PolterAbend


  • Deutscher Titel: PolterAbend
  • Original-Titel: PolterAbend
  •  
  • Regie: Hendrik Röhrs
  • Land: Deutschland
  • Jahr: 2005/2009
  • Darsteller:

    Steffen Alexander Röhrs (Hermann), Tino Wussow (Fritz), Beate Franke (junge Frau), Robert Alexander Koch (böser Geist)


Vorwort:

Hermann und Fritz, zwei tapfere Erforscher des Übersinnlichen in den 20er Jahren, erhalten per Brief einen Hilferuf – in einem abgelegenen Haus treibt ein Poltergeist sein Unwesen. Eifrig machen sich die Proto-Ghostbusters auf den Weg und legen sich, immer eingedenk der strengen Warnung, im Haus kein Sterbenswörtchen zu sprechen, im bespukten Anwesen auf die Lauer. Der Geist lässt auch nicht lange auf sich warten…

Inhalt:

ch weiß, es ist etwas feige, im Rahmen von Projekt 300 einen zwölfminütigen Kurzfilm zu besprechen, aber was will man machen, wenn einem die Abendplanung kurzfristig durch einen spontanen Besuch des Kollegen Wortvogel durchkreuzt wird… außerdem hab ich ja nie behauptet, 300 *abendfüllende* Filme besprechen zu wollen.

Es traf sich also verhältnismäßig günstig, dass René Rausch von Klappe Die Erste (vormals Transcendental) mich zufällig gerade kontaktiert hatte, dass „Polterabend“, ein Projekt, dessen ersten Teaser-Trailer ich schon zu Dunkel – Das erste Kapitel-Zeiten gesehen hatte und den ich eigentlich als abgebrochenes Projekt betrachtet hatte, nun doch noch fertiggestellt wurde und einer Besprechung harren würde. Timing ist alles.

„Polterabend“ ist eine klassische, kurze, pointierte Lagerfeuer-Gruselgeschichte – einen nennenswerten Plot gibt es nicht. Wir stellen kurz die Protagonisten vor, scheuchen sie in die Spuk-Situation und zelebrieren ebenjenen mit einer makabren Schlussüberraschung, idealer Stoff für einen Kurzfilm, der sich nicht um Charakterentwicklungen und Dreiaktstruktur kümmern muss (obwohl das gleiche Filmteam mit Calberlah bewies, dass man selbst einen Neunminüter nach den dramaturgischen Regeln eines abendfüllenden Spielfilms umsetzen kann, wenn man denn will) und sich auf Stimmung, Atmosphäre und die Pointe konzentrieren kann. Manche Fragen bleiben offen (das Gimmick des „Sprechverbots“ im Haus wird nicht erklärt, die Schlussüberraschung ist auch nicht unbedingt logisch), aber es geht hier weniger um eine ausgeklügelte Story, sondern vielmehr um die Vermittlung einer gewissen Stimmung. Insgesamt also kurz, prägnant, auf den Punkt – allerdings – braucht man einen zehnminütigen Gruselkurzfilm wirklich, zumal er nicht wirklich eine neue Geschichte erzählt? Normalerweise nicht, aber Röhrs & Co. wären nicht Mitbewohner meines deutschen Indie-Olymps, wenn sie’s einfach dabei beließen, eine simple Spukgeschichte zu erzählen. Ein bisschen filmemacherischen Esprit darf man da schon erwarten und der wird dann auch geboten. „Polterabend“ ist nicht nur ein Gruselkurzfilm, es ist ein schwarz-weißer Gruselstummfilm. Und das eröffnet einem ebenso fähigen wie experimentierfreudigem Team dann doch schon wieder einige Möglichkeiten.

Zum einen gibt’s bekanntlich, allen Fulci-Apologeten zum Trotz, nichts unheimlich-atmosphärischeres als stillvoll gepflegten s/w-Grusel, zum anderen erlaubt die Rückbesinnung auf derart klassische Stilmittel, die üblichen „Krankheiten“ des Ultra-Low-Budget-Indie-Films, speziell die statische Kameraführung, in eine Stärke zu verwandeln – im typischen s/w-Gruselfilm gibt’s nun mal keine rasenden Kamerafahrten, hier herrscht eine völlig andere Bildsprache und die bekommen Röhrs und sein Team wirklich gut hin. Die Beleuchtung ist ebenso stimmig wie das Make-up der Darsteller mit den leicht übertrieben geschminkten Augenpartien, die Bildkomposition passt, das macht alles einen sehr runden Eindruck. Die spärlichen Dialoge werden ebenso wie die knappe Exposition und die Moral-von-der-Geschicht per liebevoll gestalteten Texttafeln eingeblendet. Frecherweise „schummelt“ der Film in Stummfilmhinsicht dahingehend, dass es zwar keine Dialoge gibt, die Geräuschkulisse aber durchaus von der Tonspur klingt, ein witziger Einfall. Da es sich ausdrücklich um einen Grusel- und nicht um einen Horrorfilm handelt (was mich zwar kategorientechnisch in Gewissensnöte bringt, aber das soll nicht das Problem der Macher sein), kommt „Polterabend“ völlig ohne Effekte aus, Kamera und Schnitt reichen vollkommen, um den Kniff der Geschichte wirken zu lassen.

Geradezu monumental ist wieder einmal der beeindruckende Score vom Soundtrack-Papst unter den Indie-Filmkomponisten Michael Donner, der langsam, aber sicher, mal ein Best-of-Album herausbringen sollte. Ich würd’s kaufen.

Schauspielerisch betätigen sich, wenn ich mal so sagen darf, die „üblichen Verdächtigen“ – Steffen A. Röhrs (der „Gruselpeter“ aus Es war einmal…), Timo Wussow und Beate Franke („Es war einmal…“, Dunkel – Das erste Kapitel), und, quasi in einem „cameo“, Robert Koch („Dunkel – Das erste Kapitel“, Splitter). Die Darsteller finden das richtige Maß zwischen expressivem Spiel und schlichtem Chargieren, nur bei Beate Franke habe ich ein wenig das Gefühl, dass es ihr schwer fällt, ernst zu bleiben…

„Polterabend“ ist letztlich ein weiterer Beweis für das Talent von Hendrik Röhrs, René Rausch & Co. – das ist keine Revolution, kein Meilenstein, dafür kann ein 12-Minuten-Film schon aus ganz grundsätzlichen Erwägungen nicht die nötige Substanz mitbringen, aber eine weitere sehr gefällige Stil-Fingerübung für größere Aufgaben; ein sehenswerter Kurzfilm, den Ihr, werte Leser, Euch natürlich nun auch ansehen wollt. Bitte schön: Vimeo (Registrierung erforderlich, dafür gibt’s den Film aber in mehr als respektabler Qualität).

3/5
(c) 2009 Dr. Acula


mm
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