Kitchen Stories


  • Deutscher Titel: Kitchen Stories
  • Original-Titel: Kitchen Stories
  •  
  • Regie: Bent Hamer
  • Land: Norwegen
  • Jahr: 2003
  • Darsteller:

    Joachim Calmeyer (Isak), Tomas Norström (Folke), Reine Brynolfsson, Björn Floberg


Vorwort:

Skandinavien, Anfang der Fünfziger… dem schwedischen Institut für Haushaltsforschung fällt es bei, nachdem man schon die Küchen-Wege für schwedische Hausfrauen optimieren konnte, die Küchengewohnheit alleinstehenender norwegischer Männer untersuchen zu wollen. Dafür fällt ein Rudel schwedischer Forscher mit Wohnwagen und (in der Küche des betreffenden Subjekts aufzustellenden) Hochsitzen in einem norwegischen Provinzkaff ein. Bedingung des Langzeitexperiments – zwischen Beobachter und Beobachtetem darf es keinerlei Kommunikation geben. Dem alten Grantler Isak, der sich leichtfertigerweise freiwillig gemeldet hat, ist das vermutlich ganz recht, jedenfalls macht er’s seinem Beobachter Folke nicht leicht. Doch nach Totalverweigerungstaktik und subtilem Psychoterror kommen sich der eigenbrötlerische Norweger und der etwas orientierungslose Großstadtschwede näher – die vertraglich verbotene Fraternisierung zwischen Forscher und Forschungsobjekt bleibt aber natürlich nicht folgenlos…

Inhalt:

Eigentlich ist es komisch – da beschenken skandinavische Filmemacher, stammen sie nun aus Dänemark, Schweden oder Finnland, seit Jahren mit qualitativ hochwertiger Arthouse-Filmware der unterschiedlichsten Genres („Elling“, „Dänische Delikatessen“, „Lilja 4-Ever“, „In China essen sie Hunde“) und dennoch schafft man es als leidenschaftsloser Konsument, so unterschiedliche Filme mit dem Etikett „irgendwie typisch skandinavisch“ in die gleiche Schublade abzulegen. Es mag sein, dass unsere Freunde aus dem hohen Norden zum Medium Film einen ganz anderen Bezug, eine ganz andere Herangehensweise haben, die ihre kinematischen Erzeugnisse so vom restlichen kontinentaleuropäischen Kino abgrenzt und so einzigartig macht. Auch „Kitchen Stories“, offizielles norwegisches Pferd im Rennen um den Auslands-Oscar 2004, ist ein Film, der „irgendwie nur in Skandinavien“ entstehen kann. Ausgehend von einer realen Begebenheit (nämlich dem tatsächlich seinerzeit existenten „Institut für Haushaltsforschung“, das aber nie Hochsitzbesteiger auf Mission nach Norwegen schickte) konstruiert der Film eine abstrus-absurd-reizvolle Situation, um (was leider für manche skandinavische Filme nicht unüblich ist, siehe „Stealing Rembrandt“) aus dem allerlei Optionen möglich machenden Setup nicht genug zu machen. Böse Zungen könnten mir mal wieder mein mir angedichtetes Aufmerksamkeitsdefizitssyndrom vorhalten, aber „Kitchen Stories“ ist – mal wieder – eine elendiglich langatmige Angelegenheit (allerdings von sogar so enervierender Langatmigkeit, dass „Stealing Rembrandt“ sich dagegen wie „Speed“ ausnimmt). Das Problem, das ich mit dem Streifen habe – aus dem Stoff bzw. seiner absurden Grundsituation könnte man so viel machen: eine wilde Klamotte, ein tiefschürfendes Psychodrama, eine Satire auf den Lebensstil der 50er, meinetwegen sogar einen Thriller, aber Bent Hamer hat eine „Message“ und entscheidet sich daher für eine dramatisch angehauchte Dramödie, oder, um’s bösartig zu sagen, nichts halbes und nichts ganzes. Die Botschaft, für die „Kitchen Stories“ 91 Minuten, die sich mindestens wie 180 anfühlen, braucht: „Man kann nicht nur durch Reden miteinander kommunizieren“ – eine sicherlich ergreifende und richtige Erkenntnis und in den Händen eines fähigeren dramatischen Regisseurs sicher auch dazu geeignet, einen abendfüllenden Film zu befeuern, aber in der skandinavischen Variante unterstützt der Film nur das alte Vorurteil, eine angeregte Unterhaltung zwischen zwei Norwegern/Schweden/Finnen bestünde aus den Worten „Na?“ und „Na und?“, verteilt über mindestens drei Abende. Im Bemühen, den Film von dialogtechnischem Ballast zu befreien und die nonverbale Kommunikation darzustellen, überdreht Hamer für meinen Geschmack mit minutenlangen dialogfreien Passagen, in denen aber so wirklich visuell anregendes anderes auch nicht passiert und langwierigen, statischen Einstellungen. Ich ahne, was Hamer vorgeschwebt haben muss und respektiere auch, dass es einige wirklich gelungene auf diese Art entstandene Szenen im Film gibt, aber die meiste Zeit ging’s mir wie Folkes bedauernswertem Kollegen Green, der bei „seinem“ Versuchsobjekt an der „Schweigepflicht“ zerbricht und, in einer der wirkungsvollsten Szenen des Films, verzweifelt ausruft „Man muss doch miteinander reden!“. My feelings exactly.

Nur zur Sicherheit – nichts gegen lakonischen, spröden Witz, aber „Kitchen Stories“ ist streckenweise so spröde, dass man Angst hat, sich einen Splitter einzuziehen. Eine Komödie, die es in 90 Minuten gerade mal schafft, mich zweimal zum Lachen zu bringen, kann (bei meinem breit gefaßten Humorverständnis, das eigentlich nur bei Fäkalwitzen aussetzt) nicht sooo dolle sein, auch wenn es sich um eine „leise“, ruhige, subtile Komödie handelt. Die Story gibt einfach nicht genug für einen abendfüllenden Film her (zumindest nicht, wenn dieser abendfüllende Film zufälligerweise auch noch unterhaltsam sein soll) – der beabsichtigte Punkt ist schnell gemacht, danach entwickelt sich die Geschichte in extrem vorhersehbaren Bahnen frei jeglicher Überraschungsmomente.

Hamers zurückhaltend-statische Inszenierung mit sich immer wieder wiederholenden Einstellungen (ganz, als hätt’s am Set nur drei oder vier mögliche Kamerapositionen gegeben) ist dem langatmigen Script natürlich keine Hilfe, vielmehr verpuffen einige potentiell witzige Situationen an der – offen gesagt – langweiligen Regie, die an den ausgestorbenen Dinosaurier „Fernsehspiel“ erinnert (die Älteren kennen diese Art TV-Unterhaltung noch aus dem ZDF-Spätabendprogramm…). Jeder kleine Kameraschwenk ist schon ein willkommener Anlaß für einen zuschauerseitigen Begeisterungsausbruch. Sehr schade, denn die winterliche Kulisse des verschneiten Norwegens würde dem Film bei geschickterer Regie schon fast eine „Fargo“-artige Atmosphäre verleihen. So aber ist „Kitchen Stories“ ein echtes Geduldsspiel.

Schade ist das natürlich auch für die wie eigentlich stets im skandinavischen Kino ausgezeichneten Darsteller. Joachim Calmeyer brilliert als eigenwilliger Landkauz Isak und harmoniert gut mit „Folke“ Tomas Norström. Beide wären theoretisch durchaus in der Lage, mit „leisem“, subtil witzigen Material hervorragend umzugehen, nur leider gibt ihnen das Drehbuch viel zu selten wirklich gute Gelegenheiten für ihr Spiel. Reine Brynolfsson als Folkes geplagter und überfordeter Vorgesetzter Malberg könnte für meine Begriffe etwas enthusiastischer agieren, aus Björn Flobergs Grant (Isaks Nachbar und sich zurückgesetzt vorkommender bisheriger bester Freund) hätte man auch mehr machen können.

Bildqualität: Eigentlich könnte ich da so ziemlich jeden Absatz einer Sunfilm-DVD-Bewertung reinkopieren. Es gibt einfach bei Sunfilm mittlerweile diesbezüglich wenig bis nichts zu meckern. Der anamorphe 1.85:1-Widescreen-Transfer ist weitgehend tadellos, mit sehr schönen lebendigen Farben, angenehmem Kontrast und unauffällig arbeitender Kompression, lediglich im Bereich Detail-/Kantenschärfe ginge vielleicht noch ein wenig mehr, aber überdurchschnittliche Noten verdient sich der natürlich verschmutzungs- und artefaktfreie Transfer allemal.

Tonqualität: Satte vier Tonspuren stehen zur Auswahl, wobei die deutsche Synchronfassung sowie der schwedisch-norwegische Originalsprachtrack jeweils in Dolby Surround 2.0 als auch Dolby Digital 5.1 zur Verfügung stehen. Beide Spuren bestechen durch kristallklare Sprachqualität, wobei die originalsprachliche Spur deutlich leiser ist (was schade ist, das die Geräusch- und Musikkulisse, die eh schon fast minimalistisch angehaucht ist, da beinahe völlig im Hintergrund versinkt). Für O-Ton-Freaks werden optionale, aber nicht ganz fehlerfreie deutsche Untertitel natürlich mitgeliefert. Für Höchstwertungen allerdings ist die O-Spur eindeutig zu leise abgemischt.

Extras: Es finden sich doch einige Bonusfeatures auf der Scheibe. Neben dem deutschen und dem norwegischen Originaltrailer sowie Produktionsnotizen des Regisseurs auf elf (leider schwer leserlichen, da irrationalerweise in Schreibschrift gehalten) Texttafeln wird noch ein gut 24-minütiges Making-of aus der Sicht von Kameramann Philip Ogaard geboten (deutsch untertitelt), als besonderen Gag hat Sunfilm noch zwei deutsche Küchen-Werbespots aus den 50ern ausgegraben (lustig, hätte ich gern mehr von gehabt, so sinds zusammen grad mal dreieinhalb Minuten).

Fazit: Soll ich „Kitchen Stories“ nun empfehlen oder nicht? Eher „oder nicht“, denn gerade weil aus dem hohen Norden mittlerweile einiges an guten Filmen auf den deutschen Markt kommt, lohnt es sich mittlerweile auch zu selektieren – man muss nicht mehr alles abfeiern, „nur“ weil es aus Skandinavien kommt. „Kitchen Stories“, auf den ich mich ehrlich gefreut hatte, seit ich die Ankündigungen gelesen hatte, ist, so leid’s mir tut, eine ziemliche Enttäuschung. Vielleicht habe ich falsche Erwartungen gehegt, obwohl ich mit Sicherheit keine Überschall-Gagfeuerwerk-Comedy vorausgesetzt hatte, vielleicht gibt es für derart unaufgeregte und unaufregende Filme tatsächlich ein Publikum, bei mir allerdings fällt der Streifen ob seiner Langatmigkeit glatt durch. Wie gesagt, sehr schade, weil die Grundsituation wirklich eine sehr witzige ist und allerhand zulassen würde, aber in der Form, wie Bent Hamer den Film nun umgesetzt hat, ist „Kitchen Stories“ für mich das Äquivalent zu einer Jumbo-Tasse Grünem Tee – spätestens ab der Hälfte hat man keine Lust mehr und später ist man heilfroh, wenn man den Boden der Tasse sehen kann, weil das Ende in Sicht ist. Die DVD von Sunfilm ist nicht gerade ein Meisterstück (vor allem wegen des zu leisen Originaltons und minimaler Schwächen im Bild), aber verhältnismäßig gut ausgestattet.

2/5
(c) 2006 Dr. Acula


mm
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