Pestizide – Grapes of Death

 
  • Deutscher Titel: Pestizide - Grapes of Death
  • Original-Titel: Les raisins de la mort
  • Alternative Titel: Zombis - Geschändete Frauen | Foltermühle der gefangenen Frauen | Pestizide - Stadt der Zombies | Grapes of Death |
  • Regie: Jean Rollin
  • Land: Frankreich
  • Jahr: 1978
  • Darsteller:

    Elisabeth (Claudine) (Marie-Georges Pascal)
    Jeanette (Brigitte Lahaie)
    Paul (Felix Martin)
    Lucien (Serge Marquand)
    Mirella Rancelot
    Patrice Valota
    Patricia Cartier
    Michel Herval
    Paul Bisciglia
    Olivier Rollin
    Francoise Pascal
    Evelyne Thomas
    Jean-Pierre Bouyxou
    Jean Rollin


Vorwort

Dann also Jean Rollin. Der französische Schmuddelfilmer (irgendwie eine Art Franzmann-Äquivalent zu badmovies.de-Hall-of-Shamer Joe D´Amato) war offiziell bislang hier auch noch nicht vertreten (Zombie_Lake wird zwar von den meisten Publikationen Jean Rollin zugeschrieben, und der gute Mann spielt auch eine kleine Rolle dort, aber zumindest für mich hat noch niemand zweifelsfrei nachgewiesen, dass J.A. Lazer tatsächlich Jean Rollin ist – der Film passt auch eigentlich stilistisch überhaupt nicht zu Rollin). Warum ich bislang nichts von Rollin besprochen habe, kann ich eigentlich selbst nicht sagen – so ziemlich jeder auf DVD erschienene Rollin-Film steht bei amazon.com seit vier Jahren in meiner Wishlist, aber letztendlich bestellt hab ich noch keinen. Nun, liegt vielleicht daran, dass ein allgemeiner Tenor über das Werk des Franzosen ist, dass seine Sexvampir-Schinken, in denen in weisse Kleider (oder gar keine Klamotten) gehüllte hübsche junge Frauen Kerzenleuchter durch spärlich beleuchtete Schlösser schleppen, zwar den berühmten guten optischen Eindruck machen, aber inhaltlich… naja, reden wir nicht drüber.

Fast schon folgerichtig, dass ich jetzt, wo ich einen Rollin zum Review vor mir liegen habe, keinen der Sexvampir-Filme, sondern einen zumindest in Allemannia (und fast überall auf der Welt auch, also not that much of a special treatment for us) als Zombie-Streifen vermarkteten Film zu bewerten habe. Wobei die teutonischen Titeltexter anno 1978, als der Streifen auf den Markt drängt, mal wieder ein absolutes Glanzstück fabrizierten und den Film als Foltermühle der gefangenen Frauen in die Kinos brachten – Eurem lieben Doktor ist natürlich klar, dass der Film weder eine Mühle, gefangene Frauen noch Foltereinlagen aufzuweisen haben wird (manch einer theoretisierte, dass die Verleiher sich an den Erfolg des 60er-Jahren-Pierre-Brice-Kintopps Mühle der versteinerten Frauen anzuhängen trachteten – schöne Theorie, aber… welchen Erfolg??). Abgesehen vom zu erwartenden Aufschrei der Begeisterung in einschlägigen Jugendschützerkreisen machte der Titel natürlich wenig Eindruck, so dass man sich, nachdem die Zombie-Welle mit ein wenig Verspätung auch in Deutschland um sich griff, zum Ersatztitel Zombis – Geschändete Frauen (mit der exkrementverdächtigen Tagline „Zombie GmbH & Co. KG in Action“) griff, unter dem der Streifen dann auch seine ersten Inkarnationen als Video und Bootleg zelebrierte (und Euer lieber Doktor ahnt natürlich, dass es mit den geschändeten Frauen immer noch nicht weit her sehen wird und, was Zombies angeht…. um bei Neil Gaiman eine Formulierung auszuleihen: technisch gesehen kommen keine Zombies drin vor, aber es kommen immerhin mehr Zombies drin vor als bei Der Irre vom Zombiehof z.B.).

Nun gut, in der nun mehr vorliegenden DVD-Veröffentlichung (ich arme Socke hab natürlich wieder die FSK-geprüfte, dafür aber gekürzte Fassung vor mir und nicht die Cineclub-Special-Edition) nennt sich der Film Pestizide, aber wenigstens der Untertitel „Grapes of Death“ ist eine korrekte Übertragung des französischen Orignaltitels. Okay, ich geb zu, „Die Trauben des Todes“ – hat nicht gerade viel sex appeal…


Inhalt

Zunächst mal krauchen ein paar Bauersleut durch ein französischen Mammut-Weingut und beschiessen die wehrlosen armen Trauben mit einem Insektenvergifter Marke „Saddam Chemicals“ aus, hüstel, „Sprühcontainern“, die vermutlich die selbe Bastelgruppe angefertigt hat, die den lebensgefährlichen Flammenwerfer aus Zombie Lake fabriziert hat – merke: so ein Ding würd ich nicht mit der Kneifzange anfassen, wenn mein Leben davon abhängen würde. Obwohl die Arbeiter hochprofessionellen Mundschutz tragen, fühlt sich Kowalski nach erfolgter Besprühung ein wenig unwohl und würde gern einen Arzt o.ä. aufsuchen. Weingutchef Michel kehrt den kapitalistischen Arbeiterausbeuter raus, verordnet die französische Universal-Staatsmedizin „trink ein Glas Wein“ und empfiehlt dem Kollabierenden, sich nicht so zu haben, sondern wieder an die Arbeit zu gehen. Ein wahrer Menschenfreund. „Morgen bekommen wir auch neue Masken, die alten sind nicht ganz dicht, vielleicht liegt´s auch daran,“ fügt Michel hinzu (!) und wenn Kowalski einen vernünftigen Gewerkschaftsberater an der Hand hätte, wär die Klage aufgrund unzureichender Arbeitsschutzmassnahmen schon geschrieben.

Wofür Jean Rollin neben seinem Faible für kandelaberschwenkende Girlies in Nachthemden noch bekannt ist, ist sein Hang zum Zeittotschlagen mit Belanglosigkeiten. Und wenn er uns nun seine weibliche (naja, das habt Ihr nicht ernstlich ANDERS erwartet?) Protagonistin Claudine (in vielerlei Sprachfassungen offensichtlich auch als E´lisabeth bekannt) vorstellt, zelebriert er selbiges bis zur Ekstase. Claudine fährt mit dem Zug, um ihren Verlobten Michel (hint) zu besuchen, der ein gewisses Weingut (doppel-hint) leitet, um sich dort der guten alten l´amour hinzugeben. Bis auf ein blondes Girl, mit dem sie sich ihr Abteil teilt, ist der Zug menschenleer. In solcher Ermangelung menschlicher Interaktionsmöglichkeiten (mir wäre zumindest eine lesbische Liebesszene eingefallen, aber das ist wieder nur meine schmutzige Fantasie) muss Rollin uns halt in seiner Verzweiflung idiotische Dialoge, Claudines Morgentoilette inklusive Zähneschrubben etc. in aller Ausführlichkeit zeigen. Der Zug hält auf einem Bahnhof und ein Mann steigt zu (Action!). Dieser Mann ist Kowalski. Und da Kowalski offensichtlich ein geselliger welcher ist, sucht er sich aus den 826 zur Verfügung stehenden Abteilen mit zielstrebiger Präzision das aus, in dem Claudine hockt. Ihre Freundin ist übrigens spurlos verschwunden. Claudine ist der neue Mitfahrer eher unangenehm, zumal´s dem nicht wirklich gut geht, er diverse stöhnende und gurgelnde Geräusche von sich gibt und seine Gesichtshaut Blasen schlägt, als sei er eine Vier-Käse-Pizza. Claudine nimmt die hübschen Beine in die Hand und geht stiften – im Übergang zum nächsten Waggon findet sie dramatischerweise die recht tote Leiche ihrer bisherigen Abteilgefährtin und Kowalski macht sich auf, Claudine zu verfolgen. Unsere Heroine sucht und findet die Notbremse und flüchtet in die französische Pampa (man verzeihe mir meine geographische Unwissenheit, aber wo genau der Film spielen soll, entzieht sich meiner Kenntnis). Kowalski stapft der kreischend davonrennenden Damsel hinterher (gibt´s eigentlich kein Zugpersonal, das sich dafür interessieren könnte, wer denn die Notbremse gezogen hat? Typisch Franzmänner… bei uns gäb´s sowas nicht), aber nur für ein paar Meter, dann hockt er sich auf ein Nebengleis und heult (? Kein Wunder, dass sich die Amis über Franzosen so gerne lustig machen).

Claudine türmt durch die unwirtliche Gegend, bis sie einen Bauernhof, der sichtlich seit dem frühen 16. Jahrhundert keine baulichen Veränderungen mehr erfahren hat, erreicht und dort panisch an die Türe kloppt. Nachdem man ihr trotzdem nicht auftut, poltert sie eben gegen die Hintertüre und lässt sich unbürokratisch selber rein. In der Stube hockt ein älterer Herr missmutigen Zuschnitts, der rasch mal eben seine entstellt-deformierte linke Hand im Ärmel versteckt und ein kalt-abweisend kuckendes blondes Gift. Wer jemals Texas Chainsaw Massacre oder einen beliebigen anderen Backwoods-Streifen gesehen hat, würde jetzt flink „oh, sorry, falsche Tür“ sagen und sich schleunigst vom Acker machen – die Wahrscheinlichkeit, dass die Tassenregale dieser Sippe ordnungsgemäss gefüllt sind, dürfte glatt gegen Null tendieren. Claudine albeit ist hysterisch und kreischt nach einem Telefon und Polizei von wegen Mord und Totschlag im Zug. Auch der Herr des Hauses empfiehlt die klassische französische Herangehensweiser an solcherlei Vorkommnisse und damit – ein Glas Wein. das Antoinette, die blonde Tochter, auch brav, wenngleich eher barsch, rüberschiebt. Claudine vermittelt ihre Geschichte mit dem „verrückten“ Verfolger und erneuert ihre Telefon-Bitte. „Das Telefon ist kaputt,“ grumpft der Hofbesitzer lakonisch. Dann vielleicht eine kleine Spritztour mit dem alten Peugeot, der vor der Tür steht, ins nächste Dorf? „Das Auto ist auch kaputt“. Na sowas aber auch, wer hätte das gedacht. Finally fällt auch bei unserer Heldin der Groschen – spätestens, als sie des Hausherrn verunstaltete Flosse sieht – Fluchtgedanke setzt ein, aber Antoinette hält Claudine auf, scheuert ihr eine Beruhigungs-Watsch´n und hasselt sie in den ersten Stock des Gemäuers. Dort findet Claudine nichts an deres als eine abgedeckte Leiche. Doof, wie die Neugierige ist, wirft sie einen Blick unters Laken und findet dort eine tote, blutbeschmierte Frau. Claudine will gerade KREISCH! machen, als Antoinette reinplatzt und notwendige Erklärungen liefert – die Tote sei ihre Mutter, ihr Vater habe sie umgebracht, weil er verrückt geworden sei. Da sie leider des Autofahrens nicht mächtig sei, habe sie nicht fliehen können und daher böse Miene zum bösen Spiel machen müssen. Nun werde es aber mit dem Typen immer schlimmer und Claudine kann doch sicher fahren, oder? Also, Operation gemeinsame Flucht läuft an. Da hat der alte Herr aber was dagegen… er stürzt sich auf Antoinette, rupft ihr die Klamotten vom Leib – nein, keine inzestuösen Vorkommnisse, der treue Familienvater will Claudine nur demonstrieren, das, welch Krankheit auch immer ihn in der Mangel habe, auch Antoinette befallen hat – und tatsächlich ziert Antoinettes Bauch ein globschig-glibbriger wunder Fleck. „Du sollst nicht so leiden wie ich,“ beschliesst er und rammt seinem eigen Fleisch und Blut aus purer Hilfsbereitschaft eine Mistgabel in den Bauch (immer wieder ein zwar eher schlichter, doch gern gesehener Effekt). Nach Verrichtung wird unser Killer aber self-reflective. „Was habe ich getan? Ich bin kein Mensch mehr!“ Claudine kombiniert, dass die Sinnkrise des Meisters ihr gerade recht kommt, schnappt sich die Autoschlüssel, gibt Fersengeld und setzt sich in die Schleuder. „Töte mich!“ fleht der ihr folgende Tochtermörder und nach schauspielerischer Grandezza seitens Claudine, ob sie nu oder nicht, tut sie ihm den Gefallen und zerquetscht ihn an einer Wand (diese wahnsinnigen Franzosen halten auch nichts mehr aus – Claudine stupst ihn mit ungefähr 3 km/h aus einer Entfernung von ungefähr 5 Metern an… ich schätze, im echten Leben täte man sich schwer, sich bei so einer Aktion auch nur den kleinen Zeh zu brechen – not that I´d recommend to try this at home).

Nach kurzer Fahrt erreicht Claudine das nächstbeste Dorf (das übrigens ebenfalls so aussieht, als hätte man es aus der frühen Kreidezeit importiert… von Rechts wegen sollte eigentlich Obelix um die nächste Ecke kommen und einen Hinkelstein ausliefern) – ein blutverschmierter und fröhlich vor sich hin oozender Jungspund wirft sich ihr beinahe vor die Karre und verlangt nach ärztlicher Hilfe. „Ich bin nicht gefährlich“, versichert der Jüngling, aber Claudine hat ihre christliche Nächstenliebe im anderen Handtäschchen. Ergo muss Jungspund seine schleimig-glibbrige Visage effektvoll gegen die Seitenscheibe reiben (splotz!) und selbige schlussendlich mit purer Schädelkraft zerdeppern (Sicherheitsglas war das nicht). Entsetzt zückt Claudine den vom Bauernhof ebenfalls geklauten Revolver (den hab ich nur vergessen zu erwähnen, kein Script-Error hier) und verpasst dem Hilfesuchenden einen Romero-Gedenkkopfschuss. That´s erste Hilfe for you (naja, zumindest hat der Typ in Zukunft keine Probleme mehr – what´s dead stays dead in this movie).
Wenn, im grossen und ganzen, nicht der ganze Film an sich ein einziger WTF??-Moment wäre, jetzt käme einer für die Ewigkeit – ob der soeben durchgeführten Spontanexekution tritt unsere Claudine nicht etwa aufs Gaspedal und hält erst an einer generalstabsmässig gesicherten Polizeifestung wieder an, sondern verlässt den Wagen und stolpert hysterisch durch die felsige Landschaft gen Nirgendwo (oder soll ich glauben, Claudine ist Verkehrssicherheitsenthusiastin und weigert sich, mit zerstörter Beifahrerseitenscheibe weiterzufahren??). Nach minutenlangem Herumgeirre durchs Gewölle macht Claudine, sicherheitshalber mit gezückter Kugelspritze, die Bekanntschaft eines blinden und daher fast genauso hilflos wie sie selbst durch die Prärie stapfenden Mädchens, das sich später als Lucy vorstellen wird und zu Protokoll gibt, sich verirrt zu haben. „Ich komme aus dem Dorf,“ erklärt Lucy und Claudine, WTF-Moment der nächste, erklärt sich bereit, sie dorthin zu führen (das alles bestärkt mich sehr in meiner Überzeugung, wenn es tatsächlich mal zu einer Zombie-Plage kommen sollte, mich von Frauen grossräumig fernzuhalten – die sind einfach zu doof zum Überleben). „Hoffentlich haben sie aufgehört zu streiten,“ meint Lucy und auf die naheliegende Frage, warum die Dörfler denn das Kriegsbeil ausgegraben haben, erklärt sie „meinetwegen.“ See, französische Bergbauern sind auch in aufgeklärten Zeitaltern wie diesem (hüstel) ein abergläubischer Haufen und halten das blinde Mädel für ein schlechtes Omen, wenn´s denn eines gibt. Nixdestotrotz ist Lucy überzeugt, für Claudine im Dorf einen Fahrer aufzutreiben, der sie zu Michel aufs nicht weit entfernte Weingut Goblesse karren wird. Doof nur, dass das Dorf, mittlerweile wird´s auch langsam dunkel, einen verlassenen Eindruck aufweist und die einzigen zu sichtenden Menschen die sind, die tot in den Gassen rumliegen, was Claudine doch ein wenig beunruhigt (duh!), jedoch verrät sie Lucy nicht, was Sache ist. Blind Girl allerdings riecht durchaus, dass diverse Feuer brennen und demzufolge nicht alles Eitel Freude Sonnenschein ist, und wird demzufolge etwas hysterisch und krakeelt nach ihrem Loverboy Luca, der „niemals ohne mich fortgegangen wäre!“ (So sind sie, die Kerle, kein Verlass auf die Sackträger). Irgendwie gelingt es Lucy, die sich keinesfalls mit der üblichen traumwandlerischen Sicherheit bewegt, die Blinde auszeichnet, die auf „ihrem Turf“ unterwegs sind, sondern sich mehr wie ein Klein-Mäxchen-stellt-sich-einen-Blinden vor mit ausgestreckten Armen und unsicheren Schrittchen durch die Gegend transportiert, ihre eigene Hütte zu identifizieren, in der sich ebenfalls kein Luca findet. Während Claudine das Nachtlager richtet, sie möchte lieber am nächsten Tag weitere Schritte unternehmen und draussen finstere Gestalten, und zwar ein gutes Dutzend ungesund aussehende welche, herumzukrauchen beginnen, macht Lucy unangemeldet und ganz heimlich den Abflug, um nach Luca zu suchen. Claudine eilt hinterher, sobald sie´s merkt, aber Lucy ist bereits von den „Zombies“ (bleiben wir einfach mal bei dem Terminus, auch wenn er nicht wirklich zutrifft) umringt – die aber tun ihr nichts, sondern starren sie nur finster an, so dass sie sich aus der Umzingelung davonstehlen und in ihren geliebten, lautstark nach ihr rufenden Luca rennen kann. Wie wir alle wissen, verlieben sich Blinde in Filmen gerne in potthässliche Menschen (ist so eine Art „look-inside-the-heart“-Message, man kennt das ja) und so überrascht es uns nicht, dass Luca ein ebensolcher (und ungefähr achtundneunzig Jahre älterer) Ekeltyp ist. Gut, dass er aus zahlreichen ekligen Wunden globbert, schleimt und glitscht, tut seinem Erscheinungsbild sichtlich keinen grossen Gefallen, aber auch im gesunden Zustand würde ich den Typen nicht aufs Cover von „Men´s Health“ klatschen wollen. Luca kichert seine Braut an, grabscht nach ihr und zerrt sie an ihren Haaren weg. Sollte sich wie moi jetzt irgendjemand fragen, was unsere tapfere Heroine (die ja immerhin auch bewaffnet ist) die ganze Zeit, in der Lucy lautstark um Hilfe kreischt, treibt… naja, sie kuckt aus sicherer Entfernung zu und kommentiert das Geschehen mit einem ausdrucksvoll gehauchten „Furchtbar“, das ungefähr so emotional beteiligt wirkt, wie wenn ich „furchtbar“ sage, wenn der FC Bayern in der Champions League in der 88. Minute den Ausgleich kassiert (gut, meinereiner hätte zusätzlich noch ein schadenfrohes Grinsen auf den Lippen, but you get my point, don´tcha?). Immerhin erschiesst sie spasseshalber einen sich ihr in den Weg stellenden Zombie und macht sich dann zurück zu Lucys Haus, nur um dort die gar schröckliche Feststellung zu machen, dass ein ganz Böser die arme Lucy halbnackig an die Eingangstür genagelt hat. Macht man doch nicht, sowas… Oder doch? Luca jedenfalls, der war´s nämlich, ist mit seinem Treiben noch nicht fertig, er organisiert sich eine Axt und kloppt seinem ehemaligen Häschen aufopferungsvoll die Rübe vom Hals (in der Tat gar nicht mal sooo technisch schwach gelöst, für time & budget, aber leicht cut – übrigens der einzige mir auffallende Gore-Schnitt in der mir vorliegenden Fassung). Luca stiehlt sich mit dem Köpfchen davon (was wird der wohl damit tun??) und Claudine wird von den vor sich hin murmelnden Zombies bedrängt – in höchster Not wird sie auf ihrer Flucht in ein Haus gezerrt – die mysteriöse Retterin ist ein attraktives blondes Frauenzimmer und stellt sich als Jeannette vor. Jeannette sagt aus, sich seit drei Tagen in der – für die Verhältnisse eines primitiven franzmännischen Bergdorfs ziemlich luxuriös ausgestatteten – Bude des ehemaligen Bürgermeiters verbarrikadiert zu haben und vermittelt uns ein wenig Exposition. Die Dorfbewohner seien wahnsinnig geworden, nachdem sie von einem Weinfest zurückgekehrt waren (das muss dann wohl der Rausch bzw. Hangover des Jahrhunderts sein. Wine can do that!). Lucy habe als Sündenbock herhalten müssen und als der Bürgermeister diese habe beschützen wollen, hätten die aufgebrachten Dörfler ihn einfach verbrannt. Allein habe sie sich nicht zu fliehen getraut, zu zweit wäre die Flucht aber erfolgversprechender, aber man sollte damit bis zum nächsten Morgen warten (was ich prinzipiell für keine schlechte Idee halte) und sich bis dahin die Zeit mit ein paar steifen Drinks vertreiben (was ich prinzipiell zwar auch immer für eine gute Idee halte, in Anbetracht der Sachlage in solchen Fällen aber doch vertagen würde). Claudine, die stellenweise gar nicht mal so blöd ist wie die typische Horror-Heroine (allerdings gleicht ihre Doofheit an anderen Stellen das mühelos wieder aus), stellt sich und Jeannette die Frage, woher sie denn wissen solle, dass Jeannette nicht auch infiziert sei? Sprechen können ja auch Kranke… Jeannette stellt in Aussicht, ihre Hüllen fallen zu lassen und ihren Körper zu einer gründlichen Inspektion zur Verfügung zu stellen, aber Claudine besteht – lästerlicherweise – nicht darauf, sondern vielmehr darauf, sofort zu fliehen. Jeannette findet noch Zeit für eine kleine Modenschau (schliesslich kann man nicht im Nachthemd vor die Tür treten); entweder war Herr Bürgermeister ein closet crossdresser oder es gab auch mal eine Frau Bürgermeister), ist endlich aber auch bereit und hält es für eine gute Idee, wie von Claudine vorgeschlagen den Durchbruch zum Weingut Goblesse zu wagen (aufmerksamen Mitlesern fällt sicher der Flaw dieses Plans auf „Weinfest: Auslöser der Krankheit“ – „Weingut: gern gesehener Platz für Weinfeste“).

Doch kaum sind die beiden Schnuckis vor die Tür getreten, packt Jeannette Claudine am Kragen und brüllt ihre Zombie-Compadres zusammen: „Ich habe sie!“ Mal wieder dumm gelaufen. Während die infizierten Zombies Claudine übernehmen, um sie aus Spass anner Freud zu verbrennen, hat sich Jeannette in Rekordzeit in ein neues Outfit geworfen und irgendwoher zwei Doggen gezaubert, die sie dämonisch-diabolischerweise an der Leine führt (Symbolik? Deeper meaning? Just a „cool shot“? I don´t know). Claudine kreischt sich die Seele aus dem Leib…

Sieht also gar nicht mal so prickelnd aus für Claudine, doch wir ham´ja noch ne ganze Ecke an Laufzeit und daher – entre´e Paul et Pierre, zwei Bauern, die der Seuche nicht zum Opfer gefallen sind. Paul ist ein älterer Knacker mit der simplen Philosophie, dass man den Infizierten den grössten Gefallen tut, wenn man sie einfach killt, während Pierre ein junger sentimentaler Schnösel ist, der den Kranken am liebsten ärztliche Hilfe angedeihen lassen würde, aber wg. Pierre diesbezüglich nicht zu Potte kommt und daher mitmeuchelt. In ihrem Kombi haben die beiden nicht nur das übliche Arsenal an Schusswaffen, die ein französischer Bergbauer wohl so braucht, sondern auch ein paar Kisten Dynamit. Die beiden veranstalten also lustiges Scheibenschiessen, bis Pierre einen Frauenkreischer hört, der sich „uninfiziert“ anhört. Jeannette schaltet schnell und gibt sich den Suchenden als Urheberin des Schreis zu verstehen und bittet um umgehende Hilfe und Wegbringung. Paul wittert Verrat und Infektion und um den Gegenbeweis anzutreten, wirft sich Jeannette nun doch aus dem Gewand. Danke, wir hätten echt was verpasst, wenn dem nicht so gewesen wäre (und das mein ich ehrlich. Lecker!) Pierre ist überzeugt und auch Paul lässt sich breitschlagen – nackte Tatsachen waren schon immer die, die am meisten Eindruck schinden…

Claudine wird dieweil immer noch von den Zombiedörflern durch die Gegend geschleppt und kreischt probehalber noch mal – in der Tat wird ihr Schrei erneut von Pierres empfindlichen Horchlöffeln aufgeschnappt und als eindeutig der selben Urheberin wie der letzte Kreischer zugehörig identifiziert (impressive!) Jeannette versucht eine sofort eingeleitete Suchmassnahme durch Hinweis auf ihre eigene Person zu unterbinden, scheitert aber – in Pierre ist der männliche Urtrieb, einer damsel in distress zu Hilfe zu eilen, erwacht – dagegen ist kein Kraut gewachsen, nicht mal ein so hübsches wie Jeannette.

Wir haben uns vor ein paar Minuten gefragt, was Luca mit Lucys abgetrenntem Kopf treibt? We find out. Und nachdem Luca seiner Lieben erst mal einen Kuss auf die toten Lippen schmatzt, sind wir doch alle ganz froh, dass uns further details erspart bleiben… Während Paul und Pierre zur Erlegung von Zombies auf Dynamit umsteigen, gelingt es Claudine, sich loszureissen und wird von Jeannette mit den Scheinwerfern der Paul-et-Pierre-Karre zu ihr gelockt und in einen catfight verwickelt. Claudine entscheidet selbigen mit dem Einsatz eines unerlaubten Objekts, in diesem Falle einer mitgebrachten Fackel, die sie ihrer Kontrahentin ins Gesicht hält – womit Jeannette nun auch ein paar optische Makel aufzuweisen hat und das verständlicherweise nicht wirklich lustig findet. Pierre und Paul kehren zum Auto zurück, wo Pierre gerade noch verhindern kann, dass sein Kollege Claudine wg. chronischem Zombiefizierungsverdacht erschiesst. Jeannette lehnt sich mit entstellter Visage, irrem Blick und einem an Claudine gerichteten „Schlampe! Mein Körper war gesund!“ an die Karre und zündet diese mit der Fackel an. Und da noch ein paar Kisten Dynamit im Auto stehen… booom! Naja, sort-of, für eine ordentliche Explosion, mit der man ein richtiges echtes Auto in die Luft jagen könnte, war im Budget kein Platz, daher täuscht uns raffinierte Schnitttechnik (cough-cough) vor, das Autowrack, das man uns abbrennenderweise zeigt, sei die vormalige Schleuder von Paul und Pierre.

Was unser Heldentriumvirat vor die schwierige Frage stellt: „Was nun?“ „Wir müssen zu Fuss weiter,“ brainstormed Pierre. „Zu Fuss??“ entfährt es dem sichtlich fusskranken Paul . „Siehst du hier´n Taxi?“ kalauert sein Genosse (das ist aber so ziemlich der schlimmste Stuss, der der Synchro unterläuft). Claudine reitet wieder darauf herum, dass man in Goblesse sicher sei (wie sie auf die Idee kommt, ist mir schleierhaft) und der Plan wird für gut befunden, was die Gelegenheit bietet, wieder ein paar Minuten Laufzeit mit einer kleinen Wandereinlage totzuschlagen. Man räsonniert über die Ursache der Seuche und Claudine steuert als ihre 2 Eurocents die von Jeannette vermittelte Geschichte mit dem Weinfest bei. Vergifteter Wein wird als plausibler Grund erachtet (und das war sogar noch vor dem Glykol-Skandal… prophecy, pure prophecy!) – „wenn wir im Weingut sind, wird sich das herausstellen“. Err. Ja. Sure. Ich würde mal tippen, rather endgültig.

Goblesse macht, einmal erreicht, einen verlassenen Eindruck. „Hoffentlich ist Michel nichts passiert,“ hat sich Claudine wieder auf den dummes-Weibchen-Modus zurückgeschaltet. Paul ist vordringlich begeistert, dass man in der Küche des Guts ausreichend Speis´ und Trank findet und bereitet erst mal ein Champagnerfrühstück vor (im Wortsinn… wenigstens kam der Blödmann nicht auf die Idee, sich ein Glaserl Rotwein einzuschenken, wie ich zunächst befürchtete). Pierre dringt telefonisch zu den Behörden durch, die aber über die ganze Sache schon Bescheid wissen – eine Spezialeinheit sei schon auf dem Weg, um die Verseuchten einzukäschen und zu internieren (man merkt, kein Amifilm, in einem solchen hätten die Spezialisten sicher den Auftrag, die Gegend zu nuken) – für unsere drei Freunde werde man einen Hubschrauber schicken. All could be well, aber, wie ich oben schon anmerkte, solang man noch ein weibliches Wesen dabei hat, wird selbiges sicher noch ´ne Möglichkeit finden, alles zu ruinieren. And so it is. Claudine macht sich auf die Suche nach ihrem geliebten Michel und findet ihn im Dachgeschoss der Gärungshalle (ich versuche, mich an meine diversen Weingut-Besichtigungen in Kalifornien zu erinnern, werde aber mit Sicherheit falsch liegen, wenn ich hier kelterische Fachbegriffe bringe. Bin halt doch mehr Biertrinker). Michel ist verseucht, wie nicht anders zu erwarten, und sich darüber völlig im klaren – er berichtet, dass alle anderen Gutsmitarbeiter bereits tot sind und dass ein neues Pestizid Schuld an der ganzen Misere sei. „Man verfault bei lebendigem Leibe,“ verrät Michel seinem Schatzi vermutlich mehr als sie wissen will und empfiehlt ihr, sich schleunigst zu verpissen. Da Claudine aber in l´amour entbrannt ist, fällt sie dem munter ekligen goo glibbernden Michel mit einem „Ich liebe dich“ um den Hals (börks. Frauen sind blöd. Zumindest die in Horrorfilmen). Unseren dynamischen Bergbauernhelden Paul und Pierre fällt endlich auf, dass Claudine abgängig ist, Paul macht sich gewehrbewaffnet auf die Suche und findet das sich umarmende Liebespaar. „Sind sie infiziert?“ fragt Paul den schleimabsondernden Michel – der Kerl braucht einen Termin bei Fielmann… Michel ist ehrlich genug, seine Krankheit zuzugeben und bittet um den erlösenden Rettungsschuss, den Paul nur zu gern liefert. Claudine grabscht sich das Gewehr und legt es auf Paul an – der versteht die Welt nicht mehr: „Er wäre sowieso gestorben, nur langsamer!“ Von aktiver Sterbehilfe hält Claudine aber nur was, wenn sie selbst verabreicht und ballert dem armen Paul ein Loch in den Bauch. „Verdammt, warum hast du das getan? Er wollte es doch!“ stammelt Paul noch und kratzt ab. Tja, und die Frage nach dem „Warum“ beantworten wir mit einem vielstimmigen: weil Claudine eine blöde Tucke ist!

Nach einer Weile macht sich Pierre auf, um Paul zu suchen, entert die Gärungshalle und wird hinterrücks (wie in: in den Rücken) von der in einem Gärungstank auf der Lauer liegenden Claudine erschossen (okay, dafür fällt mir nun nicht mal mehr eine „ich-bin-eine-blöde-verliebte-Tussi“-Rechtfertigung ein). Dann bricht Claudine erschöpft zusammen und auf ihr Gesicht tropft von oben Michels presumably versuchtes Blut… Fin.

Diverse Leut, d.h. hauptsächlich die, die versuchen, diesen Film zu verkaufen, versuchen, ersichtlich ob des zeitlichen Zusammenhangs, Pestizide als französische Ausgabe von Dawn of the Dead zu verkaufen. Es ist nun nicht schwer, dies als den mittleren Lötzinn abzuqualifizieren, der er ist, aber genauso deutlich ist, dass Rollin sich in der Tat heftig an ein Werk vom Urvater des modernen Zombiefilms George A. Romero angelehnt hat, nur halt mitnichten an einen Bestandteil dessen klassischer Dead-Trilogie, sondern an den weniger bekannten, aber von Genrefreunden hochgeschätzten The Crazies, einen Film, den Romero 1975 abdrehte und der sich mit einem verdammt ähnlichen Thema befasste – die Einwohner einer Kleinstadt werden durch chemische Verseuchung zu mordgierigen Bestien. Nachtigall, ick hör dir trapsen, oder wie Hahn/Jensen sagen würden (ich weiss nicht, ob nicht sogar tatsächlich zu diesem Film): „George A. Romero lässt grüssen, wenn er clever ist, von seinem Anwalt.“

Nun kann man darüber streiten, ob George A. Romero tatsächlich berechtigterweise der Kult-Regisseur ist, der er bei seiner zahlreichen Fanschar ist – die Dead-Filme und Crazies unbenommen muss man konstatieren, dass Romero auch einigen Schmonzes gedreht hat, Bruiser oder der eher langweilige, aber auch von Schwierigkeiten während der Produktion gekennzeichnete, Tier-Thriller Monkey Shines fallen einem da ein, aber Romero ist zumindest eins nicht, was Jean Rollin eben in aller Form ist: ein Zeittotschläger. Und das ist einfach der Hauptkritikpunkt, den man bei Pestizide anbringen muss – viel zu viele Minuten seiner Laufzeit verbringt der Film mit ermüdenden Sequenzen wie der schon sehr unglücklich als quasi-Opener gewählten Bahnfahrt, den zahllosen „aufregenden“ Flucht-durch-die-Felslandschaft-Momenten und sogar potentiell intensiven Charakter-Szenen, bei denen sich allerdings statt der gewünschten Intensität eher das Gefühl einstellt, die Zeit (oder zumindest der DVD-Player) wäre stehengeblieben. Was schade ist, denn anonsten ist Pestizide gar nicht mal so schlecht für einen mit in jeder Hinsicht beschränkten Mitteln realisierten kleinen europäischen Horrorfetzer. Und das, obwohl man durchaus merkt, dass Rollin mit der Thematik, einen, hüstel, eher „wissenschaftlichen“ Horrorfilm zu machen, nicht vertraut ist und sich nicht hundertprozentig wohlfühlt – mit dem erotisch angehauchten gothic horror seiner Steckenpferdfilme um lüsterne lesbische Vampire und Sukkubi (ist das der korrekte Plural oder sagt man Sukkuben?) hat Pestizide wenig zu tun – Rollin bemüht sich nach Kräften, den Film trotzdem in seinen visuellen, eben eher gothischen Stil zu drängen und das funktioniert in einigen Momenten sogar erstaunlich gut: die Szenen, die im nächtlichen Dorf spielen und in der Lucy und Claudine von den zombifizierten Dorfbewohnern gehetzt werden, sind sehr atmosphärisch und stehen eindeutig in der Tradition klassischer Gruselfilme, also eher „Hammer-style“ als Romero-Style. Nach hinten geht der Schuss allerdings los, wenn Rollin im Schlussakt versucht, die industrialisierte Wein-„fabrik“ zum gothischen Horrorschloss zu stilisieren, das wirkt wenig überzeugend, und so „verkommt“ das Finale zum in jeder Hinsicht enttäuschendsten Teil des Films (mal ganz abgesehen vom Drehbuch, aber grossartiges scripting war nie Rollins Stärke, er selbst bezeichnet sich ja als jemanden, der am liebsten improvisiert – dennoch: im Showdown gibt das Script jeglichen Sinn und Verstand auf).

Das Buch selbst gibt sich mit dem Einsatz des Pestizids einen ökologischen Aufhänger, der von fanboys allenthalben natürlich sofort vereinnahmt wurde und zu einer „Message“ übergedeutet wurde. Das halte ich für vollkommenen Quatsch – Rollin brauchte halt irgendeinen Grund für das Auftreten seiner Zombieplage und da war ihm halt, being french and stuff, vergifteter Wein näherliegender als eine Raumsonde von der Venus – und Night of the Living Dead muss sich sicherlich von niemandem die Botschaft unterstellen lassen, eine Warnung vor der Raumfahrt zu sein. Man kann bekanntlich in fast jeden Exploiter eine mahnende Message hineininterpretieren (und gelegentlich werden diese von den Machern der Filme nachträglich auch unterstützt, so z.B. Ruggero Deodato, der bekanntlich heutzutage seinen Cannibal Holocaust als Anklage gegen die Kannibalen- und Mondofilme seiner italienischen Gorekollegen verstanden wissen will), aber ebenso bekanntlich investiert man mit solchen Bemühungen tausendprozentig mehr Hirnschmalz als die Urheber der Plotten in die Entwicklung derselben eingesetzt haben. Kurzer Sinn des langen Absatzes: wer Pestizide für eine ökologisch-umweltbewusste Mahnung hält, hat vermutlich ein wenig zu oft sein probiotisches Müsli geknabbert – der Film ist einfach ein Film um meuchelnde Monster ohne jegliche vermeintliche Aussage. I´m sorry to say it, but the truth is out there. Schliesslich gewinnt das Drehbuch auch ansonsten keinen Preis und dient nur als Mittel zum Zweck, um die Gewalteskapaden der Zombies miteinander zu einem halbwegs zusammenhängenden Ganzen zu verbinden.

Ach ja, Stichwort „Zombies“ – natürlich sind die Verseuchten in Pestizide keine Zombies im Wortsinne – aber wenn wir gemeinhin die Infizierten aus 28 Days Later als „Zombies“ akzeptieren, können wir es für´n Hausgebrauch auch hier. Was drehbuchtechnisch gefällt ist, dass die Zombies keine tumben eindimensionalen Mordmaschinen sind – sie sind in der Lage, sich zu artikulieren, sich über ihren Zustand vollkommen klar und sogar dazu in der Lage, über die von ihnen vollführten Taten zu reflektieren und sich dieser bewusst zu werden, eine Dimension, die den meisten anderen „Untoten“ und ähnlichen bedauernswerten Subjekten abgeht und den Verseuchten hier eine weitere emotionale, tragische Komponente hinzufügt – ein netter break-of-cliche´, heute natürlich auch nicht mehr absolut neu, aber im Rahmen eines kleinen Eurotrashers doch denkwürdig.

Der Film hat seine Momente – nicht nur die atmosphärische Gestaltung der Dorf-Szenen… gelegentlich schafft es Rollin, eindringliche und durchaus glaubhafte Schockszenarien aufzubauen – Claudines Reaktion, als der glibbernde Jung-Zombie zu ihr ins Auto vordringen will und sie ihn mit Entsetzen, nicht nur vor dem Infizierten, sondern auch vor sich selbst, erschiesst, ist nachvollziehbar (und vielleicht doch Romeros Night of the Living Dead geschuldet), ebenso wenig entbehrt die Kreuzigung Lucys und ihre anschliessende Enthauptung ihrer Wirkung, das sind durchaus Momente, die über blosses Umsichwerfen mit blood´n´gore hinaus auch noch fünfundzwanzig Jahre nach ihrer Entstehung (und damit Gazillionen von Splatterfilmen, die Goreeskapaden ganz an deren Kalibers) noch an die Nieren gehen. Ein extrem sparsam-minimalistischer elektronischer Score, der eigentlich aus nicht mehr als einigen unmelodiösen Soundeffekten besteht, unterstreicht die Wirkung der besten Szenen gekonnt.

Trotzdem, wie schon gesagt, Rollin ist nicht in seinem absoluten Element hier – der Film bietet ihm letztendlich, obwohl von ihm selbst co-gescripted, nicht genügend Möglichkeiten für seinen eigenen visuellen Stil und das unrhytmische Pacing des Films, die mit schöner unregelmässiger Regelmässigkeit eintretenden Stillstände und Leerläufe, untergraben ein wenig die düstere, depressive Grundstimmung. Handwerklich ist der Streifen annehmbar – Rollin ist Profi genug, um sich keine grösseren Schwachmatigkeiten zu erlauben – möglicherweise ist das Herunterkurbeln von Legionen von Pornofilmen doch keine so schlechte Schule, um unter Zeitdruck und Budgetbeschränkungen routinierte, professionelle Arbeit abzuliefern (auch wenn Rollin, im Gegensatz zu D´Amato, Pornofilme nicht als Lebensinhalt, sondern als Lebensunterhalt ansah – damit war Geld zu machen, das er mit seinen ambitionierten Horrorfilmen kaum verdienen konnte) – Rollin ist halt kein solcher technischer Schlamper wie Jess Franco. Die Gore-Effekte sind recht krude und effektiv, wenngleich von der technisch schlichteren Sorte.

Abstriche machen muss man bei Filmen dieses Kalibers zumeist bei den darstellerischen Leistungen und da macht Pestizide keine Ausnahme, wobei man schon festhalten muss, dass die Schauspielkunst von Marie-Georges Pascal starken Schwankungen unterworfen ist – in ihren besseren Szenen, wie in der schon beschriebenen Erschiessung des Jung-Zombies am Auto, wirkt sie in ihrem Horror überzeugend, in anderen (leider überwiegenden) Szenen möchte man ihr aber am liebsten eine Papiertüte über den Kopf ziehen. Die Entdeckung des Films ist zweifellos Brigitte Lahaie, die Jean Rollin als Darstellerin einiger von ihm gedrehten Pornoschinken kannte und die mit Pestizide ihre erste „seriöse“ Filmrolle spielte und sich damit ein einträgliches zweites Standbein nicht nur als Stammschauspielerin in zukünftigen Rollin-Werken, sondern auch etlichen anderen französischen Exploitern der späten Siebziger und frühen Achtziger schuf. Und ich sach mal… ich wäre nicht traurig, wenn Pornodarstellerinen nowadays sich von ihrem (unbekleideten, hehe) Erscheinungsbild mehr an Mme. Lahaie orientieren würden als an Dolly Buster – Lahaie ist wirklich, man verzeihe mir den sicher vollkommen unangebrachten Ausdruck, rattenscharf. Und da bin ich dann auch mal gönnerhaft genug, über wenig vorhandenes bzw. nicht ausgeprägtes schauspielerisches Talent gepflegt hinwegzusehen und mich allein an der Optik zu erfreuen (jede Sekunde, in der Brigitte Lahaie in Klamotten rumläuft, ist in meinen Augen ein Kapitalverbrechen). Der Rest des Ensembles, vor allen Dingen der männliche, ist das übliche Assortment an drittklassigen Chargen, bei denen´s mich nicht wundern würden, wenn die auch vom letzten Pornodreh des Meisters mitgebracht worden wären und die durch keinerlei Talent behindert werden. Unübersichtliche Credit-Situation macht die genaue Zuordnung von Charakteren und Akteuren eh schwierig, also belassen wir´s dann auch dabei.

Die mir vorliegende DVD aus dem Hause Best Entertainment (kollektives Aufstöhnen) ist gar nicht mal sooo schlecht. Die Bildqualität ist sicher nix, womit man einem Matrix Reloaded-Junkie das Wasser der Verzückung in die Augentreiben könnte – das Bild ist recht grobkörnig und verrauscht und reinzoomen macht keinen grossen Fun, but it sure beats die abgenudelten VHS-Kassetten früherer Tage – man kann sich das ganze durchaus ansehen, ohne in Verzweiflung auszubrechen. Selbiges gilt für den auf Dolby 5.1. upgemixten deutschen Ton, der zwar auch ein gewisses Grundrauschen mitbringt, aber klar verständlich bleibt und speziell die Soundeffekte des Scores erstaunlich gut zur Würdigung bringt. Präsentiert wird das ganze übrigens in Widescreen. Als Bonusmaterial gibt es eine knapp dreiunddreissigminütige „Dokumentation“, die von Synapse Films anlässlich des US-RC1-DVD-Releases gefertigt wurde (und sich auch auf der ungeprüften Uncut-Cineclub-DVD findet), und die ein ausführliches Interview mit Jean Rollin, nicht speziell auf den Film, sondern mehr auf seine ganze Karriere bezogen (Pestizide wird sogar nur einmal ganz kurz angesprochen), beinhaltet, das durchaus einige interessante Fakten ans Licht bringt, hineingemengt sind darüber hinaus ein Interview mit Brigitte Lahaie (die recht freimütig über ihre Porno-Vergangenheit spricht und überdies immer noch fantastisch aussieht) sowie ein paar Ausschnitte einer Pressekonferenz oder Convention mit Rollin und Lahaie, garniert wird das ganze mit Filmausschnitten aus einigen Rollin-Werken. Geführt wird die Unterhaltung auf Englisch, deutsche Untertitel werden geliefert (und das ist auch gut so, denn beide Interviewpartner sind nicht die allerbesten English-Speaker – okay, beide sprechen mit Sicherheit besser englisch als ich französisch -, vor allem Lahaie tut sich doch recht schwer mit der Sprache). Nettes Goodie, und sehr erfreulich, das man das auch auf die „Kaufhaus“-Edition der Disc gepackt hat. Der Film ist im übrigen gegenüber der früheren Videoveröffentlichung leicht gekürzt (hence „neue Version“-Sticker), wobei sich das nach meinem Augenschein nur auf eine kurze Gore-Passage bezieht, also beinahe zu verschmerzen wäre, so man nicht prinzipiell jeden Cut als Blasphemie ansieht. Die ungeprüfte Cineclub-DVD läuft gut zehn Minuten länger, wobei es sich dabei – neben der natürlich dort enthaltenen sekundenkurzen Gore-Passage – ausschliesslich um Dialogpassagen handelt. Die geben dem Film vielleicht etwas mehr Sinn, andererseits sträuben sich mir angesichts der Aussicht auf zehn Minuten mehr, in denen Rollin Laufzeit schindet, die Nackenhaare… Kurz: wer auf die zusätzlichen Dialoge nicht zu viel Wert legt, kann sich mit der Best-Entertainment-DVD wohl ganz gut anfreunden.

Letztlich ist Pestizide nichts anderes als ein Eurotrash-Film aus den 70ern – aber insgesamt doch ein besserer dieser Sorte. Die Gore-Effekte sind nicht wahnsinnig zahlreich, aber ziemlich herbe, Brigitte Lahaie ist eine Augenweide und wenn man will, kann man sich an der vermeintlich ökologisch-sendungsbewussten Story erfreuen. Es gibt erheblich schlimmeres, was europäische Low-Budget-Klitschen in dieser Dekade verlassen hat. Zum echten Kultfilm fehlt sicher ein wenig mehr Herzblut seitens des Regisseurs, aber für Freunde des altkontintentalen Horror- und Gorekinos tut sich mit der anständigen Veröffentlichung eine wohlgelittene Alternative zu den ewig gleichen Italo-Blutorgien der Kollegen Lenzi/Deodato/Fulci & Co. auf, die sicher ein wenig mehr mit „Film als Kunst“ zu tun hat als Kannibalen-Schlächtereien made in Italy und Werwolfhorror aus dem Paella-Land. Daher eine dezente Empfehlung.

(c) 2005 Dr. Acula


BOMBEN-Skala: 7

BIER-Skala: 6


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