Off Limits – Wir sind das Gesetz


  • Deutscher Titel: Off Limits - Wir sind das Gesetz
  • Original-Titel: Gardiens de l'ordre
  • Alternative Titel: Sphinx
  • Regie: Nicolas Boukhrief
  • Land: Frankreich
  • Jahr: 2010
  • Darsteller:

    Cécile de France (Julie), Fred Testot (Simon), Julien Bosselier (Marc), Nicolas Marié (Kommissar), Stéphan Wojtowicz (Gilbert), Nanou Garcia (Sandrine), Stéphane Jobert (Roland), Jean-Michel Noirey (Rudy), Foued Nassah (Joseph), Gilles Gaston-Dreyfus (Christian), Nicolas Grandhomme (Maxime)


Vorwort:

Julie ist Streifenpolizistin in Paris – mit ihrem regulären Partner und dem Neuen Simon (strafversetzt) wird sie zu einem harmlosen Fall von Ruhestörung gerufen. Der Ruhestörer allerdings ballert Julies Partner tot und wird von ihr niedergeschossen. Der Bursche war zwar mit einer neuen Designerdroge vollgepumpt bis unter die Haarspitzen, aber leider auch Sohn eines einflussreichen Politikers und plädiert, kaum aus dem Koma erwacht, auf einen schweren Fall unangebrachter Polizeibrutalität, und um einen Skandal zu vermeiden, ist man polizeiseits gewillt, Simon und Julie wunschgemäß auf Eis zu legen. Das wollen sie sich nicht bieten lassen und ihr direkter Vorgesetzter Gilbert empfiehlt ihnen, inoffiziell zu ermitteln und die Hintermänner rund um die Dealer der neuen Wunderdroge (die Pillen leuchten sogar im Dunklen) ausfindig zu machen. Simon, dem man nachsagt, unnötig gewalttätig zu sein, und Julie machen sich ans Werk, richten sich in einem polizeibeschlagnahmten Appartment der Luxusklasse ihr Quartier ein und bestücken sich aus der Asservatenkammer mit Drogen und Kohle, um glaubhaft als Dealer durchzugehen, die auf der Suche nach neuen Geschäftspartnern sind. Tatsächlich gelingt es Simon, Kontakt mit einem Dealer aufzunehmen, der Sphinx (so heißt das Teufelszeug) vertickt und, nach ein wenig rustikaler Gesprächsführung, auch seine Bezugsquelle ausspuckt. Nachtclubbetreiber Marc und seine Compadres basteln Sphinx im Heimlabor und haben immer Verwendung für geschäftstüchtige Vertriebspartner – nach einer Probelieferung will Marc ihnen einen größeren Posten verticken. Simon und Julie, die mittlerweile von ihrer Flic-Kollegin Sandrine argwöhnisch beobachtet werden, müssen aber noch eine Art Initiationsritual überstehen: sie sollen einen Dealer ausknipsen, der Marc vorgeblich um Moneten geprellt hat, und zwar ausgerechnet ihren Informanten. Jetzt müssen sich die beiden inzwischen suspendierten Cops stark überlegen, wie weit sie gehen wollen…

Inhalt:

Während der französische Horrorfilm, wie in diesem Jahrgang schon von The Pack ausdrücklich bestätigt, permanent zwischen Genie und Wahnsinn bzw. Welt- und Kreisklasse pendelt, kann man sich auf französische Thriller ja beinahe blind verlassen und ungefähr so handhabe ich das dann auch beim Ticket-Kauf für’s FFF. Obwohl „Sphinx“ (oder „Off Limits – Wir sind das Gesetz“, wie der Streifen auf DVD heißen wird) auf den recht unsympathischen Sonntag-mittag-Slot programmiert wurde, schleppte ich mich also zu unchristlicher Kinozeit ins Multiplex. Hat sich aber, wie schon zu erwarten war, durchaus gelohnt.

Nicolas Boukhrief („Mörder“, „Cash Truck“) und Dan Besson nehmen sich ein vordergründig erst mal altbekanntes Thema, den gelinkten Bullen an sich, vor und stellen dabei die interessante moralische – und oben bereits gestellte – Frage, wie weit durchaus aufrechte Gesetzeshüter gehen können, dürfen, wollen oder müssen, um sich von ungerechtfertigten Vorwürfen freizumachen. Der Schwerpunkt des Films liegt daher weniger auf oberflächlicher Action als Schattenspielereien (schließlich müssen Simon und Julie alle möglichen illegalen Tricks anwenden, um für die Drogenbastler glaubwürdig zu bleiben) und Charakterentwicklung – unsere beiden Helden erleben eine Reise, die bei der vorsichtigen Unsicherheit beginnt, die man immer im Umgang mit neuen Kollegen hat, über das Zweckbündnis im Interesse eines gemeinsamen Ziels bis zur persönlichen Annäherung und Verbundenheit geht – was nicht heißt, dass „Sphinx“ nicht auch zupackt, wenn es angemessen ist und dann ausgesprochen intensiv wird. Ein Glücksfall ist die Behandlung der Charaktere (Julie, die aus einer Polizistenfamilie kommt und der Familientradition gerecht werden muss; Simon, für den das Polizistendasein Leidenschaft ist und der nichts anderes kann und will): hier spielt das Script ein wenig mit der Erwartungshaltung des Zuschauers. Wenn Simon als „gewalttätig“ vorgestellt wird, erwarten wir natürlich, dass er diesem Urteil gerecht wird (was er auch tut, als sie den Dealer Maxime „verhören“), aber wenn’s sprichwörtlich um die Wurst geht, ist es Julie, die als erste alle Skrupel ad acta legt; immer wieder deutet das Buch an, dass Simon und Julie kurz davor sind, sich von der Verbrechenswelt vereinnahmen zu lassen, ihrer Faszination zu erliegen, und auch wenn sie letztlich nach simpler schwarz/weiß-Moral auf der „richtigen“ Seite bleiben, überschreiten sie Grenze um Grenze. Wenn man ein wenig herumkritteln möchte, dann daran, dass die Bösewichter verhältnismäßig unbeleuchtet bleiben, aber das ist auch nicht der Sinn der Übung, es ist erster Linie ein Film über Julie und Simon und interessiert sich nur nachrangig für die Designerdroge – „Sphinx“, die Droge, ist ein klassisches MacGuffin, dessen Einzelheiten uns nicht weiter behelligen sollen (ich hatte zunächst befürchtet, dass der Streifen in spekulative Gefilde ausbrechen würde, weil auch im Programmheft darauf herumgeritten wurde, dass die Droge ihre Konsumenten zu hyperaggressiven Gewalttätern macht; im Endeffekt spielt das aber überhaupt keine Rolle; im Film kommt das genau einmal im Bild vor und wird noch einmal erwähnt, und damit hat sich die Chose dann).

Boukhrief behandelt den Stoff mit der gebotenen erzählerischen Dichte, erlaubt sich aber ein-zwei Vertändelungen (ein recht aufwendig und immer wieder ins Blick gerückter Subplot um Sandrine, die unspezifizierten Verdacht gegen Julie und Simon hegt, bleibt unaufgelöst; im Mittelpart könnte die Story für meinen Geschmack etwas straffer erzählt werden), die allerdings nicht weiter stören. Die Geschichte entwickelt trotz des starken Zuschnitts auf die Hauptfiguren und ihren „character arc“ enorme Sogwirkung und wird zum Finale hin richtig richtig spannend, auch oder gerade weil Boukhrief die Inszenierung selbst vergleichsweise intim hält; er setzt stark auf Großaufnahmen von Gesichtern, geht nur selten in die Totale, biedert sich aber auch nicht an den hippen pseudodokumentarischen Stil an. Im Verbindung mit einigen pointiert gesetzten Gewaltspitzen und einem fulminanten Finale, in dem Cécile de France wieder mal zeigen kann, wo der Hammer hängt, und einem gelungene Score (allerdings gibt’s dank einiger Nachtclubszenen auch diversen Techno zu ertragen), ergibt das einen äußerst runden, zielstrebigen und weitestgehend präzise inszenierten Thriller.

Der natürlich auch von seinen vorzüglichen Hauptdarstellern legt – Cécile de France ist uns ja allen noch aus High Tension in bester Erinnerung, und auch wenn sie hier eine gänzlich andere Rolle spielt (und sich auch optisch wandlungsfähig zeigt – nicht nur im direkten Vergleich zu „High Tension“, sondern auch innerhalb des Films, in dem sie von, najaa, nicht gerade grauer Maus, aber eher unauffälliger junger Frau bis hin zur aufregenden Sexbombe die ganze Bandbreite durchspielt) und leistet auch hier erstklassige Arbeit, und auch Fred Testot (unter dem Künstlernamen „Fred“ offenbar recht umtriebiger Comedian westlich des Rheins) macht sich vorzüglich als ganz besonders gestresster Simon. Den Chefbösewicht gibt Julien Boissellier („Was Frauen wirklich wollen“, „Female Agents – Geheimkommando Phoenix“) zwar ohne größeren Tiefgang, da ihm solcher nicht mitgegeben wurde, aber mit der richtigen, irgendwie typisch französischen Mischung aus Charme und Sadismus.

Fazit: Man kann’s nicht anders sagen, aber das Drehen düsterer, irgendwo realistisch wirkender (auch wenn sie’s nicht sind – denn gerade das Ende des Films ist zwar für den inneren Moralkompass durchaus befriedigend, aber wohl kaum mit irgendeinem Buchstaben eines Strafgesetzbuches dieser Welt vereinbar) Krimis liegt den Filmemachern in Frankreich und Belgien offenbar im Blut – nach Dossier K. wusste auch „Sphinx“ absolut zu überzeugen. Teuflisch spannend, gut geschrieben, exzellent gespielt – einmal mehr darf man den FFF-Machern danken, dass sie das „Fantasy“ im Festivalnamen sehr weit auslegen und auch ein Herz für taffe, energische Thrillerkost haben. Thumbs up!

4/5
(c) 2010 Dr. Acula


mm
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