Nullpunkt


  • Deutscher Titel: Nullpunkt
  • Original-Titel: Ich bin dein Killer
  •  
  • Regie: Jochen Richter
  • Land: BR Deutschland
  • Jahr: 1982
  • Darsteller:

    Hans Peter Hallwachs (Jeff Brunner), Victoria Tennant (Annette Dorberg), Heinz Trixner (Jürgen Dorberg), James Faulkner (Felix Münchenbach), Roger Fritz (Didi), Margit Geissler (Gaby), Dan van Husen (Danny), Panos Padadopulos (Floop), Uschi Zech (Iris), Zora Larizzi, Josef Schwarz, Dietrich Kerky, Gesa Thoma, Stefan Abendroth, Claudia Harrer


Vorwort:

Jeff Brunner (Hans-Peter Hallwachs, DER SOMMER DES SAMURAI, DIDI AUF VOLLEN TOUREN) ist ein kleiner Gauner, der als Geldeintreiber für die Münchner Unterweltgröße Didi (Roger Fritz, QUERELLE, BERLIN ALEXANDERPLATZ) arbeitet, asssistiert von einem weiteren Möchtegern-Gangster, Danny (Dan van Husen, NOSFERATU, KILLER BARBIES VS. DRACULA). Gerade hat er für Didi von einem renitenten Zocker 183.000 DM kassiert und ist damit erfreulicherweise wieder flüssig genug, um seinem Augenstern Gaby (Margit Geissler, DIDI UND DIE RACHE DER ENTERBTEN, DIE SCHÖNEN WILDEN VON IBIZA), dem Star auf dem roten Teller von Didis Peep-Show, wieder mal einen bunten Abend bieten zu können. Zudem leiert er Didi noch dessen schicken BMW aus’m Kreuz- nur die Schlüssel, versteht sich, denn Jeff ist offiziell so pleite, dass eine formale Besitzübergabe nur dazu führen würde, dass der Gerichtsvollzieher – der eh schon ein Auge auf Jeffs einzigen nennenswerten Besitz, eine olle Wurlitzer-Musicbox, geworfen hat – ihm die Kiste unterm Arsch wegpfänden würde.

Dieweil kehrt Annette Dorberg (Victoria Tennant, L.A. STORY, SOLO FÜR 2) nach einem einjährigen Australienaufenthalt nach Hause zurück. Naja. Nicht so wirklich, denn der Schlüssel zur Ehewohnung passt nicht mehr und drin wird heftig gefeiert. Zu den Partygästen gehört zum Glück der Dorbergsche Anwalt, Felix Münchenbach (James Faulkner, GAME OF THRONES, DA VINCI’S DEMONS), der ein paar Erklärung für die verblüffte Annette auf Lager hat. Sie ist nämlich inzwischen geschieden, was Felix, da Annette offiziell unbekannt-verzogen verschwunden war, für ihren Männe, den erfolgreichen Schönheitschirurgen Jürgen (Heinz Trixner, EURYDIKE ODER DAS MÄDCHEN VON NIRGENDWO, SCHLOSSHOTEL ORTH) ziemlich kostengünstig durchgezogen hat. Annette ist einigermaßen bestürzt – von „verschwunden“ konnte keine Rede sein, Jürgen wusste stets, dass sie sich in Sydney aufhielt und hat ihr auch reihenweise Liebesbriefe geschickt, wonach er’s kaum erwarten könne, dass ihre Ehe nach einem für beide Partner erkenntnisbringenden Trennungsjahr wieder in aller früherer Glorie erstrahlt.Annette ist nach anfänglicher Hysterie davon überzeugt, dass die Existenz dieser Briefe recht mühelos die Annullierung der Scheidung bewirken sollte, da der Scheidungsgrund damit eindeutig widerlegt ist. Felix gibt sich gewillt, ihr dahingehend zu helfen. Nicht, dass Annette – nach einer versuchten Aussprache mit Jürgen – noch gesteigerten Wert darauf legt, mit dem Herrn Doktor verheiratet zu sein, aber sie hätte nun schon gern eine Scheidung zu ihren Bedingungen, insbesondere mit dem ihr zustehenden Anteil an Jürgens beträchtlichem Vermögen; Jürgen hat zwar einerseits immer noch Feelings für Annette, andererseits ist ihm die Holde seiner bescheidenen Ansicht nach lang genug auf der Tasche gelegen, ohne selbst jemals einen Pfennig zur Wahrung des Lebensstandards beizutragen. Er wäre bereit, Annette in gewissem Umfang entgegenzukommen, was Gewährung einer Wohnstatt und von Unterhalt angeht, aber die Hälfte der Anteile an seiner Klinik, nein, da spielt er dann doch nicht mehr mit.

Wiewohl Felix Annette gegenüber auf Schönwetter macht, ist er doch in erster Linie Jürgens Anwalt – wie kreuzen sich also die Wege der geschassten Ehefrau und des kleinen Gangsters Jeff? Nun, wie’s der Deibel so will, ist Felix auch der Winkeladvokat Jeffs (es ist die nur in Filmen vorkommende spezielle Sorte Anwalt, die einerseits die rechtlichen Probleme der Reichen und Schönen löst, aber auch für Feld-, Wald- und Wiesenkriminelle strafrechtlich tätig ist). Felix weiß, dass Jeff in permanenter Geldnot ist und er hätte da einen Klienten, der 5.000 Mark dafür springen lassen würde, täte jemand einer gewissen Person gewisse Briefe klauen. Nach kurzer Bedenkzeit stimmt Jeff dem Auftrag zu und während Felix Annette ausführt, stattet Jeff ihrem Hotel-Apartment einen kleinen durchsuchenden Besuch vor.

Was Felix‘ Pläne durchkreuzt ist, dass Annette nicht so blond ist, wie sie aussieht und Kopien der Briefe angefertigt hat. Und nur die findet Jeff in ihrem Apartment und ist clever genug, die sicherheitshalber liegen zu lassen, dieweil Annette die Originale bei Felix in Verwahrung gibt. Annette wiederum ist nicht doof genug, um nicht zu bemerken, dass jemand ihr Zimmer durchwühlt hat und ist nun, was die Kopien der Briefe angeht, extrem vorsichtig. Freilich hat aus ihrer Sicht niemand anderes als Jürgen ein Motiv, und so überredet sie mit sanftem Druck ihren Ex-Mann dazu, eine stattliche Lebensversicherung für sich zu ihren Gunsten abzuschließen. Die Olle wird langsam lästig.

Felix weiß erneut Rat – es wäre jetzt Zeit, die schweren Geschütze auszupacken, z.B. einen gedungenen Auftragsmörder, der die störende Annette beseitigt. Er vermittelt erneut Jeff, lässt aber die Verhandlungen Jürgen und den Killer-in-spé direkt führen. Der wahre Anwalt macht sich selbst die Finger nicht schmutzig. Jeff übernimmt den Job und plant, Annette während einer Ballonfahrt (vom Boden aus) mit einem Präzisionsgewehr zu erlegen. Dafür schaltet er den hierfür eigentlich vorgesehenen „Verfolger“ (den Teil der Balloncrew, der eben am Boden hinterherfährt) aus und nimmt seine Stelle ein. Während des Funkverkehrs mit dem Ballonkorb und dort im Speziellen Annette erkennt der verhinderte Mörder in seinem ausgekuckten Opfer eine verwandte Seele. Statt einer Kugel zwischen die Augen bekommt Annette einen Liebhaber…

Das neue Paar stürzt sich Hals über Kopf in eine leidenschaftliche Affäre, aber die könnte auch schnell verhängnisvoll enden. Irgendjemand will nämlich entweder sie oder ihn immer noch tot sehen. Ein Anschlag auf das Pärchen auf Lustfahrt im BMW bringt immerhin schon mal eine zerschossene Windschutzscheibe und einen ordentlich zerkratzten Arm bei Jeff, der von Gaby versorgt werden muss. Jeff stellt Jürgen auf dem Golfplatz zur Rede, doch der streitet ab, einen zweiten Killer engagiert zu haben. Wird wohl stimmen, denn Jeff kann nur in allerletzter Sekunde verhindern, dass Jürgen an Ort und Stelle aus dem Hinterhalt erschossen wird. Aber wenigstens kann Jeff den Attentäter identifizieren – es ist niemand anderes als Danny, und dessen übliche stomping grounds kennt Jeff gut genug, um dem Ex-Kumpanen einen Feindschaftsbesuch abzustatten.

Bevor die Situation endgültig ausartet, muss ein Machtwort gesprochen werden und so treffen sich alle Beteiligten unter halbwegs nach Waffenstillstand aussehenden Bedingungen bei Didi zu einer ein für alle mal alle Unklarheiten und Differenzen hoffentlich klärenden Aussprache. Hier entpuppt sich Felix als originärer Schmied aller finsteren Ränke – er hat Jürgen überhaupt erst den Floh mit der Scheidung in den Kopf gesetzt, weil er selbst scharf auf Annette war. Didi versucht die explosive Gemengelage durch ein salomonisches Urteil aufzulösen, aber nach dem von ihm vorgeschlagenen Deal wären die Gelackmeierten primär Annette und Jeff, und das kann weder die eine noch der andere einfach so akzeptieren. Es wird doch wieder alles in Tränen enden…

Inhalt:

Es gibt eh nicht sonderlich viele „Genrefilme“ im deutschen Kino der 70er und 80er – mutmaßlich trieben sich die meisten Filmschaffenden und Autoren, die mit dem Sujet was anfangen konnten, eh bei den einschlägigen Krimiserien von DERRICK bis TATORT schadlos, Krimis oder Thriller fürs Kino erschienen daher wohl überflüssig (Sleaze.. Sleaze hingegen war nie ein großes Problem im deutschen Kino).

Nun, es hielt sich erfreulicherweise nicht jeder an diesen Boykott spannungsförderlicher Geschichten fürs Kino, auch wenn – das hat sich ja bis heute nicht wesentlich geändert – seit dem Ende der Wallace-Krimis Anfang der 70er kaum mehr ein deutscher Krimi-/Thrillerstoff großartigen Eindruck an den Kinokassen hinterlassen hat (wovon ja Dominik Graf auch ein traurig Liedlein pfeifen kann). Aber, wie gesagt, es gibt Ausnahmen, und manche sind sogar ganz besonders bemerkenswert, denn dass 1982 völlig unter jedem Radar ein zumindest interessanter Versuch eines deutschen film noir, fabriziert von Jochen Richter, der es Mitte der 70er zumindest mal mit zwei Krimistoffen versucht, aber damit gehörig aufs Maul gefallen war und sich in der Folge mit TV-Produktionen wie der experimentiellen EURYDIKE und harmlosen Biographien wie HENRY FONDA oder RICHARD STRAUSS über Wasser gehalten hatte, und mit einem ziemlich eklektischen Cast in die Kinos gekommen war, verdient schon zumindest retrospektiv die Aufmerksamkeit, die dem Streifen zeitgenössisch nicht vergönnt war.

Richters Geschichte ist ganz patent – die vom fiesmorcheligen Anwalt ausgeheckte Scheidung ist ein schöner Aufhänger, aus dem heraus die Story ganz natürlich eskalieren kann. Natürlich ist Annette erst mal geplättet, dann angepisst darüber, wie man sie ganz legal über den Tisch gezogen hat, und ebenso verständlich ist es dann, dass sie die Sache nach ein paar netten Worten und einigen token gestures nicht auf sich beruhen lassen will, sondern vielmehr jetzt erst recht das Ziel hat, ihren verräterischen Gatten ordentlich auszunehmen. Und so schaukelt sich alles unter gnädig-manipulierender Anleitung durch den scheinheiligen, beide Seiten zum eigenen Vorteil gegeneinander ausspielenden Advokaten, schön und konsequent weiter hoch, die durch die Einschaltung Jeffs, der einerseits selbst nicht viel zu verlieren hat, andererseits aber nicht nur die Liebe seine Lebens, sondern auch eine Chance, aus seiner eigenen verheerenden Situation herauszukrabbeln, wittert, bis am Ende eine explosive Situation entstanden ist, die scheinbar nur durch eine von allen Seiten respektierte Person, mithin Didi, entschärft werden kann – nur dass nicht jeder Didi SO respektiert, um sein Wort als ultimatives letztes solches zu akzeptieren.

Auch wenn Annette keine klassische femme fatale ist, sondern selbst „nur“ manipuliertes Opfer, ist sie letztlich in treuer Tradition des Noir der Auslöser des ganzen Dramas, kreiselt alles letztlich um sie, werden reihenweise Männer ins Unglück gestürzt (bzw. stürzen sich mut- und freiwillig in ebenjenes). Bevor wir Richter aber gleich heiligsprechen, müssen wir schon etwas relativieren – NULLPUNKT mag einen gelungenen Aufhänger und eine ziemlich geile erste Dreiviertelstunde haben, aber nicht alles, was Richter sich so ausdenkt, funktioniert wirklich so wie gewünscht. Da gibt es einige Charakterzeichnungen, die einfach etwas zu „broad“, zu sehr mit Genreklischees spielend konstruiert sind, um einem Film, der mehr oder minder in der Realität des Jahres 1982 as is angesiedelt ist, gut zu Gesicht zu stehen. Da wäre schon mal Jeff (und auch Danny) selbst, die als wandelnde Abziehbilder von 40er-Jahre-Gangstern im Zweireiher-Anzug mit Fedora-Hut und Krawatte zu sehr wie aus einem Tex-Avery-Cartoon rübergewandert wirken – mir würde es schwer fallen, mich von den Gesellen bedroht zu fühlen, wenn ich andauernd denke, dass die Bogey cosplayen (aber offenbar kann man in dem Aufzug jede Frau aufreißen, sogar scheinbar verstaubte Anwaltsgehilfinnen, so what do I know?). Auch der krampfhafte Versuch, über einen auf heftig schwäbisch parlierenden Gerichtsvollzieher, der Jeffs Musicbox pfänden will, „comic relief“ einzubringen, wirkt unpassend und reißt mich wenigstens schon allein durch dem Dialekt aus der Story.

Problematisch ist auch, dass der Film seinen ersten großen Twist – dass Jeff sich wider Erwarten in Annette verschießt, anstatt dass er sie erschießt – womöglich etwas zu früh aus dem Sack lässt, d.h. ungefähr zur Halbzeit, denn er hat dann wohl doch etwas zu wenig Plot übrig, um die zweite Hälfte adäquat zu füllen. Wenn das Script sich dann bemüht, einerseits eine glaubhafte Liebesgeschichte zwischen Jeff und Annette aufzubauen – was nicht wirklich funktioniert -, andererseits aber auch noch mehr gegenseitige Betrügereien der handelnden Figuren auf das schon bestehende Konstrukt draufzupacken (durch die weiteren Mordanschläge, die sich, wenn Felix‘ späteres Geständnis stimmt, auf Jeff und Jürgen als potentielle Rivalen um Annettchens Gunst beziehen), gerät die ganze Struktur schon ein bisschen ins Wanken (zumal der halbherzig ausgeworfene red herring, der zweite Killer könnte wegen der Lebensversicherung von Annette selbst beauftragt worden sein, nicht wirklich ausgearbeitet wird) und der Film an sich etwas ins planlose auf-der-Stelle-treten. Die Aufdeckung aller wesentlichen Geheimnisse im Rahmen einer trauten Gesprächsrunde bei Didi ist zwar einerseits, wie oben gesagt, aus der Geschichte heraus stimmig, freilich aber auch recht antiklimaktisch. Wenigstens kriegt der Film danach noch die Kurve zu einem angemessen tragischen Noir-Finale, auch wenn es von der Rest-Story ein wenig abgekoppelt wirkt.

Von der handwerklichen Seite gibt’s nicht sehr viel zu bemängeln. Klar, der „Scope“ des Streifens ist überschaubar und letztlich hätte NULLPUNKT auch als TV-Fernsehspiel funktioniert, das ist jetzt kein Film, der permanent „ich bin großes Kino“ schreit. Aber Kameraarbeit und Schnitt (ein paar komische Jumps, die aber, denke ich, auf durch Defekte unrettbar verlorenes Material zurückzuführen sind, notwithstanding) sind in Ordnung – und vor allem ist der Film schon eine schnucklige Zeitkapsel in das München der frühen 80er Jahre, als Schickimick-Jetset und „seedy underbelly“ der Stadt mit seinen Peep-Shows und Spielhallen noch Hand in Hand gingen, Zuhälter noch gern gesehene Gäste auf vornehmen Partys waren und man als feiner Pinkel sein Date auch mal in die dem Stripschuppen angeschlossene Tanzhalle ausführen konnte, ohne sich dabei schäbig vorzukommen. Good times! Auch Fans der Kreisel-Einfahrt der Opern-Parkgarage kommen auf ihre Kosten…

Angesichts des Millieus, in dem der Film zumindest einen guten Teil spielt, verwundert’s nicht, dass auch nackte Tatsachen zum Einsatz kommen – Margit Geissler, Uschi Zech und Zora Larizzi fahren, nicht zu ihrem (und dem des männlichen Zuschauers) aus ihren Klamotten, Victoria Tennant belässt es bei einer angedeuteten topless-Szene von hinten, bei der auch schamhaft weggeblendet wird, bevor’s mehr als ihre Schulterpartie zu sehen gibt. Standbildfanatiker können mit etwas Glück einen Blick auf Hallwachs Schniedel ergattern…

Ziemlich cool ist der Soundtrack, der (neben ein paar eher geschmacklosen, aber eher dem Zeitgeist geschuldeten Disco-Nummern für die Szenen im Peep-Palast) aus einigen exzellenten akustischen Blues-Stücken zusammengestellt ist (Blues ist Jeffs music-of-choice).

Der Cast ist, wie oben angedeutet, ziemlich eklektisch. Hans Peter Hallwachs war in den letzten 20-25 Jahren in so ziemlich jeder Fernsehserie Deutschlands zu sehen, von DERRICK über den BULLEN VON TÖLZ, diversen SOKOS, im FORSTHAUS FALKENAU oder MORD MIT AUSSICHT. Man vergisst gerne mal, das solche TV-Alltagsgesichter auch nicht mit dem Impetus angetreten sind, jede Nullitätenserie mitzunehmen, und auch Hallwachs hat mal in „richtigen“ Filmen wie Vohrers DER STOFF AUS DEM DIE TRÄUME SIND, Thieles OHRFEIGEN oder dem hochgelobten 30er-Jahre-Drama FABIAN seine Visitenkarte abgegeben – der hat’s schon richtig gelernt. Den Jeff gibt er trotz des etwas schrägen „character designs“ durchaus mit angemessener no-nonsense-Attitüde als taffen, aber auch nicht völlig unmoralischen Kleinganoven. Für Heinz Trixner als Jürgen gilt ähnliches – sicher nicht ein „household name“ wie Hallwachs, den jede Oma kennt, aber auch er schaffte nach eher anspruchsvollen Rollen in hochgeistigeren Fernsehspielen den Sprung ins leichte Fach. Richter kannte Trixner schon von EURYDIKE her – dort gefiel er mir allerdings besser, mit dem Schickimicki-Chirurgen, der sich in den oberen Zehntausend bewegt, hat er so seine Probleme. Roger Fritz, auch bekannt als Regisseur einschlägiger Teuto-Exploiter wie MÄDCHEN MÄDCHEN und MÄDCHEN MIT GEWALT, Fassbinder-Darsteller und zuletzt in DANIEL DER ZAUBERER aufgetreten, gibt den schmierig-halbseriösen Gentleman-Gangster Didi durchaus ansprechend.

Wesentlich interessanter sind aber wohl die internationalen Gaststars, die Richter auftreiben konnte. James Faulkner – überzeugend als der durchtriebene Felix, der versucht, jeden gegen jeden auszuspielen, um am Ende Annette in seinem Bettchen zu haben – hatte schon in ICH, CLAUDIUS, KAISER UND GOTT, ZULU DAWN oder DIE MARS-CHRONIKEN reüssiert und muss daher durchaus als kleiner Casting-Coup Richters gewertet werden. Unmittelbar nach NULLPUNKT landete er für Nicolas Roeg in EUREKA, ehe er zu einer festen Größe im britischen Fernsehen avancierte. Seine internationale Karriere kam mit einem Auftritt in BRIDGET JONES – SCHOKOLADE ZUM FRÜHSTÜCK 2001 wieder in Schwung, und seitdem ist Faulkner rund um die Welt gut beschäftigt – Ruhm und Ehre brachte ihm DA VINCI’S DEMONS ein, und mit Ende der 6. Staffel landete er dann auch in GAME OF THRONES.

Noch bemerkenswerter ist Victoria Tennant – zu diesem Zeitpunkt noch eine weitgehend erfolglose britische Jungschauspielerin, die in SAMEN DES BÖSEN und DER FLUCH DER SPHINX zwei nicht sonderlich beachtete Horror-Auftritte hinter sich gebracht hatte. Nach NULLPUNKT ergatterte sie einen wichtigen Part in der US-Miniserie DER FEUERSTURM neben Stars wie Robert Mitchum, Ali MacGraw oder Topol, was ihr letztendlich nicht nur Golden-Globe- und Emmy-Nomnierungen einbrachte, sondern ihr auch den Sprung nach Hollywood ermöglichte. Am Set von SOLO FÜR 2 lernte sie Steve Martin kennen und heiratete ihn gleich – die Ehe hielt nicht übermäßig lange (führte aber immerhin noch zu einer kongenialen Performance in L.A. STORY). Kinorollen in DER 4 ½ BILLIONEN DOLLAR VERTRAG, BLUMEN DER NACHT oder DIE GESCHICHTE DER DIENERIN hielten sie im Gespräch, seit Mitte der 90er allerdings, und nach ihrer Heirat mit Warner-Bros-Anwalt Kirk Stambler, konzentriert sie sich primär auf Theaterarbeit. Tennant ist hier nicht nur entzückend hübsch, sondern auch durchaus glaubhaft als gelinkte und rachehungrige Ehefrau.

NULLPUNKT ist „main attraction“ von Ostalgicas Richter-Triple-Feature (mit EURYDIKE und GEBURT DER HEXE als „Bonusfilmen“. Die Bildqualität ist so la la – neben den oben angemerkten rumpeligen jump cuts aufgrund (vermutlich) zu beschädigten Master-Materials ist auch der Rest des Masters nicht so ganz taufrisch mit recht häufiger Klötzchenbildung. Der Ton ist okay. Filmbezogene Extras gibt’s nicht.

Ein weniger skrupelloser Verleiher als Ostalgica könnte heute also groß VICTORIA TENNANT – JAMES FAULKNER aufs Cover pinseln und damit die Kundschaft nicht mal übers Ohr hauen. Vielleicht sollte man’s sogar so handhaben, denn NULLPUNKT hätte schon ein größeres Publikum verdient als die sicher überschaubare Schar an Jochen-Richter-Fans. Richter ist nun nicht gerade einer, der zum filmischen Allgemeinwissen gehört und hätte wohl alle Marketing-Hilfe nötig… NULLPUNKT ist sicher nicht perfekt, findet nicht immer den richtigen Ton, die richtige Charakterzeichnung, oder die richtige Platzierung von Plotpoints und Storybeats, aber es ist allemal ein ehrenwerter Versuch eines ehrlichen, kleinen deutschen Noir-Thrillers, und von der Sorte gibt’s wahrhaftig nicht viele. Das sollte man dann auch mal würdigen.

© 2020 Dr. Acula

Rezensionsexeplar freundlicherweise zur Verfügung gestellt von OSTALGICA

  • Wenn fremde Leute in deiner Wohnung Halligallidrecksaufest feiern, kann man schon mal doof aus'm Mantel kucken.

  • "Wäre doch echt schade, wenn dieser Vase was passiert."

  • Voll im Trend von 1984 - Didis Überwachungszentrale.

  • Ehrlich? Die Wurlitzer hätte ich auch gerne.

  • Dancin' the night away.

  • "Wenn ich mir erst mal Steve Martin geangelt habe, bist du eh abgemeldet!"

  • Billard. Das Spiel der Kings, Lords, Earls, Moes...

  • Es ist IMMER Zeit, wichtige Geschäftspost zu lesen, auch auf der Wies'n in der Achterbahn.

  • Wenn junge Triebe schamlos lieben, oder so.

  • Mordanschlag? Oder nur ein Statement gegen das Telefonmonopol der Post?

  • Die Stunde der Wahrheit naht.

  • Die Möpse der Wahrheit auch.


BOMBEN-Skala: 5

BIER-Skala: 6


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