Midnight Meat Train, The


  • Original-Titel: The Midnight Meat Train
  •  
  • Regie: Ryuhei Kitamura
  • Land: USA
  • Jahr: 2008
  • Darsteller:

    Bradley Cooper (Leon Kauffman), Leslie Bibb (Maya), Brooke Shields (Susan Hoff), Vinnie Jones (Mahogany), Roger Bart (Jurgis), Tony Curran (Fahrer), Barbara Eve Harris (Detective Hadley), Ted Raimi (Randle Cooper), Quintin „Rampage“ Jackson (Guardian Angel)


Vorwort:

Kunstfotograf Leon, dessen Ambition es ist, das „wahre“ New York zu zeigen, muss sich damit über Wasser halten, den Polizeifunk abzuhören und für die Presse ein paar taugliche Bilder zu knipsen. Seine Freundin Maya vermittelt ihn (über seinen Kumpel Jurgis) einen Termin bei der einflussreichen Galeristin Susan Hoff. Die findet seine Werke ganz nett, aber nicht ausstellungstauglich, er soll bessere Fotos machen. Auf der nächtlichen Jagd nach Motiven hilft er in einer U-Bahn-Station einer Frau, die von einer afro-amerikanischen Gang belästigt wird, aus der Patsche. Am nächsten Morgen erfährt er, dass die Frau, ein bekanntes Model, spurlos verschwunden ist. Die Polizei, denen er hilfreicherweise seine Fotos zur Verfügung stellen will, ist eher zurückhaltend, man hält ihn vielmehr für einen Paparazzo. Dafür gefallen die Bilder wenigstens Susan, die mehr in dem Stile will. Also fotografiert er wieder des Nächtens an der U-Bahn und knipst einen seltsamen Mann mit Anzug und Koffer, der sich solcherlei Tun aber streng (nonverbal) verbittet. Beim Entwickeln der Bilder stellt Leon fest, dass der Mann in dem U-Bahn-Wagen gewesen sein muss, in den das Model einstieg. Leon vermutet einen Zusammenhang und beginnt, den Unbekannten zu beschatten. Der arbeitet als Metzger – und das muss er auch, weil er jede Nacht in einem U-Bahn-Zug die letzten Fahrgäste niedermetzelt und schlachtet…

Inhalt:

„The Midnight Meat Train“ ist eigentlich ein Film, der mir überhaupt nicht liegen sollte – ich halte Kitamura (Versus, Aragami, Azumi) für maßlos überschätzt und Clive Barker… tja-hm, mit seiner Schreibe kann ich auch nur selten etwas anfangen. Da „Midnight Meat Train“ allerdings zu den besseren Geschichten aus Barkers „Büchern des Blutes“ gehört und Kitamura, wenn er eins kann, ein visuals-Guru ist, wie er im Buche steht, war ich zumindest interessiert genug, um mir die mit 15 Mio. Dollar ganz annehmbar budgetierte Filmversion auf die FFF-Liste zu setzen.

In den USA ging der Streifen mit einem Einspielergebnis von satten 73.000 Dollar mächtig baden – das hat aber nicht wirklich etwas mit der Qualität des Films zu tun. Die neue Chefetage der produzierenden Schmiede Lion’s Gate kam auf die spontane Idee, das man jetzt keinen Horror mehr machen wolle (vernachlässigen wir mal völlig den Umstand, dass Lion’s Gate ausschließlich wegen Horrorfilmen da steht, wo es heute ist, nämlich eines der führenden Independent-Studios in Hollywood) und verklappte das stolze Werk in gerade mal 102 „dollar theatres“ (also Billigkinos, in denen normalerweise re-releases und die Blockbuster in der 836. Woche gezeigt werden). Schätze, Kitamura-san hat sich sein (zumindest von einigen) heftig antizipiertes Hollywood-Debüt doch anders vorgestellt.

Wie üblich ist’s nicht ganz einfach, aus einer Kurzgeschichte, die begreiflicherweise auf eine Pointe hin zugeschnitten ist, einen abendfüllenden Spielfilm zu stricken. Diese undankbare Aufgabe, an der schon so manch einer gescheitert ist (frag nach bei der Hälfte aller Stephen-King-Verfilmungen), ging an Jeff Buhler, der mit „Insanitarium“ auch gerade seinen Debütfilm als Regisseur vorgelegt hat. Die Geschichte muss notwendigerweise ausgebaut werden – die Geschehnisse verteilen sich auf mehrere Nächte, wir erhalten character background für den Protagonisten und einige Nebenfiguren, die Mythologie des „Butcher“ wird ausgebaut; das alles wird erfreulicherweise schlüssig und elegant eingeführt – im Gegensatz zu den meisten King-Kurzgeschichten-Adaptionen ist da nichts überflüssiges dabei; alles ist sinnvoll, macht aus der schlichten, fetzigen Splattergeschichte eine richtige filmische Story. Puristen könnten meckern, dass der Subplot mit und um die Galeristin Susan unnötig ist, aber sie erst schafft die Motivation für Leon, sich in die rätselhaften Vorfälle richtig zu verbeißen. Ein ernsthafter Kritikpunkt wäre nur, dass die Schlusspointe (die Leser der Geschichte werden sich erinnern) ein wenig arg früh (schon ungefähr zu Filmmitte) antelegrafiert wird; man muss nicht sonderlich clever sein, um von dort aus auf den Schluss-“Twist“ schließen zu können.

Die Charakterisierungen sind gelungen – Leon ist von Anfang an interessiert genug am „Abseitigen“, um seine Besessenheit mit dem „Butcher“ glaubhaft zu machen, seine Freundin ist eine aktive Beteiligte und nicht nur dabei, damit Leon mal mit jemandem reden (oder in die Kiste hüpfen) kann… die zwar bekleidungstechnisch züchtige, aber recht raue Sexszene der Beiden wirkt auf Anhieb ein wenig deplaziert, ergibt aber, wenn man nochmal darüber nachdenkt, wirklich Sinn. Buhlers Script macht der, hüstel, „Vision“ eines Clive Barkers alle Ehre (abgesehen davon, dass er sich die typisch Barker’schen homoerotischen Untertöne gänzlich schenkt, darüber bin ich aber, zugegeben, nicht sooo traurig) – ich würde mal annehmen, dass Barker mit der Adaption sehr zufrieden sein müsste, sie atmet auf alle Fälle seinen Geist.

Es ist, wenn man sich Kitamuras bisherige Werke ansieht, erstaunlich, welchen Sprung der Japaner in Sachen Storytelling gemacht hat – offenbar ist auch der gute Ryuhei einer von der Sorte, der unter der Kontrolle eines guten Produzenten aufblüht. Das Pacing ist ausgezeichnet, die Spannungsschraube wird permanent angezogen und die Splatterszenen (zu denen kommen wir natürlich noch gesondert) sind gut über die Filmlaufzeit verteilt. Im Gegensatz zu früheren Filmen geht Kitamura auch in den Charakterszenen die Puste nicht aus (kann natürlich auch sehr wohl daran liegen, dass er einen besseren Cast hat als üblich, die auch ohne detaillierte Regieanweisungen wissen, wie man eine Dialogszene bewältigt). Sicherlich kann man „The Midnight Meat Train“ optisch schnell als Kitamura-Werk identifizieren; tracking und crane-shots, wohin man sieht (und sogar mal kurz eine auf den Kopf gestellte Kamera), aber zum Glück sah man ihm so auf die Finger, dass völlig durchgeknallte „because I can“-Kameraeinlagen (wie der vertikale 360-Grad-Schwenk aus „Azumi“) hier außen vor bleiben. Jonathan Sela („Soul Plane“, „Rohtenburg“, „Das Omen“) erweist sich als genau der richtige Director of Photography, der einerseits Kitamuras Faible für ungewöhnliche und hochgradig ästhetisch-stilisierende Shots umsetzen kann, andererseits auch offensichtlich nicht jede Idee, die Kitamura grad durchs Hirn pfeift, gleich abfilmen wird. Fraglos – von den wirklich „filmischen“ Aspekten her gesehen, also der Kombination von Technik und Storytelling, ist „The Midnight Meat Train“ Kitamuras bislang mit Abstand reifstes Werk.

Und natürlich auch ein derbe splatterndes – dem Titel, der abgehackte Körperteile galore verspricht, wird der Streifen mühelos gerecht. Seine Splattereinlangen sind wüst und extrem hart (ich könnte mir vorstellen, dass der Film es schwer haben wird, für eine DVD-Auswertung das KJ-Papperl zu bekommen), allerdings plagt er sich mit einem schweren Manko: CGI-Splatter. Einige, speziell die ersten sehr auf over-the-top-violence ausgelegten Kills, sind anstatt auf die gute altmodische prosthetic-effect-Weise am Computer entstanden und, I’m sorry, man sieht’s in jeder Sekunde. Die CGI-Kills sind leider eher lächerlich denn erschreckend, da man ihre Rechnerherkunft sofort erkennt und so schmerzhaft aus der Illusion herausgerissen wird. Es wirkt * so * unecht, so fake, dass es den rabiaten Kills beinahe jeglichen Impact nimmt (zumal auch das setup der ersten Kills nicht immer überzeugen kann). Im weiteren Filmverlauf wird der Digitalanteil der Splattereien zurückgefahren und prompt nützt es dem Gesamtprozedere. Natürlich ist mir klar, dass die superharten Kills nicht ganz einfach auf konventionelle Weise hinzuwerkeln sind, aber, mein Gott, bei einem 15-Mio-Budget muss es doch möglich sein, die KNB-Jungs oder andere Spezialisten anzuheuern, die so etwas mühelos auf die Beine stellen können.

Nudity gibt’s nicht (abgesehen halt von zahlreichen nackten Leichen beiderlei Geschlechts), muss aber bei dem Thema auch nicht sein.

Der Score von Johannes Kobilke („Tatort“) und Robb Williamson ist angenehm und passend, aber nicht memorabel.

Auch der Cast ist gut zusammengestellt – TV-Akteur Bradley Cooper („Alias“, „Nip/Tuck“, im Kino in „Wedding Crashers“ zu sehen gewesen) gibt einen glaubhaften Leon; er hat die richtige Screenpräsenz, sein Spiel ist überzeugend; „Maya“ Leslie Bibb (zu sehen gewesen u.a. in „Talledaga Nights“, „Iron Man“ und der TV-Serie „Crossing Jordan“) verfügt über gute Chemistry mit Cooper, auch sie macht glaubhaft, warum sie im Scriptsinne „funktioniert“ und ihren Freund unterstützt. Roger Bart („Hostel 2“, „Desperate Housewives“) setzt in seiner kleinen Rolle als Coopers Freund/Agent Jurgis Akzente, ebenso wie die immer noch zauberhafte Brooke Shields. Auf der Fieslingsseite macht man mit Vinnie Jones selbstredend nichts verkehrt – er ist wohl der härteste Hartarsch, der momentan Gottes Erdboden bevölkert und wenn es * irgendjemanden * gibt, dem ich sofort unbesehen abkaufe, dass er nachts in der U-Bahn arglose Passagiere abschlachtet, dann ihm (und hoffen wir mal, dass Vinnie nicht nach gesprochenen Worten bezahlt wurde – er hat nämlich genau eins…). In einer Mini-Rolle als eins der Butcher-Opfer feiern wir übrigens ein Wiedersehen mit Ted Raimi, der ja auch irgendwie jeden Film aufwertet…

Also – „The Midnight Meat Train“ ist, ich wiederhole mich, zweifellos Kitamuras bislang rundum gelungenster Film, ein Horrortrip, der seinen Namen wirklich verdient und von Erzählweise, Spannungsaufbau und Atmosphäre voll überzeugen kann; wenn man sich noch ein wenig mehr Mühe mit den Splatter-FX gegeben hätte, dann hätte der Streifen ein moderner Klassiker werden können. Aber auch so wird er sicherlich sein (Nischen-)Publikum finden, verdient hat’s der Film, der auch in Sachen Barker-Adaptionen zumindest bei Schreiber dieser Zeilen auf die Pole Position geschossen ist. Thumbs up!

4/5

(c) 2008 Dr. Acula


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