Online – Meine Tochter in Gefahr


  • Deutscher Titel: Online - Meine Tochter in Gefahr
  • Original-Titel: Online - Meine Tochter in Gefahr
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  • Regie: Oliver Dommenget
  • Land: Deutschland
  • Jahr: 2012
  • Darsteller:

    Annette Frier (Katja), Jamie Bick (Jessy), Johannes Brandrup (Redel), Christoph Grunert (Micha), Knud Riepen (Christian „Chrissy“ Weiser), Damian Hardung (Lars), Sabrina White (Maike), Anna Schäfer (Barbara), Astrid Posner (Kirsten), Robert Dölle (Torben) u.a.


Vorwort:

Das deutsche Fernsehen fühlte sich schon immer bemüßigt, sein Publikum zu belehren. Das kann man über die Jahrzehnte hinweg immer wieder beobachten. Erst kürzlich stieß ich im Internet auf eine Uralt-Dokumentation von 1973, die das ZDF einst ausstrahlte: „Heiße Ware aus Hongkong“. Darin wurde die Eastern-Fließbandproduktion der Shaw Brothers unter die Lupe genommen. Sie gewährte einige interessante Einblicke in das Schaffen des Studios, um dann in den letzten Minuten doch noch den Schlenker zur schauderhaften Qualität der Filme zu machen, die mit verächtlichem Kommentar in Grund und Boden geredet wurden. Das war natürlich wie so oft hauptsächlich auf die (angebliche) Brutalität der Kampfszenen zurückzuführen. 1984 wurde – ebenfalls im ZDF – in der legendären (und hier auch irgendwann zu würdigenden) Dokumentation „Mama, Papa, Zombie – Horror für den Hausgebrauch“ die aufkommende Videofilmkultur torpediert und die Verbotswelle nur noch weiter entfacht, die in einer Verschärfung des Paragrafen 131 mündete. Damit sollte zukünftig die Beschlagnahme der in den Augen des Prüfgremiums zu gewalttätigen Filme vereinfacht werden.

Auch in den 90ern wurden weiterhin sogenannte Gewaltfilme dafür verantwortlich gemacht, wenn irgendwo einem Jugendlichen mal wieder die Sicherungen durchbrannten. Als der kleine James Bulger 1993 von zwei zehnjährigen Jungen im englischen Bootle zu Tode geprügelt wurde, sollte angeblich „Chucky 3“ der Auslöser gewesen sein, wie „The Sun“ behauptete, was dann auch dankbar im deutschen Privatfernsehen aufgenommen wurde. Beging irgendwo jemand einen Amoklauf, konnte man sich sicher sein, dass es mindestens eine Sendung geben würde, in der alte unwissende Politiker und/oder Wissenschaftler die bösen Killerspiele anprangern konnten, weil in den meisten Fällen welche beim Täter gefunden wurden.

Immerhin die Diskussion um Gewalt in Filmen und Spielen hat sich für mein Empfinden mittlerweile gelegt, die Stimmen sind leiser geworden, aber damit ist das Ende der Fahnenstange noch nicht erreicht, denn es gibt mit der stetigen Weiterentwicklung der Technik ja weitere Gefahren, vor denen es zu warnen lohnt – und dazu gehört das Internet. Dies ist ein durchaus berechtigtes Anliegen, wo es doch inzwischen ein Leichtes ist, mit nur wenigen Mausklicks auf Seiten zu gelangen, die Kindern am besten verschlossen bleiben sollten. Aber auch soziale Netzwerke bergen so einige Tücken. Weder sollte man zu viel von sich preisgeben noch zu vertrauensselig zu anonymen Kontakten sein. Das Internet vergisst schließlich nie, und es laufen nicht nur freundliche Menschen herum. Deshalb gibt es immer wieder Experten, die auch ein Schulfach Medienkompetenz fordern und Eltern eindringlich darum bitten, ein Auge auf die Kinder zu haben, wenn sie mit ihren Handys oder Rechnern im Netz unterwegs sind, und sie eben frühzeitig auf die bestehenden Gefahren hinzuweisen.

So kann es auch nicht schaden, wenn Regisseure und Produzenten sich dieser Problematik annehmen und hin und wieder Filme inszenieren, die uns klarmachen, dass die unendlichen Weiten des Internets zwar vieles im Leben vereinfachen, aber eben nicht nur. Aus dem Grunde wurde im Rahmen eines SAT.1-Themenabends „Internet“ im Oktober 2012 um 20.15 Uhr der TV-Thriller „Online – Meine Tochter in Gefahr“ gezeigt, um als Aufhänger für das direkt im Anschluss laufende reißerische Reportage-Magazin „Akte“ mit Ulrich Meyer zu fungieren. Für die Hauptrolle besetzte man Annette Frier, die damals gerade mit ihrer Serie „Danni Lowinski“ Erfolge feierte und somit eines der Gesichter des Senders war, die man bedenkenlos auch in Filmen einsetzen konnte. Die Sympathien würden ihr so oder so zufliegen.

Um es vorab zu sagen (wobei ich glaube, dass das kaum überraschend kommt, wenn wir uns daran erinnern, wo wir hier sind): Der Schreiber dieser Zeilen hatte „Online“ seinerzeit ebenfalls gesehen und war angemessen entgeistert, was SAT.1 ihm da als offenbar ganz ernst gemeinten Debattenbeitrag andrehen wollte. Immerhin eins hatte der Film aber erreicht: Ich hatte ihn auch nach fast zehn Jahren einfach nicht vergessen können. Deshalb könnt ihr euch sicherlich vorstellen, was für ein mulmiges Gefühl mich heimsuchte, als ich kürzlich die Gelegenheit erhielt, die alten Wunden wieder aufzukratzen, indem ich mir diesen Heuler ganz mutig einfach ein zweites Mal gönnte.

Inhalt:

Wenn deutsche TV-Regisseure sich eines so brisanten Themas wie den dunklen Gefahren des Internets annehmen, obwohl sie eigentlich keine so rechte Ahnung davon haben, können sie es ja gleich so wie Oliver Dommenget machen und mit in Bruchteilsekundenschnelle wechselnden grünen Zahlen- und Buchstabenkolonnen auf schwarzem Hintergrund beginnen. Danach eine Kamerafahrt über eine Ecke voller Computerschränke, aus denen die Netzwerkkabel nur so heraushängen. Jugendliche an ihren Handys oder auf ihren Laptops tippend, ein Kartenscanner im Supermarkt. Schon klar, das Internet, das unbekannte Wesen. Mit jedem Klick, mit jedem Scan hinterlassen wir Spuren, und wer weiß schon, wohin sie gehen und wer da am anderen Ende sitzt, um die Daten gegen uns zu verwenden? Unter Umständen ein Computer wie „HAL 9000“, der sich selbstständig macht und uns alle irgendwann unterjocht. Oder die Politiker und/oder Echsenmenschen, die uns bis ins Detail aushorchen.

Als Nächstes sehen wir auch schon die beiden Hauptfiguren unseres schönen Stücks: Katja Waiser (Annette Frier) und ihre Tochter Jessika, kurz: Jessy. Beide hocken an ihren Laptops. Katja ersteigert für fast 700 Euro eine hässliche Vase, wofür sie leichtsinnigerweise ihre E-Mail-Adresse und ihr Passwort eingibt (oh Schreck!). Jessy treibt sich auf einer sozialen Plattform herum und macht bei ihren Einstellungen leichtsinnigerweise alle Haken, die man setzen kann, damit alle Besucher alles auf ihrem Profil lesen können (oh nein!). Die beiden werden schon noch sehen, was sie davon haben…

Katja erlebt sogar unmittelbar ihr blaues Wunder, denn im nächsten Moment befindet sie sich in einem dunklen Kellerverlies und tritt und schlägt gegen eine verschlossene robuste Eisentür. „Ich muss hier raus!“, brüllt sie verzweifelt immer wieder. Wo ist sie hier? Schnell wird klar: in einem Verhörraum der Polizei. Polizist Redel (Johannes Brandrup) schließt die Tür auf und fragt die hysterisch auf ihn Zustürmende, was um Gottes willen denn mit ihr los sei. Sie sei in fremde Wohnungen eingebrochen und habe Polizisten verletzt, nun brauche er erst ein paar Erklärungen. „Meine Tochter ist verschwunden!“, kreischt Katja und bittet um sofortige Freilassung, aber Redel denkt nicht dran: „Sie werden mir jetzt alles von Anfang an erzählen… Das erste Gefühl, es stimmt was nicht – wann war das?“ Ihre Antwort leitet freundlicherweise eine ausgiebige Rückblende ein. Flashback-Filme – der Doc hatte sie so wenig geliebt, wie ich es tue.

Also gehen wir in der Geschichte zu dem Zeitpunkt zurück, der dazu führte, dass Katja sitzt, wo sie sitzt. Sie feiert mit ihren beiden Freundinnen Kirsten und Barbara anlässlich ihres Geburtstags eine Party im kleinen Rahmen in einer Bar und wird von einem jungen attraktiven Barkeeper bedient, dem die aufgebrezelten Milfs sofort schöne Augen machen. Die stark angeheiterten Frauen wollen sich ganz dem Tanz hingeben, aber bevor Katja ihre Hüften im Takt wiegen kann, wird sie von einer Frau blöd von der Seite angequatscht. Es ist die Lehrerin ihrer Tochter, Frau Olden, die das zufällige Aufeinandertreffen dafür nutzt, sie auf die schlecht gewordenen schulischen Leistungen von Jessy anzusprechen. Katja ist eher in einer „Ich bin privat hier, laber mich also nicht voll“-Stimmung und will sich rausreden. „Jaja, Ihre Scheidung, ich weiß“, sagt Frau Olden verblüffend unsensibel. Katja reagiert irritiert und erhält bereitwillig Auskunft, woher die Lehrerin diese doch sehr private Angelegenheit weiß: „Sie [Jessy] schreibt mit ihren Freunden darüber im Internet. Sie bloggt, chattet. Wir Lehrer müssen da ab und zu reinschauen.“ Aha, Spionage-Lehrer also. Ist das heutzutage so? Ich würde das ja arg bezweifeln, kenne mich aber ehrlicherweise auch nicht im Schulwesen aus. „Sie hat überhaupt keine Freunde mehr“, beklagt sich Frau Olden weiter. Ja, was denn nun? Eben noch sagt sie, Jessy schreibe mit ihren Freunden im Internet, und jetzt soll sie plötzlich keine mehr haben? Egal, die Lehrerin will Katja nicht länger den Abend versauen und verabschiedet sich, nicht ohne Katja noch einen schönen Geburtstag zu wünschen. Erneut fragt Katja sich, woher die olle Schrapnelle das weiß. Na ja, vermutlich aus dem Internet. Lehrer haben doch, wie wir gerade gelernt haben, in ihrer Freizeit eh nichts anderes zu tun, als ihre Schüler und damit verbunden offensichtlich auch noch deren Eltern auszustalken.

Jessy chattet in Abwesenheit ihrer Mutter im Wohnzimmer spät abends noch heimlich mit ihrer Internet-Freundin Chrissy. Die macht sie schnell darauf aufmerksam, dass ihre Mutter heimkommt. Zum Glück gibt es im Rahmen dieses Films nämlich die sogenannte „Wo-steckt-ihr?“-App (original mit Deppenbindestrichen), mit der offensichtlich nicht nur Jessy selbst, sondern auch ihre Chatpartnerin jederzeit andere Leute orten kann. Ja genau, DIESE Art Film ist das: Die Technik macht alles möglich, erst recht den Überwachungsstaat. Schnell sprintet Jessy vom Wohnzimmer in ihr Bett und wünscht Chrissy eine gute Nacht. Chrissy selbst bekommen wir nur angedeutet in einem abgedunkelten Raum als Schatten hinter durchsichtigen Duschvorhängen zu sehen, was vermutlich nichts Gutes zu bedeuten hat. Katja kennt ihre Tochter zu gut und weiß bei ihrem Kontrollgang zum Kinderzimmer ganz genau, dass sie noch nicht schläft und stellt sie wegen ihres Gesprächs mit der Lehrerin zur Rede. Da es sich bei Jessy um eine zwölfjährige Zicke handelt, die mit ihren Hormonen zu kämpfen hat, blafft sie nur: „Da gibt’s nichts zu reden.“ Und weil sie sich so ärgert, wirft Jessy auch gleich noch in den Raum, dass sie vielleicht doch besser zu ihrem Papa passen würde. Damit versetzt sie ihrer Mutter einen kleinen Stich, fürchtet sie doch, dass ihr Noch-Mann mittlerweile die Rolle des guten Onkels in Jessys Leben eingenommen hat, während sie Tag für Tag den Launen des Teenagers ausgesetzt ist. Dennoch haben sich beide lieb, wie die Knuddelattacke mit abschließendem Mama-Kuss auf die Wange ihrer Tochter zeigt.

Der nächste Tag. Katja arbeitet und beobachtet im Büro gegenüber, wie ihr Chef Torben bei ihrer Kollegin und besten Freundin Kirsten (also die eine von der Geburtstagsparty) eher unbeholfen versucht, den Eindruck zu erwecken, als würde er ihr auf ganz professioneller Schiene einen Arbeitsauftrag geben, obwohl man ihm von der Nasenspitze ablesen kann, wie er sie am liebsten in Grund und Boden vögeln würde. Entsprechend kann Katja sich auch eine kleine Mail an Kirsten über den Firmenserver nicht verkneifen: „Torben legt den Ring wohl nur bei dir im Bett ab.“ Ein offenes firmeninternes Geheimnis also, nur Torbens Frau weiß von nichts.

Da kommt Katjas Noch-Ehemann Micha auf einen Besuch vorbei. Dass die Ehe im Eimer ist, macht Katja gleich mal deutlich, indem sie ihn unbegründet vorwurfsvoll mit der Aussage konfrontiert, dass Jessy es bei ihm und seiner Freundin Maike möglicherweise schöner finden würde als bei ihr. Früh wird deutlich, dass der Drehbuchautor Timo Berndt an dem vorgegebenen Bestreben scheitert, Katja als große Sympathiefigur zu zeichnen, mit der der Zuschauer mitleiden soll – vermutlich im fatalen Glauben, man würde das automatisch tun, wenn sie nur von Publikumsliebling Annette Frier gespielt wird. Auf Michas „Ich bin froh, dass sie Maike akzeptiert“ bellt die angepisste, weil offenbar furchtbar eifersüchtige Katja ein „Darum geht’s, dass du gut dastehst, das ist so klar“ zurück. Sie berichtet Micha darüber hinaus von ihrem Gespräch mit Jessys Lehrerin, die ihr die Augen geöffnet hat: „Jessy trifft sich nicht mehr mit echten Menschen, immer nur Computer und Handy!“ Micha zeigt, dass er es sich in der Beziehung tatsächlich eher in der gemütlichen (und für mich weitaus sympathischeren) Guter-Sorglos-Onkel-Rolle bequem gemacht hat: „Das ist die Zeit, in der wir leben.“

Die verbiesterte Katja sieht das ganz und gar nicht locker und zeigt ihm, was ihre Tochter da in diesem bösen Internet alles so macht: „Kontakte, Daten – das sind so Online-Treffs.“ Ja danke, Katja, davon hat der eine oder andere 2012 bestimmt schon mal gehört. Interessanterweise sind auf Jessys eindeutig StudiVZ/Facebook entlehntem Profil sogar die Namen ihrer Eltern mit deren Geburtsdaten, Adressen und E-Mail-Adressen aufgeführt, was dann doch über das hinausgeht, was ich so in den sozialen Netzwerken kennengelernt habe. „Guck mal, da kann jeder sehen, was ich wann mache“, empört sie sich. Äh, wieso kann man sehen, was du machst, wenn das Jessys Profil ist? Was ist das für eine Seite? Davon abgesehen: Verbiete ihr das doch. Du bist ihre Mutter! „Na und?“, ist Micha ganz entspannt. Katja kann es nicht glauben, dass sie die Einzige ist, die sich hier aufregt: „Na und? Hast du schon mal was von Datenschutz gehört? Was soll das? Was sind Follower?“ Ihr Gatte kennt sich da etwas besser aus und kann ihr den Begriff erläutern. Wäre das geklärt, aber da wären ja noch die Bilder: „Fotos! Zig Fotos von mir! Ich will das nicht!“ Äh, noch einmal: Warum teilt Jessy Bilder von ihrer Mutter? Und auch an Katja nochmal: Hast du da vielleicht mal mit deiner Tochter drüber gesprochen? Es ist ja nun nicht so, dass du da machtlos wärst. Micha zuckt weiter mit den Schultern. Ist nicht sein Problem: „Die werden mit dem Internet groß. Die sind da unterwegs. Was willst du denn da machen?“ Micha, auch für dich: vielleicht mit Töchterlein sprechen? Katja ist aber nicht zu beruhigen und fragt verächtlich: „Machst du das auch? Chattest du mit Jessy?“ Da schweigt Micha nur. Selbst wenn – darf er das nicht? Als wären Chats per se verbotswürdig.

Jessy ist allein zu Hause und spielt online Tennis mit ihrer besten Freundin Chrissy, die ja – der Verdacht liegt nah – vielleicht nicht so das ist, was sie vorgibt zu sein. Der Verdacht erhärtet sich weiter, als wir Chrissys auf der Tastatur herumtippenden Hände in Großaufnahme sehen. Das sind entweder die haarigsten Frauenhände aller Zeiten oder ein Mann, der sich nur als zartes gleichaltriges weibliches Geschöpf ausgibt. Jessy klagt im Chat ihr Leid als Scheidungskind, und Chrissy gibt vor, dieses Gefühl nur zu gut zu kennen. Noch ehe aber Jessy da näher nachhaken kann, macht Chrissy sie dank der wieder ausgezeichnet funktionierenden „Wo-steckt-ihr?“-App auf ihre heimkommende Mama aufmerksam, weshalb sie sich verabschieden.

Katja kündigt durch lautes Rufen ihre Heimkehr an, bei Jessy klinkt aber das pubertäre Zicken-Gen ein, denn heute ist Freitag, und das bedeutet: Sie will endlich ins Wochenende zu Papa und seiner Freundin! Katjas Vorschlag, noch gemeinsam zu essen, lehnt Jessy mit dem Argument ab, dass Maike ihr schon ihr Lieblingsessen Bolognese gekocht hätte. Das nimmt Katja gekränkt zum Anlass, über die eigentlich nicht vorhandenen Kochkünste von Maike herzuziehen, und Jessy piekst noch so richtig schön rein in die Wunde: Maike hätte sich schon immer eine Familie gewünscht und dabei auch gern eine Tochter wie sie. Katja tut mehr schlecht als recht so, als hätte sie das überhört und erblickt auf dem Monitor des Laptops ihres Kindes das soeben mit Chrissy beendete Online-Tennisspiel. Das ist nur noch mehr Wasser auf ihre Mühlen: Anstatt über das Internet Sport zu treiben, solle sie doch mal in echt im örtlichen Tennisverein spielen: „Tu’s für mich.“ Nichts da – Jessy weigert sich. Katja kommt wieder mit Jessys Lehrerin um die Ecke, die behauptet hätte, Jessy habe gar keine Freunde. Das sieht das zickige Biest anders: Sie hat immerhin 221 Follower. „Das sind doch keine Freunde! Das sind irgendwelche Leute, die automatisiert über dich per E-Mail informiert werden, oder nicht?“ Oh Herr, was strafst du mich mit diesen hysterischen Nervensägen?

Jessy versucht, sich ihrer blaffenden Mutter zu entziehen, indem sie in ihr Zimmer stürmt, aber keine Chance, die läuft ihr einfach hinterher und schimpft: „Du musst mal wieder raus!“ Das war sie doch eben. Mit dem Laptop auf der Veranda. Katja findet ihre Tennis-Idee gar nicht schlecht und entscheidet kurzerhand für ihre Tochter: „Ich meld’ dich da jetzt an!“ Mach nur, Katja – die eigenen Kinder haben es immer gern, wenn die Eltern für sie entscheiden, worauf sie gefälligst Bock zu haben haben. Verständlich, dass sie so nicht Jessys Tochterherz zurückerobert. Im Gegenteil: Jessy hat die Faxen dicke und möchte lieber den Bus nehmen, statt sich von Mama zu Papa fahren zu lassen. So nicht, junge Dame – Katja knallt die von Jessy geöffnete Haustür wieder zu und will ihr mit Gewalt eine Entscheidung einbläuen, bei der ihre Tochter nur verlieren kann: „Entweder Tennis – oder ich zieh’ hier den Stecker!“ Fünf Minuten Zeit gibt sie ihr zum Nachdenken. Jessy reagiert, wie es alle Kinder tun, wenn sie nicht mehr weiter wissen: Sie rennt trotzig in ihr Zimmer und schließt die Tür so laut, dass die Wände wackeln.

Für Katja steht die Entscheidung ohnehin schon fest – nicht nur meldet sie kurzerhand Jessy über ihr Notebook mittels Kontaktformular beim nächstbesten Tennisklub an, sie überweist auch gleich eine Quartalsgebühr von 74 Euro. Damit nicht genug, dass Katja ein unausstehlicher Kotzbrocken ist, sie ist obendrein noch dumm wie Hulle. Jessy vertraut sich in der Zwischenzeit in ihrem Zimmer verzweifelt Chrissy an und lässt ihrem Kummer über die bevorstehende Internetabstellung freien Lauf. „Keiner darf uns trennen! Wir gehören zusammen“, schreibt ihr vermeintlich verständnisvolles Gegenüber und trifft damit genau Jessys Nerv. Obwohl er Katja gar nicht kennt, trifft er vorbereitende Maßnahmen für einen Gegenangriff gegen die schreckliche Mutter: Er kopiert Bilder von Katja aus öffentlichen Profilen auf seine Festplatte. Wer im Glashaus sitzt – Katja ist selbst mit Klarnamen in den sozialen Netzwerken unterwegs und präsentiert sich dabei in einem digitalen Fotoalbum beim feuchtfröhlichen Saufen mit ihren Freundinnen. Hat da etwa jemand selbst nicht so ganz das Internet verstanden? „Wo bist du gerade?“, fragt Jessy Chrissy, worauf sich die Finger des unbekannten Mannes an seinem Monitor dramatisch verkrampfen. Das soll wohl zeigen, dass ihm die Frage nicht gefällt. „In meinem Kinderzimmer“, lügt er.

Die fünf Minuten Bedenkzeit sind um. Katja will mit ihrer Tochter reden, aber Jessys Entscheidung steht: Sie will nicht Tennis spielen. „Du kannst doch einmal da hingehen. Das ist doch wirklich nicht zu viel verlangt“, fleht Katja, die sich hoffentlich schon in den Arsch beißt, dass sie 74 Euro Gebühren in den Orkus geblasen hat. Das Streitgespräch bekommt Chrissy von seinem Standort aus hautnah mit, weil er Jessy – im Gegensatz zu ihr – über ihre integrierte Laptopkamera beobachten kann. Dabei verkrampfen wieder dramatisch seine Finger. Katja hat genug von so viel Widerborstigkeit und macht ernst: Sie greift sich Jessys Rucksack, entnimmt das Handy und wird ihr stattdessen ihr eigenes altes (ohne Internetzugang) überlassen. Dann wetzt sie die Treppe hoch zum Modem – und rupft einfach sämtliche Stecker raus! Wow, beeindruckende Nummer, Katja. Gerade noch rechtzeitig kann Jessy Chrissy mitteilen, dass die Verbindung gleich getrennt sein wird. Das gefällt ihm gar nicht. Jedenfalls interpretiere ich seine erneute Fingerverkrampfung mit anschließendem Faustschlag auf den Schreibtisch so.

Danach kriegt sich Chrissy aber wieder unter Kontrolle. Kurz die Finger verkrampft, zieht er weitere Katja-Bilder auf seine Festplatte. Und weil er damit allein nicht so viel anfangen kann, hackt er sich auch gleich noch in Katjas Mailaccount ein. Kinderleicht geht das. 1. Er kopiert ihre frei in einem sozialen Netzwerk einsehbare Mailadresse. 2. Er klickt „Passwort vergessen“ an und bekommt die Sicherheitsfrage „Name der Grundschullehrerin“ gestellt. 3. Er recherchiert ein paar Sekunden in Katjas Netzwerk-Kontakten und findet eine Grundschullehrerin. 4. Er gibt ihren Namen ein – und ist drin! Das war ja einfach! Wer so naiv wie Keifkreische Katja mit ihren privaten Daten umgeht, muss sich nicht wundern, wenn ihre Daten missbraucht werden.

In den Mails findet Chrissy ganz interessante Informationen, z.B. die Bestätigung des gerade überwiesenen Mitgliedsbeitrags für den Tennisverein und die Benachrichtigung eines ersteigerten Artikels über die Pseudo-Ebay-Plattform Buytago. Dort führt sie den Benutzernamen Schnaeppchen74 (einfallsreich). Im Posteingang steht Schnaepchen74 mit nur einem „p“ (schieben wir diesen Fehler mal auf den Continuity-Meister dieses Films). Da Katja günstigerweise dieselbe Sicherheitsfrage wie bei ihrem Mailaccount gewählt hat, ist er flugs in ihrem Buytago-Account eingeloggt und kann in ihrem Namen gleich mal ein Gebot für eine billige Vase abgeben. Das aktuelle Gebot liegt bei 4,50 Euro. Er selbst gibt einfach ein Gebot von satten 5.200 Euro ab. Womit er für Katja die Vase auch gleich für eben diese 5.200 Euro ersteigert hätte. Äh. Kann es sein, dass der Drehbuchautor noch nie selbst auf einer Internetauktion dabei war? So funktioniert das doch nicht. Die 5.200 Euro würden doch nur fällig werden, wenn es einen weiteren Bieter gäbe, dessen Schmerzgrenze bei 5.199 Euro läge. Ist Chrissy wumpe, der sein Glück über die Beschränktheit seines Opfers vermutlich kaum fassen kann und sich abschließend – vermutlich mit demselben Trick – auch noch in ihr Online-Banking einhackt und darüber gleich die vierstellige Summe für die Vase abbucht. Wie gesagt: Was für eine dumme Nuss! Jetzt mal ganz unabhängig davon, wie realistisch dieser gleich dreifach kriminelle Akt ist.

Zurück in die Gegenwart zum Verhör, bei dem Bulle Redel von Katja alles ganz genau wissen will. Wir bleiben nur kurz hier. Dann geht es auch schon wieder in die Vergangenheit, wo die noch nichtsahnende Katja nach dem heftigen Streit ihre hochgradig stinkige Tochter bei Papa Micha und Freundin Maike abliefert. Jessy kann es gar nicht erwarten, ihre Mutter wenigstens fürs Wochenende los zu sein und den beiden, die sie schon erwarten, freudig um den Hals zu fallen. Katja kann diese Glückseligkeit nur traurig von ihrem Fahrersitz aus betrachten.

Allein gelassen möchte Katja gern noch schnell Geld abheben, doch wir ahnen bereits, was da gleich auf dem Bankautomaten stehen wird: „Der gewählte Betrag steht nicht zur Verfügung. Die Karte wird einbehalten.“ Das kann in ihren Augen natürlich nur ein Irrtum sein. Zum Glück erwischt sie gerade noch eine Bankangestellte beim Abschließen der Bank, die sich breitschlagen lässt, Überstunden zu schieben und ihr bei ihrem Problem zu helfen.

Oder auch nicht. Es stellt sich heraus, dass bei dieser Bank der Kunde eher Hartz-IV-Empfänger denn König ist, dem man mit aller gebotenen Herablassung begegnen muss. Als wäre sie das weibliche Pendant von Hans Landa, der einen Bauern beim Lügen erwischt, verfinstert sich die Miene der Bankangestellten beim Blick auf das hoffnungslos überzogene Konto. Katja ist 3.200 Euro im Minus, und zum Beweis dreht sie ihr den Monitor mit den aufgeführten Abbuchungen hin. Katja kann sich die abgebuchte Summe von 5.200 Euro für eine Vase nicht erklären, aber statt von selbst darauf zu kommen, dass sich da womöglich von außen jemand widerrechtlich Zugang zu ihrem Konto verschafft haben könnte, unterstellt die Angestellte ihr relativ unverblümt, ihr hier was vom Pferd zu erzählen. „Sie sammeln doch Vasen, oder?“, fragt sie und bringt die irritierte Katja damit vollends aus dem Konzept: „Woher wissen Sie das?“ Die Frau erklärt ihr, dass man als Bank durchaus einen Überblick über die Abbuchungen hätte, zumal immer ein Verwendungszweck angegeben sei. „Da steht, was ich kaufe?“, fragt Katja mit großen Augen. Dieses Internet ist augenscheinlich noch Neuland für sie. Die Bankangestellte stellt die These in den Raum, dass ja auch ihr Mann Zugang zu ihrem Passwort haben könne. Und der hätte ja sogar einen Grund, weil er und Katja zwar noch nicht geschieden wären, aber getrennt leben würden. Sonst würde er ja wohl kaum regelmäßig Geld für ihre Tochter überweisen. Oha, da hat eine aber ganz genau die Kontoabbuchungen studiert. Katja behagt es merklich nicht, dass diese Frau so viel über ihr Leben Bescheid weiß, würde das aber etwas lockerer nehmen, wenn sie denn trotzdem Geld abheben könne. „Aber Sie haben kein Geld mehr, Frau Waiser“, zieht sich die Angestellte auf den Selber-schuld-Standpunkt zurück und rät ihr mit immer noch anklagender Stimme, zur Polizei zu gehen. Kein Mitgefühl für Dummköpfe. Eine Bank mit Herz.

Das Skript hat offenbar vergessen, dass Katja Jessy eben gerade fürs Wochenende eigentlich bei ihrem Mann abgeliefert hatte, denn in der kommenden Szene ist Jessy schon wieder bei ihrer Mutter zu Hause und möchte mit Chrissy Kontakt aufnehmen. Ihr Versuch, ins Internet zu gelangen, scheitert daran, dass sie sich nicht mit ihrem WLAN-Passwort einloggen kann. Anscheinend hat Katja also eingesehen, dass ihre Aktion, dem Modem sämtliche Kabel zu ziehen, nicht sonderlich gut durchdacht war, zumal dann ja auch sie selbst nicht mehr ins Internet kommt, und hat dann doch lieber nur das Passwort geändert, das Modem aber wieder angeschlossen. Allerdings kann ich nur schwerlich die Kröte schlucken, dass Katja, die absolute Web-Nulpe, weiß, wie man ein Passwort ändert. Hallo, ich glaube ja viel, wenn der Tag lang ist, aber das? Niemals. Chrissy schreibt zunehmend verzweifelt „Jessy, bist du da?“-Nachrichten, die aber im Nirwana landen und ihn deshalb so wütend werden lassen, dass er seinen Laptop zuklappt und Sachen vom Tisch schleudert.

Dass sich der Autor hoffnungslos in der Zeitabfolge seines Drehbuchs verheddert hat, erkennen wir auch daran, dass Katja in der folgenden Szene auf Arbeit ist und dort ihren Göttergatten zur Rede stellt. Eigentlich war ja nach dem Streit mit ihrer Tochter Freitagnachmittag. Warum sonst hätte sie Jessy fürs Wochenende zum Papa gefahren? Und warum sonst hätte die Bankangestellte schon Feierabend gemacht? Und nun ist Jessy plötzlich wieder zu Hause bei ihrer Mutter, während Mama und Papa arbeiten? Gut, theoretisch könnten wir auch schon einen Zeitsprung hinter uns haben, und es könnte Montag sein. Dann müsste Jessy aber eigentlich in der Schule sein. Und vor allem: Das würde bedeuten, dass Katja trotz der mysteriösen 5.200-Euro-Abbuchung das ganze Wochenende abgewartet hätte, ohne zur Polizei zu gehen. Die hat echt die Ruhe weg. Das hätte ich nicht. Dass sie dort noch nicht war, wissen wir zu diesem Zeitpunkt noch nicht, werden wir aber in Kürze erfahren.

Katja wirft Micha (den sie ja aber sowieso gefressen hat) ohne jeden Beweis diverse Anschuldigungen an den Kopf, auf die er mittelschwer entgeistert reagiert. Vielleicht keine ganz so gute Taktik, wenn dieses Gespräch doch eigentlich aus Sicht von Katja darauf hinauslaufen sollte, sich von ihm Geld zu leihen. Micha würde das vielleicht tun, allerdings wurde ihm von seinem Anwalt davon abgeraten, vor dem Scheidungstermin noch in finanzielle Verpflichtungen mit ihr zu treten. „Das hat dir alles diese Schlampe eingeflüstert“, keift Katja über die abwesende Maike, und ich suche nach wie vor vergeblich nach einem sympathischen Charakterzug bei der Hauptfigur. Weil sie bei ihrem Mann auf Granit beißt, bricht sie die Unterhaltung wutentbrannt ab. Kirsten im Nebenbüro weist Katja auf ein eben angenommenes Paket hin. Es ist die für 5.200 Euro ersteigerte Vase!

Wir brauchen einen kurzen Hinweis, dass diese Szenen immer noch in der Vergangenheit spielen. Deshalb sind wir gleich wieder kurz im Verhörraum, wo Katja in aller Ausführlichkeit ihre Story erzählt. Ich habe ja irgendwie die Befürchtung, dass der Flashback-Aufhänger dieses Films sich noch als überflüssig wie ein Kropf darstellen wird.

Im Flashback stürmt Katja in ihrer nächsten Amtshandlung dann doch endlich mit dem Karton mitsamt der Vase das Polizeirevier – mit wild entschlossenem Blick, weshalb uns dieser Gang auch in Zeitlupe präsentiert wird. Zieht euch warm an, hier kommt Katja! Sie wird auf die Abteilung für Internetkriminalität verwiesen und bekommt es dort mit dem Polizisten Redel zu tun, den wir ja schon aus der Gegenwartshandlung kennen. Das wirft einen weiteren logischen Fehler auf: Warum bittet der sie dann aber gerade in der Gegenwart, die ganze Geschichte von Anfang an zu erzählen, wenn sie es doch offensichtlich schon in dieser Szene getan hat? Nun, ich verstehe natürlich, warum sie das alles doppelt erzählen muss. Damit auch wir Zuschauer wissen, was Sache ist. Sinn macht das aber nicht.

Redel legt eine bemerkenswerte Gelassenheit dafür an den Tag, dass die mal wieder völlig aufgedrehte Katja sich erst wie der Elefant im Porzellanladen aufführt (nach dem Motto: „Achtung, jetzt komm’ ich, und ich bin ganz wichtig!“) und dann unverschämt wird. „Sind Sie überhaupt qualifiziert?“, fragt sie. Allerdings ist seine Expertise in der Tat hinterfragenswert, weil er sich als eher altkonservativer Vertreter unserer Gattung zu erkennen gibt. Er gesteht, seine Bankgeschäfte nicht online zu tätigen und nicht mal Punkte zu sammeln, damit sein Einverkaufsverhalten nicht registriert wird. Ich bedaure ihn für diese Einstellung. „Wo Daten erhoben werden, da werden Daten auch missbraucht“, sagt Redel achselzuckend. Für eine zeitnahe Klärung der dubiosen 5.200-Euro-Zahlung macht er ihr auch keine Illusionen, so etwas zieht sich in der Regel über zwei, drei Jahre. „Mit dieser Einstellung sollten Sie Totengräber sein“, seufzt Katja. Redel schlägt vor, dass sie die Ware doch dem unterlegenen Bieter anbieten könne, die Differenz zu Katjas Gebot sei ja eh nur ein Katzensprung gewesen. Damit widerspricht er dem, was wir vorhin gesehen haben: Da waren das letzte Gebot läppische 4,50 Euro. Aber gut, für manche sind 5.195,50 Euro Differenz vielleicht ein Katzensprung. Als Bulle verdient man offenbar doch nicht so schlecht, wie ich dachte. Katja ist mit dem Vorschlag einverstanden. Redel mit seiner schicken Polizeimarke will ihr mit ein paar Anrufen sogar helfen.

Von den Schwierigkeiten ihrer Mutter ahnt Jessy nichts. Für sie zählen ohnehin lediglich Internet, Internet, Internet, Chat, Chat, Chat, Chrissy, Chrissy, Chrissy. Und sie findet in der Schule einen Weg, an dieses Ziel zu kommen. Sie loggt sich einfach heimlich ins WLAN der Schule ein und kann so endlich wieder mit Chrissy schreiben. Während sie das tut, schleicht sich heimlich ein POV-Shot an sie heran. Regisseur Dommenget kennt sein Thriller-Handbuch. Könnte allerdings aufregender sein, wenn wir nicht wüssten, dass es Chrissy nicht sein kann, weil der ja gerade in seinem Kabuff mit Jessy tippt. Folglich ist er es auch nicht. (Ach?) Vielmehr ist es ein gewisser Lars, ein Mitschüler von Jessy, dem man den Klugscheißerstatus von der ersten Sekunde an ansieht und dem ich daher auch umgehend eine langsame qualvolle Verhackstückung an den Hals wünsche. „Was willst du denn hier?“, fragt Jessy erschrocken. „Wissen, was du hier willst“, antwortet Lars. Ein kleiner Stalker also. „Ich weiß, dass du hier bist, weil ich dein Freund bin“, ergänzt er. Ehe das alles zu abstrus wird, klärt er auf: Er sei einer ihrer Follower, und denen hätte Jessy ja schließlich das Orten erlaubt. Was für eine Spionage-Plattform ist das eigentlich, auf dem die sich da herumtreiben? Dagegen ist ja die Luca-App ein Datenschutzwunder. Zu meinem Entsetzen wird Lars noch wichtig, weil er sich besser als alle anderen in diesem Film mit dem ganzen Internetkram auskennt. Auf Jessys Hinweis hin, dass sie hier notgedrungen ins Internet geht, weil ihre Mutter zu Hause das Passwort geändert hat, will der kleine Schleimer ihr bei diesem technischen Problem unterstützend unter die Arme greifen. „Kinderkram, Kleinigkeit“, meint der Rotzlöffel naseweis und hätte sich in einem besseren Film dafür bereits einen Schlag in die Fresse abgeholt. „Du willst mit deiner Freundin Chrissy chatten, stimmt’s? Ich hab’s in deinem Chatprofil gelesen. Die meisten Kontakte hast du mit ihr“, zeigt er sich interessiert. Und ich frage nochmal: WAS FÜR EINE SPIONAGE-PLATTFORM IST DAS?

Inzwischen hat Redel die versprochenen Anrufe geführt – mit leider vernachlässigenswertem Erfolg. Es gab fünf Mitbieter, alle fünf haben ihre Accounts gelöscht. Katja sieht ihre Felle davonschwimmen und greift nach dem letzten Strohhalm: Was ist mit dem Verkäufer? Könnte man den nicht fragen? Redel beweist, dass ihm nichts ferner liegen würde als vernünftige Polizeiarbeit: „Das ist unwahrscheinlich. Der hat sich gewundert und dann gefreut.“ Damit hätte sich die Angelegenheit ein für allemal erledigt. Redel macht ihr wenig Hoffnung, das Geld je wiederzusehen: Auch die Identität der gelöschten Mitbieter wird keiner mehr ermitteln können, denn die sind natürlich alle kriminell, verschleiern ihre IP-Adresse und fahren quer durch die Stadt, um sich in ein offenes WLAN einzuloggen. Er spricht also genau das aus, was wir eh schon wussten: Online-Auktionisten sind Schwerverbrecher, wenn nichts Schlimmeres.

Jessy bringt mit Lars den vermutlich ersten Jungen mit nach Hause – wenn schon nicht für den ersten Kuss mitsamt optionaler Fummeleinlage, dann doch wenigstens für heimliches Passwortknacken, um endlich wieder chatten zu können. Die Tatsache, dass Lars ein neunmalkluger Schnacker ist, hat zur Folge, dass er in diesem Film auch die Rolle des Uns-allen-das-Internet-Erklärers einnimmt. „Gut ein Viertel der Netze sind ungeschützt, offen wie ein Scheunentor. Du brauchst fast nirgendwo in der Stadt einen eigenen Zugang“, markiert er den Checker, und ich möchte ihn so gern verprügeln.

Ich weiß nicht, warum Regisseur Dommenget unmotiviert zwischen Jessys Eskapaden und Katjas Aufenthalt bei der Polizei hin- und herschaltet, als gelte es, durch eine Parallelmontage Spannung erzeugen zu müssen, aber muss er ja wissen. Redel weiß nicht so recht, was Katja jetzt noch von ihm will, weil doch nichts mehr zu machen ist (außer eben den Verkäufer zu kontaktieren, aber das hat ihr Redel ja ausgeredet): „Was erwarten Sie denn? Dass ich meine Waffe zücke und den Vasenkerl erschieße?“ „Ja, das würde mich sehr beeindrucken“, antwortet sie sarkastisch. Für Redel allerdings steht fest: Da will jemand Katja schaden, und das ist viel schlimmer als die läppischen 5.200 Euro. Wie er auf den Trichter kommt, dass ihr jemand schaden will, wo die Abbuchung doch eine einmalige Angelegenheit gewesen sei kann, mag er uns aber nicht sagen.

Der oberschlaue Lars findet heraus, dass es vier WLAN-Netzwerke in der näheren Umgebung gibt. Eines davon gehört Nachbar Jensen, und dessen Internet ist so lahm, dass Lars exzessives Herunterladen von Pornos vermutet. Jessy ist skeptisch, ob Lars wirklich hinter das neue Passwort kommen kann, aber der ist sehr zuversichtlich: „Können wir knacken. Hab’ einen Internetstick!“ Schön für dich, Lars, und inwiefern hilft das jetzt Jessy weiter? Nun ja, immerhin weiß er schon mal Folgendes: „Passwörter haben meistens was mit den Leuten zu tun, die sie setzen … Also Tiernamen, zweite Vornamen plus Zahlen und Geburtsdatum rückwärts oder so.“ Aus dem Grund wirft er mithilfe seines tollen Internetstick gleich mal einen Blick auf Katjas Profil in einem sozialen Netzwerk, um sich Anregungen zu holen. „Deine Mutter sammelt Vasen, abgefahren!“, staunt Lars. Echt krass. Fast so aufregend wie Briefmarkensammlungen. Und er findet noch mehr: Katja nutzt einen Online-Kalender! „Standardmäßig öffentlich, keine Sicherung angeklickt. Anfängerfehler!“, sagt Lars und grinst überheblich, weil ihm das natürlich nie passieren würde. Er nähert sich auf meiner Sympathieskala unaufhaltsam den schrecklichen Kindern in Fulci-Schmodderfilmen an. Leider gäbe es in Fulci-Schmodderfilmen auch eine weitaus höhere Wahrscheinlichkeit, dass er später noch von einem Zombie gefressen wird.

Da betritt auch schon die eher abwesende Katja das Haus und wundert sich kurz, dass ihre Tochter mal wieder Besuch aus Fleisch und Blut hat. Vermutlich würde sie anders reagieren, wenn sie wüsste, dass Jessy und Lars gerade nicht Hausaufgaben machen, wie sie vortäuschen. Als ihre Mutter sie wieder allein lässt, sammelt Lars genügend Informationen zusammen, um den ersten Hackversuch zu starten. Mit Erfolg: Er generiert aus den Keywords „Luise“, „Geburtsdatum 04061974“ und „Duisburg“ auf Anhieb das richtige Passwort! Damit auch Jessy sich einloggen kann, wiederholt er für sie die Daten: „Luise, 47916040“, kurzum: Katjas zweiter Vorname und ihr Geburtsdatum rückwärts, genau wie er schon anfänglich angenommen hatte. Ich hinterfrage mal nicht, wie die Erarbeitung der Lösung technisch überhaupt funktioniert haben soll (und wozu er Keywords ermitteln musste, wenn er doch eh nur den zweiten Vornamen und das Geburtsdatum brauchte – Informationen, die er sich auch gleich von Jessy hätte holen können), möchte aber noch einmal betonen, dass Katja eine dermaßen dämliche Ziege ist, dass es ein Wunder ist, dass sie erst fast 40 Jahre alt werden musste, um Probleme dieser Art zu bekommen. Wie dem auch sei: Jessy ist dem kleinen Retter so dankbar, dass sie ihm einen Blick zuwirft, der wohl ausdrücken soll: „Hui, wie cool und klug er ist! Und was sind das für Schmetterlinge in meinem Bauch?“ Ich bitte dich, Jessy. Ist das dein Ernst? Gehen wir bitte sofort weiter, bevor ich mich übergebe.

Katja wühlt auf dem Dachboden in alten Kartons. Jessy, mittlerweile wieder allein, fragt sich, was das soll. Ihre Mutter braucht dringend die Notgroschen aus dem alten Sparschwein, weil die Bank sie nicht mehr an ihr Konto lässt. Jessy erinnert sie daran, dass sie das Sparschwein doch bereits letztes Silvester geköpft hätte. Oh, stimmt ja. Mist, und nun? Nun pumpt Katja ihre eigene Tochter um etwas Geld an. Die hat aber nur noch 50 Euro von Papa. „Papa gibt dir zwischendurch Geld?“, kann Katja sich selbst in dieser Notlage einen Spruch gegen ihren großzügigen Noch-Mann nicht verkneifen. Das offerierte Geld nimmt sie letztlich dennoch gerne an. Hochwissenschaftlich malt sie mit dem Filzstift ein Schaubild an eine weiße Leinwand: „Ich“, „Konto“, „Passwort“, „www-Adresse“ und ein Fragezeichen. Sie kreist die Begriffe ein und zeichnet Linien. Ich glaube, sie weiß selbst nicht so recht, was sie damit eigentlich will, aber es sieht halt irgendwie so aus, als hätte sie einen Plan.

Unser Finsterling Chrissy, Jessys vermeintlich beste Freundin, holt zum nächsten Schlag aus. Er mag vielleicht wieder mit Jessy kommunizieren können, aber wenn er schon mal Zugriff auf die hochsensiblen Daten der Mutter seines angepeilten Opfers hat, kann er sich das für weitere Schandtaten zunutze machen. Diesmal gelingt es ihm sogar, sich in Katjas Firmenserver einzuhacken (langsam wird’s doch etwas lächerlich). Er nutzt den frei zugänglichen Online-Kalender, den uns Lars ja eben schon kurz angeteasert hat, für irgendwelche hochgradig bösen Angelegenheiten. Wir werden es sicherlich schon sehr bald erfahren, welche das sind.

Am nächsten Tag bringt Katja Jessy mit dem Auto zur Schule und setzt sie dort ab. Weil sie aber wie gesagt gelinde ausgedrückt nicht die hellste Kerze auf der Torte ist, hat sie bis zu diesem Moment keinen Blick auf ihre Tankanzeige geworfen und wird nun während der Autofahrt davon überrascht, dass der Wagen kein Benzin mehr hat. Wer dumm ist, muss geprügelt werden, so drückte sich mein ehemaliger Klassenlehrer mal aus. Immerhin hilft ihr Hintermann ihr dabei, den Wagen noch schnell an den Straßenrand zu schieben, fährt dann aber eilig weiter. Katja greift zum Handy und ruft nicht etwa beim ADAC an, sondern fragt Arbeitskollegin Kirsten um Hilfe. Das heißt: Sie versucht es zumindest. Da die nach einem „Fahr zur Hölle, Katja“ sofort auflegt, kommt sie nämlich nicht weit.

Katja weiß nicht so recht, was sie mit dieser Nachricht eben anfangen sollte, als sie bestimmt verspätet zur Arbeit kommt. Zu ihrer Überraschung ist Kirsten nicht da, dafür aber ihr Chef Torben, der sie unverzüglich in sein Büro bittet, wo er sie zur Sau machen kann. Seine Wut ist nachvollziehbar, muss man sagen, denn Katja hat über ihren Account eine Mail verschickt, in der sie die außereheliche Affäre zwischen Kirsten und Torben ausposaunt. Diese Mail ging neben der gesamten Belegschaft sogar an Torbens Frau persönlich, die nun – und auch das nicht ganz unverständlicherweise – die Scheidung fordert. Gegen diesen Anschuldigungs-Torpedo kann die sturmreif geschossene Katja nicht viel ausrichten. Jeder Versuch, sich zu erklären, wird abgeblockt. „Du bist gefeuert! Fristlos! Raus mit dir!“, macht Torben unmissverständlich klar.

Da diese Indiskretion allein als Kündigungsgrund möglicherweise noch gerichtlich anfechtbar wäre, hat Chrissy in seiner Zerstörungswut am Vortag aber noch einen rausgehauen: Er hat in den Firmenkalender für Katja Arzttermine eingetragen, die er dem Online-Kalender entnommen hat und aus denen hervorgeht, dass sie wegen einer länger zurückliegenden Borreliose in Behandlung ist – und eben dies hat sie Torben beim Vorstellungsgespräch verschwiegen, obwohl aus einer solchen Borreliose zusätzliche Krankheitstage hätten anfallen können. Das wäre beim Chef vorab meldepflichtig gewesen. Ach Katja, ich würde dich ja wirklich herzlich gern verteidigen, aber das kann ich einfach nicht.

Auf gut Glück betritt die frisch Entlassene ein Café – vermutlich der Ort, in dem sie häufiger mit Kirsten in der Mittagspause was trinken geht. Na ja, jetzt wohl nicht mehr. Und tatsächlich sieht sie sie dort an einem Tisch sitzen, in den Armen von Freundin Barbara und tränenüberströmt. Weil wir uns in einem schlechten TV-Film befinden, weigern sich die beiden wie eben schon Torben, Katja ihre Version der Dinge schildern zu lassen. Sie können sich offenkundig nicht eine Sekunde lang vorstellen, dass sie einem E-Mail-Hacker zum Opfer gefallen sein könnte. Welches Motiv hätte Katja gehabt, Petze zu spielen? Sie schadet sich letztendlich damit doch nur selbst. Was für Freundinnen sind das überhaupt, dass sie sie nicht mal anhören? Kirsten steht auf und sucht heulend das Weite, Barbara folgt ihr. Dabei lässt Kirsten ihr Handy liegen. Katja könnte nun theoretisch hinterherlaufen und es ihr zurückgeben. Stattdessen sackt sie es aber einfach selbst ein?! Ich würde mich als toleranten Menschen bezeichnen. Katja aber stellt mich da doch arg auf die Probe. Was soll das? (Das erfahren wir natürlich gleich.)

Wieder daheim möchte sich Katja einen Reim darauf machen, was da jetzt schon wieder vorgefallen ist. Deshalb begibt sie sich umgehend auf den Dachboden und ergänzt ihr rätselhaftes Schaubild um weitere Krakeleien. Auch wenn es auf der DVD-Hülle (siehe oben) prominent hervorgehoben ist – vergesst das Schaubild bitte einfach, es ist das letzte Mal, dass wir es in diesem Film sehen werden. Jessy kommt nach Hause und hat Abtreibungsgrund Lars mitgebracht. Die Kinder sind verwundert über den schlechten Gemütszustand der toughen Powerfrau (sorry, ich habe sie mit Danni Lowinski verwechselt). Katja rückt raus mit der Sprache (wenn auch nicht mit jedem schmutzigen Detail): Sie hätte einen Feind, der sie fertigmachen möchte. Das sei auch der Grund, warum sie ihr E-Mail-Passwort erneuert hätte. Da ist sie bei Lars natürlich gleich beim Richtigen gelandet: „Das nützt gar nichts. Ist doch klar. Jemand hat Zugriff auf Ihren E-Mail-Account. Sie haben Ihr Passwort nicht genügend geschützt, jede Wette.“ Der Drang zum Töten steigt umgehend wieder. Es ist nicht mal nur dieses altkluge Gelabere. Es ist das permanente überhebliche Grinsen, das einfach aus seinem Gesicht gemeißelt gehört. Und er provoziert einfach immer weiter: „Die E-Mail ist wie die gute alte Postkarte. Jeder kann sie lesen, wenn er es drauf anlegt. Hat er Ihre E-Mail-Daten, hat er gewonnen.“ Leider hat dieser menschgewordene Alptraum aber auch leichtes Spiel bei Katja, die sich, bereits zwölf Jahre im 21. Jahrhundert steckend, erbärmlich schlecht mit der digitalen Welt auskennt: „Gut, dann hilft nur noch Steckerziehen.“ Das führt zu weiteren Ausführungen, die von meiner Seite aus die Gräben zu Lars nur noch vertiefen. „Einmal im Netz, immer im Netz“, schließt er seine Sonntagsrede. Ähnlich wie bei dir, Lars: Einmal scheiße, immer scheiße.

Katja ist beeindruckt ob der Kenntnisse ihres mehr als dreimal so jungen Gegenübers und reicht ihm Kirstens stibitztes Handy: „Kannst du das knacken?“ Lars ist erstaunt über die kriminelle Ader dieser Frau, die doch scheinbar kein Wässerchen trüben kann: „Gezockt? Sie sind ja drauf!“ Du bist auch drauf, Lars, und zwar auf dünnem Eis, auf das ich dich schleudere, wenn du nicht gleich die Schnauze hältst. Katja möchte aber so gern die Mail lesen, die sie an Kirsten und noch diverse andere Personen verschickt haben soll, was zu weiteren klugscheißerischen Anwandlungen dieses … mir fällt jetzt schon kein ausreichend abwertendes Wort mehr für ihn ein … abscheulichen Wesens führt: „Die Sachen sind auf dem Server, Frau Waiser. Sie brauchen nicht den Empfänger. Sie sind der Absender, ob Sie es wollen oder nicht.“ Mensch, Katja, nun provozier den Jungen doch nicht ständig! Für Lars ist es natürlich nicht weiter schwer, mit einigen wenigen Klicks an die gewünschte Mail zu kommen. Katja sieht sie und schlägt sich entsetzt die Hände vors Gesicht. Das soll sie geschrieben haben?

Da sie ja sonst niemanden hat, wendet sich Katja telefonisch an den netten Herrn Redel, dem sie sofort einen Besuch abstatten möchte. Der hat aber leider auch nur einen Acht-Stunden-Tag, und so ruft sie ihn nach Dienstschluss an, doch zum Glück für sie ist er ein sozial veranlagter Mensch, der ihr auch im Feierabend noch eine helfende Hand anbietet. Deshalb macht er mit ihr einen Treffpunkt aus. Nach der Beendigung des Telefonats wird Redel von seinem Kollegen zur Rede gestellt, der das Gespräch mit angehört hat: „Du stehst total auf Blond, oder?“ Nein, bitte nicht auch noch eine Romanze zwischen Opfer und Bullen einbauen. Bitte. Bitte. Bitte.

Im düsteren Shower Curtain Land tippt Chrissy an seinem Laptop herum. Katja ist längst am Boden, aber das reicht ihm immer noch nicht. Fein säuberlich hakt er nacheinander seinen persönlichen Rachefeldzug-Plan ab. Er loggt sich in ihre Mails ein und findet einen E-Mail-Austausch mit ihrem Vermieter, den er doch glatt für seine Zwecke nutzen kann. Ich dachte, Katja hat ihr Passwort erneuert. Sie hat aber die Sicherheitsfrage beibehalten? Oh Herr, schmeiß Hirn vom Himmel, aber ziel gut. Just in dem Moment steht auch Jessy der Sinn nach etwas Plausch und berichtet Chrissy abermals von ihrem schweren Los, zukünftiges Scheidungskind zu sein. „Sie denkt nur an sich, nie an dich“, schreibt er ihr. Jessy würde sich gern einmal mit Chrissy treffen. Die Anfrage lässt wieder seine Finger verkrampfen. Ja, er ringt mit sich. Man merkt’s. Subtile Botschaften in einem subtilen Film. Nach kurzem Zögern willigt Chrissy ein. Wie wär’s mit einem Treffen Ende der Woche? Oh-oh, pass auf, Jessy!

Katja macht sich mit dem Fahrrad auf dem Weg zu der mit Redel vereinbarten Adresse und ist verwundert, weil die Adresse doch sehr stark nach Mehrfamilienhaus aussieht. Sie betritt das Treppenhaus und weiß nicht so recht, wo sie hin soll. Sie muss sich nicht lange fragen, weil im nächsten Moment Redel mit einer Weinflasche in der Hand aus dem Keller kommt. Will er sie etwa abfüllen, der Schwerenöter? Katja zeigt sich zunächst irritiert, hätte sie doch eigentlich gedacht, man würde sich in einer Behörde treffen, aber wenn’s denn seine eigene Wohnung sein soll – warum nicht?

„Wann hat alles angefangen?“, fragt Redel Katja. Also, Berndt, ich finde es ja gut, wenn du hin und wieder die bisherige Handlung rekapitulierst, falls der Zuschauer den Faden verloren hat, aber das wäre jetzt das DRITTE Mal, dass Katja ihm erzählt, was Sache ist – erst bei ihrem ersten Besuch auf dem Polizeirevier, dann jetzt, und in der Gegenwartshandlung tut sie’s ja aktuell. Langsam müsste Redel es doch kapiert haben. In meinen Augen fast schon zu verdächtig lenkt er den Verdacht auf ihren Noch-Mann, der ja vielleicht sogar ein Interesse daran hätte, ihr ihr gemeinsames Kind wegzunehmen: „Sorgerecht, arbeitslos, kein Geld. Das ist keine starke Position.“ Da ja Katjas Gedanken ohnehin schon in genau diese Richtung schweiften, braucht sie davon gar nicht erst überzeugt zu werden, auch wenn sie sich das eigentlich bei ihm nicht vorstellen kann. Da sticht ihr die bei Redel herumliegende Eintrittskarte eines Jazzkonzerts ins Auge. Sie ist verblüfft: „Auf dem Konzert war ich auch.“ Redel wirkt zunächst überrascht und schweigt dann. „Ich hab’ Glück, dass ich Sie getroffen habe. Plötzlich habe ich niemanden mehr zum Reden außer Ihnen“, sagt sie. Redel schaut sie erst an und blickt dann ins Leere. Äh, soll das jetzt ein Versuch sein, Redel in den Kreis der Verdächtigen aufzunehmen, oder wie? Hätten wir es auch zehn Nummern subtiler?

Wir verlassen die Rückblende und wechseln ins gegenwärtige Verhör, wo bei Katja plötzlich der paranoide Groschen fällt: „Sie hatten mich im Visier. Sie haben mit mir geflirtet … Diese Veranstaltung, die war doch ganz klein. Haben wir uns da gesehen? Haben Sie mich gesehen? Tisch 42, wenn ich mich richtig erinnere … Ich saß mit meinen Freundinnen an Tisch 38.“ Redel fragt sie einerseits, was das zur Sache tut, und andererseits kann er sich nicht erinnern. „Nicht bemerkt? Nicht gesehen? Das kann überhaupt nicht sein“, scheint es für sie alles plötzlich ganz sonnenklar zu sein: „Wenn ich Opfer von Internetbetrug werde, lande ich dann automatisch bei Ihnen auf dem Schreibtisch?“ Redel fragt sich wie ich mich, wer hier eigentlich der Verhörende und wer die Verhörte ist, und ruft sie zur Räson. Selbstverständlich gäbe es auch noch andere Kollegen in der Internetdelikt-Abteilung, stellt er klar und bittet den ebenfalls beim Verhör anwesenden Wachposten, von draußen ein Glas Wasser für Katja und für ihn zu besorgen. Der tut ihm den Gefallen, ist aber stutzig geworden. Jedenfalls muss er da erstmal bei seinem die Tür hinter sich abschließenden Kollegen nachhaken: „Haben wir hier mehrere Ermittler für Internetdelikte?“ „Wie kommst denn darauf? Redel ist hier bei uns der Einzige, soweit ich weiß“, erwidert der. Ich mag mich wiederholen, aber eine derart plumpe Art wie hier, einen Verdachtsmoment auszulegen, ist mir lange nicht untergekommen.

Zurück in der Rückblende. Dort fährt Katja bereits im Dunkeln von ihrem Treffen mit Redel nach Hause. Jessy schreibt – wie sollte es auch anders sein? – wieder oder immer noch mit Chrissy. Diesmal vergessen sie, rechtzeitig auf die dolle „Wo-steckt-ihr?“-App zu gucken. So kann nämlich Katja plötzlich unbemerkt hinter Jessy stehen und sich wundern, warum sie so spät am Abend noch wach ist – und warum sie verdammt nochmal im Internet surft?! Katja flippt aus, greift nach dem Laptop und schlägt mit ihren Das-Internet-ist-des-Teufels-Kaskaden wieder derart über die Stränge, dass ich es als ihr Kind mit der Angst zu tun bekommen würde. Jessy hingegen ist sauer und bringt DEN Spruch, den wir als Kind wohl alle schon mal gebracht haben, wenn wir uns ungerecht behandelt fühlten: „Du zerstörst mein ganzes Leben!“ Ihr Glück, dass sie ja noch einen verständnisvollen Papa hat. Sie rennt davon und macht sich zu Fuß auf dem Weg zu ihm. Katja bleibt konsterniert zurück. „Ich kann dir das doch alles erklären“, flüstert sie ins Nichts. Ich stimme ihr zu: Ja, das könnte sie. Wenn sie sich denn mal wie ein normaler Mensch und nicht wie ein wildgewordener Berggorilla aufführen würde. Und willst du ihr nicht mal hinterherlaufen? Es ist stockfinster draußen, und sie ist zwölf Jahre alt! Passt man da nicht noch etwas auf seine Kinder auf?

Weil Katja in ihrem einmal mehr erschütterten Zustand keinen klaren Gedanken mehr fassen kann, ruft sie bei Micha an und schlägt verbal weiter um sich, auf dass sie auch die gutwilligsten Menschen vertreibe. „Ich brauch’ mal deine Hilfe!“, fällt sie mit der Tür ins Haus. Das sieht Micha übrigens ganz genauso, spätestens seitdem er von ihrer Kündigung infolge einer von ihr verfassten hinterfotzigen Petz-Mail gehört hat. Es klingelt an Michas Haustür, Maike öffnet sie, und die verzweifelte Jessy tritt ein. Das bekommt auch Katja durch den Telefonhörer mit und ergeht sich in weiteren Hasstiraden gegen alles und jeden: „Mit wem spricht diese blöde Kuh?“ Micha, ich sag’s dir: Sei bloß froh, dass du diesen keifenden Besen los bist. So eine Gattin und Mutter wünscht man seinem ärgsten Feind nicht. Ich hege höchste Bewunderung für Micha, der die fortwährenden Pöbelattacken locker wegsteckt. Er wäre sogar bereit, ihr wie von ihr gewünscht zu helfen, aber sie hat wohl längst vergessen, wieso sie überhaupt angerufen hat. Katja jault lediglich: „Du nimmst mir mein Kind.“ Dann legt sie auf und rutscht heulend die Zimmerwand hinter sich runter bis auf den Fußboden. Die Frau gehört dringend in Therapie.

Um das mal klarzustellen: Katjas Groll gegen Maike ist in meinen Augen reichlich übertrieben. Die ist in ihren wenigen Szenen zwar gesichtslos geblieben, macht aber eigentlich einen ganz netten Eindruck. Gut, zumindest ansatzweise kann ich Katja irgendwie verstehen: Wer mag schon Frauen, die einem erst den Mann wegnehmen (wobei hier der Grund der Scheidung nie erwähnt wird) und dann noch gut mit der eigenen biestigen Tochter können? Maike bringt Jessy in ihr neues, extra für ihre Wochenendbesuche eingerichtetes Kinderzimmer. Das Interesse des Mädchens daran ist eher geringer Natur. Wichtiger ist da schon eher, ob das WLAN im Haus funktioniert, was es natürlich tut. Maike lässt Jessy in Ruhe chatten und geht zurück zu ihrem Micha ins Wohnzimmer, der sich gerade selbst am Laptop betätigt. Ich bin mir nicht sicher, ob der Film nun auch noch Micha als undurchsichtigen Charakter hinstellen will, weil er am Laptop – LAPTOP!!! – sitzt und daher mit seiner eigenen Tochter chatten – CHATTEN!!! – könnte, aber ich kann das nicht ganz ausschließen. Und mein Gedanke wird sogleich verstärkt, als Maike den entscheidenden Satz sagt: „Vielleicht sollten wir sie zu uns nehmen.“ Micha zeigt sich etwas abwartender: Übermorgen sei der Scheidungstermin, bis dahin müssten sie sich sicher sein. Für Maike aber steht fest: Sie ist sich sicher. Sie grinsen.

Katja hat die Nacht auf der Couch verbracht – vermutlich in der Hoffnung, ihre Tochter würde zu ihr, der so fürsorglich kreischenden Pöbel-Mutter, zurückkehren. Dort wird sie unsanft aus dem Schlaf gerissen. Jemand klingelt nämlich Sturm. Schlaftrunken öffnet sie die Tür. Davor steht ihr aufgebrachter Vermieter: „Sie können mir nicht einfach kündigen und erwarten, dass ich Sie aus dem Mietvertrag mir nichts, dir nichts entlasse.“ Zum Glück habe er kurzfristig zwei Ersatzmieter gefunden. Die hat er auch gleich mitgebracht, damit sie die Räume für ihre Möbel vermessen können. „Ich habe nicht gekündigt“, insistiert Katja, aber ihr Vermieter hält ihr einen von ihr unterschriebenen Wisch unter die Nase. Nun könnte man sich natürlich fragen, wie unser gefährlicher Hacker an die Unterschrift herangekommen ist. Dann aber erinnern wir uns, dass er es immerhin mit Katja zu tun hat, die bestimmt irgendwo auf ein Online-Gewinnspiel der Marke „Gib uns deine Unterschrift, dann kriegst du 1.000.000 Euro“ reingefallen ist. Katja weiß sich zu wehren und knallt den drei ebenso ungebetenen wie aufdringlichen Gästen die Tür vor der Nase zu und schließt ab. So leicht lassen die sich aber nicht abschütteln und versuchen es mit Dauerklopfen und wildem Geschrei. Katja ruft daraufhin erst Barbara und dann Kirsten an. Vergeblich – lediglich ihre Mailboxen springen an.

Wir haben fast die Stundenmarke geknackt, da macht der Film plötzlich ernst und präsentiert uns völlig unerwartet das Gesicht hinter den Händen am Laptop. Und wie wir es uns schon gedacht haben, handelt es sich dabei um – Micha? Quatsch! Der hätte zwar, wie wir mitbekommen haben, einen Grund und hat vorhin doch einmal kurz am Laptop gesessen und sinister gegrinst, als Maike Interesse am Sorgerecht äußerte, aber nein, er ist es nicht. Dann bleibt ja nur – Redel? Quatsch! Der ist zwar mal für zwei Minuten verdächtig gewesen, auch weil er sich fälschlich als Alleinverantwortlichen für Internetdelikte bezeichnete, aber nein, er ist es auch nicht. Nun, wer denn dann, verdammt nochmal? Wie wäre es denn mit ’nem bisher nicht in Erscheinung getretenen 35-jährigen milchgesichtigen vollbärtigen Apotheker, der sich selbst während seiner Arbeitszeit, wenn er keine Kunden hat, in den Kellerraum seiner Apotheke zurückzieht, um eine Runde am Laptop zu chatten? Bingo! Perverse sind schließlich oftmals unscheinbare Blasslinge. Wer würde von so einem Schwiegersohn-Traumtypen dunkle Geheimnisse erwarten? Die Kundin, die Chrissy gerade bedient, bestimmt nicht. Der fällt auf, dass der Apotheker heute besonders glücklich aussieht. „Meine Schwester Jessika kommt bald nach Hause … Wir hatten uns aus den Augen verloren. Jetzt wird uns niemand mehr trennen“, strahlt er. Äh, ist das wirklich klug, anderen Leuten vorher vom anstehenden Besuch seiner Opfer zu erzählen?

Dommenget liebt große Posen. Marschierte vorhin schon Katja in cooler Helden-Zeitlupe ins Polizeirevier, gönnt er nun – nein, bitte nicht – ausgerechnet dem furchtbaren Lars auch einen solchen John-Woo-artigen Auftritt. Er ist unterwegs zu Katja, die ihn zu sich eingeladen hat. Klar, Redel wäre in ihrer Lage zu naheliegend gewesen, da nimmt sie lieber so einen Dreikäsehoch, den kein Mensch leiden kann. Grob zerrt sie ihn in ihre Wohnung und wirft einen ängstlichen Blick durch den Türspion, immerhin könnte der inzwischen gegangene Vermieter mit den Nachmietern wiederkommen. „Was soll ich eigentlich hier?“, fragt Schlimm-Lars zur Abwechslung mal eine vernünftige Frage. Katja klärt ihn auf: „Ich muss wissen, ob jetzt noch irgendwas über mich im Netz zu finden ist.“ Sie hätte nämlich alles von sich gelöscht. Ich habe die unangenehme Vorahnung, dass Katja eine dieser Personen ist, die auch glauben, das Internet löschen zu können. Folglich kann ich es nicht mal Lars verdenken, dass er durchaus angepisst den Klugscheißer raushängen lässt: „Sie hören nicht zu, oder? Was im Netz drin ist, bleibt drin!“ Genau, Lars, sag’s ihr noch weitere hundert Mal, dann kapiert sie es vielleicht irgendwann doch. „Ich habe alles gelöscht! Ich hab’s gekündigt, und ich lass’ mich nicht fertigmachen“, stellt Katja klar, hämmert wütend auf den Tisch und fordert Lars barsch auf: „Guck nach!“ Oje, bei der ist Hopfen und Malz verloren. Sie wird es nicht kapieren. Und würde es auch nicht, wenn man es ihr ein Jahre lang 24 Stunden pro Tag eintrichtern würde. „Mannomann, Sie sind ein bisschen neben der Spur, oder?“, entgegnet Lars frech. Katja missbraucht den Kleinwüchsigen als Therapeuten und vertraut ihm an, dass sie glaube, ihr Ex-Mann wolle sie ruinieren, auch wenn sie es nicht beweisen könne. Lars aber setzt ihr Flausen in den Kopf: „Wenn Sie seinen Computer hätten, dann schon.“ Ratter, ratter, es arbeitet in Katja. Auf die Idee wäre sie NIE von selbst gekommen. Zum Glück hat sie sich dieses Genie ins Haus geholt.

Jessy hängt bei ihrem Papa im Garten an ihrem Laptop und schreibt mit Chrissy. Vielleicht sollte ich nur noch erwähnen, wenn sie es nicht tut. Sie hat ja praktisch den gesamten Film noch nichts anderes getan. „Magst du Überraschungen?“, fragt Chrissy sie. Jessy hakt nach: „Was für eine Überraschung?“ Chrissy hält sich bedeckt und erwähnt lieber, dass sie am Wochenende zu „ihr“ fahren solle. Ich dachte ja eigentlich, sie hätten das längst vereinbart, aber vielleicht hat der Drehbuchautor das auch nur vergessen. Ist ja schon etwas her. Chrissy fragt weiter: „Kannst du keine Geheimnisse für dich bewahren?“ Jessy antwortet: „Ich kann sehr wohl ein Geheimnis bewahren. Wirst schon sehen, ich überlege es mir.“ So ganz kann ich dem Inhalt des Chats nicht folgen. Noch weniger verstehe ich aber den Apotheker, der auf Jessys letzte Antwort ungehalten reagiert und mit der Faust auf den Tisch haut. „Du bist so undankbar!“, flucht er in seinen Bart. Hä?

(Mir brannte es schon lange auf den Nägeln, aber nun sei auch endlich offiziell angemerkt, dass sich Chrissy und Jessy in ihren Konversationen stets in stilistisch einwandfreiem Deutsch mit korrekter Groß- und Kleinschreibung sowie richtiger Interpunktion schreiben. Wer soll das denn bitte glauben?)

Katja hat sich nach dem Treffen mit Lars auf den Weg zur Wohnung des Polizisten Redel gemacht, wo sie sehnsüchtig vor dessen Haustür auf seine Heimkehr wartet, um ihm ihr Herz ausschütten zu können: Ihr Mann sei der Übeltäter, Jessy wohne mittlerweile bei ihm, alles passe zusammen. Nun gut, eine Teilschuld an der Situation trägst du ja auch, Katja. Ich bin mir sicher, dass Jessy noch bei dir wäre, wenn du nicht ständig wie eine bekloppte Furie rumkreischen würdest. Redel tröstet Katja und nimmt sie in den Arm. Sie fleht ihn an, ihr zu helfen: „Ich brauche sein Notebook! Jetzt!“ Doch dafür würden schlichtweg die Beweise fehlen, muss Redel da einhaken. In seinen starken Armen wird sie weich wie Butter, aber einen Kussversuch blockt der ab. „Wow, ich krieg’ einen edlen Ritter, wenn ich einen Kerl will!“, klagt sie lautstark. Ehrlich gesagt wüsste ich auch Besseres mit mir anzufangen, als mit so einem weinerlichen Schreihals in die Kiste zu hüpfen.

Katjas Pechsträhne geht unvermittelt weiter. Der Tag des Gerichtstermins zur Besprechung der Scheidung ist nämlich gekommen. Schlimm genug, dass sie sich mit Barbara als Anwältin herumplagen muss, obwohl die sich doch neuerdings nicht mehr ausstehen können. Da kommt auch noch Michas Anwalt daher und erklärt die Frage nach dem Sorgerecht noch nicht als einvernehmlich geklärt. Das ist nicht gerade Balsam für die zuletzt so in Mitleidenschaft gezogene Seele der armen Katja, die auf diesen Tiefschlag gewohnt souverän bleibt. „Du hast mich ruiniert, du Schwein!“, brüllt sie in die Richtung von Micha und lässt sich auch von den Rufen der Richterin nach Mäßigung nicht beruhigen: „Dieser Mann hat mich bestohlen! Ich werde hier gemobbt! Der hat mein Geld geklaut!“ Michas Anwalt muss da einiges klarstellen: Katja hätte ihre finanzielle Situation selbst verschuldet und nach eigener Auskunft ihr Geld verspielt (huch, wann denn das?) oder für private Dinge ausgegeben (nein, wie kann sie nur?). Diese Tatsachen kombiniert mit fehlendem Job und demzufolge auch aktuell fehlendem Einkommen kann also nur eins zur Folge haben: Sie ist sorgerechtsuntauglich.

Katja probiert es weiterhin mit Gegenrede, doch perfiderweise hat sich Michas fieser Anwalt den Todesstoß bis ganz zum Schluss aufgehoben: „Wir haben eine Zeugin dafür, dass Frau Waiser gestohlen hat. Die Anzeige ist anhängig.“ Über diese Unterstellung kann sich Katja nur noch mehr empören: „Was habe ich? Was habe ich?!“ Tja, Katja, Gedächtnis wie ’n Sieb, oder was? Die Anzeige stammt von Kirsten, die sich noch sehr gut erinnern kann, dass sie damals ihr Handy im Café hat liegen lassen, und das kann ja wohl nur von Katja geklaut worden sein. Da kann selbst die Beschuldigte nicht mehr gegenanbellen, und so recht mag ihre kleinlaute Ausrede auch nicht ziehen: „Das ist überhaupt nicht wahr so. Das hat damit nichts zu tun.“ Damit wäre der Rabenmutterstatus offiziell belegt, aber die Richterin will noch nicht final urteilen: „Ich werde das Kind anhören – allein!“ Katja befürchtet, dass sie bei einem solchen Gespräch nur schlecht wegkommen kann und wird von panischer Furcht durchflutet. Deshalb springt sie auf und rennt raus. Die Frau ist echt durch.

Das zeigt sie auch umgehend auf dem Gerichtsflur, wo Jessy auf den Ausgang des Termins wartet. Katja redet wie von Sinnen auf sie ein, während sie ihr das Gesicht tätschelt: „Jessy, es wird alles gut! Die wollen dich mir wegnehmen, aber du musst mir vertrauen!“ Ich würde ihr ja echt von solchen Kurzschlusshandlungen abraten, denn für Außenstehende könnte diese Aktion durchaus den Eindruck machen, als wolle sie da Jessy beeinflussen, bloß nichts Falsches gegenüber der Richterin zu sagen. Selbst der hinterhereilende Micha verliert beim Affentheater seiner Ex erstmals so richtig die Fassung: „Ich möchte mal wissen, wer dir derartig ins Hirn geschissen hat!“ Recht hat er, aber Katja keift umgehend zurück: „Pass bloß auf!“ Es ist verständlich, dass Jessy diese Hektik einfach zu viel wird und kurzerhand aus dem Gerichtsgebäude türmt. Katja folgt ihr schnellen Schrittes, kann sie aber nicht mehr einholen.

Jessy reicht’s. Sie greift zum Handy und schreibt Chrissy an. Offenbar haben sie mittlerweile Nummern getauscht. Da 2012 Datenkrake WhatsApp noch nicht so verbreitet war, schreiben sie sich noch altmodische SMSen (aber gut, sie hat ja offenbar auch immer noch Mamas altes Handy). Chrissy, der gerade am Tresen einen Kunden bedient, hört die Vibration und eilt sofort zu seinem Mobilgerät. Die Nachricht erfreut ihn: Jessy möchte zu Chrissy, und zwar sofort. Die Schülerin steigt in eine Straßenbahn ein und macht sich auf den Weg.

Katja sitzt niedergeschlagen zu Hause rum und schnüffelt nachdenklich an einem Hemd ihrer Tochter. Ob sie ihren peinlichen Auftritt vor Gericht reflektiert? Da klingelt es an ihrer Tür. Erwartungsvoll springt sie auf und öffnet. Leider ist es nicht Jessy, aber wenigstens auch nicht ihr Vermieter, der für den Rest des Films aber eh keine Rolle mehr spielt. Dafür ist es Micha, der sich nach dem Verbleib seiner Tochter erkundigt. „Ist das wieder einer deiner miesen Tricks?“, faucht Katja. Um also meine Frage von vor wenigen Sätzen gleich zu beantworten: Nein, sie hat nicht reflektiert. „Ja gut, dann fahren wir halt die Einkaufszentren ab, wo die halt so rumhängen“, seufzt Micha. Katja wird hellhörig: „Mit ‚wir‘ meinst du dich und Maike, ja?“ Mein Gott, Katja, könntest du nicht wenigstens in so einer Situation mal deine Animositäten stecken lassen? Ist ja wirklich nicht mehr zum Aushalten. Am liebsten würde ich die Nervensäge in ein tiefes Loch ohne Seil und Leiter mit Lars werfen. Da können sie sich dann gegenseitig nerven. Hauptsache, sie lassen mich damit in Ruhe. Nach Michas Bitte, sie möge ihn bitte anrufen, falls Jessy vorbeikommt, schubst sie ihn und kreischt: „Du Riesenarschloch!“ An seiner Stelle hätte ich auch keinen Bock mehr, noch eine Sekunde länger mit diesem Drachen zu reden, und so bricht Micha auf, um sich mit Maike auf die Suche nach seiner Tochter zu begeben.

Wer dachte, Katja könnte ihr Verhalten gar nicht mehr weiter unterbieten, wird in der nächsten Szene eines Besseren belehrt. Katja dreht ab. Also völlig. So richtig völlig. Nach dem Motto „Ist der Ruf erst ruiniert, lebt es sich ganz ungeniert“ macht sie sich mit ihrem Drahtesel zum Anwesen ihres Ex-Mannes auf, wo sie mit einem großen Stein die Glasscheibe der Terrassentür zerschmettert, um sich widerrechtlich Zutritt zu verschaffen. Im Hausinneren befindet sich doch Michas Laptop, mit dem sie beweisen könnte, dass er der Schuft war, der sich in ihre Accounts gehackt hat. Ich wiederhole: Diese Frau soll eigentlich unsere Identifikationsfigur sein. Als wäre das nicht schon ein ausreichender Beweis für ihre Unzurechnungsfähigkeit, geht sie bei ihrem Einbruch auch noch so auffällig vor, dass sie dabei von einer Nachbarin beobachtet wird.

Während Katja durchs Haus irrt, ruft Micha auf ihrem Handy an, um sie nach ihrem aktuellen Aufenthaltsort zu fragen. Sie hätte doch daheim bleiben sollen, bis Jessy wieder auftaucht. Der Zeitablauf verursacht wieder Kopfschmerzen bei mir. Katja und Micha haben sich doch gerade erst vor fünf Minuten im Unfrieden bei Katja zu Hause getrennt. Und nun ruft er sie schon wieder an, weil er wissen will, wo sie steckt? Katja ist außer sich: „Du, sag du mir nicht, was ich zu tun habe, ja?“ Warum will Micha überhaupt noch mit der sprechen? Kommen doch eh nur frustrierende Schimpfkanonaden raus. Unbeirrt telefoniert Katja trotzdem mit ihm weiter, auch noch, als sie den gewünschten Laptop findet. Wenigstens multitaskingfähig ist sie. Sie muss sich aber sputen, denn in der Zwischenzeit fährt schon die von der Nachbarin verständigte Polizei vor, und zwei Männer stürmen mit gezückten Waffen das Haus.

Irritierenderweise meldet sich bei Katja, die mittlerweile den Eindruck macht, als hätte sie völlig den Verstand verloren, plötzlich wie ein Blitz aus heiterem Himmel die richtige Intuition. Und man kann es wirklich nur Intuition nennen, weil sich ihre Gedankenkette keinem logisch denkenden Menschen erschließen könnte, selbst wenn man wollte. Man möchte den Drehbuchautoren verprügeln. „Wie heißt nochmal diese Online-Freundin von Jessy?“, fragt sie Micha unvermittelt, und als er ihr den Namen nennt, geht Katja ein Licht auf: „Hast du diese Chrissy jemals gesehen?“ Langsam bekommt auch sie mit, dass im Haus zwei Polizisten sind, die sie festnehmen, wenn nicht gar erschießen wollen. Deshalb schließt sie sich im Zimmer ein, in dem sie sich gerade befindet. Ein Wettlauf gegen die Zeit, spannend. Katja vermutet nicht nur völlig richtig, dass Chrissy gar kein zwölfjähriges Mädchen ist. Sie vermutet auch noch völlig richtig, dass Chrissy der Hacker ist, der ihr das Leben seit einigen Tagen schwer bis kaputt macht: „Welches zwölfjährige Mädchen würde so einen perfiden Angriff starten, Micha? Was weißt du von ihr?“ Das fragt sie ohne jeden plausiblen Hinweis. Es ist SO dämlich.

Micha wird von so viel Abstrusität auf einmal überfordert, kann sich aber erinnern, dass Jessy ihm mal per Mail ein Foto von Chrissy zugeschickt hätte: „Das ist aber in meinen Mails. Da komm’ ich jetzt nicht ran.“ Na, was ein Glück, dass Katja gerade seinen Laptop auf dem Schoß hat, der obendrein auch nicht durch ein Passwort gesichert ist. Just findet sie besagte Mail mit dem Foto, in der tatsächlich ein Bild von einem Mädchen angehängt ist. Doch was ist das für ein Mädchen? In einer weiteren völlig idiotischen Wendung fällt dem durchgeknallten Nervenbündel Katja seine damalige Suchaktion auf dem Dachboden ein, als es eigentlich das Sparschwein mit den Notgroschen suchte. Dabei fiel Katja auch ein Apotheken-Ratgeber in die Hände – und auf dem Titelcover eben dieses Apotheken-Ratgebers befand sich das Bild eben dieses Mädchens! Chrissy gibt es gar nicht! Schön also, dass der Einbruch nicht völlig umsonst war. Weniger schön, dass ja nun mal wie gesagt die Polizei direkt vor der Tür steht. Katja unternimmt einen tollpatschigen Fluchtversuch, bei dem sie zwar einen der Polizisten mit dem mitgeführten Laptop k.o. hauen kann, aber kurz vor der Haustür über einen Teppich stolpert und mit den Händen voran auch noch in die beim Einbruch selbst zerbrochenen Glassplitter schlittert. „Meine Tochter ist in Gefahr!“, plärrt Katja mehrfach, kann dadurch aber auch nicht mehr verhindern, dass der verbliebene Bulle ihr Handschellen anlegt.

Jessy wittert die Gefahr, in der sie schwebt, indes nicht und steigt nichts ahnend aus der Straßenbahn. Beim Blick auf ihr Handy grinst sie. Chrissy veranstaltet eine Schnitzeljagd mit ihr und hat unter einer Parkbank eine Fahrkarte für Jessy deponiert. Sie ist also noch nicht am Ziel. Ich weiß nicht, ob man mit zwölf einfach noch zu blöde ist, aber spätestens jetzt würde mir die ganze Sache spanisch vorkommen. Eine gleichaltrige Freundin, die einen Teil ihres Taschengeldes für eine Fahrkarte ausgibt und Spielchen spielt, anstatt sie direkt am Straßenbahnhof selbst willkommen zu heißen? Das schreit doch regelrecht nach: Hier stimmt was nicht. Hinter ihr beobachtet der Apotheker mit einigen Metern Abstand sein potenzielles Opfer.

Damit wären wir endlich am Ausgangspunkt unserer Geschichte angekommen und können dauerhaft ins Hier und Jetzt eintauchen. Katjas Einbruch bei Micha hat also zu dieser Verhörsituation geführt. Die verzweifelte Mutter schwört Stein auf Bein, dass Chrissy kein gleichaltriges Mädchen sein könne. „Wer mir sowas antut, um mit meiner Tochter Kontakt zu halten, ist nicht normal. Das ist krank!“, klagt sie. Redel hat diese ausschweifende Erzählung nicht überzeugt und hält die abenteuerlichen Schlussfolgerungen – wer will es ihm verdenken? – für Humbug. Jessy könnte genauso bei einem Freund sein. Die Sache hat aus Sicht von Katja nur einen Haken: Jessy kann bei keinem Freund sein, weil sie keine Freunde hat. Einen Moment später muss sie sich allerdings revidieren: Da wäre ja noch Lars! „Wer?“, hakt Redel nach. Offenbar hat er eben nicht zugehört, als sie ihm alles von Anfang an nacherzählt hatte. „Computerfreak“, erwidert sie kurz und knapp.

Keine Ahnung, inwiefern diese Auskunft etwas am Tatbestand des Einbruchs ändert, und keine Ahnung, was genau an dieser Info Katja glaubwürdig machen würde, aber Redel reicht das, um sie wieder auf freien Fuß zu setzen und ihr die Theorie vom bösen schwarzen Mann, der dem lieben weißen Mädel ans Leder will, abzunehmen. Bitte was? Als wirklich unverzeihliche Provokation empfinde ich aber erst, dass Redel sich in der nächsten Szene telefonisch bei Lars‘ Eltern meldet, damit diese ihren entsetzenerregenden Sohn vorbeischicken und ihn bei der polizeilichen Ermittlung helfen lassen?! Äh, schickt mal bitte jemand den Berndt vorbei, damit er sich die nächste Tracht Prügel abholen kann? Ich lege das Gesicht in meine Hände und weine bitterlich.

Kurze Zeit später bringen Lars‘ gesichtslos bleibenden Eltern das Balg auch schon vorbei. Sie liefern es allerdings nicht etwa am Polizeirevier ab, sondern bei Katja zu Hause, wo die Mutter und ihr Beschützer Redel es schon erwarten. Äh, macht man das so? Ermittlungen von Privatwohnungen aus führen? Im Wohnzimmer wird unser pfiffiger Computer-Guru (würg) gleich mit Fragen bombardiert. Katja hätte gern mit der bewährten „Passwort vergessen“-Vorgehensweise einen Blick in Jessys Chatverlauf mit jener Chrissy geworfen. Nochmal: Äh, ist für sowas nicht eigentlich eher Redel zuständig als ein zwölfjähriger Satansbraten? Boah, das Skript kann doch unmöglich ein erwachsener Mensch verfasst haben. „So ganz legal ist das aber nicht“, wirft das schreckliche Kind ein, aber Redel gibt ihm den Segen für die Aktion. Problemlos kann sich Lars also auch in den Chat einhacken, doch der Euphorie folgt umgehend die Ernüchterung. Jessy hat den Chatverlauf gelöscht – und nicht nur das: „Chrissy gibt es nicht mehr in diesem Chat. Der Account ist down. Da kommen wir nicht mehr ran.“ Wenigstens hat Katja sich inzwischen rudimentäres Knowhow angeeignet: „Du bist doch einer von ihren Online-Buddies. Du bist doch ihr Follower … Du bist mit ihrer Seite verlinkt. Du kannst ihr Handy orten.“ Lars wundert sich: Kann die Polizei das denn nicht? „Mit richterlichem Beschluss und viel Zipp und Zapp, aber das dauert ewig. Dafür haben wir jetzt keine Zeit“, antwortet Redel und lässt somit Lars auch weiterhin die ganze Drecksarbeit machen. Nachdem der Lars-Schauspieler durch das Eintippen einiger Zahlen hochprofessionell so getan hätte, als wüsste er, was er da tut, folgt die nächste Hiobsbotschaft: Jessys Handy ist ausgeschaltet. Redel hätte damit genug Frustrationserlebnisse für den Moment, greift sich ein Jessy-Foto, mit dessen Hilfe er zur Fahndung blasen will, und verabschiedet sich ins Polizeirevier.

Jessy hat ihren Zielort zum Glück immer noch nicht erreicht und muss nach Straßenbahn und Bahn nun auch noch den Bus nehmen. Fast fährt er ihr vor der Nase weg, aber sie kann gerade noch rechtzeitig einspringen, auch wenn sie dabei versehentlich eine Frau anrempelt. In den hinteren Teil des Busses hat sich der Apotheker verkrochen und freut sich sicherlich, dass er nicht ohne Jessy losfahren muss. Von seiner Sitzposition aus kann er sie eindringlich beobachten. Er hätte es ja auch etwas leichter haben und einfach zu Hause auf sie warten können, aber gut, muss er ja wissen. Es ist sein Geld, das er da für die Tickets ausgibt.

Katja wird hibbelig, weil die Suche keine Fortschritte ergibt – und das trotz Tausendsassa Lars, der auch nicht in der LAge ist, die SMSen von Jessys Handy zu hacken. Zur moralischen Unterstützung hat sie auch Micha zu sich eingeladen, der sich bestimmt sehr über das Chaos freut, das Katja bei ihm zu Hause angerichtet hat. Er lässt es sich aber nicht anmerken. Mit im Schlepptau hat er einmal mehr Maike, was Katja zu einem missbilligenden Blick veranlasst. Komm mal damit klar, dass dein Ex eine Freundin hat, du minderwertigkeitskomplexbeladene Dumpfkuh! Während die Erwachsenen in gereiztem Ton noch grübeln, wie sie denn nun ohne jeden Anhaltspunkt ihre Tochter finden können, kommt Pfiffikus Lars auf eine geniale Idee: „Leute, hey! Wir stellen das ins Netz! Wir suchen Jessy online! Ich habe 400 Followers und 1.000 Kontakte im Forum, die ich anhauen kann. Über ein paar Messengers kann ich noch was platzieren.“ Detaillierter wird er nicht. Vermutlich, weil der Drehbuchautor selbst keine Ahnung hat, was er da überhaupt schreibt. „Was soll denn das bringen?“, wirft Maike ein. Das kann natürlich nur einen „Schnauze!“-Anblaffer vonseiten Katjas zur Folge haben: „Du hältst dich ja wohl besser raus hier!“ Der vorlaute Bengel hat aber nun mal die vollste Peilung und ist den ahnungslosen Erwachsenen sowieso technisch deutlich überlegen: „Ihr tickt falsch! Die Community funktioniert anders. Jeder Kontakt hat Kontakte. Das potenziert sich x-fach.“ Eine Kamera ist auch schnell gefunden. Damit kann Katja, sobald das Video erstmal online auf eine Fahndungs-Seite gestellt ist, die Bevölkerung mit eindringlichen Worten auf das Verschwinden ihrer Tochter aufmerksam machen.

Wie von Lars versprochen, verbreitet sich das aufgenommene Video im Internet innerhalb weniger Minuten wie ein Lauffeuer vermutlich über den ganzen Globus. Eine Frau sieht den Aufruf an einem Laptop sitzend in einem Café. Dann eine andere Schülerin an ihrem Notebook. Noch mehr Schüler an ihren Handys. Ich möchte die Macht des Internets ja keinesfalls klein reden, aber in dem Eiltempo, in dem der Aufruf viral geht, nur weil irgendwo ein Mädchen abhaut, wie es leider täglich ständig passiert, halte ich das doch für sehr weit hergeholt. Die zuerst gezeigte Frau im Café erkennt dann auch gleich Jessy wieder, weil sie die Person ist, die Jessy vorhin im Bus beim hastigen Einsteigen angerempelt hat. Sie lässt einen Hinweis da. Die Polizei aber ruft sie nicht. Richtig, Prioritäten setzen!

Lars kennt zwei weitere Computer-Nerds und lädt sie zu Katja nach Hause ein, damit sie ihm tatkräftig unter die Arme greifen können. 181 Hinweise auf Jessy seien bereits eingegangen. Das geht alles so schnell, dass es fast etwas verwunderlich ist, dass Jessy und die anderen Fahrgäste im Bus noch nicht auf die Suchaktion aufmerksam geworden sind. Jessy hingegen steigt nach der Fahrt mit dem Bus unbeirrt und treudoof NOCHMALS in den Zug um. Das Ortsschild des Städtchens Alsdorf wird eingeblendet, was dann wohl bedeutet, dass das das finale Ziel des Mädchens sein soll.

Lars, seine beiden Kumpels, Jessys Eltern und Maike arbeiten derweil unter Hochdruck in Katjas Wohnung weiter. Die Hinweise über den angeblichen Aufenthaltsort seiner Tochter hält Micha an einer an die Wand angebrachten Landkarte mit Pins fest. Die Jungs finden hingegen weitere interessante Details heraus: Chrissy hätte in der Vergangenheit auch schon andere Jessikas angeschrieben. Hä? Ich dachte, Chrissy hätte seinen Account gelöscht. Wie wollen sie da noch nachvollziehen können, wen der Account wann angeschrieben hat? Und überhaupt: Habt ihr schon mal bei Facebook und Konsorten eine Funktion entdeckt, bei der man sehen kann, wen eure Freunde privat anschreiben? Aber vielleicht haben unsere Mini-Super-Hacker das ja auch im Handumdrehen mit irgendwelchen fünf- bis sechsstelligen Zahlencodes herausgefunden. Lars kann ja ohnehin (fast) alles. Warum nicht auch das?

Mit diesen brandheißen Infos ausgestattet besucht Katja Redel bei der Arbeit und fragt ihn: „Warum wollte Chrissy unbedingt Kontakt zu einer Jessika?“ In der nächsten Szene hat Redel dann auch eine ausgedruckte Liste in der Hand, auf der groß „Internetrecherche“ steht. Wow, ich bin beeindruckt! Was für grandiose Polizeiarbeit! Bei dieser „Internetrecherche“ ist herausgekommen, dass es so einige Jessika Waisers in Deutschland gibt: München, Dresden, Marburg, Itzehoe, Landshut usw. Aus nicht weiter erklärten Gründen sticht Katja auch Alsdorf ins Auge, aber der Ort braucht laut Redel nicht weiter zu interessieren, denn die Jessika dort ist schon seit 20 Jahren tot.

Katja ist verzweifelt und startet die nächste Tränenarie mit viel Heul-Heul und Schluchz-Schluchz: Chrissy hätte diese Jessikas angeschrieben, aber immer gleich den Kontakt abgebrochen, wenn ihm etwas komisch vorgekommen sei. Woher sie das weiß? Lars hätte ja alle Chatforen durchforstet. Ja, da steht „alle“. Alle. ALLE Chatforen, die es im Internet gibt. Oder wenigstens in Deutschland oder so. Ganz davon abgesehen, WIE dämlich es ist, dass man annehmen könne, man könne mal eben innerhalb weniger Stunden ALLE Chatforen auf Chrissys und Jessys überprüfen, möchte ich betonen, dass als zusätzliches Erschwernis hinzukommen dürfte, dass „Chrissy“ ein ganz gewiss nicht gerade seltener Nickname ist, den sicherlich nicht nur unser Apothekerfreund exklusiv verwendet hat. Und haben sich alle Jessika Waisers da mit ihrem richtigen Namen angemeldet? Oder nur mit Jessy, einem weiteren Allerwelts-Nickname? Und das hat Lars auch alles auf die Schnelle herausgefunden? Und das, obwohl sich Chrissy ja sicherlich immer gleich wieder gelöscht hat, sobald es heikel wurde? Mir ist schlecht.

Obwohl Alsdorf, wie ich gerade gecheckt habe, eigentlich nur eine runde Autostunde von unserem Schauplatz Köln entfernt ist, fühlt es sich so an, als wäre die Stadt irgendwo in den Backwoods von Australien zu finden. Jessy sitzt jetzt nämlich wieder in einem Bus und fährt so vor sich hin, immer noch unbemerkt mit dem stechenden Blick des mitfahrenden Chrissys im Nacken.

Die rastlose Katja kehrt in ihre Wohnung zurück und bekommt gleich den neuen Zwischenstand an Rückmeldungen zum Fahndungsaufruf mitgeteilt: 4.000!!! Micha sieht ein, dass er ihr hätte glauben sollen, aber Katja hat eh schon resigniert: „Es ist schon zu spät, Micha. Unsere Tochter ist in den Händen von dieser Bestie.“ Da klingelt es an der Tür. Ich an der Stelle aller derzeitigen Hausinsassen würde ja nun vor Aufregung zur Haustür stolpern, in der Hoffnung, dass das Jessy ist, aber vermutlich hat Katja sie alle mit ihrem Pessimismus angesteckt und man insgesamt Jessy als unrettbar abgeschrieben. Die Besucher sind dann auch Kirsten und Barbara, die Katja um Verzeihung bitten wollen. Nanu, woher der Sinneswandel? Die beiden haben Katjas Aufruf im Netz gesehen! Äh, ja und? Und daraus leitet ihr her, dass Katja nicht die infame Mail an die gesamte Belegschaft geschrieben haben kann? Wie ist da die Kausalkette? Wo ist die Verbindung zwischen „Katjas Tochter verschwindet“ und „Katjas Konto wurde gehackt, und somit kann die Mail nicht von ihr geschrieben worden sein“? Natürlich haben sie recht damit, aber für Unkundige sind das doch zwei völlig verschiedene Paar Schuhe. Eher hätten sie von vornherein Zweifel haben müssen, dass Katja diese Mail wirklich selbst geschrieben hat, weil sie nun mal ihre beste Freundin ist, anstatt erst jetzt die Wahrheit zu erkennen. Mein Kopf tut SO weh. Katja reicht diese Entschuldigung nicht, und sie hat einen validen Punkt: „Ihr hättet mir mal zuhören können.“

Die anderen Anwesenden stecken nach wie vor tief in ihren Recherchen – und kommen mit einer Info um die Ecke, die für Katja nicht ganz unwesentlich ist. Jessy solle einem Hinweis zufolge in einen Bus gestiegen sein, der in Alsdorf endet. Alsdorf? Alsdorf? Da läutet bei Katja eine ganze Kirchenglocke. In Alsdorf gab es doch einmal eine Jessika. Wenn sie auch nicht mehr lebt, hat sie doch bestimmt Eltern, die noch leben. Ein Mausklick reicht, und sie hat die Namen: Renate und Günther Weiser! Eine Telefonnummer steht leider nicht dabei, aber die Adresse. Sogar Katja sieht ein, dass die Wahrscheinlichkeit, auf der richtigen Fährte zu sein, verschwindend gering ist, aber da man bislang auch nichts Besseres hat (außer eben 4.000 Hinweise), entschließt sie sich, diesem Kaff namens Alsdorf einen Besuch abzustatten. Zum Glück hat sie ihre Freundinnen wieder, die etwas gutmachen wollen, und deshalb leiht ihr Barbara ohne Zögern ihren Wagen, und Kirsten hilft mit etwas Geld aus (wofür braucht Katja Geld?). Micha will mitkommen, doch Katja lehnt ab: Er solle doch bitte schön hier bleiben und die ganzen Mails checken. Wenn sie denn wenigstens gesagt hätte, er solle auf Jessys Heimkehr warten, hätte ich das akzeptiert, aber Mails checken?!

Aber kommt Katja überhaupt noch rechtzeitig? Jessy ist nämlich nach einer gefühlten Weltreise endlich in Alsdorf angekommen, wo sie schon nach wenigen Augenblicken von dem dubiosen Apotheker angesprochen wird. Zunächst mag sie es nicht so recht glauben, als er sich als Chrissys Vater ausgibt, aber das Foto seiner angeblichen Tochter in seinem Portemonnaie aus der Apotheken-Zeitung überzeugt sie, mit ihm mitzugehen. Sie sitzen kaum im Wagen, da zeigt Vollidiot Chrissy auch schon sein wahres Gesicht. Er hätte ja wenigstens warten können, bis sie bei ihm zu Hause sind. „Du erkennst mich nicht. Ich hab’ mir das gedacht. Das ist kein Wunder, nach all dem, was sie uns angetan haben“, redet er äußerst wirres Zeug, das verunsichernd genug für Jessy ist, um den Fluchtversuch zu wagen, aber die abgeschlossene Wagentür ist ein zu großes Hindernis für sie. Ihre Schreie bringen nichts. Sie ist in die Falle getappt.

Kurze Zeit später erreicht auch Katja Alsdorf. Das ging jetzt aber verdammt schnell. Doch kaum hat sie das Ortsschild passiert, erhält sie einen Anruf von Micha, und der hat schlechte Nachrichten: Die Eltern der toten Jessika, ein Apothekerehepaar, weilen ebenfalls nicht mehr auf der Erde. Mist. Da bringt es Katja eigentlich auch wenig, dass die jungen Recherche-Meister um Lars Näheres zu den Todesumstände jener Jessika ermittelt haben: Die ist damals beim Spielen aus dem Fenster gefallen, weil – Achtung! – ihr Bruder nicht richtig aufgepasst hat. Katja hält am Bahnhof und will schon unverrichteter Dinge wieder umkehren. Dann aber fällt ihr Blick ganz zufällig auf eine Litfaßsäule, auf der ganz zufällig ein Apotheker Werbung macht, dessen Inhaber ganz zufällig Christian Weiser heißt. Weiser? Christian? Chrissy? Da klingelt es schon wieder bei ihr. Ich könnte hier nun seitenweise meinen Gewaltfantasien frönen, die ich gegen den Autor dieser miserabel geskripteten Plotte hege. Ich belasse es aber eher bei Mitleid dafür, dass ihm wie vorhin schon bei Katjas plötzlichem Geistesblitz in Michas Haus nichts Besseres eingefallen ist als ein hanebüchener Zufall, um die Hauptfigur auf die richtige Spur zu bringen.

Nun war Jessy zwar in ihrer letzten Szene in die Fänge der Bestie geraten, aber die Bestie ist eigentlich gar nicht so sehr Bestie. Gut, Jessy fühlt sich in seinen Händen nicht gerade wohl und wimmert auf einem Bett in einem Zimmer, das Chrissy vermutlich direkt neben seinem mit schicken Duschvorhängen ausgestatteten Dunkelraum eingerichtet hat, aber dafür versorgt ihr Entführer sie mit einem Brötchen und einem Glas Milch.

In der Tradition vieler schlechter Filme gibt der Apotheker nun mit einem langen Monolog Einblicke in sein psychisch labiles Seelenleben, die erklären, warum er so ist, wie er ist. Wie man es sich anhand der bisherigen Beschreibung schon denken konnte, traute sich SAT.1 dann doch nicht, in einem 20.15-Uhr-Unterhaltungsfilm das ganz heiße Eisen Pädophilie anzufassen. Stattdessen beschert man uns einen vergleichsweise läppischen Psychopathen, der nie über den Tod seiner Schwester hinweggekommen ist und nach ihrem Sturz aus dem Fenster fälschlicherweise glaubte, sie würde noch leben, und man hätte sie ihm lediglich weggenommen. Aus dem Grund hat er Kontakt zu anderen Jessikas aufgenommen, im Glauben, dass sie seine so vermisste Schwester sein könnten. Tja, und in Jessy hat er sie nun gefunden. Dass sie sich nicht an ihn erinnert, schiebt er auf Gedächtnisverlust.

Sorry, wenn ich lauthals loslache, aber: Ist das hier ernst gemeint? Und Chrissy ist bei seinen Recherchen nie aufgefallen, dass sich Jessys Familienname (Waiser) anders schreibt als sein eigener Familienname (Weiser)? Aber das war in seinen Augen vermutlich nur Tarnung von seinen böswilligen Eltern, damit er sie nie wiederfindet. Himmel, ist das bekloppt!

Erneut unternimmt Jessy einen schlecht ausgeführten Fluchtversuch, aber Chrissy kann sie festhalten und zurück aufs Bett zerren. Zum Glück für Jessy naht Rettung: Katja fährt vor und betritt die Apotheke. Deshalb muss Chrissy wohl oder übel seine Kundin bedienen und sich seinen weißen Kittel überwerfen. Beim Anblick von Katja gibt er sein Bestes, sich nicht anmerken zu lassen, dass er die Frau kennt, die da vor ihm steht. Sie kauft ein rezeptfreies Kopfschmerzmittel und verlässt die Apotheke mit einem mulmigen Gefühl. Nichts außer ihre mütterlichen Instinkte veranlassen sie dazu zu erkennen, dass dieser Mann Jessys Chrissy ist. Noch auf dem Weg zum Wagen greift sie zum Handy, um ihren dringenden Verdacht weiterzugeben. Dazu kommt sie aber nicht, weil plötzlich der Apotheker hinter ihr steht und sie mit unverhohlenen Drohungen einzuschüchtern versucht, nie wieder hierherzukommen. Damit hätte er sich dann auch gleich ohne Not als Bösewicht zu erkennen gegeben. Mit einem gezielten Tritt in seine Kronjuwelen setzt Katja ihn kurzfristig außer Gefecht und eilt in die Apotheke zurück.

Um ihm den Eintritt zu verwehren, kippt sie Regale vor die Eingangstür und verschafft sich etwas Zeit, um nach ihrer Tochter zu suchen, die sie hier vermutet und schließlich findet. Chrissy kann aber mit einem Mülleimer als Hilfsmittel die Glasscheibe zersplittern und gewaltsam in seine eigene Apotheke eindringen. „Lassen Sie meine Schwester in Ruhe!“, brüllt Herr Apotheker, als er sieht, wie Katja sich mit Jessy aus dem Staub machen möchte. Katja stellt ihn vor vollendete Tatsachen: Die ewigen Jagdgründe haben seine Schwester als Mitglied aufgenommen, keine Spur Leben mehr in ihr, sie ist abgeritten zu ihren Ahnen usw. Das hätte die Küchenpsychologin mal lieber nicht machen sollen. Chrissy treibt diese Aussage nur noch mehr auf die Palme: Er glaubt ihr nicht und stürzt sich auf sie, um sie ins Reich der Toten zu würgen. Jessy verkriecht sich in ein Hinterzimmer. Ihr gefällt zwar nicht, was sie da sieht, aber eingreifen mag sie dann doch nicht.

Katja könnte der Manneskraft rein gar nichts mehr entgegensetzen, würde nicht im nächsten Moment ein Polizeiwagen vorfahren. Und wer entsteigt diesem Polizeiwagen? Ihr ahnt es schon: Redel. Ja genau, Redel. Ehrlich gesagt möchte ich gar nicht mehr wissen, wie der es in der Kürze der Zeit nach Alsdorf geschafft haben will, zumal sein letzter Stand war, man müsse diese Spur nicht weiter verfolgen – und dann schafft er es nicht nur nach Alsdorf, sondern kommt auch noch im allerallerletzten Moment, um dem Schurken mit seiner Knarre in den Rücken zu ballern. Wir sind eh gleich durch, zerbrechen wir uns doch nicht auch noch darüber den Kopf. Wir hatten immerhin schon genug Idiotie. Das ist es einfach nicht mehr wert. Mit dem Schuss hat Redel Chrissy zwar um sein Leben gebracht, dafür aber Katjas Leben gerettet. Nun traut sich auch Jessy wieder raus und umarmt ihre Mutter. Ladies and gentlemen, wir haben ein Happy End!

Das Glück der beiden Frauen wäre aber nicht vollkommen, wenn Katja nicht auch noch das Sorgerecht für Jessy zugesprochen bekäme. Also bekommt sie es zugesprochen. Das ist logisch, weil sie ja den ganzen Film über als mitunter komplett übergeschnappte, kopflose, alles und jeden beleidigende, sich dumm wie Brot anstellende Frau alles dafür getan hat, sich den Titel „Mutter des Jahres“ zu verdienen. Dementsprechend gönnt Micha ihr seine Tochter, er und Maike dürfen sie wie zuletzt auch an den Wochenenden haben. Katja ist nach der aufregenden Zeit wieder glücklich und möchte gern zur Feier des Tages mit ihrer Tochter essen gehen, aber Jessy hat anderes vor: Sie hat ein Date mit Lars. Och nee, das hätte doch nicht mehr sein müssen. Da kommt einem wirklich alles hoch.

Und es gibt noch mehr Glück für Katja, nämlich ihr privates. Redel hat sich erbarmt, die Schreckschraube in eine Beziehung zu überführen – wahrscheinlich, um die Männerwelt vor diesem Monstrum zu schützen. Ein uneigennütziger Mann, wie es viel zu wenige gibt. Gemeinsam stehen sie an der Kinokasse und werden vom Verkäufer gefragt, ob sie online vorbestellt hätten. „Oh Gott, nein, niemals!“, zeigt sich Katja entschieden ablehnend. Als der Verkäufer auch noch mit Bonuspunkten für die Mitgliedskarte um die Ecke kommt, mischt sich auch Redel ein: Nein, auch sowas kommt nicht in die Tüte. Bar und anonym wollen sie zahlen. Willkommen in der Steinzeit!

Die letzte Szene gehört aber Jessy und Lars. Erstere mag nach wie vor nicht vom bösen Internet lassen und hat zielsicher die Website des Kinos angesteuert, in dem Katja und ihr zukünftiger Stiefvater immer noch an der Kasse stehen. Dort kann sie das neue Traumpaar über eine im Foyer angebrachte Kamera live dabei beobachten, wie es sich einen Kuss gibt. Big Brother is watching you. Oder zumindest: Small Daughter. Lars hat Neuigkeiten für Jessy: Er ist in einen Tennisverein eingetreten. Das findet seine Freundin so cool, dass sie auch will: „Ich glaube, meine Mutter würde das echt gern sehen.“

Kameraschwenk auf die Überwachungskamera im Kinofoyer, und dann folgen wieder Zahlen- und Buchstabenkolonnen wie in der Eingangsszene. ENDE.

Und die Moral von der Geschicht’? Liebe Mädchen, passt schön auf, mit wem ihr da chattet. Es könnte schließlich ein Apotheker sein, der seine Schwester vor 20 Jahren durch einen Unfall verloren hat, aber partout nicht einsehen will, dass sie tot ist und dafür euch als Schwesterersatz auserkoren hat.

Man pflegt ja so seine Klischees zum Privatfernsehen – und so wäre es auch diesmal ein Leichtes, ordentlich draufzuhauen und zu sagen, „Online – Meine Tochter in Gefahr“ sei ein Produkt, wie es nur auf RTL, SAT.1 oder RTL II entstehen könnte. Dann erinnern wir uns aber auch an die Meinungsmache im Öffentlich-Rechtlichen Fernsehen, der wir in der Vergangenheit schon ausgesetzt waren, als es um Videotheken und Killerspiele ging, und schon merkt man, dass ein solcher Rundumschlag nicht ganz fair ist. Einen ähnlichen Film könnte ich mir auch sehr gut auf ARD oder im ZDF vorstellen. Es ist ja nicht so, als wären diese Sender fehlerfrei. Anders herum weist das Privatfernsehen auch durchaus bemerkenswerte und gut recherchierte Formate auf. Gerade PRO 7 hat sich zuletzt in der Hinsicht ja sehr positiv hervorgetan, etwa mit der Dokumentation „Rechts. Deutsch. Radikal.“, die sich mit dem Thema Rechtsextremismus beschäftigte, oder auch Joko Winterscheid und Klaas Heufer-Umlauf, die nach Siegen in der erfolgreichen Show „Joko & Klaas gegen ProSieben“ stets 15 Sendeminuten zur besten Sendezeit geschenkt bekommen und darin nicht immer, aber immer mal wieder auf Missstände wie Sexismus und die unwürdige Situation auf vielen Pflegestationen aufmerksam machen. Insofern könnte man sich auch vorstellen, dass sie eines Tages auf die Gefahren hinweisen, die im Internet auf Kinder und Jugendliche warten, denn das ist und bleibt ein immer aktuelles Thema.

„Online“ hatte 2012 offenbar nichts dergleichen im Sinn. Dazu hätte Autor Timo Berndt sich auch etwas genauer mit der Thematik auseinandersetzen müssen, anstatt sie als Aufhänger für einen nicht mal vordergründig sonderlich aufregenden TV-Thriller zu nehmen. Wenn ich ehrlich bin, habe ich nach Genuss dieses Streifens sogar den Eindruck, als wüsste Berndt des Öfteren nicht, wovon er da überhaupt redet. Da wirft er zwischendrin zwar Begriffe wie Follower und platte Weisheiten wie „Einmal im Netz, immer im Netz“ in den Raum, um zu zeigen: „Guckt mal, ich kenne mich aus“, aber wie das alles so funktioniert, kann und/oder will er auch nicht richtig erklären. Mit einem Mehrwert geht hier also niemand nach Hause.

Die ganze Situation hätte sicherlich beklemmender gestaltet werden können, wenn man denn aus dem jämmerlichen Irren tatsächlich einen Pädophilen gemacht hätte, der sich ernsthaft anschicken würde, der jungen Hauptfigur Leid zuzufügen. Zumindest war ich zu Beginn davon ausgegangen, dass es sich darum drehen würde. Stattdessen haben wir es hier mit einem zurückgebliebenen, weil seit seiner Kindheit traumatisierten Mann zu tun, der eigentlich nichts anderes will als seine tote Schwester zurück, und deshalb Jessy entführt. Würde sie mitspielen, hätte sie nichts zu befürchten. Damit will ich nicht sagen, dass der Schurke nicht gefährlich wäre, wie man spätestens ganz am Ende sieht, als er Mama Waiser totwürgen will, aber insgesamt ist er dann doch eher das zarte Kätzchen unter den Psychopathen.

Aber seien wir ehrlich: Selbst wenn Chrissy ein Pädophiler gewesen wäre, hätte das Drehbuch hinten und vorn nicht funktioniert. Es ist einfach schlecht geschrieben. Der gewichtigste Grund des Scheiterns liegt darin begründet, dass Berndt aus Hauptfigur Katja, der ähnlich wie Sandra Bullock in dem nach heutigen Standards extrem veralteten Hollywood-Thriller „Das Netz“ nach und nach der Boden unter den Füßen weggezogen wird, einen unausstehlichen Besen macht. Sie ist ein Paradebeispiel dafür, dass eine Figur, die als Sympathieträger gedacht ist, nicht automatisch Sympathieträger ist, nur weil ihr Unrecht geschieht. Blindlings stolpert sie in ihr Verderben, weil sie vom Tuten und Blasen keine Ahnung hat, beleidigt ihre Mitmenschen (allen voran die eigentlich ganz lieb erscheinende Maike), poltert und heult und kann doch nicht verstehen, warum alle so gemein zu ihr sind. Selbst wenn wir berücksichtigen, dass ihre Mitmenschen ihr auch von vornherein gar nicht erst zuhören wollen (die Bankangestellte, ihr Chef Torben, Kirsten und Barbara), was dann ja zu ständigen Frustrations- und Verzweiflungsmomenten bei ihr führt, benimmt sie sich halt über die volle Laufzeit sehr häufig völlig daneben und darf sich folglich nicht beschweren, wenn Töchterlein Reißaus nimmt und lieber bei Papi ist oder beim Gerichtstermin selbst der sonst so besonnene Micha und die Richterin drohend ihr Wort erheben, weil sie einfach nicht aufhört zu zetern.

Da Katja Dreh- und Angelpunkt ist, wiegt dies umso schwerer. Mitfiebern kann ich bei der Schrulle nicht, eher ist es ein Vergnügen zu sehen, wie sie immer tiefer in die Scheiße rutscht. Sie hat es halt einfach nicht besser verdient. Häme statt Mitleid – das bedeutet gleichzeitig auch schon das Todesurteil für den Film. Diese Frau verpestet mit ihrem nervtötenden Charakter die vollen 90 Minuten Lauflänge – und lässt ihre Mitstreiter dadurch automatisch besser dastehen, besonders diejenigen, die wir nach Wunsch des Schreibers wohl eigentlich verurteilen sollen. Katjas Mann Micha mag schon etwas zu nachsichtig und naiv sein („Was soll denn gefährlich am Internet sein? Lass ihr doch ihren Spaß, selbst wenn sie ihre ganze Lebensgeschichte online stellt. Sie ist noch jung!“), aber er ist vom Typ her recht locker drauf, und das ist mir allemal lieber, als verbiestert durchs Leben zu gehen und nur zu nörgeln. Maike bleibt wie gesagt farblos, verdient aber auch nicht die ständigen Sticheleien, die Katja gegen sie loslässt, ob sie nun da ist oder nicht. Sie sehnt sich nach einer eigenen Tochter, behandelt Jessy fürsorglich und ist nett zu ihr. Das ist nichts, was ein so schäbiges Nachtreten von Katja verdient. Und selbst wenn sie mit Micha in der einen Szene über das Sorgerecht spricht und eigene Ansprüche anmeldet, ist das nicht per se verurteilenswert. Katja ist ja nun mal auch einfach eine überforderte Mutter.

Jessy ist halt ein etwas aufmüpfiges und wehleidiges Kind, das mit zwölf Jahren pubertätsbedingt halt etwas zickig ist und für das man vielleicht etwas Verständnis mitbringen sollte, wenn sie ein wenig gegen die Miesepetra-Mama angeht. Trotzdem ist sie insgesamt recht zahm (kein Wunder, sie will ja eigentlich den ganzen Film über auch nur am Laptop hängen und chatten) und, um hier auch mal zu loben, ein ziemlich glaubwürdiger Teenager. Redel macht einen über weite Strecken eher trübtassigen Eindruck, kennt sich nicht mal mit seinem eigenen Fachgebiet aus, ist aber zum Schluss immerhin da, als es gilt, sich heldenhaft zu betätigen. Wenn es nach mir ginge, hätte er das lassen sollen. Chrissy war doch schon fast fertig mit der Würgerei. Was er an Katja findet, dass sich schließlich sogar eine Romanze entfaltet, will ich aber nicht kapieren. Vielleicht ist er Masochist und steht auf Handschellen und viel pöbelnd-hysterisches Geschrei.

Negative Erwähnung verdient dieser schreckliche neunmalkluge Computer-Fachmann Lars, der von seinem ersten Auftritt an alles, wirklich alles dafür tut, dass man ihn eine lange Treppe runterschubsen möchte. Permanent entweichen seinem Mund altkluge Besserwissersprüche. Dass der Junge auch noch überaus gekünstelt, weil schlecht geschauspielert, seine ach so tollen Sprüche vom Stapel lässt, hilft da auch nicht weiter. Ganz besonders furchtbar, dass er mit zunehmender Laufzeit eine immer dominantere Rolle einnimmt, weil er der Einzige ist, der sich mit Rechnern, Internet und Zeugs auskennt. Lars ist die schlimmste Sorte Kinderfigur, die man sich vorstellen kann.

Auch fernab der unausstehlichen Figuren Katja und Lars hat Berndt hier voll ins Klo gegriffen. Immer wenn das Skript nicht weiter weiß, zieht es die absurdesten Zufälle aus dem Ärmel – eine Vorgehensweise, die bis zum Ende gnadenlos durchgezogen wird. Im letzten Drittel häuft sich das sogar in einem Maße, dass man in der Tat nur noch von akuter Faulheit beim Autoren sprechen kann. Katja kommt dem Täter allein durch Intuition auf die Schliche, nicht etwa, weil sich das logisch aus der Geschichte herleiten würde. Von jetzt auf gleich fällt ihr nach Jessys Verschwinden ihre angebliche Freundin Chrissy ein, die sie dann auch gleich automatisch für ihr eigenes Schicksal verantwortlich macht. Sie sieht ein Foto von Chrissy – und kann sich sofort daran erinnern, dass sie das auf einer Apotheken-Zeitschrift gesehen hat, die irgendwo auf ihrem Dachboden vor sich hin staubt. Sie beißt sich an dem Ort Alsdorf fest, obwohl gar nicht klar ist, was an dem besonderer sein soll als an den anderen Städten. Kaum ist sie in Alsdorf, sieht sie ganz zufällig eine Litfaßsäule mit dem entscheidenden Hinweis auf die Apotheke. Das ist wahnsinnig nachlässig und sollte einem eigentlich von jedem Dozenten einer Drehbuchschule gnadenlos um die Ohren gehauen werden.

Permanent bewegt sich das Drehbuch im Sumpf der Lächerlichkeit und weist chinagroße Löcher auf. Eine längst nicht vollständige Auswahl: Lars, der Computer-Experte, der über Fähigkeiten verfügt, über die die größten Hacker vermutlich staunen würden; das völlig unglaubwürdige Verhalten von Katjas Mitmenschen, angefangen bei der Bankangestellten, die so tut, als hätte es Internetbetrug noch nie gegeben, fortgeführt mit Kirsten und Barbara, die sich einerseits beste Freundinnen schimpfen, andererseits aber Katja nicht mal eine Minute lang die Möglichkeit geben, sich zu erklären; der Apotheker, der sich während der Arbeitszeit immer dann, wenn kein Kunde da ist, in sein dunkles Hinterzimmer verkriecht, um mit seiner „Schwester“ zu chatten; die falsch ausgelegten Fährten hinsichtlich der Täterschaft, die nicht mal davor zurückschrecken, den Polizisten Redel doch immerhin zwei Minuten lang verdächtig zu machen (inklusive seiner Lüge, es gäbe auch noch andere Kollegen, die sich mit Internetdelikten beschäftigen, obwohl es diese dem Gespräch der Wachposten nach zu urteilen eben doch nicht gibt – was sollte das?); die ganzen technischen Fragwürdigkeiten rund um das kinderleichte sekundenschnelle Einhacken in jeden nur denkbaren Account, oder die Internet-Suchaktion, die innerhalb weniger Stunden 4.000 Hinweise einbringt; Redels plötzliches Erscheinen am Tatort in letzter Sekunde, obwohl das zeitlich irgendwie alles gar nicht hinhauen kann … Wollt ihr noch mehr? Nein, ich glaube, das reicht. Lest im Zweifel die Inhaltsbeschreibung nochmal.

Inszenatorisch leistet Oliver Dommenget routinierte Dienst nach Vorschrift. Kinofeeling war bei diesem TV-Film natürlich nicht zu erwarten, und das waren sichtlich auch gar nicht seine Ambitionen. Entsprechend fallen auch keine großartigen Mätzchen auf, abgesehen von sinnloser Zeitlupe an zwei Stellen, bei denen der Kameramann bestimmt nur aus Versehen auf die falsche Taste gekommen ist. Das passt auch ganz wunderbar in Dommengets Regie-Historie, die neben seltenen Ausflügen ins Thriller-Genre einige neuere Folgen von „Der Bergdoktor“ und „Die Bergretter“ beinhaltet. Sein letzter Eintrag stammt aus diesem Jahr (2021): „Das Traumschiff: Malediven/Thaa Atoll“. Über das Fernsehen scheint er dabei nie hinausgekommen zu sein.

Und damit zu den Schauspielern. Annette Frier war, wie oben schon erwähnt, seinerzeit bekannt und beliebt aus der von 2010 bis 2014 gedrehten „Danni Lowinski“, in der sie in 65 Folgen die Titelfigur, eine Anwältin mit Herz, spielte, hatte sich allerdings auch zuvor bereits einen Namen gemacht, erstmals in der RTL-Reißer-Serie „Hinter Gittern – Der Frauenknast“ in der Rolle der Vivi Andrascheck, später dann auch im Comedy-Bereich, z.B. in „Die Wochenshow“. Deshalb dachten sich die Verantwortlichen des Senders, dass sie mit ihrem Gesicht nicht viel falsch machen konnten. Von den Zuschauerzahlen her machten sie das dann auch nicht: Die 3,39 Millionen bei der Erstausstrahlung entsprachen einem Marktanteil von vernünftigen 10,6%. Friers Leistung kann dann auch gar nicht mal so sehr kritisiert werden. Sie sollte halt eine hysterische Kreische spielen. Da ist sie mit Herzblut dabei.

Als Filmtochter Jessy ist hier Jamie Bick unterwegs. Die heute 21-jährige Darstellerin hatte zuvor schon vereinzelte Rollen u.a. in „Alarm für Cobra 11“, „SOKO Leipzig“ und „SOKO Köln“ und zudem die Hauptrolle in dem Kinderfilm „Yoko“ inne, wo sie es mit einem weißen Wuscheltier zu tun bekommt. In „Online“ schlägt sie sich recht wacker und – was ja auch nicht selbstverständlich ist für Kinderdarsteller – nervt trotz ihrer vereinzelten Zickereien noch nicht mal sonderlich. Johannes Brandrup war eine Zeit lang in den 90ern und im ersten Jahrzehnt des neuen Jahrtausends ein relativ häufig zu sehendes Gesicht des deutschen Fernsehens. Mittlerweile hat er sich, soweit ich das überblicke, ziemlich rar gemacht. Seit „Online“ sind nur wenige neue Rollen dazugekommen. Als Cop Redel zieht er sich ziemlich unauffällig aus der Affäre. Für einen Helden hat er wenig zu tun.

Knud Riepen als Apotheker Weiser ist ein sehr farbloser Bösewicht, wobei gerade das möglicherweise beabsichtigt war, weil er ja schließlich den Biedermann spielen sollte. Riepen taucht auch eher sporadisch im TV auf und war in mehreren Folgen von „Danni Lowinski“ zu sehen. Christoph Grunert (Micha) gibt einen soliden Daddy ab, Sabrina White als so oft von Katja beschimpfte Maike ist quasi unsichtbar, Robert Dölle als Chef Torben bleibt hauptsächlich wegen seiner Glatze in Erinnerung, während Astrid Posner (Kirsten) und Anna Schäfer (Barbara) als treulose Tomaten-Freundinnen von Katja keine Punkte machen können.

Wie ein paar Absätze weiter oben die Hassfigur Lars verdient auch Damian Hardung ein paar Sätze mehr. Seine schauspielerische Leistung finde ich ziemlich katastrophal, selbst wenn ich das geringe Alter von 14 Jahren berücksichtige. Gerade seine Klugscheißereien klingen gekünstelt und kommen daher längst nicht so schlagfertig rüber, wie sie beabsichtigt waren. Das soll ihn aber nicht großartig stören, denn er sollte drei Jahre nach „Online“ eine der Hauptrollen der viel gelobten und auch vom Publikum mit hohen Einschaltquoten belohnten VOX-Serie „Club der roten Bänder“ übernehmen und später auch noch im ins Kino gebrachten Film zur Serie („Club der roten Bänder – Wie alles begann“) mit von der Partie sein. Außerdem machte er 2019 in der beliebten deutschen Netflix-Serie „How to See Drugs Online (Fast)“ mit.

Über die Musik von Mark Anthony Yaeger habe ich bisher kein Wort verloren. An sich wäre die auch nicht weiter der Rede wert, weil schlichtweg generisch, wenn sie denn nicht beinahe ohne Unterlass durchspielen würde. Jede noch so harmlose Szene wird dröhnend untermalt und uns dadurch mindestens unterbewusst als Spannungsmoment verkauft. Dazu gehören dann so aufregende Fragen wie „Wird Jessy ihrer Mutter noch rechtzeitig verheimlichen können, dass sie gerade mit Chrissy chattet oder nicht?“.

„Online – Meine Tochter in Gefahr“ ist ein typischer Fall von „gut gemeint, aber nichts kapiert“. Ja, es ist gut und wichtig, seine Kinder für die Gefahren im Internet zu sensibilisieren (und auch die Eltern selbst, denn letztlich rennt hier ja vor allem die erwachsene weibliche Hauptfigur ins finanzielle, berufliche und private Desaster). Auch Filme können diese Funktion übernehmen. Dann hätte ich aber bitte einen, der nicht die abgedroschenen Floskeln von der brandgefährlichen und bösartigen digitalen Welt wiederholt, die wir schon hundertfach gehört haben, um am Ende zum Fazit zu kommen, man sei einfach besser dran, wenn man auf den Digitalbereich weitestgehend verzichtet, also auch bei Bankgeschäften und Kinokartenkäufen. Eher wird Angst vor dem (knapp zehn Jahre nach der Erstausstrahlung des Films mittlerweile ja nur noch wenig verpönten) Online-Banking geschürt, als dass ernsthaft versucht werden würde, Pro und Kontra abzuwägen und das Thema von mehreren Seiten zu beleuchten. Stattdessen kriegen wir hier ein unvorstellbar dummes Mutter-Exemplar als vermeintliche Identifikationsfigur vor die Nase gesetzt, an der wir uns festhalten sollen, es aber nicht können, weil sie einfach nichts richtig macht. Garniert mit einem ausnehmend blöden Drehbuch ergibt sich daraus ein leidlich unterhaltsamer, da stellenweise unfreiwillig komischer TV-Streifen, der wenig bis nichts von dem vermittelt, geschweige denn selbst versteht, was er eigentlich anprangert.


BOMBEN-Skala: 7

BIER-Skala: 4


mm
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