürdig (ganz abgesehen davon, dass technischer und wissenschaftlicher Fortschritt dann eben andere, neue „global player“ ins Spiel und an die Börsen bringen kann, siehe Apple, Google, amazon & Co, deren heutiger Marktwert vor 30 Jahren auch bestenfalls für Lachkrämpfe unter Börsianern gesorgt hätte).
 
Hinsichtlich der nachfolgenden religiösen Botschaften vom Mars gilt natürlich ähnliches – keine Frage, dass Gott etwas „universelles“ ist, dürfte für einiges Hallo sorgen und insbesondere in theologischen und philosophischen Kreisen für Aufruhr sorgen, aber ob es wirklich eine Botschaft ist, die stark genug ist, Revolutionen zu befeuern und mächtige Regierungen zu stürzen? Möglich, aber sicher nicht so selbstverständlich wie RED PLANET MARS es behauptet.
 
Da der Film sich mit den ganz großen Konzepten befasst, bleiben die handelnden Charaktere etwas „unterversorgt“. Die Cronyns sind ein Paar, bei dem man sich durchaus fragen kann, wie sie zueinander gefunden haben (und beieinander bleiben), wenn sie so komplett unterschiedliche Einstellungen zu Chris‘ Arbeit haben. Gegensätze ziehen sich an, aber der kühle Rationalist Chris und „Gefühlsmensch“ Linda scheinen für eine langfristige Arbeits- UND Intimbeziehung irgendwie inkompatibel zu sein. Strukturell muss der Film mit der Schwierigkeit fertigwerden, dass seine Hauptfiguren – die Cronyns eben – die Handlung zwar in Gang bringen, aber danach nicht mehr essentiell sind; die Story „verselbständigt“ sich mit der globalen Krise, die durch die Mars-Botschaften ausgelöst wird, und Chris und Linda sind dann nicht mehr als Passagiere, die erst wieder im Finale, wenn die persönliche Konfrontation mit Calder aufgelöst werden muss, wirklich gebraucht werden. Calder selbst ist ein einigermaßen differenzierter Schurke für 50er-Jahre-Kintopp – durch Nazi-Vergangenheit und Sowjet-Verbindung quasi ein Doppelmoppel auf der Schurkenskala, ist der Film dennoch überraschend „fair“ zu ihm, würdigt seine eigenen Leistungen (wenn auch unter Verweis auf begangene Kriegsverbrechen) und billigt ihm einen eigenen Standpunkt zu, der es ihm erlaubt, sowohl gegen die Amerikaner als auch gegen die Sowjets agieren zu dürfen. Die weiteren Figuren sind wirklich der Rede wert – meine Güte, der US-Präsident bekommt nicht mal einen Namen…
 
Regie-Firsttimer Harry Horner, einer der zahllosen Emigranten aus dem deutschsprachigen Raum, war hauptamtlich Production Designer und in dieser Funktion zuständig für Gassenhauer wie NUR PFERDEN GIBT MAN DEN GNADENSCHUSS, AUDREY ROSE – DAS MÄDCHEN AUS DEM JENSEITS oder das Neil-Diamond-Remake von THE JAZZ SINGER, inszeniert die Chose recht geschäftsmäßig „unkünstlerisch“. Natürlich hat Horner kein nennenswertes Budget zur Verfügung, und die wenige Kohle ging dann für die Labor-Einrichtungen drauf. Im Endeffekt macht RED PLANET MARS seiner Herkunft als Bühnenstück alle Ehre – es ist weitgehend ein abgefilmtes Theaterstück, alles, was irgendwie kinematisch wirken könnte, echte „Action“ angeht, bleibt entweder off-screen oder wird mit stock footage bewerkstelligt, und, jau, das ist mal wieder ein Film, bei dem Ed Wood das Herz aufgehen würde, weil Horner zum Corner-Cutting Unmengen an Archivmaterial einsetzt, von Zeitungsverkäufern, denen die Kundschaft die Ware aus den Händen reißt, Massenversammlungen aus Zeiten der großen Depression etc. pp. Zwei nennenswerte Spezialeffekte sind zu vermelden – zum einen die für Ultra-Low-Budget einigermaßen patent gelöste Lawine in den Anden, und die große bemerkenswerte Innovation des Films schlechthin: RED PLANET MARS prognostiziert einigermaßen akkurat die Entwicklung des Flachbildfernsehers, der an die Wand montiert werden kann. Das ist primär natürlich erst mal ein schlichtes Requisit, aber die FX-Tüftler haben exzellent gearbeitet und das „im Fernsehen“ gezeigte Bildmaterial per Matte formschön und elegant in den Rahmen des „Fernsehers“ eingearbeitet. Kudos, das sieht gut aus.
 
Das ganz große Schauspielerkino ist RED PLANET MARS nicht. Peter Graves deutet in einer frühen Rolle immerhin an, dass er über eine ordentliche Ausstrahlung verfügt, Andrea King ist ebenfalls akzeptabel, und auch Herbert Berghof als Calder ist okay für die Sorte Film. Routinierte Character-Player wie Walter Sande und der im 50er-SF-Film unvermeidliche Morris Ankrum runden das Ensemble ab, Marvin Miller ist recht amüsant als sowjetischer Gemeinagent Arjenian, und in kleineren Rollen finden sich semi-prominente Nasen wie House Peters jr. (LASSIE, KÖNIG DER RAKETENMÄNNER) oder 30er-B-Cowboy Tom Keene, kurz bevor dessen absteigender Karriereast ihn zu Eddie Wood führte.
 
Mir liegt die DVD von Cheezy Flicks, einem US-Anbieter, vor. Die codefreie Disc besticht mit sehr guter Bild und Tonqualität für Alter und Kategorie des Films. Als „Bonus“ gibt’s nur ein paar Trailer aus dem Programm des Anbieters.
 
Abschließend gesagt – RED PLANET MARS ist sicher nicht das, was ich guten Gewissens als „guten Film“ bezeichnen würde, aber es ist fraglos ein ungewöhnlicher und interessanter Vertreter des „commie scare“-SF-Films aus den 50ern, mit einem vollkommen anderen intellektuellen Ansatz als praktisch jeder andere zeitgenössische Genrefilm. Wie viel man damit anfangen kann, hängt sicher in erster Linie davon ab, inwieweit man seine naive Message „at face value“ nehmen, dem Film den Gefallen tun kann, ihn so ernst zu nehmen wie er sich selbst nimmt, aber er tut das, was ich von Filmen erwarte, er fabuliert auf seiner aufgebauten Prämisse in sich schlüssig weiter und bekommt ein Ende hin, dass gleichermaßen auf der Charakter-Ebene düster wie auf im Blick auf den großen Gesamtzusammenhang optimistisch ist. Insgesamt ein Streifen, den der Genrefreund aufgrund seiner Eigenständigkeit durchaus mal gesehen haben sollte.
 
© 2020 Dr. Acula


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