Mr. Death: The Rise and Fall of Fred A. Leuchter, Jr.

  • Original-Titel: Mr. Death: The Rise and Fall of Fred A. Leuchter, Jr.
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  • Regie: Errol Morris
  • Land: USA
  • Jahr: 1999
  • Darsteller:

    Fred A. Leuchter jr. (er selbst, als Fred Leuchter), Errol Morris (er selbst, Interviewer), Robert Jan van Pelt, Ernst Zündel, David Irving, James Roth, Shelly Shapiro, Suzanne Tabasky (alle sie selbst)


Vorwort:

Toronto 1988. Der in Deutschland geborene und nach Kanada ausgewanderte Rechtsextremist Ernst Zündel steht vor Gericht mit dem Vorwurf, falsche Nachrichten über den Holocaust verbreitet zu haben. Zündel, schon länger als notorischer Holocaustleugner bekannt, will die Gerichtsverhandlung nutzen, um die Welt davon zu überzeugen, dass der Holocaust niemals stattgefunden hat. Hilfe holt er sich beim selbsternannten „Gaskammerexperten“ Fred Leuchter aus Boston/Massachusetts, der diverse Hinrichtungsgeräte entworfen haben will.
Leuchter unternimmt eine einwöchige (wohlgemerkt heimliche) Expedition in die ehemaligen Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau und Majdanek, um dort abgesehen von einem Kameramann, seiner Frau, einem Dolmetscher und einem Bauzeichner auf eigene Faust (und eigene Kosten) Gesteinsproben aus den Ruinen zu entnehmen. Als er diese in ein forensisches Labor schickt und in seinen Proben nicht das findet, was er meint, finden zu müssen, behauptet Leuchter triumphierend, die etablierte Geschichtsforschung widerlegt zu haben.
Doch dann kommt plötzlich alles anders: Seine Ergebnisse, zusammengefasst im sogenannten „Leuchter-Report“, werden vor Gericht nicht als Beweismittel anerkannt, Zündel wird verurteilt, Leuchter muss vor Gericht zugeben, kein Experte auf dem Gebiet zu sein und 1990 sogar eine eine Erklärung unterschreiben, niemals Ingenieur gewesen zu sein. Der auf rechtsextremistischen Veranstaltungen als Experte auftretende Leuchter kann im geliebten Hinrichtungsgeschäft keinen Fuß mehr fassen, verliert seine Frau und wird immer mehr sozial isoliert...

Inhalt:

Der Film: Ich glaube, hier muss ich ein bisschen weiter ausholen. Fred Leuchter ist dem gemeinen deutschen Publikum eher unbekannt geblieben, in der Neonazi-Szene wird er bis heute als Held verehrt. Als 1988 Zündel vor Gericht stand, behauptete Leuchter (er selbst spricht seinen Namen tatsächlich deutsch aus, nicht „Luukter“ oder „Lutschter“, wie ihn die Amis nennen), einen großen Erfahrungsschatz als Konstrukteur von Hinrichtungsmaschinen, wie elektrischem Stuhl und – ganz wichtig – Gaskammern erworben zu haben und mit mehreren Gefängnissen und Behörden in der USA in Verbindung zu stehen. Tatsächlich stellte sich später heraus, dass er falsche Angaben gemacht hatte (eine Sache, die sich wie ein roter Faden durch seine ganze Karriere ziehen wird): So bestritten alle US‑Bundesstaaten außer Missouri geschäftliche Beziehungen mit ihm, und selbst dort war er bloß als unwillkommener und schwer abzuwimmelnder Wichtigtuer bekannt geworden. Vor Gericht wurde dann klar, dass Leuchter von Chemie, Physik und Toxikologie bestenfalls oberflächliche Kenntnisse hatte. Seine Erklärung, man müsse als Gaskammerexperte nicht mehr Ahnung von der Materie haben als der durchschnittliche College-Student, wollte dem Richter nicht so recht einleuchten (Wortspiel-Alarm!).

Wie auch immer, die selbsternannten Revisionisten feierten sich trotz dieser Blamage als Sieger (eine typische Übung dieser Leute), der Leuchter-Report wurde in viele Sprachen übersetzt (auf Deutsch vom damaligen NPD‑Vorsitzenden Günter Deckert) und wurde und wird trotz hundertfachen Widerlegungen durch ernstzunehmende Forscher von den modernen Rechtsextremisten als Basis für die Geschichtsfälschung verwendet. Die Taktik ist bei Holocaustleugnern nichts Neues: man verzapft einfach die immer wieder in regelmäßigen Abständen die immer gleichen Lügen – unabhängig von sämtlichen Antworten und Widerlegungen – mit der Hoffnung, dass sich irgendwann ein Blöder findet, der sie glaubt. Leider ist diese Taktik immer noch allzu häufig von Erfolg gekrönt.

Der Report selbst, auf den der Film nur wenig eingeht (er beleuchtet vor allem Leuchter als Person – Wortspiel-Alarm die Zweite), strotzt nur so vor fachlichen Fehlern, Inkompetenz und der Ahnungslosigkeit seines Verfassers. Ich kann an dieser Stelle nicht alle Hirnrissig- und Unglaublichkeiten des Reports einzeln aufzählen, wer eine ausführliche Widerlegung dazu lesen möchte, der sei an hier (http://www.h-ref.de/personen/leuchter-fred/leuchter-report-1.php) und hier (http://www.h-ref.de/personen/leuchter-fred/leuchter-report-2.php) verwiesen. Hier nur ein paar Kostproben. Der Dreh- und Angelpunkt des Gutachtens sind die fehlenden Cyanid-Spuren in den Ruinen der Krematorien. Tatsächlich wurden die Gaskammern kurz vor Abzug der SS aus dem Lager im Januar 1945 in die Luft gesprengt. Keine einzige Auschwitzer Gaskammer wurde im Originalzustand gefunden. Die Mauern waren abgebaut, woanders wieder aufgebaut und über 40 Jahre der Witterung ausgesetzt. Dass Leuchter da nicht mehr viel findet, ist logisch, und trotzdem – es gab so viele Vergasungen, dass man bis heute immer noch Rückstände nachweisen kann. Leuchter muss einräumen, Rückstände des Giftgases Zyklon B gefunden zu haben, zieht aber trotzdem den Schluss, es kann keine Vergasungen gegeben haben. Er hat (wie im Film erwähnt), seine Gesteinsproben (nur aus den Grundmauern) an ein Labor geschickt, selbstverständlich ohne diesem mitzuteilen, ob es sich jetzt um um Proben aus der Mauer, aus der Decke oder aus dem Boden oder sonst wo handelt, sodass im Labor niemand Ahnung hatte, wonach man überhaupt suchen soll und dementsprechend auch nicht das findet, was man laut Leuchter hätte finden müssen. Wie der Laborexperte (James Roth) sagt, kommt das dem Versuch gleich, mit dem Bohrschutt aus dem Inneren einer Mauer zu beweisen, dass diese nicht bemalt wurde.

Es kommt noch viel schlimmer. Leuchter meint auch, die Krematorien hätten eine viel geringere Kapazität gehabt als bisher behauptet (aus Dokumenten wissen wir: ca. 4750 Leichen pro Tag, mit den Gruben am Gelände bis über 6000). Leuchter meint nun, jedes Opfer hätte knapp einen Quadratmeter zum Stehen haben müssen, außerdem hätte man die Gaskammer 20 Stunden nach der Vergasung nicht mehr betreten können. Dass einem vollgepacktem Soldaten beim Truppentransport noch nicht mal dieser Platz zugestanden wurde, sei nur am Rande erwähnt, ebenso dass man mit einem Ventilationssystem die Luft innerhalb von 20 Minuten locker tauschen konnte. Den Nazis war eine „humane“ Hinrichtungsmethode, wie Leuchter sie so sehr propagiert, außerdem scheißegal. Die Drecksarbeit, wie Leichen beseitigen, musste sowieso das jüdische Sonderkommando erledigen. Auch seine Behauptung, die Nazis hätten sich beim Einbringen des Giftgases selbst vergasen müssen, ist spitze. Dass ein Gaskammerexperte nicht wissen soll, dass den Deutschen im Jahr 1942 (immerhin nach dem Gaskrieg rund 30 Jahre vorher) eine obskure Erfindung namens „Gasmaske“ bekannt gewesen ist, spricht nicht unbedingt für ihn.

Der absolute Oberhammer ist aber seine Aussage, in Auschwitz hätten niemals 6 Millionen Juden ermordet werden können. Allein schon deshalb sollte man ihm seinen Report unangespitzt um die Ohren hauen. NIEMAND (noch nicht einmal die Sowjets mit ihren überhöhten 4 Millionen) hat je behauptet, in Auschwitz wären 6 Millionen ermordet worden. Hätte er vielleicht mal irgendein GESCHICHTSBUCH aufgeschlagen, was Revisionisten offenbar grundsätzlich nicht tun, hätte er rausgefunden, dass schon in den 50ern bekannt war, dass es ca. eine Million gewesen sind. Sechs Millionen ist lediglich die GESAMTZAHL, der Rest verteilt sich auf andere Vernichtungslager, Massenerschießungen, Gaswagen. Vernichtung durch Arbeit und Folter/Verhungern/medizinische Experimente etc. Dass er davon noch nie was gehört hat, beweist er auch damit, dass er (im Film) völlig verblüfft die Frage stellt, warum die Nazis ihre Opfer überhaupt vergast haben, Erschießen wäre doch so viel besser gewesen. Argh, die Nazis HABEN 1,5 Millionen Juden erschossen (durch die Einsatzgruppen von Reinhard Heydrich), nur diese Methode galt bald als zu ineffektiv und zu persönlich. Himmler soll sich der Legende nach einmal eine Massenerschießung mitangesehen haben. Nachdem er davon angeblich kotzen musste, wies er seine Leute an, eine (für die Täter) schonendere Methode zu finden, die außerdem perfekte Geheimhaltung bietet. Mehr oder weniger zufällig ist man aufs Vergasen gekommen. Man sieht schon, Leuchter hat NICHT DIE ALLERGERINGSTE AHNUNG, von dem, was er da sagt und tut. Selbst Uwe Boll bewies in seinem von faktischen Fehlern nur so strotzendem Auschwitz-Film ein wesentlich größeres historisches Wissen als Leuchter (und steht zumindest auf der richtigen Seite).

Somit kommt Leuchter nach seinen genialen und absolut hochwissenschaftlichen Analysen überhaupt nicht mal auf die Idee, sich mal ein paar NS‑Dokumente, die Baupläne der Gaskammern oder Zeugenaussagen zu Gemüte zu führen, womit er auf Linie der anderen Holocaustleugner liegt. Diese meinen nämlich immer, dass man sich mit hunderten von Augenzeugenberichten, Tätergeständnissen usw. keine Sekunde lang befassen muss, denn die sind sowieso gelogen bzw. durch Folter erpresst. Leuchter lässt nicht das geringste Bewusstsein für diese Problematik erkennen und befindet sich in einem Paralleluniversum, wo es diesen Punkt nicht gibt. Leuchter vermeidet viele der klassischen Argumentationsmuster der Revisionisten (mehr dazu unten), aber verschließt die Augen wo er nur kann. Er lebt völlig in seiner eigenen Welt, in der jeglichen Sinn für die Realitäten verloren hat. Die Szene, wo er mit seinem Kapuzen-Pullover in den Ruinen rumstackst und rumhämmert muss man echt gesehen haben. Er bemerkt nicht, wie lächerlich er sich macht und wie sehr er Opfer und Überlebende verhöhnt.

Und das ist eben auch unterm Strich der Eindruck, den man von Leuchter gewinnt, er scheint nicht der widerwärtige, zynische, höhnische Rassenhetzer zu sein wie Ernst Zündel (komme ich noch drauf), sondern er ist der nützliche Idiot, der den braunen Geschichtsfälschern scheinbar die wissenschaftliche Legitimität verleiht. Ja, meinte der denn tatsächlich, dass der mal eben schnell 40 Jahre Forschungsarbeit auf einen Schlag „widerlegen“ kann und schon ist alles gut? Kann man wirklich so hyper-naiv sein, im Auftrag von ausgewiesenen Neo-Nazis wie Ernst Zündel das verlangte Ergebnis zu liefern? Wie der niederländische, in Toronto lehrende Historiker und einer der führenden Holocaustforscher Robert Jan van Pelt zutreffend anmerkt, hätte Leuchter beim Prozess immer noch die Möglichkeit gehabt, seine Irrtümer einzugestehen und zurückzurudern. Noch im Film schaltet er auf stur und will von sachlicher Kritik an seiner Arbeit nichts wissen. Er erweist sich als komplett lernresistent, sowohl in Sachen Fakten als auch wissenschaftlicher Methodik, und bleibt trotz allem Gegenwind bei seinen Behauptungen, wenn auch etwas verklausuliert. Von Zündel und seinen Schergen distanziert er sich jedenfalls nicht.

Die Frage, ob er Antisemit ist, weist er entschieden zurück, so habe er doch selbst jüdische Bekannte (kennen wir schon...) Es fällt schwer ihm das zu glauben. Es gibt den bekannten Spruch: „Kratze an einem Holocaustleugner und ein Antisemit kommt zum Vorschein“. Bisher gab es noch keinen Holocaustleugner, der sich nicht als Antisemit gezeigt hätte. Noch keinen. Andere von der Sorte wie Zündel, Norbert Marzahn oder Horst Mahler (der ungelogen Gründungsmitglied der RAF gewesen ist) muss man nicht lange kitzeln, um sie als Judenhasser bloßzustellen. Leuchter widersteht tatsächlich den Fallstricken und vermeidet es tunlichst, sich als solcher zu zeigen. Auch wenn er sich als komplett ignorant gegenüber der Opferperspektive zeigt (und sich damit zumindest als passiver Zustimmer entlarvt), ist das die eigentliche Überraschung. Ist es wirklich sein Geschick, ist es reine Taktik oder ist es wirklich nur sein „wissenschaftliches“ Forschungsinteresse das ihn alle anderen sich presslufthammermäßig aufdrängenden Implikationen vergessen macht? Kann man tatsächlich so – ich wiederhole mich – naiv sein, um nicht zu bemerken in welcher Gesellschaft ich mich befinde? Solche Zuordnungen wie „die Juden haben die Holocaust nur erfunden um Deutschland erpressbar zu halten“ oder „die Deportationen waren innerjüdische Maßnahmen um den Staat Israel zu ermöglichen“ (ja, die Behauptung gibt’s tatsächlich und ist gar nicht mal so selten) jucken ihn nicht, ihm geht es nur um seine Aufgabe als „Experte“. Seine Arbeit ist für ihn am Ausgang des Labors erledigt.
Trotzdem ist es letztendlich unwichtig, was jemand konkret IST, denn ich kann in seinen Kopf nicht reinschauen, man kann aber auf jeden Fall sagen. was jemand TUT. Leuchter bestimmt seine Position als rechtsextremer Geschichtsfälscher, ob das von ihm nun so gewollt ist oder nicht. Und wenn ich mich mit Leuten wie Ernst Zündel einlasse, dann kann mir niemand helfen. Egal ob das selbst glaubt was er sagt oder nicht, er macht sich zum Hampelmann einer widerwärtigen, menschenverachtenden Ideologie und wenn er am Anfang wohl überhaupt keine Ahnung hatte, worauf er sich einlässt, spätestens als er gesehen hat, welches Publikum es ist, das ihm zujubelt, hätte es ihm dämmern müssen, wo der Hase lang läuft (und wie gesagt, die Leute mit denen er sich abgibt, halten ihren Judenhass nicht lange hinterm Berg). Leuchter drückt einfach auf die Löschtaste. Es scheint ihm völlig egal zu sein, von wem er die Zustimmung für seine zweifelhafte Arbeit bekommt. Da muss mein Selbstwertgefühl schon verdammt niedrig sein. Er fährt die Lieblingsrolle der Revisionisten, die verfolgte Unschuld, mit 300 Sachen auf der Überholspur, immer gedeckt mit dem Verweis darauf, wie schlecht es ihm doch geht und wie popöse es alle mit ihm meinen. Aber sind wirklich immer die anderen schuld? Oder hat da jemand seine Reputation selbst mit vollem Anlauf auf die Müllkippe katapultiert?

Ernst Zündel (der auch in dem Film BERUF NEONAZI zu sehen ist) wurde in Deutschland geboren und wanderte in den 50ern nach Kanada aus (nach seinen Angaben, um vor der Wehrpflicht im Zuge der Wiederbewaffnung zu entfliehen), es dauerte aber nicht lange, bis er auf den revisionistischen Zug um Altnazi Thies Christophersen aufsprang. Inzwischen ist er ein mehrfach verurteilter und ins Gefängnis gesteckter führender Neonazi. Wenn es nicht so traurig wäre, könnte man fast sagen, er ist eine absolute Witzfigur. Nicht nur, dass er den Holocaust leugnet (u.a. in seinen – in Deutschland verbotenen – Schriften „Did six million really die?“ und „Holocaust 101“), nein, er verkauft auch noch seine Zündel-Frisbees. Ihr habt richtig gelesen, Zündel-Frisbees. Denn, er plante mal in den 70ern eine Expedition zum Südpol, denn dort befindet sich, wie wir alle wissen, der Eingang zur hohlen Erde (!!!), wo sich möglicherweise noch eine letzte Bastion Altnazis verschanzt hat (Kommentar überflüssig). Für 9999 Dollar konnte man, so man denn wollte, dabei sein. Aber bis es so weit ist, kann man sich die Wartezeit mit seinen Miniaturmodellen der Nazi-UFOs, also den besagten Frisbees, verkürzen (hier ist eine Quelle wenn ihr mir nicht glaubt: http://www.h-ref.de/personen/zuendel-ernst/zuendel-airlines.php). Die komplette Seite ist übrigens insgesamt HÖCHST empfehlenswert). Ob Zündel das wirklich ernst gemeint hat oder bloß in ein paar esoterischen Wirrköpfen ein neues Klientel suchte, kann man sich überlegen. Fakt bleibt aber auch, dass kein Mensch mit einem einzigen Gramm Hirnschmalz es länger als zwei Sekunden in seiner näheren Umgebung aushalten kann, ohne dass sofort sämtliche Synapsen platzen. Dass bei Leuchter dies nicht passiert, lässt sehr tief blicken. Zündel kommt im Film auch zu Wort (und er spricht wirklich das zweitschlechteste Englisch nach Lothar Matthäus) und schafft innerhalb weniger Sekunden klar zu machen, wie er tickt. Und wie er vor der Gerichtsverhandlung das Kreuz (!) mit der Aufschrift „Freedom of Speech“ schleppt, sollte man sich nicht entgehen lassen.

Das führt zwangsläufig zu einem anderen Problem, nämlich dass Holocaustleugnung sowohl in Deutschland als auch in Kanada (und in noch mehr Staaten) verboten ist und unter Strafe steht. Ob das seine Richtigkeit hat oder nicht, das soll nicht das Thema dieses Reviews sein, festhalten sollte man allerdings folgendes: Erstens beanspruchen Neonazis immer wieder Meinungsfreiheit für sich – ein Grundrecht, dass sie am liebsten abschaffen wollen. Außerdem ist es auch nicht so, dass jemand den Holocaust leugnet, der historischen Akkuratheit wegen, sondern NUR (!!) als Vorwand um den Nationalsozialismus von der historischen Schuld reinzuwaschen und bei jeder sich bietenden Gelegenheit Juden anzuschwärzen. Sie betreiben keine Wissenschaft und schaffen es nicht, die einfachsten Grundsätze wissenschaftlicher Arbeit zu beachten (tonnenweise Dokumente pauschal als gefälscht zu bezeichnen, Aussagen seriöser Forscher zu verzerren, Behauptungen zu widerlegen die niemand aufgestellt hat, oder nur Autoren zu zitieren die keine Quellenangaben machen ist nichts, was man mit dem Begriff „Wissenschaftlichkeit“ in Verbindung bringen sollte). Jemand hat es (allerdings im Zusammenhang mit den nicht minder bekloppten Kreationisten) perfekt auf den Punkt gebracht: „They do not want to DO science, they want to UNDO science.“ Dem ist nichts hinzuzufügen.

Eigentlich müsste ein überzeugter Nazi sagen: „Ja, es gab den Holocaust und er war super. Schade dass es nicht alle erwischt hat.“ Da man mit dieser Meinung aber nicht weit kommen wird – und sie wollen schließlich in der Mitte der Gesellschaft landen – drehen sie Täter und Opfer um. Wenn man sich mit diesen Leuten etwas befasst, dann stellt man fest, dass Holocaustleugner GANZ GENAU wissen, was mit den Juden im Zweiten Weltkrieg passiert ist. Sie wollen dies aber (noch) nicht offen zeigen. Sie wollen den Nationalsozialismus als politische Alternative salonfähig machen, in letzter Konsequenz um ihn wieder zu reinstallieren. Sie wollen den letzten Völkermord weglügen, um den nächsten zu ermöglichen. Damit stehen sie in bester Tradition. Wie van Pelt sagt, waren die ersten Holocaustleugner bereits die Nazis selbst, die sich mit ihrer Tarnsprache („Judenumsiedlung“, „Evakuierung“, „Sonderbehandlung“, „Arbeitseinsatz im Osten“ usw.) selbst versicherten, dass man eigentlich keinem weh tut. Natürlich HABEN die Leute gewusst, was Sache ist, zumindest in den oberen Ebenen der staatlichen Dienststellen, aber man hat allen Beteiligten die Möglichkeiten gegeben, so zu tun als wüsste man von nichts. Die Holocaustleugner streiten es ab, weil es die Nazis selbst nicht mehr können. Leuchter ist entweder selbst Teil von diesem Wahnsinn oder er hat solche Scheuklappen vor den Augen, dass er wirklich nicht kapiert, dass es hier um millionenfachen Mord und die Glaubwürdigkeit unzähliger Hinterbliebener geht. Ich tendiere zu Version 2 und will einfach nicht begreifen, dass jemand so ein 25-Quadratmeter-Brett vor der Rübe haben kann. Ich schließe Version 1 aber absolut nicht aus.

Der Film, um endlich mal die Kurve zu kriegen (ich weiß, aber das muss man einfach loswerden, um diesem Thema gerecht zu werden), hält sich zurück und lässt Leuchter die meiste Zeit über selbst zu Wort kommen. So kommt das Thema Auschwitz erst nach ca. 30 Minuten zur Sprache, vorher erzählt uns Leuchter einiges über Hinrichtungen (noch so ein Punkt – er meint anscheinend wirklich, die Nazis hätten ihre Vergasungen exakt genauso ablaufen lassen müssen, wie eine amerikanische Hinrichtung, fehlt bloß noch dass er fragt, wo die ganzen Gerichtsurteile, Gnadengesuche, Jury-Mitglieder usw. abgeblieben sind). Leuchter hat sich ein Ziel gesetzt: Er will den Leuten, wenn sie schon zum Tode verurteilt worden sind, wenigstens einen „menschlichen“ Tod gönnen. Er outet sich zwar als Befürworter der Todesstrafe, betont aber stets „Todesfolter“ abzulehnen. Eine ganz leicht heuchlerische Position, wie ich mal meinen würde. Leuchter würde sich darauf zurückziehen, dass er das Todesurteil sowieso nicht verhindern konnte, dann vollstreckt er am liebsten selber, dann tut's denen am wenigsten weh. Da kann ich aber nur sagen: Ich habe nicht gefragt, warum hat du es nicht VERHINDERT, sondern warum hat du sich BETEILIGT. Es gibt auch viele Dinge, die ich nicht verhindern kann, beteiligen werde ich mich aber trotzdem noch lange nicht. Leider hört man dieses Argumentationsmuster viel viel VIEL zu oft. Durch seine Beteiligung reproduziert er das System eben doch, macht sich die Hände schmutzig und die Selbstversicherung „einer muss es ja tun“ (das zieht sich als Unterton ständig bei ihm durch) ist schlicht eine lächerliche und selbstbetrügerische Ausrede (wenn schon, dann muss ich einen Grund finden, warum gerade ICH es tun muss). Sein Fetisch für Hinrichtungsanlagen nimmt derart groteske Züge an, dass er ganz am Ende mit großen Augen erzählt, wie er als Kind zum ersten Mal in einem elektrischen Stuhl gesessen hat und schnallt sich gleichzeitig an einem fest (natürlich ohne Strom, gelle).

Filmisch ist das ganze denkbar einfach. Morris lässt dies alles unkommentiert, erst als es um Auschwitz geht, schreitet er ein und lässt van Pelt viele Dinge sagen, um dem Publikum klar zu machen, dass Leuchter ordentlich einen an der Waffel hat. Der Film hält sich mit historischen Fakten auffallend zurück. Ebenso sagt Morris, eigentlich als Interviewer gebillt, nur zwei Sätze, und die ganz am Ende. Das muss man nicht so machen, kann man aber. Das hat allerdings auch zur Folge, dass man komplett ins kalte Wasser geworfen wird und ohne Vorwissen völlig chancenlos ist. Ursprünglich war mal geplant, überhaupt keine richtigen Wissenschaftler zu Wort kommen zu lassen, aber das wäre dann doch die falsche Entscheidung gewesen. Morris hat den Film Freunden gezeigt, die (wie ich meinten), Leuchters Geplapper könne man auf keinen Fall unkommentiert im Raum stehen lassen.
Der Wechsel zum Thema Holocaust kommt ohne Vorwarnung für jeden, der nicht weiß, wer Leuchter ist, in diese Kerbe fällt auch der Titel, den man nun nicht unbedingt sofort mit dem Holocaust in Verbindung bringen wird. Somit stellt der Film doch relativ hohe Ansprüche an den Zuseher. Erst am Ende wird das Thema Todesstrafe wieder aufgegriffen, dann wissen wir aber schon mehr über Leuchter. In dem Punkt fällt der Film kein Urteil, aber wenn wir Leuchters Argumente als Bezugsrahmen nehmen, sieht die Causa für diese Seite düster aus (tut sie ja auch so schon genug). Der Film verzichtet die meiste Zeit auf Einblendungen, visuelle Effekte etc. Letztlich wie Leuchter am Anfang im Faradayschen Käfig (!) auftritt mag man als solchen werten. Morris' Herangehensweise bereitet mir immer noch Kopfzerbrechen. Als Kenner der Materie wusste ich, worauf ich mich einlasse, aber es wäre interessant zu erfahren, wie jemand auf den Film reagiert, der keinen Schimmer hat. Ein gewagtes Experiment, bei dem ich würdige, dass es diesen Weg beschreiten will, aber mir nicht sicher bin, ob man das nicht anders hätte lösen können. Ich hätte wahrscheinlich noch mehr Erklärungen eingebaut, aber Morris' Punkt kommt rüber. Wir können als Zuschauer ganz gut den Schock nachvollziehen, denn die Leute 1988 gehabt haben müssen, als sich Leuchter als großer Experte angekündigt hatte (= die ersten 30 Minuten) um sich dann ohne Verzögerung als absoluter Dünnbrettbohrer zu outen (Mittelteil) und dann als beleidigte Leberwurst den vergangenen Zeiten nachzutrauern (Schlusspart). Es bleibt festzuhalten, dass wir es mit deutlich mehr „fall“ als „rise“ zu tun haben.

Der Film wurde leider nie in Deutschland veröffentlicht. Es gibt nur die DVD von Lions Gate im Amaray ohne Extras.

Fazit: Insgesamt ist es Morris gelungen, ein Bild über einen Mann zu zeichnen, der sich selbst aufdringlich als Opfer der Umstände darstellen will, sich aber letztendlich doch entlarvt (wenn auch nicht ganz auf die Weise, die man von einem typischen Holocaustleugner erwarten würde, das ist die einzige, aber nicht gerade kleine Überraschung). Somit will ich euch den Film eigentlich dringend ans Herz legen, sehe aber auch, dass man schon ein gewisses Interesse für die Materie aufbringen muss und – wie gesagt – Kenntnisse in dem Bereich sind Bedingung, da man ins eiskalte Wasser geschmissen wird. Eine reine Wissens-Dokumentation, wo ihr ständig mit historischen Fakten bombardiert werdet, dürft ihr nicht erwarten, ganz im Gegenteil. Der Film überlässt die nötigen Schlüsse dem Zuschauer, aber als denkender ebensolcher weiß man schnell, dass man mit ihm kein Mitleid zu haben braucht. Und wie gesagt, manche Szenen muss man in ihrer Absurdität echt gesehen haben. Sollte man sich mal zu Gemüte führen.

4/5

(c) 2017 Diamond Bentley


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