Großer, lass die Fetzen fliegen


  • Deutscher Titel: Großer, lass die Fetzen fliegen
  • Original-Titel: Er più: storia d'amore e di coltello
  • Alternative Titel: The Story of Romance and Knife
  • Regie: Italien
  • Land: 1971
  • Jahr: Sergio Corbucci
  • Darsteller:

    Adriano Celentano (Nino Petroni), Claudia Mori (Rosa Turbine), Vittorio Caprioli (Der Chinese), Fiorenzo Fiorentino (Ignazio), Ninetto Davoli (Antonio Cerino, genannt Totorello), Gino Santercole (Verdichio), Gino Pernice (Pietro di Lorenzo), Gianni Machhia (Augusto di Lorenzo), Romano Valli (Polizeimarschall), Alessandra Cardini (Velia Petroni)


Vorwort:

Die Armenviertel von Rom, so um 1895...

Nach Verbüssung einer einjährigen Haftstrafe wegen einer kleinen Messerstecherei kommt Nino Petroni (Adriano Celentano, DER GEZÄHMTE WIDERSPENSTIGE, JOAN LUI – EINES TAGES WERDE ICH KOMMEN UND ES WIRD MONTAG SEIN) aus dem Knast wieder ins heimatliche Viertel. Nino ist nicht nur der mehr oder weniger unwidersprochene beste Messerkämpfer Roms, sondern auch der „Größte“ der Fischhändler-Gang, sprich ihr Capo, und als solcher ist seine Rückkehr überwiegend gern gesehen, vor allem von Rosa Turbine (Claudia Mori, URSUS, DER UNBESIEGBARE, HILFE ICH BIN SPITZ...E! Und Signora Celentano), Ninos sort-of-Girlfriendgeliebter.

Nino hat vordringlich zwei Interessen – zum einen würde er natürlich gern wissen, wessen Aussage ihn hinter stählerne Gardinen gebracht hat und, zum zweiten, auch die Frage beantwortet wissen, warum zum Geier Droschkenkutscher Antonio, genannt Totarello (Ninetto Davoli, DECAMERONE, CASANOVA FRANKENSTEIN) immer noch nicht Ninos Schwester Velia (Alessandra Cardini, DIE VIPER, DIE KRÖTE) vor den Traualtar geschleppt hat. Die zweite Frage ist relativ schnell geklärt – Totarello gibt zu, dass Velia ihn schlechterdings nicht antörnt. Das ista us Ninos Sicht eine absolut unzureichende Begründung, weil es erwiesenermaßen nicht drauf ankommt, ob Totarello mit dem Mädel was anfangen kann, sondern sie schlicht unter die Haube gehört. Nach ein-zwei Überzeugungsschellen ist das Problem zumindest für Nino befriedigend gelöst.

Die andere Frage ist auch nicht superschwer aufzudröseln – dass letztendlich „der Chinese“ (Vittorio Caprioli, DER REGENSCHIRMMÖRDER, ZWEI SUPERTYPEN RÄUMEN AUF, BRUST ODER KEULE), Pfandleiher und allgemein bekannter Polizeispitzel, dem Polizeimarschall (Romolo Valli, DER LEOPARD, TODESMELODIE) Ninos Täterschaft gesteckt hat, ist ein vergleichsweise offenes Geheimnis, nur konnte der Chinese davon aus eigener Anschauung nichts wissen, also muss es jemand erst dem Chinesen auf die Nase gebunden haben. Top-Kandidat für diese Position ist Ninos Intimfeind Augustarello (Gianni Macchia, BLUTIGER FREITAG, EMANUELA – ALLE LÜSTE DIESER WELT), einer der Di-Lorenzo-Brüder, die der rivalisierenden Gang der Fleischer vorsteht und der unsterblich in Rosa verliebt ist. Keine Frage, wenn jemand etwas davon hätte, wenn Nino langfristig aus dem Spiel wäre, wäre das er. Der Haken daran ist aber eben Augustarellos Verwandschaft – dem verhinderten Liebhaber grob aufs Maul zu schlagen, würde einen Bandenkrieg auslösen, und wiewohl das rein grundsätzlich erst mal niemand stören würde, hat der Marschall momentan ein ziemlich wachsames Auge auf Ninos Aktivitäten – low profile ist angesagt.

Das ist aber nicht unbedingt im Sinne des Chinesen, den der kann von der Polizei nur dann für Informationen kassieren, wenn's petzenswerte Informationen gibt. Also steckt der Chinese Nino, dass Augusto mal wieder in verführender Mission in Rosas Bügelstube rumhängt. Aus Gründen der in diesem Film viel zitierten Ehre kann Nino sich das nicht bieten lassen und stellt den Rivalen zur Rede, wobei der Fleischer sich nun doch verdiente Prügel abholt. Nun gebietet die Innungsehre umgekehrt, dass dies seitens der Fleischer und ihrem „Größten“ Pietro (Gino Pernice, DJANGO, HECTOR, DER RITTER OHNE FURCHT UND ADEL) nicht ungesühnt bleibt. Bewusst ohne Augusto, den auch seine Brüder und Kollegen in erster Linie für eine Pfeife halten, zerlegen die di Lorenzos Ninos Fischladen, während der gerade dabei ist, seinem Hobby, sich kreuz + quer durchs Viertel zu vögeln, nachgeht. Nun tief in ein Ehrenhändel verstrickt, sattelt Nino seine Vertrauten Ignazio (Fiorenzo Fiorentini, LA TOSCA, SCHULMÄDCHEN LIEBEN HEISS) und Verdicchio (Gino Santercole, DER BERSERKER, ADRIANO, DER SCHÜRZENJÄGER), um den Lorenzo-Brüdern eine Lektion zu erteilen. Diese äußert sich in einer achtjährigen Drittklässlern angemessenen „Schlacht“, in der sich die jeweiligen Trios mit Steinen bewerfen, und ohne dass die Auseinandersetzung eine definitive Entscheidung bringt.

Allerdings ist Augustulus nun tödlich beleidigt, dass er nicht mitspielen durfte und sucht die Fischhändler in deren Stammkneipe auf. Nino ist nicht auf Ärger aus und versucht den Rivalen höflich, aber bestimmt hinauszukomplimentieren, aber Augusturello besteht darauf, in eine „passarella“, ein hochkompliziertes und mutmaßlich für Nicht-Römer absolut unverständliches Trinkspiel einbezogen zu werden, und da wir wieder beim Thema „Ehre“ sind, würde Nino diese Bitte abschlägig bescheiden, wäre das wieder einmal der allgemeinen Fischhändlerehre abträglich usw. usf. Das Gelage beginnt in angespannter Atmosphäre, aber 25 Liter Rotwein weiter sind mit Ausnahme von Nino und Augusturello, die nur leicht einen sitzen haben, alle Teilnehmer abgefüllt genug. Dennoch oder gerade deswegen provoziert Augusto ein Handgemenge, und rammt Nino seine Klinge in den Bauch. Ein paar Schubser später liegt auch Augusto in seinem Blut, aber im Gegensatz zum nur schwer angeschlagenen Nino verröchelt er gänzlich.

Rosa pflegt Nino hingebungsvoll gesund, und die Nahtoderfahrung scheint auch die Augen des Sardellendealers geöffnet zu haben. Zu Rosas eigener Überraschung kündigt er an, sie am 29. Julei des Jahres in den heiligen Hafen der Ehe zu steuern. Aber so einfach ist das mal wieder nicht, denn die Lorenzos sind, was Verbluten von Familienangehörigen auf Feindesgrund angeht, nicht vergesslich. Die Frage der Ehre (it is always) kann nur durch ein formales und formelles Duell endgültig geklärt werden. Pietro schlägt den 29. Juli als Datum vor, aber wenigstens SO doof ist Nino nicht – als Ersatztermin wird der 23. ausgekuckt. Rosa ahnt übles und überredet Nino wenigstens, den Abend zuvor und die Nacht bei ihr zu verbringen, womit Nino einverstanden ist – aber gepoppt wird nicht, denn... Ehre mal wieder, mit seiner Braut vor der Hochzeit zu pennen, würde ihn mal wieder entselbigen.

Man trifft sich also mit seinen jeweiligen Sekundanten und den geeigneten Sätzen Menschenaufschlitzern am vereinbarten Ort zur vereinbarten Zeit, um sich Saures zu geben. Der Marschall, mittlerweile aus politischer Frustration offiziell von seinem Job zurückgetreten, nichtsdestoweniger aber ermittelt hat, dass Trottel Augustorello in seine eigene Klinge gestürzt ist, versucht, das Schlimmste zu verhindern...

Inhalt:

Es gab Dinge, auf die konnte man sich Ende der 70er, Anfang der 80er verlassen, auch im Kinobereich. Es kam jedes Jahr oder spätestens jeden zweiten Sommer der neue Bond, der neue Spencer/Hill, der neue Belmondo, der neue Celentano, und lockte die Massen ins Kino, ohne dass der Verleiher Millionen in eine kreative Werbekampagne stecken mussten. Bild von Hauptdarsteller, Name und „DER NEUE“ aufs Plakat, und jeder war informiert.

Natürlich mussten sich die jeweiligen Protagonisten dieser Filme den Status erst mal erarbeiten... Celentano hatte dabei noch den strategischen Startvorteil, als anerkannter Sangesstar („Azzurrooooooooo...“) schon Bekanntheit mitzubringen – in der Tat entwickelte sich Celentanos Filmkarriere auch direkt aus seiner ersten Karriere als Italiens erster Rock'n'Roller und Teen-Idol, in seinen ersten Film spielte er mal praktisch, mal tatsächlich sich selbst (z.B. in der von niemand anderem als Lucio Fulci 1963 inszenierten Rock'n'roll-Komödie EIN SELTSAMER TYP), und entwickelte dabei langsam, aber beständig seine dann so kassenträchtige Screenpersona des maßlos von sich selbst überzeugten, aber liebenswerten Aufschneiders/Angebers. Das mochte dann zu seiner Glanzzeit wie bei den Landsleuten Spencer/Hill sehr formulaisch und eindimensional sein, aber es war eine Formel, die eben auch funktionierte. Bis dahin gab's aber auch das ein oder andere Experiment, und da muss man GROSSER, LASS DIE FETZEN FLIEGEN einordnen.

Den Titel, der schon sehr bemüht ist, den Film in die Klamotten-Kiste zu packen, in der sich Celentanos große Erfolge wohlfühlten, bekam der Film erst 1985 verpasst – erst da erlebte er nämlich seine Deutschland-Premiere als Fernseherstausstrahlung. Klare Sache, dass die damaligen Verantwortlichen versuchten, das Publikum zu ködern, das in GIB DEM AFFEN ZUCKER oder BINGO BONGO strömte. Die waren dann vermutlich eben so überrascht wie ich gestern bei meiner DVD-Sichtung.

Denn mit der beliebten Celentano-Formel des liebenswerten Großmauls und seinen romantischen Verwicklungen hat der Streifen nichts zu tun. Ja, da und dort schimmern leichte komödiantische Anklänge durch und Celentanos Figur Nino ist zumindest eine zaghafte Andeutung, in welche Richtung sich seine Screenpersönlichkeit entwickeln sollte, aber insgesamt fehlt dem Film eine wirkliche Identität. Sergio Corbucci und Vielschreiberling Mario Amendola (der die meisten SUPERBULLE-Streifen schreiben sollte) scheinen irgendwie noch an der Italo-Western-Philosophie des Anti-Helden zu hängen, ein paar komische Elemente einbringen zu wollen und das Ganze dann in die Gestalt eines historischen Sittenbildes zu pressen. Am Ende überwiegt zweifellos Letztgenanntes – der Film zeichnet ein durchaus nicht unbeeindruckendes Bild des Lebens der einfachen und armen Bevölkerung Roms, denen es – wie der Polizeimarschall zu seinem Leidwesen feststellen muss – kaum egaler sein könnte, ob Italien jetzt dank des Volkshelden Garibaldi eine geeinte Nation unter einem großen König ist, wenn die alltäglichen Probleme doch darauf hinauslaufen, jeden kleinen persönlichen Vorteil mitzunehmen, den man kriegen kann, und dabei das Zerrbild einer Karikatur des ohnehin schon lächerlichen Konzepts „Ehre“ zu wahren. Man mag das als Satire anerkennen, wie Kleingangster, Kriminelle und Halsabschneider, die über keine Moral verfügen, von der sie wüssten, sich alle Nase lang darüber auslassen, was die korrekte Handlung eines Ehrenmanns ist oder auch nicht, welche Handlung jemanden entehrt und wie man trotz Einhaltung dieses Ehrenkodex trotzdem auf seine Kosten, ob finanz- oder sexuell kommt. Es ist ein so zentrales Thema, dass die meisten HK-Filme mit ihrem Herumreiten auf Loyalitätsfragen dagegen subtil wirken, und spätestens nach einer guten Stunde bekommt man als „neutraler“ Zuschauer leichte nervöse Zuckungen, wenn mal wieder etwas die Ehre eines Messerstechers gefährdet...

Es stecken ein paar ganz gute Ideen im Script – die Fehde der Fischhändler und der Fleischer scheint so eine von der traditionellen Feindschaften zu sein, die längst keinen greifbaren Grund mehr hat, sondern gepflegt wird, weil das schon die Väter und der Väter Väter so gehalten haben, und sich wahrscheinlich von selbst in Wohlgefallen auflösen würde, täte der Chinese (warum der so genannt wird, weiß auch keiner) sie nicht aus purem Eigennutz, um seinen Wert für die Polizei aufrecht zu erhalten, am Köcheln halten und beide Fraktionen gegeneinander aufwiegeln. Auf der anderen Seite verliert sich das Script auch immer wieder in Belanglosigkeiten wie dem für die eigentliche Story völlig unwichtigen Subplötchen um Totorello und Ninos Schwester, einer ebenso unnötigen Episode um den Chinesen, den Marschall und das rote Hemd eines Alt-Garibaldisten (der Film flechtet immer wieder recht schwerhändige Anspielungen auf das Aufkeimen bzw. Fehlen von italienischem Patriotismus ein) oder dem für Außenstehende total unverständlichen Trinkspiel der „passarella“ (was um so schwerer wiegt, als das ganz offensichtlich einer der großen dramaturgischen Höhepunkte des Films sein soll, der den gesamten dritten Akt als Motivation stemmen muss). Generell ist es auch nicht so, dass der Plot des Films so uhrwerkartig ineinander greift wie ich es oben zusammengefasst habe. „On screen“ ist das alles schon deutlich mäandernder und recht träge von Sergio Corbucci (eigentlich ja der bessere Regisseur der Corbucci-Brüder) inszeniert – die 105 Minuten kommen zumindest mir deutlich länger vor. Und wenn dann am Ende noch das große Melodrama ausgepackt wird, hat der "normale" Celentano-Zuschauer eh schon das Handtuch geworfen oder ist sanft entschlummert.

Ausstattung und Kostüme sind über alle Zweifel erhaben, das ist alles sehr authentisch und zeichnet ein lebendiges Bild der Epoche, dahingegen sind Kameraführung (von Pasqualino De Santis, immerhin ein Zeffirelli-Mitarbeiter, ROMEO UND JULIA) und Schnitt (von Eugenio Alabiso, Leones Cutter bei ZWEI GLORREICHE HALUNKEN und FÜR EIN PAAR DOLLAR MEHR) ziemlich einfallslos und gelegentlich konfus. Auch der Score von Carlo Rustichelli (THRONE OF FIRE, DER SUPERBULLE JAGT DEN RITTER) haut mich nicht vom Hocker – er ist zwar durchaus der abgebildeten Epoche angemessen, aber in keiner Weise memorabel oder stimmungsförderlich. Der Soundtrack beinhaltet natürlich einige Celentano-gesungene Canzones (nicht on-screen performed), die auch nicht unbedingt auf jedem Best-of-Album des Meisters zu finden sein dürften.

Die Rolle, muss man auch sagen, liegt Celentano nicht fürchterlich gut – er ist einfach nicht wirklich für rein dramatisch-ernste Rollen geschaffen, auch wenn er hier noch recht jung und „babyfacig“ ist, spürt man schon, dass eigentlich jede Line aus seinem Mund sarkastisch sein müsste (eine Rainer-Brandt-Synchro würde den Film vielleicht historisch entstellen, aber seinem Unterhaltungswert enorm weiterhelfen). Ich gebe freilich zu, dass da auch viel „hindsight 20/20“ dabei ist, denn wenn man Adriano nun mal hauptsächlich aus seinen Klamaukfilmen kennt, ist es schwierig, ihn in einer überwiegend ernsten Charakterrolle zu sehen. Claudia Mori hat dafür, dass der Film sich im Original als „Romanze mit Messern“ bezeichnet und sie das Objekt der romantischen Begierden ist, wenig zu tun, übernimmt erst im Schlussakt eine etwas aktivere Rolle. Gianni Macchia ist als Augustorello total blass und das Potential von Fiorenzo Fiorentini und Ninetto Davoli wird auch alles andere als ausgereizt. Wenigstens Romolo Valli ist als geplagter Polizeimarschall, sowieso die lustigste Figur des Films, amüsant.

Ich hatte zum Review die olle DVD von Laser Paradise und da kann sich jeder ausmalen, wie die aussieht – ein Letterbox-Widescreen-Transfer eines abgenudelten Prints mit Laufstreifen und Defekten. Der Ton ist mäßig, die Synchro laboriert daran, dass Celentano nicht von seinem Stamm-Sprecher Thomas Danneberg, sondern einem ziemlich unpassenden Heiner Lauterbach synchronisiert wird.

Also – das ist einer für Hardcore-Celentano-Vergötterer, die es möglicherweise deutlich interessanter finden werden als ich, ihr Idol einigermaßen gegen den Strich gecasted zu sehen. Ich bleib dann doch lieber bei den mit geringerem Anspruch angetretenen, aber wesentlich unterhaltsameren Blödelfilmen oder gleich bei JOAN LUI. This one's a pass...

© 2019 Dr. Acula


BOMBEN-Skala: 6

BIER-Skala: 4


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