Real Buddy


  • Deutscher Titel: Real Buddy
  •  
  • Regie: Frank Mirbach
  • Land: Deutschland
  • Jahr: 2014
  • Darsteller:

    Steve Hudson (Morris), Eric Gladhart (Joe), Dietrich Hollinderbäumer (Nathan Hopkins), Andreas Stoek (Mad Vic), Heinrich Schafmeister (Pale-faced Guard), James Matthews-Pyecka (Bridge Guard), Thomas Morris (Eric Gladhart), Rolf Vogler (Terrified Guard)


Vorwort:

Ich weiß nicht, ob Sie’s schon wussten (wenn ich schon so anfange, wisst Ihr es bestimmt schon), aber es macht mir, obwohl lange überzeugter Streaming-Verächter (und mittlerweile Abonnent bei Netflix, amazon prime und Maxdome) großen Spaß, mich bei prime durch die unsortierten Filmlisten zu pflügen und nach Absonderlichkeiten Ausschau zu halten – gerade prime ist eine Fundgrube an Independent-Produktionen, die’s teilweise hierzulande nicht mal zu einem DVD-Release gebracht haben. Oft genug hat das schon einen bis mehrere gute Gründe, weshalb sich diese Titel in den Untiefen der letzten Bildschirmseiten der prime-Inhaltsauflistung verbergen, aber genau deshalb sind wir ja hier, ne? Und wenn der content-gierige Gigant die Titel immerhin für würdig erachtet, in sein Angebot aufgenommen zu werden, kann man den Kram auch mal kucken.

So stolperte ich auch über REAL BUDDY. Der Titel in Verbindung mit einer Zweisatz-Inhaltsangabe um einen futuristischen Hochsicherheitsknast und die drohende nukleare Apokalypse machte mich neugierig. Dito die Laufzeit von gerade mal 52 Minuten – das ist ein Appetithappen vom Format, wie ich es ab und zu mal brauche, wenn ich auf einen richtigen Anderthalbstunden-Film mal grad keinen Bock habe, aber auch nicht durch ersatzweises Kucken einer Serie in eine ungeplante Binge-Orgie getrieben werden will.

Noch dazu ist der Streifen deutscher Produktion – was *genau* REAL BUDDY allerdings ist, konnte ich nicht eruieren. Filmhochschulprojekt? Dafür spricht, dass sich einige recht namhafte Akteure für das Ding hergegeben haben, dagegen, dass Regisseur Frank Mirbach kein totaler Newcomer ist, sondern seine Filmstudentenzeiten schon in den 90ern hinter sich gebracht hat und sich mit diversen TV-Dokumentationen für „Welt der Wunder“ oder GEO beachtete Arbeiten in diesem Bereich abgeliefert hat. Wahrscheinlich ist REAL BUDDY einfach so ein „das WILL ich machen“-Ding, ohne dass Mirbach groß drüber nachgedacht hat, ob und ggf. wie ein Projekt dieser Art kommerzielle Überlebenschancen hat – ein echter Markt für Filme, die zwischen Kurzfilm und Spielfilm einticken, existiert ja weder im Fernseh- noch im Heimkinobereich. Da ist ein Streaminganbieter, der auf solche Formatfragen nicht wirklich Rücksicht nehmen muss, tatsächlich der ideale Ort.
Also, dann schauen wir doch mal, ob der REAL BUDDY wirklich unser echter Kumpel wird…

Inhalt:

Eine ausschweifende Vorspann-Sequenz über TV-Nachrichten vermittelt uns nicht sonderlich elegant, aber einigermaßen effektiv den Hintergrund. Wir befinden uns in einer nicht so fernen Zukunft. Die Nationen der Welt haben sich mittlerweile als Firmen neu-organisiert, statt einzelner Unternehmen werden jetzt also ganze Staaten an der Börse gehandelt. Die politische Lage ist trotzdem brisant, weil jeder eingezäunte Flecken, der sich als neue Nation definiert hat, nach Atomwaffen schielt. Hongkong (offenbar wieder selbständig geworden) und Kolumbien z.B. verhandeln über einen Deal, wonach Kolumbien ein nukleares Arsenal geliefert bekommt, dafür aber Territorium an Hongkong abtritt. Russland und China tragen einen Grenzkonflikt aus, Malaysia streckt die Fühler nach Interkontinentalraketen aus, und die Falkland-Inseln haben sich zu einer unabhängigen Republik und atomwaffenfreien Zone erklärt, in der 2 Millionen hoffnungsvolle Flüchtlinge leben. In den USA ist seit 42 Tagen die „Erstschlagsbereitschaft“ in Kraft, und sogar die reverse-green-card-Lotterie für Auswanderungsplätze in den als Sicherheitszone deklarierten Polargebieten der Arktis und Antarktis wurde eingestellt. Kurz und gut – die Welt ist ein Pulverfass und wartet eigentlich nur noch auf den Unglückswurm, der die Lunte endlich anzündet.

Dennoch geht das Leben weiter, so auch in dem härtesten aller harten Hochsicherheitsgefängnisse der amerikanischen Zone. Dass hier der Abschaum des Abschaums einsitzt, heißt aber noch lange nicht, dass sich nicht um das Seelenheil der Insassen gekümmert wird. Allerdings… der Knastkaplan scheint mir ein etwas merkwürdiger Bursche zu sein. Mad Vic (Andreas Stoek, MÜLLERS BÜRO, ANTHROPOPHAGOUS 2000) ist von Zehen bis zu den nicht vorhandenen, da abrasierten Haarstoppeln mit allerlei religiöser Symbolik tätowiert, sein Kruzifix ist verdächtig umgedreht, und seine Predigt… heute zumindest nicht sehr allgemein, sondern an primär einen der lauschenden Gefangenen gerichtet. Es sei, so Mad Vic, doch absolut nicht im Sinne des Herrn, wenn jemand, der ordentlich Beute gemacht hat, diese nicht mit seinen Nächsten, mithin also im Fall des Falles ihm selbst, teilt! Adressat dieser in schönstem „ich bin wahnsinnig“-Habitus vorgetragenen Rede ist der Brillenträger in der dritten Reihe, der dem Sermon bis dato bestenfalls milde amüsiert gefolgt ist. Das ist Morris (Steve Hudson, FULL METAL JACKET, WITCHCRAFT X: MISTRESS OF THE CRAFT, VERBOTENE LIEBE, DIE VAMPIRSCHWESTERN 2), unser Held. Der hat 2,5 Millionen Dollar abgezockt und, was ihm den Respekt manches Mitknackis und sogar mancher Wärter eingebracht hat, über Prozess und sechseinhalb Jahre Verknackung dicht gehalten, was den Verbleib des Monetenhaufens angeht. Und morgen wird er entlassen und daher einer Zukunft in Saus + Braus entgegen sehen, was nun wiederum der Grund für Mad Vics kleinen emotionalen Ausbruch darstellt. Es ist praktisch die letzte Chance, Morris das Geldversteck aus der Nase zu ziehen, bevor der Kerl den Reibach unverschämterweise selbst verprassen wird. Vic stürzt sich wie Nosferatu persönlich mit in seinem Kruzifix versteckten Holzdolch auf Morris, und das ist zwanglos der Startschuss zu einem allgemeinen Prison Riot, in dessen Verlauf erst mal Morris das Nasenfahrrad vom Zinken geschlagen wird. Morris kraucht wie einst Indiana Jones auf der Suche nach einem Gegengift durch das Kampfgetümmel. Eher später als früher wird den in voller Body-Armor mit Helmen herumstehenden Wachen das Treiben der Gefangenen zu viel, und eine Granate wirklich ekligen Tränengases wird der ganze Radau schnell ruhiggestellt. Einer der Wächter reicht Morris freundlich lächelnd die Brille. „You’re a real buddy“, bedankt sich Morris (der Film ist auf Englisch gedreht, by the way) artig.

Morris‘ bester Kumpel ist niemand Geringeres als der Chef der ganzen Knastanlage, Nathan Hopkins (Dietrich Hollinderbäumer, DIE BRÜCKE – TRANSIT IN DEN TOD, DER UNTERGANG, PASTEWKA, DARK), der an Morris augenscheinlich einen kleineren Narren gefressen hat, jedenfalls aber seine schützende Hand über ihn hält. Auf dem Weg zu seiner Zentrale läuft Nathan sein persönlicher Assistent Eric (Thomas Morris, THE INTERNATIONAL, SCHINDLERS LISTE, SKY SHARKS) über den Weg. Eric geht über der politischen Gesamtsituation ordentlich die Muffe – hat denn, so will er wissen, die allgegenwärtige Company für den Fall eines Nuklearkriegs wenigstens ein Notfall-Krisenprotokoll vorbereitet, um das Überleben von Knast, Insassen und Personal zu sichern. Hat sie nicht, lächelt Nathan (der eine gewisse Captain-Picard-Vibe ausstrahlt), und muss sie auch nicht, denn – einen Krieg wird’s nicht geben. Warum sich Nathan da so sicher ist? Weil die Führer aller Nationen skrupellose Geschäftemacher sind, aber eben vor allem GESCHÄFTEmacher. Und ein Nuklearkrieg mit Totaler Gegenseitiger Auslöschung ist kein gutes Geschäft. Eric ist verständlicherweise nicht sehr beruhigt, dass sein Überleben und das des Rests der Menschheit von der Geldgier von Investment-Heuschrecken abhängig ist, aber das, bestätigt Nathan, ist der Stand der Dinge.
Morris wird mit seinem Zellengenossen Joe (Eric Gladhart, (T)RAUMSCHIFF SURPRISE – PERIODE 1, LEGION OF THE DEAD), der aussieht, als hätte er ein paar Boxkämpfe zu viel bestritten, in die erstaunlich geräumige Zelle zurückgebracht. Joe schaltet als erstes den Fernseher ein, für den 24-Stunden-News-Kanal. Ein sinnfreies Unterfangen, meint Morris, aber Joe hat seine Gründe – wenn die Welt, wie erwartet, bald hops geht, will er zumindest live dabei sein. Morris rät ihm, seine Erwartungen nicht zu hoch zu hängen: „Bright light, loud noise, that’s it.“ Man kann einer globalen Apokalypse auch enthusiastischer entgegentreten. Zweifelhafter Zeitvertreibsgeschmack seines Zellenkumpanen her oder hin, Morris ist verständlicherweise trotzdem in bester Laune. Noch eine Nacht, dann wird er als freier Mann durch das Gefängnistor latschen und die Früchte seiner kriminellen Arbeit ernten. Joe ist neugierig – wie genau hat Morris es nun eigentlich angestellt, so reich zu werden?

Morris ist redselig – er war ein einfacher Angestellter beim Auktionshaus Sotheby’s, und eines schönen Tages überwies ein pervers veranlagter Kunde, der für den erwähnten Millionenbetrag Doris Days Perücken (!) ersteigert hatte, den Kaufpreis nicht aufs Firmen-, sondern auf Morris‘ Privatkonto. Und da dachte sich Morris, er könne die Kohle ja auch selbst behalten. Also kein kriminelles Mastermind, sondern einfach ein Glückspilz, in a way. Und wo ihm Fortuna so hold war, war Morris auch der Ansicht, er müsste das entsprechend würdigen, indem er über Verhöre, Folter, Bestechung oder wütende Angriffe von Mitgefangenen, die ihm das Geheimnis des Geldverstecks aus der Nase oder notfalls auch aus den inneren Organen ziehen wollten, die Klappe hält. Hat weh getan, aber sich auch gelohnt. Natürlich will Joe wissen, was Morris mit dem Geld gemacht hat. „Hab’s ausgegeben“, grinst Morris, was Joe nicht sonderlich befriedigt, aber momentan der Gipfel von Morris‘ Auskunftsbereitschaft ist.

Währenddessen sitzt Nathan in seiner Zentrale und beobachtet zufrieden, wie seine Wärter Mad Vic (vermutlich vergeblich, aber man kann’s ja mal probieren) per Schlagstockeinsatz Vernunft einprügeln. Doch plötzlich – die Computersysteme schalten sich ab, die Lichter gehen aus, ein Stromausfall in der gesamten Anlage! Das sollte nicht vorkommen! Es dauert ein bisschen, aber dann fahren sich die Computer nach einem Notfall-Sicherheits-Reboot wieder hoch, aber – hier stimmt etwas ganz gewaltig nicht. Der ganze Knast geht in Lockdown-Modus. Die Zellenblocks werden abgeriegelt, und wer von den Wärter nicht rechtzeitig die Sicherheitstüren hinter sich gebracht hat, darf sich auf einen längeren Aufenthalt in den Blocks einrichten.

Auch das Fernsehprogramm verabschiedet sich gen Nimmerwiedersehen. Joe und Morris kommen zur einzig nachvollziehbaren und Sinn ergebenden Begründung für den Vorfall und die unter den Wärtern ausgebrochene Panik. So lasst uns denn ein Apfelbäumchen pflanzen – es ist soweit! Irgendjemand hat auf den roten Knopf gedrückt, die Raketen fliegen, und der ganze Saftladen, der sich menschliche Zivilisation schimpft, wird mit Feuer + Schwefel zur Hölle fahren. Morris kann es nicht fassen – SO dicht vor einem glücklichen Lebensrest am Strand von Rio, und dann kommen diese Politgeier daher und löschen die Menschheit aus. Das kann ja wohl nicht wahr sein!

Das kann ja wohl nicht wahr sein, denkt sich auch der bleichgesichtige Wärter (Heinrich Schafmeister, COMEDIAN HARMONISTS, BIS ZUM HORIZONT UND WEITER, KINDER KINDER, DER STAATSANWALT), der nicht schnell genug durch eine der Sicherheitsschleusen gespurtet ist. Sein Türöffnungscode funktioniert nicht mehr und die freundliche Computerstimme bittet ihn nur ständig und aufdringlich, doch bitte seinen Astralkörper freundlicherweise von der Türe zu entfernen. Nicht mit ihm! Wozu trägt ein Wärter ein zumindest halbautomatisches Gewehr (OF THE FUTURE!!) mit 95-Schuss-Magazin mit sich rum! Das sollte das stärkste elektronische Schloss nicht aushalten. Der hysterische Kollege (James Matthews-Pyecka, ERKAN & STEFAN, LEGEND OF HELL), der beim Versuch, das nächste Schott mit seiner rechten Laufgräte offen zu halten, letztere in ersterem eingeklemmt hat und jetzt auch nicht wirklcih weiter kommt, hält das für keine so besonders gute Idee und er hat Recht. Nur hat man von „Recht haben“ nicht so viel, wenn der Beweis für die Rechthaberei ist, dass man von einem Querschläger die Rübe weggefetzt bekommt. Den Bleichen stört das wenig, er jagt seine kompletten 95 Schuss in das Schloss, obwohl ein denkender Mensch vermutlich nach spätestens dreißig wirkungslosen Schüssen bemerkt hätte, dass das Vorhaben an einem erheblichen Umsetzbarkeitsmangel leidet.

Nathan hat genug davon, seine Monitore zu beobachten, legt den Körperpanzer an und geart sich mit allerlei Schusswaffen diverser Kaliber up.

Wo die Welt nun untergeht, schlägt Joe dieweil vor, könnte Morris doch auch noch die letzten weißen Flecken in seiner Geheimnisweste aufklären. Wo ist die Kohle? Tatsächlich wünscht sich Morris angesichts des globalen Feuersturms nur noch eins – dass jemand seine intellektuelle Überlegenheit angemessen bewundert, selbst wenn das jemand wie Joe ist, der nach Morris‘ Ansicht bestenfalls die Kategorie „lieb, aber doof“ bewohnt. Also, erklärt Morris – es ist völlig sinnlos, einen Geldbetrag dieser Größe auf irgendeinem Konto, wie geheim es auch immer sein mag, zu verbergen. Früher oder später werden die Behörden es entdecken. Gleichfalls ist es ohne jede Erfolgschance, den Zaster zu vergraben, im Kissen zu vernähen oder, wie er sich ausdrückt, der Oma in den Arsch zu schieben. Wind ,Wetter, Zufall, irgendwas wird dafür sorgen, dass das Versteck entweder gefunden wir oder die Kohle durch äußere Umstände unbrauchbar wird. Die einzig logische Schlussfolgerung – man muss den Zaster bei sich behalten, selbst wenn man hinter schwedische Gardinen einfährt. Genial, meint Joe, aber Moment, jeder Gefangene wird bei Einlieferung peinlich durchsucht. Morris grinst und tippt sich anne Stirne. Oder nicht an die Stirn – an die Brille… Bei Joe fällt so’n halber Groschen, aber die Brillengläser sind nicht aus mundgeschliffenen Blutdiamanten.
Morris freut sich sichtlich, endlich den wahren Umfang seines genialen Einfallsreichtums jemandem vor den Latz ballern zu können. Wie wir uns erinnern, war Morris im Auktionsgewerbe tätig. D.h. man kriegt mit, was irgendwo verscherbelt wird. Und eines Tages… stand Buddy Hollys Brille zum Verkauf! Wenn das Die Ärzte wüssten… Es sind tatsächlich die originalen Augengläser des Rock’n’rollers, die er am Tage seines verhängnisvollen letzten Flugs trug, und anhand diverser DNS-Spuren wurde das auch zweifelsfrei wissenschaftlich belegt. Okay, Morris selbst braucht eigentlich keine Brille und bezahlte die Investition von 2,5 Mio. Dollar nicht nur mit Kohle, sondern auch ein paar Jahren heftiger Migräne, bis sich seine Sehnerven auf die neuen Perspektiven eingestellt hatten, aber, so das Resümee unseres Cleverles, das war’s wert, denn inzwischen sind die Gläser im Wert natürlich nur gestiegen, und Morris hat sich ausgerechnet, seine Eingangsinvestition mit einem Erlös von schlappen fünf Milliönchen glatt zu verdoppeln. Wenn halt nur die dumme Sache mit dem Atomkrieg nicht wäre…

Unser bleichgesichtiger Freund bekommt Besuch - Mad Vic, den offenbar in dem ganzen Terz niemand in seine Zelle (denn er IST ein Insasse) eingesperrt hat, und der grinst den Bleichen fröhlich an. Da der Wärter unglückseligerweise, wie wir wissen, seinen kompletten Munitionsvorrat in ein renitentes Türschloss entleert hat, steht er der gesteigerten Mordlust des irren Pfaffen einigermaßen hilf- und wehrlos gegenüber…

Joe gelingt es Morris zu überreden, ihm die Brille kurz auszuleihen. „How do I look?“ „Like shit.“ Jedenfalls hat Joe offenbar Spaß an der Brille und weigert sich, sie Morris wieder zurückzugeben. Er probiert sogar die von Die Ärzte kolportierte „wer sie trägt, kann singen“-Legende aus, allerdings mit „Devil in Disguise“. „That’s Elvis, you fuckwit!“
Nathan entdeckt Mad Vic, der interessanterweise nicht nach Ausbruch strebt, sondern aus Bleichis Gewehr und einem anderweitig gefundenen vollen Magazin eine Selbstmordvorrichtung gebastelt hat und sich zu Nathans Erheiterung dekorativ in den Orkus bläst.

In der Zelle findet derweil die wilde Jagd statt. Morris will, wenn schon, denn schon, mit dem ehrlich ergaunerten Nasenverschönerer auf dem Riechkolben abtreten, aber Joe rückt das Ding nicht raus. Es muss wohl Nathan die Kombattanten zur Ordnung rufen. Tut er, aber anders als Morris erwartet. Joe händigt Nathan die Brille aus und erwartet, mit dem Warden nun in aller Ruhe aus dem Knast zu spazieren. Aber auch Joe erlebt sein blaues Wunder in Form von Nathans Faust in seinem Gesicht. Der Warden grinst, setzt sich die Brille auf und wackelt von hinnen. Joe bricht zusammen und gesteht – alles war nur fingiert. Der Stromausfall, der Ausfall der Fernsehsendung, der Security-Lockdown, der Atomkrieg… alles inszeniert von Nathan, um Joe unter diesen Voraussetzungen die Möglichkeit zu bieten, Morris in letzter Sekunde doch noch das Geheimnis seines verborgenen Reichtums zu entkitzeln. Joes Belohnung für die Mitwirkung in diesem teuflischen Spiel war die Freiheit, aber, nun ja, Nathan hat sich ersichtlich die mentale Rechnung aufgemacht, dass er keinen frei rumlaufenden Mitwisser braucht. Bätsch.

Der Fernseher springt wieder an – und genau rechtzeitig… der Nachrichtensprecher verkündet gerade, dass die Westküste bereits völlig ausgelöscht wurde und noch bevor er den Satz vollenden kann, well, you get the picture. Morris kann sich ein schwarzhumoriges Lachen nicht vergleichen. Genau während Nathans fingierter Apokalypse ist der RICHTIGE Atomkrieg ausgebrochen.  Zum Glück haben die Zellen in dieser Super-High-Tech-Future-Prison offene, nur halbherzig vergitterte Fenster und so kann Morris sich an selbiges hängen und dem gerade triumphierend vor das Tor tretenden Nathan die neuesten Erkenntnisse einschenken. Es war alles umsonst…

Der radioaktive Feuersturm fegt Nathan hinweg, und dann auch den Knast mit Morris und Joe. Buddy Hollys Brille verglüht in der nuklearen Feuerhölle…

Ich denke, man kann nachvollziehen, warum ich REAL BUDDY erst mal in die Schublade „Abschlussfilm“ gepackt habe. Eine geistig-moralische Verwandschaft zu Filmen wie VORTEX oder DER GOLDENE NAZIVAMPIR VON ABSAM 2 kann sicher niemand bestreiten – ein weiterer Versuch, die verknöcherte deutsche Filmlandschaft durch sich schamlos als Genrefilme definierende Dreiviertel- bis Einstünder aufzubrechen. Die deutsche Filmkultur, die den Genrefilm – ungeachtet der großen Tradition im phantastischen Bereich durch die Robert Wienes, Paul Wegeners, Fritz Langs und F.W. Murnaus der Vergangenheit – grundsätzlich als eine niedere Kunst- und Lebensform, die es nach Möglichkeit auszumerzen gilt, betrachtet, damit niemand etwas anderes dreht als die einzig zwei amtlich zugelassenen Filmformen „Komödie für Hirnamputierte“ und „Problemfilm mit Nazi- und/oder DDR-Bezug“, hat es nach wie vor tierisch nötig, dass – egal, ob aus dem System heraus oder von außen – hier endlich ein Umdenken stattfindet, SF, Horror, Phantastik endlich als gleichberechtigte und auch förderungswürdige filmische Ausdrucksform anerkannt wird.

Ob das Sinn hat? Ich weiß es nicht – ich hab zu viele Talente entweder das Handtuch werfen sehen (wie den hochbegabten Stefan Lenzen oder Jörg Buttgereit, der im Theater eine neue Heimat gefunden hat) oder sich widerwillig von System assimilieren haben lassen (Dominik Graf, Robert Sigl, Matthias Dinter). Wahrscheinlich ist es fürs eigene Seelenwohl sicherer, pessimistisch zu bleiben und darauf zu setzen, dass sich an den eingefahrenen Strukturen und Mechanismen nichts ändert.

Frank Mirbach ist einer von denen, die es offenkundig von außerhalb des Systems versuchen. Als Dokumentarfilmer gehört er nicht zu diesem in sich abgeschotteten Universum aus Filmförderungsanstalten, Filmhochschulen und Fernsehsendern, das in Deutschland für fiktive Stoffe zuständig ist. REAL BUDDY ist dann auch ein Film, der ohne große externe Unterstützung, primär durch den Enthusiasmus und Durchhaltewillen seiner Macher entstanden ist. Das nötigt Respekt ab.

Aber guter Wille und der Respekt des Publikums machen noch keinen guten Film aus, und wer sich obige Inhaltszusammenfassung zu Gemüte geführt hat, der wird auch, denke ich, erkannt haben, wo meine Hauptschwierigkeit liegt, REAL BUDDY als die Genre-Perle, die der deutsche Film nötig hat, zu empfehlen. Der Story fehlt es einfach an Substanz, es ist für einen Einstünder schon ziemlich dünn, hier mit einer Art gespieltem Witz zu kommen, der mehr oder minder nur auf die Pointe (oder Doppel- bzw. Dreifachpointe) hin inszeniert ist. Zwar erinnert mich die Geschichte wohlig an einen Klassiker, die TWILIGHT ZONE-Episode „Time Enough at Last“, in der sich Burgess Meredith auf den Atomkrieg freut, weil er dann endlich Zeit genug haben wird, in seinem Bunker alle Bücher dieser Welt zu lesen, aber diese Folge, die auch auf eine böse Schlusspointe zielgerichtet ist, begnügt sich mit 25 Minuten und das ist auch so ungefähr die Strecke, die REAL BUDDYs Geschichte „verdient“ hat bzw. füllen könnte, ohne negativ aufzufallen. Mirbach und sein Autor/Hauptdarsteller Steve Hudson waren sich dieser Problematik offensichtlich auch bewusst, denn die kleine Geschichte wird doch ordentlich aufgebläht, wobei praktisch nichts, was dazu dient, ein paar Minuten Laufzeit zu füllen, eine ernstliche Bedeutung für den Plot hat – der Aufbau der Nation-Company-geführten Welt (zwar eine ganz interessante Idee, aber, wie gesagt, völlig unwesentlich für den Plot), Mad Vic, die Diskussionen der Wärter, ganz besonders Bleichgesichts verzweifelter und hoffnungsloser Kampf mit dem elektronischen Türschloss, das sind alles im Sinne der Geschichte belanglose Nebenkriegsschauplätze, die es Mirbach erlauben, ein wenig Action einzubringen (weil der eigentliche Plot ja in reiner Dialogform abgespult wird. Joe fragt, Morris antwortet).

Die Enthüllung ist dann tatsächlich ziemlich lustig und der Doppel-Twist zwar, besonders hinsichtlich des zweiten, etwas vorhersehbar, aber durchaus effektiv, dennoch – als 30-Minüter hätte ich mehr Spaß gehabt. Was natürlich nichts daran ändert, dass REAL BUDDY sichtlich eine „labour of love“ ist. Praktisch jedes Requisit, jede Kulisse ist ein Genre-in-joke auf dem Nerd-Level „Superultrageek“ (oder wer wüsste auf Anhieb die Referenz „GNDN“ an einer Tür richtig einzuordnen?), ohne dabei ein besserwisserisches „Get it?! GET IT??“ zu schreien, sondern sie unauffällig als Gutzis für den Hardcore-Fan einzubauen.

Ein Schwachpunkt sind die CGI von Tobias Richter (STAR TREK NEW VOYAGES, BLADE OF HONOR). Klar, 2004 hätte einen dieses Level Computergrafik in einer semi-professionellen Produktion aus den Schuhen gehauen, aber 2014/15 sieht's doch schon etwas altbacken und „videogamy“ aus. Zum Glück ist der Film nicht „FX-driven“, man kann also drüber hinwegsehen.

Die schauspielerischen Leistungen sind okay. Es zahlt sich aus, dass REAL BUDDY nicht irgendwelche Nasenbären von der Straße besetzt, sondern auch in kleinen Rollen Leute, die (zum Teil zwar auch nur in kleinen Rollen, aber immerhin) schon ordentlich Erfahrung mitbrachten und auch der Aufgabe, englische Lines zu murmeln, nicht verständnislos gegenüber stehen (die Dialoge an und für sich sind da schon wieder ein anderes Thema, die wirken teilweise etwas zu sehr wörterbuch-übersetzt). Während der „größte Star“ im Cast, Heinrich Schafmeister, in der Rolle des bleichgesichtigen Wärters mit dem Türproblem hauptsächlich seinen name value einbringt, ist Dietrich Hollinderbäumer (meine Güte, wenn ich mal jemandem im Bereich der performing arts ein Pseudonym nahegelegt hätte...), der TV-Routinier, eine sichere Bank als Nathan Hopkins und legt, wie schon oben gesagt, den Charakter mit einer gewissen Jean-Luc-Picard-Vibe an, was seinen character turn effektiv werden lässt. Steve Hudson ist als Morris durchaus sympathisch und Eric Gladhart funktioniert gut als sein Dialog-Gegenpart.

Wie bei den meisten Filmen, die explizit auf eine überraschende Enthüllung und/oder einen Twist ausgerichtet sind, hält sich der Wiederansehbarkeitskoeffizient in Grenzen. Hat man den Witz mal raus, bleibt nur der Versuch, möglichst viele der Anspielungen und References aufzuspüren.

Das bedeutet summa summarum, dass auch REAL BUDDY nicht der große Wurf in Sachen deutsches Genre-Kino ist, aber zumindest ein respektabler Versuch. Mirbach hätte sich für meine Begriffe zwar entweder darauf konzentrieren sollen, seine eigentliche Story etwas straffer und mit weniger „Gedöns“ zu erzählen oder, im Gegentum, das Universum weiter auszubauen und Morris' Geschichte als einen Teil eines größeren Gesamtgebildes verwenden, aber dennoch bleibt der Film eine anerkennenswerte Fingerübung. Nicht für die Ewigkeit und eben kein Homerun, aber wenn Ihr, wie ich, mal in der Situation ist, eine Stunde totschlagen zu wollen, schmeißt amazon prime ein und gönnt dem Film einen Durchlauf.

© 2019 Dr. Acula


BOMBEN-Skala: 6

BIER-Skala: 5


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