Lemony Snicket: Rätselhafte Ereignisse

 
  • Deutscher Titel: Lemony Snicket: Rätselhafte Ereignisse
  • Original-Titel: Lemony Snicket's A Series of Unfortunate Events
  •  
  • Regie: Brad Silberling
  • Land: USA
  • Jahr: 2004
  • Darsteller:

    Jim Carrey (Graf Olaf), Emily Browning (Violet Baudelaire), Liam Aiken (Klaus Baudelaire), Timothy Spall (Mr. Poe), Billy Connolly (Montague Montague/Montgomery Montgomery [DF]), Meryl Streep (Tante Josephine), Catherine O’Hara (Richterin Strauss), Cedric the Entertainer, Jude Law, Jamie Harris, Luis Guzman, Jennifer Coolidge, Jane Adams, Craig Ferguson


Vorwort

Die Baudelaire-Kinder Violet, Klaus und Sunny werden durch ein verheerendes und mysteriöses Feuer zu Waisen. Zu ihren Vormund wird ihr nächster Verwandter, der Schauspieler Graf Olaf, bestimmt. Schnell wird klar, dass das Interesse des Grafen sich auf die reichhaltige Erbschaft der findigen Kinder konzentriert, weswegen der heimtückische halbseidene Pseudoadelige sich erstens bemüht, das Leben der Kinder zur Hölle zu machen und, weil das allein das Geld nicht bringt, selbiges auch noch möglichst kurz zu gestalten. Dank Violets Erfindungsreichtum können sich die Kinder aus der gestellten Todesfalle befreien und es, wenn auch anders als geplant, so bewerkstelligen, zum nächst-besten Verwandten, dem berühmten Schlangenforscher Montgomery Montgomery weitergereicht zu werden. Der entpuppt sich als liebenswerter Geselle, aber der geldgierige Graf hat noch lange nicht aufgegeben und schmiedet weiter finstere Ränke, um die Waisen in seine Gewalt und an ihr Vermögen heranzukommen…


Inhalt

Ich gebe zu, „Lemony Snicket“ stand noch vor ein paar Wochen auf der Liste der von mir unbedingt zu besuchenden Filme nicht sehr weit oben. Dann aber fiel mir ein Exemplar des ersten Bandes der mittlerweile elfteiligen (und auf insgesamt dreizehn Bände konzipierten) Kinderbuchserie in die Hände – nachdem ich das schmale Büchlein innerhalb eines Nachmittages ausgelesen hatte (kein wirkliches Kunststück), änderte sich das rasch (und die Möglichkeit, den Film dank Freikarten für umme sehen zu können, naja, wie soll ich sagen, Ihr kennt mich…). Und so leid es mir tut (nicht wirklich arg), ich verließ das Kino nach Filmbetrachtung in einem durchaus euphorisierten Zustand – und das bei einem KINDERFILM?

Das ist schon mal das grundlegende Mißverständnis des Films – bei aller Freundschaft (und allen Bemühungen der Marketingmarodeure), als perfekten Kinderfilm würde ich „Lemony Snicket“ nicht bezeichnen – es ist inhaltlich und visuell für die lieben Kleinen schon harter Tobak, der aufgefahren wird, auch wenn der Film im Vergleich zur literarischen Vorlage sogar noch deutlich „entschärft“ wurde. Während die Buchvorlage nun wirklich eine recht grimmige Schauermär mir nur gelegentlichen humoristischen Aufhellungen ist, wurde das Filmdrehbuch doch deutlicher Richtung Komödie gedrechselt – die Gagfrequenz ist wesentlich höher als im Buch, wobei ich nach wie vor der Ansicht bin – „normale“ Kinder dürften das ein oder andere gravierende Verständnisproblem haben (warum z.B. Tante Josephine u.a. panische Angst vor Maklern hat, dürfte sich einem handelsüblichen Achtjährigen sicher nicht ohne weiteres erschließen). Egal, wir hier richten uns ja nicht an ein kindliches Publikum, wir können den Film also jenseits seiner Werte als Kinderfilm würdigen. Und da muss ich einfach mal zugeben: Großes Kino!

Gut, da man dem Streifen ein üppiges 125-Mio-Dollar-Budget und Spezialeffekte von Industrial Light & Magic und der KNB EFX Group spendiert hat, ist schon mal vorauszusetzen, dass das Ding richtig gut aussieht (siehste, „Van Helsing“, so wird das gemacht). Das Production Design ist erstklassig – Graf Olafs Schloß ist angemessen alptraumeinflößend, Tante Josephines Haus ein jeglichen Gesetzen der Schwerkraft trotzendes Unikum; ebenso brilliert die detailverliebte sonstige Ausstattung, die dem Film, der sich konsequenterweise um jede geographische als auch historische Einordnung drückt, ein surreales Flair verleihen (Autos aus den 50er/60er Jahren, die aber mit Wegfahrsperren und Tonband-Geräten anstelle Autoradios ausgerüstet sind z.B.), dito die völlig zu Recht oscar-nominierten Kostüme. Opulent ist auch der hervorragende Score von Thomas Newman.

Das Script setzt sich aus Elementen der ersten drei Bücher zusammen, wobei die Reihenfolge so umgestellt wurde, dass der Film ein angemessen dramatisches Finale (Kenner des ersten Buches werden es wiedererkennen und trotzdem überrascht werden) haben kann – und trotzdem die Tür zu einem möglichen Sequel weit offen lässt, indem nicht alle Fragen beantwortet werden. Es ist gespickt mit skurrilen Situationen, bizarren Charakteren, lustvoll-verrückten Settings und, surprise, surprise, extrem quotablen Dialogen (lustig auch die Idee, Baby Sunnys „Gaga“-Sprachfetzen als pfiffige one-liner zu untertiteln). Der Kunstgriff, die eigentliche Story des ersten Buches quasi als „Bookends“ für das Filmdrehbuch zu verwenden, verschafft dem Film, der ansonsten einen etwas arg episodenhaften Aufbau sein Eigen nennen würde, auch eine vernünftige dramaturgische Struktur.

Regisseur Brad Silberling, den man nach Werken wie „Casper“ und „Stadt der Engel“ nicht unbedingt auf der Rechnung haben musste, wenn’s um vernünftigen Umgang mit großem Budget und einer nicht einfach schnell hingerotzten Geschichte geht (und der den Job erst als Nachfolger von Barry Sonnenfeld übernahm), liefert auch inszenatorisch einen sehr guten Job an. Natürlich profitiert der Film enorm von seinen visuellen Schauwerten (ich wiederhole mich: siehste, „Van Helsing“…) – auch hier dürfte es kaum einen Shot geben, der nicht digital nachbearbeitet wurde -, aber die (makellosen) Tricks (z.B. gibt’s die tricktechnisch beste Riesenschlange seit langem zu sehen) dominieren nicht – es bleibt genügend Raum für die Entfaltung der eigentlichen Geschichte und auch deren melodramatischere (um nicht zu sagen: rührseligeren) Momente. Das Tempo ist jedenfalls angemessen bedächtig genug, um nicht dem visual-overkill-Syndrom zu verfallen (besonders kleinere Kinder dürften aber auch visuell arg überfordert sein), aber auch flott genug, um keine Sekunde zu langweilen.

Schauspielerisch ist „Lemony Snicket“ begreiflicherweise ziemlich abhängig von Jim Carrey, und, mögen mir die Finger abfaulen, ich werde langsam ein echter Fan. Durfte er zuletzt in „Vergiß mein nicht“ seine leisere Seite ausleben, kann er sich in „Lemony Snicket“ wieder einmal voll austoben – unter seinem herausragenden Make-up liefert Carrey eine Show, die alleine das Eintrittsgeld wert ist. Carrey hat, man kann’s nicht anders sagen, es einfach im Blut, einen Gag mit perfektem Timing und perfekten Ausdruck zu setzen und gibt einen wirklich famos-diabolisch-lustigen Schurken ab.

Die Kinderdarsteller machen ihre Sache auch gut (kann man allein schon daran festmachen, dass ich sie nicht persönlich von der Leinwand kratzen und Graf Olaf anfeuern möchte) – Emily Browning („Ghost Ship“, „Darkness Falls“) und Liam Aiken („Road to Perdition“, „I Dreamed of Africa“) verbindet eine gute Chemistry und agieren nicht überzogen (wäre gegen Carreys Performance auch die schlechteste Alternative). Großartig auch (da irgendwie zwischen John Cleese und Sean Connery angelegt) Billy Connolly („The Boondock Saints“, „The Last Samurai“) als sympathisch-verrückter Schlangenforscher und herrlich selbstironisch Tearjerker-Spezialistin Meryl Streep als totalphobische Tante Josephine. Für einen echten Brüller sorgt übrigens auch (nicht weiterlesen, wer sich überraschen lassen will) mit einem unerwarteten Cameo-Auftritt Schauspiel-Ikone Dustin Hoffman. Jude Law spricht in der Originalfassung den Erzähler Lemony Snicket – richtig zu sehen ist er nie, nur seine Hände oder sein Profil im Schatten (ich hab ihn erkannt, yay me!).

Fazit: „Lemony Snicket“ wird es speziell in Deutschland schwer haben, sein Publikum zu finden – nicht nur, dass die Romanvorlage (trotz einer passend zum Filmstart lancierten, liebevoll gestalteten Neuauflage) hierzulande halt keine Sau kennt und Jim Carrey hier nicht unbedingt DIE Starpower hat, die er in den US of A genießt, es ist halt einfach auch kein Film, in den ich meine Sechsjährigen alleine und guten Gewissens reinschicken würde. Trotz des Kinderbuch-Origins der Vorlage und der Tatsache, dass Kinder (neben Carrey) die Hauptrollen spielen, glaube ich, dass Erwachsene an diesem Film mehr Spaß haben werden – wer skurril-abgedrehte Komödien wie „Beetlejuice“ mochte, müsste auch bei „Lemony Snicket“ auf seine Kosten kommen. Mir hat’s sehr gut gefallen und ich melde bereits jetzt an, mir die DVD nach Erscheinen baldmöglichst zuzulegen. Thumbs up!


mm
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