Metropia


  • Deutscher Titel: Metropia
  • Original-Titel: Metropia
  •  
  • Regie: Tarik Saleh
  • Land: Schweden/Dänemark/Norwegen/Finnland
  • Jahr: 2009
  • Darsteller:

    Sprecher (Originalfassung): Vincent Gallo (Roger), Juliette Lewis (Nina), Udo Kier (Ivan Bahn), Stellan Skarsgard (Ralph), Alexander Skarsgard (Stefan), Sofia Helin (Anna), Shanti Roney (Karl), Fares Fares (Firaz)


Vorwort:

Wir schreiben das Jahr 2024 – alle wichtigen europäischen Städte sind durch ein neues kontinentales U-Bahn-System (originellerweise „Metro) genannt, verbunden; damit sind die nationalen Grenzen praktisch endgültig gefallen und Ivan Bahn („Eisenbahn“! Get it? GET IT???) Chef des beinahe allmächtigen Trexx-Konzerns, der die U-Bahn betreibt, bezeichnet dies als enorm humanitären Akt im Sinne der Friedenserhaltung und Völkerverständigung. In Stockholm arbeitet Roger als kleiner, unauffälliger Mitarbeiter in der Reklamationshotline eines (zu Trexx gehörenden) Telefonunternehmens – er lebt mit seiner Freundin Anna in einer heruntergekommenen Plattenbauwohnung, träumt von dem Mädchen aus der Shampoo-TV-Reklame und gilt – zurecht – als mittelschwer paranoid (er glaubt, dass Anna ihn mit dem finnischen Dreadlockträger Carl hintergeht und ist sich sicher, dass in der U-Bahn „etwas“ nicht stimmt, weswegen er als einziger mit dem Fahrradl durch die oberirdische Trümmerlandschaft zur Arbeit strampelt). Eines schönen Tages geschehen zwei Dinge: Roger hört auf einmal eine Stimme in seinem Kopf, die sich als sein Unterbewußtsein o.ä. ausgibt und ein böser Mensch hat sein Fahrrad kaputt gemacht, Roger muss sich also in den Untergrund bewegen. Dort erspäht er zu seiner Überraschung Nina, das Shampoo-Girl, in voller Lebensgröße und entscheidet sich – ganz gegen den Ratschlag seiner neuen inneren Stimme – ihr zu folgen. So landet er in einer geheimen Trexx-Präsentation für die Reichen und Mächtigen, in der Ivan Bahn das neueste Projekt des Konzerns vorstellt: Gedankenkontrolle – der Zugang zum Gehirn des Kontrollierten erfolgt über Nanotechnologie, die mittels des von Nina beworbenen Shampoos in die Körper der Probanden gebracht werden; und genau mit diesem Shampoo hat Roger seine kümmerliche Haarpracht am Vorabend gesäubert. Nina befürchtet, dass Trexx diese Macht nicht zum Guten einsetzen wird und will die Überwachungszentrale zerstören, Roger wird ihr mehr oder weniger halbfreiwilliger Helfer…

Inhalt:

Ich lese eindeutig das FFF-Programmheft nicht aufmerksam genug (oder mein Gedächtnis ist noch schlechter als ich eh schon vermute), denn das „Metropia“ ein Animationsfilm ist, ging irgendwie vollständig an mir vorbei. Nun, sei’s drum, der letzte Animationsfilm, den ich mir im FFF-Rahmen zu Gemüte führte, Terra, entpuppte sich als unerwarteter Volltreffer, und die Faktoren „skandinavischer Film“ (die enttäuschen auch selten), „hat über drei Ecken bzw. Zentropa auch alte Keule Lars von Trier seine Pfoten drin“ und „dystopische Zukunftsvision“ (worauf ich normalerweise immer abfahre) stimmten optimistisch.

Leider kann „Metropia“, der Debütfilm des Regisseurs Tarik Saleh (fürmals als Graffiti-Künstler tätig), diese Erwartungen in keiner Weise erfüllen. Die Welt, die das Script aufbaut, ist zwar nicht uninteressant, aber auch nur schwach definiert (warum an der Oberfläche alles verfallen ist, wird nicht mal angedeutet), die Sozialkritik ist außerordentlich plump (in der beliebtesten Fernsehshow spielen Asylbewerber um ihre Chance, in Europa bleiben zu dürfen – sie müssen z.B. in 30 Sekunden erklären, was ihnen an Europa gefällt, und liefern sie keine befriedigende Antwort, werden sie per Schleudersitz zurück ins Meer geschossen [was zudem noch darauf schließen lässt, dass Saleh und seinen diversen Autoren der letzte Mut, ein solches Konzept auch richtig beißend durchzuziehen, fehlt]), und obwohl die eigentliche Story mit ihrem mind-control-Planspiel (auch wenn es ziemlich absurd umgesetzt wird, aber Absurdität allein ist ja kein Totschlagargument, sonst müssten wir ja auch „Brazil“ tonnen) gar nicht mal so uninteressant ist (noch ’ne Klammerbemerkung: Herr Ivan Bahn sollte aber mal drüber schlafen, wie das ganze funktionieren soll. Mir fällt auf Anhieb ja schon das „who watches the watcher?“-Problem ein und ein schlichtes logistisches: wenn jede Person von mindestens einem Überwacher – wir gehen ja davon aus, dass der auch mal schlafen geht – kontrolliert werden muss – WER soll das machen? Bei, na, sagen wir mal 300 Mio. Europäern bräuchte man ja schon mindestens 600 Mio. Kontrolleure, die ihrerseits kontrolliert werden müssen… argh, ich will gar nicht darüber nachdenken), entwickelt sie sich reichlich banal, aktionsarm und besticht nicht gerade durch pfiffige Situationen, Dialoge oder Charaktere.

Besonders die Charaktere – und da es sich um einen Animationsfilm handelt, müssen Autoren schon mehr leisten, schließlich fehlt ihnen ein im Idealfall charismatischer Schauspieler, der auch einer lahmen Figur Leben einhauchen kann – sind langweilig. Roger ist schlicht uninteressant, als „Stellvertreter“ des kleinen Mannes nicht sympathisch (schon allein vom character design), seine Paranoia erscheint weniger als eine „oh-he-might-be-up-onto-something“ als eine „der-hat-einen-anner-Waffel“-Paranoia zu sein (und dass er seine Freundin, der *er* misstraut, ganz easy gegen sein Fantasie-Traummädchen Nina austauscht, macht ihn auch nicht grad zu einem Kandidaten für den Women’s-Lib-Solidaritätspreis 2010), er ist unzugänglich, spröde, und, so leid’s mir tut, er wächst einen auch im Filmverlauf nicht wirklich ans Herz; da „Metropia“ aber voll und ganz um Roger kreiselt und alle anderen Figuren, inklusive Nina, Anna und Ivan Bahn sind eigentlich nur Katalysatoren, um Roger in eine bestimmte Richtung zu schubsen (und auch da eigentlich nur Nina). Nina selbst ist ebenfalls nicht sonderlich aufregend (im Gegenteil, ihr Charakter müht sich, das Mystery der inneren Stimme schon mit dem ersten Auftritt zu killen, und auch die Enthüllung, dass Nina Ivans Tochter ist, lockt keinen Hund hinter der bewussten Ofenheizung vor (einzig der Schluss-„Twist“, wenn’s denn einer sein soll, gibt ihr ein bisschen nachträglichen Background).

Auch die Situationen sind, wie gesagt, lahm und unspannend – es gibt wenig Drama, wenig „Tension“, wenig echte Anspannung (auch weil „Metropia“ kein „schlimmeres“ Worst-Case-Szenario etabliert, als dass die Mind-Control-Technik an potentielle Übeltuer verscherbelt wird; Bahn selbst scheint nicht inhärent „evil“ zu sein, sondern nur ein glatter Kapitalist), so dass sich nach 30-40 Minuten schon ein gewisses „so what“-Gefühl beim Zuschauer einstellt und er den Rest des Epos mehr oder weniger aufmerksam an sich vorbeiplätschern lässt. Saleh ist nämlich auch kein sonderlich geschickter Dramaturg. „Metropia“ rieselt in uniformem, gleichmütig-langsamen Tempo am Zuschauerauge vorbei, bringt – bis auf den Schluss – keine echten Höhepunkte, weder introspektiver (also Charakterzeuchs) noch extrospektiver (also Action) Art. Da Saleh auf einen düsteren, kalten Look setzt, der sich hauptsächlich aus Grau- und Schwarztönen zusammensetzt, ist der Streifen auch nicht gerade attraktiv anzusehen, obwohl die Hintergründe extrem gut und realistisch aussehen. Die Kameraarbeit ist überwiegend statisch, aber was den Film endgültig umbringt, sind character design und Animationen. Ich kann irgendwo erahnen, dass und welche künstlerische Intention dahintersteht, aber sie überzeugt mich weder von der Idee noch von der Umsetzung. Die unproportionierten Figuren mit ihren übergrößen Köpfen, in denen sich aber meist nur Augen und Lippen bewegen, sonst keine Mimik haben, und sich auf eine abgehackte, puppenhaft-marionettenartige Weise bewegen (und die mit Sicherheit eben verdeutlichen sollen, dass alle Charaktere nur „Schachfiguren“, Puppen, auf bestimmte Verhaltensmuster programmierte Automaten sind), machen es *noch* schwerer, Zugang zum Film zu finden. Dieser Zwitter aus Cartoon-Überzeichnung, absichtlich (?) verhältnismäßig primitiver Animation und den elaboraten Backgrounds reißt erheblich stärker aus der Filmatmosphäre als die krude 2D/3D-Mixtur, die Film Noir vorlegte. Ich war, ehrlich gesagt, froh, als es dann vorbei war, weil ich mich des Eindrucks nicht erwehren konnte, irgendwie in eine Arthouse-Höllenvision von „South Park“ geraten zu sein.

Die Sprecher überzeugen auch nicht wirklich – Vincent Gallo und Juliette Lewis bzw. ihre stimmlichen Darbietungen lassen beide nicht darauf schließen, dass sie hier mit Feuereifer, Herzblut und tiefester innerer Überzeugung am Werke gewesen sein. La Lewis bringt immerhin das Kunststück fertig, permanent gelangweilt, aber auch irgendwie verrucht zu klingen, was zumindest einigermaßen zu ihrer Figur passt, während Gallo seinen Text reichlich emotionslos runterholzt. Udo Kier ist immer, ob in Wort oder Bild, ein Plus und seine – leider recht überschaubaren – Auftritte als Ivan Bahn, sind kleine Highlights, auch Stellan Skarsgard als Bahns rechte-Hand-Mann Ralph liefert eine plausible Leistung ab.

Fazit: Es tut mir in der Seele weh, aber ich fand „Metropia“ ziemlich langweilig; wobei es natürlich auch wieder irgendwie ein Kunststück ist, ein dystopisches Thema (wobei die Dystopie, wenn ich mir mal die blöde Bemerkung erlauben darf, nicht so arg dystopisch ist) so banal umzusetzen, wie Saleh es hier tut. Ich kann noch nicht mal die Ausrede „sieht aber wenigstens gut aus“ guten Gewissens bringen, damit wenigstens die Freunde der CGI-Animationstechnik ein Auge riskieren, denn den für meinen Geschmack wichtigtsten Aspekt, nämlich Charakterdesign und -animation, haben Saleh und seine Pixelschubser vergeigt. Ich bin wirklich ein Fan der intelligenten Science fiction und hab kein Problem mit langsamer Erzählweise, wenn ich sehe, dass dieser ruhige Rhythmus sich auszahlen wird (vgl. den letztjährigen Festivalhit Moon), aber, liebe Skandinavier – nö, das war nix, und kratzt am unteren Ende der Bewertung.

2/5
(c) 2010 Dr. Acula


mm
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