Mania


  • Deutscher Titel: Mania
  • Original-Titel: Mania
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  • Regie: Renato Polselli
  • Land: Italien
  • Jahr: 1974
  • Darsteller:

    Eva Spadaro (Lisa), Brad Euston (Brecht/Germano), Mirella Rossi (Erina), Ivana Giordan (Katia), Isarco Ravaioli (Lailo), Max Dorian (Dr. Lous)


Vorwort:

Nachdem ich „Delirio Caldo“ (oder eben zu schlecht Deutsch: „Das Grauen kommt nachts“) gesehen und festgestellt hatte, dass dieser filmische Fiebertraum mit seinen wunderlichen Charakteren und nichts anderes als als wahnsinnig zu bezeichnenden Dialogen mein Gehirn zu einem riesigen Berg Kartoffelmus (KARTOFFELmus – Kenner des Films und/oder des Reviews wissen natürlich umgehend, was ich hier gemacht habe) verarbeitet hatte, konnte mir ja eigentlich alles egal sein, weil ich eh nicht mehr zu retten bin. Und so wollte ich wissen, was dieser merkwürdige Regie-Vogel namens Renato Polselli eigentlich noch so auf die Beine gestellt hat – und ich wollte es sogar nicht nur wissen, ich wollte es auch noch sehen.

Wie man mit etwas Recherche herausbekommen kann, ist das im deutschen Sprachraum gar nicht mal so einfach. Mit „Delirio Caldo“ habe ich mir da schon sein hierzulande vermutlich berühmtestes Werk herausgepickt, auch wenn es zumindest mit seinem geradezu grenzgenial betitelten „Lusthaus teuflischer Begierden“ (Original: „La Verità secondo Satana“) – ebenfalls aus dem Jahr 1972 – noch eine deutsche Version einer seiner anderen Filme gibt, die seinerzeit von keinem Geringeren als Alois Brummer allerdings reichlich verunstaltet wurde, indem der kurzerhand einen beträchtlichen Teil des Originalmaterials rauswarf und durch selbst gedrehte Sexszenen ersetzte, die natürlich erst recht in keinerlei Zusammenhang mit dem eigentlichen Film stehen, wo es doch schon im Original schwer genug gewesen sein soll herauszufinden, was Polselli überhaupt von seinem Publikum wollte. Das glaube ich nur allzu gern.

Ferner inszenierte der Regisseur ein Jahr später noch den Horrorfilm „The Reincarnation of Isabel“ (wiederum mit „Mister Universum“ Mickey Hargitay und Rita Calderoni, die man schon aus „Delirio Caldo“ kennt), in dem es irgendwie um eine Hexe, Kultisten und Jungfrauen und so geht (etwas, was man als durchgängigen Inhalt bezeichnen könnte, lässt sich auch diesem irrsinnigen Film nicht herausfiltern), und „Revelations of a Psychiatrist on the Perverse World of Sex“, eine Art Mondo mit Hardcore-Sex. Tja, und 1974 ließ Polselli dann den mit einem fast schon enttäuschend schlichten Titel daherkommenden „Mania“ (Übersetzung wohl nicht nötig) auf die Menschheit los. Womit wir dann auch bei unserem heute zu sezierenden Objekt wären.

„Mania“ kennt in Deutschland sprichwörtlich nahezu kein Schwein, zumal er, wenn ich das richtig überblicke, auch bis heute keine deutsche Synchronisation erhalten hat, weshalb ich mir in diesem Fall auch die italienische Originalversion vorknöpfen musste – allerdings, damit ich nicht bloß nach den Bildern gehen muss (obwohl das vermutlich die beste Art ist, einen Polselli-Film zu schauen), immerhin mit englischen Untertiteln. Wie auch zu besagtem „Delirio Caldo“ gibt es zu der Fassungsgeschichte von „Mania“ eine Menge zu erzählen, was im Detail bereits Richie Pistilli auf italo-cinema.de getan hat, aber hier trotzdem einmal in Kürze: Damit Polselli bei dem Film nicht auf Konfrontationskurs mit der Zensur gehen musste, veröffentlichte er ihn zunächst in drei unterschiedlichen Fassungen und später dann noch weitere fünf Male, wobei er stets keinen Stein auf dem anderen ließ, mal hier herumschnippelte und mal da an anderer Stelle eine neue Szene einfügte. Trotz der Vielzahl an Versionen sollte der Film in den Folgejahren verloren gehen – bis er schließlich 2007 und somit ein Jahr nach Polsellis Tod in einem Archiv wiederentdeckt wurde. Angeblich hatte der 1997 verstorbene Hauptdarsteller Brad Euston, der einen großen Teil der Produktionskosten übernommen hatte, die Rollen allesamt zurückgerufen und gleich einbehalten, offenbar verbunden mit der aussichtslosen Hoffnung, die Nachwelt möge auf ewig von „Mania“ verschont bleiben. Mit anderen Worten: Schreit dieser Film also nicht förmlich danach, auf dieser Seite gewürdigt zu werden?

Inhalt:

Es ist Nacht, und Baumwipfel biegen sich im Sturm. Ein Erzähler stimmt uns mit schwurbeligen Worten auf das ein, was uns bevorsteht: „Sobald die dunklen Schatten der Nacht unseren Blick auf die Welt verdunkeln, wird der mysteriöse Abgrund des Unterbewusstseins unkontrollierbare Kräfte des Unbewussten freisetzen, und niemand wird mehr wissen, wo die Realität endet.“ Es lässt sich also schon nach wenigen Sekunden deutlich sagen – und wer hätte es sich bei dem Titel auch anders denken können? –, worum es Polselli in den kommenden 82 Minuten gehen wird: die Darstellung des Wahnsinns. Davon hatten wir ja in „Delirio Caldo“ schon reichlich gesehen, vor allem auf der Schlussstrecke, auf der sich katatonische Frauen aus äußerst dubiosen Gründen kreischend auf dem Boden wanden.

Durch diese stürmische und zugleich verregnete Nacht rast ein Wagen über bergige Straßen. Fahrerin ist eine blonde Frau, Beifahrer ein Mann. Die blonde Frau beklagt sich, den Streckenverlauf nur unzureichend erkennen zu können, woraufhin der Mann ihr anbietet, selbst das Lenkrad zu übernehmen. „Was würde das für einen Unterschied machen?“, faucht sie und offenbart damit gleich ihren angespannten Geisteszustand. „Ich möchte nicht verrückt werden. Lailo, du darfst mich nie verlassen. Ich brauche jemanden, der immer bei mir ist“, führt sie fort, und jener Lailo zeigt sich einfühlsam: „Natürlich werde ich dich nicht verlassen, Lisa. Du weißt, dass ich dich liebe. Du musst dich zusammenreißen. Niemand verfolgt dich. Das bildest du dir nur ein.“ Ich habe bereits jetzt den Eindruck, dass es keine sehr gute Idee war, Lisa fahren zu lassen. „Ich bin nicht verrückt!“, schreit Lisa. „Wenn ich esse, wenn ich trinke, wenn ich Auto fahre, wenn ich weiß, was ich tue, bedeutet das doch, dass ich gar nicht verrückt sein kann.“ Das leuchtet mir nicht wirklich ein. Lailo beschwichtigt: „Ich habe nie gesagt, dass du verrückt bist. Du bist nur an jemanden gebunden, der nicht mehr hier ist, an eine Art verrückte Vision gebunden. Er ist weg, Lisa! Versuche, es zu verstehen! Er ist weg!“ „Aber ich kann ihn fühlen, hier, nahe bei mir, lebendig! Mehr, als wenn er lebendig wäre, Lailo!“, wirft Lisa ein und zeigt damit trotz aller Weigerungen, das anzuerkennen, dass sie offenbar doch nicht mehr alle Murmeln beisammen hat.

Lisa kann also „ihn“ fühlen, ich hingegen verspüre so ein schönes wohliges Kribbeln in der Magengegend. Es ist, als wäre ich bei einem guten Freund zu Besuch: Hysterie, die doppelte bis dreifache Wiederholung identischer Sätze, die inflationäre Nennung der Vornamen – das hatten wir alles doch exakt so in „Delirio Caldo“. Bis zu Dialogen wie „Ich bin nicht verrückt, Lailo! Lailo! Nein! Nein! Lailo!“ – „Ich weiß, Lisa! Ich liebe dich! Lisa, ich weiß! Ich liebe dich! Lisa!“ scheint es bereits zu diesem Zeitpunkt nicht mehr weit. Ich freue mich.

Wir stürzen uns gleich in eine Rückblende, denn wer ist dieser „Er“, der noch lebendig ist, obwohl er tot ist, von dem Lisa und Lailo da reden? Wir sehen Lisa (mit einer scheußlich offensichtlichen Perücke) vor einer prächtigen Villa Gartenarbeit verrichten, als sie von ihrem Mann ins Haus gerufen wird. Ihr inneres Ich spricht zu uns (oder doch Lisa gerade zu Lailo – das bleibt aber unklar): „Ich erinnere mich genau daran, das Haus, mich und ihn, immer voller Enthusiasmus.“ Er führt sie in sein Forschungslabor, das dann auch so wirkt, als hätte Jess Franco höchstpersönlich es für einen seiner eigenen futuristisch angehauchten Filme zu der Zeit („Dr. M schlägt zu“ beispielsweise) eingerichtet: mittig eine Art roter Elektrogrill, im Hintergrund so etwas wie ein Riesenbackofen mit vielen Knöpfen und blinkenden Lichtern dran. Begeistert berichtet der Mann seiner Gattin von seiner neuesten Erfindung, einer Strahlung, die das Nervensystem von lebender Materie kontrollieren könne. Jedenfalls behauptet er, dass es ihm gelungen sei, eine Biene im Flug zu stoppen, bleibt uns den bildlichen Beweis aber schuldig. Er müsse nur noch seine Instrumente richtig einstellen, dann könne er bald jede Krankheit heilen. Markige Worte, die seine Frau mitreißen: „Brecht (!), das ist alles so wundervoll! Irgendwann wird man dir ein Denkmal setzen.“ Allerdings leidet die Ehe unter den typischen Symptomen, wenn der Ehemann ausschließlich für seine Arbeit lebt. „Aber was ist mit mir?“, fragt Lisa deshalb. „Wann werde ich mit meinem Mann wie eine normale Frau reden können?“ Brecht sieht das Problem nicht: „Jederzeit! Weil du immer in mir bist. Wie am ersten Tag.“ Lisa fragt: „Weißt du, wie lange es her ist, seitdem du mich das letzte Mal geküsst hast?“ Brecht hat keine Ahnung, aber das ist ihm auch egal: „Ich weiß nur, dass du mich gelehrt hast, das Leben zu lieben. Du bist die Inspirationsquelle für all meine Arbeiten.“

Wir merken: ganz schön schnulzig veranlagt, der Herr Wissenschaftler, aber das allein reicht natürlich nicht, wenn die Leidenschaft völlig fehlt. So ist es für Lisa auch eine willkommene Ausrede, als das vermeintliche Hausmädchen ins Labor kommt und von einem Germano (!) fragen lässt, wohin Madam die neuen Rosen gepflanzt haben möchte. Lisas Kühle ist dem feinfühligen Brecht nicht ganz entgangen, und so schaut er reichlich grimmig drein, auch dann noch, als das Hausmädchen sich ordentlich an ihn ranwanzt und ihm gesteht, seine Erfindungen und ihn ganz toll zu finden.

Das ist der richtige Zeitpunkt, um uns wieder in die Gegenwart zu hieven – zu Lisa und Lailo ins Auto. Lisa reißt ihre Augen weit auf. Das kann Darstellerin Eva Spadaro sehr gut, und das maßlose Overacting gibt schon mal die Richtung vor, wie sich „Mania“ auch im weiteren Verlauf gestalten wird. Leise Töne sind nicht Polsellis Sache, er geht hier frühzeitig voll auf die Zwölf und dreht den Hysterie-Regler bei allen Beteiligten auf Anschlag. Wer sich also ruhige Phasen wünscht, wird sie garantiert nie bekommen. „Jedes Detail, jeder Moment, jedes Wort, das ich zu Brecht sagte, drängt sich in meinen Geist bis zu seiner Zerstörung“, gesteht Lisa und provoziert damit bei Lailo ein verzweifeltes „Lisa! Lisa! Lisa!“. Mit seiner Bitte, doch Brechts Tod endlich zu akzeptieren, beißt er bei ihr auf Granit: „Ich möchte ihn nicht akzeptieren.“

Nun geht es wieder zurück in die Rückblende. Lisa läuft aufs Dach ihrer Villa und findet dort einen Typen, der wie Brecht aussieht, aber in Wirklichkeit sein Zwillingsbruder Germano ist. Ihr Voice-over verrät uns, dass sie ihren Mann mit eben diesem betrogen hat – „aus Wut, aber ich weiß nicht, warum, eine wahnsinnige Raserei, die ich schon immer im Blut hatte“. Aus irgendeinem Grund stürzt das Hausmädchen freudestrahlend just in dem Moment ebenfalls aufs Dach. Als es die beiden zusammen sieht, weicht allerdings seine Freude aus dem Gesicht. Lisa bemerkt das Hausmädchen, das aufgrund dieses Anblicks schockiert die Treppe hinunterrennt. „Ich sah Erina. Ihre Sorge machte mich an“, erzählt Lisa weiter. „Ich wusste, dass Brecht nach mir schauen würde. Das fand ich auf absurde Weise aufregend.“

Tatsächlich macht sich Brecht bereits auf den Weg aufs Dach („Lisa! Lisa!“), und Erina versucht, ihn aufzuhalten. „Was ist los, Erina?“ – „Nichts, Professor! Lassen Sie uns wieder runtergehen.“ – „Erina, wo ist Lisa?“ – „Ich weiß es nicht. Ich möchte nicht, dass Sie sie sehen. Sie dürfen nicht leiden, Professor!“ – „Sag mir sofort, wo meine Frau ist!“ – „Nein! Nein! Nein! Gehen Sie nicht hoch!“ Brecht wird handgreiflich und verwickelt sie in ein Handgemenge. „Lassen Sie mich los!“ Man könnte es als etwas übertrieben bezeichnen, was Brecht daraufhin tut, aber es ist nun mal sein Haus: Er stülpt ihr eine Plastiktüte über den Kopf. Erina sackt zusammen, und die Atemnot äußert sich bei ihr darin, dass sie aus Mund und Nase zu bluten beginnt. Dieses Hindernis erfolgreich aus dem Weg geräumt stürmt Brecht nach oben – und wird Zeuge, wie sich Lisa und sein Bruder küssen und der ihr sogar an die Wäsche geht.

Lisas Erinnerungen an damals werden jäh unterbrochen, als Lailo sie rabiat auf den mitten auf der Fahrspur vor ihnen stehenden weißen Wagen aufmerksam macht, in den sie beinahe hineinkracht. Nun reicht es Lailo aber endgültig, und er fordert sie auf, endlich selbst fahren zu dürfen, bevor sie das Auto noch in den Abgrund steuert. Außerdem soll sie umgehend anhalten, um zu überprüfen, ob der oder die Insassen des weißen Wagens möglicherweise Hilfe benötigen. Lisa geht aber auf Konfrontationskurs: „Nein, ich habe Angst! Ist mir egal! Ich möchte nicht mehr reden! Ich möchte niemanden mehr sehen!“ Lailo ist immer noch ganz außer sich, sie solle gefälligst die Geschwindigkeit drosseln – und verdammt nochmal endlich aufhören, während der Fahrt zu denken. Solche Beifahrer können echt nerven. Haben wegen jeder Kleinigkeit was zu nörgeln. Lisa schreit ihn an: „Nun, ich denke! Ich denke! Ich kann ohne Denken nicht leben!“, und ihr inneres Ich ergänzt weiter: „Wie kann man sein Gehirn davon abhalten zu denken? Ich versuche es, aber es klappt nicht.“

Womit wir auch schon wieder in der Rückblende wären. Zu meinem großen Erstaunen hat Erina das Plastiktüten-Attentat auf ihr Leben überlebt und starrt in der nächsten Szene nachdenklich auf den Boden. Brecht kommt auf sie zu und spricht mit ihr. Was er zu ihr sagt, hören wir nicht, aber dafür haben wir ja Lisas Voice-over: „Brecht schien nur eine Sache im Kopf zu haben: Erina zu trösten.“ Äh, das ist aber auch das Mindeste von ihrem Chef nach dieser leicht übertriebenen Kurzschlussreaktion. Die Folgeschäden für Erina sind nicht ohne: „Das arme Mädchen hat seine Stimme infolge des Traumas verloren. Es hatte es zu einer dummen Taubstummen gemacht. Brecht konnte nicht darüber hinwegkommen. Es machte mich wütend. Ich hasste Erina wegen Brechts Gleichgültigkeit gegenüber dem, was ich getan hatte. Ich fühlte mich von seinem Schweigen verraten.“ Oh ja, diese Frau denkt wirklich zu viel. Und wirr. Ich muss Lailo recht geben.

In der Gegenwart bemerkt sie schließlich den Wagen, der eben noch mitten auf der Piste stand und fast eine Karambolage provozierte, hinter sich und dreht sich hektisch um. „Das Auto verfolgt uns!“, ist sich Lisa sicher. Lailo schlägt vor, es doch einfach überholen zu lassen. „Nein! Nein! Nein!“, brüllt Lisa. Stattdessen beschleunigt sie abermals. „Fahr langsamer! Fahr langsamer!“, brüllt Lailo. „NEIN!“, brüllt Lisa. „Fahr langsamer!“, brüllt Lailo. Ja, das ist die hohe Dialogkunstschule meines Freundes Polselli. Trotz des enormen Tempos kann Lisa ihren Verfolger aber nicht abschütteln. Daher versucht es Lailo noch einmal: „Fahr langsamer und lass ihn überholen!“ Und tatsächlich – endlich hat Lailo Erfolg damit. Doch beim Vorbeifahren und einem flüchtigen Blick ins Wageninnere gibt es weiteren Anlass zur Hysterie für Lisa: „Das glaube ich nicht! Der Wagen ist leer! Da sitzt kein Fahrer drin!“ Dafür hat Lailo eine einfache Erklärung: „Vielleicht hat sich der Fahrer nur nach vorn gelehnt, um etwas aufzuheben.“ Da sich der Wagen entfernt, fährt auch Lisa wieder etwas runter: „Vielleicht hast du recht. Ich habe mir das nur eingebildet. Es war bloß Zufall.“

Die Entspannung währt nur kurz, als der weiße Wagen vor ihnen plötzlich bremst und rückwärts fährt. Lisa stößt wieder fast mit ihm zusammen, kann ihn aber im letzten Moment umkurven – was der weiße Wagen zum Anlass nimmt, wieder vorwärts zu fahren. Er holt zum erneuten Überholmanöver aus. Haben wir hier am Ende die italienische Bizarro-Variante von Spielbergs Klassiker „Duell“? Oder einen frühen Vorläufer von „Christine“? Beim Überholvorgang stellt Lisa abermals fest, dass der Wagen auch ohne Fahrer sehr gut fahren kann. „Ist das für dich immer noch ein Zufall?“, zieht Lisa, wenn auch entsetzt, die Ätschbätsch-Karte. „Ist der Fahrer wieder nach vorn gelehnt? Nein, es ist kein Zufall! Es ist kein Zufall! ES IST KEIN ZUFALL!“

Dem mysteriösen Szenario zwischengeschaltet werden Bilder von sich im Sturm biegenden Baumwipfeln. „Lisa! Lisa! Lisa! Lisa!“, redet eine Stimme unentwegt auf Lisa ein, und ich kann nicht ganz zuordnen, ob das die von Lailo oder die von Brecht ist, die sie sich gerade zurecht halluziniert. Vor ihr ist das weiße Auto stehen geblieben. „Überhol es und fahr vorbei!“, fordert Lailo sie auf. Soll das jetzt eigentlich immer so weitergehen? Nein, zum Glück nicht. Lisa hält nämlich an, und Lailo steigt aus, um einen erneuten Blick ins Wageninnere zu werfen, Lisa folgt vorsichtig hinterher und kriegt den nächsten Rappel: „Lailo! Lailo!“ Und als sie selbst in den Wagen schaut: „Nein! Nein!“ Sie läuft zum Wagen zurück, was nun wiederum Lailo Sorge bereitet: „Lisa! Lisa!“ „Ich möchte nicht hier bleiben. Ich habe Angst“, jammert Lisa und liegt damit nicht falsch, denn im nächsten Moment fährt das Geisterauto wieder von selbst los und fährt sie und Lailo fast über den Haufen, doch sie können zur Seite springen.

Lisa und Lailo setzen ihre Fahrt fort, idiotischerweise wieder mit Lisa am Steuer, die ja nun wirklich ein reines Nervenbündel ist, das eher in die Klapse gehört. Lailo zweifelt jedoch ebenfalls an seinem Verstand: „Wer ist das? Wer fährt diesen Wagen?“ Lisa hat ihre Fassung unter ihrem Autositz wiedergefunden und antwortet teilnahmslos: „Niemand.“ „Nur ein Mann wäre zu so etwas fähig“, erwidert Lailo. Lisa stimmt zu: „Mein Ehemann.“ – „Aber er ist tot!“ – „Richtig, er ist tot.“ (Klar, wer Bienen in der Luft stoppen kann, kann sicherlich auch Autos von selbst fahren lassen. Vor allem aus dem Jenseits.)

„Tot“ ist das Stichwort für die Rückblende, in der Brechts Forschungslabor plötzlich in Flammen steht, wo der geniale Wissenschaftler hilflos umherirrt. Lisas Voice-over verrät weitere Hintergründe: „Ich hätte ihn retten können. Ich beobachtete ihn in den Flammen. Ich hatte die Schlüssel für die Tür.“ Und tatsächlich sehen wir Lisa, wie sie dem Flammenmeer von draußen beiwohnt und in ihrer bisher schrägsten Aktion aufgeregt auf das Schlüsselbund in ihren Händen beißt (?). Auch Erina und Zwillingsbruder Germano stehen draußen und sind zum Zuschauen verdammt, versuchen aber wenigstens, Brecht aus dieser Hölle zu befreien. Äh, können sie nicht einfach Lisa explizit bitten, dass sie mal die Schlüssel rausrückt? Oder wissen sie gar nicht, dass sie sie hat? Oder sind das am Ende nur Pro-Forma-Rettungsversuche? Wie dem auch sei: Germano findet sogar einen alternativen Weg in den Keller. „Der Gedanke seines Todes erregte mich“, erklärt Lisa mittels Voice-over ihre Beweggründe für ihre Tatenlosigkeit. Germano gelingt es schließlich zwar, seinen Bruder aus dem Labor zu bergen, aber bereits so angekokelt, dass jede Hilfe zu spät kommt. Auch er selbst erleidet bei dem vergeblichen Rettungsversuch schwere Brandverletzungen. Erschöpft wirft er sich auf den Boden, und kurz sieht es so aus, als wäre auch er tot, aber dann schlägt er dramatisch die Augen auf.

Damit hätten wir auch endlich die Rückblende und somit den Grund für Lisas Seelenqualen vollständig hinter uns gebracht und können durchgängig der Gegenwartshandlung folgen – die auch nicht länger im Wagen stattfindet, weil Lisa und Lailo ihr Ziel erreicht haben, vermutlich ihr Zuhause. Vom Geisterauto, von dem sie eben terrorisiert wurden, sollen sie fortan nie mehr reden. Im polsellischen Universum sind von Toten ferngesteuerte Wagen halt etwas völlig Alltägliches. Stattdessen sehen sie sich mit einer Haustür konfrontiert, die sich trotz Nutzung des Schlüssels nicht öffnen lässt. Es benötigt schon sanften Schultereinsatz durch Lailo, um ins Haus zu gelangen. Lisa stürzt sofort in ein Zimmer, in dem eine junge, sehr benommen erscheinende Frau im Nachtkleid auf ihrem Bett liegt. „Katia! Katia!“, ruft sie panisch und fragt, was hier los ist. Also quasi das, was ich mich schon seit der ersten Szene frage.

Lailo findet in der Zwischenzeit den Grund für die Unmöglichkeit, die Tür zu öffnen: Ein weiterer Schlüssel steckte im Schloss. Deshalb stellt er Katia zur Rede. Die ist selbst ganz aufgekratzt: „Das war ich nicht! Ein Mann war da, der dreimal klopfte. Er sagte, er hätte sich an der Tür geirrt.“ Sie widerspricht sich aber gleich im nächsten Satz, als sie ein grünes Päckchen hervorkramt, das der Mann, der sich an der Tür irrte, für Lisa abgeliefert hätte. Sie drückt Lailo das Päckchen in die Hand, was Lisa wiederum zutiefst beunruhigt: „Mach es nicht auf! Mach es nicht auf!“ Lailo sieht das eher nüchtern: „Ich glaube kaum, dass da eine Bombe drin ist.“ Er öffnet es – es ist eine Schatulle in Form eines Minisargs. Das ist natürlich eine eher beunruhigende Botschaft, die Lisa gar keine andere Chance lässt, als die Augen weit aufzureißen und völlig außer sich zu schreien: „Warum? Warum?“ Und dann direkt an Katia gewandt: „Warum hast du es angenommen?“ Die ist ganz kleinlaut: „Ich weiß nicht.“ Lisa kriegt sich gar nicht mehr ein: „Warum? Warum? Warum?“ Sie setzt sich zu Katia aufs Bett und würgt sie: „Warum? Du weißt ganz genau, wer der Mann war! Du weißt es! Du weißt, wer das war!“ Dann besinnt sie sich und lacht wie eine durchgeknallte Irre, die sie zweifelsohne ja auch ist. Ich konstatiere nach 15 Minuten: Die Hysterie, die sich in „Delirio Caldo“ erst ungefähr in der letzten halben Stunde manifestierte, haben wir hier von Anfang an. Wie gesagt: Ich freue mich. Ich freue mich sogar sehr. Auf weitere hysterische 67 Minuten!

Das einzig Positive – Lisa ist sich dessen, dass ihr Oberstübchen nicht ganz so funktioniert, wie es eigentlich sollte, völlig im Klaren (obwohl sie es in der Anfangssequenz gleichzeitig ständig verbal bestritt). Nach einigen Flashback-Bildern von der besagten feurigen Unglücksnacht liegt sie nämlich mit Tränen in den Augen bei ihrem Psycho-Doktor auf der Couch. Der ist nach allem, was er so von ihr gehört hat, ein Verfechter der Konfrontationstherapie, um die Geister der Vergangenheit endlich zur Ruhe kommen zu lassen: Sie müsse allen Mut zusammennehmen und ein paar Tage in der Villa verbringen, in der ihr Ehemann ums Leben gekommen und auch begraben worden ist. „In anderen Worten: Ihnen muss klar werden, dass tote Menschen normalerweise in ihren Gräbern bleiben“, meint er. Man beachte das „normalerweise“. In Polsellis Filmwelt gibt es immer Ausnahmen von der Regel, weil auch seine Filme stets Ausnahmen von der Regel sind, dass Filme im Entferntesten Sinn machen sollten. Der Psychiater verleiht seiner Hoffnung Ausdruck, dass sie dabei einen positiven Schock erleiden wird, der sie zurück in die Normalität katapultiert.

Im Anschluss gesteht Lisa Katia, die ich mittlerweile als ihr hauseigenes Dienstmädchen einstufe, Angst davor zu haben, in ihr altes Zuhause zurückzukehren. „Ich hasse das Haus! Ich hasse mein Leben!“ Katia beruhigt sie und bestärkt sie darin, dem Rat ihres Psychiaters Folge zu leisten. „Aber was ist, wenn mein Gehirn explodiert?“, äußert Lisa arge Zweifel. Keine Sorge, das wird höchstens geschehen, wenn man zwei Polselli-Filme am Stück schaut. Das sagt Katia zwar nicht, aber ich weiß, dass sie auch so denkt, als sie meint: „Madam, es wird vorübergehen, Madam!“

Es folgen weitere Bilder von sich im Sturm wiegenden Baumwipfeln. Ich habe so allmählich den Eindruck, das ist symbolisch für irgendwas. Oder halt ein eleganter Szenenübergang. Oder das, was Polselli dafür hält. Lisa bespricht sich nach Katia auch noch mit Lailo: „Ich fühle mich, als wäre ich eine Mörderin, die zum Ort des Geschehens zurückkehren muss.“ Damit hat die Mörderin nicht so ganz unrecht. Der Dialog läuft über Außenaufnahmen von einem See und Lisa und Lailo, die sich vor einem Boot knutschen. Auch Lailo ist der Meinung, dass sie auf ihren Psychiater hören und so schnell wie möglich aufbrechen soll – und genau das hat sie jetzt auch vor: „Ich muss gleich morgen los, wenn es der einzige Weg ist, nicht verrückt zu werden. Und du wirst bei mir sein. Es ist eine zauberhafte Villa. Wir werden dort eine herrliche Zeit haben.“

Sagte es – und ist am nächsten Morgen dann doch ohne Lailo aufgebrochen, wie er feststellen muss. Es schließen sich – zum ersten und bestimmt letzten Mal in diesem Film – ein paar Sekunden Ruhe und Harmonie an, die bei all den weit aufgerissenen Augen, der Hektik und großer Plärrerei ja bislang noch gar nicht möglich war. Zu harmonisch-melancholischer und durchaus ohrschmeichelnder Musik fährt Lailo mit seinem Mercedes durch eine Berglandschaft mit Seen und Wäldern und hält schließlich vor der Villa, in der er Lisa vermutet. Dabei wird er von einem eher unfreundlichen schnurrbärtigen Herrn im Rollstuhl mit einer lappenförmig-krustigen Wunde über dem rechten Auge außerhalb des Anwesens in Empfang genommen – dem durch den Brand verunstalteten Germano!

Germano (schroff): Wonach suchen Sie?
Lailo erschrickt.
Germano: Ich habe gefragt, wonach Sie suchen.
Lailo (äußerst präzise): Nach jemandem, der hier wohnt.
Germano: Das ist meine Villa.
Lailo: War das nicht die Villa des armen Professors Brecht?
Germano: Ja, aber Professor Brecht war nicht arm.
Lailo: Natürlich nicht, Sir. Ich meinte „arm“ wie in „tot“.
Germano: Ein Mann wie Professor Brecht lebt auch nach seinem Tode weiter.

Lailo rückt mit seiner Vermutung raus, dass die Witwe des Professors heute hier angekommen sein müsste, doch Germano gibt vor, sie seit dem damals ausgebrochenen Feuer nicht gesehen zu haben. Unterbrochen wird ihr Gespräch von einem Stöhnen. Es entstammt von Erina, die sich auf Germanos Grundstück tummelt und mit großen Augen wie ein scheues Reh hinter einem Baum hervorlugt. „Sie ist bedauerlicherweise stumm“, stellt Germano klar, als Lailo auf sie aufmerksam wird. Ich würde ja eher sagen, Mirella Rossi, die Erina verkörpert, ist bedauerlicherweise eine bemerkenswert schlechte Schauspielerin, die ihre Rolle spätestens, seitdem man ihr eine Plastiktüte über die Birne gezogen hat, mit weit aufgerissenen panischen Augen und offenstehendem Mund anlegt – und das in einer Tour, durchgängig, ausschließlich, immer wenn sie im Bild ist. Augen weit auf, Mund auf – mehr braucht es nicht, um die geistig Behinderte zu spielen. Andererseits ist das vermutlich genau das, was Polselli von ihr verlangte. Lisa-Darstellerin Eva Spadaro macht’s ja schließlich genauso, um die geistig Verwirrte zu spielen.

Dann wird Lailo Zeuge eines weiteren merkwürdigen Schauspiels. In einem Fenster der Villa entbrennt hinter den Vorhängen ein lauter Zweikampf zwischen einer Frau und einem Mann. Für Lailo ist der Fall klar: Die kämpfende Frau muss Lisa sein!

Lailo: Öffnen Sie! Öffnen Sie das Tor! Öffnen Sie!
Germano: Warum sollte ich?
Lailo: Öffnen Sie!
Germano: Welche Befugnis haben Sie, das zu fordern?
Lailo: Ich schmeiße Sie in ihrem Rollstuhl gegen das Tor, wenn Sie nicht endlich öffnen!
Germano: Würden Sie das machen?
Lailo: Das werde ich!
Germano: In dem Fall mache ich wohl lieber auf.

Das ist das Stichwort für die schüchterne Erina, zum Tor zu hasten und es zu öffnen, als könne sie doch hören. Auffällig ist dabei nicht nur ihr permanent grenzdebiler Gesichtsausdruck, sondern auch die Tatsache, dass sie lediglich ein rotes Oberteil, das bis knapp zu den Knien geht, und einen Slip trägt, dafür aber keinen BH sowie keine Hose und Schuhe. Ohne ein Wort des Dankeschöns stürzt Lailo in das Haus, fest gewillt, sich dort umzusehen. Erina folgt ihm in einigem Abstand, ebenso Germano, der die taubstumme Frau vor Betreten des Hauses aber erst einmal wutentbrannt auf den Boden zerrt und schimpft: „Warum hast du das Tor geöffnet?“ Äh, hast du nicht genau das eben gesagt? Oder war das ein Scherz? Woher soll das aber Erina wissen, zumal sie ja taub ist? Erina wehrt sich, indem sie auf dem Boden liegend an den Reifen des Rollstuhls zieht. Ein Zeichen des Protests? Des Entschuldigens? Oder einfach ein Zeichen dafür, dass sie wirklich nicht mehr alle hat? Man weiß es nicht. Nun bemerke ich erstmals, dass Germano neben seiner Brandwunde über dem Auge auch eine restlos verkohlte Hand hat. Das Biest in „Die Schöne und das Biest“ ist eine Schönheit gegen diesen Mann.

Lailo kommt der Quelle der Schreie näher und hört eine Frauenstimme: „Hilfe! Hilfe!“ Und eine Männerstimme ruft: „Du wirst mir nicht entkommen!“ Er spurtet die Treppe hinauf und landet auf dem Dachboden. Irgendwo lacht ein Mann. Lailo geht unverrichteter Dinge wieder runter – und stößt auf Erina, die sich von Germano losgerissen hat und ihn mit undefinierbaren „Uh! Ah! Uh! Ah!“-Lauten und hektischen Ruderbewegungen auffordert, mit ihr in den Keller zu kommen. Mir scheint, der arme Lailo ist hier in einem absoluten Irrenhaus gelandet. Willkommen in der Welt des Renato Polselli! Nach etwas Zögern folgt er der Frau, die ihn zu einem Sarg führt – einem richtigen wohlgemerkt, der wie die Riesenausgabe des Minisargs aussieht, den Lisa geschenkt bekommen hat.

Germano hat sich mittlerweile auch ins Haus gerollt und öffnet die Kellertür, um Lailo abermals zum Gehen aufzufordern. „Ich habe niemanden gesehen, aber Sie stellen sich mir immer in den Weg. Was wollen Sie und warum soll ich gehen?“, erwidert Lailo frech, als wäre das hier automatisch sein Haus, weil seine Freundin hier früher mal gewohnt hat. Genau das stellt auch Germano klar: „Das hier ist mein Haus! Ich sollte ja wohl eher Sie fragen, was Sie hier wollen!“ Allerdings kann ich auch Lailos Standpunkt verstehen, wenn er sagt: „Wenn Sie die Dinge gesehen hätten, die ich gesehen habe, würde jeder nach dem Rechten schauen.“ Ein Kampf zwischen Mann und Frau durchs Fenster, eine taubstumme Bekloppte mit permanenter Angst im Gesicht, ein grölender unkooperativer Rollstuhlfahrer, ein heimischer Sarg – man kann nicht gerade sagen, ihm würde es leicht gemacht werden, unverrichteter Dinge wieder abzuhauen. Er zentriert seine Wut auf Erina und packt sie an den Oberarmen: „Was wollten Sie mir sagen? Wovor haben Sie Angst?“ Äh, Lailo, sie hat dich gerade in den Keller zu einem Sarg geführt. Du stehst direkt vor ihm. Wäre es daher zu viel verlangt, vielleicht mal – nun ja – den Sarg zu öffnen? Und wovor sie Angst hat, habe ja sogar ich mir herleiten können. „Lassen Sie sie in Ruhe! Sie kann Sie nicht hören und Sie kann nicht sprechen! Sie kann nicht sprechen!“, zetert Germano weiter, und weil es gerade an der Tür klingelt, kommt er seiner Gastgeberrolle nach und lässt Lailo und Erina Lailo und Erina sein. Vollhorst Lailo aber nutzt nun nicht etwa die Gunst der Stunde, einen Blick in den Sarg zu werfen, sondern rennt seinerseits die Treppen hoch, Erina ebenfalls wie ein Schoßhündchen hinterher. Irrenhaus, ich sag’s ja.

Mittlerweile dürfte auch dem letzten Leser klar sein, dass auch Germano über einen mittelschweren bis schweren Dachschaden verfügt. Brad Euston chargiert als der finstere Hausherr regelrecht um sein Leben, auch jetzt, als sein Germano auf das mehrfache Klingeln mit hektischem Hin- und Hergerolle und panischem Um-sich-Blicken reagiert, anstatt den direkten Weg zur Haustür zu nehmen. Lailo stellt ihn daraufhin zur Rede: „Überrascht es Sie nicht, dass Ihre Gäste Angst haben, wenn sie eine Türklingel hören?“ Ich weiß beim besten Willen nicht, was er damit sagen will. Welche Gäste haben denn gerade Angst? Und warum geht niemand an die Tür, wenn es klingelt? Auch Germano schreit lieber laut rum: „Erina! Erina!“ „Sie ist stumm. Sie kann Sie nicht hören“, entgegnet Lailo und schrammt damit haarscharf am „Still! Ich riech‘ was!“-„Ghostbusters“-Gag vorbei. Gleichzeitig stelle ich die Vermutung an, dass die deutsche Synchronisation von „Delirio Caldo“ möglicherweise weniger falsch gewesen ist, als man gemeinhin annehmen konnte, wenn ich mir das hier alles so anhöre. Oder sind die englischen Untertitel an dieser Stelle falsch und das, was Lailo da gerade gesagt hat, ergibt im Original Sinn? Ich glaube, ich weiß, wofür ich mich entscheide.

Da kommt plötzlich niemand Geringeres als Katia die Treppe herunter, um Germano, Erina und dem unerwarteten Gast Hallo zu sagen. Germano wundert sich: „Ihr seid schon da? Wie seid ihr reingekommen? Warum habt ihr nicht vorher angerufen?“ Das mögen alles auch wichtige Fragen sein. Meine beiden naheliegendsten sind aber zunächst folgende: Wer hat da eben an der Tür geklingelt? Und warum – verdammt noch mal – hat keiner die Tür geöffnet? Fragen, auf deren Antworten ich bis heute warte. Unhöflich übergeht Katia Germanos berechtigte Fragen und führt sich wie selbstverständlich wie eine Angestellte des Hauses auf: „Madam hätte gern Obst zum Abendessen.“ Ich bin hoffnungslos überfordert. Mal wieder. „Ich habe gefragt, wie ihr reingekommen seid. Und warum habt ihr nicht angerufen?“, bleibt Germano beharrlich und kriegt dann endlich mal eine Antwort von Katia. Oder so. „Ich weiß es nicht genau.“ Und wenn sie schon nicht weiß, woher soll ich dann überhaupt noch wissen? Zugegebenermaßen geht sie danach aber noch etwas ins Detail: „Sie hat den Hintereingang genommen und hatte die Schlüssel. Sie hat eine schreckliche Migräne und möchte nicht gestört werden.“ Ich möchte ja wirklich nichts sagen, aber: Gibt es in Italien keine Manieren? Ist es da üblich, dass man einfach kommt und geht, wie man will, selbst wenn einem das Haus, in dem man sich einquartiert, nicht gehört? Germano weiß auch nicht so recht, was er zu all den Unverschämtheiten sagen soll, die ihm gerade widerfahren, und er blickt sich hektisch in alle Richtungen um. Könnte aber genauso gut an seinem bereits angesprochenen Dachschaden liegen. Lailo fragt Katia, wo Lisa nächtigt, und geht nach der gewünschten Auskunft die Treppe hoch, auch wenn Germano heftig protestiert: „Ich möchte nicht, dass Sie sie stören!“ Mir scheint, dass der arme Kerl etwas an seiner Autorität arbeiten müsste, aber wer nimmt so einen lächerlichen Rolli-Fahrer schon ernst?

Lisa sitzt in ihrem Zimmer und schaut ins Leere. Sie hört, wie ihr Name gerufen wird. Dann dreht sie ihren Kopf langsam und macht ihre patentierten großen Augen, weil ganz langsam ein Mensch, dem sie nur auf die Schuhe starrt, über den Flur geht und sich ihrem Zimmer nähert. Eine Vision? Oder Lailo, der im nächsten Moment nämlich plötzlich neben ihr steht und ihr Vorhaltungen macht, weil sie einfach hierher aufgebrochen ist, ohne ihm Bescheid zu sagen? Letzterer wohl nicht, denn plötzlich entdeckt Lisa fette schwarze Schuhabdrücke auf dem Flur, die auch Lailo verwundern. „Ich verstehe, dass sie dir vielleicht Angst machen, aber es sind nur alte Fußabdrücke“, beruhigt Lailo sie. Armer Germano – nicht mal seine Putzfrau hat er noch im Griff. Lisa bestreitet, diese doch sehr auffälligen Fußspuren vorher schon einmal gesehen zu haben und gibt sich zwar alle Mühe, mit ihren Visionen abzulenken, aber Lailo möchte dann doch ganz gern wissen, wieso sie einfach gegangen ist. „Ich möchte mich meiner Vergangenheit allein stellen“, gibt sie einen triftigen Grund an, aber Lailo schluckt das nicht: „Du bist nicht in der Verfassung, dich irgendetwas zu stellen.“ Hä? Du hast sie doch gestern noch dazu ermutigt! Lisa sieht die ganze Angelegenheit als ihr eigenes Bier an, bei dem Lailo ihr gar nicht helfen kann. „Ich kann dich hier nicht allein lassen“, entgegnet Lailo und erreicht damit bei ihr eigentlich genau die Reaktion, die ihm in den Kram passen sollte: „Wenn du nicht gehst, werde ich es tun.“ Anstatt sie nun weiter zu provozieren, bis sie wirklich geht, gibt er aber nach und lässt ihr ihren Willen: „Dann versprich mir aber, dass du mich jeden Tag anrufen wirst.“ Sie verspricht es. Lailo, du bist ein Drömel.

Wir hatten lange keine Aufnahmen mehr von sich im Wind wiegenden Baumwipfeln. Da sind sie aber wieder. Schön. Wollen wir langsam mal ein Trinkspiel daraus machen? Lisa blickt ängstlich aus dem Fenster. Vielleicht sollte ich gar nicht mehr betonen, wenn sie ängstlich ist. Sie hat ja dauerhaft Angst. Sie beobachtet, wie Lailo geht, der beim Verlassen des Hauses noch kurz von Germano aufgehalten wird.

Germano: Sind Sie ihr Liebhaber?
Lailo: Nein, ihr Verlobter.
Germano: Das ist dasselbe.

Dann veranstalten sie noch kurz einen Niederstier-Wettbewerb, ehe Lailo sich endgültig verabschiedet. Lisa bleibt also ohne ihren Liebhaber und Verlobten zurück und schluchzt. Ich kapiere jetzt zwar nicht ganz, warum, weil sie ja wollte, dass er geht, aber die Frauenwelt ist mir schon immer ein Rätsel gewesen. Ihr Schluchzen weicht schnell einem Entsetzen, als sie auf den Boden schaut. „Die Fußspuren! Die Fußspuren sind weg!“ Emotional überwältigt beißt sie sich in den Zeigefinger – mit weit aufgerissenen Augen, aber ich glaube, auch diese Bemerkung kann ich mir zukünftig sparen, weil ihre Augen eh ständig weit aufgerissen sind. „Die Fußspuren sind weg!“, wiederholt sie. Tja, Lisalein, bedauerst du schon, nicht sofort abgehauen zu sein? Schwer atmend greift sie zum Telefon und stellt fest, dass die Leitung tot ist. Ausgerechnet in diesem Moment fällt auch noch das Licht aus, und sie stößt einen schrillen Schrei aus.

Unten ist kein Stromausfall. Hier hält sich Katia immer noch bei Erina und Germano auf, weil sie ihrer Herrin ja noch das erbetene Obst bringen möchte. Germano sitzt etwas abseits im Speisezimmer und zittert und wackelt in seinem Rollstuhl vor sich hin, als würden ihm gerade Ameisen durch intime Körperöffnungen laufen. Das hat bestimmt irgendwas zu bedeuten, was ich nur wieder nicht kapiere. Vielleicht hat er auch eine Bombe im Arsch, die jederzeit hochgehen kann. Er fordert Katia auf, doch endlich Lisa die Obstplatte nach oben zu bringen. Sie tut wie ihr geheißen und macht sich auf. Erina hingegen blickt ins Leere und bleibt apathisch stehen. Ich glaube, auch das muss ich nicht länger betonen. Erina starrt permanent ins Leere, mit halb offenem Mund und aufgerissenen Augen, weil traumatisiert, taub, stumm und dumm und so. Aber auch das sagte ich ja schon.

Oben hadert Lisa mit diesen verflixten Fußspuren, die mal da sind und dann wieder weg. Im Inneren macht sie das mit sich aus: „Ich bin nicht verrückt!“ Juhu, sich im Wind wiegende Baumwipfel. „Der Mond kann Fußspuren nicht einfach so verschwinden lassen. Sie waren da. Warum sind sie verschwunden? Warum?“ Hinter ihr öffnet sich langsam die Tür, und Katia tritt mit der Obstplatte ein. Sie schaltet das ja zwischenzeitlich ausgefallene Licht wieder ein und findet Lisa apathisch glotzend vor. Jaja, ich wollte das ja nicht immer dazu schreiben, wenn hier wer apathisch guckt oder die Augen aufreißt. Nach längerer Pause meint sie, der Strom sei ausgefallen, wovon Katia aber nichts mitbekommen hat. „Hast du nichts Merkwürdiges gehört?“, fragt Lisa. Hä? Wieso gehört? Es ist doch bloß das Licht ausgefallen. Hört man das? Katia antwortet: „Nichts. Das Mädchen, das mir [mit der Obstplatte] geholfen hat, ist auch stumm.“ Sorry, noch einmal: Hä?! Wieso erwähnt sie jetzt Erina? Um damit anzudeuten, dass die auch nichts gehört haben kann? Wenn ja, wäre es aber doch sinnvoller zu erwähnen, dass sie taub ist. Oder wenigstens taubstumm. Denn wenn man etwas Merkwürdiges hören will, muss man doch nicht sprechen können. Es ist schon wieder so weit: Mein Gehirn und ich brauchen dringend Erholung.

Lisa bittet Katia zu prüfen, ob das eben tote Telefon jetzt funktioniert. Katia prüft – und es funktioniert. Dann bittet Lisa Katia, einen Blick auf den Boden zu werfen und ihr zu sagen, ob sie etwas sieht. Ja, sie sieht etwas, nämlich schwarze Fußspuren. Ein wenig fühle ich mich inzwischen wie in der schrillen Italo-Variante von „Das Haus der Lady Alquist“. Soll die arme Lisa hier in den Wahnsinn getrieben werden? Und hilft vielleicht sogar Katia dabei? Das würde ihre allgemeine Gefühlskälte erklären. Im Gegensatz zu den anderen Hausbewohnern ist sie nämlich auffällig gelassen. Die nächste Panikattacke ist Lisa jedenfalls gewiss: „Warum habe ich sie nicht vorher gesehen?“ „Vielleicht haben Sie nicht genau geguckt“, bietet Katia einen eher fragwürdigen Erklärungsversuch an, gemessen an dem kräftigen Schwarz und der Breite der Spuren. Lisa wechselt schnell das Thema und fragt, wie sich Germano denn so aufführt. „Er ist sehr nett“, findet Katia, und ich hatte gerade erneut mein „Hä?“-Gesicht mit fragend zusammengekniffenen Augen aufgesetzt, als sie wenigstens noch anfügt: „Aber er ist sehr eklig und ein echter Quälgeist.“ Okay, damit widerspricht sie sich also innerhalb einer Sekunde innerhalb eines Satzes. Leider können wir Katia damit auch abhaken.

Es ist, als hätte Lisa genau das hören wollen, um die Konfrontation mit ihm zu suchen. Sie verlässt ihr Zimmer und geht die Treppe herunter ins Erdgeschoss, wo Germano rastlos umherrollt. Es ist traurig, wenn man keine Hobbys hat, außer Rollstuhl zu fahren. Als er sie sieht, fragt er sie auch gleich gerade heraus, ob sie ihn abstoßend findet. Lisa ist gnadenlos ehrlich und bejaht. Damit hat Germano aber wenigstens eine Erklärung dafür, warum sie ihm gar nicht erst Hallo gesagt hat, sondern sich bei ihm eingenistet hat, ohne ihn zu fragen, ob sie darf. Zu meinem Erstaunen erweist sich Lisa ausgerechnet in diesem Gespräch mit ihrem durch den Brand entstellten Ex-Geliebten nicht als das Nervenbündel, das sie den ganzen Film über gewesen ist. Germano findet es unter aller Kanone, dass Lisa ihren neuen Lover mit angeschleppt hat, obwohl sie ganz genau weiß, dass er und sie sich einst liebten – drei lange Jahre. „Es tut mir leid, aber ich kann einfach nicht mehr in deiner Nähe sein“, zieht sie einen Schlussstrich, um ihm gar nicht erst neue Hoffnungen zu machen. Aber warum sie seinerzeit beim Brand nicht die Tür geöffnet hätte, will Germano wissen. Und wieso betrügt Lisa jahrelang ihren Mann, wenn sie ihn doch angeblich so liebte? (Meine Frage ist eher: Warum läuft Lisa noch frei herum, wenn sogar Germano weiß, dass das Nichtrausrücken der Schlüssel beim Brand absichtlich geschah?) Lisa hat genug: „Ich bin heruntergekommen, um dir ‚Auf Wiedersehen‘ zu sagen, nicht um mich einer Befragung auszusetzen.“ Germano will es einfach nicht verstehen: „Du hast meinen Bruder mit mir betrogen. Du hast meinen Bruder getötet. Aus irgendeinem absurden Grund bist du in meine Arme gerannt. Darf ich dir wenigstens ein paar Fragen stellen?“ Ich muss sagen, Germano ist schon ein reichlich lächerlicher Schurke, wie er einer Frau, die eigentlich völlig mit den Nerven runter ist, geradezu flehend hinterherläuft. Die verweigert sich auch weiter resolut: „Lisa existiert nicht mehr für dich.“

So schroff wollte Lisa dann offenbar aber doch nicht sein, denn plötzlich bekommt sie Mitleid mit Germano und streicht ihm zärtlich durch die Haare. Doch darauf – haha – hat er doch bloß gewartet und packt sie grob an der Hand. Damit ist jegliche Selbstbeherrschung bei Lisa aufgebraucht, und sie fällt in ihre alte Rolle zurück. „Lass mich los!“, plärrt sie. „Sieh dir diese Hände an! Sie sind eklig! Sieh sie dir an!“, schimpft Germano und grabbelt ihr mit seiner verkokelten Hand im Gesicht rum. „Sie ist eklig! Küss sie! Küss die Hand! Sieh sie an!“ Doch Lisa reißt sich los und erlangt kurz die Kontrolle wieder: „Germano, darf ich dich daran erinnern, dass ich die Witwe deines Bruders bin?“ Da zuckt sie erschrocken zusammen – Erina, das Schlossgespenst, hat sich heimlich, still und leise angeschlichen und streift schweigend (und mit weit aufgerissenen… ja doch, ich weiß, das wusstet ihr schon) durch den Raum.

Zu Lisas Entsetzen fällt dann auch noch schon wieder das Licht aus. „Das Licht! Macht das Licht an! Macht das Licht an!“, kreischt sie. Das geschieht aber nicht, stattdessen ist sie drauf und dran, endgültig dem Wahnsinn anheim zu fallen. Und wir Zuschauer auch. Plötzlich erscheint Brechts einkopiertes Gesicht hinter einem lodernden Feuer. Die Kamera kippt zur Seite. Dann eine verbrannte Hand. Dann zischt und pufft es. Lisa nimmt ihre Hand und beißt erneut in ihren Zeigefinger. Dann ein von der Decke baumelnder modernder Zombie. Dann Rauch. Dann wieder Brecht mit verbranntem Gesicht. Die Kamera kippt zurück. Der durchsichtige, silber-metallic angemalte Geist von Brecht erscheint vor einem roten Vorhang und lacht sie aus. Dann verschwindet er wieder. Dann steht Lailo hinter einer Vase voller Rosen. Dann verschwindet er wieder. Die Kamera kippt wieder zur Seite. Dann stehen auch Erina und Katia vor dem roten Vorhang, vor dem wieder der lachende Metallic-Brecht erscheint – und verschwindet. Katia fällt Erina ängstlich in die Arme. Dann sind Katia und Erina weg. Wieder der lachende Brecht. Wieder weg. Wieder die verbrannte Hand. Wieder Rauch. Wieder pufft es. Wieder Brechts einkopiertes Gesicht hinter dem Feuer. Lisa schreit in einer Tour. Und dann geht das Licht wieder an, alle sind dort, wo sie vor dem Lichtausfall waren – und für mich steht fest, dass ich mich nach diesem Film freiwillig einweisen lasse. Wenn ich ihn denn überlebe.

Germano wundert sich über das merkwürdige Verhalten seiner Ex-Freundin: „Warum hast du geschrien? Rede!“ Lisa ist aber mürbe, und ich konnte sie selten so gut verstehen. „Ich möchte nicht reden. Ich möchte über gar nichts mehr reden. Tu einfach so, als wäre ich nie zurückgekommen!“, sagt sie und läuft – nicht etwa aus dem Haus in die nächstbeste Klapsmühle, sondern in ihr Zimmer zurück. Das findet wiederum Germano wenig dufte: „Genug! Stop! Lisaaaa!“ Die taubstumme Erina schaut ihr kopfschüttelnd hinterher. Ich ihr auch.

Wenn sie denn wenigstens jetzt ihre Koffer packen würde. Stattdessen ruft sie nach Katia, die gerade im Begriff ist, die Koffer auszuräumen. Anstatt sie aber nun davon abzuhalten und abzuhauen, befiehlt sie ihr: „Ruh dich aus. Du musst müde sein. Aber lass die Tür angelehnt.“ (Und eben hast du noch gesagt, du wolltest Germano ‚Auf Wiedersehen‘ sagen. Gleichzeitig hast du aber vor, trotzdem in der Villa zu übernachten. Was stimmt nur nicht mit dir, Lisa?) Katia möchte sich empfehlen, als Lisa sie auf der Türschwelle aufhält und nach einer ihrer Strähnen greift und sie fragt: „Macht es dir keine Angst, hier zu leben, allein mit mir?“ Wieso allein? Ihr seid hier doch zu viert. „Nein, Madam“, ist auch Katias emotionslos klare Antwort, womit sie sich jeweils in den Schlaf verabschieden.

Das heißt: Zumindest Katia verabschiedet sich in den Schlaf. Während draußen mal wieder der Wind durch die Baumwipfel pustet, stolpert Lisa über einen Brief in einem grünen Umschlag. Er ist vom verschiedenen Brecht, der auf betont kitschige Art und Weise, weil Polselli leise Töne eben nicht kann, seiner holden Irren ein Geständnis macht: „Meine geliebte Lisa, seit einigen Stunden bist du nun weg, und ich habe das dringende Bedürfnis, dir zu sagen, dass meine Liebe zum Leben und Arbeiten nur deshalb eine Bedeutung für mich hat, weil du existierst. Du bist die Wurzel, die den Funken für jeden meiner Gedanken liefert.“ Bei derart tiefgründiger Poesie muss ich mich erst einmal von diesem Zuckerschock erholen.

Lisa zeigt ihre Rührung, indem sie apathisch ins Leere starrt, als sie auch schon wieder große Augen macht – denn vor ihr steht plötzlich Freddy Krueger! Oder zumindest dessen Bruder, der gewaltig verbrannten Visage nach zu urteilen. Der verfügt zwar über keinen Messerhandschuh, trägt aber eine schwarze Regenjacke mit Kapuze und kann gar ulkige Grimassen schneiden: Er steht einfach nur mit aufgerissenem Mund da und verdreht seine Augen nach oben und schielt. Lisa nähert sich ihm leicht, weicht dann aber doch zurück, als sich Freddy Kruegers Bruder in Bewegung setzt. Sie wirft sich in ihrer Panik aufs Bett und versucht es mit der bewährten Taktik, einfach die Augen fest zu schließen und dann wieder zu öffnen, in der Hoffnung, dass sich das Hirngespinst in Luft aufgelöst hat. Damit hat sie aber keinen Erfolg: Er steht auch dann noch vor ihr und streckt seine silber-metallic glänzende Hand aus, an der die Zeige- und Mittelfingerspitze jeweils mysteriös glimmen.

In dieser aussichtslosen Lage bleibt ihr nichts anderes übrig, als laut nach Katia zu kreischen, die sich auch gleich aus dem Schlaf reißen lässt und ihre im Bett liegende Chefin total aufgelöst (also wie immer) vorzufinden. Aber keine Spur von Freddy Kruegers Bruder mehr. „Was ist hier los?“, fragt Katia, aber Lisa ist einfach nur froh, sie zu sehen: „Katia! Du bist hier! Bleib hier! Bleib hier bei mir!“ Dabei kommen sie sich ganz nahe, stehen fast Stirn an Stirn. Ich spüre lesbische Schwingungen. „Was ist los? Warum haben Sie geschrien?“ Lisa kommt gar nicht zum Antworten, da klingelt nämlich das Telefon. Katia will rangehen, aber Lisa hält sie zurück, um selbst zu antworten: „Bist du das, Lailo? Hallo? Hallo?“ Fast schade, dass der Film nicht synchronisiert wurde. Das verantwortliche Synchronstudio von „Das Grauen kommt nachts“ hätte daraus bestimmt „Bitte? Bitte?“ gemacht.

Lisa fordert ihre Angestellte auf: „Du gehst ran. Sie reden nicht mit mir.“ Oh doch, Lisa, sie reden mit dir, deine imaginären Stimmen in deinem Kopf. Katia lächelt dabei wieder so seltsam drein, als wüsste sie, was hier vor sich geht. In Polsellis Filmwelt kann das aber auch nur wieder eine völlig logische Reaktion bedeuten. Katia legt wortlos auf und wird dafür von Lisa angeschrien: „Warum hat keiner geantwortet?“ Katia weiß es nicht. „WARUM HAT KEINER GEANTWORTET?“ Dabei zerrt Lisa an Katias Armen, als könnte sie damit von ihr eine Antwort erzwingen. Dann klingelt es wieder. „Du gehst ran!“, kreischt Lisa. Katia geht ran – und gibt das Telefon an Lisa weiter: Es ist Lailo! Lisa fällt ein Stein vom Herzen und bittet Lailo, sie morgen früh zu besuchen und ihren Psychiater mitzubringen. Sie sei angegriffen worden, aber nein, es gehe ihr gut. Das würde mich als ihr Partner wahnsinnig beruhigen.

Lisa könnte nun also endlich besserer Dinge sein, wäre da nicht die hinterfotzige Katia, die sie auf einen Schatten aufmerksam macht, der draußen vor dem Fenster umherschleicht. Folglich kann Lisa wieder nur ausflippen und Katia die kühle und ruhige Unnahbare markieren. Lisa geht gleich wieder in Verteidigungsposition: „Ich bin nicht verrückt! Du hast ihn auch gesehen!“ Katia bejaht, und Lisa weiß sofort, was zu tun ist: „Los! Sag Germano Bescheid! Da ist ein Mann draußen!“ Katia tut es und lässt eine heulende und verängstigte Lisa zurück. Eva Spadaro setzt auf die subtile Technik des Sich-dramatisch-die-Hände-vors-Gesicht-Schlagens (diesmal aber ohne Biss in den Zeigefinger). „Warum?“, heult sie.

Und ein weiterer Schluck aus der Pulle bitte, wir sehen wieder Bilder von sich im Wind biegenden Baumwipfeln. Der Kameramann erinnert uns daran, dass Erina auch noch da ist, indem er ihre Augen in Großaufnahme filmt. Sagte ich, dass sie dabei apathisch dreinblickt? Dann wieder Lisa, die immer noch (oder wieder?) am Fenster steht, sich erschrocken umdreht, weil Erina nämlich an ihrer Zimmertür steht, und die Augen weit … Jaja.

Unten steht Katia im Garten und geht dabei auf und ab. Auch Germano sitzt finster in seinem Rollstuhl rum und bittet die Frau, wieder ins Haus zu gehen, damit sie sich keine Erkältung holt. Er werde schon die Stellung halten. Da Menschen in Polselli-Filmen eigentlich nie sofort das tun, was man ihnen sagt, geht Katia daraufhin erst einmal langsam auf Germano zu, der daraufhin einen von einer Tanne hängenden Zweig greift und der Frau aus seiner Sitzposition heraus damit grob über den Hals streichelt – was die sogleich erregend findet. Wie gesagt: Du und ich wären längst über alle Berge, aber wir haben ja auch leicht reden. Wären wir hingegen Charaktere in einem Polselli-Film, würden wir genauso reagieren wie Katia. Oder Germano. Oder auch Erina und Lisa, die sich gerade schweigend niederstieren. Dann schüttelt Erina den Kopf. Warum auch nicht? Dann geht Lisa auf Erina zu – woraufhin die ängstlich zurückweicht, um, anstatt rückwärts den Raum zu verlassen, die Tür hinter sich zu schließen. Ein Falter lässt sich am Set blicken, und die Kamera fängt ihn an der Gardine hängend ein. Es könnte etwas Symbolisches sein. Der Falter steht für den Wahnsinn. Ja genau, so muss es sein.

Lisa möchte gern draußen nach dem Rechten und vielleicht sogar Linken sehen (obwohl sie doch sooo Angst hat), aber Erina schüttelt weiter den Kopf und will das nicht zulassen. Darum wird Lisa handgreiflich und zerrt an ihr. Dann eine Großaufnahme vom Falter. Ist das vielleicht auch Polsellis Versuch, eine weitere Figur einzuführen? Es würde mich nicht mal mehr wundern, wenn sich der Falter im nächsten Schnitt in ein Pferd und dann in Telly Savalas verwandeln würde, der genüsslich an einem Lolli lutscht und sich danach an einen Flügel setzt, um „Do They Know It’s Christmas?“ zu spielen, woraufhin Lisa mit ausgebreiteten Armen aus dem Fenster fliegt und Erina drei Tennisbälle aus ihrem Slip holt, um damit zu jonglieren.

Stattdessen sehen wir in einer holprigen Parallelmontage einen nun völlig außer Rand und Band sich seinen Gefühlen hingebenden Germano, der Katia quer auf seinen Schoß reißt und sie befummelt, während zwischen Lisa und Erina eine Rangelei entbrennt, bei der Erina schließlich in die Hocke geht und sich in der Position wie ein kleines Kind an Lisas Beine schmiegt. Katia wiederum schimpft mit Germano: „Du tust mir weh!“, ist dann aber doch irgendwie wieder erregt und dann doch nicht und reißt sich los. Lisa findet das verkrampfte Gekuschel, das Erina da gerade bei ihr zelebriert, nach anfänglichem Widerstand recht dufte und schließt genießerisch die Augen. Man könnte glatt vermuten, Erina würde sie gerade oral befriedigen, aber Bilder, die das stützen würden, sehen wir nicht. In diese Was-auch-immer-Situation platzt Katia, übergeht aber gekonnt die verfängliche Situation und lässt sich nicht anmerken, dass sie sich gerade noch vor einer Minute auf dem Schoß eines Krüppels räkelte. „Da ist niemand im Garten“, sagt Katia und versucht der zweifelnden Lisa weiszumachen, sie hätten nur den Schatten eines Baumes gesehen: „Vorhin sahen die Schatten manchmal wie Menschen aus. Aber es waren nur ich und Germano.“ Dies findet Lisa hochgradig verwirrend: „Ich habe Angst.“ Ach was? Erzähl doch mal was Neues. „Ich kann nicht klar denken.“ Was Neues, Mädel, was Neues! Sie und Katia gehen zum Fenster. Katia versucht, Lisa zu beruhigen, aber nicht mit ihr: „Sag schon! Wer war im Garten? Wer war da?“ „Germano hat überall geguckt. Er sagt, Sie müssen sich keine Sorgen machen. Weil er aufpassen wird“, erwidert Katia gewohnt kühl. Oh ja, das würde mich wirklich SEHR beruhigen. Ein völlig Durchgeknallter, der nicht mal gehen kann, als Aufpasser. Katia, du bist die Beste. Das sieht offenbar auch Lisa endlich ein und umfasst Katias Hände. „Ich habe Angst. Bleib bei mir“, sagt sie, und Katia bleibt.

Doch von wegen „Der Schatten war nur ein Baum“: Da draußen läuft wirklich ein Mensch umher. Es ist niemand Geringeres als – Lailo! Was schon die Frage aufkommen lässt, wie er vorhin mit Lisa telefonieren konnte. Anno 1974 gab es so etwas wie Handys noch nicht, soweit ich weiß. Aber da wir ja alle wissen, dass Polselli ein Visionär, ein Genie, ein Alleskönner ist, kann es durchaus sein, dass er schon damals wusste, dass ein Telefon eines Tages nicht nur mit Stromanschluss funktionieren wird. Germano bemerkt Lailo und stellt ihn sogleich zur Rede, warum er schon wieder widerrechtlich auf seinem Anwesen rumlungert. „Ich bin geblieben, um zu sehen, ob diese merkwürdigen Ereignisse auch bei Nacht geschehen.“ Oh ja, Lailo, wenn du wüsstest! Wenn du nur wüsstest, was wir hier schon alles gesehen haben! Bitte rette uns! Germano verrät, dass Lailo seinerzeit, als Brecht noch an der Uni lehrte, dessen Assistent gewesen sei – und wie jeder respektable Assistent sei er irgendwann auch der Liebhaber von Brechts Frau geworden. Lailo stellt nicht zu Unrecht klar, dass Germano das ja wohl einen feuchten Kehricht angehe, kann durch diese klare Ansage aber natürlich auch nicht damit rechnen, dass Germano ihm endlich freundlich begegnet. Im Gegenteil: „Bleiben Sie weg von diesem Haus und lassen Sie die Geister spuken!“ Um zu zeigen, wie ernst er es meint, fährt er Lailo wie ein bockiges Kleinkind, dem die Wasserpistole weggenommen wurde, mit seinem Rollstuhl an. Lailo führt sich weiterhin wie die Axt im Wald auf und will sich nicht sagen lassen, was er zu tun hat. Behände weicht Lailo weiteren Rollstuhlattacken des feindseligen Krüppels aus – und geht dann schließlich doch, nicht ohne ihm noch eine mitzugeben: Er müsse das Tor nicht öffnen, er könne schließlich auch drüber klettern. Germano, dem derartige Kletteraktionen nicht mehr möglich sind, bleibt folglich wutschnaubend zurück.

Man mag inmitten dieses gigantischen Irr- und Wirrsinns annehmen, irgendwann müsse doch der Zeitpunkt gekommen sein, an dem einen nichts mehr überraschen könnte. Polselli aber hat ein Händchen dafür, uns immer wieder einen neuen Football in die Leisten zu treten. Im nächsten Moment sehen wir nämlich Katia – nackt! Gut, das ist vielleicht nichts Ungewöhnliches, aber immerhin dezent überraschend, da „Mania“ bislang mit nackter Haut geizte. Dann aber ruft Katia erbost: „Geh weg! Geh weg!“ – in Richtung der ebenfalls anwesenden Erina, die wiederum auch mit geöffnetem Oberteil und freiliegenden Brüsten apathisch durch die Gegend stiert. Äh, was? Haben wir hier gerade ein Kapitel übersprungen? Hat mein Gehirn aus reinem Selbstschutz für einige Minuten ausgesetzt, ohne dass ich es gemerkt habe? Dachte Polselli, ich muss die einfach mal nackt machen, egal ob es gerade passt? Nun gut, ich beschwere mich nicht.

Katia jedenfalls ist erbost und will Erina hochkant aus dem Zimmer werfen. Es schließt sich ein Catfight an, dem Lisa – ja, auch sie ist da, und nein, sie ist nicht nackt – mit großen Augen im Bett liegend zuschaut, dann aber doch eingreift und Katia um Contenance bittet. „Sie wollte uns nicht beleidigen“, meint Lisa, und ich weiß nicht, was hier schon wieder los ist. Katia beruhigt sich, möchte aber trotzdem, dass Erina geht. „Nur wenn sie es will“, stellt Lisa klar, wer hier die Chefin ist. Erina schüttelt panisch den Kopf und schmeißt sich zu Lisa aufs Bett, um a) uns ihren blanken Arsch zu zeigen und b) um mit Lisa zu kuscheln. Lisa streichelt ihr über den Kopf. Katia hat auf einen gepflegten Dreier aber so gar keinen Bock und droht mit Rückzug in ihr eigenes Zimmer – was Erina wiederum auch wieder nicht recht ist, wenn ihr Kopfschütteln in diesem Film nicht Zustimmung bedeutet, was ich ja grundsätzlich nicht ausschließen will. „Ich möchte dich hier nicht haben!“, keift Katia aber – und stürzt sich für einen weiteren zünftigen Catfight auf die arme Erina. Lisa lässt ein paar mahnende Worte los, aber Katia lässt sich nicht beruhigen: „Geh! Sie hat uns hinterher geschnüffelt! Geh!“ Und Lisa: „Katia, hör auf! Hör auf! Was hat sie dir jemals getan? Hör auf!“ Das könnte jetzt hier vermutlich noch so zwei bis elf Stunden so weitergehen, doch dann schreit von unten Germano plötzlich rum, und wenn Erinas Herr und Meister rumschreit, dann muss unser verhuschtes Mauerblümchen auch sofort zu ihm. So verlässt sie mit einigem Zögern Lisa und Katia.

Ah, sich im Wind wiegende Baumwipfel. Peter Rütten und Oliver Kalkofe hätten mit ihrem Trinkspiel Spaß. So soll das sein. Erina hat sich zu dem bösartigen Germano in den Garten bequemt und sieht sich dabei gleich dessen wütenden Attacken ausgesetzt – diesmal nicht, indem er sie ständig mit seinem Rollstuhl anstupst, sondern indem er ihren Kopf in einem überdimensionierten Kohlegreifer (oder sonstigen SM-Folterinstrument) einquetscht. Sie kann sich zwar daraus befreien, versucht dann aber die Flucht über eine – aus Gründen, aus irgendwelchen Gründen – draußen stehende Kommode, die aber leider vor einem vergitterten Fenster steht. D’oh! Germano kommt ihr also trotz arger körperlicher Defizite immer näher und schnappt einerseits mit dem Zangeninstrument nach ihren Füßen und schlägt andererseits mit einem Seil als Peitschenersatz nach ihr. „Du bleibst gefälligst weg von diesen Miststücken! Du gehörst zur Villa!“, brüllt Germano, und ich bezweifle, dass die Taubstumme das versteht. Erschöpft und schwer schnaufend fällt Erina auf die Knie – und läuft dann weg. Germano resigniert und lässt sie gewähren.

Baumwipfel biegen sich im Wind. Imposante Bilder, die ich mir auch im ARD-Nachtprogramm als meditative Einschlafhilfe gut vorstellen könnte – halt ohne das ganze Drumherum mit den ganzen Psychopathen und Hysterikern. Lisa liegt, wie es scheint, immer noch angezogen tatenlos mit der umso weniger angezogenen Katia im Bett, als es an der mittlerweile abgeschlossenen Zimmertür rüttelt. Katia schreckt hoch: „Da ist jemand an der Tür!“ Ich glaube, Lisa hat sie wegen ihrer beeindruckenden Intelligenz eingestellt. Auch für Lisa, die sich vermutlich noch vor ihrem eigenen Furz erschrecken würde, ist der Gedanke, dass da jemand an der Tür rüttelt, ein schwer erträglicher: „Wer könnte das sein?“ Katia beweist ihren atemberaubenden Mut und geht zur Tür. „Ich habe keine Angst“, sagt sie – und wer steht da vor der Tür? Natürlich Erina, immer noch mit entblößten Brüsten, immer noch stumm, immer noch apathisch, allerdings mit Striemen auf ihrem Oberkörper. Tja, Schätzchen, da hat sich dein zweiminütiger Ausflug zu deinem Arbeitgeber ja vollauf gelohnt. Katia ist wenig erfreut: „Du schon wieder! Geh!“ Ich stellte mich auf einen weiteren Catfight ein, aber mit ihren traurigen Hundeaugen, die Erina auf Lisa richtet, wickelt sie diese um den kleinen Finger und erzeugt Mitleid, gerade als Lisa die Striemen entdeckt – na ja, oder auch nicht. Lisa verliert jegliche Zurückhaltung und zerrt an Erinas Kragen: „Wer hat dich geschlagen? Warum haben sie dich geschlagen?“ Welche „sie“? Deine herbeifantasierten Geister? Katia möchte da was klarstellen: „Sie ist stumm! Sie kann Sie nicht hören und sie kann nicht sprechen!“ Ich finde es gut, dass Polselli mitdenkt und uns in unregelmäßigen Abständen daran erinnert. Gerade die Tatsache, dass sie nicht sprechen kann, gerät aufgrund der Tatsache, dass sie nicht spricht, zumindest bei mir immer wieder in Vergessenheit. Das sorgt dafür, dass Lisa wieder ruhig wird und Erina sanft lächelnd durchs Gesicht streicht. Wenn ich Erina wäre, hätte ich allmählich mehr Angst vor Lisa als vor Germano – zumal die die nächste gedankliche Kehrtwende macht: „Bring mich zu demjenigen, der dich geschlagen hat!“ Verdammt, was denn nun, Lisa? So wie du dich aufführst, solltest du dich mindestens die Nacht in oder unter deinem Bett verkriechen. Stattdessen doch wieder der mutige Schritt nach vorn? Die Frau hat mehr Stimmungsschwankungen als alle Frauen in der Schwangerschaft zusammen. Außerdem: Wer hat sie wohl geschlagen? Ich hatte kein Mathe-LK, aber das kriege ich mit Ausschlussverfahren schon noch irgendwie hin.

Gegen Lisas Aufforderung an Erina, ihr den brutalen Schläger zu zeigen, stellt sich nun unversehens Katia: „Nein! Bitte geht nicht!“ Was ist denn jetzt mit der los? Bisher so tough und nun selbst scheu wie ein Reh. Ich würde die Figuren so gern verstehen. Ich fürchte nur, auch erfahrene Psychologen würden sich an den Kalibern aus diesem Film sämtliche Zähne ausbeißen. „Ich möchte wissen, was hier vor sich geht“, stellt Lisa klar. „Ich möchte es wissen! Du bleibst hier! Ruf Lailo an und sag ihm, dass er schnell herkommen soll!“ Das hätte Lisa auch einfacher haben können, wenn sie ihm vorhin nicht am Telefon gesagt hätte, er solle erst morgen früh kommen.

Wider Erwarten – oder vielleicht doch eher erwartungsgemäß? – schleicht im Garten trotz der Aufforderung, das Grundstück zu verlassen, immer noch der eigentlich fortgejagte Lailo rum und beobachtet die Fassade der Villa. Drinnen greift Katia zum Telefonhörer – und sie sagt: „Dr. Lailo! So schnell wie möglich! Gute Nacht!“ Äh. Mit wem hat sie da jetzt telefoniert? Mit Lailo ja wohl nicht, denn der steht ja draußen rum. Das wüsste ich schon gern. Herrje, selbst das David-Lynch-Universum ist leichter zu durchforsten. Und überhaupt: Dr. Lailo? Ist Lailo der Nachname? Warum spricht Lisa ihn dann immer mit Lailo an? Oder heißt er Lailo Lailo?

Wir sehen – sich im Wind wiegende Baumwipfel. Hätte ich das vorher gewusst, hätte ich neben dem Trinkspiel auch ein Zählspiel gemacht: Wie viele Baumwipfel zähle ich in diesem Film? Germano hat seinen Rollstuhl mittlerweile zurück ins Hausinnere gewuchtet und rollt wie den ganzen Restfilm auch schon ziel- und planlos kreuz und quer durch die Räume. Lisa und Erina gehen die Treppe runter. Dabei hat Lisa ihren panischen Zustand zurückerlangt, und ausgerechnet die stumme Hysterikerin Erina muss sie beruhigend an die Hand nehmen. Das hält aber nicht lange an, dann wird auch Erina wieder ängstlich. „Erina!“, schreit Germano durchs Haus. Erina reißt ihre Äuglein weit auf. „Erina!“ Erina nimmt die Beine in die Hand und rennt aus dem Haus. „Erina!“ Lisa möchte hinterher, kriegt aber die Tür nicht auf und hämmert verzweifelt dagegen. „Öffne sie! Katia! Katia!“ Ach, eben noch zur Telefondame degradiert, und jetzt ist sie plötzlich wieder wichtig genug, um dich aus der nächsten schrecklichen Bredouille zu bringen? Katia würde auch gern kommen, aber die stellt fest, dass auch ihre Zimmertür abgeschlossen ist, und außer Rüttelei ist da nichts zu machen. Lisa probiert, auch andere Türen zu öffnen, aber es bringt nichts: „Sie haben mich eingeschlossen! Katia!“

Kurz dachte ich ja, eine Figur hätte in diesem Film mal etwas Sinnvolles getan, namentlich Erina, indem sie das Weite gesucht hat, aber was war ich naiv! Erina ist alles andere als weg, sondern hat sich von der Kamera unbemerkt zurück ins Wohnzimmer geschlichen, wo sie nun wieder bei Germano rumhängt. Was sie an dem findet, weiß sie wohl selbst nicht. Mit einem einfachen Handgriff wirft er sie zu Boden und setzt abermals die Reifen an seinem Rollstuhl ein, um damit Erina für ihre Widerspenstigkeit zu bestrafen. Lisa hat aufgegeben und rennt nun, da es keinen Ausweg gibt, die Treppen hoch zurück in ihr Zimmer, wo sie eine erneute Vision von Brecht vor reichlich Rauch erleidet. Sie taumelt panikerfüllt zurück, da fällt ein aufgespanntes Netz auf sie herab.

Katia, die ja in ihrem Zimmer ebenfalls eingeschlossen ist, nutzt die Zeit sinnvoll und telefoniert mit Lisas Psychiater, dessen Telefonnummer sie nach eigener Aussage in Lisas Tagebuch gefunden hat. Wozu man halt in seiner Not greift, wenn man das Adressbuch nicht zur Hand hat. Sie kommt gerade noch dazu, „Beeilen Sie sich! Etwas Schreckliches ist passiert!“ ins Telefon zu blöken, da geht das Licht kurz aus, und sie kriegt einen Stromschlag, der sie in die Knie zwingt. Benommen möchte sie den mit ihr zu Boden gegangenen Telefonhörer greifen, aber das scheitert an dem nächsten Stromschlag, sodass ihr nur bleibt, sich aus ihrer Knieposition nah an die Muschel zu beugen und reinzusprechen: „Professor, ich kann Sie nicht hören! Das Telefon steht unter Strom, Professor!“

Was macht das verbliebene Trio im Haus? Lisa konnte sich immer noch nicht aus ihrer misslichen Lage unter dem Netz befreien, und Germano lacht sich scheckig, weil er Spaß daran hat, die sich heftig wehrende Erina mit seinem Rollstuhl zu überrollen. Dann wieder Lisa unter dem Netz, die vor eine weitere Hürde gestellt wird: Von allen Seiten kriechen Aale (?) auf sie zu. Ja genau, Aale. Ich lache irre und sage: Warum nicht? Warum, verdammt nochmal, keine Aale? Aale für alle! Die tun Lisa zwar nichts, aber bringen sie trotzdem zum Schreien: „Germano! Hilfe! Germano!“ Das bringt eben diesen und Erina dazu, umgehend ihr ungewöhnliches Rollstuhl-Spiel zu beenden. „Hilfe! Germano! Hilfe!“, ruft Lisa weiter, aber was soll Germano machen? Treppenlift hat er nicht, und die dumme Pute hätte ja auch nicht nach oben laufen müssen. Erina, die dafür, dass sie nichts hören kann, ganz schön gut hört, will der sich auf dem Boden Aalenden helfen, doch Germano hält sie am Arm fest, um sie dann aber doch mal gucken zu lassen. Grimmig bleibt er trotzdem.

Dafür, dass es Lisas Schreien nach zu urteilen um Leben und Tod geht, schleicht Erina aber ganz schon bedächtig die Treppe hinauf, entdeckt dann aber die leidende Lisa und befreit sie von Netz und Aalen. „Lisa!“, plärrt Germano von unten und rollt nervös hin und her. Lisa und Erina folgen dem Ruf, und das Opfer dieses fiesen Anschlags ist und bleibt völlig durch den Wind: „Es war schrecklich, Germano! Ich bin fast gestorben! Brecht war hier!“ Der selbst im Glashaus Sitzende wirft Steine: „Du bist verrückt!“ Und: „Brecht ist tot!“ Aber Lisa ist sich sicher: „Brecht war hier! Ich habe ihn gesehen! Er war hier! Brecht war hier!“ Germano rollt bewährt energisch in seinem Rollstuhl hin und her und fordert sie auf, mit ihm zu kommen: „Du wirst die Absurdität deiner Worte schon noch verstehen, denn ich zeige dir, wo Brecht ist.“ Doch wie eben geschrieben: Lisa ist und bleibt völlig durch den Wind. „Brecht war hier! Brecht war hier!“, insistiert sie und stampft gedanklich mit dem Fuß auf.

Germano aber ist wild entschlossen, ihr ihren Wahnsinn fett aufs Butterbrot zu schmieren und schickt sie in den Keller zu dem Sarg, den Lailo sich vorhin schon näher ansehen sollte, es dann aber doch nicht tat. „Schau dir an, wo er begraben werden wollte“, ruft er ihr von oben zu. „Ich möchte ihn sehen!“, sagt Lisa. „Es wäre besser, wenn du es nicht tust“, sagt Germano, nachdem er ihr gerade eben noch gesagt hatte, sich anzuschauen, wo Brecht begraben werden wollte. „Ich möchte ihn sehen!“, sagt Lisa. (Wir haben’s kapiert, Lisa!) „Der Tod, den du ihm beschert hast, hat ihn zerstört“, sagt Germano. (Ach, sag bloß, Germano, du formvollendeter Logiker!) „Es wäre besser, wenn du es nicht tust.“ (Wir haben’s kapiert, Germano!) „Ich muss ihn sehen!“, sagt Lisa. (Schnarch.) „Ich möchte nicht verrückt werden!“ (Dafür ist es wohl etwas zu spät, Schätzchen.) „Ich möchte seine Leiche sehen!“ (Dann mach doch endlich!) „Ich möchte sehen, ob ich ihn wirklich getötet habe!“ (Lisa, zum allerletzten Mal: Öffne den Sarg!) „Ich möchte seine Leiche im Sarg sehen!“ (ALTER!!) „Öffne ihn!“, sagt Germano. Dann schließt er die Kellertür. Findet Lisa nicht gut: „Du kannst mich hier doch nicht allein lassen! Hilfe!“ Dann spricht sie sich aber Mut zu: „Ich muss ihn öffnen. Damit ich nicht verrückt werde!“ Es wäre so viel einfacher, wenn sie nicht immer nur reden, reden, reden würde, sondern einfach mal machen, machen, machen.

Dann nähert sich ihr ein Schatten – es ist Erina, die eine Brechstange mitgebracht hat und damit den Sarg langsam öffnet. Siehst du, Lisa, so wird’s gemacht! Doch das, was Lisa dann sieht, lässt ihr das Blut in den Adern gefrieren, denn wer rechnet schon damit, in einem Sarg ein Skelett vorzufinden, aus dessen Körperöffnungen Dutzende eklige Maden quillen? Nun gut, jetzt hat sie ihre Verrücktheit wenigstens Schwarz auf Weiß. Erina macht große Augen, Lisa macht große Augen. Wenigstens schreit Lisa dabei zur Abwechslung nicht, aber das hält nicht lange an: „Warum hat er sie [die Tür] geschlossen? Germano! Germano!“ Da die Kellerluke aber nun mal geschlossen ist, muss sie einen anderen Weg aus dem Keller finden. Zum Glück ist ihr Erina dabei behilflich. Lisa will gerade eine Treppe hinaufgehen, da steht vor ihr jeweils nur für wenige Sekundenbruchteile Brechts weiß geschminkte Leiche. Da nützt auch erneut zwischenzeitliches Augenschließen nicht. Er taucht immer wieder kurz auf. Panisch rennt sie hoch, atmet schwer – und fängt dann irre zu lachen an. Wenn sie nicht schon die ganze Zeit den Eindruck gemacht hätte, Jack Torrances Schwester zu sein, würde ich glatt behaupten, das soll uns sagen, dass sie nun endgültig gebrochen ist.

Während all der Zeit, die seit den ausgeteilten Stromschlägen vergangen ist, hat Katia sich kein Stück vom Fleck gerührt und kniet immer noch auf dem Boden. Da taucht Erina auf und versucht, sich verständlich zu machen. Weil das aber für eine Taubstumme nicht so leicht geht, greift sie nach Katias Hand und möchte ihr etwas zeigen. Katia zeigt großen Widerwillen: „Was möchtest du? Wo führst du mich hin?“ (Äh, sie kann nicht hören und reden. Daran hast du gerade vorhin noch deine Chefin erinnert.) Sie gehen die Treppe runter. „Was ist passiert?“ (Katia, sie kann dich nicht hören! Und reden auch nicht!) Unten am Treppenabsatz liegt die bewusstlose Lisa. In der letzten Szene sah es zwar eher so aus, als würde sie endgültig überschnappen und mit der Axt loslegen, alles kurz und klein zu schlagen, aber gut, ist sie halt bewusstlos. Katia ist entsetzt: „Was haben sie ihr getan?“ (Erina ist TAUBSTUMM, Katia! TAUB und STUMM! Für dich noch mal in Großbuchstaben. Und überhaupt: Jetzt fängst du auch schon mit „sie“ an. Wer sind „sie“? Gibt hier ja aktuell wohl nur zwei, die es getan haben könnten: Germano oder Erina, mit der du gerade sinnloserweise sprichst.) Dann schwenkt sie auch gleich um: „Was hast du ihr getan? Wo bist du gewesen? Warum konnte ich nicht die Tür öffnen?“ (Sie ist TAUBSTUMM! TAUBSTUMM! TAUBSTUMM!!! Katia kapiert es einfach nicht. Ich bin müde. Und entsetzt über so viel Dummheit und/oder Renitenz.)

Dann ist auch Germano plötzlich wieder da und fordert Erina auf zu gehen (obwohl sie doch taub ist – sind denn hier alle bekloppt? Na ja, was für eine Frage, natürlich!): „Du wurdest nicht geboren, um unter Damen zu sein!“ Und tatsächlich läuft Erina umgehend weg. Nun ja, vielleicht hat Germano eine so vibrierende Stimme, dass sie allein durch seine Schwingungen kapiert, was zu tun ist. Lisa ist mittlerweile wieder zu sich gekommen und fragt Katia, ob sie mit Lailo telefoniert hätte, wie sie es ja angeordnet hätte. Die bejaht das – und dann geschieht etwas, was mich (mal wieder) sprachlos zurücklässt. Eine Person denkt logisch – und das ist ausgerechnet Germano, der skeptisch nachfragt, wann Katia denn wohl mit Lailo gesprochen hätte. Sie behauptet, das wäre gerade erst gewesen. Nun schlägt’s aber 13, Germano bezichtigt sie der Lüge, denn wie kann sie mit ihm telefoniert haben, wenn er Lailo doch eben draußen hat rumlungern sehen? Gut, über die zeitliche Auslegung von „gerade erst“ und „eben“ lässt sich schon streiten, denn sowohl das behauptete Telefonat als auch Germanos Begegnung sind jetzt doch schon eine ganze Weile her. „Aber ich habe wirklich mit Dr. Lailo gesprochen“, erwidert Katia, und dann Germano: „Das kann nur stimmen, wenn Lailo ein Telefon in seiner Tasche gehabt hätte.“ Ich sagte es oben: Was für ein Visionär Renato Polselli war! Sagte im Jahr 1974 bereits die Handy-Generation voraus. Der Mann ist so großartig.

Katia weigert sich jedoch vehement, von ihrer Darstellung abzurücken und stellt die Chronologie der Ereignisse aus ihrer Sicht dar: Erst hat sie mit Dr. Lailo gesprochen. Dann war sie plötzlich eingesperrt. Dann rief sie Lisas Psychiater an. Und dann bekam sie einen Stromschlag über das Telefon. Dafür hat Germano eine Erklärung: Dinge wie telefonische Stromschläge gehörten zu den vielen kleinen Spielchen, die Brecht zu Lebzeiten gern zu spielen pflegte. (Was insofern merkwürdig ist, als er ja tot ist. Wundert sich da keiner?) Er berichtet auch, dass Lailo sein Assistent an der Uni und sein liebster Student gewesen sei. (Äh, ja und? Was bringt uns diese Information jetzt weiter? Einfach mal mit deinem Wissen prahlen wollen, oder was?)

Lisa hat sich das alles erstaunlich lange ruhig angehört. Das ändert sich allerdings in diesem Moment: „Das ist verrückt! Das ist verrückt! Das ist verrückt!“ Sie greift sich mit den Händen ins Gesicht und läuft zurück in Richtung ihres Zimmers, aber Katia stürzt hinterher und will hier mal eins klarstellen: „Ich habe Ihnen die Wahrheit gesagt! Ich schwöre, ich habe Ihnen die Wahrheit gesagt!“ Auch die lange so beherrschte Katia hat sich mittlerweile in einen dauerhaften Verzweiflungsmodus gestürzt, was mich nicht wundert: Wer einer Frau wie Lisa dient, muss automatisch irgendwann den Verstand verlieren. Lisa weiß selbst nicht mehr, was sie glauben soll und vertritt die Meinung, dass Lailo und Germano ihr in ihrem miserablen Zustand eigentlich helfen müssten, „aber alles, was sie tun, ist meine geistige Verwirrung noch zu verstärken“. Äh, bei Germano gehe ich ja mit, aber was hat Lailo mit der ganzen Sache zu tun? Der wollte dich doch bei seinem Besuch vorhin sogar noch unterstützen. Das hast du aber abgelehnt.

Lisa schaut vom Flur vor ihrem Zimmer aus mal wieder aus dem Fenster – und gesteht daraufhin gleich, Angst davor zu haben, eben dies zu tun: „Ich habe Angst, dass Lailo wirklich da draußen ist, wie Germano sagt. Denn wenn das stimmt, bedeutet das, dass du und er der Schlüssel zu meinem Wahnsinn sind. Und er möchte den Tod seines Lehrers rächen. Du arbeitest für ihn.“ Moment, Moment, Moment, Moment. Das ist doch nun wirklich sehr konstruiert, würde ich mal behaupten. Bei so viel Schwachfug wundert mich ehrlich gesagt, dass – wie sie in einem Gespräch früher mit Katia bereits befürchtete – ihr Gehirn nicht schon längst explodiert ist. Obwohl – vielleicht sollte man die Möglichkeit, dass es genau so ist, wie Lisa sagt, in einem Polselli-Film nicht auf Anhieb ausschließen. Katia wehrt sich mit Händen und Füßen: „Ich schwöre, dass ich mit Lailo gesprochen habe! Ich schwöre! Lailo kann nicht hier sein! Er kann nicht! Glauben Sie mir das doch!“

Da kann Katia noch so sehr vor sich her behaupten, dass Lailo nicht da ist. Ganz offenkundig ist er es, wie uns ein Blick in den Garten einmal mehr bestätigt. Der stiert nämlich immer noch auf die Hausfassade. Wieder in Lisas Zimmer beteuert Katia auch weiterhin tapfer: „Ich schwöre, er ist nicht hier! Glauben Sie mir! Er ist nicht hier!“ Ich glaube, wenn man alle Satzwiederholungen aus dem Drehbuch streichen und jeden Charakter immer nur ein einziges Mal das sagen lassen würde, was ihn bedrückt, wären wir anstatt bei Minute 66 erst bei Minute 33. Bei einem flüchtigen Blick aus dem Fenster entdeckt Lisa ihren Verlobten Lailo tatsächlich. Wutentbrannt packt sie Katia am Haarschopf und zwingt sie, es ihr gleichzutun. „Vielleicht ist er gerade angekommen“, versucht diese alles, sich ihren eigenen Dachschaden nicht eingestehen zu müssen. Lisa hat da auch gleich ein paar Fragen: „Warum hat er dann nicht geklingelt? Warum sollte er dann hier herumschleichen? Und wie hätte er es in ein paar Minuten bis hierher schaffen können? Warum möchtest du, dass ich verrückt werde?“ Sie würgt Katia quer durchs Zimmer. „Warum? Wir werden alle sterben! Alle!“, schreit Lisa und ist drauf und dran, ihrer Dienerin sämtliche Lebenslichter mit der bloßen Kraft ihrer Hand auszuknipsen, aber die kann sich losreißen. „Warum, Madam?“, fragt Katia ängstlich. Lisa greift einen Kerzenständer und nähert sich ihr unheilvoll. „Nein!“, kreischt Katia und kann in ihr benachbartes Zimmer ausweichen.

Das macht Lisa nur noch wütender, und Jack Torrance und seine Axt sind nun wirklich nicht mehr weit entfernt, als sie ausdauernd mit dem Kerzenständer gegen die Tür hämmert: „Lass mich rein oder ich werde die Tür einschlagen!“ Stanley Kubrick hat für „Shining“ nur bei den Besten geklaut. Katia beteuert trotz aller Beweise, dass sie eindeutig im Unrecht ist, die Wahrheit zu sagen und die Tür erst zu öffnen, wenn Lisa sich wieder beruhigt hat. Lisa entdeckt neben der eben bei ihrer Würgeattacke zu Bruch gegangenen Nachttischlampe die zerschmetterte Glühbirne und greift sie. Mit dem ältesten aller Tricks spielt sie die Lammfromme: „Aber ich glaube dir. Ich möchte dir glauben. Katia, lass mich rein!“ Sie fordert sie auf, jeden Zweifel zu zerstreuen, indem Katia einfach noch einmal bei Lailo anruft. Die verweigert sich: „Ich werde ihn nicht finden. Ich werde ihn nicht mehr finden. Sie haben ihn doch auch gesehen.“ Mit der Erklärung gibt sich Lisa scheinbar zufrieden: „Du hast recht. Vielleicht ist er gekommen, um mich besser beschützen zu können.“ Sie bittet Katia, ihn zu rufen, sie selbst hätte zu viel Angst: „Lass ihn wissen, dass wir ihn gesehen haben. Er wird sich freuen, wenn er weiß, dass es uns gut geht.“ Diese Worte reichen aus, um Katia davon zu überzeugen, dass Lisa vielleicht übergeschnappt sein mag, aber nicht allzu sehr. Sie öffnet die Tür – und zack, ratscht Lisa ihr zum Dank einmal mit der Scherbe quer über den Hals, woraufhin Katia mit offenem Mund melodramatisch langsam den Türrahmen herunterrutscht und blutüberströmt und tot liegen bleibt.

Nun ist auch aus irgendwelchen Gründen für Lailo der Zeitpunkt gekommen, das penetrante Rumgeschleiche sein zu lassen und heimlich das Haus zu betreten (wo auch immer sich wieder Germano und Erina rumtreiben). Das macht er ungeschickt genug, dass Lisas wache Ohren sofort Ungemach wittern. Im Gegensatz zu Lailo weiß Lisa, dass Anschleichen nur funktioniert, wenn man auch wirklich leise ist, und so kann sie sich dem Mann unbemerkt von hinten nähern, bis er nahe genug ist, dass sie mit ihrem Kerzenständer kräftige Schläge auf seinen Hinterkopf ausführen kann. Blutend bricht er zusammen. Lisa hockt sich hin und will ihm den finalen Todesstoß versetzen, als sie sich doch umentscheidet und lieber nach Germano schreit, den sie richtigerweise im Keller vermutet, wo er sie schon erwartet.

Und bevor wir uns noch fragen können, wie Germano in seiner eingeschränkten Mobilität es die Kellertreppe heruntergeschafft haben kann, stellt auch Lisa diese Frage. Er muss aber gar keine Antwort geben, weil sich Lisas Aufmerksamkeit umgehend auf Erina richtet, die wir doch sicherlich alle in den vergangenen Minuten schmerzlich vermisst haben. Die hat der diabolische Germano mit beiden Armen an eine futuristisch anmuten sollende mannshohe Styroporwand mit Alufolienummantelung (o. Ä.) gefesselt, wo sie nun hilflos vor sich hin steht und nur abwarten kann, was der Schurke mit ihr vorhat. Lisa mag inzwischen jegliche geistige Gesundheit eingebüßt haben, aber Erina hat ihr nun wirklich so gar nichts getan, weshalb sie sich zu ihr stellt und ihr in dieser schweren Stunde beistehen möchte. Darauf hat der finstere Germano nur gewartet: Er schnaubt und peitscht beide mit dem Seil aus, das er vorhin ja schon einmal gegen Erina allein eingesetzt hatte.

In einer eher uneleganten Parallelmontage kommt an der Haustür liegend der mitnichten tote Lailo zu sich und steht langsam und schwerfällig, aber anscheinend nicht schwerer verletzt auf. Selbst von seiner blutenden Kopfwunde ist nichts mehr zu sehen. Männer halten halt ein bisschen was aus, auch Haue mit dem Kerzenständer. Unten peitscht sich Germano die Seele aus dem Leib. Lisa, die, obwohl ungefesselt, tapfer neben Erina ausharrt und sich die Peitschenschläge notgedrungen gefallen lässt, kann in dieser Situation nicht hören, wie Lailo nach ihr ruft, der den falschen Weg nach oben wählt, wo er nur noch der im Blut badenden Leiche der gar nicht mehr so lebendigen Katia angesichtig werden kann.

Schließlich hat Germano genug und führt den Frauen ein weiteres Extra dieser komischen undefinierbaren Maschine mit der Styroporwand vor, denn plötzlich schiebt sich wie von Geisterhand eine Glasscheibe quer von links nach rechts vor sie, sodass Lisa und Erina zwischen Wand und Scheibe gefangen sind und nur noch ihre Gesichter gegen die Scheibe pressen können, was zu einigen ulkigen Gesichtern führt, wie wir sie als Kinder früher sicherlich auch häufiger vorbeifahrenden Autofahrern gemacht haben, wenn wir mit den Eltern im Auto in Urlaub gefahren sind. „Das ist ein Spiel, bei dem ich derjenige sein werde, der zuletzt lacht“, sagt Germano – und offenbart uns nun den höchst überraschenden Plottwist, den vermeintlich niemand gerochen hat, der weniger als zwei Filme gesehen hat: Germano ist kein Geringerer als sein Zwillingsbruder Brecht höchstpersönlich! Genüsslich zieht er sich seine Handschuhe aus und offenbart darunter völlig gesunde Hände. Mehr noch: seine angebliche Wunde über dem Auge? Alles bloß Show. „Dachtest du wirklich, du spielst mit Brechts dummem Bruder?“, lacht der Schurke siegesgewiss und fügt an: „Treffe deine Wahl: Gefängnis, Tod oder Wahnsinn? Ich bevorzuge Wahnsinn. Auch wenn mich bewusster Schmerz mehr erregt.“ Lisa und Erina können darauf nicht so recht eingehen und schneiden an der Scheibe weiterhin Grimassen. Immerhin kann Lisa Erina von ihren Fesseln befreien. Brecht setzt im Stil jedes größenwahnsinnigen Bösewichts seinen Monolog unbeirrt fort: „Nur Schmerz und Wahnsinn erregen mich! Alles nur deinetwegen, meine bezaubernde Ehefrau!“ Woraufhin die Styroporwand an den Seiten zuschnappt und die Frauen zu zerquetschen droht. Zumindest laut Drehbuch. Eigentlich sieht es eher so aus, als würden sie in eine Rolle Geschenkpapier eingewickelt werden.

Die Nacht hat sich in den vergangenen Minuten von uns unbemerkt in einen Morgen verwandelt. Lailo, erfolglos auf der Suche nach seiner Geliebten, hastet nach draußen, wo ein Wagen vorfährt, aus dem Lisas Psychiater, Dr. Lous, entsteigt. Wenigstens der Anruf war also kein Hirngespinst, als Katia zum Telefonhörer griff. Lailo hält kurz Kriegsrat mit dem durchaus willkommenen zusätzlichen Gast: „Ich kann niemanden finden! Dabei sollten alle hier sein! Niemand ist mehr da!“ Der Kerl ist schon eine ziemliche Pflaume. Ist ja nicht so, als hätte er nicht vor einigen Stunden bei seinem unangekündigten Besuch von Erina den Keller gezeigt bekommen, wo er probehalber mal hätte nachschauen können. Und dafür, dass er die ganze Nacht nichts anderes gemacht hat, als um die Villa zu schleichen und die Geschehnisse im Inneren so gut wie möglich auszukundschaften, ist das schon enttäuschend lächerliche Detektivarbeit. Auf den würde ich mich zukünftig nicht mehr als deinen Beschützer verlassen, Lisa.

Andererseits: Lisa gibt es ja vielleicht auch gar nicht mehr so furchtbar lange, wie sie so mit Erina in der Styroporwand eingewickelt wird. Dann aber stößt Brecht einen Schrei aus, wohl ahnend, dass die Frauen stark genug sein werden, dieses läppische Ding von einer Todesfalle auseinanderzudrücken und sogar um die Glasscheibe herum zu fliehen. Ich würde ihm raten, jetzt hinterherzulaufen – zumindest nehme ich ja an, dass er auch seine Verletzung, die ihn in den Rollstuhl brachte, nur vorgetäuscht hat, warum sonst wäre er schließlich unten im Keller? –, aber er entscheidet sich lieber für einen weiteren Schrei. Lisa wiederum stößt einen irren Lacher aus und läuft die Kellertreppe hoch. Erina folgt ihr mit einigem Abstand. Richtige Entscheidung – wer weiß, ob Lisa nicht bald wieder zur nächsten Würgerei bläst?

Lisa hat aber nicht allein das Verlassen des Kellers im Sinn, sondern das Betreten des Dachs. Dabei kreischt sie laut – nur für Fall, dass dem Publikum entgangen sein könnte, dass sie wahnsinnig geworden ist. Diese Schreie hören auch die immer noch hilflos ums Haus irrenden Dr. Lailo und Dr. Lous. Bei einem Blick aufs Dach bleibt Lailo fast das Herz stehen: „Nein!“ Erina ist Lisa aufs Dach gefolgt, zieht es aber vor, lieber nur angsterfüllt Mund und Augen aufzureißen, sonst aber keine Rettungsmaßnahmen einzuleiten. So stürzt sich Lisa fertig mit der Welt in die Tiefe und landet dabei Kopf voran in einer Baumgabelung. Bei dem Sturz mit dem Kopf voran rutscht ihr Kleid hoch, sodass sie für Lüstling Polselli noch schnell ihre Möpse lüften darf, weil wir die bis dato ja noch gar nicht gesehen haben. Freundlicher Zuschauerservice (auch wenn man ihr Gesicht dabei nicht sieht, weshalb ich ein Body-Double nicht ganz ausschließen kann). Das ändert aber nichts daran, dass der Sprung Lisa ganz offiziell in eine andere, vielleicht für sie bessere Welt beförderte.

Lailo ist über den Tod seiner Holden erkennbar schockiert und betrachtet das leblose Schlamassel noch einmal aus nächster Nähe – gemeinsam mit Psychiater Lous. Gut, dass der für das Finale vorbeigeschaut hat. Lange Zeit spielte er keine Rolle für das Skript, um am Ende auch keine Rolle zu spielen. Das ist kreatives Drehbuchschreiben. Lous hat auch nur geringfügig weniger geleistet als Lailo, der immerhin den ganzen Film über Zeit hatte, sich als Held zu probieren, um damit schmählich zu scheitern. Zu den beiden Kerlen gesellt sich Erina mit ihrem üblichen Gesichtsausdruck und legt ihren Kopf auf Lailos prächtige Mannsschulter. Ein letzter Blick auf die tote Lisa enthüllt, dass sie aus dem Mund blutet. Dabei wirft jemand außerhalb des Bildausschnitts Laub auf ihren Körper. Für Erina ist dieser Anblick genau der Moment, um ihr Sprachvermögen zumindest eingeschränkt zurückzuerlangen. „Ich liebte … ich liebte …“, sagt sie und rennt weg.

Bevor wir das vergessen: Es gibt da unten im Keller auch noch einen Brecht, der sich immerhin schon im Vergleich zu seiner letzten Szene ein, zwei Meter weiter zum Treppenantritt gearbeitet hat. Wenn uns das jetzt sagen soll, dass er vielleicht durch den Brand doch zum Krüppel wurde, bleibt immer noch die Frage offen, wie er es denn in den Keller geschafft hat. Für den ist die dysfunktionale Styropor-Alufolien-Apparatur, die ja nun nicht das gemacht hat, was sie eigentlich sollte, Schmach genug, um sich resigniert mittels Revolver eine Kugel in den Kopf zu jagen. Noch während er auf den Boden plumpst, betätigt er ein paar Knöpfe auf einem Mini-Schaltpult, womit er dem Anschein nach jegliche für Lisa gedachte Einbildungsspielereien – von Freddy Kruegers Bruder über Metallic-Brecht bis hin zum Schattenspiel am Fenster, das Lailo erst dazu brachte, die Villa einer näheren Untersuchung zu unterziehen (ja, es ergibt keinen Sinn, aber wundern wir uns?) – ausschaltet. Wer ein paar Tränchen verdrückt, muss sich nicht schämen. Ein Schurke, der eigentlich nur liebte. Tragisch.

Damit können wir schnurstracks auf das Happy End (na ja) zugehen. Wir sehen Baumwipfel, aber diesmal keine, die sich im Wind wiegen, sondern welche, durch die die Sonne scheint. Vor der Villa stehen Erina einerseits (die also zwar in der vorigen Szene mal wieder weggerannt ist, aber nicht so weit, dass sie das Grundstück verlassen hätte) und Lailo und Lous andererseits. Lailo ist schon wieder recht locker drauf, hat aber dennoch eine Frage: „Warum das alles?“ Lous ist nach dem tragischen Todesfall noch entspannter und pafft genüsslich eine Zigarre, als er eine Antwort gibt, die ich einfach mal wörtlich übersetze (und somit so, wie es das für „Delirio Caldo“ zuständige deutsche Synchronstudio auch getan hätte), weil sie einfach symptomatisch für all das steht, was der Film uns hier und heute angetan hat: „Die menschliche Intelligenz wird manchmal zum Opfer, wenn das Gleichgewicht des Lebens, das sie umgibt, zu beängstigenden Ungleichgewichten zerschlagen wird. Je höher sie ist, desto beängstigender sind die Früchte, die daraus erwachsen.“ In dem Sinne: Tschüs.

Oh, doch noch nicht ganz, denn es fehlt noch ein passendes Schlussbild. Erina, die mit dem Tod ihres gewalttätigen Prügel-Chefs endlich wieder strahlen kann, geht auf Lailo zu, der mit dem Tod seiner durchgeknallten Uschi endlich wieder strahlen kann. Wie das so ist, Traumata verbinden, und so nimmt er sie in den Arm. Beide posieren, als würden sie sich vor einer Sehenswürdigkeit fotografieren lassen, und schauen sich in die Augen. Soll uns das jetzt sagen, dass die menschliche Intelligenz zu Liebesboten wird, wenn das Ungleichgewicht des Lebens, das sie umgibt, zu wunderschönen Gleichgewichten zusammengesetzt werden? Je niedriger, desto schöner sind die Früchte der Liebe, die verwelken? Vielleicht. Aber vielleicht auch nicht. Wer weiß? Fest steht nur: Elefanten könnten auch Rollläden sein, die am Himmel hängen.

Der Wind bläst durch die Bäume, und dann gibt Polselli jedem Zuschauer, der noch mehr als eine funktionierende Gehirnzelle besitzt, mit einem psychedelisch grünen Abspann den endgültigen Todesstoß …

Erst der heiße Rausch in „Delirio Caldo“, dann der Wahnsinn in „Mania“ – man kann wirklich nicht behaupten, dass Renato Polselli mit seinen Titeln Dinge versprechen würde, die er nicht einhalten würde. Ganz im Gegenteil sogar: Nach der Sichtung von „Mania“ würde ich sogar so weit gehen und sagen, dass es nie treffendere Titel gegeben hätte. „Wahnsinn“ ist nämlich auch das einzige Wort, was mir zu diesem Film einfallen würde – mehr sogar noch als bei „Delirio Caldo“, der wenigstens für einige Sekunden mal seine Figuren etwas Sinnvolles tun ließ. Aber hier? Fehlanzeige. Wenn es jemals technisch möglich sein sollte, dass sich die Psyche eines Menschen – in diesem Fall eben ein dem Wahnsinn verfallener Mensch – in einen Film verwandelt, dann würde am Ende „Mania“ dabei herauskommen: der Wahnsinn in Tüten!

„Bizarr“ wäre vielleicht ein Adjektiv, das mir zu diesem Film noch einfallen würde, und doch trifft es den Inhalt nicht richtig. Die Frage, die ich mir rückblickend am meisten stelle, ist nicht, wie „Mania“ entstehen konnte, sondern, wie „Mania“ SO entstehen konnte. Also in dieser hier präsentierten Form. Das Drehbuch schreit nach dem typischen Labile-Frau-soll-in-den-Wahnsinn-getrieben-werden-Plot, in dem in den Jahrzehnten zuvor beispielsweise schon Ingrid Bergman in „Das Haus der Lady Alquist“ oder Bette Davis in „Wiegenlied für eine Leiche“ die Hauptrollen spielten, aber kein anderer Film ist wie „Mania“, weil nicht nur eine labile Frau durchdreht oder durchdrehen soll, sondern weil hier alle so derartig einen an der Waffel haben, dass Lisa zeitweise gar nicht mal besonders auffällt: Brecht (aka Germano) springt in seinem Rollstuhl wie Zappelphilipp aus dem „Struwwelpeter“ von A nach B nach C und wieder zurück, als hätte er sich in einen Ameisenhaufen gesetzt, schreit hier rum, schreit da rum und hat ganz bestimmt nicht einen Moment der Ruhe. Erina kompensiert ihre Taubstummheit mit völlig übertriebenen Gesichtsausdrücken den ganzen Film hindurch. Noch anders ist Katia, die in ihrer ersten Szene noch wie ein aufgescheuchtes Reh agiert, dann aber eine betont mysteriöse Kühle ausstrahlt, bis sie zum Ende hin sich selbst in Hysterie verliert. Wenn man denn jemanden ausmachen will, der sich halbwegs wie ein Normalo aufführt, ist das vielleicht noch Lailo, der aber auch seine grellen Momente hat und gleichzeitig eher selten im Bild ist.

Das, was sich in „Delirio Caldo“ erst im Finale durchsetzte, gibt es in „Mania“ von der ersten Minute an: gemeingefährliches Chargieren, Schreie, Hysterie – und bewundernswert schräge Einfälle, die sich trotz des an sich simplen Plots immer wieder hineinschieben und den Film schlichtweg unberechenbar machen: die ganze Exposition mit dem führerlosen Wagen, Brechts Plastiktütenangriff auf Erina, das plötzliche Techtelmechtel zwischen Katia und Brecht, nachdem der ihr mal kurz mit einem Ast durchs Gesicht streichelte, die angedeutete Lesbennummer aus heiterem Himmel, Lisas vermeintliche Visionen, allen voran der Freddy-Krueger-Vorläufer, die Netzfalle mit den Aalen, die Foltermaschine … Ich könnte hier noch viel mehr aufzählen, aber belasse es mal bei diesen Beispielen. Fernab all dieser Momente darf man sich dann an den undurchschaubaren Verhaltensweisen der Charaktere erfreuen: Lisas Stimmungsschwankungen, die sie immer mal wieder nach 20-minütigen kreischenden Beteuerungen, nicht verrückt zu sein, ruhig werden lassen, um im nächsten Moment wieder laut loszuschreien und irgendjemanden zu würgen; der wie gesagt kreuz und quer durch die Villa und den Garten rollende Brecht (und er macht wirklich nichts anderes – er rollt einfach nur sinnlos rum); die in schwerer Abhängigkeit für ihren Hausherrn entbrannte Erina, die permanent schweigend durch die Villa huscht und dabei ständig ihre Mitmenschen erschreckt, im einen Moment mit Lisa kuschelt, sich dann unten von Brecht auspeitschen lässt und dann wieder mit Lisa kuscheln will; Katia, die immer so wissend tut, als würde sie etwas verbergen, um schließlich selbst völlig am Rad zu drehen; Lailo, der die ganze Zeit im Garten herumturnt, sich zwischendrin erwischen lässt, dann vermeintlich geht, um dann doch wieder da zu sein und nichts zu tun – eine Wundertüte ist echt nichts dagegen.

Völlig klar, dass am Ende auch viele Fragen offen bleiben. Wie Brecht diese ganzen Spielereien in seiner Villa technisch hinbekommen haben will, ist dabei noch am ehesten zu vernachlässigen. Viel interessanter ist schon, was es mit dem führerlosen Wagen auf sich hat, der Lisa am Anfang an den Rand des Wahnsinns bringt (bzw. sie ihn bereits überschreiten lässt). Soll das nun Brechts Werk sein? Wenn ja, spielt es mit Ende der Szene keine Rolle mehr, und auch Lailo ist es egal. Warum dreht hier jeder ständig bei jedem noch so kleinen Anlass (oder auch ohne Anlass) durch? Warum sagt Katia in ihrer ersten Szene, sie hätte den Schlüssel nicht ins Schloss gesteckt – und warum wird es überhaupt erwähnt, wenn es am Ende doch eh nicht aufgeklärt wird? Welche Rolle spielt überhaupt Katia? Ist sie von Anfang an selbst verrückt? Was will Brecht überhaupt erreichen? Klar, er will Lisa in den Wahnsinn treiben. Warum aber, wenn er sie am Ende eh töten will? Warum versteht Erina so oft, was andere sagen, wenn sie doch taubstumm ist? Warum reden alle ständig mit Erina, obwohl sie taubstumm ist? Und warum wird ihr bedauernswerter Zustand ungefähr fünfmal in diesem Film erwähnt, obwohl das jeder weiß? Polselli hat mit seinem Titel Wahnsinn versprochen – er liefert Wahnsinn an allen Ecken und Enden. Jeder tut Sinnloses, keiner Sinnvolles – als wären sie Außerirdische, die versuchen, menschliche Verhaltensweisen nachzuahmen, aber noch in der Probezeit sind. Insofern stimmt eigentlich alles an „Mania“: Wahnsinnige tun Wahnsinniges. Punkt.

Polselli nimmt also erstaunlich viele Merkmale seines „Delirio Caldo“ mit in diesen Film. Dazu gehören auch die immergleichen Dialogzeilen. Ganze Drehbuchseiten scheinen mit nur ein, zwei Sätzen gefüllt, die dann entweder fortwährend wiederholt oder in leichter Variation gesprochen werden – und das bevorzugt laut. Es reicht nicht, dass Lisa vor dem Sarg stehend einmal sagt, sie wolle Brecht sehen, sie wiederholt ihre Absicht insgesamt sechs (!) weitere Male. Auch Katia wird später ähnlich oft betonen, dass sie wirklich mit Lailo telefoniert hat, um Lisa von ihrer Unschuld zu überzeugen. Ich weiß nicht, wie oft Lisa betont, dass sie doch nicht verrückt ist/sein will/doch verrückt ist. Die Vornamen der Charaktere werden inflationär ausgesprochen (auch hier: meistens geschrien). Teilweise fühlt man sich wie in einer Zeitschleife gefangen, weil alle Figuren immer dasselbe zu sagen und zu machen scheinen – und eines tun sie dabei ganz bestimmt nicht: sich einfach mal hinsetzen. Gut, Brecht sitzt notgedrungen die ganze Zeit, aber dabei bleibt er nie still. Er fährt fluchend vom einen Raum in den nächsten, dann wieder nach draußen, dann wieder zurück und das gleiche Spiel wieder von vorn. Lisa steht gefühlt die Hälfte ihrer Anwesenheit in der Villa am Fenster, läuft dann mal die Treppe runter, dann wieder hoch, dann wieder runter und so weiter und so fort. Erina, die ich oben als Schlossgespenst bezeichnete, wuselt ebenfalls rastlos durch die einzelnen Stockwerke: mal draußen bei Brecht im Garten, dann oben bei Lisa und Katia, dann ruft Brecht sie, also wieder runter, Angst haben, wieder hoch. Und Lailos Rundgang durch den Garten, ohne auch nur irgendwas zu tun außer zu glotzen, habe ich ja auch ausreichend gewürdigt. Der ganze Film ist nach seiner Exposition ein einfaches sinnloses Umherschleichen in und um die Villa, garniert mit panischen oder wütenden Reaktionen, dann mal hier eine Vision eingestreut und da eine unerklärliche Peitsch- und Nacktnummer. Ein Kammerspiel der ganz besonderen Sorte.

Wo Polselli unbestreitbare Qualitäten hat – und das hatte ich ja auch schon in „Delirio Caldo“ festgehalten –, ist die Optik. Ihm gelingen zahlreiche hervorragende und stimmungsvolle Bilder, weil er ein Auge dafür hat. Gerade in den Nahaufnahmen der Gesichter wirkt die Ausleuchtung mit den vielen geworfenen Schatten sehr durchdacht, und er versteht es auch, die volle Breite des Bildausschnittes zu nutzen, den die Kamera aufnehmen kann. Vielleicht sollte dafür eher Kameramann Ugo Brunelli die Lorbeeren einheimsen, aber ganz ohne Regieanweisungen wird der auch nicht gearbeitet haben. Er war jedenfalls auch schon verantwortlich für andere Polselli-Filme, darunter eben auch „Delirio Caldo“. Wovon er allerdings die Finger hätte lassen sollen, ist sein bevorzugtes Stilmittel, von der Nahaufnahme eines Gesichts zurück in die Totale zu fahren. Das führt er so häufig in diesem Film aus, dass so manch schöne Einstellung ihre Wirkung verliert. Der dreimalige Filmkomponist Umberto Cannone hat für den FIlm ein einfaches, aber recht hübsches melancholisches musikalisches Thema geschrieben, das folglich auch mehrfach zum Einsatz kommen darf. Bei den spärlich eingesetzten Effekten wird relativ simpel, aber effektiv mit Einblendungen gearbeitet, die Masken tendieren von eher lachhaft-durchsichtig (Brechts Verbrennungen) bis hin zu hochgradig bizarr (Freddy Krueger!!). In einem Film, der nicht so ein einziges großes Fragezeichen wie „Mania“ wäre, würden sie vermutlich besser funktionieren. Das allgegenwärtige WTF?-Element verhindert das aber.

Der Sleaze-Motor läuft auf nicht ganz so hohen Touren wie „Delirio Caldo“, die PS-Zahl ist aber dennoch nicht zu verachten. Vor allem der Umgang mit Erina wird Feministen nicht hellauf jauchzen lassen: Nicht nur dass die die ganze Zeit nur mit Hemd und Slip rumläuft, auch erweist sie sich – eventuell auch erst hervorgerufen durch ihr Trauma – als unterwürfige, geistig zurückgebliebene Frau, die sich auch mal auspeitschen lässt, obwohl es ihr nicht viel Spaß zu machen scheint. Dass sie dann auch für die „Handlung“ so überhaupt nicht relevant, auch noch blank zieht, passt da dann nur zu gut rein. Katia macht sich ebenfalls nackig und spielt dabei eine sehr undurchsichtige Rolle, indem sie sich in einem Moment tough zeigt, sich dann den Liebkosungen (besser: Böskosungen) von Brecht hingibt und dann zum Nervenbündel mutiert, das auf den ältesten Trick der Welt reinfällt. Von Lisa brauchen wir eigentlich gar nicht wieder anzufangen – die entpuppt sich in der Rückblende frühzeitig als Miststück, das mit den Gefühlen der Männer spielt, und entwickelt sich bis zum Filmende zu einer völlig durchgeknallten mordenden Psychopathin. An sich kein schöner Film für die Frauenwelt also, aber ähnlich wie bei „Delirio Caldo“ gilt, dass mit dem ausgeflippten Brecht ja noch genügend Wahnsinns-Potenzial enthalten ist. Und immerhin bekommt hier am Ende mit Erina ja auch zumindest eine weibliche Vertreterin ein gutes Ende spendiert, wo am Ende bei „Delirio Caldo“ ja alle Frauen tot waren.

Schauspielerisch ist „Mania“ wieder der absolute Knaller. Es ist nicht so, dass hier die Crème de la Crème des italienischen Kinos zusammentreffen würde, aber ganz im Sinne von Polsellis Vorstellungen, von seinen Darstellern stets 250% mehr Gas zu fordern, als es nuanciertere Darsteller tun würden, gibt hier wieder jeder sein Bestes. Eva Spadaro ist quasi unwiderstehlich als wandelnder Nervenzusammenbruch Lisa. Beim weiten Aufreißen der Augen ist sie wahrlich eine Weltmeisterin, an die man so schnell nicht herankommen wird, und als besonderes Gimmick beißt sie auch öfter in irgendwas rein, um ihren mit großen Schritten durchbrechenden Wahnsinn zu visualisieren, etwa in einen Finger oder einen Schlüssel. Brad Euston als Brecht/Germano steht ihr in nichts nach. Er verfährt nach dem Motto: „Ich habe viel Geld in diesen Film investiert, dann möchte ich schließlich auch allen was bieten.“ Dauerhaft griesgrämig rollt er wie ein Irrwisch durch den Film, schreit er rum und peitscht Frauen raus. Trotz seiner weitgehenden Eingeschränktheit im Rollstuhl gibt er alles und neigt auch dazu, eine Flunsch zu ziehen, wenn er sich nur am Rande des Bildes befindet und die Kamera eigentlich andere Bildelemente in den Vordergrund rückt. Ein herrliches Schmierentheater.

Mirella Rossi als Erina liefert eine objektiv schauderhafte Leistung ab, macht aber subjektiv in ihrer völligen Over-the-Top-Taubstummen-Darstellung einfach nur Spaß. Nahezu jedes Mal, wenn sie im Bild ist, lässt sie ihre Gesichtszüge entgleisen, guckt mit großen Augen, als würde sie selbst nicht verstehen, was sie hier eigentlich macht, und lässt den Mund offen stehen, als würde sie jeden Moment lossabbern, weil sie ja laut Drehbuch geistig behindert und auf dem intellektuellen Stand einer Zweijährigen zu sein hat. Der optische Augenschmaus ist Ivana Giordan als Katia, die sich wie ihre Mitstreiterin Rossi auch über einen längeren Zeitraum mal nackig zeigt und damit das Augenlicht des männlichen Zuschauers erfreut. Gleichzeitig bringt sie vermutlich auch die beste Leistung innerhalb des kleinen Ensembles aufs Parkett.

Nicht wirklich der Rede wert sind Eustons männlichen Mitstreiter. Isarco Ravioli … äh … Ravaioli (Lailo) spielt vergleichsweise zurückgenommen, wenn auch mit einigen wenigen Ausbrüchen, und überlässt die große Show lieber dem in den vorigen Absätzen genannten Quartett, was für mich aber überhaupt kein Problem darstellt, weil die größtenteils in einem Maße overacten, dass die Energie auch noch für mindestens fünf weitere Filme reicht. Interessanterweise ist er der mit Abstand am meisten beschäftigte Schauspieler im Cast, der seine vorletzte Rolle im Mega-Barbarentrash „Throne of Fire“ haben sollte. Max Dorian (Lous) taucht nur in zwei Szenen zu Beginn und ganz am Ende auf und fällt daher dabei noch weniger auf als Ravaioli, zumal seine Rolle im Prinzip gänzlich überflüssig ist. Gut, Ravaioli hätte es letztlich auch nicht gebraucht.

Damit denke ich, dass in der Inhaltswiedergabe und nicht zuletzt in der Analyse klar geworden sein sollte: Auch wenn die Annahme naheliegt, dass dadurch, dass der gesamte Film fast ausschließlich an nur einem Schauplatz stattfindet – derselben Villa übrigens, die schon in „Delirio Caldo“ als einer der Schauplätze diente (namentlich Ehepaar Lyntak) – und mit lediglich fünf durchgängigen Figuren auskommt, die Gefahr von zu wenig Abwechslung bestehen könnte, erweist sich dies als falsch und etwaige Befürchtungen als unbegründet. Immer wieder stößt „Mania“ dem Zuschauer in seiner gnadenlosen Unberechenbarkeit vor den Kopf und überwältigt ihn regelrecht mit einem Füllhorn an total absurden und vermutlich unfreiwillig genialen Ideen, sodass der Film zu keinem Zeitpunkt auch nur ansatzweise langweilig zu werden droht. Dazu bei tragen allein schon die wie unter Drogeneinfluss agierenden Darsteller, die völlig von der Leine gelassen werden und schreien und heulen und schimpfen und entsetzlich dumme unerklärliche Sachen machen, dass die Schwarte kracht. Polselli gibt wieder alles, und trotz seiner Unfähigkeit, Figuren abzubilden, die etwas mit der Realität zu tun hätten, was im besten Fall auch genau seine Absicht war (dann wäre er wiederum sehr fähig), merkt man, dass er uns mit „Mania“ irgendwas sagen will – auch wenn ich beim besten Willen nicht wüsste, was.

Ein Feuerwerk des Wahnsinns – wer „Delirio Caldo“ liebte, wird auch „Mania“ lieben. Und ich finde auch: Die anschließende Sicherheitsverwahrung in der Klapsmühle sollte dieser Film für Liebhaber absonderlichster Werke allemal wert sein.


BOMBEN-Skala: 7

BIER-Skala: 8


mm
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