- Original-Titel: Lat Sau San Taam
- Alternative Titel: God of Guns | Ruthless Super-Cop | Hot-Hunted God of Cops | Haado boirudo: Shin otoko-tachi no banka | O timoros tou Hong Kong |
- Regie: John Woo
- Land: Hongkong
- Jahr: 1992
- Darsteller:
Chow Yun-Fat (Tequila)
Tony Leung Chiu Wai (Tony)
Teresa Mo (Teresa Chang)
Anthony Wong Chau-sang (Johnny Wong)
Philip Kwok (Mad dog)
Philip Chan (Superintendant Pang)
Hoi-Shan Kwan (Mr. Hoi)
Wei Tung (Foxy)
Vorwort
Abt. Als John Woo in Hard-Boiled (ein) halb(es) Hongkong(er Krankenhaus) entvölkerte…
Bevor John Woo irgendwann Mitte der 1990er über den großen Teich, in seinem Fall natürlich der Pazifik, schipperte, fest entschlossen, auch Hollywood mit seinem Action-Kino zu erobern, beglückte er das Publikum in Hongkong mit einem Kracher, der eine Art Best-of seiner bisherigen Werke darstellte. Hard-Boiled war Woos Abschiedsgeschenk an das Hongkong-Kino. Der Film rückte ein weiteres Mal Chow Yun-Fat ins Rampenlicht, und ihm Tony Leung zur Seite, entfacht in seinem Verlauf eine beispiellose Stunt- und Pyrotechnik-Orgie, die alles bisher dagewesene einfach mal so mir nichts, Dir nichts in den Schatten stellen sollte. Doch bevor wir zum Film selbst kommen, und was ihn so einzigartig macht, eine kurzer, persönlicher Rückblick…
Es war 1996, und meine Freundin war nicht weg und bräunte sich in der Südsee, sondern lag neben mir im Bett, als ich den ollen, viel zu kleinen Röhren-TV auf Pro7 geschaltet hatte. Ich war in freudiger Erwartung eines Action-Feuerwerks aus Südostasien. Und ich war baff, wie blutig, wie filigran choreographiert es in Hard-Boiled zuging. Solche Art von Schießereien hatte ich zuvor nicht zu Gesicht bekommen. Natürlich war mir die Besprechung des Films in der TV Movie bekannt, meine damalige TV-Zeitschrift der Wahl, die vor der Ausstrahlung gewarnt hatte, da diese nur noch den Torso dieses großartigen Films darstelle. Als mir gewahr wurde, dass über 30 Minuten an Action, darunter die komplette Teehaus-Szene vom Anfang des Films, im Schnitt über den Jordan gegangen waren, fragte ich mich, was hier dann noch so alles unterschlagen wurde.
Beim nächsten Besuch in der Videothek suchte ich also nach dem deutschen Tape von Pacific Plus Video, fand es und hatte alsbald damit die FSK 18 Fassung des Werks über den Bildschirm flimmern. Und im Gegensatz zur Erstsichtung der großflächig bereinigten TV-Fassung fiel es mir dieses Mal schon recht schnell auf, es wieder nur mit einer geschnittenen Version dieses wahrscheinlich phänomenalen Films zu tun zu haben – was hier nun alles fehlte, konnte ich mir nur zurecht phantasieren, auch wenn ich inzwischen zumindest eine Ahnung davon hatte, was der Film für einen brachialen Shootout-Marathon darstellen könnte. 10 ganze Fehlminuten hatte Hard-Boiled hier noch zu beklagen, so schlecht geschnitten, dass es an manchen Stellen zu Bild-Dopplungen kam, was fast den Effekt eines Freeze Frame, also eingefrorenen Bildes, hatte. Das waren dann stillstehende Kugeln statt Action-Heroes in Motion. Es wird niemanden überraschen, wenn ich jetzt noch daran erinnere, dass diese FSK-freigegebene, kastrierte Fassung tatsächlich über lange Jahre auch noch auf dem Index stand. Und eine ungeschnittene Kassette, mit dem Film in seiner vollen, blutroten Pracht, lag in den 90ern leider außerhalb meiner Reichweite. Vom Bullet Ballet des John Woo konnte ich mir in A Better Tomorrow von Astro, der Presse-Kopie zu Blast Killer aka The Killer und auch der TV-Ausstrahlung von Just Heroes aka Hard-Boiled 2 (den ich später als ärgerlich geschnittene Verleih-Kassette für die Sammlung erstand) ein besseres Bild machen. Meine Sichtung der Uncut-Fassung von Hard-Boiled aber ließ bis 2002 auf sich warten, als mir mein Bruder die Doppel-DVD aus dem Hause Laser Paradise (im Bundle mit Hard Boiled 2) zum Geburtstag schenkte…
Inhalt
Hongkong ächzt unter einer Flut des Verbrechens – Mord und Totschlag, organisierte Kriminalität und Bandenkriege. Es ist einer der Hauptumschlagplätze für das florierende Geschäft von Waffenschiebern. Als Cop Tequila in einem Teehaus den Kontakt zu Hintermännern sucht und dabei auffliegt, bricht dort wie aus dem Nichts die Hölle los. Sein Partner lässt im Feuergefecht sein Leben, doch Tequila kann den Mann, der diesen mit unzähligen Kugeln zersiebt, so gerade noch zur Strecke bringen. Ein kleiner, hart erkaufter Sieg. Der keiner ist. Der tote Mörder entpuppt sich als Undercover-Cop, Tequila hat die Arbeit von Monaten zunichte gemacht. Andererorts arbeitet sich Tony in der Hierarchie unter den Gefolgsleuten von Waffenhändler „Onkel“ Hoi nach oben. Doch auch dessen skrupelloser Konkurrent Johnny Wong buhlt um seine Dienste. Da Tequila hinter dem Rücken seines Chefs unverdrossen weiter ermittelt und sich von seinem Informanten Lucky brandheiße Infos über die nächste große Waffenlieferung besorgt, fest entschlossen, den Gangstern einen Strich durch die Rechnung zu machen, ist es nur eine Frage der Zeit, bis sich er und Tony gegenüberstehen werden…
Besprechung:
Chow Yun-Fat darf als Tequila mal wieder den um sich ballernden, stoischen Helden geben – von seinem Vorgesetzten an der kurzen Leine gehalten, aber mit schier unbremsbaren Tatendrang. Zuerst ihm gegenüber und dann zur Seite übt Tony Leung als Undercover-Cop Tony schon mal für seine spätere Rolle in Infernal Affairs (2002) – im Kreuzfeuer zwischen Freund und Feind droht seine Deckung aufzufliegen, ehe er sich zuerst den Respekt und dann auch das Vertrauen Tequilas verdienen kann. Den Oberbösewicht Johnny Wong mimt kein geringerer als Anthony Wong, später bekannt als das wahnsinnige Antlitz vieler berüchtigter Cat III-Filme, als sein Henchman Mad Dog feiern wir ein Wiedersehen mit Philip Kwok, der als Anführer der Five Venoms in den klassischen Martial-Arts-Filmen der Shaw Brothers bekannt wurde. In der deutschen Erstsynchronisation (für die damalige VHS) darf man sich darüber hinaus auf die Stimmen von etwa Reent Reins (Don Johnson) als Tequila oder den damals noch unbekannten Til Schweiger als Lucky freuen.
Sie sind die Protagonisten in einem epischen Action-Feuerwerk, in dem John Woo sein Bullet Ballet in nie zuvor gekannten Ausmaß zelebriert. Tausende Kugeln fliegen durch die Gegend, unzählige Körper werden blutig zerlöchert, Stuntmen und Pyrotechniker schieben Überstunden. Alleine das Finale in einem unter Geiselhaft stehenden Krankenhauses im Vollbetrieb, inklusive Personal, Patienten und Neugeborenenstation, erstreckt sich über gut 40 Minuten. Der Body Count schraubt sich in astronomische Höhen, die zurückgebliebenen Leichen sind kaum zählbar. Je nach Quelle häuft Hard-Boiled zwischen 230 und 307 On-Screen Tote an, womit der Film in einer Liga mit apokalyptischen Reißern und schlachtengetriebenen Kriegsfilmen spielt. Es wird erschossen, erstochen und in die Luft gesprengt, was die Fantasie und technischen Möglichkeiten des Filmvisionärs John Woo hergaben. Das klingt schon in Zahlen schier unglaublich, raubt einem im bewegten Bild dann aber auch ein ums andere Mal glatt den Atem. Dass die Geschichte, die dem ganzen blutrünstigen Treiben dann seinen Rahmen liefert, nicht wirklich daran interessiert ist, Charaktere und Geschehnisse tiefer zu erkunden – geschenkt. Was hier zählt, ist reine Unterhaltung in Form von abgefeuerter Munition einer durchgeladenen Action-Kanone. Und was dem Fan hier geboten wird, sucht eben seinesgleichen. Da mag John Woos Klassiker The Killer gerne der an sich bessere Film sein, mehr Spaß an bewaffneten Auseinandersetzungen mit Todesfolge als in Hard-Boiled wird man dort eben trotzdem nicht finden. Bis heute nicht. Da kann selbst ein John Wick nur blaß vor Neid zurückschauen.
John Woos anschließenden Ausflug in die Traumfabrik bringe ich persönlich gemischte Gefühle entgegen. Ich mag das Van Damme-Vehikel Harte Ziele recht gerne, auch wenn Woo hier seine beliebten Themen aus dem Heroic Bloodshed nicht herüberretten konnte. Ein Mitspracherecht am Drehbuch mochte man dem Hollywood-Novizen anno 1993 noch nicht einräumen. Zudem musste der fertige Film dann für ein R-Rating in der blutigen Action noch allerlei Federn lassen (aber das ist dann eine andere Geschichte). Im Anschluss folgten zwei Filme mit dem seit Pulp Fiction wieder hoch im Kurs stehenden John Travolta (ehrlich gesagt, zehrt der noch bis heute davon), wobei Operation: Broken Arrow (als Bösewicht gegen Christian Slater) vollends Woos persönliche Note vermissen lässt, wogegen Im Körper des Feindes (Halb gut, halb böse, aber immer gegen Nicolas Cage) wohl der Kompromiss zwischen der stilistisch überhöhten Darstellung von Schusswechseln mit melodramatischen Einschlag des Bullet Ballet Maestros aus Übersee und den Konventionen des amerikanischen Actionkinos darstellte. M:I 2 präsentierte sich dann als vollends weichgespülte Version dieser Synthese. Aller Unkenrufe zum Trotz waren diese Filme aus finanzieller Sicht ein (teils großer) Erfolg, gerade letzterer spülte mehr als eine halbe Milliarde in die Kinokassen und etablierte Tom Cruises persönliches Action-Franchise und den Scientology-Anhänger als unkaputtbaren Superstar.
Mit dem gefloppten Mega-Projekt Windtalkers (115 Mio. Dollar Produktionskosten) verblasste Woos Stern in Hollywood aber schon wieder, und er empfahl sich nach dem auf Philip K. Dick basierenden, in meinen Augen unmemorablen Paycheck wieder gen Fernost. Dort hatte er immer noch den Status eines Regie-Gottes inne und konzentrierte sich, teils an den Zitzen der chinesischen Filmfinanzierung, auf Herzensprojekte wie das Historien-Epos Red Cliff (in zwei Teilen), besann sich im (etwas konfusen) Manhunt auf seine Stärken als Action-Regisseur, beehrte Hollywood noch einmal mit dem leicht missratenen Silent Night, um sich dann mit einem Remake seines Kult-Klassikers The Killer in Teilen selbst zu demontieren (der ist an sich nicht scheiße, zieht im Vergleich zum Original allerdings sehr, sehr deutlich den Kürzeren). Man kann auf jeden Fall nicht behaupten, dass er nach seinem Abschied aus den USA vor mehr als 20 Jahren zuhause auf der faulen Haut gelegen hätte.
Fassung:
Es sind seitdem über 20 Jahre ins Land gezogen, dieses Meisterwerk ist nicht mehr indiziert, und mittlerweile steht natürlich die Blu-ray hier im Regal. Und es wird nicht die einzige bleiben, denn nachdem durch den Kauf der Golden Princess Bibliothek durch Shout! Factory ein Beben durch die Filmwelt ging, ist er, neben anderen Woo-Klassikern wie The Killer und Bullet in the Head, 4K-restauriert in den USA und dem UK neu herausgekommen und steht hierzulande schon bei PLAION Pictures in den Startlöchern. Gute Zeiten für Fans des alten, „originalen“ Woo.
Fazit:
Was soll ich noch groß sagen? Meine Liebe zu Hard-Boiled sollte innerhalb der Besprechung hier und da durchgeschienen sein (zwinker, zwinker). Zeiten ändern sich, dieser Film, zu dem ich inzwischen unzählige Male zurückgekehrt bin, bleibt aber in seiner Wirkung als ultimative Action-Granate bestehen.
Bonus – Einfach mal selbst Hand (an den Abzug) anlegen…
Und am Ende noch ein kleiner Tipp für alle Zocker. Wenn ihr euch auch mal als Tequila durch Horden von bösen Buben ballern wollt, haltet doch mal nach dem Spiel Stranglehold Ausschau, das eine Art Fortsetzung des Films in Spielform darstellt. John Woo hat seinerzeit das Projekt beratend begleitet und Chow Yun-Fat sogar wieder die Vertonung seiner Figur übernommen. Es erschien, lange ist es her, 2007 für den PC, die Xbox 360 und die Playstation 3. Gewiss, ein Relikt einer vergangene Gaming-Ära und dennoch auch heute noch für Fans ein gelungener Spaß.
BOMBEN-Skala: 1
BIER-Skala: 10
Review verfasst am: 03.09.2026