Nitro


  • Deutscher Titel: Nitro
  • Original-Titel: Kill a Dragon
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  • Regie: Michael D. Moore
  • Land: USA
  • Jahr: 1967
  • Darsteller:

    Jack Palance (Rick Masters), Aldo Ray (Vigo), Fernando Lamas (Nico Patrai), Kam Tong (Win Lim), Don Knight (Ian), Hans William Lee (Jimmie), Aliza Gur (Tisa), Judy Dan (Chunhyang), Young Wip Wang (Chang), Chung Kai (Tai), Wu Koo (Felipe), John Gramack (Arturo)


Vorwort:

Ärger auf einer kleinen Fischerinsel vor Hongkong. Die Dorfbevölkerung wird von den Schergen des Gangsters Patrai schikaniert. Patrai weiß nämlich, dass die Fischer etwas haben, was zumindest seiner bescheidenen Meinung nach ihm gehört. Weil die Dorfältesten sich aber strikt weigern, auf Patrais Forderungen einzugehen, verhängt er eine Seeblockade. Niemand verlässt den kleinen Hafen der Insel, niemand legt dort an. Was, angesichts der Tatsache, dass seine Goons die meisten Vorräte der Insulaner zerstört haben, bald für knurrende Mägen sorgen wird. Patrai stellt ein 3-Tages-Ultimatum. Bis dahin haben die Dörfler entweder die Schwänze eingezogen und liefern oder er kommt wieder und wird dann spektakulär unlustig drauf sein.

Patrais Blockade ist aber verbesserungsfähig, denn bei Nacht ohne Nebel gelingt es den Ältesten, mit einem kleinen Kahn von der Insel gen Hongkong aufzubrechen, um dort Hilfe zu suchen. Patrais Schläger überwachen aber wenigstens Hongkongs geschäftigen Fischerhafen und bemerken die drei Chinesen ohne Kontrabass beim Landgang. Die alten Schlitzaugen stolpern bei ihrer Flucht auf die Dschunke und dort ins Schlafgemach des Amerikaners Rick Masters, der gerade dabei ist, sein Dauerverhältnis Tisa zu begatten, eine Tätigkeit, bei der unangemeldeter Besuch gemeinhin als störend betrachtet wird. Erst recht, wenn der Besuch dann noch Schlägertypen im Schlepptau hat. Rick sieht sich genötigt, den Patrai-Knilchen unbekannterweise prophylaktisch aufs Maul zu schlagen, bis sie sich verpissen. Das beeindruckt die alten Chinesen, die Rick sofort und auf der Stelle ein Geschäft anbieten…

Rick, muss man wissen, ist im Bergungsgeschäft, und ohne es wirklich zu wollen, haben die Dörfler tatsächlich zielsicher den Mann gefunden, der ihnen helfen kann, schon allein, weil Rick mit Partai schon ein bis drei Hühnchen gerupft hat und Patrais Leute beim letzten Zusammentreffen der Parteien einen von Ricks Tauchern gekillt haben. Die Chinesen rücken also mit der ganzen Geschichte raus – der letzte Wirbelsturm hat eine vollgeladene, aber von ihrer Besatzung verlassene Dschunke an den Strand der Insel gespült. Die Ladung: Nitra-2, ein hochexplosiver Supersprengstoff, gerade deswegen aber heiß begehrt und teuer gehandelt. Die Dorfbewohner beanspruchen nun internationales Seerecht, wonach angespültes Strandgut dem Finder gehört. Patrai, ursprünglicher Besitzer der Fracht, hält Seerecht nun allerdings für etwas, was ihn eher peripher tangiert, und besteht, wie gesehen, ultimativ auf Herausgabe seiner Fracht. Das würde Rick, so über den Daumen gepeilt, angesichts Patrais Ruf und der riesigen Gefahr beim Transport des Sprengstoffs, selbst wenn einem kein skrupelloser Gauner im Nacken sitzt, für eine richtig knorke Idee halten, aber die Ältesten appellieren an Ricks Gutmenschenseele. Mit dem Erlös aus dem Knallfroschverkauf könnte auf der Insel eine Schule errichtet, medizinische Versorgung gewährleistet, allgemein ein besseres Leben für die arme Bevölkerung geschaffen werden. Da kann Rick gar nicht anders, und gegen die schmale Gewinnbeteiligung von 33,33 % ist der Yankee im explosiven Boot. Rick bringt die drei Chinesen bei Tisa unter und stellt ein Team vertrauenswürdiger Kumpane zusammen – Vigo, einen harten Burschen, der sich derzeit als Touristen-Führer verdingt sowie Ian und Jimmy, zwei Boxer, die ihre Kämpfe gern zugunsten der eigenen Brieftasche manipulieren, aber das Herz am rechten Fleck haben.

Aber Patrai ist auf Zack – während Rick seine Freunde zusammengetrommelt hat, hat er längst die Ältesten entführen und in sein Hauptquartier in Macao schaffen lassen, um ihnen dort nochmals dringlich ins Gewissen zu reden. Bevor Rick also daran gehen kann, sich ernstlich mit dem Nitra-2 und dem Problem, wie man es nach Hongkong schaffen soll, zu befassen, muss er erst einmal eine Rettungsaktion starten.

Die Befreiung verläuft erfolgreich, und mit einem fiesen Trick gelingt es Rick und seinen Männern auch, das Blockadeschiff und seine Besatzung außer Gefecht zu setzen. Nun geht es daran, das Nitra zu verladen und als Ablenkungsmanöver die gestrandete Dschunke Patrais flott zu machen. Doch der fiese Ganove ist nicht loszuwerden – mit seiner Yacht taucht Patrai auf und unterbreitet Rick ein unmoralisches Angebot. Warum das Risiko eingehen, sich gegen ihn zu stellen, wo man doch genauso gut auch zusammenarbeiten könnte? Rick ist durchaus versucht, auf Patrais Offerte einzugehen, doch andererseits weiß er auch nur zu gut, dass der Schlingel ihn mit ziemlicher Sicherheit übers Ohr hauen wird. Also dann doch der ursprüngliche Plan…

Inhalt:

Ich war ja jahrelang ein überzeugter Gegner von Filmdownloads und Streaming. Zu einem gewissen Grad bin ich das immer noch, da ich nach wie vor ein großer Anhänger des physischen Produkts bin, sei es aus Gründen der Haptik, aus Gründen der puren Freude an einem prall gefüllten DVD-Regal oder schlicht deswegen, weil ich als Konsument rein digitaler Ware nie sicher sein kann, dass der Anbieter nicht eines schönen Tages auf die Idee kommt, seine Server abzuschalten oder rechtmäßig von mir erworbene Ankucklizenzen zu löschen. Aber – auf der anderen Seite bin ich inzwischen Kunde bei Netflix, Maxdome und amazon prime und genieße die praktischen Vorzüge eines Streams durchaus. Zudem findet man beim Blättern durch das Angebot eines Anbieters auch immer wieder mal Sachen, bei denen man erst mal „?“ macht und sich fragt, warum zum Geier man noch nie etwas davon gehört hat.

So ging’s mir denn z.B. bei unserem heutigen corpus delicti, auf dem MGM Channel bei amazon prime unter dem deutschen Titel „Nitro“ einsortiert. Im Original heißt die Nummer etwas poetischer „Kill a Dragon“ und ist der Beweis, dass sich Ende der 60er in Hongkong nicht nur deutsche Filmcrews gegenseitig auf die Füße traten (der „Hongkong-Reißer“ war ja für ein paar kurze Sommer so etwas wie ein ur-teutonisches Action-Subgenre als Mischmasch aus Krimi und Eurospy), sondern ab und an auch ein paar waschechte Amerikaner vor Ort die Kamera schwangen. Diese kleine Produktion aus dem Hause von Aubrey Schenck (dessen größte Tat als Produzent vermutlich „Robinson Crusoe on Mars“ sein dürfte) leistete sich mit Jack Palance und Aldo Ray immerhin zwei renommierte Darsteller, wenn auch beide sich auf dem absteigenden Karriereast befanden (während Ray in der Folge zum Saufkumpan von Ed Wood wurde und für Fred Olen Ray drehte, erlebte Palance, nachdem er in den 70ern bis in die Liga von Jess Franco und Joe D’Amato abgestiegen war, ja zumindest ein erfreuliches und hochverdientes Alterscomeback).

Regisseur Michael D. Moore, nicht verwandt und verschwägert mit dem Agitpolitfilmer, begann seine Karriere als Darsteller noch zu Stummfilmzeiten, arbeitete sich zum Regieassistenten, u.a. an großen Vorzeigeprojekten wie „Die 10 Gebote“ mit und drehte in der zweiten Hälfte der 60er ein paar kleinere Filme in eigener Verantwortung (darunter das belanglose Elvis-Filmchen „Südsee-Paradies“ und Roy Orbisons Ausflug auf die Leinwand „The Fastest Guitar Alive“), ehe er zum gefragten second-unit-Director umschulte, in dieser Funktion u.a. an „Patton“ und Spielbergs klassischer „Indiana Jones“-Trilogie arbeitete.

Die Geschichte, erdacht von Produzentensohn George (der selbst erfolgreicher Produzent wurde, wobei sein Prunkstück sicher „Navy CIS“ ist) und dem undistinguierten Westernschreiberling William Marks, riecht auf den ersten Blick als eine fernöstliche Mixtur aus „Die glorreichen Sieben“ /“Die sieben Samurai“ (aufrechte Helden im Kampf für eine unterdrückte Dorfbevölkerung) und dem Spannungsklassiker „Lohn der Angst“ (heikler Transport eines ultraexplosiven Sprengstoffs). Am Ende greift der Film aber sicher nicht mehr als Motive aus diesen Vorbildern aus, wobei sich „Die glorreichen Sieben“ sicher wesentlich deutlicher bemerkbar machen als die „Angst“, die am Ende eigentlich nur in einer Spannungssequenz (der Verladung der Sprengstoffkisten) dezent herüberwinkt. Insgesamt gestaltet sich der Streifen deutlich als locker-flockiger Abenteuer-Action-Stoff um einen tat- und schlagkräftigen Alpha-Mann Marke harte Schale, weicher Keks, äh, Kern. Durchaus zeitgemäß um 1967. Auf die Essenz heruntergerechnet ist die Story höchst einfach – böser Mann will etwas, liebe arme Leute haben es, tapferer Held geht den Bedrängten zur Hand. Das ist simpel, das ist erprobt, das funktioniert immer wieder. Ein wenig ab vom üblichen Einerlei hebt sich die Schurkengestalt – Patrai mag tumbe Schläger beschäftigen und skrupellos über Leichen gehen, aber der Mann mit dem formidablen Modegeschmack weiß auch, wann er verloren hat, gratuliert dem Sieger am Ende sportlich zum Sieg (no hard feelings, auch wenn Rick ein paar Dutzend von Patrais Männern mit Blei perforiert hat) und stellt künftige Zusammenarbeit in den Raum. Man ist gewillt, Patrai die goldene Fair-Play-Medaille am Bande zu überreichen.

Bonuspunkte gibt’s auch dafür, dass der Film erstaunlicherweise keine love story zwischen Rick und Chunhyang, der hübschen Tochter von Dorfvorsteher Win Lim, konstruiert (immerhin hat Rick ja mit Tisa auch schon eine regelmäßige Schnalle am Start). Die Welten bleiben säuberlich getrennt – die Dorfbewohner mögen sich am Ende der Geschichte eine Schule und einen Medizinmann leisten können, aber dass sie auf die hektische moderne Welt, in der Rick und seine Freunde leben, keinen Bock haben und lieber ihrer traditionellen Lebensweise folgen, liegt auf der Hand (Rick und seine Freunde drängen sich da auch gar nicht auf).

Hauptsächlich aber dient Hongkong und die vorgelagerte Inselwelt, wie bei den kontinentaleuropäischen Schinken aus der gleichen Ära auch, als exotischer Backdrop, der dem gemeinen amerikanischen Kinobesucher ebenso unbekannt und neu vorkommen musste wie dem europäischen. Die Produktion schwelgt daher durchaus in sights & sounds (hauptsächlich in Hongkong, ob die in Macao spielenden Szenen tatsächlich dort gedreht wurden, entzieht sich meiner bescheidenen Kenntnis) und der Kunstgriff, dass Vigo (wohl spätere Geißel der Karpaten) als Fremdenführer arbeitet, erlaubt es dem Film, einige Erklärungen zur fremden Kultur direkt im Drehbuch unterzubringen.

Auch wenn die Charaktere typische Holzschnittfiguren sind, die ohne großen Tiefgang auskommen müssen (was für Rick und seine Leute genau so gilt wie für Patrai), ist der Streifen dramaturgisch nicht verkehrt. Die Auftaktphase ist durchaus spannend, zumal ja recht lange offen gehalten wird, was die geheimnisvolle Fracht ist, die Patrai so dringend begehrt (außer man hat sich’s anhand des deutschen Verleihtitels ausgerechnet) und mit Verfolgungsjagden und Schlägereien wird das Tempo auch ordentlich hoch gehalten. Einen Dämpfer bekommt die Spannungskurve dann so gegen Ende des zweiten Akts – zwischen dem Verladen der gefährlichen Kisten und dem Showdown mit Patrais Schergen fällt dem Autorenduo nicht so ganz viel ein, um die Plotte am Köcheln zu halten (eine Partie russisches Roulette mit einem Nitra-Kanister wirkt schon etwas sehr gezwungen und macht auch hinsichtlich der Charaktere nicht viel Sinn, und auch ein Unfall an der Dschunkenbaustelle scheint zunächst ein großes Ding zu sein, ohne dass sich daraus etwas mehr entwickelt als eine Idee Ricks, um Patrai zu überlisten), in der Phase verschwendet der Film etwas zu viel Zeit darauf, eine Zusammenarbeit Ricks und Patrais möglich erscheinen zu lassen. Aber der Showdown mit ordentlich Geballer und ein wenig Pyrotechnik (schließlich muss Nitra-12 ja zeigen, was es kann) sorgt dann wieder für ausreichend Rambazamba, um den Durchhänger zuvor zu verzeihen. Grundsätzlich ist zu bemerken, dass „Kill a Dragon“ vielleicht keine ausgesprochene Komödie, aber auf keinen Fall bierernst gemeint ist und daher auch für flapsige Dialoge oder von Win Lim stets zur Unzeit servierte antike chinesische Spruchweistümer Zeit hat.

Die hand-to-hand-Kämpfe sind eher bodenständige Prügel-Angelegenheiten und machen keinen großen Gebrauch von den Kung-fu-Kenntnissen, die jeder Bewohner Hongkongs meines Erachtens in die Wiege gelegt bekommt. Die Shoot-outs sind sicher keine Ausbünde der Dynamik und/oder Brutalität, auch wenn ein entspanntes Verhältnis zum Thema „goons des Bösen totschießen“ gepflegt wird – es ist etwa der Standard von 1967er Action…

Der Score von Phillip Springer ist der Epoche angemessen peppig, wobei auf den schmissigen Titelsong besonders hingewiesen werden darf.

Das Ensemble ist gut aufgelegt – Jack Palance gibt den virilen Abenteuer mit Schwung und Schmackes, Aldo Ray war entweder zum Dreh erfolgreich trockengelegt oder so hacke, dass er in einem permanenten High durch den Film wandelt (insbesondere eine Sequenz, in der Aldo in chinesischen Frauenkleidern als Puffmutti posiert, hat’s in sich), und der argentinische Schönling Fernando Lamas (Papa von Lorenzo und in den 50ern und 60ern durchaus Filmstar in his own right) verleiht dem Schurken Patrai durchaus eine gewisse flamboyante Gravitas. Kam Tung (als Win Lim) war ein gefragter go-to-Chinese speziell im US-TV (u.a. hat er 109 Episoden in „Have Gun – Will Travel“ auf dem Kerbholz), Don Knight (Ian) entwickelte sich speziell in den 70ern zu einem professionellen Gaststar in Krimiserien wie „Hawaii 5-0“, „Einsatz in Manhattan“ oder „Drei Engel für Charlie“, 1982 war er auch in Wes Cravens „Das Ding aus dem Sumpf“ zu sehen. Die Israelin Aliza Gur (Tisa), hier fraglos der optische Höhepunkt, ging 007 in „Liebesgrüße aus Moskau“ an die Wäsche, konnte aber wie so viele Bond-Girls keine große Karriere nachfolgen lassen. Der weniger bemerkenswerte Tarzan-Film „Tarzan and the Jungle Boy“ war noch einer ihrer denkwürdigeren Auftritte.

„Nitro“ ist derzeit, wie gesagt, in schöner Bild- und brauchbarer Tonqualität auf dem MGM Channel im amazon-prime-Paket, zu sehen.

Sollte man den auch sehen? Der Streifen ist sicher kein „essential viewing“ oder vergessener Klassiker, aber ein hübsches Beispiel für einen ordentlichen, sauber gewerkelten und von den Beteiligten mit Spaß an der Sache gearbeiteten B-Abenteuerfilm. Das macht schon 90 Minuten ordentlich Laune…

© 2019 Dr. Acula

  • Bespringus Interruptus.

  • Aldo Ray würde ich jedenfalls zutrauen, die fünzig übelsten Säuferspelunken Hongkongs vorstellen zu können.

  • Nicht nur hübsch, sondern auch ein Killer am Billardtisch - Tisa.

  • Da hat nicht mal Rick eine Chance...

  • "Smell my finger!"

  • Wer zuerst würgt, würgt am besten!

  • Der Traum meiner schlaflosen Nächte - Aldo Ray in Drag. Ed Wood wäre schwer verliebt.

  • Und hängt die Titte auf halb acht, Aldo Ray hält trotzdem Wacht.

  • Typisch Herrenmensch.

  • Noch meints Patrai ja gut...

  • Jack Palance weiß - er scheißt größere Haufen als du!

  • Wer seinen Diesel liebt, der schiebt (this caption approved by Bündnis 90/Die Grünen).


BOMBEN-Skala: 4

BIER-Skala: 6


mm
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