Neustadt Stau – Der Stand der Dinge


  • Original-Titel: Neustadt Stau - Der Stand der Dinge
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  • Regie: Thomas Heise
  • Land: Deutschland
  • Jahr: 2000
  • Darsteller:

    Drehbuch: Thomas Heise
    Kamera: Peter Badel
    Schnitt: Gudrun Plenert
    Produzenten: Katrin Schlösser, Frank Löprich
    Produktion: Ö Filmproduktion


Vorwort:

Acht Jahre nach „Stau – Jetzt geht’s los“ kehrt Heise nach Halle-Neustadt zurück, wo sich inzwischen so einiges verändert hat. Es werden fleissig Neubauten hochgezogen, die kahlen Hinterhöfe sind Grünflächen gewichen und nachts ist alles schön erleuchtet, während die Tram ihre Bahnen zieht. Die Eltern von Ronny sind in ein gemütliches Reihenhäuschen auf dem Land gezogen, während er vor Ort geblieben sind und sich mehr oder weniger erfolgreich durchs Leben schlägt, wie die Kollegen von früher. Mit der Suche nach einem Job ist es nach wie vor so ne Sache, Ronny muss immer noch Geld abstottern wegen Taten von früher, ein anderer baut sich nach Jahren der Drogensucht ein neues Leben auf. Ronnys Schwester Jeanette ist alleinstehende Mutter, nachdem sich ihr prügelnder Lebensgefährte umgebracht hat, und versucht Busfahrerin zu werden.

Seine politischen Ansichten äussern Ronny und Co. sprachlich vorsichtiger und was Taten anbelangt, zieht man nicht mehr zum Ausländerverprügeln um die Häuser, sondern organisiert sich parteilich und kümmert sich um den interessierten politischen Nachwuchs. Zuhause lässt sich der engagierte und fleissig propagierende Parteisoldat Konrad dann aber von der Freundin aushalten – die natürlich trotzdem allein für die Küchenarbeit zuständig ist, gehört sich schliesslich so. Immerhin shampooniert er den Teppich und schaut, dass der obligatorische Kampfhund den Ausleger nicht gleich wieder verdreckt. Auch wenn Konrad für meinen Geschmack fast etwas zuviel Raum für seine Parolen bekommt (noch mehr als im Vorgängerfilm lässt Heise die Leute einfach kommentarlos reden), ist doch sehr offensichtlich, wie er sich zu einem politischen Führer zu stilisieren versucht (inklusive Tabakpfeife), der er keinesfalls ist. Auch beim Parteitreffen macht man künstlich einen auf seriös, indem z.B. die Kollegen angehalten werden, sich strafrechtlich relevante Aussagen zu verkneifen.

Inhalt:

Alles in allem tritt das rechte Gedankengut etwas hinter die Schilderung der alltäglichen Nöte und die Familiengeschichte zurück, es wird ja auch selten konkret in der Hinsicht (wie gesagt: die Leute formulieren sorgfältiger, Hitlers Name beispielsweise fällt hier kein einziges Mal, auch wenn von ihm die Rede ist), direkt schimmert bloss ab und zu eine diffuse Ausländerfeindlichkeit durch.

Die Interviewausschnitte werden immer wieder durch ausführlich gefilmte Impressionen aus der Umgebung unterbrochen; wir sehen einiges vom modernen Neustadt-Halle und die Kamera beobachtet öfters irgendwelche Passanten auf der Strasse beim Spazieren, beim Warten auf den Bus, beim Kotzen nach der Party (und nicht selten werden die Leute dabei ihrerseits auf das Filmteam aufmerksam oder liefern sich gar ein Versteckspiel mit ihr). Teils gibt’s Bildverzerrungen, Szenen ohne Originalton, die bloss von Musik unterlegt sind, oder auffällige Kamerafahrten – an solchen Stellen entsteht eine Distanz, die nicht so recht zum ansonsten unmittelbar beobachtenden, „unverfälschenden“ Dokumentarfilm passen will. Aber sie weisen daraufhin, dass auch ein solcher Streifen halt zu einem guten Stück inszeniert ist.

Da die DDR-Exotik wegfällt und auch die Rechtsradikalität der Protagonisten eine kleinere Rolle als noch im Vorgänger spielt, ist „Stau II“ weniger „spektakulär“ als dieser (und manchmal fast ein bisschen ermüdend). Dafür rückt neben der Familie der ganz normale Alltag in den Vordergrund, nicht zuletzt durch die zahlreichen Passantenbeobachtungen.

(c) 2008 Gregor Schenker (manhunter)


mm
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