Reality XL


  • Deutscher Titel: Reality XL
  • Original-Titel: Reality XL
  •  
  • Regie: Tom Bohn
  • Land: Deutschland
  • Jahr: 2011
  • Darsteller:

    Heiner Lauterbach (Prof. Carus), Max Tidof (Robin Spector), Annika Blendl (Dekkers), Godehard Giese (Antoine)


Vorwort:

Der querschnittsgelähmte Physiker Constantin Carus hat einen schwierigen Termin vor sich, ihm steht eine staatsanwaltschaftliche Anhörung bevor. Carus ist etwas irritiert, dass die Befragung nicht im Polizeipräsidium, sondern in einem abgelegenen Radioteleskop stattfindet und nur Kommissarin Dekkers, Staatsanwalt Spector und der schräge Schriftführer Antoine anwesend sind. Man erklärt ihm, das sei um größeren medialen Rummel zu vermeiden, denn der Fall, um den es geht, ist schon knifflig genug ohne Paparazzi.

Die Sachlage ist nämlich die – vor zwei Tagen betrat Carus mit 23 anderen Kollegen den Kontrollraum des Teilchenbeschleunigers von CERN zur Nachtschicht, am nächsten Morgen war Carus aber der einzige, der den Raum wieder verließ. Von den anderen Eierköpfen fehlt bis auf persönliche Gegenstände wie Schlüssel, Handys u.ä. jede Spur. Keine Überraschung also, dass sich Polizei und Staatsanwaltschaft sehr dringend dafür interessieren, was während dieser Schicht passiert ist und als mutmaßlich einziger Überlebender (und dementsprechend natürlich auch chronisch Tatverdächtiger, wie immer er es auch angestellt haben will) ist Carus ein gefragter Zeuge.

Der Prof schaltet aber ohne weiteres in aggressiven Abwehrmodus und gibt deutlich zu verstehen, dass ihm eigentlich reichlich schnurz ist, was mit seinen wissenschaftlichen Mitstreitern geschehen ist. Die Staatsmacht insistiert, und Carus muss, damit die überhaupt ansatzweise verstehen können, worum's hier geht, quantenphysikalisch bei Adam und Eva anfangen. Sein Spezialgebiet ist eben der Mikrokosmos, weil hier die wirklich wichtigen Entdeckungen gemacht werden, und seine Lebensaufgabe die Entdeckung des kleinsten Bausteins, aus dem alle Materie zusammengesetzt ist.

Nun ist Carus zu dem Schluss gekommen, dass Materie, wie wir uns das gemeinhin so vorstellen, überhaupt nicht existiert, sondern nur reine Energie, die, in einer Weiterdenkung der Heisenberg'schen Unschärferelation und des Gedankenexperiments um Schrödingers Katze, erst durch den Vorgang der Beobachtung Form und Gestalt annimmt. Diese Erkenntnis traf Carus während der ominösen Nachtschicht und führte zu einer folgenschweren Schlussfolgerung – denn es ist ja eigentlich logisch, der Betrachter, der der „Realität“ ihre Form verleiht, kann notwendigerweise nur Carus , zwanglos also der Schöpfer der Realität, sein. Seine Kollegen fanden diese conclusio überraschenderweise nicht so zwingend und verlachten ihn, ergo wünschte er sie sich die 23 Zweifler einfach aus der Existenz!

Wider Erwarten sind Dekkers und Spector nicht sofort Feuer und Flamme für diese wahnwitzige Erkenntnis. Spector vermutet entweder eine PR-Aktion forschungsgeldergieriger Wissenschaftler, die nicht wirklich was vorzuweisen haben, oder hält Carus ersatzweise für einen durchgeknallten Irren, der dringend auf seine Zurechnungsfähigkeit untersucht werden sollte. Auch Dekkers Versuch, Carus mit dem Schicksal der Angehörigen der 23 Opfer zu konfrontieren, schlägt fehl – das mag furchtbar schlimm und Zeuch für diese sein, aber kein Problem, das Carus schlaflose Nächte bereitet.

Nun gibt es einen recht simplen Weg, um Caros und seiner „Schöpfung“ auf den Zahn zu fühlen. Man verlange einen schlichten Beweis. Caros weigert sich, Spectors Füller verschwinden zu lassen, bringt ihn aber wenigstens zum Schweben. Kein Taschenspielertrick, ebenso wenig wie der Umstand, dass Spector Opfer einer Asthmaattacke wird – einer Krankheit, die Caros ihm justament jetzt angehext hat...

Inhalt:

Der deutsche Genrefilm hat's, da verrate ich Stammlesern dieser Seiten kein Geheimnis, schwer. Trotz einer großen Tradition im Bereich von Horror und Fantastik hat „Genre“ im deutschen, moralinschweren Wertekanon das Stigma minderwertiger Unterhaltung für den Pöbel, und wenn dann doch mal ein deutscher Genrefilm zaghaft sein Haupt erhebt, schlägt ihm von Seiten des Publikums bestenfalls Indifferenz („Hell“, „Wir sind die Nacht“), üblicherweise aber eher Spott und Häme („Urban Explorer“, „Virus Undead“) entgegen. Und Filmpreise gewinnt man damit eh nicht. Als deutscher Filmemacher, der „irgendwas mit Genre“ machen möchte, bleibt einem da ja nur die Flucht ins Ausland...

Um so bemerkenswerter, wenn sich dann doch ein Profi ans Werk macht, um einen reinrassigen Genrefilm zu machen. Tom Bohn ist sicher jetzt nicht gerade ein household name, aber er hat schon mit Dennis Hopper gearbeitet (1999 mit „Straight Shooter“, einem der wenigen deutschen Actionfilme der letzten 30 Jahre) und wird regelmäßig an der ARD liebstes Kind, den „Tatort“ rangelassen, für den er mittlerweile satte 18 Episoden inszeniert hat, u.a. für Ulrike Folkerts Lena Odenthal. Bohn ist einer, der „im System“ ist, und gerade deswegen auch wusste, dass er einen Film wie „Reality XL“ schlicht und ergreifend innerhalb dieses Systems nicht würde realisieren können. Filmförderung für einen phantastischen Stoff zu ergattern, schien illusorisch, und überhaupt der Versuch, den bürokratischen Förderungsapparat zu durchlaufen, würde dem Projekt jeglichen aktuellen Bezug (denn natürlich wollte man noch davon profitieren, dass der Large Hadron Collider-Hype 2011 noch frisch war) rauben. Also entschied sich Bohn, sein eigenes Geld in die Hand zu nehmen und den Streifen full independent zu drehen.

Was bei einem Projekt dieser Größenordnung auch nicht unrealistisch ist – technisch gesehen ist's ein Kammerspiel mit vier Personen, praktisch frei von aufwendigen Spezialeffekten (fast) oder Actionsequenzen, sondern ein „talkie“ im besten Sinne des Wortes, ein Film, der rein über die Dialogarbeit zu überzeugen versucht, ähnlich wie andere eindrucksvolle Low-Budget-Produktionen wie „Coherence“ oder „The Man from Earth“, Filme, die auch ein bestimmtes meta-/quantenphysisches Konzept vorstellen und letzten Endes dann nichts anderes tun als es auszudiskutieren. Das erfordert natürlich einen dafür passenden Zuschauer, denn solche Filme sind dann eben nicht einfach wegkonsumierbarer Massenscheiß, den man mit einem halben Auge verfolgt, während man gleichzeitig seinen Instagram-Account pflegt und auf dem Handy noch vor sich hin daddelt, da muss man noch aufpassen, auf Nuancen achten, davon ausgehen, das jedes gesagte Wort im weiteren Filmverlauf sich noch als wichtiger Schlüssel zu Verständnis entpuppen wird. Bei mir haben diese Filme schon mal einen grundsätzlichen Stein im Brett – auch wenn mein Faible für Asylum nicht unbedingt dafür spricht, wünsche ich mir viel viel mehr Genrefilme, die mich auch intellektuell stimulieren. Ich muss nicht immer einer Meinung mit den vorgestellten Theorien und Thesen sein (oder sie überhaupt gänzlich verstehen), aber es reizt mich, mich auf intelligente Weise mit solchen Themen auseinanderzusetzen.

Bevor ich jetzt ins allgemeine Lobhudeln verfalle – so stark wie „Coherence“ und „The Man from Earth“ ist „Reality XL“ nicht, aber das liegt wenigstens mal nicht daran, dass es sich um eine deutsche Produktion handelt (denn erfreulicherweise legt „Reality XL“ keinen Wert darauf, mit einem „Autorenfilm“ verwechselt zu werden. Letztlich will der Streifen Entertainment sein. Nicht das leichteste Entertainment, aber Unterhaltung auf gehobenem Niveau).

Der Ausgangspunkt, von dem aus Bohn unter Einbeziehung aktueller quantenphysikalischer Erkenntnisse fabuliert, sind Fragen, die sich sicherlich jeder schon einmal gestellt hat. Was ist, wenn die Realität, wie sie mich umgibt, tatsächlich nur von mir für mich geschaffen ist? Das alles, was mich umgibt, jedes Ereignis, das stattfindet, nur die Manifestation meiner eigenen unbewussten schöpferischen Kraft ist? Also praktisch das gesamte Universum in der mir erscheinenden Form nur für mich existiert? Das ist eine wunderbare These, denn sie ist letztlich nicht widerlegbar. Jede Gegenrede, jeder Gegenbeweis, wäre ja auch wieder nur ein Fragment meiner Schöpfung, von mir, unbewusst, so gewollt. Das führt zu einer weiteren, verwandten, aber vielleicht etwas weniger metaphysischen Frage. Ist die Realität, so wie sie sich mir präsentiert, die gleiche Realität, die alle anderen Menschen teilen? Oder anders ausgedrückt – ich kann mir mit Ching Lung Fung aus China darüber einig sein, dass wir beide eine Farbe als „grün“ identifizieren können und uns sogar darüber einig sein, dass wir die gleichen Objekte als „grün“ bezeichnen. Aber wer, bitteschön, sagt mir, dass Ching Lung Fung „grün“ genau so wahrnimmt wie ich, oder „grün“ für ihn vielleicht noch doch das ist, was ich als „blau“ definieren würde? Da sind wir dann bei der guten alten Sinnfrage, ob es eine objektive Realität überhaupt geben kann oder jeder von uns den Kosmos auf eine individuelle, subjektive Weise wahrnimmt, die mitunter nicht kompatibel sein muss. Damit ist also der zentrale Punkt, den Bohns Script macht, die Frage, was „Realität“ eigentlich ist.

Die Quantenphysik, jener trendige Wissenschaftszweig, der speziell durch das oft genug falsch verstandene Gedankenexperiment mit der Miezekatze von Herrn Schröderinger popularisiert wurde, mag nicht in erster Linie diese Frage beantworten wollen, kommt aber allein durch ihre Entwicklung gar nicht umhin, als sich auch um dieses Thema zu kümmern. Im Endeffekt ist Carus' hier geäußerte Theorie ja tatsächlich nur das Fortdenken klassicher quantenphysikalischer Theoreme.

Bohn Script erledigt einen ganz guten Job, die hochkomplizierten und für Normalsterbliche sicher nicht gerade liecht zu durchschauenden wissenschaftlichen Voraussetzungen in einer einigermaßen allgemeinverständlichen Sprache zu erklären. Natürlich werden da ein paar Abkürzungen genommen, Dinge simplifiziert, aber „Reality XL“ ist nun mal ein 75 Minuten kurzer Film und kein Jahresabo des „Spektrum der Wissenschaft“. Von der Charakterseite her ist Carus ein sehr interessanter Typ – man möchte zunächst meinen, er wäre der „Held“, zumindest aber der aufrechte Wissenschaftler, der ungerechtfertigterweise von einer Staatsmacht, die von den wissenschaftlichen Hintergründen der Vorgänge nichts versteht, durch die Mangel gedreht wird, doch dafür ist er von Anfang an zu antagonistisch, zu sehr auf Krawall gebürstet, und so verändern sich rasch die Machtverhältnisse und die Frage (ganz im Sinne der Filmprämisse), wer hier die „Experimentalbedingungen“ kontrolliert.

Wie schon gesagt, handelt es sich bei „Reality XL“ um ein Kammerspiel – es gibt abgezählte drei Schauplätze (Carus' privates Arbeitszimmer, den Außenbereich des Radioteleskops und sein Inneres), aber Martin Schlechts Kameraarbeit hält die Optik interessant, zudem hat Bohn auch ein gutes Händchen dafür, die Positionen seiner Darsteller zu „choreographieren“ und dadurch memorable Bildkompositionen zu schaffen.

Die Spannungskurve stellt sich ganz natürlich ein – zunächst mit dem Mystery der verschwundenen Wissenschaflter, ein klassisches locked-door-Mystery, an dessen Auflsöung wir selbstredend ein Interesse haben, und nach der entsprecehnden Enhüllung, mit der Frage, ob Caros tatsächlich die Wahrheit sagt oder doch nur ein Spinner und/oder Betrüger ist. Das reicht vollauf, um den Film über seine nicht künstlich aufgeblähte Spielzeit von knapp eineinviertel Stunden zu tragen. Man kann kritisch anmerken, dass „Reality XL“ im Gegensatz zu „Coherence“ und „The Man from Earth“, die letztlich keine Zweifel daran lassen, dass sie „straight“, mit offenen Karten spielen und letztendlich nur eine Interpretation offen lassen, sich in seinem Schlussakt in Mindfuck-Territorium vorwagt, und nicht einen, nicht zwei, sondern einen Dreifachtwist auf seinen Zuschauer loslässt. Allerdings ist es bei einem deutlich metaphysischeren Plot als bei den genannten anderweitigen Beispielen durchaus tragbar, die Auflösung ambivalent und „twisty“ zu getalten.

Die FSK-12-Freigabe ergibt sich sicherlich nur daraus, dass der ganz Plot mit seinem quantenphysikalischen Gedöns für jüngere Zuschauer absolut undurchschaubar bleibt (allerdings ist das ein Film, der weniger eine Alters- als eine IQ-Freigabe braucht, hehe).

Die schauspielerischen Leistungen sind beachtlich – Heiner Lauterbach („Männer“, „Rossini“) spielt den Carus zurückgenommen, mit genügend Konfrontationsgeist und Aggression, aber auch aus der Position des intellektuell Überlegenen, der sich fast ein Vergnügen daraus macht, mit Dekkers und Spector zu spielen. Als Robin Spector haben wir Max Tidof („Comedian Harmonists“, „Ludwig 1881“, „Burning Life“), der seinen Charakter als Exzentriker mit altmodischem Schnurrbart und Gehstock, beinahe als eine Art Hercule Poirot anlegt, Annika Blendl („Kommissar Dupin“, „Die Jagd nach dem Bernsteinzimmer“) ist mir etwas zu sehr der Karoline-Herfurth-School-of-Non-Acting-Acting verschrieben. Wer mich kennt, weiß, dass ich auf dieses gleichermaßen affektierte wie uninteressiert wirkende Regietheater-Acting, das jeden Funken Natürlichkeit als elementaren Todfeind betrachtet, allergisch reagiere. Durchaus überzeugen kann Godehard Giese („Babylon Berlin“, „A Cure for Wellness“) als der eigentümliche Schriftführer mit dem ein oder anderen Tick.

Bohn hat den Film auf seinem eigenen Label Indie-Stars/Rex Film, im Vertrieb von Schröder Media, veröffentlicht. Die Bildqualität (2.35:1 anamorph) ist ausgezeichnet, dito der Dialogton (Deutsch Dolby Digital 5.1/2.0). Aus Extras gibt’s ein ausführliches Making-of und einen Audiokommentar mit Lauterbach und Bohn. Mir lief die Scheibe auf dem KiK-Grabbeltsich für nen Zweier über'n Weg. Das kann sie einem schon wert sein :)

Finale Gedanken – ein interessantes intellektuelles Vexier- und Gedankenspiel, das beweist, dass der deutsche Genrefilm jenseits tumber Splattereien immer noch nicht ganz tot ist, er hat's nur zunehemdn schwer, seine kommerzielle Nische zu finden. Auch „Reality XL“ ist sicher nicht das, was ich einen „Crowdpleaser“ nennen würde, sondern mehr oder minder reines Kopfkino, das Konzentration (und zumindest Grundverständnis für quantenphysikalische Zusammenhänge) voraussetzt, dann aber durchaus denkwürdige intellektuelle und philosophische Fragen aufwirft, bis hin zur Frage aller Fragen, der Definition des „Göttlichen“ schlechthin. Nix für Bier & Brezeln, und schußendlich nicht ganz so geglückt wie der König des Diskurs-Genrefilms „The Man from Earth“, aber ein von mir wohlwollend aufgenommenes Experiment.

© 2018 Dr. Acula


BOMBEN-Skala: 3

BIER-Skala: 6


mm

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