Perro Come Perro


  • Deutscher Titel: Perro come Perro - Den Letzten fressen die Hunde
  • Original-Titel: Perro Come Perro
  • Alternative Titel: Dog Eat Dog
  • Regie: Carlos Moreno
  • Land: Kolumbien
  • Jahr: 2008
  • Darsteller:

    Marlon Moreno (Victor Penaranda), Oscar Borda (Benitez), Blas Jaramillo (El Orejon), Alvaro Rodriguez, Andres Toro, Hansel Camacho, Paulina Rivas


Vorwort:

Gangsterboss El Orejon hat einen nicht unbeträchtlichen (aber ungenannten) Dollar-Betrag den „Zwillingen“ zur Verwahrung übergeben. Nun hätte der Meister die Kohle gerne zurück, kriegt sie aber nicht. Also beauftragt er Don Pablo mit der Apportierung des Zasters. Beim „Verhör“ wirft der einzige anwesende Zwilling den Löffel, bevor er erzählen kann, wo der Rubel versteckt ist. Victor Penaranda stolpert bei der Durchsuchung des Anwesens über die Moneten und entscheidet unbürokratisch, sich diese zur eigenmächtigen Verprassung (bzw. zum Beginn eines neuen Lebens mit Frau und Kind, beide getrennt von ihm lebend) anzueignen. Blöderweise besteht El Orejon darauf, dass Victor persönlich an dem Versuch teilnimmt, dem zweiten Zwilling in Cali auf den Zahn zu fühlen, assistiert von dem durchgeknallten Killer Sierra und dem tumben Schläger Benitez (der wiederum Opfer eines von El Orejon in Auftrag gegebenen Voodoo-Fluchs wegen eines anderweitigen Mordes ist und deswegen unter Halluzinationen und Alpträumen leidet). Don Pablo, Victors väterlicher Freund, ahnt, dass Victor mehr über den Verbleib der Kohle weiß als er zuzugeben gewillt ist. Zur angespannten Nervenlage der drei Gangster trägt auch bei, dass in ihrem Hotelzimmer ständig ein unbekannter Typ anruft und nach einer gewissen Adela fragt, die keiner kennt. Als sich die Schlinge um Victors Hals immer enger zieht, wird ihm klar, dass die einzige Möglichkeit, aus der Nummer lebendig rauszukommen, wohl oder übel ist, El Orejon zu töten…

Inhalt:

Und noch ein Film, der eigentlich nicht auf des Docs FFF-Liste stand – kolumbianische Gangsterdramen sind nicht unbedingt my cup-of-tea, aber da der ursprünglich angesetzte „Trailer Park of Terror“ (je nach Sichtlage, weil der Festivalleitung der Film zu schlecht oder den Produzenten der Streifen doch zu peinlich war) nur in Berlin lief und in den restlichen Festivalstädten aus dem Programm gestrichen wurde, war ein Termin frei und man auf drei Beinen zwar stehen kann, sofern man ein Tisch ist, aber mit nur drei Filmen im Rücken noch lange nicht nach Haus geht, entschied ich mich kurzerhand dafür, „Dog Eat Dog“ noch mitzunehmen – immerhin hatte es vor zwei Jahren der venezolanische Thriller „Secuestro Express“ geschafft, nicht nur den Publikumspreis, sondern auch die Gunst des Schreibers dieser Zeilen zu gewinnen.

Dann also meinetwegen ein kolumbianisches Gangsterdrama. Das Thema liegt für dort ansässige Filmemacher ob der grassierenden Drogenkriminalität und den diversen Kartellen, die in Medellin, Cali & Co. operieren, ja auch auf der Hand. Die Story, die Carlos Moreno und Alonso Torres uns vorsetzen, ist an und für sich ausgesprochen geradlinig: Der Gangster aus der dritten Reihe, der der Versuchung nicht widerstehen kann, einen größeren Geldbetrag für sich abzuzweigen – nicht neu, nicht originell, aber eine immer wieder taugliche Grundidee, zumal die Geschichte auf dieser Prämisse recht gewitzt weitererzählt – Victor, der freche Dieb, wird – ausgerechnet – eingeteilt, um eben das entwendete Geld wieder aufzutreiben, sowohl sein Mentor im Syndikat, Don Pablo, als auch der große Boss selbst ahnen zumindest, dass Victor zumindest mehr weiß, als er zugeben will, und, in einer typischen „Murphy’s Law“-Geschichte, jedes Mal, wenn Victor gerade eine günstige Gelegenheit wittert, sich mitsamt der Kohle unauffällig abzusetzen, kommt irgendetwas dazwischen, was ihn dazu nötigt, mit Sierra und Benitez einen Verdächtigen zu foltern oder im Hotelzimmer zu bleiben, um weitere Instruktionen abzuwarten. Das bietet genügend Möglichkeiten, den Plot am Laufen zu halten, ohne die Geschichte eigentlich ernstlich entwickeln zu müssen und erlaubt sogar die ein oder andere nicht unkomische Situation, ohne dass der Film Gefahr läuft, zu komödiantisch zu werden; sogar der running gag des unbekannten Anrufers, der nach Adela verlangt, erweist sich schlussendlich als wichtiges Element, um das (nicht unbedingt überraschende) pessimistische Ende zu arrangieren.

Die Charaktere erscheinen verhältnismäßig gut getroffen- Victor ist der „Durchschnittstyp“, für den das Gangsterleben sichtlich keine Berufung, sondern mangels anderer gangbarer Alternativen zum Geldverdienen schlicht ein Job ist, aus dem es schnellstmöglich auszubrechen gilt (nicht zuletzt, weil das Gangsterleben seine Familie zerstört hat); Sierra ein völlig durchgeknallter Psychopath, der sich vordergründig leutselig-jovial gibt, aber niemals zögern würde, auch seinem besten Kumpel eine Kugel in den Kopf zu jagen; Benitez leidet als Schwarzer unter dem Rassismus der Latinos, ist tief gläubig und hinterfragt trotzdem – scheinbar – nicht die Motive seines Auftraggebers. Einzig El Orejon rangiert auf der „übertriebene Schurken-Skala“ schon eher in Blofeld-artigen Gefilden und wirkt nicht gerade realistisch; andererseits kenne ich wieder die kolumbianische Drogenszene nicht so genau, um hier ein endgültiges Urteil abgeben zu wollen.

Sei’s drum – am Script stören mich hauptsächlich zwei-drei kleinere Ungereimtheiten. So erfahren wir z.B. nie, wie viel Geld Victor sich eigentlich unter den Nagel gerissen hat. Da’s in eine recht kleine Plastiktüte packt, kann’s eigentlich nicht so viel sein, so dass El Orejons Maßnahmen ein wenig, naja, unverhältnismäßig erscheinen (andererseits… ein Gangsterboss muss wohl auch Prinzipien haben, sonst wäre er nicht da, wo er ist); und, vielleicht gravierender, der Voodoo-Subplot stört doch ziemlich, zumal er recht undurchschaubar ist. Wenn ich das richtig verstanden habe, (sicherheitshalber mal SPOILERWARNUNG) gibt niemand anderes als El Orejon der Voodoo-Vettel den Auftrag, Benitez mindestens in den Wahnsinn zu treiben, weil er wohl einen Typen umgelegt hat, an dessen Weiterleben der große Boss ein persönliches Interesse hatte. Mehrere Probleme damit – welche Beziehung der Entleibte und El Orejon genau unterhielten, bleibt völlig ungelöst; ebenso die Frage, warum El Orejon Benitez nicht einfach z.B. von Sierra umlegen lässt (oder warum El Orejon Benitez für die für ihn offenbar so wichtige Geld-Wiederbeschaffungsaktion einteilt)? Gut, vielleicht habe ich hier tieferen kolumbianischen Subtext nicht verstanden, aber es fiel mir negativ auf.

Filmtechnisch kann „Dog Eat Dog“ durchaus überzeugen – Moreno inszeniert den Streifen in einem passenden räudig-dreckigen Look, den heruntergekommenen Locations (wie der 1-A-Bruchbude, in der Victor und Konsorten absteigen müssen), der insgesamt eher düsteren Story und dem Sujet an sich angemesesn. Das Tempo ist nicht mörderisch hoch, aber flott genug, um selbst einen bereits durch drei Filme gescheuchten FFF-Besucher um Mitternacht noch bei Laune zu halten (also in einem Timeslot lief, in dem’s normalerweise Splattergranaten braucht, um das Publikum bei Bewußtsein zu halten). Kameraführung und Schnitt genügen absolut internationalen Ansprüchen und ganz besonders loben muss man den förmlich elektrisierenden, geographisch naheliegenderweise heftig salsa-lastigen Soundtrack (der übrigens auch beweist, dass Salsa-Rhythmen und E-Gitarren sich nicht ausschließen, da er zu weiten Teilen aus sehr zeitgemäßem, modern aufgepeppten Salsa besteht. Wouldn’t mind a soundtrack album).

Härtetechnisch sitzen die Gorehounds trotz des Einsatzes von Stich- und Schusswaffen sowie Kettensäge (!) nicht in der ersten Reihe. Ob das mangelnde Können kolumbianischer Effektkünstler dafür ausschlaggebend ist, dass plakative Sudel-Effekte fehlen, wage ich nicht zu beurteilen, aber ich schätze eher, dass dem Regisseur nicht so wichtig war, die Sehgewohnheiten europäischer Splatter-Maniacs zu befriedigen…

Schauspielerisch leistet Marlon Moreno, in seiner kolumbianischen Heimat gut beschäftigter TV-Akteur, beachtliches. Er muss die Gratwanderung bestehen, einerseits als nomineller Held der Plotte likeable zu sein, ohne zu vernachlässigen, dass er trotzdem ja irgendwo ein kriminelles Subjekt ist, das bedarfsweise (also wenn’s dem eigenen Vorteil dient) über Leichen geht. Den Job erledigt er vorzüglich. Da mir keine vernünftigen Credits vorliegen, kann ich bei einigen anderen Akteuren keine Namen zuordnen. Der Sierra-Darsteller würde sich seiner Exaltiertheit sei Dank auch in einem Tarantino-Film gut machen, Oscar Borda als Benitez ist mir etwas zu eindimensional (was aber auch der Rolle geschuldet sein dürfte), Blas Jamarillo (mittlerweile verstorben) trägt mir als El Orejon deutlich zu dick auf.

Recht interessant ist übrigens, dass der Streifen von der internationalen Kritik abgefeiert wird, als gäbe es kein Morgen, aber – wenn man nach einigen IMDb-Kommentaren geht – zumindest Teile des kolumbianischen Publikums den Fim mehr oder weniger nur für einen „run-of-the-mill“-Gangsterthriller halten, was zeigen würde, dass sich nicht immer die Besten durchsetzen, sondern die, die’s irgendwie schaffen, einen internationalen Vertriebsdeal an Land zu ziehen (in den USA z.B. wird „Dog Eat Dog“ 2009 im Kino anlaufen).

So manch einer stellte sich auch die Frage, ob „Dog Eat Dog“ als nicht wirklich phantastischer Film, der auch den Randgebieten des Genres (wie Serienkiller-Thrill o.ä.) nicht zuzurechnen ist, einen Platz im FFF-Roster verdient hat. Nun, sicherlich ist das eine diskutable These, aber so lange auch Krams wie Brad Andersons „Transsiberian“ auf der Grundlage, dass Anderson eben mal den „Machinist“ gemacht hat, auf dem FFF laufen kann und sicherlich NOCH weniger Bezugspunkte zum eigentlichen Festivalthema hat (und mittlerweile auch Behindertendramen ihren Platz im FFF-Programm haben), kann man sich nicht beklagen, wenn auch Filme aus Kino-„Entwicklungsländern“ einem breiteren Publikum vorgestellt werden (zumal „Dog Eat Dog“ dank seines Voodoo-Krempels sogar einen minimalen übernatürlichen Aufhänger hat); gute Festival-Tradition (siehe den erwähnten „Secuestro Express“) ist es ja auch schon, dass aus Ländern, die nun nicht gerade eine große Tradition im Horror- oder SF-Kino haben, eben Filme gewürdigt werden, die nur ganz am Rande des großen Genre-Tellers stehen (oder nur mit zwei zugedrückten Augen dazugerechnet werden können).

„Dog Eat Dog“ war jedenfalls ein absolut ansehbarer Film – sichtbarer Beweis, dass man auch mit den beschränkten Mitteln kolumbianischer Filmemacher spannendes Kino auf internationalem Niveau machen kann (was, wie auch der Wortvogel anmerkte, um so trauriger macht, dass es ausgerechnet deutsche Filmemacher eben NICHT schaffen). Nichts, was Genres neu definieren oder Carlos Moreno zum nächsten Oscar-Anwärter stilisieren würde, aber spannungsgeladenes, größtenteils gut gespieltes Thriller-Kino mit authentisch-dreckigem Lokalkolorit. Ich hab nichts dagegen, wenn Filme dieser Art im FFF-Programm auftauchen…

3/5

(c) 2008 Dr. Acula


mm
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