Gundala


  • Original-Titel: Gundala
  •  
  • Regie: Joko Anwar
  • Land: Indonesien
  • Jahr: 2019
  • Darsteller:

    Abimana Aryasatya (Sancaka/Gundala), Tara Basro (Wulan), Bront Palarae (Pengkor), Ario Bayu (Ghani Zulham), Lukman Sardi (Ridwan Bahri), Arswendi Nasution (Ferry Dani), Pritt Timothy (Pak Agung), Aqi Singgih (Ganda Hamdan), Donny Alamsyah (Fadli Azizi), Muzakki Ramdhan (Sancaka als Kind), Marissa Anita (Kurniati Dewi), Rio Dewanto (Vater)


Vorwort:

Für den indonesischen Dreikäsehoch (oder was immer man dort als Äquivalent für Käse stapelt…) Sancaka (Muzakki Ramdhan) könnte es besser laufen. Sein Papa (Rio Dewanto, JAVA HEAT – INSEL DER ENTSCHEIDUNG) ist simpler Arbeiter in einer von ihrem Boss tyrannisch geführten Fabrik, blöderweise – für ihn – aber auch Wortführer der renitenten Arbeiterschaft, die mehr Kohle und bessere Arbeitsbedingungen fordert. Als zwei Repräsentanten der Arbeitnehmer nach vermeintlichen Verhandlungen spurlos verschwinden, führt er einen Protestzug an, der sich eine ordentliche Keilerei mit der schwer bewaffneten und gepanzerten Security liefert. In deren Verlauf wird Sancakas Dad von unbekannter, nichtsdestoweniger verräterischer Hand niedergestochen und verscheidet – vor den Augen des Juniors, den Mama (Marissa Anita), ein niederträchtiges Attentat witternd, losgeschickt hatte, um Paps zu warnen. Beim sich pflichtschuldigst einstellenden Gewitter wird Sancaka dann auch noch vom Blitz getroffen…

Nun, den kleinen Kerl zum Halbwaisen zu machen, reicht dem Schicksal noch lange nicht. Mama verabschiedet sich, „nur für einen Tag“, zum Geldverdienen gen sonstwo und kommt nicht wieder. Nachdem Sancaka tagelang gewartet hat und sich von herumliegenden Abfällen ernährt, gibt er die Hoffnung auf mütterliche Rückkehr auf und schlägt sich nach Djakarta durch, um als Straßenkind sein Dasein zu fristen. Was schwer genug ist, denn Straßenkinder gibt’s in Djakarta wie Sand am Meer und die meisten haben ihm jahrelange Erfahrung im Überlebens- und sprichwörtlichen Straßenkampf voraus. Als ihm einmal mehr heftige Prügel drohen, greift ein älterer Straßenjunge namens Awang (Faris Fadjar Munggaran, SATRIA HEROES: REVENGE OF THE DARKNESS) ein. Entgegen seinem eigenen Mantra, sich nie in fremde Angelegenheiten einzumischen, nimmt Awang Sancaka unter seine Fittiche und bring tihm die Grundlagen des Straßenlebens und die Kampfkunst bei. Awang träumt allerdings davon, sein Glück im sonnigen Süden zu versuchen und als er eines Tages endlich daran geht, auf einen Zug ebendahin aufzuspringen, lädt er, auch das gegen seine ursprüngliche Absicht, Sancaka ein, ihn zu begleiten. Doch Sancaka schafft es nicht, auf den Zug zu springen… wieder ist Sancaka allein, aber jetzt gewillt, sich auch komplett als Einzelgänger durchzuschlagen; selbst, als ein reiches Pärchen in einem Anfall philanthropischer Wohltätigkeit anbietet, ihn zu adoptieren, ergreift er die Flucht…

So stückers 20 Jahre später ist aus Sancaka (jetzt Abimana Aryasatya, THE NIGHT COMES FOR US, HAJI BACKPACKER) trotzdem was geworden.. nein, kein Multimillionär mit Höhle unter der Familienvilla, aber wenigstens jemand mit einem soliden Job als Wachmann für die örtliche Zeitungspresse und einem kleinen Apartment in einem Plattenbau. Eins hat sich nicht geändert – er ist Einzelgänger geblieben und fest gewillt, aus anderer Leute Angelegenheiten seinen Zinken rauszuhalten. Das wird sich bald ändern.

Aber zunächst müssen wir jetzt mal den offiziellen Schurken unseres Rührstücks kennenlernen. Der heißt Pengkor (Bront Palarae, FLY BY NIGHT, HEADSHOT) und ist, was Indonesien angeht, der oberste Oberkäse in Sachen organisiertes Kriminellantentum. Als solcher hat er auch einen Gutteil des indonesischen Parlaments sicher in der Tasche bzw. auf seinem Scheckbuch liegen, und wer das nicht tut, nun, dem wird, wie dem jungen progressiven neuen Abgeordneten, der es sich zur Aufgabe geamcht hat, Korruption und kriminelle Verstrickungen zwischen Mob und Politik aufzudecken, schnell endgültig und brutal klar gemacht, wie gering in einem solchen Fall die eigene Lebenserwartung und die der Familie ausfällt. Man kann Pengkor irgendwie sogar verstehen, denn auch er hat ein tragisches Schicksal hinter sich. Sein Vater nämlich war Besitzer einer großen Plantage, was natürlich Konflikte mit der dortigen Arbeiterschaft vorprogrammierte. Als ein Arbeiter entdeckte, dass seine Frau ein Verhältnis mit einem anderen Arbeiter hatte, tötete er beide und deichselte es so, dass Pengkors Vater als der Täter dastand. Und die wütende Arbeiterschaft mit dem Willen, Köpfe rollen zu sehen, hatte es nicht so mit dem Vertrauen in die für solche Dinge zuständigen Behörden und schritt lieber als amtlicher Fackel- und Mistgabelmob zur Lynchjustiz inkl. Sippenhaftung. Pengkor überlebte nur knapp und mit schweren Verbrennungen, weil er sich in einem Schrank versteckte. Aber auch hier brauchte, wer den Schaden hat, der Beschreibung nicht weiter zu spotten, denn Pengkors Onkel, nicht scharf auf einen Rivalen hinsichtlich des üppigen Erbes, verklappte den Kleinen umgehend in einem Waisenhaus, auf dessen Speisekarte maßgeblich Prügel und Missbrauch standen. Pengkor organisierte für die Waisen eine Rebellion – wohlweislich selbst im Hintergrund bleibend -, die die Tyrannei der brutalen Waisenhausbetreiber erfolgreich beendete und schuf sich damit eine Armee ihm bis zum Tode ergebener Anhänger, die auch jetzt noch Rückgrat und Attentäter-Korps seiner Verbrecherorganisation bilden.

Nun, Pengkor strebt stets nach Erweiterung seiner Macht. So vergiften seine Schergen die nationalen Reisvorräte mit einem Gift, das sich nur auf schwangere Frauen auswirkt. Neben einem Anfall akuter Kotzitis sorgt das Gift dafür, dass die Babys, und damit eine ganze Generation Indonesier, ohne Moral, mithin also ohne die Fähigkeit, Gut und Böse unterscheiden zu können, geboren werden wird. Aufruhr! Chaos! Proteste! Plünderungen! AARGH!

Dieweil ist Sancacka mit dem Fritieren kleinerer Fische beschäftigt. Entgegen seiner üblichen Philosophie steht er seiner hübschen Nachbarin Wulan (Tara Basro, KILLERS, A COPY OF MY MIND) zur Seite, als die Ärger mit ein paar Schlägertypen hat. Wulan mis-interpretiert die von ihm verteilte Dresche als Beginn einer wunderbaren Freundschaft und stellt gleich ihren eigenen Kurzen Teddy beim als Babysitter überraschungsverpflichteten Sancaka unter. Okay, darauf ist Sancaka natürlich nicht vorbereitet und als er zur Arbeit muss, gedenkt er den Steppke bei der vermeintlichen Mama (in Wirklichkeit ist Wulan nur die Tante) abzugeben. Wulan arbeitet auf dem Markt bzw. hauptsächlich agitiert sie mit ihren Getreuen die unter der Knute oppressiver Vermieter geknechteten Markthändler an. Was dem oppressiven Vermieter, der nun wieder selbstredend über drei Ecken zu Pengkors Crime-Empire gehört, nicht passt und mit der Entsendung einer weiteren Schlägereinheit endet. Sancaka sieht sich erneut gezwungen, Fressen zu polieren und erweist sich dabei als superstark. Für die Markthändler ist Sancaka umgehend der neue Held und Hoffnungsträger, aber der macht deutlich, dass sein Eingreifen a) ein totaler Ausnahmefall war und b) von ihm sowieso als dummer Fehler betrachtet wird. Es kümmt, wie’s kümmen muss – ohne seinen Schutz sind Wulan und die Markthändler dem nächsten Racheakt von Pengkors Gnaden schutzlos ausgeliefert, der Markt wird abgefackelt, alle Stände und Waren zerstört.

Sancaka muss seine Politik der Nichteinmischung also einigermaßen überdenken und, nach gutem Zureden von Wulan, Teddy und seinem väterlichen Mentorenfreund-Kollegen von der Arbeit, ist er willens, seine Arbeit als Djakartas offizieller neuer Superheld aufzunehmen. Da gibt’s nur ein kleines Problem – ja, sicher, er ist ein ausgezeichneter Martial Artist, aber das sind die meisten Schläger auf Pengkors Lohnliste auch, aber wie seine elektrizitätsbasierten Superkräfte funktionieren und wieso die nicht lange anhalten, das weiß Sancaka nicht wirklich. Nach einigen Einsätzen, die er zwar halbwegs gewinnt, dabei aber ordentlich selber aufs Maul bekommt, fällt bei ihm der Groschen. Die Kräfte hat er seit dem Blitzschlag und seither hat er das Gefühl, dass Blitze ihn „suchen“. Tja. 2 + 2 zusammengezählt ergibt das, dass Sancaka sich regelmäßig vom Blitz treffen lassen muss, um seine Superkräfte aufzuladen. Und er wird sie brauchen…

Inzwischen in unserem anderen Plot. Die Öffentlichkeit verlangt nach Maßnahmen gegen die Geburt der amoralischen Generation, wobei selbstverständlich in einem religiös geprägten Land wie Indonesien die Methode „Abtreibung auf Staatskosten“ aus ganz grundsätzlichen Erwägungen eher ausfällt. Aber es gibt einen Hoffnungsschimmer – ein Pharmaunternehmen hat im Rekordtempo ein Gegenmittel entwickelt, allerdings… bis ein solches Medikament alle Tests durchlaufen und Zulassungsbestimmungen erfüllt hat, werden Jahre vergehen und, naja, „die Kinder solang drinbehalten“ ist aus anatomisch-medizinischer Sicht keine Lösung, gelle… Der Pöbel auf der Straße (wo mittlerweile bürgerkriegsähnliche Zustände herrschen… der Indonesier an sich ist, wie’s aussieht, nicht sonderlich schwer zu echauffieren) macht Druck, und daher versuchen einige Vertreter der Anti-Pengkor-Fraktion im Parlament die Genehmigung des Gegenmittels und seiner kostenlosen Verteilung an alle Betroffenen, gegen den Widerstand der Pro-Pengkor-Partei, durchzupeitschen. Doch obwohl Pengkors Schergen scheinbar mit aller Macht gegen diese unbürokratische Lösung propagieren, ist sie doch genau das, was der fiese Möpp eigentlich will. Am Ende werden Pengkors politische Gegner die Hilfe eines blitzgeladenen Superhelden brauchen, um eine nationale Tragödie-släsch-Katastrophe zu verhindern.

Inhalt:

Wenn man nicht wirklich darüber nachdenkt, könnte man auf die Idee kommen, Comics per se und Superheldencomics im Speziellen wären ein ur-amerikanisches Medium. Klar, die meisten bekannten Comic-Helden, insbesondere solche in Spandex und mit Superkräften, kommen aus den USA, und natürlich passt’s auch gut zum Vorurteil des intellektuell nicht sonderlich bewanderten Amis, dass Comics das ideale Medium für Konsumenten, deren Aufmerksamkeitsspanne knapp über der eines Goldfisches liegt und die mit dem Erfassen komplexerer Zusammenhänge überfordert sind, wenn sie nicht durch erläuternde bunte Bildchen begleitet werden, darstellen. Aber schließlich und endlich gibt’s Comics praktisch in jedem Kulturkreis, und wo Comics sind, sind meistens auch Superhelden, und das trifft sogar auf ein überwiegend islamisches Land wie Indonesien zu; man muss sich ja auch vor Augen halten, dass die allermeisten islamischen Gesellschaften, wenn nicht gerade die Taliban den Ton angeben, das mit dem Verbot bildhafter Darstellungen nicht so eng sehen (selbst Hardcore-islamische Länder wie der Iran oder Saudi-Arabien haben ja auch zur Volksbelustigung Fernsehsender, die fiktive Formate spielen).

Und es ist ja letztlich auch keine große kulturelle Enthüllung, dass egal, auf welchen Punkt des Globus man seinen metaphorischen Dartpfeil wirft, es dort Sagen, Legenden und Mythen gibt, in denen Helden mit Kräften, die denen gewöhnlicher Sterblicher weit überlegen sind, im Namen des Guten Ungerechtigkeiten korrigieren, Tyrannen bekämpfen und generell auf der Seite der Schwachen und Unterdrückten stehen, nennt man sie nun Siegfried, Gilgamesch oder Herakles.

Gundala um zum Thema zu kommen, ist einer der populärsten Comic-Helden Indonesiens, erdacht 1969 von Harya „Hasmi“ Suriminata. Bereits 1981, während der ersten Blütezeit indonesischen Kommerzkinos, wurden die Abenteuer des vom Blitz getroffenen Helden als GUNDALA PUTRA PETIR mit Teddy Purba, einem der beliebtesten Action-Darsteller Indonesiens der 80er Jahre verfilmt. International wurde der Streifen, ganz im Gegensatz zu Barry Primas exaltierten Auftritten in Kram wie JAKA DER REBELL nicht vermarktet, und auch auf seinem heimischen Markt machte der Film, obwohl dem Vernehmen nach recht nah an der Comic-Vorlage bleibend, nicht so viel Eindruck, um Fortsetzungen oder anderweitige indonesische Comic-Verfilmungen in die Spur zu bringen. In fact fiel der Streifen sogar in seiner Heimat soweit in Vergessenheit, dass 2010, als erste Fan-Kampagnen im Internet gestartet wurden, Gundala auf die große Leinwand zu bringen, überwiegend behauptet wurde, es habe noch nie eine indonesische Superhelden-Verfilmung gegeben.

BumiLangit, der Verlag, der inzwischen die Rechte an Gundala und einem Rudel seiner kostümierten Kollegen hält, begann so um 2014 ernstlich an die Verfilmung des Comics zu denken, und nach einer längeren Suche nach dem geeigneten Regisseur und Drehbuchautor, der schließlich in Thriller- und Horror-Spezialist Joko Anwar (SATAN’S SLAVES, THE FORBIDDEN DOOR) gefunden wurde, und den passenden Darstellern , wurde GUNDALA explizit aus geplanter Auftakt eines „BumiLangit Cinematic Universe“, damit also dem fernöstlichen Gegenstück zum MCU in Angriff genommen. Geht man nach dem Einspielergebnis, darf mit gewisser Berechtigung bezweifelt werden, ob das wirklich mit einem Shared-Universe-Franchise was wird. Zwar rangiert GUNDALA auf Platz 36 der erfolgreichsten einheimischen Produktionen auf dem indonesischen Markt, aber die knapp 1,7 Mio. Besucher liegen deutlich unter den fast 7 Mio. Zuschauern des Reboots der Comedy-Serie WARKOP (WARKOP DKI REBORN) oder den über 4 Mio. zahlenden Besuchern von Joko Anwars Horrorfilm SATAN’S SLAVES, und auch noch ein Stück unter den etwa 1,8 Mio. Augenpaaren, die für Gareth Evans‘ THE RAID eine Eintrittskarte erwarben (immerhin, THE RAID 2 mit 1,4 Mio. verkauften Tickets musste sich geschlagen geben). Zieht man dann auch noch internationale Produktionen ins Kalkül, schaffte GUNDALA 2019 knapp einen Platz in den Top 20 der indonesischen Kinocharts, was für einen Franchise-Launcher bzw. das indonesische Äquivalent eines Tentpole-Release sicher nicht das ist, was sich die Produktionsschmiede erhoffte – aufgegeben hat man allerdings nicht, mit SRI ASIH steht der zweite Film des BLCU für 2020 in den Startlöchern.

Sei’s drum – dem FantasyFilmFest sei Dank konnte sich auch eine Handvoll auserlesener Europäer ein Bild von GUNDALA machen – wie also wirkt der erste GROSSE indonesische Superheldenfilm auf ein Publikum, das mit Spider-Man, Batman und Superman sozialisiert wurde?
Die Antwort lautet leider – nicht so prickelnd.

GUNDALA muss die Doppel-Aufgabe stemmen, als Origin-Story für seinen eigentlichen Helden zu funktionieren UND gleichzeitig noch das große Extended Universe mit seiner Vielzahl an anderen Figuren (BumiLangit kopiert sogar Marvels „Aufblätter“-Logosequenz) zu etablieren und dabei verhebt sich der Streifen ordentlich. Das liegt prinzipiell an seiner verkorksten Erzählstruktur. Wie Ihr sicherlich erkannt habt, bedient der Film zwei hauptamtliche Plotlines, einerseits Sancakas Entwicklung vom in-Ruhe-gelassen-wollenden Loner zu dem Helden, der seine Kräfte zu beherrschen und einzusetzen lernt, andererseits Pengkors Masterplan zur Ausschaltung seiner politischen Gegner, und so richtig *berühren* sich die beiden Plots am Ende eigentlich nur minimal, überwiegend laufen die Geschichten parallel; eine derartige Struktur funktioniert vielleicht in einer Serie, die eine breite Leinwand bepinselt und in der Geschichten auch mal ein paar Staffeln lang nebeneinander herlaufen können, bis sie schließlich in einem gemeinsamen Finale kulminieren (GAME OF THRONES, hust-hust), aber für einen Spielfilm, der ja, shared universe her oder hin, auch für sich alleine stehend ein befriedigendes Zuschauerlebnis bilden soll, ist es schon ziemlich, ich will nicht sagen „ärgerlich“, aber eben wenig befriedigend, wenn der Titelheld nur in arg beschränkter Weise in die große, ausgebreite Plotte hineinspielt, und statt dessen - und das ist eines der ganz großen Probleme des Films – kurz vor Toresschluss neue Charaktere hineingeworfen werden, die man als Kenner der Comic-Vorlage womöglich einzuordnen vermag, aber als unbefangener Zuschauer gar nicht kennen kann, und wenn die dann die eigentlichen Probleme lösen, fragt man sich, warum, zum Geier, man eigentlich zwei Stunden mit den Trials und Tribulations Sancakas/Gundalas verbracht hat, wenn’s den am Ende nur für bessere Handlangerdienste gebraucht hat. Des Rätsels Lösung ist freilich, dass BumiLangit hier kurz vor filmischem Toresschluss die bereits 1954 in Comic-Form etablierte Superheldin Sri Asih (quasi die indonesische Wonder Woman) ins Rennen schickt, deren Film, wie oben erwähnt, der nächste in der Reihenfolge ist, und damit eben schon das Framework für den nächsten Film im BCLU gelegt wird, ob das nun dem armen Gundala nutzt oder nicht. Es ist ungefähr so, als würden Marvel uns den ersten Spider-Man-Film zeigen, nur um Peter Parker handlungstechnisch auszubooten und den Hauptgegner durch Iron Man erledigen lassen, den wir vorher keine Sekunde lang gesehen haben (okay, im MCU würde das sogar noch halbwegs funktionieren, weil die Figuren genügend Pop-Kultur-Durchdringung besitzen, um dem geneigten Konsumenten etwas zu sagen, aber das ist etwas, was GUNDALA allermindestens für sein internationales Publikum nicht voraussetzen kann).

Ein anderer dramaturgischer Fehlgriff ist es, die „origin storys“ von Sancaka und Pengkor nicht, wie es sich eigentlich anbietet, parallel zu erzählen. Statt dessen bekommen wir das etwas rührselige Drama um den verlassenen Sancaka (klare Sache, dass wir zumindest noch eine Erklärung dafür bekommen, warum die vermeintlich treulose Mutter nie zurückkehrte) en bloc erzählt (und das dauert schon gut, na, sicher vierzig Minuten), um DANN, nach einem nur relativ kurzen Sprung in die Gegenwart, in einem ausufernden Flashback den praktisch noch düstereren Hintergrund Pengkors um die Ohren gehauen zu bekommen. Das ist nicht sehr elegant, zumal sich hier die parallele Erzählstruktur schon deshalb angeboten hätte, weil sowohl Held als auch Schurke eine tragische Vergangenheit voll Blut und Tränen erdulden mussten, sie sich also ähnlicher sind, als sie von sich selber denken würden, und die unterschiedlichen Entwicklungen, die sie nehmen (widerstrebender Held einerseits, in seiner Rolle voll aufgehender durchgeknallter wahnsinniger Gangsterboss andererseits) noch zusätzlich verdeutlichen. Verschenkte Chance.

Ganz interessant ist der „politische“ Aspekt. Ich bin’s von meinem Superheldenfilm eigentlich gewohnt, dass er, sagen wir mal, ansatzweise realpolitische Aspekte weitgehend ausblendet (CAPTAIN AMERICA: CIVIL WAR war da sicher als politisch aufgeladendster Marvel-Film und Kommentar zur Spaltung der amerikanischen Gesellschaft eine Ausnahme), aber GUNDALA ist, speziell für einen indonesischen Film, wo die jeweiligen Regierungen (die ja gerne mal diktatorisch amtierten) lange Zeit sehr aufmerksam darauf achteten, dass Filme, und speziell reinrassige Unterhaltungsfilme, politisch unbedenklich blieben (das war ja etwas, was die indonesischen Exploitationfilmer in den 80ern durchaus zu schätzen wussten – solange sie politische Bezüge vermieden, konnten wie insbesondere in Sachen Gewaltdarstellung schalten und walten, wie sie wollten), durchaus politisch aufgeladen, thematisiert nicht nur die politische (Pengkor hat ja, wie gesagt, den Großteil der Politiker geschmiert und die, die nicht geschmiert sind, zittern vor Angst) und alltägliche Korruption, sondern auch extrem auseinanderklaffende soziale Schere zwischen der verarmten Mehrheit und der sich in luxuriöser Dekadenz suhlenden Oberschicht UND macht dabei auch noch eine nationalistische Komponente auf, in dem immer wieder die Einheit und Sicherheit von Volk und Nation beschworen wird (es ist schon komisch, an den Hurra-Patriotismus des US-Kinos haben wir uns zähneknirschend so gewöhnt, dass es uns kaum mehr unangenehm auffällt, wenn Stars’n’Stripes eifrig geschwungen werden, aber wenn’s Chinesen, Japaner oder eben Indonesier den Yankees gleich tun, ergibt das gern ein ungut kribbelndes Gefühl in der Magengrube. Man ist eben doch, ob man will oder nicht, als Westeuropäer ein gutes Stück amerikanisch assimiliert).

Da und dort versteckt sich eine gute Idee – eine Hauptfigur, die ob der Entdeckung ihrer Superkräfte nicht sofort vor Begeisterung aus dem Fenster springt und sich ein buntes Kostüm überzieht, sondern erst mühselig davon überzeugt werden muss, dass dieses ganze Heldending worthwhile ist (und sich auch erst langsam an die Möglichkeiten ihrer Begabung herantastet), ist schon ein angenehmer Kontrast zur „HURRA, ich bin SUPER!“-Attitüde der meisten Marvel-Helden (und trotzdem wird Sancaka nicht ein vor sich hin brütender nerviger DC-Kinouniversum-Held), und die loyale Attentäter-Armee, die sich Pengkor nicht nur durch seine Leidensgenossen im Waisenhaus, sondern ein ganzes von ihm finanziertes Waisenhaus-Imperium heranzüchtet, ist sogar ein richtig guter Gedanke.

Insgesamt bräuchte der Film aber, dramaturgisch gesehen, einen Tritt in den Hintern. Ich bin normalerweise kein Freund der von amerikanischen Vertreibern gerne mal bei fremdländischen Filmwerken gehandhabten Praxis, die jeweiligen Filme nach Gutdünken zu bearbeiten und umzuschneiden, aber GUNDALA wäre ein Kandidat, bei dem ich mich mit einer solchen Behandlung anfreunden könnte. Die Umstellung ganzer Szenenblöcke und die Eliminierung/Straffung unnötiger bzw. aufgeblähter Passagen könnte nicht nur der ganzen Nummer etwas mehr Schwung verleihen, sondern die schon etwas anstrengenden über zwei Stunden Laufzeit auf handlichere 95-100 Minuten eindampfen, ohne inhaltlich zu verlieren.

Technisch ist GUNDALA aller Ehren wert. Der Streifen hat einen international absolut konkurrenzfähigen Look, die Spezialeffekte (nicht so dramatisch viele, da Gundalas Kräfte ja einigermaßen bodenständig sind) auf einem guten Niveau, und das Stuntwork, insbesondere in den zahlreichen Martial-Arts-Einlagen (nicht nur, weil Sancaka ja seine Kräfte nicht wirklich einzuschätzen bzw. zu beherrschen weiß und diese ihm ja auch nicht uneingeschränkt zur Verfügung stehen, sind seine Superpowers meistens nur seine letzte Option, wenn er mit herkömmlicher Schlägerei nicht weiter kommt, oder er von seinen Gegnern extrem sauer gemacht wird) nicht gerade Iko-Uwais-Level, aber allemal kompetent.

Leider ist Hauptdarsteller Abimana Aryasatya (seines Zeichens auch Hauptdarsteller des oben erwähnten WARKOP-Kassenknüllers und damit zweifelsfrei ein indonesischer Top-Star) als Sancaka eine ziemliche Flachzange – ihm mangelt’s an Ausstrahlung oder Likeability. Vielleicht ist er in komödiantischen Stoffen wie WARKOP stärker, als Sancaka ist er mir einfach eine Nummer zu hölzern (wenn er dann aber ein Kostüm anlegt, geht’s). Tara Basro ist schon ein Schnuckelchen und auch darstellerisch nicht übel, Bront Palarae ist als (vermeintlich) hauptamtlicher Schurke des Rührstücks (gen Ende hin erfahren wir, dass Pengkor, was Schüfte des BLCU angeht, absolut nicht das Ende der Fahnenstange ist und sein vermeintlicher Handlanger, was die weitere Entwicklung des Franchise angeht, wesentlich wichtiger sein wird) absolut in Ordnung, auch wenn er für mich gerne noch ne Nummer stärker hätte aufdrehen können.

Im Endeffekt ist GUNDALA sicher kein großer Coup, was die Aussichten auf dem internationalen Markt für das indonesische Superheldenkino angeht. Wir haben halt schon Marvel und DC, und allein die schon von mir angeführte popkulturelle Durchdringung, die die ikonischen Figuren der amerikanischen Superhelden-Universen angeht, fehlt in Sachen GUNDALA und „Patriot“ (wie sich das Team nennt, das die diversen BL-Helden in den Comics bilden) für den westlichen Markt völlig. Dazu kommen ganz einfach grundsätzliche Schwächen wie die ausgesprochen holprige Dramaturgie und der Ansatz, GUNDALA auf Teufel komm raus zum launching point eines großangelegten Helden-Crossovers zu machen, anstatt erst mal die einzelnen Figuren in ihren Solo-Filmen zu etablieren, bevor sie ins Team-up geschickt werden. Dennoch – ich bin ganz froh, GUNDALA gesehen zu haben, speziell im Rahmen der FFF-White Nights. Den x-ten Zombieholzer von der Stange, den ich mir drei Wochen später auch auf DVD holen könnte, muss ich da nicht unbedingt sehen, aber einen Film wie GUNDALA, der es sicher auch schwer haben wird, international einen Vertrieb zu finden, sieht man eben nicht alle Tage, und es sind doch die außergewöhnlichen, nicht alltäglichen Filme, die ich im Programm eines solchen Festivals sehen möchte. Und wenn die Festivalkuratoren die Nachfolgefilme, soweit sie realisiert werden, wieder ins Programm hieven, werde ich mich nicht beschweren…

© 2020 Dr. Acula


BOMBEN-Skala: 6

BIER-Skala: 5


mm
avatar
  Subscribe  
Benachrichtige mich zu: