High Lane


  • Deutscher Titel: High Lane
  • Original-Titel: Vertige
  •  
  • Regie: Abel Ferry
  • Land: USA
  • Jahr: 2009
  • Darsteller:

    Fanny Valette (Chloé), Raphael Lenglet (Guillaume), Johan Libéreau (Loic), Maud Wyler (Karine), Nicolas Giraud (Fred), Justin Blanckaert (Anton)


Vorwort:

Ein Grüppchen junger Franzosen plant eine Klettertour in den kroatischen Alpen-Ausläufern – bis auf Loic, den neuen Freund von Chloé, sind alles leidlich erfahrene Bergsteiger. Loic hat aber nicht nur aufgrund seiner Muffe vor großen Höhen Grund, gewissen Frust zu schieben. Ungeplant und zumindest seinerseits ausgesprochen unerwünscht ist nämlich auch Guillaume mit von der Partie, Chloés Ex-Freund, der sich aufgedrängt hat und nicht viel Zeit verliert, um zumindest mal vorsichtig auszuloten, ob bei Chloé nicht doch noch was geht. Zu ultimo leader (und Ober-Bergsteig-Koryphäe der Gruppe) Freds Verblüffung ist die ausgekuckte Route ohne Angabe von Gründen geschlossen. Das hält jedoch einen echten Franzosen nicht auf, nach kurzer basisdemokratischer Abstimmung wird beschlossen, die Vier-Stunden-Tour trotzdem in Angriff zu nehmen. Schon bald stellt sich heraus, dass die kroatische Bergwacht den Pfad nicht von Ungefähr für die Öffentlichkeit gesperrt hat, er ist nämlich in beklagenswertem Zustand, speziell die in die Felswände geschlagenen Trittsteige. Das muss zunächst Karine erfahren – die windschiefe Hängebrücke über dem hunderte Meter tiefen Abgrund löst sich in ihre Bestandteile auf, als sie gerade drüberlatscht. Sicherungsseil sei dank kann sie gerettet werden, aber jetzt ist auch klar – umkehren is‘ nich, denn die Brücke war die einzige „Ausstiegsroute“. Also weiter, aber – ausgerechnet – Loic ist der nächste Kandidat, der justament als Fred und Karine gerade mal vorausgeklettert sind, um einen Abschnitt, dem das Sicherungsseil fehlt, notdürftig für den weiteren Aufstieg vorzubereiten, stürzt und hilflos zappelnd im Seil hängt. Gleichzeitig tapst Fred in eine Bärenfalle und wird, kaum ist Karine weg, um den Freunden beim Aufstieg helfen zu können, einem ungewissen Schicksal entgegengezerrt. Nach Loics Bergung wird zur Suche nach Fred geblasen, aber spätestens, als Karine per Armbrustbolzen erlegt wird, wird auch dem begriffsstutzigsten Franzmann klar, dass in den Wäldern hier ein mörderischer Einsiedler auf Opfer lauert…

Inhalt:

Französische Genre-Filme sind (auch beim FFF) immer eine hit-or-miss-Angelegenheit. Man muss die erwischen, deren Macher nicht nur in der „künstlerischen“ Absicht aufgestanden sind, die Schock-, Gore-, Tabu- und Ekelschraube um ihrer Selbst willen bis mindestens zwanzig Prozent über verträgliches Maß hinaus hin anzuziehen. Auf jeden High Tension kommt eben bei unseren gallischen Freunden mindestens ein Martyrs. In welche Kategorie reiht sich „Vertige“ ein?

Nun, ich war nach dem Trailer zumindest hoffnungsvoll (auch wenn der eine Szene, die verteufelt an „Cliffhanger“ erinnert, in den Mittelpunkt stellte) – spektakuläres Bergsteiger-Kino und dazu, wie angekündigt, noch ein wenig Serienkiller-Thrill, das müsste doch mit dem Teufel zugehen, wenn da nicht ein halbwegs ansehnliches Filmchen ‚bei rumkommen sollte (der unverbesserliche Optimist in mir hoffte auf eine Art härtere Ausgabe von „Mörderischer Vorsprung“). Meine Hoffnungen sollten aber bitter enttäuscht werden.

Und zwar um so bitterer – denn gut 40 Minuten lang ist „Vertige“ absolute supersonderspitzenklasse. In dieser Phase erledigen Regisseur Ferry („The Good, The Bad and the Zombies“) und die Autoren Johanne Bernard (bislang nicht tätig gewesen) und Louis-Paul Desanges („Mutants“) einen vorzüglichen Job – nicht nur, dass der Streifen hier einige der nervenaufreibendsten und schlicht weg mörderisch spannendsten Szenen des Bergsteiger-Films auffährt, bei denen selbst alpinistisch nicht vorbelasteten Zuschauern die Handflächen feucht werden, nein, sie bekommen auch die Gruppendynamik ausgezeichnet hin; es ist grundsätzlich eine nachvollziehbare Situation, mit der sich der ein oder andere sicherlich auch identifizieren kann – auch wenn Guillaume der „ungebetene Gast“ ist, ist Loic der Fremdkörper in der Gruppe; er ist der „Neue“, der nicht mitmacht, weil er sein Herz dafür entdeckt hat, auf Felsbrocken herumzuhopsen, sondern nur seiner Freundin zuliebe, sich eh schon nicht sonderlich wohl dabei fühlt, mit ihrer Clique, die ihn zwar freundlich aufnimmt, aber ihn dennoch spüren lässt, dass er streng genommen „keiner von uns“ ist, herumzuhängen, und dann ist da auch noch Guillaume, den niemand eingeladen hat, der aber eben ein alter Kumpel, ein früheres Cliquen-Mitglied ist und daher bei Fred und Karine einen leichteren Stand hat als der auch vom Typ her völlig andere Loic (Loic ist kein Abenteuerer, sondern eher nerdig). Nicht zu Unrecht befürchtet Loic, dass Guillaume versuchen wird, die alt Beziehung zu Chloé, ungeachtet der Tatsache, dass ihr neuer Freund unmittelbar daneben steht, wieder aufleben zu lassen. Ich denke, die meisten von uns kennen das mulmige Gefühl im Bauch, wenn man unerwarterweise mit dem Ex der eigenen Flamme konfrontiert wird, und man kann sich vorstellen, wie sich solches Bauchgrimmen potenziert, wenn man diesem Typen dann sein Leben anvertrauen muss (auch wenn Fred und Karine nach den Maßstäben erfahrener Kletterer vermutlich wahrheitsgemäß behaupten, die Tour wäre leicht, so ist sie doch auch unter idealen Voraussetzungen nicht ungefährlich). Solange der Film sich auf sein Berg- und Charakterdrama konzentriert, ist er famos, spannend, packend – doch dabei bleibt’s eben nicht…

… denn sobald wir in den Genre-Part kommen, stellen wir fest, dass Ferry, Bernard und Desanges keinen „gewöhnlichen“ Killer ins Feld schicken, sondern einen NOCH gewöhnlicheren backwood-inbred-hillbilly-looney-Knaben. Kaum geht’s ans fröhliche Schlachten, verabschiedet sich „Vertige“ ins Reich der erlesenen Scheißdrecksfilme (pardon my french, aber bei einem französischen Film ist das ja angebracht). Es geht noch, solange sich Anton, der Killer, darauf beschränkt, „aus der Distanz“ zuzuschlagen, die Gruppe zu dezimieren, aber wie üblich in dieser Sorte Film stolpern die verbliebenen Protagonisten zwangsläufig über und in den Unterschlupf des Hinterwäldlers, und ab dann ist’s mit jeglicher sinnvollen Dramaturgie dahin, dann wird nur noch der kleinste gemeinsame Nenner an Blut und Schmerzen bedient. Zwar vermeidet „Vertige“ leidlich, ins Fahrwasser schlichter Splatter-Gore-Folterflicks zu geraten, aber anstelle dessen bietet Ferry uns nur Prügel. Im Wortsinne. Anton prügelt seine Opfer (zumindest die, die er nicht durch Bärenfallen und Armbrustbolzen erledigt) zu Klump, wobei Faustschläge akustisch wie Atombomben klingen und kein Unterschied zwischen Männlein und Weiblein gemacht wird (man kann sogar behaupten, dass Chloé die schlimmsten Prügel abkriegt, aber da sie das final girl ist – huchhabichwasverratentutmirdasaberleid – macht’s ihr natürlich nicht gar so viel aus. Das geht soweit, dass Anton ihr im Finale mehrfach direkt in die Fresse schlägt, einen Schnitt weiter uns aber ihre strahlend weißen Zähne entgegenfletscht). Und dann packt Ferry diese Prügel- und Kampfszenen in eine derart brechreizverursachende Zappel-Handkameraoptik, die speziell natürlich auf der großen Leinwand nicht nur die Magen-, sondern auch die Sehnerven auf’s Übelste strapaziert, dass Michael Bay sich peinlich berührt abwenden würde. Dazu gesellen sich dramaturgische Blödheiten erster Kajüte – dass Loic auf die Idee kommt, er könnte Guillaume in des Killers Versteck umwelt- und für sich nervenschonend verklappen, ist noch nachvollziehbar – weniger, dass er Chloé *ebenfalls* zurücklässt (weil die sich peinlicherweise ob der Entdeckung des gerade krepierenden Freds Guillaume an den Hals wirft und nicht ihm), NOCH weniger, dass er auf der Flucht dann „second thoughts“ hat und zurückkehrt (und, danke der Nachfrage, Guillaume vergisst diese Behandlung nicht und zahlt es mit noch drastischerer Münze zurück). Es mag ein wenig der Punkt, die Aussage des Films sein, dass „uns“ nur wenig von „ihm“ (der Killer als völlig persönlichkeitsfreier Art „Naturgewalt“) unterscheidet, aber es ist völlig unglaubhaft umgesetzt.

Optisch richtet sich der Streifen nach seiner Drehbuchstruktur – 40 Minuten lang bekommen wir traumhafte Bilder von großartigen Naturpanoramen und schwindelerregende Abgründe in Perfektion, danach wird nur noch blindwütig durch finstere Wälder gerannt, in dunklen Kellerverliesen vor sich hin gelitten und sobald auch nur ein Anflug von Action, von Bewegung droht, schmeißt Ferry bzw. sein ausführender Kamerascherge Nicolas Massart („Mutants“) die Steadicam auf den Müll und drückt die Handkamera einem Epileptiker auf Speed in die Hand. Die Folge dieses zwanglosen Setzens auf vermeintlich direkte „in-your-face“-Rohheit ist, dass man in der zweite Hälfte des Films nur noch darauf hofft, der Film wäre bald vorbei, damit dieses wirre Gezappel vor den Augen aufhört – eine, ähm, etwas andere Form der „Spannungserzeugung“. Ferry gelingt es jedenfalls meisterhaft, auf jeglichen goodwill, den die exzellente erste Hälfte aufbaut, in Halbzeit Zwo gepflegt zu urinieren. Da hilft dann auch der gute Score von gute, durchaus einprägsame symphonische Score von Jean-Pierre Taieb („Frontier(s)“) nicht weiter.

Härtetechnisch ist „Vertige“ kein Gorefest – zwei-drei Splattereinlagen okayer Machart sind zu verzeichnen, der Rest ist sozusagen „ehrliche“ Handarbeit aus Faustschlägen, die aber an Brutalität nichts zu wünschen übrig lassen und sicherlich, da handgreifliche Gewalt gegen Frauen bei der FSK traditionell eher nicht so gut ankommt, dem Streifen wohl schlussendlich eine KJ-Freigabe bescheren dürften.

Die Schauspieler geben sich redlich Mühe – Fanny Valette (deren Charakter man zu allem Überfluss noch ein völlig unnötiges Trauma – sie ist Ärztin und hat bei einem kleinen Jungen einen Luftröhrenschnitt fatal versaubeutelt – angedichtet hat) fehlt ein wenig die Ausstrahlung für den Typ Frau, wegen der sich die Kerle sich sprichwörtlich umbringen, und für die zentrale Figur, die einzige, die ein wenig Background hat (auch wenn der nicht gebraucht wird) geht ihr persönlich die Präsenz ab (und das Script lässt sie oft genug ein wenig außen vor). Johan Libéreau („Stella“) ist so lange glaubhaft und überzeugend, wie es der Film selbst ist – ab dem dramaturgischen Bruch zum Backwood-Metzler ist sein Charakter völlig unglaubwürdig und Libérau ist herzlich überfordert, diesen Eindruck durch sein Spiel zu korrigieren. Raphael Lenglet (Co-Star einer französischen TV-Krimiserie) macht als Guillaume den besten Eindruck, trotz auch eines auch für ihn uneinheitlich geschriebenen Charakters, aber er hat zumindest sowohl Charisma als auch körperliche Präsenz für eine physisch geprägte Rolle. Maud Wyler fällt unproblematisch direkt in mein Beuteschema, hat aber nicht großartig Raum zum „Spielen“, Nicolas Giraud („96 Hours“) ist wie sie durchaus akzeptabel (die beiden haben aber auch den Vorteil, in der zweiten Hälfte nicht mehr aktiv am Geschehen beteiligt zu sein), auch wenn sein Charakter heftig „underwritten“ ist (er gesteht Karine unter Tränen, gewusst zu haben, dass der Trail gesperrt ist, aber warum er dann trotzdem darauf bestand, die Route zu nehmen und wieso er die Überraschung spielen musste, bleibt völlig unklar). Justin Blanckaert hat die undankbare Aufgabe, einem total uneigenständigen grunzenden Hinterwäldler, der genauso auch in „Wrong Turn“, „Dying Breed“ oder irgendeinem beliebigen anderen Backwood-Metzler auftauchen könnte, Leben einzuhauchen und hat dabei schlicht keine Chance.

Fazit: Tragisch. Es kommt zwar immer wieder vor, dass sich Filme durch dramaturgische Fehlentscheidungen nach vielversprechendem Ansatz selbst versenken, aber selten ist der Kontrast zwischen richtig richtig RICHTIG guter erster Hälfte und bodenlos schlechter zweitem Part so stark wie bei „Vertige“. Ferry könnte, da bin ich mir sicher, mindestens solides, vielleicht sogar hervorragendes Spannungskino, aber dafür muss er lernen, bessere Drehbücher zu finden und, wenn er schon kein sonderlich gutes hat, wenigstens in der Wahl seiner filmischen Mittel intelligenter zu sein. Mit einem Film wie „Vertige“, der eine vielversprechende Ausgangssituation und zwei bemerkenswert gute Spannungssequenzen verschwendet, um sich primitivstem Uga-Uga-Blutspritz-Knochenbrech-auf’s-Maul-Geschmodder, das Neandertaler intellektuell unterfordern dürfte, zu ergeben, ist niemandem gedient (okay, es gibt sicher eine Zielgruppe, die sich auf die letzten 45 Minuten von „Vertige“ einen von der Palme wedelt. Die möchte ich aber nicht kennenlernen). Aufgrund der wirklich tollen (wiederhole ich mich?) ersten Hälfte vermeidet „Vertige“ aus rein formal-meßtechnischen Gründen die Tiefstnote, ich rate aber dennoch in aller Entschiedenheit ab. Bislang mein Kandidat für den FFF-Totalflop 2009 (und dann versaut mir der Film noch das Gedenken an einen meiner Lieblingssongs von Mylene Farmer. Shame on you, Monsieur Ferry).

2/5
(c) 2009 Dr. Acula


mm
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