Hangman


  • Deutscher Titel: Hangman
  • Original-Titel: Hangman
  •  
  • Regie: Adam Mason
  • Land: Großbritannien
  • Jahr: 2015
  • Darsteller:

    Jeremy Sisto (Aaron Miller), Kate Ashfield (Beth Miller), Ryan Simpkins (Marley Miller), Ty Simpkins (Max Miller), Eric Michael Cole (Hangman), Amy Smart (Melissa), Ross Partridge, Ethan Harris-Riggs (Colin), Vincent Vetresca, Bruno Alexander


Vorwort:

Als die amerikanische obere-Mittelklasse-Familie Miller aus dem Urlaub zurückkehrt, erwartet sie eine böse Überraschung. In ihr Haus wurde eingebrochen – zwar wurde scheinbar nichts weltbewegendes gestohlen, aber die Hütte ziemlich verwüstet. Verständlicherweise ist die Familie in Folge dieses gewaltsamen Eindringens in ihr privates sanctum sanctorium ein wenig nervös, insbesondere Mutter Beth, während Vater Aaron versucht, das „normale“ Leben und die übliche Routine der Familie aufrecht zu erhalten.

Aber irgendwas stimmt nicht im Haus – so kommt es zumindest Beth vor. Mal stehen Lebensmittel am Morgen auf dem Küchentisch, ohne dass jemand sie in der Nacht aus dem Kühlschrank genommen hätte, mal ist steht eine Blumenvase plötzlich an einem anderen Ort. Sohn Max unterhält sich des Nächtens mit einem imaginären und maskierten Freund, der ihm böse Gerüchte über Beths Freundin Melissa ins Ohr setzt. Grund genug für Aaron, zur Beruhigung der ehefraulichen Nerven neue Tür- und Fensterriegel installieren zu lassen.

Die helfen natürlich nur bedingt weiter, wenn der böse Eindringling sich längst auf dem Dachboden des Hauses häuslich eingerichtet hat. Der geheimnisvolle Einbrecher hat das gesamte Haus mit Kameras ausgestattet und beobachtet jede Bewegung der vier Familienmitglieder, streift nachts, wenn alles schläft, mit seiner Handkamera durch die Schlafzimmer und beginnt, als seine subtilen Aktionen zur Verunsicherung erste Wirkung zeigen, die Familienmitglieder auch außerhalb des Hauses zu stalken.

Sein Plan scheint es zu sein, die Familie gegeneinander aufzubringen, so z.B. als er den blauen Brief, den Tochter Marley zum Selbstschutz aus dem Verkehr gezogen hat, in der ehelichen Schlafstatt deponiert und den Verdacht auf Max lenkt. Doch auch wenn diese üble Tat den Haussegen für eine Weile schief hängen lässt, raufen sich die Millers wieder zusammen. Allerdings hat Beth sich mittlerweile ausbedungen, dass Aaron eine Waffe zum Schutz der Familie besorgt. Es besteht die Befürchtung, dass dieser Schuss sprichwörtlich nach hinten losgehen wird...

Inhalt:

Erst vor einigen Wochen fragte ich mich, was eigentlich aus Jeremy Sisto geworden ist. Der war um die Jahrtausendwende drauf und dran, zu den „next big things“ gezählt zu werden, hatte sich im Horror-Fach mit „Wrong Turn“, „May“ und „Dead & Breakfast“ beliebt gemacht und zu den Höhepunkten im an solchen nicht armen Cast von „Six Feet Under“ gehört. Aber der richtige „nächste“ Karriereschritt wollte nicht so recht gelingen. Ja, er arbeitete sich für drei Seasons in die Besetzung von „Law & Order“, ja, er hatte mit „Suburgatory“ eine leidlich erfolgreiche Sitcom, die sich ebenfalls über drei Staffeln hielt, und ist derzeit in der Diamantentrading-Serie „Ice“ und der neuen Dick-Wolf-Serie „FBI“ am Start, zwischendurch strandeten aber auch einige Serien wie „The Returned“ (10 Episoden), „Wicked City“ (8 Episoden) und „Kidnapped“ (13 Episoden, aber schon nach drei Wochen von NBC geaxed). A hit-or-miss-career, letztendlich, und, wenn man ehrlich ist, seit „Six Feet Under“ auch nichts, was so richtig Eindruck bei Kritik und Publikum geschunden hätte.

Was macht ein Schauspieler in der Karriere-Midlife-Crisis also? Klar, er geht nach England und dreht dort einen Ultra-Low-Budget-Independent-Horrorfilm. Kann man mal so machen. Muss man nicht unbedingt. Es scheint Sisto aber schon irgendwie ein Herzenswunsch gewesen zu sein, denn er beteiligte sich auch als Produzent an dem Unterfangen, für das von der Kreativseite her das Team Adam Mason/Simon Boyes verantwortlich zeichnet, die der Welt schon so wunderschöne Werke wie den Torture-Porn-Schinken „Broken – Keiner kann dich retten“, „Blood River“ und „Luster“ bescherten. Sachen, die durchaus polarisieren, einerseits ihre Fans haben, andererseits aber auch vielfältig abgelehnt werden.

Mit „Hangman“ kommt uns dieses Team nun also mit einem Home-Invasion-Thriller der etwas anderen Art, vielleicht inspiriert von dem realen Fall aus Japan, in dem ein Mann nur durch das Aufstellen von Überwachungskameras bemerkte, dass sich über Monate hinweg eine Frau in seinem Küchenschrank verbarg und nur nachts herauskam, um sich Lebensmittel aus seinen Vorräten zu mopsen (zumindest war das der Fall, der sich mir in Erinnerung rief, als ich über die grundsätzlichen Glaubwürdigkeitsprobleme der Geschichte nachzudenken begann und mir selbst gegenüber zugeben musste, dass man es wohl nicht ganz von der Hand weisen kann, dass so ein Plan zumindest über eine gewisse Zeit funktionieren kann).

Wie sich der obigen sehr knappen Inhaltszusammenfassung entnehmen lässt, ist „Hangman“ kein sonderlich story- oder charaktergetriebener Film. Das ist auch – schätze ich – gar nicht die Absicht, denn „Hangmans“ (sort-of) unique selling point ist, dass es sich um einen Gimmick-Film handelt. Wir sehen die komplette Handlung ausschließlich aus den Blickwinkeln der vom Einbrecher aufgestellten Überwachungskamera und seiner Handkamera, mit der er seine Ausflüge festhält. Es ist also quasi „found footage“ ohne Zappel-Kamera (da unser freundlicher böser Kameramann eine erfreulich ruhige Hand hat). Man kann sich einmal mehr trefflich darüber streiten, ob diese Erzählweise nötig ist, dem Film zusätzliche Aspekte abgewinnt, die eine herkömmliche Inszenierung nicht mitgebracht hätte, oder es eben einfach nur ein Gimmick umd des Gimmicks Willen ist. Letztlich bringt diese Herangehensweise für meinen Geschmack aber deutlich mehr Probleme als Vorteile.

Der Sinn der Übung dürfte wohl sein, dass wir uns der Thematik aus der Sicht des Psychopathen annähern sollen, und, ich will nicht schwindeln, der Film schafft es tatsächlich, obwohl der Antagonist bis zur finalen Konfrontation (auf die der Streifen natürlich hinausläuft) keinen einzigen Satz Dialog (oder Monolog) hat, ein wenig verständlich zu machen, wie der Madman tickt. Offensichtlich – schließlich ist er, wie der Film etabliert, ein Serientäter – hat er es auf funktionierende Familien abgesehen und versucht diese, bevor er mordend eingreift, auseinander zu treiben, Keile in die jeweiligen Beziehungskonstrukte zu treiben, und die Familienmitglieder gegeneinande auszuspielen. Dies, ohne dass es ausbuchstabiert werden muss, augenscheinlich aus dem Grund, dass er selbst nie ein funktionierendes Familienleben gekannt hat. Die stärksten Szenen des Films sind daher die, in denen der namenlose Heiminvasor auf den Zusammenhalt der Millers reagiert – indem er in seinem Versteck in Tränen ausbricht, als er realisiert, dass der Familienverbund stark genug ist, um Krisen zu überwinden, etwas, was ihm ersichtlich nie zu erleben vergönnt war. Freilich ist diese Demonstration intakter Familie nichts, was ihn von seinem Plan abbringen könnte, es verschiebt (womöglich) nur stärker seine Motivation zu Rache dafür, dass die Millers etwas haben, was er nie haben durfte, weswegen seine Mittel dann auch drastischer werden.

Unglücklich ist nur, dass Mason und Boyes die Situation un-end-lich langsam „eskalieren“ lassen, wenn man von „Eskalation“ überhaupt sprechen kann, wenn sich der Einbrecher bis auf die letzten zehn Minuten darauf beschränkt, subtil Sachen umzustellen oder einfache Streiche spielt (dass er Beth heimlich beim Duschen beobachtet, ist über weite Strecken des Films schon das boshafteste, was er treibt. Ja, er killt zwischendurch noch einen Handwerker, der eine seiner Kameras entdeckt, das hat aber quasi mit dem Restfilm nichts zu tun und wird auch nie weiter thematisiert). D.h. dass wir zumeist nur der Familie in alltäglichen Situationen beiwohnen und Allerweltsdialoge hören, die sich nur gelegentlich auf die vermeintliche Thrillerhandlung beziehen. Und wenn man es nun mal nicht per se spannend findet, wie sich zwei erwachsene Menschen darüber austauschen, warum eine Blumenvase nun dort und nicht mehr da steht, wird das selbst bei einer knappen Laufzeit von 81 Minuten inkl. Abspann recht anstrengend, zumal uns ja auch Kamera und Schnitt nur eingeschränkt helfen. Die Bilder sind zwangsläufig statisch, distanziert, kühl, steril und lassen sogar den Coup, dass eine kleine Produktion dieser Art verhältnismäßig namhafte Schauspieler anheuern konnte, ins Leere laufen. Schließlich sehen wir die handelnden Figuren nur aus der Totalen, vielleicht mal mit dem Rücken zur Kamera stehend, vielleicht mal im kameratechnisch nicht so gut ausgestatteten Nebenraum oder Korridor, am Tisch sitzend, von oben, jedenfalls fast nie so deutlich, dass wir zur Interpretation der Vorgänge auf die Mimik, auf die Augen oder generell die Körpersprache zurückgreifen können. Wir sind immer sehr weit weg von den Charakteren, und dieweil das durchaus erzählerische Absicht sein kann, um uns ganz auf die Perspektive des Täters einzulassen, kann man einfach keine Verbindung zu den Charakteren aufbauen – und Schauspieler vom Kaliber eines Jeremy Sisto sind selbstredend verschwendet, wenn ihre Performance so gefilmt wird, dass man auch ein paar Schaufensterpuppen hinstellen und voice-over die Dialoge brabbeln lassen könnte – es macht keinen Unterschied (ich muss z.B. gestehen, dass ich, obwohl ich Sisto, wie gesagt, für einen sehr guten Schauspieler halte, bis zum Ende nicht erkannt habe, da der Film ohne opening titles startet und die Mitwirkenden erst im Nachspann identifiziert werden).

Das ist nun mal die Krux an dem von den Filmemachern gewählten Gimmick – da der Antagonist in gewisser Weise der Protagonist ist, wir aber über ihn nichts erfahren, was über das hinausgeht, was wir uns anhand seiner spärlichen Reaktionen zusammenreimen können (schließlich ist er notwendigerweise meistens off-screen), die Familien-Charaktere aber bloße Chiffren bleiben, weil wir durch die Distanz der Überwachungskamera-Aufnahmen keine emotionale Verbindung mit ihnen aufnehmen können, bleibt beim Zuschauer bestenfalls, na, so etwas wie „dokumentarisches“ Interesse – und dafür tut sich dann bis auf die schon wieder fast hysterisch gedrängten letzten fünf-zehn Minuten zu wenig spannendes, zu wenig interessantes. Vielmehr wird man geradezu gezwungen, sich über die Glaubwürdigkeit des Szenarios Gedanken zu machen – ist es wirklich denkbar, dass ein fremder Mensch in der Wohnung lebt, nachts herumschleicht, jemanden beim Duschen bespannt oder sogar, wenn Freunde zu Besuch sind, eine Ecke weiter steht und alles beobachtet, und es bleibt über Wochen und Monate unbemerkt? Jau, der oben genannte Fall aus Japan steht im Raum, aber diese heimliche Mitbewohnerin beschränkte sich ja darauf, sich im Schrank zu verstecken und nachts Essen zu klauen, lief also nicht mit ner Kamera durch Schlafzimmer oder durchsuchte die Handtaschen etwaiger Gäste (und, nicht zu vergessen, das war in Japan, der legitime Wohnungsbesitzer also vermutlich eh allenfalls zum Schlafen in der heimischen Bude). Unser hiesiger Einbrecher versucht schon, sich unauffällig und leise zu verhalten (er trägt Handschuhe und schlurft auf Socken durchs Haus), aber – das bestätigt auch der Film – er macht Geräusche. Und in einem Vier-Personen-Haushalt ist statistisch gesehen sicher einer dabei, der die Flöhe husten hört (wie mir auch Sohn Max etwas zu alt dafür ist, um daran zu glauben, ein Typ mit Maske, den er nachts sieht, wäre eine Traumgestalt). Es ist also schwer, die Prämisse zu kaufen...

Immerhin hält der Film sein Format komplett durch, verzichtet auch auf einen herkömmlichen Score, sondern bringt im Dogma-Stil nur Musik auf der Tonspur, wenn in der entsprechenden Szene ein Radio o.ä. läuft. Die verwendeten Indie-Songs sind ganz okay.

Ich erwähnte es bereits – die Darsteller sind durch die Bank verschwendet, auch wenn sie sich womöglich die Seele aus dem Leib spielen. Jeremy Sisto ist der Headliner, verbirgt sich aber hinter einem Vollbart. Als Beth begrüßen wir Kate Ashfield, und wer sich schon immer gewünscht hat, Liz aus „Shaun of the Dead“ würde die Hüllen fallen lassen, kommt mit einer guten Dekade Verspätung auf seine Kosten (in der Duschszene und in einer Sexszene mit Jeremy Sisto). Die Miller-Kids spielen die real-life-Siblings Ryan und Ty Simpkins. Beide stehen seit frühester Kindheit vor der Kamera, Ryan (Marley) u.a. in „Das Gesetz der Ehre“, „Unter Kontrolle“, „Zeiten des Aufruhrs“ und „Space Warriors“, Ty in „Krieg der Welten“, „Iron Man 3“, „Insidious: Chapter 2“ und „Jurassic World“. Den bösen Hangman spielt, zumeist unter der Strumpfmaske, Eric Michael Cole („White Squall“, „New Best Friend“, „Snapshots“).

Der Film stellte sich mir in einer der wundervollen Multifilmboxen (hier: 10 Horrorfilme auf 5 DVDs vor). Die FSK-16-Fassung ist ungeschnitten, die Bildqualität okay, wobei zu berücksichtigen ist, dass der Streifen absichtlich in einem bläulichen Überwachungskamera- und dem griesligen Handkamera-bei-Nacht-Look gehalten wird. Die ausschließlich mitgelieferte deutsche Synchro ist okay.

Schließlich und endlich ist „Hangman“ deutlicher ein Experimental- denn ein echter Horrorfilm oder Thriller, Wer geradlinige Thrillerkost sucht oder, wie ich, zumindest Storytelling und Unterhaltungswert als primäre Faktoren für ein gewinnbringendes Filmerlebnis betrachtet, ist hier falsch. Mir ist das alles deutlich zu anstrengend, zu distanziert, um Unterhaltung oder Erkenntnisgewinn aus dem Streifen zu ziehen. Kann ein Publisher, der sich den Streifen hat andrehen lassen, vermutlich nur in so einer Kompilation unters Volk bringen...

© 2018 Dr. Acula


BOMBEN-Skala: 7

BIER-Skala: 2


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