Night Killer

 
  • Deutscher Titel: Non aprite quella porta 3
  • Original-Titel: Non aprite quella porta 3
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  • Regie: Claudio Fragasso (als Clyde Anderson), Bruno Mattei
  • Land: Italien
  • Jahr: 1990
  • Darsteller:

    Peter Hooten (Axel), Tara Buckman (Melanie), Richard Foster (Sherman), Mel Davis (Detective Clark), Lee Lively (Dr. Willow), Tova Sardot (Clarissa), Gaby Ford (Tanzlehrerin) u.a.


Vorwort

Auf den italienischen Horrorfilm wird ja in der Regel etwas verächtlich herabgeblickt. Das ist etwas unfair, weil das Land gerade in seiner Hochphase in den 60ern und bis in die 80er hinein sehr viel Einfluss auf das Genre ausgeübt hat.

Damit meine ich weniger die oft mit Tiersnuff angereicherten Kannibalenfilme eines Ruggero Deodato, die zweifellos ihre Spuren in der Filmgeschichte hinterlassen haben. Kannibalen mögen weit weniger häufig die Kinos heimsuchen als Zombies, aber das darin zur Schau gestellte Gematsche inspiriert minderbemittelte Amateurfilmmacher bis heute und lässt sie dann mit Schweinegedärmen, drei Eimern roter Farbe und Babypuppen durch unschuldige Wälder marschieren, wo sie dann Laiendarsteller so tun lassen, als würden sie gerade werdenden Müttern Embryonen aus dem Bauch schneiden und darauf herumtrampeln – übrigens genauso wie die von George A. Romeros „Dawn of the Dead“ losgetretenen Ultra-Gore-Eskapaden von Lucio Fulci, die in ihren besten Momenten zwar außerordentlich gut funktionieren, aber vor Idiotie so überlaufen, dass sie seinen Filmen immer wieder Knüppel zwischen die Beine werfen. Fulci hat wie Deodato seinen Teil dazu beigetragen, dass Gewalt im Kino immer salonfähiger wurde. Was diese Horrorfilme von Horrorfilmen aus anderen Ländern unterschied: ihre Geschmacklosigkeit. Frauen, die an ihren Brüsten aufgespießt werden? Söhne, die ihren Müttern die Brustwarzen abbeißen? Frauen die Beine abtrennen und sie anschließend aus ihrer schockbedingten Bewusstlosigkeit wieder wecken, damit sie auch ja mitbekommen, was man mit ihnen angestellt hat? Im Italo-Kino der Schmuddel-Ära kein Ding.

Welche Regisseure ich in diesem speziellen Fall aber meine, wenn ich von Einfluss des italienischen Horrorkinos auf die Filmgeschichte auch über Europa hinaus spreche, sind Mario Bava und Dario Argento. Bava hat mit seinem Gothic-Grusler „Die Stunde, wenn Dracula kommt“ bereits 1960 eine erste Duftmarke gesetzt und durch seine Werke „The Girl Who Knew Too Much“ (1963) und „Blutige Seide“ (1964) mal eben den Giallo erfunden. Argento führte Bavas Erbe, obwohl der zu dem Zeitpunkt noch nicht tot war, fort und ließ auf seinen erfolgreichen Erstling „Das Geheimnis der schwarzen Handschuhe“ (1970) weitere Gialli folgen, darunter den womöglichen Subgenre-Höhepunkt „Profondo Rosso“ (1975), „Tenebrae“ (1982) und „Terror in der Oper“ (1987).

Letztgenannter Film sollte auch das bis heute letzte große Ausrufezeichen von Argento markieren (auch wenn „The Stendhal Syndrome“ von 1996 seine Fans hat – mich eingeschlossen). Seitdem dreht er zwar immer noch Filme (wenn auch zuletzt nach zehnjähriger Pause 2022 den müden „Dark Glasses“), aber die haben längst den besonderen Touch verloren, den er einst innehatte. Im besten Fall haben sie wenigstens noch auf der Unfreiwillige-Komik-Basis ihre Meriten („Dracula 3D“), in den meisten Fällen sind sie aber belanglos und langweilig („Do You Like Hitchcock?“, „Giallo“).

Warum ich das so ausführlich erzähle? Weil Argentos Werdegang vergleichbar ist mit dem italienischen Niedergang des Horrorgenres – und seinerzeit sogar des italienischen Kinos insgesamt. Tatsächlich ging es schon in den 80ern allmählich bergab mit der Industrie, mit Argentos Ausrufezeichen „Terror in der Oper“ war quasi auch der Schlusspunkt gesetzt für qualitativ hochwertiges Horrorkino aus Italien. Niedrige Budgets ließen praktisch nichts mehr zu. Während es bei Argento länger dauerte, bis er vollends im Billigsektor versackte, war etwa Fulci 1987 bereits mittendrin und drehte Horrorfilme fast nur noch fürs Fernsehen, darunter äußerst kuriose, aber letztlich entsetzlich lahme Angelegenheiten wie „Die Saat des Teufels“, die vereinzelten Splatter mit Kinder-Horrorgrusel verknüpften.

Die Krise des italienischen Kinos zu jener Zeit hatte allerdings auch was Gutes – zumindest für Leute, die auf dieser Seite unterwegs sind. Es entstanden im Laufe der 80er einige unsterbliche Trash-Knaller, die keiner missen möchte, der die Liebe zum schlechten Film entdeckt hat: Lou Ferrigno prügelte sich als Herkules und wohl prolligster Sindbad ever durch die Sagengeschichte, schmächtige geföhnte Barbaren tun so, als würden sie ihren Widersachern wehtun – und Claudia Fragasso lieferte in Zusammenarbeit mit seiner Lebensgefährtin Rossella Drudi den für viele besten schlechtesten Film aller Zeiten ab: „Troll 2“ (1990), die berühmte Nilbog-Fabel, in der ein kleiner Junge mit Familie und Freunden von vegetarischen Goblins attackiert und in Pflanzenwesen verwandelt wird, um verspeist werden zu können.

Spätestens seit der großartigen Dokumentation „Best Worst Movie“ wissen wir, dass Fragasso den Film zwar durchaus als Parodie auf die übertrieben gesundheitsbewusste Ernährungsideologie verstanden wissen will, wie manhunter es in seinem hiesigen Review auch schreibt, sich aber den enormen Trashfaktor nicht eingestehen will. Vielmehr ist „Troll 2“ für ihn ein wichtiges filmisches Statement und er hat für diejenigen, die nicht mit dem Film, sondern über den Film lachen, nur Unverständnis übrig. So viel Realitätsfremdheit muss man auch erst einmal haben.

1990 war für Fragasso aber nicht nur das Jahr von „Troll 2“, sondern auch das Jahr von „Non aprite quella porta 3“. „Non aprite quella porta“ ist Italienisch und heißt wörtlich übersetzt „Öffne nicht diese Tür“. Zugleich ist „Non aprite quella porta“ aber auch der italienische Filmtitel für den 1974 von Tobe Hooper gedrehten „Blutgericht in Texas“ aka „Texas Chainsaw Massacre“. Folglich macht die Drei im Titel klar: Richtig, wir haben hier den dritten Teil des „Texas Chainsaw Massacre“ vor uns! Hat das jemand gewusst? Nun ja, völlig überraschend handelt es sich hierbei um einen ähnlichen Etikettenschwindel wie der deutsche Titel „Troll 2“, der suggeriert, er hätte etwas mit „Troll“ zu tun – und auch wenn Bruno Mattei „Jaws 5“ gedreht hat, heißt das nicht, dass der irgendwie mit der eigentlich vierteiligen „Jaws“-Reihe verwandt wäre.

Und damit komme ich endlich zum Punkt: „Non aprite quella porta 3“ ist der Originaltitel für den in der obigen Titelzeile genannten „Night Killer“, als der er in den USA vertrieben wird. Das zwar unter italienischer Flagge geschriebene, aber in den USA in Virginia angesiedelte Drehbuch zu dem heute zu reviewenden Film hat Fragasso dabei wie „Troll 2“ wieder mit Drudi verfasst – und wie sich in Interviews herausstellt, hält der Regisseur auch „Night Killer“ für etwas ganz Großes. Man will ihm ja gern unterstellen, dass er die Kunst der Ironie so meisterhaft versteht, dass er sich einen Spaß daraus macht, sich nach außen als großer Künstler vom Schlage eines Ingmar Bergman oder Federico Fellini darzustellen, aber im inneren Kreis von Familie und Freunden sich regelmäßig darüber halb totlacht, dass ihm alle auf den Leim gehen. Denn, Leute, ich überrasche euch sicherlich nicht, wenn ich hier und jetzt schreibe: Nein, „Night Killer“ ist weit davon entfernt, etwas ganz Großes zu sein – oder sagen wir: weit davon entfernt, etwas ganz Großes zu sein, wie Fragasso sich das erhofft haben mag. Ich verspreche, der Film wird nicht mehr als 204 Sekunden brauchen, um klarzumachen: Das wird etwas ganz Großes – und zwar ganz große Scheiße.


Inhalt

Kickstart in den Blödsinn: Eine Tanzlehrerin steht mit sieben Hupfdohlen – in großer Überzahl: Frauen – auf einer Bühne und probt mit ihnen eine Disconummer. Schnell wird klar, dass wir es hier weniger mit Hupfdohlen als mit Hüpfdohlen zu tun haben, denn ihr Tanzstil hat mehr was vom Hüpfen. Tanzen ist es jedenfalls nicht. Das Gedudel, zu dem sie abspasten, ist typischer generischer 80s-Disco-Pop.

Die Hüpfdohlen (oder gendertechnisch noch ansprechender: Hüpfdohl*innen?) sind allerdings noch nicht vollzählig, denn kurz darauf schiebt sich eine achte Person, eine Blondine, eilend durch die leeren Zuschauerreihen des Tanzsaals und bittet die Lehrerin um Entschuldigung, aber dieser lästige Verkehr… Die Lehrerin duldet derartige Nachlässigkeiten nicht, und das Augenrollen deutet an, dass sie solche Ausreden schon mindestens einmal zu oft gehört hat. Tatsächlich ist es bereits die dritte Verspätung von „Miss Ross“, weshalb Frau Tanzlehrerin unmissverständlich klarmacht: Sie bekommt noch eine letzte Chance. Wenn sie die nicht nutzt, wird es kein nächstes Mal geben.

Während Miss Ross sich also zum Umkleiden zurückzieht, deutet zunächst düsterer Synthesizer, dann der Schatten eines Kopfes und schließlich die Großaufnahme einer zum Schatten gehörenden Gummikrallenhand an, dass hier Grausliches bevorsteht. Mehr noch: Ein Michael-Myers-Gedächtnis-POV-Shot folgt der jungen Frau schleichend. Wie jeder Teenager in einem schlechten Horrorfilm hat sie kurz das Gefühl, verfolgt zu werden, ignoriert es aber. In der Umkleidekabine entledigt sich die Blondine dann ihrer Kleidung rund um den Oberkörper. Wollte ich zunächst noch schimpfen, dass uns ein detaillierter Blick auf ihre Brüste durch blöde Spielereien des Kameramanns mit der Unschärfe seines Arbeitsgeräts vorenthalten bleibt, klart sich das Bild auf und gönnt uns das erste und hoffentlich nicht letzte Paar Möpse.

Die POV-Gestalt mit der Gummikralle spannt durch die nur angelehnte Tür, weil Regisseure ihre weiblichen Figuren für ein vorzugsweise notgeiles Männerpublikum als Zielgruppe immer unrealistisch exhibitionistisch veranlagt präsentieren – oder ist es euch im richtigen Leben schon einmal passiert, dass Frauen Türen zu Umkleidekabinen halb geöffnet lassen, damit jeder reingucken kann? Weitere Einstellungen der Gummikralle erhöhen den Film um den Faktor Lächerlichkeit, nicht aber um den Faktor Spannung. Auch Zwischenschnitte auf die probenden hüpfenden Tänzer wirken dem nicht entgegen.

Tja, und da ist der Moment gekommen: Minute 3, Sekunde 24 – oder auch: Sekunde 204. Der Film gönnt uns frühzeitig den ersten Blick auf die peinliche Maske der höchst geheimnisvollen POV-Gestalt – eine offensichtliche Halloween-Maske, die Freddy Krueger und den Toxic Avenger kreuzen will, dabei aber kläglich versagt. In Kombination mit der Gummikralle, die dann wohl auch eine Variation des für Morde sehr hilfreichen Messerhandschuhs unseres beliebten Traumkillers sein soll, aber eher wie ein wegen Billigkeit vom Set des 1954er-Klassikers „Der Schrecken vom Amazonas“ von Jack Arnold verbanntes Klauen-Requisit des titelgebenden Monsters aussieht, ergibt sich ein wahrhaft bemitleidenswertes Bild. Allerdings stellt sich die peinliche Gummikralle wider Erwarten als durchaus effektives Werkzeug heraus, als Möchtegern-Freddy Miss Ross mit Schmackes ein großes Loch in den Bauch haut, bildlich dargestellt durch eine extreme Großaufnahme des „Oberkörpers“ des Opfers, durch die die Gummikralle stößt. Ein Effekt, wie ihn Amateur-Splatter-Filmer nicht besser hinbekommen könnten – und auch ein Effekt, der so bizarr schnell geschnitten ist, dass es so aussieht, als würde der Killer sein von vorn attackiertes Opfer mit seiner Kralle von hinten durchstoßen. Liebevoll lässt der Angreifer sein Opfer in eine Badewanne gleiten (Umkleiden haben Badewannen?).

Dieser blutige Zwischenfall ist bislang von unseren Hoffentlich-nur-Hobby-und-nicht-Berufszapplern auf der Bühne unbemerkt geblieben. Die Tanzlehrerin hat offenbar ein ähnliches Verständnis davon, wie Tänzer tanzen sollten und wie nicht (die Tänzer dieser Probe sind Tänzer der zweiten Kategorie), und bemängelt die dargebotene Qualität ihrer Schüler. „This show… it sucks“, jammert sie und bricht daraufhin in hysterisches Gekiekse aus, das ich als die Darstellung von Verzweiflung interpretiere. Ich muss es bereits an dieser Stelle so deutlich sagen: „Night Killer“ hat in seiner Gesamtheit die miesesten schauspielerischen Darbietungen zu bieten, die ich je gesehen habe. Da Elizabeth, die das uns bisher nur als „Miss Ross“ bekannte Opfer ist, unsere Tanzlehrerin unerträglich lang auf sich warten lässt, beschließt diese, nach ihr zu sehen.

Auf ihrem Weg zur Umkleidekabine führt die Frau wütende Selbstgespräche, die sich um die abwesende Elizabeth drehen, was immer wieder mit der Tanzprobe parallelmontiert wird. Es könnte Kunst sein, wenn die Macher Kunst könnten. In der Umkleide macht dann auch die Lehrerin Bekanntschaft mit unserem krassen Krallenkiller, von dessen ganzer „Glorie“ wir nun auch ein paar Detailaufnahmen mehr erhalten. Der war eben noch mit Elizabeth beschäftigt, freut sich aber nun über sein nächstes Opfer, das sich ihm hier auf dem Silbertablett präsentiert. Weil Frau Lehrerin auch nur zurückweicht und nicht zurückläuft, kann er ihr ruckzuck die Kehle aufschlitzen (ein geringfügig besserer Effekt als das Loch im Bauch). Das bringt sie aber noch nicht um, und Schauspielerin Gaby Ford, die die Lehrerin spielt, wird in den kommenden Minuten damit beschäftigt sein, bei ihrer Flucht vor dem Killer sich in unregelmäßigen Abständen ihre Hände an die klaffende Wunde am Hals zu legen – und kann dabei doch nicht kaschieren, dass sie gar keine klaffende Wunde am Hals hat. Etwas rote Farbe auf der Hand muss reichen.

Nachdem der brutale Schlitzer der Lehrerin erst einmal ein paar Sekunden Vorsprung gegeben hat (als sie flieht, starrt er nämlich erst einmal bedröppelt durch die Gegend), folgt er ihr schließlich doch, weil er wohl einsieht, dass der nicht unmittelbar zum Tod führende Kehlenschnitt lausige Arbeit war. Andererseits ist dies ohnehin einer dieser Filme, in denen die Opfer, wenn sie dazu in ihrem verletzten Zustand in der Lage wären, auch zehn bis 20 Kilometer Vorsprung haben könnten. Der Killer würde trotzdem Sekunden später neben dem Opfer stehen und „Buh“ machen – so geschehen auch hier. Besonders schön ist der Moment, in der der Killer breitarmig wie ein Türsteher erst Tür 1 und dann Tür 2 als Fluchtmöglichkeiten versperrt, die Lehrerin dann aber, anstatt einen zweiten Versuch durch Tür 1 zu unternehmen, lieber zurückweicht und jeden weiteren Versuch der Flucht durch eine dieser Türen verweigert. Schade, das hätte ich gern als Sketch gesehen: Opfer will durch Tür 1, Killer stellt sich davor. Opfer will durch Tür 2, Killer stellt sich davor. Opfer läuft zurück und will durch Tür 1, Killer stellt sich davor. Opfer läuft zurück und will durch Tür 2, Killer stellt sich davor. Und so weiter. Und irgendwann sind beide so müde, dass sie vor Erschöpfung zusammenbrechen.

Bei ihrer weiteren Flucht vergisst die Lehrerin immer häufiger, dass sie eigentlich eine klaffende Wunde am Hals haben müsste, weshalb sie immer seltener ihre Hand darauf drückt. Sie rennt die Treppe hinauf auf die obere Loge des Gebäudes, wo sie versucht, die ahnungslosen Tänzer auf der Bühne auf ihre schwere Verletzung aufmerksam zu machen, aber ihrer Kehle entweicht nur noch ein unhörbares Krächzen, das gegen die Tanzmusik keine Chance hat. Der Regisseur muss Gaby Ford außerdem gesagt haben, sie solle ihre zunehmende Erschöpfung vom vielen Gerenne in ihren Bewegungen kenntlich machen, sodass das Davonlaufen durch die Sitzreihen der Loge in der Folge weitgehend nur noch aus einer Mischung aus Auf-Knien-Kriechen und Auf-dem-Po-Rutschen besteht, mal mit dem Blick auf die Bühne gerichtet, mal nach hinten. Als sie schließlich vor der vorderen Sitzreihe am Geländer steht und immer noch keinen richtigen Laut artikulieren kann (ja genau, Gaby, nicht vergessen, eigentlich sollst du eine Wunde am Hals haben, halt da pro forma doch nochmal die Hand ran), hat sich der Killer wieder schnell neben sie teleportiert und stößt auch ihr – mit dem nahezu selben Effekt, nur dass die Kleidungsstücke des Opfers ausgetauscht wurden – mit seiner Kralle ein großes Loch in den Bauch. Das gibt ihr endgültig den Rest und sie stürzt in Zeitlupe – inklusive Purzelbaum – von der oberen Loge auf den Boden des Saals und ist hin. Nun haben es auch die Tänzer endlich gemerkt und beenden ihr Gehüpfe. Ihre Tanzmusik ist lustigerweise schon vorher aus – vermutlich um diesem niedergeschmetterten… äh… niederschmetternden Moment die nötige Nachwirkung zu geben.

Zwei Morde sind besser als einer – für eine Pre-Title-Sequenz. Dachten sich die Macher und beginnen nach acht Minuten mit der Haupthandlung. Die Credits starten und lassen uns gleich eintauchen in das Leben unserer Hauptfigur für die verbliebenen knapp 85 Minuten. Der Film dreht sich um eine Frau Mitte 30, die Mutter einer Tochter namens Clarissa ist. Die junge Clarissa wird verkörpert von Einmaldarstellerin Tova Sardot, was ich deshalb erwähne, weil sie das krasse Gegenteil aller anderen Darsteller ist, die sich in peinlichstem Overacting verlieren, und den ganzen Film über den Eindruck vermittelt, von Fragasso dauersediert worden zu sein.

Es klingelt an der Haustür des trauten Zweiergespanns, und ein Typ, dessen Namen ich erst viel später mitbekommen habe (Sherman – bis dahin nannte ich ihn in meinen Notizen zuerst „Typ“ und später „Narbe“, aber ich greife vor), steht davor und hat Clarissa ein großes Weihnachtsgeschenk mitgebracht, das sie aber erst am Weihnachtsabend auspacken darf. Dann nimmt er das Mädchen mit. Mein erster Instinkt war: Aha, Clarissa ist wohl ein Scheidungskind und ihre Mutter und ihr Vater teilen sich das Sorgerecht, und Papa hat sie heute in seiner Obhut. Die Musik, die zu den einleitenden Bildern spielt, erinnert an „Beverly Hills Cop“, aber ich werde noch häufiger feststellen, dass die gewählten Stücke des Komponisten dieses Films, Carlo Maria Cordio, sich mit dem tatsächlich Gezeigten beißen. Teilweise sollte ich gar annehmen, dass nicht jedes ausgewählte Musikstück originär für „Night Killer“ entstanden ist.

Die Mutter (keine Sorge, Name folgt bald) setzt sich mit selbst gemachten Sandwichs und Kaffee auf die Fernsehcouch und schaut sich die Morgennachrichten an, in denen eine Reporterin mit Sturmfrisur (die 80er waren in Sachen Haare nicht wesentlich unschlimmer als die 70er) wenig Appetitanregendes berichtet: Es sei das nunmehr vierte Opfer des frei herumlaufenden Psychopathen gefunden worden. Außerdem sei es noch mehrfach vergewaltigt worden, bevor er es tötete. Das widerspricht dem, was wir soeben gesehen haben, denn in der Chronologie des Films war das letzte Opfer die Tanzlehrerin – und die wurde eindeutig nicht vergewaltigt. Streng genommen wäre es auch richtiger, von DEN Opfern zu reden und nicht nur von einem (Tänzerin und Tanzlehrerin). Um sich den Morgen nicht versauen zu lassen, schaltet die Mutter den Fernseher lieber wieder aus.

Stattdessen setzt sie sich an ihre elektrische Schreibmaschine in ihrem… Büro? Ich weiß nicht, ob es ihr Büro ist, weil ich Schwierigkeiten damit habe, den vom Set-Designer prominent auf den Tisch gestellten Kuschelbären sinnvoll zuzuordnen. Der stört da doch. Im nächsten Moment läutet das Telefon mit einem irritierenden Klingelton, den ich mehr in der Tierwelt verorten würde – besser gesagt: in der sterbenden Tierwelt, denn das Klingeln ist der Laut eines gerade zerquetscht werdenden Wellensittichs. Der Anrufer ist ein nur von hinten gezeigter Typ, der in einer Kneipe sitzt und sich darüber beschwert, dass er es schon mehrfach versucht hätte, aber immer belegt gewesen sei. Weil ein Geheimnis aus dem Gesicht des Anrufers gemacht wird und überdies seine Stimme irgendwie fremdartig tief wie in einem „Scream“-Film klingt, lässt mich dies zunächst glauben, dass es sich um einen obszönen Anruf handelt. Wie sich herausstellt, ist dies aber ihr (Ex-?)Mann. Zu diesem pflegt sie ein offensichtlich angespannteres Verhältnis als zu dem zuerst von mir als (Ex-?)Mann vermuteten Sherman (in welchem Verhältnis auch immer sie zu dem steht – zweiter Versuch: Bruder?), wirft ihm in schnippischem Ton seinen morgendlichen Alkoholkonsum an den Kopf und erklärt ultimativ: „Listen, I don’t have anything to say to you except: Don’t call me anymore!“ Darstellerin Tara Buckman verwechselt in diesem Moment die Emotion Wut, die sie eigentlich zeigen müsste, mit der Emotion Panik, die sie stattdessen zeigt. Der Anrufer zerquetscht aufgrund dieses Ausbruchs vor Wut sein Schnapsglas mit bloßen Händen. Ein Gutes hat die Szene: Wir erfahren, dass die Mutter Melanie heißt.

War vor allem die Geheimhaltung des Gesichts des Anrufers bereits dezent verwirrend, eine kleine Vorwarnung: Mich wird noch so vieles mehr verwirren. Zum Beispiel das hier: Die gerade auch namentlich etablierte Melanie steht nach diesem Wutausbruch vor einem Spiegel – und legt sich mal eben die Brüste frei?! Ich meine, ich habe nichts dagegen, dass sie das tut – wirklich nicht! –, aber ich sage mal so: Es ergibt sich nicht gerade zwingend aus dem Drehbuch. Während sie sich so betrachtet, gibt sie uns Selbstgespräche führend den wohl ungeschicktesten Expositionsmonolog, den man sich nur vorstellen kann: „Here you are, Melanie Beck. This is you. You have a daughter. You have a marriage on the rocks. Nothing but grey sky ahead.“

Melanies resignative Selbstbilanz wird durch das zwitschernde Telefon unterbrochen. Für die Frau steht fest: Das kann nur wieder ihr saufender Satansgatte sein – doch diesmal ist er es nicht, sondern tatsächlich ein obszöner Anrufer mit verfremdeter tiefer Stimme. Sprich: Eigentlich könnte es also auch Melanies (Ex-?)Mann sein, dessen Stimme mir eben wie gesagt auch verfremdet tief zu sein schien, gerade vor dem Hintergrund, dass wir bereits wissen, dass ein psychopathischer Killer mit Krallenklaue umgeht und wir daher dringend Verdächtige brauchen. Wie dem auch sei – Melanies aufkommende Panik ist berechtigt, wenn der obszöne Anrufer Dinge sagt wie: „You’re a fine looking woman, Mrs. Beck. Just made to be fucked senseless.“ Oder noch schlimmer: „I won’t kill you straight away. First time I’m going to fuck your brains out.“ Da verhüllt sie doch lieber wieder ihre Brüste und geht zum Fenster, wo sie in einigen Metern Entfernung einen Mann in einer Telefonzelle stehen und gerade auflegen sieht. Ist er das?

Tatsächlich handelt Melanie rational und ruft gleich bei der Polizei durch, um den obszönen Anrufer mit Morddrohung sowie den Verdacht zu melden, dass er von der gegenüberliegenden Telefonzelle angerufen haben könnte. Bei der verständlichen Frage des Polizisten nach der Telefonnummer – immerhin blinkte 1990 noch nicht automatisch die anrufende Nummer auf – reagiert sie geradezu empört: „I have two lines!“ Äh, ja und? Ist es denn zu viel verlangt, gleich zwei Nummern durchzugeben? Letztlich gibt sie ihm beide, und der nette Mann am anderen Ende der Leitung rät ihr, sich einzuschließen. Er werde in fünf Minuten zurückrufen.

Melanie tut, wie ihr geheißen und legt danach den Schlüsselbund auf den Tisch, was die Kamera so prominent einfängt, dass wir uns gar nicht wundern können, wenn nur wenige Augenblicke später, als die verängstigte Frau sich auf einem Sessel platziert hat, um auf den Rückruf zu warten, die tödliche Gummikralle des Killers in Nahaufnahme gezeigt wird, die eben jenen Schlüsselbund über einen der spitzen Finger schiebt. Man mag noch so sehr über den Sinn und Unsinn einer solchen Gummikralle diskutieren – als Schlüsselhalter taugt sie gut. Als das Telefon zwitschert, nimmt Melanie ungehalten ab: „But you said you would call me back in five minutes.“ Auch hier in meinem Gesicht: nur Fragezeichen. Selbst wenn der Polizist länger als fünf Minuten für den Rückruf brauchte – wieso „but“? Natürlich ist der Anrufer aber gar nicht der Bulle: „I can’t wait five minutes, Mrs. Beck. I’m too horny.“

Hinter Melanie sehen wir bereits die zunächst unscharfe Silhouette des Killers, noch bevor sie sie sieht. Als sie sich aber umdreht, ist der Killer plötzlich ganz klar. Ich gebe zu, dass es mir sicherlich nicht gefallen würde, wenn ich einen Einbrecher im Haus hätte, der mich töten wollte, aber sähe er so aus wie dieser, würde ich vermutlich vorher eines natürlichen Todes sterben – weil ich mich bei seinem erbärmlichen Anblick einfach totlachen müsste. Melanie aber lacht nicht. Sie hat Angst – und schreit zwar laut „Nooo! Nooo!“ und auch mal „Help!“, erstarrt bis zur Ergreifung sinnloser Fluchtmaßnahmen (der Lauf zur gerade erst abgeschlossenen Tür) in Tradition aller dummen Figuren in Horrorfilmen allerdings erst einmal zur Salzsäule, während der wie ein röchelnder Asthmatiker redende „Toxic Freddy für Arme“ sie mit weiteren Obszönitäten zuschwallert: „It would be different with you, Mrs. Beck. I’m crazy about your body. I love your skin, your breasts, the way you smell…“ Ich fürchte, das beruht nicht auf Gegenseitigkeit.

Es sind nicht nur die schwachsinnigen Reaktionen der handelnden Protagonisten, die verwirren. Manchmal trägt dazu auch der Schnitt bei – so wie hier: Das Telefon zwitschert. Melanie hebt ab. Es ist offenkundig diesmal wirklich der nette Polizist. Wir allerdings hören während einer Großaufnahme auf Melanie eine andere Männerstimme reden (?), die sich als Melanies Mann ausgibt und behauptet, er habe alles gecheckt und alles sei super (?). In all der Zeit schweigt Melanie (?), legt das Telefon weg und schreit nochmals laut „Nooo!“, während sie sich die Ohren zuhält. (?) Dann sehen wir, wie auch der Killer das andere Telefon weglegt. Ich musste die Szene zweimal sehen, weil ich sie in dieser merkwürdigen Schnittfolge zunächst nicht verstanden habe. Meine Fragen ungefähr in der Reihenfolge: Warum lässt der Killer Melanie ans Telefon gehen? Hä? Wer redet da mit dem Polizisten? Der Killer? Aber der bedroht Melanie doch gerade? Außerdem: Hat der nicht eine viel tiefere Stimme? Oder ist es Melanies richtiger (Ex-?)Mann? Wieso sollte sie aber sein Telefonat mit dem Polizisten hören? Warum sagt Melanie nichts? Warum läuft sie nicht weg? Erst danach konnte ich mir zusammenreimen, was passiert ist: Es klingelte, der Killer ging sofort ran, gab sich fälschlich als Melanies Mann aus und blockierte dadurch, dass er als Erster rangegangen ist, offenbar die zweite Leitung, weshalb Melanie nur Zuhörerin sein konnte, wie der Killer den Polizisten abwimmelte. Es hätte nur einer einzigen Einstellung bedurft, um diese Konfusion zu vermeiden: nach Klingeln des Telefons den Killer zu zeigen, wie er abhebt. Warum aber fehlt die hier? Nun ja, der Name des Cutters von „Night Killer“ wird uns noch in der Nachbesprechung dieses Films begegnen. Es ist – Bruno Mattei. Zuschauer, die mit dem Schaffen dieses Mannes auch nur ein wenig vertraut sind, werden keine Fragen mehr haben.

Man könnte Melanie dafür kritisieren, dass sie während des Telefonats nicht auf die Idee gekommen ist, noch lauter zu schreien, damit der Polizist sie über das Telefon des Killers hätte hören können, aber sie hat in Sachen fehlender Intelligenz mit dem bösen Eindringling immerhin einen gleichwertigen Widersacher. Der konzentriert sich nämlich lange genug auf das Telefonat mit dem Polizisten, dass er gar nicht mitbekommt, wie Melanie die Tür des Nebenraums, in dem er gerade steht, geistesgegenwärtig abschließt. Der Killer erleidet daraufhin einen Tobsuchtsanfall, den er lieber gegen sich als gegen Melanie richten sollte – allein deshalb, weil er offenbar zu blöd ist, seine Gummikralle, die durch Menschenkörper stoßen kann, gewinnbringend gegen die Tür einzusetzen. Melanie nutzt die Gunst der Stunde und sucht in einer Kommode nach hilfreichen Utensilien, die das Leben des Einbrechers rabiat verkürzen könnten. Sie findet einen Revolver und ballert ein formschönes Loch in die Tür, hinter der der Killer steht.

Als sie sich, vermutlich noch adrenalingeschwängert, an die Wand hinter sich lehnt, guckt allerdings plötzlich – Kuckuck! – der Killer um die Ecke und beginnt sie zu würgen. Ich schrieb bereits, dass Horrorfilmregisseure sich für einen billigen Schocker einen Dreck um Logik scheren, wenn sie den „Killer macht Buh“-Trick bringen können, aber der hier ist besonders dreist. Auch Melanie sucht verzweifelt nach der Logik, denn er müsste doch eigentlich tot sein, aber der Killer hat genau die dumme (kurzum: keineswegs zufriedenstellende) Erwiderung parat, die ich mir von einem Film dieses Kalibers verspreche: „I was pretending. It’s all part of the game.“ Danach macht er klar Schiff und nimmt seine Maske ab. Na, ein Glück ist seine Maske nicht seine echte Fresse. Über die Fressenqualität des Maskenträgers kann ich indes nichts sagen, weil die Kamera bei der Enthüllung auf Melanies Gesicht zoomt. „Are you ready to play, Mrs. Beck?“, fragt der Killer und zückt sein Schnappmesser. Mit dem „Nooo!“ drückt sie zwar ihren Widerwillen aus, aber ich nehme an, das war eh eine rhetorische Frage ihres Angreifers.

Cut. Krankenhaus. „Night Killer“ setzt an dieser Stelle aus dramaturgischen Gründen auf eine ziemlich brutale Ellipse. Wie wir sogleich aus dem Gespräch eines Detectives sowie eines Psychologen heraushören, hat Melanie den Angriff überlebt. Mehr noch: Sie ist sogar Kronzeugin, weil sie das Gesicht des Killers gesehen hätte. Die Sache hat nur einen Haken: Melanie mag das Gesicht gesehen haben, durch das erlittene Trauma kann sie sich jedoch nicht mehr daran erinnern. Damit nicht genug, hat sie überhaupt alles vergessen, sogar ihren Namen – und dass sie eine Tochter hat! Das wirft zwar den logischen Widerspruch auf, wie die Ermittler dann herausgefunden haben wollen, dass Melanie das Gesicht des Killers gesehen hat, aber irgendwie brauchen wir ja die typischen Giallo-Elemente, denn wenn wir statt schwarzer Handschuhe nur eine lächerliche Gummikralle haben, brauchen wir doch wenigstens zwingend das verdrängte Erlebnis, an das sich die Hauptfigur erst pünktlich zum Finale wird erinnern können. Generell scheinen wir es hier nicht gerade mit der Crème de la Crème der Kompetenzkoryphäen zu tun zu haben: Der Psychologe stellt die hanebüchene These auf, die Tatsache, dass der Killer Melanie nicht getötet habe, würde ihn womöglich beruhigen?! Wo hat der sein Studium absolviert? An der Klipp-Uni?

Der Psychologe hatte es eben bereits erwähnt: Melanie weiß nicht einmal mehr, dass sie Mutter einer Tochter ist. Offenbar soll nun das Erinnerungsvermögen angeregt werden, indem er Clarissa zu Mama ans Krankenbett führt. Clarissa, die ja zum Glück nicht da war, als sich der Vorfall ereignete, ist in Begleitung von Sherman – dessen Anblick schwer irritiert, ziert seine Wange aus unklaren Gründen doch plötzlich ein Pflaster – und dessen Frau Annie. Clarissa und ihre noch schwer benommene Mutter (die trotz ihres bedauernswerten Zustands noch aktiver wirkt als ihre Tochter – Stichwort: sedierte Kinderdarstellerin) tauschen ein paar emotionslose Belanglosigkeiten aus, die darauf hindeuten, dass Melanie in der Tat keine Erinnerung an Clarissa hat. Nach einer Minute heißt es vom Psychologen auch schon: Tschüss, Clarissa, schön, dass du hier warst, nun geh aber auch wieder.

Damit wir den Faden nicht verlieren, darf eine sensationslüsterne Reporterin umringt von weiteren Kamerateams für die Fernsehkameras uns noch einmal auf Stand bringen: Melanie Beck sei in den letzten 24 Stunden nicht gesehen worden (was irgendwie logisch erscheint, da sie doch im Krankenhaus ist – übrigens: Ist es üblich, dass Opfer von Gewalttaten mit vollem Klarnamen im Fernsehen genannt werden?). Folglich braucht es dringend O-Töne von Leuten aus Melanies Bekanntenkreis, und einen Auskunftswilligen hat Frau Reporterin auch bereits vor seinem Haus aufgespürt – nämlich Sherman. Das rätselhafte Pflaster ist inzwischen einer Narbe gewichen (daher mein oben genannter ursprünglicher Spitzname für Sherman: „Narbe“). Sherman sieht sich als Held für eine Minute und füllt bereitwillig ein paar Lücken, die nicht zuletzt die Ellipse aufgeworfen hat: Er sei es gewesen, der Melanie gerettet hätte, aber den Killer habe er leider nicht sehen können, obwohl der „son of a bitch“ ihm sein Gesicht halbiert hätte. Das scheint mir etwas zu viel der Dramatik für die zweifelsohne auffällige, aber nicht sonderlich tiefe Narbe auf der Wange, aber für den Ruf als Tough Guy muss man sich manchmal halt in Übertreibungen flüchten. Nur so als Idee: Es wäre schön gewesen, wenn sein Kampf und die daraus resultierende Verletzung bereits eben in der letzten Szene im Krankenhaus einmal angesprochen worden wären. Dann hätte ich eben nicht wie ein Auto gucken müssen. Aber das Drehbuch treibt seltsame Blüten…

Wir erfahren von der Reporterin noch kurz, dass Melanie acht Stunden in der Gewalt des Psychopathen gewesen sei. Dann kann sie ihr Glück vermutlich kaum fassen, so viele bereitwillige O-Töne in ihren Fernsehbericht pressen zu können, weil sich nun auch Annie – mit Clarissa im Schlepptau! – der Pressemeute stellt. Ein gefundenes Fressen für die Aasgeier. Wäre Melanie bei klarem Verstand, wäre sie bestimmt begeistert, dass Sherman und Annie ihre Tochter ins Rampenlicht eines (ihres!) Kriminalfalls stellen. Immerhin kristallisiert sich heraus, dass Sherman weder Ex-Mann noch Bruder von Melanie ist. Vielmehr seien er und Annie seit sechs Jahren ihre besten Freunde, die Clarissa gern bei sich aufnähmen und Melanie seinerzeit auch bei der Trennung von ihrem Mann viel geholfen hätten (verdammte Samariter!). Den Faden nimmt die Reporterin gern auf: Dieser untergetauchte Mr. Beck, was sei mit dem? Na, ein Trinker sei das, berichtet Annie. Ich warte echt darauf, dass Sherman und Annie der Tante noch aus Melanies Tagebuch vorlesen und ihre darin enthaltenen sexuellen Vorlieben verraten. Dann weiß hoffentlich jeder alles über das unglückselige Opfer. Das tun sie aber erstaunlicherweise nicht. Stattdessen verletzen sie nur noch kurz ihre eigene Privatsphäre: „The Lord hasn’t blessed us with any children of our own.“ Ach doch, einen haben sie noch: Mr. Beck war mal Cop, und wenn Sherman Mr. Beck wäre, würde er den Psychopathen mit bloßen Händen töten.

Ich weiß übrigens seit dieser Szene, wer der Killer ist und wer es garantiert nicht ist. Ihr auch?

Mit Zeitsprüngen in Filmen ist das ja immer so eine Sache. Einige nutzen Einblendungen wie „Vier Wochen später“, andere verzichten darauf. „Night Killer“ verzichtet. Da Melanie als Nächstes Auto fährt, können wir davon ausgehen, dass einige Zeit ins Land gegangen ist. Auf die Nebenspur drängelt sich ein widerlicher Schmierlappen in seinem Jeep auf gleiche Höhe mit Melanies Wagen. Woher ich weiß, dass das ein Schmierlappen ist? Er säuft beim Fahren – und baggert plump an Melanie rum. Man könnte erwarten, dass sie nach ihrem Martyrium noch ziemlich down ist. Ist sie aber nicht, denn sie kontert mit dem Mittelfinger und braust davon.

Doch wer erst einmal seine Beute gewittert hat, der gibt nicht so schnell auf. Schmierlappen findet Melanies Wagen vor einem Hotel parkend und hält direkt hinter ihr. Seine Suche beginnt in der Lobby und führt ihn schließlich auf die Damentoilette, wo er völlig schambefreit die Kabinen durchsucht, dann aber plötzlich in Melanies Revolver blickt. Offenbar sind Melanies Sinne seit dem Vorfall deutlich geschärft, was die schreckliche Männerwelt angeht. „I came in here by mistake“, redet Schmierlappen sich lahm raus. Er wolle sich doch nur mit ihr anfreunden. „You always try to make friends in the ladies room?“, fragt Melanie bissig. Obwohl ich ihm eine Kugel zwischen den Augen wünsche, hat sie eine andere Idee: Sie zwingt ihn dazu, sich bis auf die Unterhose auszuziehen – und seine Klamotten als teuflische Pointe in die Toilettenschüssel zu werfen und auch noch zu spülen. Und jetzt? Das reicht ihr als Denkzettel – es muss ja nicht immer gleich Mord sein: „Just reach in and fish them out. Shouldn’t be anything new for an asshole like you. You’re full of shit yourself.“ Mit diesem Killerspruch verschwindet sie und gibt Darsteller Peter Hooten die Gelegenheit, ihr mit weit aufgerissenen Augen hinterherzustarren. Weit aufgerissene Augen unterstreichen besser den Irrsinn. Wir wissen es seit Renato Polselli. Als er ihr dann doch in seiner knappen Unterhose hinterherwankt, will der Rezeptionist Näheres wissen, wie es denn dazu kommen konnte. „I got molested in the little boys‘ room“, erwidert er nicht sonderlich eingeschüchtert und faktisch definitiv falsch.

Auch wesentlich bessere Filme als dieser kämpfen mit groben Anschlussfehlern. Dennoch ist es immer wieder schön, wenn so offensichtliche passieren wie hier: Als Schmierlappen Peter Hooten in der nächsten Einstellung in seinen Jeep springt, um nach Melanie zu suchen, trägt er einfach wieder T-Shirt und Hose. Aber ich sagte es ja schon – Schnitt: Bruno Mattei.

Irgendwie passt der ganze Film hinten wie vorn nicht zusammen, denn plötzlich sind wir am Strand, wo Melanie auf einem Strandtuch sitzt und verschiedenste Tablettendosen aus ihrem Rucksack zerrt. Klar, es erscheint nicht weit hergeholt, dass eine Frau, die stundenlang von einem Mann gefangen gehalten und höchstwahrscheinlich sogar vergewaltigt wurde, Selbstmordgedanken entwickeln kann. Aber wie soll das auch nur ansatzweise mit ihrer eiskalten Toilettennummer von eben zusammenpassen? „Night Killer“ ist viel zu ruckelig zusammengestümpert: Wo hier auf Melanies Krankenhausaufenthalt die Konfrontation mit einem Belästiger auf der Toilette und jetzt eben der drohende Selbstmord folgt, hätten bessere Regisseure versucht, den Sinneswandel von „Ich bin die coolste Sau“ bis zu „Ich bin die ärmste Sau“ nachvollziehbar zu machen.

Nicht weniger irritiert die Reaktion von Schmierlappen, denn auch er hat seine selbstsichere Arroganz verloren, die er selbst dann noch zur Schau trug, als er sich eben bis auf die Unterhose ausziehen musste, und sucht zunehmend panisch nach Melanies Wagen. In einer hektischen Parallelmontage sehen wir den beiden Hauptfiguren – ich habe es noch nicht erwähnt, aber Schmierlappen-Darsteller Hooten wurde in den Anfangscredits erstgenannt, noch vor Tara Buckman – bei ihren Tätigkeiten zu: Schmierlappen sucht Melanie, Melanie schluckt Tabletten. Die Musik dreht dabei dermaßen am Rad – und das auch noch vom Inhalt her tonal völlig falsch (anstatt Thrill schwerfällig-symphonische Melodramatik) –, dass einem fast die Ohren wegfliegen.

Nun ja, anhand meiner Formulierung „Melanie schluckt Tabletten“ ist es wohl offensichtlich: Schmierlappen kommt spät, aber vielleicht nicht zu spät, als er Melanies Wagen auf einem Parkplatz direkt vorm Strand entdeckt. Wie wahrscheinlich auch immer das in einer Stadt sein mag. Die Regieanweisungen an Hooten müssen ähnlich ungeschickt gewesen sein wie vorhin bei Tanzlehrerin-Darstellerin Ford, die die Schwerverletzte durch bizarres Kriechen und Rutschen darstellte. Vermutlich hat Fragasso ihm gesagt: „Sieh dich panisch um, als würdest du sie suchen.“ Hooten missversteht das „panisch“ und dreht sich total planlos auf dem Parkplatz in die eine und in die andere Richtung. SO würde einfach kein Mensch suchen.

Zumindest hat er kurz darauf den richtigen Riecher und entdeckt Melanie allein am Meer sitzen und trinken. Das setzt sofort Beschützerinstinkte in Gang, denn irgendwie kann Schmierlappen von seiner meterweit von ihr entfernten Position aus erkennen, dass sie nicht nur trinkt (was ja am Strand nichts grundsätzlich Ungewöhnliches ist), sondern auch Tabletten in sich reinkippt. Heldenhaft kickt er die verbliebenen Tablettendosen durch den Sand und rüttelt und schüttelt an Melanie: „What the hell do you think you’re doing?“ „Commiting suicide“, die nüchterne Antwort. Aber noch ist Polen nicht verloren: Gegen ihren Widerstand zerrt Schmierlappen Melanie ins Meer und drückt sie dort rabiat mehrfach unter Wasser – damit sie wie ein Wal Salzwasser süffelt und den ganzen Scheiß, den sie geschluckt hat, wieder auskotzt. Ich bin erstaunt, dass sie bei dem brutalen Ins-Wasser-Getunke das Meer noch lebend verlässt und wie von Schmierlappen gewünscht vielleicht nicht im Strahl, aber zumindest dezent kotzt.

Das Leben von Melanie scheint vorerst gerettet, aber ob das auch noch lange für die blonde betrunkene Schlampe gilt, die mit einem nur von hinten zu sehenden Typen in einer Bar an einem Tisch sitzt, der sie abschleppen will und damit Erfolg hat? Das weckt natürlich sofort Erinnerungen: ein nur von hinten zu sehender Typ? Den hatten wir doch vorhin schon mal. Melanie hatte mit ihm telefoniert und ihm sein Gesaufe vorgehalten – ihm, ihrem Ex-Mann. Folglich wäre es nicht zu weit hergeholt anzunehmen, dass hier also Mr. Beck sitzt. Aber Mr. Beck ein gewalttätiger Serienkiller? Ich behaupte einmal, das wäre viel zu einfach. Von der Statur her kommt er Schmierlappen am nächsten, der inzwischen ebenso in den Kreis der Verdächtigen aufgenommen werden konnte.

Nach ihrer Kotzarie erwacht Melanie in einem ihr offenbar fremden Hotelbett und wird merklich unruhig. Wo ist sie hier? Ich hatte ja bereits betont, dass „Night Killer“ die miesesten Darsteller zu bieten hat, die ich je gesehen habe. Und jede neue Szene bestätigt mich wirklich immer wieder aufs Neue: Die Buckman übertreibt so schamlos, dass sie entweder nie die Rolle hätte kriegen dürfen – oder sie hätte gefeuert werden müssen, weil sie einfach so schlecht ist. Meine Güte, wir sind hier nicht beim Kasperletheater, sondern bei einem ernst gemeinten Serienkiller-Horrorfilm, in dem Frauen vergewaltigt und grausig umgebracht werden. Da kann man die Theatralik doch einfach mal etwas runterfahren, aber selbst aus belanglosen Dingen wie der Darstellung eines dröhnenden Kopfes muss diese sich Schauspielerin schimpfende Frau eine Seifenoper machen.

Wir waren ja aber gerade bei der betrunkenen Schlampe und dem geheimnisvollen, nur von hinten gezeigten Unbekannten. Es ist ihm in der Tat gelungen, sie zu sich nach Hause abzuschleppen. Der Film lässt keine Zweifel aufkommen, dass der geheimnisvolle, nur von hinten gezeigte Unbekannte auch wirklich der Killer ist, denn ein Kameraschwenk durch seine Bude offenbart ein Sammelsurium an Puppen, Bilder mit gezeichneten, vorwiegend nackten Frauen – und eine, wenn nicht sogar die eine spezielle, auf einem Tisch abgestellte Toxic-Freddy-Maske. Die Schlampe erbittet Auskunft über die Tätigkeit seines röchelnden Abschleppers, aber ich fürchte, dass er bei seiner Antwort lügt – mit allem: „I’m really Santa Claus, and if you’ve been a very good girl all year I have a big present for you.“ Strategisch geschickt wird der geheimnisvolle Unbekannte ins vom Flur reinscheinende grelle Gegenlicht gestellt, sodass wir selbst jetzt, da er von vorn gefilmt wird, kein Gesicht erkennen können.

Dann greift er schnell Maske und Kralle, damit er endlich wieder wie der peinliche Vollidiot aussieht, als den wir ihn in Sekunde 204 kennengelernt haben. Die abgeschleppte Blondine zuckt nur mit den Achseln und macht sich an den Killer ran, der als Vorspiel gar nicht mal unbedingt Streicheleinheiten benötigt – das zwar auch, aber das ist nebensächlich –, sondern lieber die Geschichte von Rotkäppchen und dem bösen Wolf hören will, wobei Blondie überraschenderweise Rotkäppchen und er der Wolf ist. Das ist und wird auch immer das heißeste Märchen jenseits von Pornos bleiben. Insofern überrascht es nicht, dass der böse Wolf rollig und auch etwas zu zudringlich wird. Im Einklang mit den übrigen schauspielerischen Leistungen klingt das ablehnende „Please just take me home“ von Rotkäppchen erschütternd schlecht abgelesen, aber es sind eh ihre letzten Worte, denn der Killer greift ihr mit seiner Gummikralle ins Gesicht und tunkt ihren leeren Kopf in einen Topf – nicht mit heißem Wasser, sondern mit weichem Gips oder was auch immer diese Konsistenz sein soll. Da das aber killeruntypisch ist, macht er das nur zweimal und durchlöchert mit demselben eintönigen (und vor allem schlechten) Gummikrallen-Effekt wie bereits zweimal zuvor in der Pre-Title-Sequenz ihre Bauchdecke.

Nach dem Mord drapiert der Killer sein Opfer auf einem Tisch, wobei sie von oben bis unten mit Gips bedeckt ist (*sing* „Gipsfinger – he’s the man, the man with the plaster touch…“). Liebevoll streichelt er mit seiner Kralle über ihren Körper – und ein Kameraschwenk macht deutlich, dass der Killer einen noch viel kränkeren Fetisch hat als den, peinliche Masken und Gummiklauen zu tragen (ach ja, und Frauen zu vergewaltigen und zu töten). Auch die tote Blondine trägt nun eine billige Gummikralle und eine Toxic-Freddy-Maske. „Now we will make love“, röchelt er, ebenfalls noch mit Maske und Kralle, und küsst sie (so gut das eben mit Masken geht). Ich bin nur dankbar, dass der Film die sich anschließende Nekrophilie ausspart.

Zuletzt hatten wir Melanie, von Schmierlappen augenscheinlich in ein Hotelzimmer entführt, recht panisch und wild mit den Augen rollen sehen. Das lebt sie auch jetzt noch voll aus, weil die Tür abgeschlossen ist und Fluchtmöglichkeiten somit nicht gegeben sind. Die Einsamkeit hat jedoch ein Ende, als Schmierlappen mit Kentucky-Fried-Chicken-Fast-Food eintritt. „Fried chicken and french fries“, jubiliert er und legt sich aufs Bett, um das Zeug wegzuatmen. Schmierlappen kippt den Inhalt von Melanies Rucksack auf dem Bett aus (Tablettendosen und ihr Revolver!) und ist wieder ganz im alten „Ich will dich vergewaltigen“-, nicht mehr im „Bring dich bitte nicht um“-Panik-Modus. Die schmierige Gelassenheit ihres Entführers kollidiert dabei entschieden mit Melanies schreiender Panik. „Why didn’t you just let me drown?“, fragt sie verzweifelt und sieht sich handfesten Zudringlichkeiten von Schmierlappen ausgesetzt.

Schön blöd aber, dass diese Zudringlichkeiten auf eben jenem Hotelbett stattfinden, auf den das widerliche Ekelpaket soeben den Revolver hat fallen lassen, weshalb Melanie im nächsten Moment die Knarre in der Hand hält und sie ihm ans Kinn hält. In der Folge führen Buckman und Hooten ein unfassbares Schmierentheater auf, ein Ballett der schauspielerischen Kapitulation. Kennt ihr „Stille Nacht, Horror Nacht Teil 2“? Wenn nicht, dann aber bestimmt die berühmte „Garbage Day“-Szene. Dort legte Hauptdarsteller Eric Freeman den amoklaufenden Psychopathen derart drüber an, dass er nicht nur die Augen so weit aufriss, dass sie ihm fast aus den Höhlen ploppten, sondern presste auch jeden Satz (in besagter Szene eben „Garbage Day!“) in einem gekünstelten Wahnsinn heraus, dass es ein wahres Trashfest ist (von seinem jämmerlichen Psychopathen-Gelächter reden wir gar nicht erst). Buckman und Hooten tun das auch: sie als verzweifelte Frau in Panik, er als total übergeschnappter, sich selbst gern reden hörender Mistkerl, wenn nicht Schlimmeres. Er könnte ja genauso gut der Killer sein, wenn ich mein unerschütterliches Urteil zur Identität des Serienmörders nicht längst gefällt hätte.

Das Ballett der schauspielerischen Kapitulation äußert sich darin, dass Melanie und Schmierlappen sich ein aufgeblasenes Rededuell liefern. Trotz Knarre am Kinn begegnet er der Frau nach wie vor überheblich und braucht gar nicht viel zu machen, bis er Melanie so weit hat, dass sie sich die Knarre selbst an die Schläfe hält. Schmierlappen bleibt mitleidlos: „It’s a free country. Anybody who wants to kill themselves has the right to. While you shoot yourself… try to… I’m gonna eat.“ Er nimmt einen Bissen und freut sich: „Nothing does it to me like fried chicken.“ Weil sie zögert, bietet er sich als Wohltäter an, nimmt ihr den Revolver ab und schiebt ihn ihr tief in den Mund. „Come on. It’s easy as eating a drumstick“, sagt er, aber Melanie ist immer noch nicht bereit: „No, please don’t!“ (Mit vollem Mund spricht man nicht.) Doch alle Proteste verhallen ungehört. Er drückt ab – aber keine Kugel in der Kammer.

Das wiederum macht Melanie richtig wütend, die genug davon hat, Spielball für dieses Musterarschloch zu sein. Allerdings sitzt es immer noch am längeren Hebel: „I’m gonna kill you alright. But when I say so. In the meantime I’m your master.“ Als Mordwerkzeug wird er allerdings nicht den Revolver einsetzen, sondern – ein Schnappmesser, dessen Funktionsfähigkeit Schmierlappen gleich mal demonstriert, indem er es aufschnappen lässt. Wer gut aufgepasst hat, wird feststellen, dass ein solches Schnappmesser vorhin schon vom Killer verwendet wurde, als er Melanie überfallen hatte. Soll natürlich den Verdacht auf Schmierlappen lenken. Um das so deutlich zu sagen: Klappt nicht. Kaum hat er ihr das Messer gezeigt, verabschiedet er sich auch schon wieder und lässt sie eingesperrt zurück. Nachdem er gegangen ist, tut Melanie das, was alle Verzweifelten in miesen Filmen tun: Sie rutscht melodramatisch, noch verstärkt durch die wirklich lächerlich laute Dramamusik, mit dem Rücken zur Tür die Tür herunter – mimisch sehr übertrieben, aber ich glaube kaum, dass ich das noch erwähnen muss.

Ich sage, wie es ist: Dieses Psychoduell war nicht ein Zehntel, ja nicht mal ein Fünfzigstel so intensiv, wie es nach Meinung von Fragasso sein soll. Er hielt es womöglich für große Dialogkunst: das emotional malträtierte und geistig verwirrte Opfer, das seinem psychopathischen Peiniger hoffnungslos ausgeliefert ist, bis es endgültig gebrochen ist. Dazu bräuchte es allerdings keine peinlichen Schmierendarsteller, die das Zehn-, ja sogar das Fünfzigfache an Emotionen bringen, die noch im Rahmen des Erträglichen wären – und es bräuchte überhaupt Dialoge, die nicht komplett lächerlich wären. Glaubt mir, ich habe oben nicht mal alles zitiert, was ich hätte zitieren können.

Schauplatzwechsel. Ein Wachmann, den wir noch nie gesehen haben, verabschiedet sich von einer Frau, die wir noch nie gesehen haben, in einem Unterwasserweltmuseum, das wir noch nie gesehen haben. Was könnte das wohl bedeuten? Die höchst attraktive Frau trägt einen weißen Kittel und eine Brille, ist fürderhin also klug und kompetent. Nicht nur dieser Film weiß nämlich, dass weiße Kittel und erst recht Brillen Frauen automatisch klug und kompetent erscheinen lassen. Bevor sie selbst in den Feierabend entschwindet, möchte sie noch das Überlaufventil überprüfen – und als sie das tut, stellt sie Dinge fest, die so nicht sein sollten. „Night Killer“ ist überdies einer der Filme, in denen der Killer nicht einfach nur killt, sondern vorab noch sinnlose Psychospielchen mit dem Opfer treibt. Entbehrt das nicht jeglicher Logik? Wieso sollte ein psychopathischer Serienkiller auf der Suche nach zu vergewaltigendem Frauenfleisch, dem er darüber hinaus noch mit einer Gummikralle ein formschönes Loch in den Bauch hauen will, vorher noch Interesse daran haben, sein zukünftiges Opfer zu verunsichern und blöd an Ventilen rumzuschrauben?

Das Ziel ist auf jeden Fall erreicht: Die arme Frau wird unruhig und stellt sogar die beliebte Horrorfilmfrage: „Who’s there?“ Die Frage ist überflüssig: Der Killer steht bereits zu donnerndem Synthesizer vor ihr und gibt ihr Zeit wegzulaufen, denn – wir wissen es längst – er teleportiert sich sowieso früher oder später zu ihr, um sie abmurksen zu können. Und wenn es beim ersten Mal nicht gleich klappt – so wie hier, als es ihm zwar gelingt, hinter ihr aufzutauchen, sie etwas zu begrabbeln und ihr das Oberteil aufzuratschen, sie sich aber trotzdem losreißen kann –, dann sicherlich beim zweiten Mal. Die junge Museumsmitarbeiterin kann noch so sehr durch die leeren Flure voller Aquarien schleichen, Toxic Freddy ist trotzdem irgendwann wieder da, um seinem neuerlichen Opfer ein Loch in den Wanst zu hauen – und es ist zum vierten Mal der gleiche doofe Scheißeffekt.

Es sei betont: Die eingestreuten Mordszenen wirken stets seltsam abgekoppelt vom Handlungsstrang rund um Melanie. Sie fügen sich nicht harmonisch ins Gesamtbild ein (wenn man denn allen Ernstes behaupten will, hier würde sich überhaupt irgendetwas harmonisch einfügen) und laufen wie Fremdkörper nebenher. Das sorgt dann auch dafür, dass man nie ernsthaft annehmen will, dass der sich gegenüber Melanie ähnlich durchgeknallt gebende Schmierlappen letzten Endes als Serienkiller entpuppen wird, obwohl er laut Skript immer die Möglichkeit hätte, zwischen seinen Zusammenkünften mit Melanie mal eben auf Mordtour zu gehen.

Wo wir von ihm sprechen: Da ist Schmierlappen schon wieder. Der bedauernswerten Melanie bleibt in ihrem eingesperrten Zustand nichts anderes übrig, als sich irgendwie die Zeit zu vertreiben. Sie könnte Löcher in die Decke starren, Augen aufreißen, schreien – oder eben schlafen. Letzteres zieht sie aktuell vor, aber nicht lange, denn Schmierlappen will wieder spielen. Diesmal zerschneidet er mit seinem Schnappmesser ein weißes Laken und fesselt sein Opfer, das sich dabei nicht ernsthaft wehrt, mit beiden Händen an den Bettpfosten. Nach einer wirren Schnittfolge liegt Melanie plötzlich mit blanken Brüsten auf dem Bett, damit wir die auch mal wieder sehen. Offenbar soll in der Zwischenzeit ein Zeitsprung stattgefunden haben, nur dass der Schnitt so konfus ist, dass wir ihn nicht bemerkt haben.

Ein ebenfalls wiederkehrendes Element in „Night Killer“ sind die Live-Reportage-Szenen, die uns auf den aktuellen Stand bringen sollen. Das kann eine sinnvolle, wenn auch äußerst faule Art sein, wichtige Plotpunkte zu erklären. So halfen die Interviews mit Sherman und Annie vorhin dabei, ein paar durch die Ellipse nach dem Überfall auf Melanie hervorgerufene Lücken zu füllen. In diesem Fall ist das Zwischenspiel aber völlig überflüssig, weil wir ja dabei waren: Es gab mit einer Museumsangestellten eine neue Tote. Ach was? Ihr Name: Pamela Sue Morrison. Toll. Alter: 25 Jahre. Wow, das war wichtig. Immerhin kriegen wir noch weitere Details zu ihrem Ableben vom Wachmann mitgeteilt, der kurz zuvor Feierabend gemacht hatte: „The maniac cut her into pieces and then fed her to the fish. It’s enough to make my stomach turn just thinking about it.“ Das soll vermutlich den Horrorfaktor des Films noch mehr in die Höhe treiben: Ein psychopathischer schlitzender Killer ist schlimm genug, aber ein psychopathischer schlitzender Killer, der Menschen zerstückelt? Hilfe! Würde es vielleicht, wäre der Killer ein Killer ohne Faschingsmaske und Gummikralle. Der in der Reportage geäußerten These, der Killer würde seine Opfer vergewaltigen, bevor er sie quält, verstümmelt und tötet, widerspreche ich allerdings: Pamela wurde NICHT vorher vergewaltigt. Hinterher vielleicht – wie übrigens auch das Rotkäppchen-Opfer –, aber nicht vorher. Und wie die Gerichtsmediziner eine Vergewaltigung beim neuen Opfer feststellen wollen, wenn es doch in Stücke zerschnitten und an die Fische verfüttert wurde, möge mir bitte auch einer erklären. Dies sind so leichte und daher unverzeihliche Drehbuchfehler.

Zurück zu den wenig rosigen Zukunftsaussichten von Melanie. Wir erinnern uns an Schmierlappens Aussage: „I’m gonna kill you alright. But when I say so. In the meantime I’m your master.“ Und wir erinnern uns: Er hat sie eben an den Bettpfosten gefesselt. Er hat die Macht – und er zeigt sie ihr. Auf ihr liegend, Gesichter in Großaufnahme sich fast berührend, beweist er ihr seine Überlegenheit mit seinem weiterhin schmierigen Grinsen.

Und dachte ich vorhin noch, der negative Höhepunkt sei mit dem „Ich töte dich, Schmierlappen! Nein, ich töte mich! Oder tötest du mich? Nein, hier tötet niemand niemanden“-Psychoduell auf dem Bett erreicht gewesen, so kommt es tatsächlich noch schlimmer, weil Schmierlappen sich wie gesagt gern selbst reden hört und seine Überlegenheit nur zu gern nicht nur körperlich, sondern auch verbal zeigt. Er gibt Melanie einfach vor, was sie sagen soll. Lesen Sie also hier – diesen Dialog des Grauens:

Sie: Untie me!
Er: „Pretty, please!“
Sie: Untie me, you asshole!
Er: Is that any way to talk?
Sie: Will you untie me, please?
Er: „Pretty, please!“ – „Would you untie me, pretty, please?“
Sie: Fuck you!
Er: No cussing! (gibt ihr Backpfeife)
Sie: Pig! Son of a bitch!
Er: (gibt ihr Backpfeife) I told you not to use words like that!
Sie: Would you untie me, pretty, please?
Er: „I beg you!“
Sie: I beg you!
Er: „Please, pretty, please! I beg you, kiss me!“
Sie: Please, pretty, please! I beg you, kiss me!
(Sie küssen sich leidenschaftlich.)

Schrecklich, nicht?

Ich würde sagen, hier hat das Stockholm-Syndrom sich gerade in voller Blüte entfaltet.

Vorhin wurden uns schon der Detective und der Psychologe vorgestellt. Das hatte den Vorteil, dass sie uns in Dialogform Melanies traumabedingte Amnesie nähergebracht haben, ist allerdings wie die sporadisch eingestreuten zwischengeschalteten Live-Fernsehberichte eine sehr bequeme Entscheidung, Handlungsdetails verbal durch Experten (Polizei, Psychologen, Reporter) erzählen zu lassen, damit man sich als Drehbuchautor nicht am Ende selbst noch etwas ausdenken muss, wie man das subtiler ins Skript dengeln könnte. Nun wird diese drehbuchbedingte Faulheit auf die Spitze getrieben – und Polizei, Psychologen und Fernsehreporter für eine Szene zusammengebracht.

Es hat sich rumgesprochen, dass Melanie Beck verschwunden ist. Deshalb belagern die sich sehr monothematisch bewegenden Fernsehteams das örtliche Polizeirevier und schwärmen wie die Bienen aus, sobald sie nur etwas wittern, was ein Polizist sein könnte. Ihr erstes Ziel: der Detective. Ihr merkt sicherlich längst: Der Film ist nicht gut darin, seinen Figuren Namen zu geben. Den Namen des Detectives habe ich erst kurz vor dem Ende erstmals gehört, Schmierlappen muss auch bis auf Weiteres Schmierlappen bleiben. Der Detective weicht auf die Nachfrage nach Melanies Verbleib aus und bringt auch die Presse auf den Stand, dass sie keine Erinnerung mehr an das Verbrechen hätte. Ich dachte zwar, das wäre längst etabliert, auch bei der Medienmeute, aber man kann es ja vorsichtshalber nochmal sagen. Zuschauer mit Kurzzeitgedächtnis könnten es schließlich auch vergessen haben.

Für weitere Fragen verweist der Detective auf den uns ebenfalls bereits bekannten Psychologen Dr. Willow, der sich nur wenige Augenblicke später ebenfalls dem Pressepulk ausgesetzt sieht. Willow genießt den Rummel um seine Person merklich, redet er doch wie ein Wasserfall, ignoriert seine ärztliche Schweigepflicht – und plaudert in der vermutlich größten Verletzung des Persönlichkeitsrechts, die je einer Person widerfahren ist, über jedes schmutzige Detail: Melanie Beck leide an dissoziativer Schizophrenie, denn die arme Frau habe die traumatischste Tortur durchmachen müssen, die ein Mensch erleben könne. Ob sie denn Selbstmordversuche unternommen hätte, will eine Reporterin wissen. Aber sicher hätte sie das, sagt Willow, sie hätte eine ganze Flasche an Barbituraten geschluckt. Wenn damit ihr Selbstmordversuch am Strand gemeint ist – woher weiß er das?! „Why would she want to kill herself?“, wird eine hirnzersetzend dumme Frage gestellt. Willow psychologisiert: „To punish herself. To expiate the sense of guilt that was tormenting.“

Während des Interviews wird von da an auch Melanie bildlich immer wieder dazwischengeschaltet: wie sie Lippenstift aufträgt und Schminke um die Augen herum trägt, wie sie nach der frei zugänglichen Waffe in der Schublade greift und wie sie eine Kugel in die Kammer schiebt. Das soll uns wohl sagen: Melanie ist eine emotionslose Killermaschine geworden. Oder so. Also das, was sie vorhin schon war, als sie Schmierlappen im Damenklo bedrohte. Willow versteigt sich zu weiteren Thesen, was mit Melanie passiert sein könnte, stellt diese aber als unumstößliche Wahrheit da: Sie habe paradoxerweise Selbstmord begehen wollen, um den Teil von ihr zu bestrafen, der den Angriffen des Wahnsinnigen passiv nachgegeben habe. Er hoffe zwar nicht, dass sie entführt worden sei, aber wenn doch, würde er sie höchstwahrscheinlich der gleichen Tortur aussetzen, die er sie schon einmal erleiden ließ, und durch den sich wiederholenden Schock würde sie wieder zur Besinnung kommen. Das Problem an der Sache sei: Wenn sie ihren Peiniger wiedererkennen würde, würde er sie töten. Ich frage mich zwar, warum er sie nicht auch dann töten sollte, wenn sie ihn nicht wiedererkennt, zumal er ja, da sie sein Gesicht kennt und sich jederzeit daran erinnern könnte, ein Interesse haben sollte, die Kronzeugin endgültig zu beseitigen, aber das ist wohl zu logisch gedacht. Und ja, ich weiß: Der Film will darauf hinaus, dass höchstwahrscheinlich Schmierlappen der Killer ist und so lange mit dem Mord warten wird, bis sich Melanie wieder erinnert. Insofern hätte Willow recht – aber eben nur WENN Schmierlappen der Killer wäre.

Ach ja, wichtig: „The man is an extremely dangerous psychopath.“ Ach was? Sag an…

Ich habe viele weitere Fragen: Ist das sein verdammter Ernst? Eine Frau, die ein achtstündiges Martyrium inklusive Vergewaltigungstrauma erlitten hat, müsste sich ein zweites Mal vergewaltigen lassen, um das Trauma zu überwinden? Was ist Willow? Ein Hofnarr im Kostüm eines Psychologen? Gilt in Virginia, wo der Film spielt, keine Schweigepflicht? Kein Arztgeheimnis? Gibt es keine Verantwortung gegenüber den Patienten? Es ist schier unfassbarer Bullshit, den er hier zum Besten gibt, eine unverschämte Dreistigkeit, private Details in aller Öffentlichkeit breitzutreten.

Leider fürchte ich: Im Rahmen dieses Films wird Willow mit seiner These, ein zweites Martyrium könne Melanie auf den richtigen Pfad zurückführen, recht haben. Zumindest hat Melanie ja ihren Entführer bereits so liebgewonnen, dass sie in der letzten gemeinsamen Szene mit ihm rumgeknutscht hat, nachdem er sie lang genug wie ein wahrer „master“ zugeschwallert hat. Auf der anderen Seite sah es eben so aus, als sei sie zur frisch geschminkten Killerbraut mit Knarre mutiert. So ist sie das auch in der kommenden Szene: Wild entschlossen nutzt sie die Waffe – und ballert probehalber in Abwesenheit ihres Kidnappers eine Kugel in den Zimmerspiegel. Allerdings kommt er nach einem Einkauf gerade rechtzeitig zurück ins Hotelzimmer, um Melanie die Pistole zu entreißen. Ich verstehe ehrlich gesagt nur wenig: Wie kann es überhaupt sein, dass Schmierlappen Feuerwaffen unbeaufsichtigt und unabgeschlossen herumliegen lässt, sodass sein Entführungsopfer fleißig damit hantieren kann? Was wäre gewesen, wenn sie die Waffe auf ihn gerichtet hätte? Ist der dumm? Dumme Frage: Natürlich ist er das.

Den Krach hat auf jeden Fall eine schmächtige Brillenschlange gehört, die mutig an der Tür des Zimmers klopft, aus dem das Knallgeräusch zu hören war. Schmierlappen öffnet und muss feststellen, dass die Brillenschlange den Lärm richtigerweise einem soeben getätigten Pistolenschuss zuordnet. Zum Glück schaltet er aber schnell und schiebt dem neugierigen ungebetenen Türklopfer einen Geldschein als kleine Bestechung unter „Freunden“ unter die Brille. Womit sich die Angelegenheit erledigt hätte. Der Brillenschlangen-Darsteller ist übrigens auch ganz groß – also klein von der Statur her, aber groß in seiner theatralischen Antischauspielkunst. Ist das nicht sogar der Zwerg, der in „Troll 2“ das legendäre „OH MY GOOOOOD!“ gesprochen hatte?

Melanie macht Schmierlappen auf ihre Schminke und den Lippenstift aufmerksam. „I wanted to be beautiful for you. Just for you“, seufzt sie und erfüllt mit dieser irrationalen Reaktion (die sie ja schon vorhin zeigte, als sie seinen Kuss erwiderte) vermutlich ein wesentliches Merkmal dissoziativer Schizophrenie – beziehungsweise das, was sich die Laienpsychologen im Filmteam darunter vorstellen. „Oh wow, do you remember?“, fragt Schmierlappen überwältigt und unverständlich. „Yes, I remember“, erwidert Melanie noch unverständlicher und schiebt nach: „You’re like the one who’s got to kill me.“ Dabei streicht sie ihm zärtlich durchs Gesicht. Wie auch immer.

Von der Laufzeit her wäre es eigentlich mal wieder Zeit für einen Mord. Stattdessen nehmen wir für wenige Augenblicke an der Ermittlungsarbeit teil. Wofür Schmierlappen vorhin fünf Minuten benötigte, benötigte die Polizei mehrere Tage: Sie hat jetzt schon Melanies geparkten Wagen am Strand gefunden. Gleichzeitig sei auch ein halbnackter Mann gesehen worden, der ihr mit dem Jeep folgte. Tja, wenn Drehbuch und visuelle Umsetzung kollidieren – laut Drehbuch hätte Schmierlappen ja nach dem Toilettenvorfall halbnackt sein müssen, doch war er es eindeutig nicht mehr, als er in seinen Jeep stieg.

In der Polizeistation herrscht indes Krisenstimmung beim Detective und bei Dr. Willow. Melanies plötzliches Verschwinden in Kombination mit ihrem aufgefundenen Wagen lassen Schlimmstes befürchten: Offenbar hat der gemeingefährliche Serienkiller sie tatsächlich entführt. Der Detective ist stinksauer auf Willow und sein vermaledeites Interview, das er den Medien gegeben hat. Man sieht mich zumindest etwas erstaunt: Ich hatte befürchtet, der Film würde Willows fragwürdiges Vorgehen gegenüber der Presse gar nicht weiter thematisieren, sondern als völlig akzeptabel betrachten. Allerdings geht es dem Detective in seiner Kritik weniger um die grobe Verletzung von Persönlichkeitsrechten als darum, dass Willow dem Killer mit der Entführung erst die Flausen in den Kopf gesetzt hat: „We had a specific plan ready here if the guy made a move. But thanks to your tv appearence a while ago you practically gave him the idea.“ Hm, „a while ago“? Eigentlich ging ich davon aus, dass das Interview vielleicht einen Tag her ist. Willow will sich diesen Schuh aber nicht anziehen, denn er hätte nie gedacht, dass der Killer sie wirklich entführen würde. Ich bezweifle stark, dass er überhaupt gedacht hat. Der Detective hat meine vollsten Sympathien, da er das nicht einfach so hinnimmt: „I can blame you and I do blame you. Now if you don’t do something about this I’m going to fix it with the press to make you look like the crack of the century.“ Weiter so, gib’s ihm! Willow gibt kleinlaut bei und verspricht, mit der Presse zu reden. Wie auch immer Willow das wiedergutmachen soll. Er gibt aber auch zu bedenken, dass der Killer ein mörderischer Wahnsinniger sei (ich glaube wirklich, dass wir das angesichts der Vergewaltigungen, Bauchaushöhlungen und Fischfutterverarbeitung langsam kapiert haben, Junge!), den ein erneuter TV-Auftritt nur noch wahnsinniger machen könnte, der dann wiederum weitere Opfer nach sich ziehen könnte. Ich weiß zwar nicht, was Willow der Presse sagen will, aber inwiefern das schädlicher sein soll als sein jüngstes Interview, würde ich schon gern von ihm hören. Lustig auch, dass er vorhin ja noch theoretisierte, der Killer könne dadurch, dass er Melanie nicht getötet habe, fortan handzahmer agieren. Seitdem wurde eines der Opfer an Fische verfüttert. Kluger Kopf, dieser Willow.

Melanie und ihr Kidnapper scheinen in der Zwischenzeit ein eingespieltes Team geworden zu sein. Er hat ihr sogar schon was geschenkt, und zwar eine schwarze Mütze, die weite Teile ihres Kopfes und ihrer Haare verdeckt, und eine Sonnenbrille. Mir scheint, Schmierlappen möchte Melanie auch mal wieder etwas Frischluft gönnen, aber – im eigenen Interesse – ohne dass sie dabei von anderen erkannt wird.

Die Presse hat mittlerweile ebenfalls in Erfahrung gebracht, dass Melanie gekidnappt wurde. Ich glaube, aus keinem anderen Grund, als dass Fragasso den Zuschauer alle paar Minuten daran erinnern will, dass der „Night Killer“, der freilich nie in der Nacht unterwegs ist, so viel gefährlicher ist als 90 Prozent der Killer in anderen Horrorfilmen, hebt er nochmal die stattliche Opferzahl von sechs und die „atrocious brutality“ des Psychopathen hervor. Diesen Live-Bericht sieht auch Narben-Sherman, den wir fast schon wieder vergessen hätten, auf seiner Couch – und er hört auch die direkt an den Entführer gerichteten Worte von Dr. Willow, der ein Ultimatum stellt und behauptet, dass man ihm auf den Fersen sei. Sollte er Mrs. Beck freilassen, würde ihm kein Schaden zugefügt würden. Die schwer sedierte Clarissa, die ja in Abwesenheit ihrer Mutter so eine Art Pflegekind für Sherman und seine Frau Annie geworden ist, setzt sich zu ihm und kuschelt mit ihm. Sherman setzt einen finsteren Blick auf – und ich bin überzeugt davon, dass das der Moment im Skript sein sollte, in dem der Film erstmals Zweifel streuen will, und zwar jene Zweifel, dass Entführer und irrer Killer vielleicht doch nicht identisch sind und, herrje, eventuell auch Sherman Böses im Schilde führen könnte. Ihr seht mich zutiefst überrascht: Was? Ist etwa Sherman der Killer? Echt? Aber nicht doch! Das kann nicht sein!

Am nächsten Tag findet sich auf jeder Tageszeitung ein mehr als deutlich erkennbares Bild von Melanie auf Seite 1. Die schmächtige Brillenschlange, die sich kürzlich von Schmierlappen kaufen ließ, um den Pistolenschuss zu ignorieren, erinnert sich daran, die Frau gesehen zu haben. Sofort rückt die Polizei – idiotischerweise mit Blaulicht UND Sirene – an. Mit Polizei meine ich: Der Detective rückt an. Leider reichte es für diesen Film nicht einmal für dialoglose Polizeistatisten. Immerhin wundert sich auch die Brillenschlange über die deutliche Unterbesetzung. Der Detective aber ist sich sicher, dass er schon mit dem sechsfachen Psychopathen, der Frauen mit Gummikrallen ihre Bauchdecken durchlöchert, fertig werden werde. Die Brillenschlange will eine Belohnung für den Tipp, aber der Bulle zeigt wenig Dankbarkeit und nennt ihn lediglich „rat face“. Außerdem schubst er ihn als fieser Bad Cop noch gegen die Wand. Pfui!

Der Detective schleicht mit gezückter Pistole zu Schmierlappens Hotelzimmertür, schließt diese mit dem Zweitschlüssel auf – und tritt danach die Tür wie all diese harten Cops in den harten Polizeifilmen auf. Sinnlose Aktion, weil er die Tür ja eben aufgeschlossen hat, aber so ein Tritt dagegen lässt ihn halt mehr wie Dirty Harry wirken. Das Zimmer ist allerdings – was wundern wir uns? – leer. Tja, Detective, das nächste Mal vielleicht ohne Polizeisirene? Damit ist er auch schon mit dem Latein am Ende und kratzt sich mit seiner Waffe ratlos am Kopf. Ratlosigkeit wird schließlich durch Kopfkratzen ausgedrückt. Immerhin macht er das aber nicht so selbstmörderisch veranlagt mit dem Lauf wie Lieutenant John Harper in „Plan 9 from Outer Space“. Die Strafe folgt trotzdem: Aus dem Nichts springt der Entführer mitsamt Melanie ins Bild, und Schmierlappen haut ihn mit Melanies Knarre k.o. Große Leistung, Detective! Sie verstehen schon was von Polizeiarbeit, ja?

Kommen wir zum immer noch schmählich unterbeschäftigten Sherman. Wie jeder Hinz und Kunz in der waffenvernarrten USA hat auch er einen Revolver, mit dem er wild entschlossen das Haus verlassen will. Dabei wird er jedoch von Annie aufgehalten. Offenbar hat der Fernsehbericht seine Kampfeslust geweckt und er will sich – zumindest offiziell – für seine Narbe am Killer rächen. Ach ja, und auch daran, dass er Melanie entführt und als Geisel genommen hat. Genau, zuallererst wegen der Narbe und erst an zweiter Stelle wegen Melanie… Sherman verwirrt mich extrem, indem er sagt: „Annie, I told you, I’m the only one who’s seen his face.“ Hä? Ich dachte, Melanie wäre die Einzige gewesen, die den Killer gesehen hat. Zwar stellt er kurz darauf klar, dass er der Polizei nichts von dem gesichteten Killer erzählt hätte, aber das ändert dennoch nichts an der Falschheit seiner Aussage, denn wenn er ihn gesehen hat, ist ja immer noch Melanie da, die ihn ebenfalls gesehen hat. Sprich: Er ist garantiert nicht „the only one“. Und warum er der Polizei seine Sichtung des Killers vorenthalten hat, ergibt auch keinen Sinn. Grundsätzlich ergibt das schon Sinn, wenn er der Killer ist – und das ist er –, aber warum hat Annie ihn dann nicht längst aufgefordert, der Polizei davon zu erzählen und ein Phantombild zu skizzieren? Ist sie Mitwisserin? Wohl eher nicht, denn sie schlägt eben dies vor: zur Polizei zu gehen. Das fällt ihr früh ein. Shermans Argument leuchtet noch weniger ein: Er müsse allein deshalb schon auf eigene Faust den Killer finden, weil die Polizei im Dunkeln tappe. Ja, Sherman, warum? Warum tappt die wohl im Dunkeln? Weil du nicht hingegangen bist und den Täter beschrieben hast. Nochmal: Das ist vielleicht aus seiner Sicht logisch, weil er der Killer ist, aber doch nicht aus Annies Sicht.

Annie bleibt hartnäckig: „What about me? What about our daughter?“ Da muss Sherman einhaken: Clarissa sei nicht ihre Tochter, aber Annie beweist, dass sie vielleicht doch keine so gute Freundin für Melanie ist, als die sie sich seinerzeit gegenüber der Presse ausgegeben hat. Melanie sei es nicht wert und eine Schlampe, die die Männer regelrecht in ihr Haus treibe. Ich will ja nicht immer Superlative bemühen, aber ich frage mich, ob die unkreditierte Annie-Darstellerin die miserabelste Schauspielerin des gesamten Films ist oder doch unsere beiden Hauptdarsteller Buckman und Hooten. Die übertriebene Mimik muss man eigentlich gesehen haben. Sherman mag sich Annies Gejammere über die ach so böse Melanie nicht mehr anhören: „That’s enough! You’re out of your mind!“ Das ist besonders lustig, weil er selbst ein psychopathischer Killer ist. Clarissa hat den Streit mit angehört und quengelt erstaunlich energisch dafür, dass die Darstellerin während der Dreharbeiten sediert wurde: „I want my mommy! I want my mommy!“ Annie nimmt Clarissa in den Arm und gibt sich alle Mühe, sich als ihre Mutter auszugeben („Mommy’s here!“), aber – haha – darauf fällt Clarissa nicht rein: „You’re not my mommy.“ Für Sherman kommt Clarissas Auftritt wie gerufen: Er kann endlich abziehen.

Für Melanie ist der große Tag gekommen: Erstmals seit ihrer Gefangenschaft darf sie vor die Tür, wenn auch nur mit Mütze und Sonnenbrille. Schmierlappen begleitet sie dabei und ruft von einer Telefonzelle aus die Polizei an, um sich als Kidnapper erkennen zu geben. Ich verstehe nicht ganz, warum. Todessehnsucht? Der Detective, der den K.o.-Schlag gut verkraftet zu haben scheint, und Dr. Willow gehen ans Telefon (wieso Dr. Willow?!). Schmierlappen stellt nicht gehörte Bedingungen, auf die die Polizei nicht eingehen will. Mehr noch – der Detective versucht die Scharte, von Schmierlappen in dessen Hotelzimmer überlistet worden zu sein, wieder auszuwetzen, indem er wenigstens verbal den Tough Guy raushängen lässt: „Hey, listen here, motherfucker! If you don’t let her go right now I’m gonna make you wish you were never born, man!“ Weil der Entführer ein Idiot ist, dreht er während des Telefonats Melanie den Rücken zu. Als sie sich auf dem Titelblatt einer Zeitung entdeckt, setzt das bei ihr Fluchtinstinkte in Gang und sie läuft davon. Wieso, wird nicht so ganz klar, denn ich dachte, Schmierlappen hatte sie bereits zu seinen Gunsten „umgedreht“. Einige Augenblicke später bemerkt aber auch Schmierlappen sein Missgeschick und rennt hinterher. Frustration auch im Polizeirevier: Das Telefonat war zu kurz für eine Ortung. Das ist insofern schwachsinnig, als Schmierlappen das Telefon in seiner Eile, weil Melanie weggelaufen ist, nicht wieder zurück auf die Gabel gelegt hat, sodass der Hörer gemütlich unaufgelegt am Kabel baumelt.

Melanie läuft also durch die verregneten Straßen. Eine der weiteren Schwachsinnigkeiten will es so, dass sie dabei ihre Mütze auf dem Kopf mit der Hand festhält, damit sie nicht herunterfällt. Wenn die Erinnerung gerade Schritt für Schritt zurückkehrt – warum sollte sie dann ein Interesse daran haben, die Mütze überhaupt auf dem Kopf zu behalten, wenn sie doch gefunden werden will? Ach ja, weil das Filmteam die Mütze als Requisit lediglich geliehen hat und keine Entschädigung zahlen will, die das Budget sprengen könnte. Weil der Zufall in manchen Filmen so zufällig ist, dass er eigentlich gar kein Zufall mehr ist, fährt just in dem Moment auch rein zufällig Sherman in seinem Wagen durch die Gegend. Besonders amüsant: Fragasso hat offenbar Sherman-Darsteller Richard Foster die Anweisung gegeben, möglichst intensiv suchend zu gucken – was er dann umsetzt, indem er während seiner Fahrt durch die Stadt fast in Schrittgeschwindigkeit die ganze Zeit den Kopf aus dem heruntergekurbelten Fenster steckt, als würde er bereits ahnen, dass ihm nach mehrtägiger Entführung Melanie in genau diesem einen Moment als wandelnde Nadel im Heuhaufen vors Auto laufen würde. Wir ignorieren mal, dass die Suche auf offener Straße rein logisch gesehen total idiotisch wäre, weil der Killer wohl kaum sein Opfer frei herumlaufen lassen würde. Da an „Night Killer“ aber nun mal nichts nicht total idiotisch wäre, hat Schmierlappen genau das ja bekanntlich getan und Sherman daher die reichlich abwesend wirkende Melanie im nächsten Moment eingekeschert („It’s me, Sherman. Melanie! Melanie! I’ll take you home.“). Der hinterhereilende Kidnapper kommt ein paar Schritte zu spät, und wenn Sherman nicht völlig verblödet wäre, hätte er ihn noch sehen und im Rückwärtsgang mit Karacho über den Haufen kacheln können. So kann Schmierlappen nur noch seinen verzweifelten Berserkerschrei durch die Straßen gellen lassen: „Nooo! Nooo!“

Sherman bringt also Melanie nach Hause und schildert ihr seinen weiteren Plan: Sie solle bitte hier sitzen bleiben und sich einschließen, er würde gleich die Polizei rufen und Clarissa vorbeibringen. Melanie ist und bleibt teilnahmslos, als stünde die Erinnerung an das Martyrium, das ihr den Gedächtnisverlust bescherte, unmittelbar bevor. Wir wissen natürlich längst das, dessen sie sich gleich gewahr werden wird, nachdem Sherman das Haus verlassen hat: Sie geht zum Fenster und sieht, wie Sherman mit dem Auto zur Telefonzelle fährt, um irgendjemanden anzurufen. Genau in diesem Augenblick zwitschert das Telefon. Melanie hebt ab und hört die ihr bekannte, aber zwischenzeitlich verdrängte Röchelstimme: „Do you recognize me, Mrs. Beck? I’m back.“ Sofort legt sie wieder auf und schreit. Dramatischer wird ihr Gefühlsausbruch noch dadurch, dass sie sich entsetzt ihre Hände an die Wangen hält.

Beim erneuten Blick stellt sie fest, dass die Telefonzelle jetzt leer ist – und dann zwitschert es erneut. Im vielleicht einzigen gelungenen Moment des Films erkennt sie, als sie abnimmt, dass auf ihrem Telefon zwei Lampen rot leuchten – sprich: die Gewissheit, dass der Anrufer bereits im Haus ist und von der anderen Leitung aus anruft. Wie auch immer das wieder geklappt hat, denn sie hatte ja abgeschlossen. Abgeschwächt wird dieser kurze intensive Moment dadurch, dass sie gleich darauf für die Doofen ausbuchstabiert: „He’s here!“ (Und streng genommen wurde er sogar zuvor schon abgeschwächt: Melanie hatte Sherman ja eben von der Telefonzelle aus beobachtet. Als daraufhin ihr Telefon klingelte, leuchteten bereits da beide Lampen rot – ich wittere einen Kontinuitätsfehler im nachträglichen Schnitt.) Als sie sich umdreht, steht er vor ihr: Toxic Freddy mit seiner Gummikralle! „She’s right when she says you’re a bitch in heat, Mrs. Beck“, sagt der Killer kryptisch, aber als er daraufhin ungefragt die Maske abnimmt, ist der Fall klar: Er bezieht sich auf Annie, die vorhin ja sehr schlecht gegenüber ihrem Mann über Melanie geredet hatte. Denn – Überraschung, Überraschung – der Killer entpuppt sich als – Sherman! (Gähn.)

Diese Konfrontation bringt die verschütt gegangenen Erinnerungen zurück in Melanies Kopf. Das Bild verschwimmt und wir springen an den Punkt der Handlung zurück, an dem vorhin die Ellipse ansetzte und an dem Sherman seinem Opfer stolz seine Visage präsentierte. Warum er Melanie gegenüber mit so tiefer Stimme spricht und, obwohl per Du, sie stets mit „Mrs. Beck“ anredet, verstehe ich nicht ganz, aber vermutlich hätten wir die Identität sonst noch früher herausbekommen als nach einer Minute oder so.

Generell wechseln wir jetzt eine Weile lang von der Gegenwart zurück in die Vergangenheit und wieder zurück. Absolut großartig übrigens, wie sich hier jeder Darsteller, angestachelt durch den jeweils anderen, dem er gegenübersteht, zum absoluten Vollhorst macht. Richard Foster hat so viel mimischen Überschuss, dass er ihn nicht nur mit weit aufgerissenen Augen, sondern auch mit gefletschten Zähnen wettmachen muss. In der Gegenwart beschimpft Sherman Melanie: „My wife is right. She’s right when she says you attract men like a bitch in heat. Thanks to you I’m going to be scarred for the rest of my life.“

Dann wieder die Rückblende, in der Sherman Melanie ans Bett gefesselt hat. Wir entdecken eine gewisse Analogie zu den Fesselspielen, die sie später durch Schmierlappen erdulden musste, zumal Sherman mit ganz ähnlichen Worten aufwartet wie dieser: „You can’t take it anymore, Mrs. Beck. You can’t take it. You want to die. You wanna die, Mrs. Beck. So why don’t you … Why don’t you beg me? I’ll show you how: ‚Sherman, please, Sherman. Please kill me, Sherman. I want to die.’“ Überdies ist Sherman im Besitz eines Schnappmessers und somit eines Gegenstands, den der Kidnapper auch verwendet hat. Auch das erinnert uns zwangsläufig an die vorhin getätigten Aussagen des Psychologen Dr. Willow, der hypothetisierte, Melanie würde durch den sich wiederholenden Schock wieder zur Besinnung kommen. Es ist, als hätte Schmierlappen seinen Teil dazu beigetragen, dass sie Schritt für Schritt ihr Erinnerungsvermögen zurückerlangt. Oder eben auch nicht, weil sie ja erst jetzt anfängt, sich zu erinnern. Wie dem auch sei: In der Rückblende bindet Sherman Melanie los, damit sie sich selbst das Schnappmesser in den Bauch sticht. Völlig überraschend will sie das aber nicht und piekst ihm mit dem Messer lieber einen Ratscher in sein Gesicht, worauf er wie ein Jammerlappen, dem seine Mutter gesagt hat, er würde ganz sicher keine weiteren Fußballer-Sticker für sein Panini-Album bekommen, davontaumelt und die Treppe herunterrollt. Immerhin gesteht der Killer in der Gegenwart ein: „That was stupid of me.“ Immer schön, wenn ein Film so ehrlich ist, idiotische Verhaltensweisen offen auszusprechen. Keine Ahnung aber, warum er das jetzt ausspricht, denn eigentlich dachte ich, dass sich Melanie zurückerinnert und nicht Sherman.

Sherman erzählt, er hätte sich gern das Messer zurückgeholt, aber dann seien überall Menschen gewesen. „Axel… Axel…“, sagt Melanie. „Hä? Was?“, frage ich. Axel? Welcher Axel? Sherman versteht mehr als ich: „Right, you and Axel. You two tried to set me up but you didn’t succeed.“ Melanie und Axel wollten ihn linken? Ha. Ich meine: Hä? Verdammt nochmal, wer ist Axel? Wovon reden die da? Endgültig übergeschnappt, oder was? Sherman richtet unerwarteterweise nicht die Gummiklaue, sondern seine Waffe auf Melanie und verabschiedet sich bereits: „Good bye, Melanie Beck.“ Allerdings hängt sie an ihrem Leben und irritiert ihn, als sie umgehend in den Femme-Fatale-Modus umschaltet und sich ihm an den Hals wirft. „Sherman, why did it take you so long? I’ve been waiting for you to come back to me“, haucht sie und küsst ihn. Man kann sich ehrlich auf die Vollverblödetheit des Killers verlassen, denn Melanie greift bei ihrem Verführungsharakiri nach dem Schnappmesser, das sie wohl für den Fall der Fälle in ihrer hinteren Hosentasche spazieren getragen hatte – und sticht ihm damit in seine Männlichkeit. Schon klar, das tut weh, aber ein Stich in tödlichere Körperregionen wäre ratsamer gewesen. So sehr Sherman nämlich auch wimmern und sich Foster in seinem Overacting auch die Gesichtsmuskeln verrenken mag, er richtet auch in seinem Schmerz seine Waffe auf die „bitch in heat“. Doch wer kommt da mit gekonnter Rolle genau im richtigen Moment durch die geschlossene Fensterscheibe gesprungen? Ihr Retter Schmierlappen (beziehungsweise eher sein mehr als offensichtlicher Stuntman), der mit seiner Knarre in Zeitlupe ein paar Löcher in den Wanst des Killers ballert! Die Einschusslöcher sind von der Sorte Löcher, die nicht den Körper des Psychopathen ankratzen, sondern nur den blauen Wollpullover, den er trägt – viel zu große Löcher übrigens für Pistolenschüsse. Schmierlappen schaut sehr zufrieden auf sein Werk, Melanie überreicht ihm das Messer – und dann umarmen sie sich innig. Jippieyeah, Happy End. Oder so.

So, Leute, ihr habt das jetzt alles ähnlich wenig verstanden wie ich, oder? Nicht mal unbedingt, dass Schmierlappen Melanie das Leben rettet. Das hat er ja vorhin schon getan, als sie sich umbringen wollte. Auch nicht, dass Melanie sich nun dem Mann wieder an den Hals wirft, vor dem sie eben erst weggelaufen ist. Ich meine die Axel-Sache. Macht euch bereit für die abgefahrene Auflösung, die selbst in der großen weiten Welt des Giallo-Genres eine Sonderstellung einnimmt. Und wie bei allen Ungereimtheiten – oder zumindest einigen davon – mischen zur Erklärung, was passiert ist, wieder die Reporter einerseits sowie Detective und Dr. Willow andererseits mit. Die aufgeregte Pressemeute stürzt sich auf die beiden mit der bereits bekannten Sensationsgier, diesmal sogar noch aufgeregter, weil der psychopathische Serienkiller ja nun in den ewigen Jagdgründen vor sich hinvegetiert.

Willow kommt der Bitte des Detectives, die Hintergründe zu erläutern, einmal mehr als Laberhannes vom Dienst gern nach. Tatsächlich hat er Dinge zu berichten, die uns gleich alle Böden unter den Füßen wegziehen, auf denen wir je gestanden haben: Mr. und Mrs. Beck seien Versuchskaninchen gewesen – „one was voluntary, the other was involuntary.“ Und während er so weitererzählt („Mrs. Beck had sublimated her trauma to the point where she couldn’t deal with it; she had to relive the experience in order to overcome it“) und ich zu kapieren versuche, was das bedeutet – Mr. und Mrs. Beck Versuchskaninchen –, wird mir alles klar: Schmierlappen ist – Mr. Beck! Mr. Beck ist – Melanies Ex-Mann! Melanies Ex-Mann ist – Axel! Ja genau, ihr lest richtig: Das abgründige Psychospiel, das Schmierlappen Axel da mit seiner Ex-Frau gespielt hat, war tatsächlich ein mit Polizei und Psychologe abgesprochenes Experiment mit dem Ziel, Melanies Erinnerungen zurückzuholen – und so den wahren Killer anzulocken. Axel hat seiner eigenen Ex-Frau eine Waffe in den Mund gesteckt, ihr ein Messer an den Hals gehalten, verbalen Psychoterror auf sie ausgeübt und sie allem Anschein nach zum Sex mit ihm getrieben – damit sie sich verdammt nochmal wiedererinnert! Axel, der Held. Axel, der Gott. Meine Fresse…

Von der Logik mal ganz zu schweigen: Woher wussten denn alle überhaupt, was Melanie genau erlitten hatte? Was genau Sherman ihr verbal an den Kopf pfefferte, während er sie ans Bett gefesselt hatte? Ich dachte, man hatte sie mit Gedächtnisverlust aufgefunden. Wie konnte Axel also genau wissen, wie er Melanie bei seiner von der Polizei genehmigten Entführung anpacken musste, damit sie wieder zu Verstand kommt?

Und ich verstehe vieles anderes im Nachgang nicht. Zum Beispiel: Warum sah der zweimal rätselhaft nur von hinten gefilmte Typ beide Male von der Statur so aus wie Schmierlappen Axel, obwohl er es nur einmal gewesen ist (am Anfang in der Kneipe beim Telefonat mit seiner Ex Melanie, später beim Rotkäppchen-Opfer muss es Sherman gewesen sein)? Vor allem aber verstehe ich nicht, wie denn bei Melanies erstem Aufeinandertreffen mit Sherman, bei dem sie die Amnesie erlitten hatte, die Dinge überhaupt abgelaufen sind: Sherman hatte sich gegenüber der Presse als Held ausgegeben, der Melanie gerettet hat. Bedeutet das, dass er es war, der die Polizei angerufen hatte? Wenn ja, wäre das nicht dämlich gewesen? Ich meine, Melanie hat doch sein Gesicht gesehen. Und selbst wenn er gemerkt haben sollte, dass Melanie sich an nichts mehr erinnern kann: Das wäre doch viel zu riskant gewesen, dann trotzdem die Polizei zu rufen, weil ihr Gedächtnis ja jederzeit hätte zurückkommen können, oder etwa nicht? Oder hatte Melanie die Polizei angerufen? Wie denn aber, wenn sie sich doch an nichts erinnern konnte? Was verdammt nochmal ist passiert, nachdem Sherman von Melanie mit dem Schnappmesser attackiert wurde und die Treppe heruntergepoltert war?!?!

All diese Fragen könnten die Reporter stellen. Tun sie aber nicht. Sie stellen nicht mal dieses menschenverachtende Experiment infrage, das an der armen Melanie ausprobiert wurde. Immerhin eine hauchzarte Nachfrage einer Journalistin ist dabei: „Well, wasn’t that a rather dangerous approach?“ Aber Willow steht voll dahinter: „I must say that there were some differences of opinion between us and Detective Clark. However, you see it was just a theory of mine. The important thing is that it worked.“ Und genau das ist doch die Hauptsache: Der Erfolg gibt ihnen recht. Der Killer ist tot. Was zählt da schon eine traumatisierte, psychisch lädierte Frau, die man nach der ersten ungewollten Misshandlung durch den Killer gleich noch ein zweites Mal von ihrem eigenen Ex-Mann eine gewollte Misshandlung angedeihen ließ?

Doch da ist noch mehr. Fast hat man den Eindruck, Fragasso hätte Spaß daran, das Publikum einfach mal so richtig auszulachen und zu verarschen. Wie vorhin schon im Interview mit Sherman herauskam, war Axel einst ein aus dem Polizeidienst entlassener Cop. Seine Heldentat allerdings, erst Melanie ins Leben zurückgequält zu haben und dann noch den Killer erschossen zu haben, war groß genug, dass er eine zweite Chance verdient. „I can guarantee that after this he’ll not only get his job back“, freut sich der Detective. Und damit immer noch nicht genug: „He’ll probably get a promotion out of this.“ Heißa, der Film meint das alles wirklich ernst.

Mit dieser überaus zweifelhaften Wendung, die zwar einige Fragen klärt, aber gleichzeitig ein wahrhaft erschütterndes Bild vom Polizei- und Psychologenwesen in den USA zeichnet, hätte unsere Geschichte enden können, aber seien wir ehrlich: Zu diesem gleichermaßen bizarren wie bizarr schlechten Stück Film braucht es doch eigentlich auch noch einen finalen, nicht minder bizarren Schlusskracher, oder? Bitte schön, „Night Killer“ liefert – und wie!

Im Hause Beck ist nach den aufregenden letzten Tagen endlich Ruhe eingekehrt. Melanie hat ihre doppelten Misshandlungen gut verarbeitet und ist jetzt wieder liebevoll mit ihrer Tochter Clarissa vereint – und mit ihrem Ex-Mann Axel! Die perfiden Fesselspielchen und die verbale Folter, die Axel auf Melanie ausgeübt hat, haben sie wieder als richtige Familie zusammengeschweißt. Clarissa gewährt in dieser Harmonie den Eltern intime Momente zu zweit, indem sie sich in ihr eigenes Zimmer zurückzieht. Vorher nimmt sie aber noch ein großes, unter dem Tannenbaum stehendes Weihnachtsgeschenk mit. Ups, ist das nicht das Geschenk, das am Anfang des Films der sich kurz darauf als psychopathischer Serienkiller entpuppt habende Sherman mitgebracht hatte?

Eine voll atmosphärische Spieluhrmelodie setzt ein, ebenso wie Extremzeitlupe immer dann, wenn die Kamera auf Clarissa gerichtet ist. Parallel unterhalten sich Melanie und Axel. Axel fragt, ob sie ihm jemals verzeihen könne. Aber sicher: Sie habe ihn so vermisst – und: „Don’t ever leave me again, Axel!“ Mir scheint, Axels Beschwörungen während der Bettfesselspiele vor Kurzem, sie solle ihn als „master“ ansehen, sind trotz des Wiedergewinns ihres Gedächtnisses immer noch erfolgreich in ihrem Kopf verankert, sodass sie sich ihm ganz unterwirft. Als sich Clarissa auf ihr Bett wirft, mischt sich leise Spannungsmusik in die Spieluhrmelodie, und Melanie fragt ihren Super-Axel im Hinblick auf ihre Tochter: „What effect is all this gonna have on her?“ „Well, maybe she’ll forget in time“, erwidert Axel. „Time heals maybe“, stimmt Melanie ihm zu und küsst ihn.

Alles könnte also wunderschön sein, wäre da nicht dieser langsame Zoom auf einen Spiegel im Kinderzimmer, vor dem plötzlich Clarissa ins Bild springen würde – auf ihrer Rübe das scheußliche Weihnachtsgeschenk des Killers: die Toxic-Freddy-Maske! „Do you recognize me, Mrs. Beck? I’m back! Just for you… just for you…“, spricht die süße Maus direkt in die Kamera, und das mit auffällig tiefer Stimme, gefolgt von Clarissas herzhaftem Kinderlachen.

(„Halloween IV“ war ja schon viele Jahre (zwei) her. Da merkt sicherlich keiner, wo der Schlusstwist herkommt, oder?)

ABSPANN.

Wohoooo! Manchmal werde ich echt noch kalt erwischt. Eigentlich hatte ich mich in der jüngeren Vergangenheit öfter bedauert. Die Welt des schlechten Films mag grenzenlos weit sein, die Welt des schlechten italienischen Horrorfilms hingegen ist doch deutlich begrenzt. Wie in der Einleitung bereits erwähnt ging die italienische Filmindustrie in den 80ern den Bach herunter, und auch wenn sie sich inzwischen wieder berappelt hat, bleibt es dabei, dass italienische Horrorfilme nur sehr rar gesät sind. Eben deshalb habe ich mich bedauert: Ich bin ein Fan des italienischen Horrorfilms, und auch wenn sich dort Vollversager wie Joe d’Amato tummelten, die ihre oftmals stinkend langweiligen Stinker auf die Menschheit zuließen, würde ich jederzeit einen billigen italienischen Horrorfilm einem billigen US-amerikanischen oder deutschen Horrorfilm vorziehen. Nur das ist ja das Problem – ich kenne mittlerweile gefühlt schon fast alle.

Umso erstaunter war ich dann, als ich auf „Non aprite quella porta 3“ stieß. Der Titel sagte mir absolut gar nichts. Dabei stand sogar Claudio Fragasso hinter der Kamera. Meine Unkenntnis liegt mit großer Wahrscheinlichkeit daran, dass der Film nie in Deutschland erschienen ist und zudem diesen unsympathischen italienischen Titel mit sich herumträgt. Nicht dass ich mir die Übersetzung nicht theoretisch hätte herleiten können, aber als eher US-amerikanisch als italienisch geprägter Filmfan ging er einfach an mir vorbei. Das wäre sicherlich anders gewesen, wenn er als „Night Killer“ in Onlinefilmdaten und International Movie Data Base gestanden hätte. Aber eigentlich gibt es keine Ausreden: Christian Keßler hat den Film in seinem Giallo-Buch „Gelb wie die Nacht“ vorgestellt, und spätestens da hätte er mir doch auffallen müssen.

Zum Glück aber ist es nicht zu spät – und Unkenntnis hat ja auch mitunter was Schönes: So kann man – wie beschrieben – kalt erwischt und… ähem… positiv überrascht werden. Das hat bei „Night Killer“ (ich bleibe beim englischen Titel – geht leichter von den Fingern) hervorragend funktioniert: Dieser Spät-Giallo ist ein wunderbar schräges und in schöner Tradition der alten 70er- und 80er-Jahre-Streifen aus dem Land, in dem einmal wirklich alles ging, geschmackloses Filmchen, das in nahezu allen Bereichen hoffnungslos versagt – und das zum Glück nicht auf langweilige, sondern im Gegenteil wahnsinnig unterhaltsame Weise. Fragassos „Troll 2“ mag aufgrund seiner Prämisse und den völlig daneben gegangenen Fantasy-Horror-Elementen noch den kleinen Tick wahnsinniger sein, aber „Night Killer“ kommt erfreulich nah heran.

Vielleicht soll jetzt die Zeit gekommen sein, dass ich eines klarstelle: Ich tue die ganze Zeit so, als wäre der ganze Mist hier allein auf den Mist von Claudio Fragasso und seiner Lebensgefährtin Rossella Drudi gewachsen. Das stimmt so aber nicht ganz. Ich habe oben bereits den legendär-berüchtigten Namen Bruno Mattei erwähnt, der für den Schnitt des Films zuständig ist. Darüber hinaus hat er allerdings ebenfalls auf dem Regiestuhl Platz genommen. Wer etwas mit der Historie von Fragasso vertraut ist, ist sicherlich nicht verwundert: Mattei hatte bereits in der Vergangenheit Fragasso beim Regieführen unterstützt, so etwa bei der matschigen Oberwurst „Die Hölle der lebenden Toten“ (1980), bei „Riffs III – Die Ratten von Manhattan“ (1984) oder beim nicht minder hochnotpeinlichen „Zombie 3“ (1988) – dort sogar noch im Triumvirat mit Lucio Fulci. Insgesamt achtmal hatten Fragasso und Mattei zusammengearbeitet, und „Night Killer“ sollte die letzte Zusammenarbeit sein.

Fest steht: Matteis Mitarbeit war so gar nicht vorgesehen. Als die Produzenten Fragassos Version von „Night Killer“ gesehen hatten, waren sie wenig begeistert. Sie hatten sich eigentlich ein blutiges Schmierwerk versprochen, das die Effekte in den Mittelpunkt stellt und nicht die psychologischen Aspekte der Entführer-Entführungsopfer-Story, wie Fragasso es getan hatte. Deshalb beauftragten sie ohne Wissen des eigentlichen Regisseurs Mattei damit, um die bereits gedrehten Szenen herum den Film mit noch etwas mehr Gewalt aufzupeppen. Der tat sein Bestes (was bei Mattei eigentlich immer das Schlechteste war), drehte eine komplett neue Szene (die gesamte Pre-Titel-Sequenz mit dem Doppelmord an Tänzerin und Tanzlehrerin – was dann auch erklärt, warum die Reporterin am nächsten Tag nur von einem vierten Opfer spricht) und fügte den gleich viermal präsentierten lächerlichen Effekt ein, in dem der Killer seine Gummikralle durch die Oberkörper seiner Opfer rammt (und wenigstens einen Kehlenschnitt). Fragasso war folglich erbost und fühlte sich hintergangen. Vielleicht trug auch dies dazu bei, dass er und Mattei nie wieder zusammenarbeiteten.

Um dies einmal so deutlich zu sagen: Ja, der gesamte Plot rund um den psychopathischen Serienkiller will sich überall nicht mit der Melanie-Vergewaltigungs-und-Entführungsschose vertragen. Er läuft nebenher, nur weil die Produzenten (zu Recht) ihrem eigentlichen Regisseur nicht vertrauten und meinten, „Night Killer“ mehr in Richtung Slasher/Giallo drehen zu müssen. Da jedoch sowohl das neu gedrehte Material von Mattei als auch das ursprüngliche Material von Fragasso sich qualitativ nicht unterscheiden, konnte das den Film auch nicht mehr kaputter machen, als er eh schon war. Inhaltlich funktioniert nämlich nichts – schlichtweg gar nichts.

Ich möchte nicht verhehlen, dass in dem Film eine interessante Idee steckt, und zwar in dem Teil, den Fragasso und Drudi ersonnen haben: der Umgang eines überlebenden Vergewaltigungsopfers mit dem Trauma. Das ist kein Neuland – Argento ist acht Jahre später mit „The Stendhal Syndrome“ eben dieses Psychogramm gelungen, das sich Fragasso bereits mit „Night Killer“ vorgestellt hatte –, aber das heißt ja nicht, dass man darüber keinen Film drehen könnte. Nur ist besagtes Psychogramm derart überdreht und grobschlächtig gestrickt, dass ihm jede Ernsthaftigkeit verloren geht. Allein die Idee dahinter ist schon lächerlich: Eine Frau muss nur dasselbe Trauma noch einmal erleiden, damit sie wieder normal wird. Das ist vereinfacht gesagt das, was der Film propagiert und was vermutlich jeder echte Psychologe den Machern um die Ohren hauen würde. Das allein könnte man im Rahmen eines fiktiven Films, der keinen Anspruch erhebt, die volle Wahrheit auszusprechen, vielleicht gerade noch so akzeptieren. Ich meine, selbst Alfred Hitchcock hat in „Ich kämpfe um dich“ die Thematik eines Mannes mit Gedächtnisschwund mitsamt Traumdeutung aufs Einfachste heruntergebrochen. Der Oberhammer ist aber natürlich die Pointe dahinter: Am Ende stellt sich heraus, dass die Polizei im Verbund mit einem Psychologen den Ex-Mann auf seine eigene Ex-Frau ansetzt, um sie noch einmal alle Qualen, die sie durch den wahren Killer erlitten hat, durchleben zu lassen. Ganz vulgär gesprochen: Er soll ihr verdammt nochmal den Gedächtnisverlust wegficken! Am Ende heiligt der Zweck alle Mittel: Melanie hat nicht nur ihr Gedächtnis wieder, sondern auch ihr glückliches Leben mit Ehemann und Kind. Das wird noch abstruser, weil die Ehe ja offenbar zuvor kaputt war, aber durch den Heldenmut des Ex-Mannes, der sie nur mal hart rannehmen und ihr eine Knarre in den Mund schieben musste, ist alles wieder happy. Mit Verlaub – ich kotze.

Das größte Problem ist aber: Ein Psychogramm sollte Verständnis für seine Protagonisten entwickeln. Ich als Zuschauer sollte nachvollziehen können, warum eine traumatisierte Frau sich so verhält, wie sie sich verhält – und warum ein Mann, der vermeintlich ihr Entführer ist, sich so verhält, wie er sich verhält. Stattdessen entwickelt man beinahe ein Anti-Verständnis für sie, weil ihre Gefühlswelten einfach nicht zu fassen sind: Melanie ist bereits vor ihrem Gedächtnisverlust eine höchst merkwürdige Frau, die sich nach einer Belästigung durch ihren Ex-Mann erst einmal selbst befummelt. Sobald sie den Verstand verloren hat, weiß man gar nicht mehr, was sie will: Erst fährt sie als blonder Racheengel durch die Gegend und bedroht zudringliche Stalker, die ihr blöd kommen. Zehn Minuten später fährt sie an den Strand, um sich umzubringen. Nach ihrer „Rettung“ durch den Stalker ist sie erst verständlicherweise panisch, schwankt zwischen Mord und Selbstmord, erleidet dann eine Form von Stockholm-Syndrom, wird apathisch – und läuft dann ihrem Entführer nach wenigen Minuten der Freiheit davon. Schmierlappen Axel wiederum lässt sich ebenso wenig durchschauen. Auch wenn sich gewisse Verhaltensweisen im Rückblick erklären lassen, wenn man endlich dahinter kommt, dass er lediglich eine Rolle für die Polizei spielt, bleibt vieles unlogisch: Erst spielt er den plumpen Aufreißer. Dann schwenkt er um auf verzweifelt, als er sich auf die Suche nach Melanie begibt und sie am Strand findet. Das ist einerseits rückblickend logisch, weil er sich ja in Sorge um seine Ex-Frau befindet, andererseits aber auch wieder nicht, weil er nach ihrer eiskalten Nummer auf der Toilette ja nicht damit rechnen kann, dass sie Selbstmord in Erwägung zieht. Dass er am Ende dann auch noch den Tag rettet, ist besonders ungerecht, nachdem er Melanie eigentlich psychisch so mürbe gemacht hat, dass sie ihm verfällt. Nur der völlig verdrehten Psychologie dieses Films ist es zu verdanken, dass am Ende alles genauso kommt, wie es kommen soll: mit totem Serienkiller und glücklicher Familienwiedervereinigung. Alle richtig gehandelt, alle gut drauf. Toll.

Und eben weil das Drehbuch arge Schwierigkeiten damit hat, so manche Drehungen und Wendungen begreiflich zu machen, greift es immer wieder auf Live-Reportagen-Zwischenspiele und Dialoge zwischen Polizei und Psychologen zurück. Das ist streng genommen eine eingestandene Kapitulation der Filmemacher: Wir wissen nicht, wie wir Melanies Amnesie begreiflich machen können – und deshalb müssen wir alles in Zwischenschritten erklären. Manchmal fühlt man sich sogar für dumm verkauft, wenn gewisse Aspekte gleich zweimal angesprochen werden müssen, weil es ja sein kann, dass der Dümmste im Publikum vorhin nicht mitbekommen hat, dass Melanie an Gedächtnisverlust leidet.

Tja, und dann der Serienkiller-Subplot… Wo anfangen? Vielleicht mit dem Killer-Outfit selbst. Dazu kann ich nur sagen: Wow – „wow“ dabei nicht im Sinne von „wow, Respekt, was für ein geiles Design“, sondern im Sinne von „wow, Respekt, dass ihr euch das traut“. Durch den Originaltitel, der diesen Film wie gesagt fälschlich in die „Texas Chainsaw Massacre“-Reihe einordnet, könnte man annehmen, die Maske solle in Richtung Leatherface gehen, aber diese Assoziation kann man wirklich nur bei Betrachtung eben dieses Filmtitels haben. In Wirklichkeit stand eindeutig Freddy Krueger aus der „Nightmare on Elm Street“-Reihe Pate. Die Physiognomie mit den Brandnarben erinnert an ihn, das Gesicht mit dem fehlenden Auge in der einen Augenhöhle selbst aber eher an den Toxic Avenger. Wie so viele Serienkillermasken dient diese Maske auch lediglich zur Verhüllung des wahren Killergesichts, nur dass es eben keine impressive William-Shatner-, Eishockey- oder Edvard-Munch-Schrei-Maske ist, sondern eine, die man permanent auslachen will – vor allem natürlich im Zusammenspiel mit dem lächerlichen (wiederum Freddy nachempfundenen) Klauenhandschuh, der bei jeder Bewegung gummihaft herumwobbelt und sich den Zuschauer eher fragen lässt, ob der nicht total unpraktisch ist. Naja, im Alltag sehr wahrscheinlich schon, als Mordwerkzeug nicht, denn sonst könnte der Killer damit ja keine Torsos durchstoßen.

Vom schlechten, wie gesagt aber trotzdem viermal angewendeten Effekt mit der offenen Bauchdecke mal abgesehen funktionieren aber auch die Mordszenen an sich überhaupt nicht. Zwar wartet „Night Killer“ mit dem einen oder anderen Buh-Effekt auf und walzt etwa die Eingangsszene auf fast acht Minuten aus, aber Spannung kommt nie auf. Abgesehen von „Rotkäppchen“, die sich bereitwillig an den Fremden mit der ulkigen Maske heranschmeißt, benehmen sich die Opfer dabei gar nicht mal offensiv dumm. Wenn allerdings der Killer beliebig überall auftauchen kann, ohne dass klar wird, wie er in der kurzen Zeit eine solche Distanz hingelegt haben will, ermüdet die Angelegenheit auch sehr schnell, weil man ja eh weiß, dass das Opfer gleich eine Klaue im Wanst hat. Der Opferstatus ist zum einen eh absehbar, wenn Figuren eingeführt werden, die vorher noch keine Szene hatten, zum anderen hätte man sich hier dann aber doch etwas mehr Raffinesse für die Treibjagdszenen gewünscht.

Ausnehmend schwach ist auch das Mörderrätsel, denn es gibt genau zwei mögliche Täter (na gut, drei, da wir ja Ex-Mann und Entführer für zwei unterschiedliche Personen halten), die infrage kommen, und ich möchte wetten, dass Fragasso fast einen Orgasmus bekommen hat ob der in seinem Kopf ausgemalten „Was? Könnte der das etwa auch sein? Aber der hat doch Melanie gerettet!“-Reaktion des Publikums, wenn er das erste Mal Sherman sinister auf den Fernsehbildschirm starren lässt. Bis dahin lässt er nämlich alles so aussehen, als sei Entführer Axel das widerliche Schwein, das die ganze Stadt in Atem hält. Dass dem nicht so ist, kann dabei jeder, der mehr als zwei Horrorfilme gesehen hat, schnell erkennen. Erstens wäre das viel zu einfach. Und zweitens hat man sich zu dem Zeitpunkt eh schon Sherman als sicheren Serienkiller auserkoren, zu auffällig ist der Taschenspielertrick der Ellipse, unmittelbar nachdem er Melanie gegenüber seine Maske abnimmt. Die Entscheidung, den Vorgang erst im Nachhinein per Dialog erklären zu lassen und Sherman daraufhin auch noch mit einer Narbe zu versehen, die einen angeblichen Kampf mit dem Killer suggerieren soll, ist viel zu leicht zu durchschauen. Es ist schlichtweg unmöglich, den Killer nicht nach dem Fernsehinterview mit Sherman herausbekommen zu haben.

Versagt der Film in seinem Inhalt bereits an allen Ecken und Enden – die völlig absurd-bizarre Schlusseinstellung habe ich dabei nicht mal erwähnt –, ist auch alles andere schlecht – und da verdienen vor allem die Knallchargen, die sich Darsteller schimpfen, eine besondere Erwähnung. Selbst in den schlechtesten Filmen gibt es oftmals zumindest eine Person, die positiv aus der Schauspielerschar heraussticht, aber nicht bei „Night Killer“. Hier ist einfach alles so drüber, so daneben, so peinlich, dass man eine neue Kategorie erfinden müsste, um zu beschreiben, was hier vor sich geht: Das ist kein Affentheater mehr. Das ist etwas völlig Neuartiges. Jeder, der Schauspieler werden will, sollte sich diesen Film ansehen und analysieren müssen, was hier alles falsch läuft. Ich habe ja in den vergangenen Jahren Renato Polselli kennengelernt, der seinen Darstellern in ihren Szenen offenbar mit auf den Weg gab, die Augen weit aufzureißen und ständig hysterisch herumzuschreien, aber selbst in ihren hysterischsten Momenten kommen seine Filme nicht an „Night Killer“ heran. Ich wage zu behaupten, dass die Sprachbarriere zwischen Regisseur und Filmcrew einerseits und den Darstellern andererseits eine große Mitschuld trägt: Schon in „Troll 2“ war es so, dass sich die vor der Kamera mitwirkenden Personen mit Italienern konfrontiert sahen, die kein Wort Englisch sprachen. Vermutlich lief das auch bei diesem Film ganz ähnlich: Es musste geraten werden, was Fragasso von seinen Darstellern wollte, und wenn einer von ihnen schrie, um Emotionen zu zeigen, dann dachte der andere, dass er wohl auch schreien müsse. Es ist unglaublich.

Man kann trefflich darüber streiten, wer von den beiden Hauptdarstellern mehr chargiert: Tara Buckman oder Peter Hooten? Fakt ist, dass der Bildschirm zu implodieren droht, wenn beide gleichzeitig im Bild zu sehen sind. Dem Vernehmen nach soll sich Buckman sehr schwer mit ihrem Kollegen getan haben. Hooten ist nämlich homosexuell, und Buckman glaubte, er wäre dadurch nicht in der Lage, überzeugend einen heterosexuellen Mann zu spielen, der scharf auf sein Entführungsopfer ist. Ich gebe ihr teilweise recht: Er war tatsächlich nicht in der Lage, überzeugend einen Mann zu spielen, der scharf auf sein Entführungsopfer ist. Ich würde allerdings behaupten, dass das nichts mit seiner sexuellen Ausrichtung zu tun hat. Er gibt zwar alles, kennt dabei aber kein Maß und übertreibt – und wie er übertreibt. Man stelle sich die übertriebenste Gefühlsregung vor und verdopple diese dann gleich noch einmal, dann sind wir bei Hooten. Er stand 1977 für „Orca, der Killerwal“ und 1978 für den originalen „Inglorious Bastards“ vor der Kamera. Ferner spielte er für Joe d’Amato und George Eastman im Postapokalypse-Streifen „2020 – Texas Gladiators“ und für Umberto Lenzi im Kriegsfilm „Kommando Schwarzer Panther“. „Night Killer“ sollte für lange Zeit sein letzter Film bleiben, was ich gut verstehen kann, denn danach musste er bestimmt erstmal 20 Jahre in die Eistonne, um runterzukommen. 2013 war er dann mal wieder in einem Horrorfilm zu sehen: „House of Blood“.

Tara Buckman wiederum sollte sich an die eigene Nase fassen, wenn sie ihren Schauspielpartner kritisiert, denn sie ist keinen Deut besser als Hooten. Sie startete ihre Filmkarriere als Coaster Attendant in dem Suspense-Thriller „Achterbahn“ (1977) und staubte auch eine Rolle als die Mutter des Killers im Weihnachtsmannkostüm im ersten Teil von „Stille Nacht – Horror Nacht“ (1984) ab. Ihre Bereitschaft, sich auch mal nackt zu machen, führte sie dann in die Hauptrolle eines Joe-d’Amato-Erotikfilms: „Blue Angel Cafe“ (1989). Dort durfte sie eine Nachtclubsängerin (mit nur einem einzigen Song, den sie aber gleich viermal performt!) mimen, die sich an einen Politiker heranmacht, nur um am Ende festzustellen, dass das nicht gutgehen kann. Sie beendete ihre Darstellerkarriere 1994 mit dem Fernsehfilm „Blindfold – Mörderisches Spiel“ als nicht kreditierte Barfrau.

Richard Foster (Sherman) steht dem Hauptdarstellerduo in nichts nach. Er beginnt zurückhaltend, verwandelt sich dann aber, sobald sich mehr und mehr abzeichnet, dass er den gesuchten Serienkiller verkörpert, zu einer heftig overactenden Rampensau, deren Gesichtszüge nun wirklich gar keine Grenzen mehr kennen. Man merkt, dass er nicht wirklich ein Schauspieler war, weshalb er auch nur fünf Einträge in seiner Vita stehen hat. Mel Davis als Detective Clark wurde davor und danach nie wieder vor einer Kamera gesehen – und er tat gut daran, denn er mag inmitten dieses darstellerischen Wahnsinns noch mit am wenigsten auffallen, seine Tough-Guy-Attitüde, die er manchmal rauslässt, ist allerdings wegen ihres gnadenlosen Scheiterns nicht ganz ohne.

Wenn jemand vielleicht noch die goldene Ananas als bester Darsteller des Schmus verdient hat, dann Lee Lively. Er spielt den greisen Psychologen Dr. Willow sehr redewillig und klingt dabei sehr oft so, als würde er Shakespeare rezitieren, ist aber insgesamt noch das, was ich als zurückhaltend bezeichnen würde. Er entwickelte erst im zarten Alter von 59 Jahren eine allerdings sehr kurzlebige Karriere vor der Kamera und tauchte unter anderem in zwei Folgen als Edward Stratemeyer in „Die Abenteuer des jungen Indiana Jones“ sowie in zwölf Folgen als Richter Stone in „Matlock“ auf. Ansonsten treten namentlich nur noch Gaby Ford (Tanzlehrerin) und Tova Sardot (Clarissa) in Erscheinung. Letztere tat mir wie gesagt leid: Es gehört sich nicht, Kinder zu sedieren, damit sie beim Schauspielen fast einschlafen. Unkreditiert sind übrigens auch Fragasso und Mattei selbst zu sehen, und zwar als Reporterstatisten im Hintergrund: Fragasso ist der mit der Baseballkappe, Mattei der mit dem gelben Schal – falls jemand nachprüfen will. Den besten „Schauspiel“-Moment hat allerdings die unkreditierte Annie-Darstellerin: Ihre Tirade gegen Melanie, um ihren Mann davon abzuhalten, dass er mit seiner Knarre loszieht und Selbstjustiz ausübt, muss man gesehen haben.

Ein besonderes Kapitel nimmt auch noch die Musik von Carlo Maria Cordio ein. Schade, dass dieses Review in der Inhaltswiedergabe nicht automatisch den Score spielt, der die jeweils beschriebenen Szenen untermalt. Die Auswahl ist bizarr falsch. Werden düstere Synthesizer-Töne vielleicht noch an die passenden Stellen gesetzt, so geht die Filmmusik komplett baden, wenn sie dramatisch werden will. Ich übertreibe nicht, wenn ich schreibe: So etwas Verkehrtes wie jenes Musikstück, das über Melanies Selbstmordversuch läuft, habe ich noch nie im Leben gehört. Wenn man so will, ist dafür noch die Kameraarbeit von Antonio Maccoppi im Rahmen des Erträglichen – aber einfach, weil sie nur uninspiriert und nicht durchgeknallt wie der ganze Rest ist.

„Durchgeknallt“ ist auch das passende Stichwort für den Schluss: „Night Killer“ ist durchgeknallt, aber wie die besten schlechten italienischen Horrorfilme gleichzeitig höchst kurzweilig, weil eben gar nichts stimmt. Der Versuch, ein Psychogramm mit einem blutrünstigen Serienkiller-Plot zu kreuzen, geht geradezu spektakulär in die Binsen, weil auch die Darsteller voll aufdrehen, als wollten sie sich der Sache satirisch und nicht ernsthaft nähern. Da es darüber hinaus viele unverständliche Szenen gibt, die sich im What-the-Fuck?-Terrain bewegen, ist der Film auf jeden Fall etwas für Freunde des schlechten Geschmacks. Eine haarsträubende Prämisse mit oberbeknackten Wendungen – was kann man mehr wollen? Gäbe es nicht „Troll 2“, wäre dies hier Fragassos Meisterwerk.


BOMBEN-Skala: 9

BIER-Skala: 8


mm
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