Get In


  • Deutscher Titel: Get In
  • Original-Titel: Furie
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  • Regie: Olivier Abbou
  • Land: Frankreich
  • Jahr: 2019
  • Darsteller:

    Adama Niane (Paul Diallo), Stéphane Caillard (Chloé Diallo), Paul Hamy (Mickey), Eddy Leduc (Franck), Hubert Delatre (Eric Belso), Carine Bouquillon (Sophie), Marie Bourin (Sabrina Belso), Christopher Fataki (Kevin), Matthieu Kacou (Louis)


Vorwort:

Die gemischtrassige Familie Diallo, bestehend aus Papa Paul (Adama Niane, BAISE-MOI), schwarz, Mama Chloé (Stéphane Caillard, BASTILLE DAY), weiß und heiß, und dem entzückenden Mischlingskind Louis (Matthieu Kacou), erlebt nach Rückkehr von einer zweimonatigen Urlaubsreise im Wohnmobil eine böse Überraschung. Ihre Housesitter, Louis‘ Kindermädchen Sabrina (Marie Bourin, DER GLANZ DES UNSICHTBAREN) und ihr Ehemann Eric Balso (Hubert Delatre, GLACÉ – EIN EISKALTER FUND), von den Diallos freundlicherweise nach Verlust ihrer eigenen Wohnstatt dazu eingeladen, während ihrer Abwesenheit aufs Haus aufzupassen und sich ne neue Bleibe zu suchen, sind offenbar nach längerem Brainstorming zum Schluss gekommen, dass ihnen als neue Bleibe Pauls luxuriöses Landhaus extrem gut gefällt und haben sich darob häuslich eingerichtet, mit neuem Klingelschild und allem Pipapo. Paul reagiert verständlicherweise ungehalten, was die Balsos dazu veranlasst, die Polizei zu rufen. Paul wird auf seinem eigenen Grund + Boden hausfriedensbruchtechnisch festgenommen.

Nachdem Paul auf der Wache eher unangebracht ein Rassismusding aus der Angelegenheit zu machen versucht, klärt sich die Sache einigermaßen. Pauls Besitzanspruch ist ungebrochen, nur waren die Diallos doof genug, ein Papier zu unterzeichnen, wonach sich die Balsos verpflichten, Strom, Wasser, Telefon und die ganzen anderen Versorgungsleistungen zu bezahlen, was selbstredend nur für die acht Wochen Urlaub gedacht war, aber, weil dämlich formuliert, durchaus so interpretiert werden kann, als wären die Balsos rechtmäßige Mieter der Hütte, die deswegen nicht einfach rausgekegelt werden können. Paul fliegt zwar der Draht aus der Mütze, aber es hilft kein Schreien, es hilft kein Flehen, die Diallos müssen sich für den Moment damit behelfen, ihr Wohnmobil auf einem nahegelegenen Campingplatz, der zufälligerweise von Chloés altem Schulkameraden Mickey (Paul Hamy, DER BODYGUARD – SEIN LETZTER AUFTRAG, DER ORNITHOLOGE) geleitet wrid, abzustellen und die Nummer als obskure Urlaubsverlängerung zu betrachten. Die rasch eingeschaltete Anwältin (Alice Taurand) ist optimistisch, dass ein Eilantrag bei Gericht binnen weniger Tage die Verhältnisse klarstellen wird.

Dummerweise sieht der zuständige Richter die Sache nicht so eindeutig – die Dokumente, die die jeweiligen Parteien vorliegen, sind vielfältig interpretierbar, eine Eilentscheidung ist daher nicht drin, ein ordentliches Verfahren muss folgen und das, da kann Paule mit den Zähnen knirschen wie er will, kann und wird Monate dauern – was nicht nur zur Folge hat, dass die Einquartierung auf dem Campingplatz zum Dauerzustand wird, sondern auch Konsequenzen auf dem arg geschröpften Bankkonto der Diallos hat, schließlich laufen Hypotheken und dergleichen munter weiter, Mieteinahmen sind aber gleich null, was es auch unmöglich macht, eine anderweitige temporäre Wohnstatt zu finden.

Die Behörden sind Paul keine Hilfe – auf dem Wohnungsamt kapiert keine Sau, was Paul eigentlich will (für die Balsos eine Sozialwohnung organisieren, damit sie aus seiner Hütte abhauen). Selbst seine Lehrtätigkeit leidet unter der Situation, bis sich eines schönen Abends Mickey genötigt sieht, Paul mal zur Seite zu nehmen. Mickey mag eher ein ungehobelter Klotz ohne feinere Bildung sein, aber er hat das grundsätzliche Problem der Misere eindeutig identifiziert: Paul ist ein elendes Weichei, eine Pussy, ein Schattenparker, ein Turnbeutelverlierer. Damit liegt er z.B. auch auf einer Wellenlänge mit Pauls Schüler Kevin, der ihn als „Oreo“ (außen schwarz, innen weiß) einstuft. Bis Paul nicht mal ein ordentliches Paar Eier wächst, wird er, der versucht, sich als Schwarzer in einer weißen Gesellschaft bis zur Selbstverleugnung und darüber hinaus anzupassen und zu integrieren, bei den Balsos keine Schnitte sehen. Und, by the way, auch nicht bei Chloé, denn in der Diallo-Ehe kriselt es schon länger – Chloé hatte Paul, unausgesprochen wegen seiner Softigkeit, betrogen und die lange Urlaubsreise war Pauls eher erfolgloser Versuch, die Ehe wieder in die Spur zu bringen.

Mickey schreitet daher zu einem Crashkurs in Sachen Notfall-Maskulinisierung. Mit seinem besten Freund, dem französischen Martin Semmelrogge Franck (Eddy Leduc, VICKY, PROBLEMOS – ALLE TOT. WIR NICHT) schreitet er zur Tat. Nicht nur, dass Mickey und Franck geloben, Paul zur Wiedererlangung seines rechtmäßigen Besitzes zu verhelfen, nein, sie wollen aus Paul einen echten Kerl ™ machen. D.h. Paul wird zu wilden Partys mit Wein, Weib, Drogen und notfalls auch Gesang mitgeschleift, darf mit seinen neuen Freunden auf Wildschweine ballern, und, zu seiner eigenen gelinden Überraschung, findet tatsächlich Gefallen am neuen, exaltierteren Lebensstil.

Und die unkonventionellen Freunde scheinen auch in Sachen Haus tatsächlich nützlich zu sein. Mit selbstgedruckten Flyern, die auf dem Marktplatz verteilt werden, und einer ordentlichen Mitleidsstory gelingt es Mickey und Franck, die öffentliche Meinung ganz eindeutig Richtung Diallos zu drehen, auch wenn die Schweineköpfe, die eines Abends auf den Zaun des ehemaligen Diallo-Anwesens gespickt werden, vielleicht etwas sehr krass sind. Leider ist die Justiz kein Popularitätswettbewerb – die Gerichtsentscheidung zieht sich lang genug hin, dass, selbst wenn Paul Recht bekommt, die winterliche „Gnadenperiode“ einschlägig wird, während der niemand zwangsgeräumt wird. Paul schreitet zu einer ersten handgreiflichen Tat, sattelt sein Motorhome und brettert durch den Zaun in den Garten seines Grundstücks. Das mag auch ein wenig temperamentvoll sein, aber, wie sich herausstellt, kann man ihm tatsächlich nicht verbieten, sein Wohnmobil auf seinem eigenen Grund und Boden abzustellen. Was bedeutet, dass die Balsos am abendlichen Dinner-Tisch einen exzellenten Blick auf die Malaise ihrer einstigen Wohltäter werfen können – eine Situation, die nun niemanden sonderlich befriedigt.

Stichwort „befriedigt“. Was Mickey und Chloé Paule sicherheitshalber verschwiegen haben, ist der Umstand, dass ihre frühere Beziehung mit „Schulkameraden“ nur sehr, äh, vage beschrieben ist. Sie waren ein Liebespaar und vor allem Mickey wäre nicht abgeneigt, auf der Grundlage, dass Chloé Pauls Persönlichkeitsänderungen ersichtlich nicht sonderlich schätzt und damit die Position ihres Bettgefährten scheinbar vakant ist, da weiterzumachen, wo man vor x Jahren aufgehört hat – Chloé schon eher.

Mickey und Franck schleppen Paul in eine Disco – es werden Weiber angegrabbelt, die sich das auch gefallen lassen, Ecstasys eingeworfen, und, wie sich herausstellt, auf dem Parkplatz Leute verprügelt, die die von unseren Freunden ausgekuckten wandelnden Tittensätze etwas zu lüstern angestarrt haben. So z.B. Pauls Schüler Kevin. Das ist für Paul nun der Rubikon – hier hört der Spaß auf, er bricht mit seinen Freunden. Doch die lassen sich nicht so leicht abschütteln. Mickey hat versprochen, dass Paul sein Haus zurückbekommen wird, ob Paul das jetzt will oder nicht, und wenn die bisherigen Mittel versagt haben, dann muss rohe, brutale Gewalt den Job erledigen. Paul und Chloé wollen das Schlimmste verhindern, aber die Home Invasion bei den Balsos ist bereits in vollem gewalttätigen Gange – Mickey und Franck machen keine Gefangenen…

Inhalt:

Der französische Thriller ist beim FFF und seinen Ablegern ein ziemlich fixer Programmpunkt, doch meistens stehen dann doch Cops (eh, Flics) und Ganoven im Mittelpunkt. GET IN spielt sich deutlich anders, und aus dem 2020er-White-Nights-Jahrgang ist es zweifellos der Film mit dem größten Konflikt- und Diskussionspotential (dass JOJO RABBIT ein Geniestreich ist, darüber sind wir uns hoffentlich einig, auch wenn ich dazu kein Review verfasst habe).

So absurd das Szenario auf den ersten Blick scheinen mag, so ist es doch keine bloße Fiktion. Einige europäische Länder (neben Frankreich auch Spanien) haben obskure Gesetze, die es in der Tat möglich machen, dass „Hausbesetzer“ , auch wenn sich die eigentlichen Besitzer der jeweiligen Immobile auf den Kopf stellen, ein „Bleiberecht“ geltend machen können (in Spanien z.B. greift das, wenn der „Besetzer“ über einen gewissen Zeitraum unwidersprochen im Objekt wohnt, was so mancher Finca-Besitzer, der nur ein paar Monate im Jahr dort verweilt, gar nicht mitbekommen konnte und sich dann auf langwierige juristische Auseinandersetzungen einstellen musste. Boris Becker ist das meines Wissens mal passiert). Da steht man als Betroffener natürlich erst mal dumm da und muss die juristische Binsenweisheit lernen, dass (moralisch) Recht haben und (vor Gericht) Recht bekommen zwei äußerst unterschiedliche Paar Schuh sind, vor allem, wenn man wie unsere Film-Diallos dusslig genug war, ein ambivalent lesbares, auslegungsfähiges Dokument zu unterschreiben (in Deutschland wäre das schon deutlich einfacher zu regeln, weil Gerichte hier im Allgemeinen gehalten sind, bei strittigen Formulierungen stärker auf die Intention der Beteiligten – die im hiesigen Fall klar auf der Hand liegt – zu achten als auf den Wortlaut).

Natürlich fragt man sich als FFF-Zuschauer eine ganze Weile lang, was, bitte schön, GET IN auf diesem Festival zu suchen hat. Wir sind zwar gewohnt, dass die Festivalleitung das mit dem „Fantasy“ im Namen sehr sehr lax auslegt, aber für eine ganze Weile ist GET IN ein Familiendrama mit juristischem Hintergrund, also bei aller Freundschaft und Verständnis für dezidiert nicht-phantastisches Thriller- oder Krimikino im Festival-Line-up nicht unbedingt das, was man sich erhofft und erwartet. Was nicht heißt, dass der Film in dieser Phase uninteressant wäre – man kann mit den Diallos und ihrer ausgesprochen unerfreulich-schrägen Situation schon mitfühlen, sich fragen, wie man selbst in dieser Lage reagieren würden usw. Nachdem wir uns im ersten Akt also mit der ganzen, ziemlich Murphy’s Law-invozierenden Misere vertraut gemacht haben, nimmt der Streifen im Mittelakt dann einen ziemlichen Schlenker. Die Home Invasion der zivilisierten Art rückt für eine ganze Weile aus dem Blickpunkt, wenn der Film sein augenscheinlich eigenes Thema angreift – eine Untersuchung von Maskulinität im 21. Jahrhundert, etwas, das in Zeiten von #metoo und allen positiven und negativen Auswüchsen der Neudefinition des Männerbildes, von höchster Aktualität ist.

Mickey und Paul sind dabei die Gegenpole – Mickey ist ein althergebrachter Macho, tätowiert, trinkfest, bereit, alles mitzunehmen, was mitzunehmen ist, und in jeder Situation stets Herr der Lage, und wenn’s denn sein muss, dann auch mit Gewalt, ein Alphamännchen, wie’s im Buche steht. Paul ist da glatte Gegenteil, ein Softi, in der Tat eine Pussy, der nie gelernt hat, „für“ etwas zu kämpfen, sondern sich immer angepasst hat, sich immer bemüht hat, allen und jedem zu gefallen, sich selbst alle Ecken und Kanten abgeschliffen hat, praktisch das, was extreme Social-Justice-Warrior für das Idealbild des 21st Century Male halten. Bei Paul kommt dann auch noch die Hautfarbe dazu – äußerlich mag er schwarz sein, aber seine Persönlichkeit, sein Denken und Handeln ist weißer als das des weißesten FN-Wählers. Es ist eine sicher leicht zu übersehende Schlüsselszene des Films, als Paul, Lehrer von Beruf, seiner Klasse über die unveräußerlichen Menschenrechte – Leben, Freiheit, Besitz – aufklärt, und wir im weiteren Filmverlauf realisieren, dass Paul nie gelernt hat, wirklich aktiv für diese einzutreten, für sie zu kämpfen. Er erwartet von der Gesellschaft, dass sie diese Rechte für ihn ausübt, vergisst dabei aber, dass diese Rechte nicht gottgegeben vom Himmel gefallen sind, sondern die Unterdrückten, die Unfreien, die Besitzlosen sich diese erst mit Zähnen und Klauen erkämpfen mussten.

Die Moral von der Geschicht ist arg zwiespältig – (SPOILER VORAN). Als der Abspann des Films zu laufen begann, drehte ich mich zum Kollegen Wortvogel und meinte, endlich mal einen Film gesehen zu haben, der seinem Schurken hundertprozentig Recht gibt. Erst als Paul seine altmodische, gewalttätige, brutale Männlichkeit akzeptiert und beginnt, gegen Mickey und Franck mit gleicher Münze, Härte und Heimtücke zurückzuschlagen, bekommt er nicht nur sein Haus zurück, sondern auch seine Ehefrau, die sich, praktisch noch in Blut und Eingeweiden der Opfer, bereitwillig ficken lässt (GET IN, get it? Da hat ein Filmumtitler, im Original heißt der Streifen schlicht FURIE sprich „Wut“, eine schöne Doppeldeutigkeit eingebaut). Es lässt sich unschwer so interpretieren, dass Mickey letztendlich mit seiner psychologischen Umerziehung des Weicheis zum Hartmax erfolgreich war und damit auch sein Versprechen erfüllt (das sind sogar die letzten Worte Mickeys im Film). Der Wortvogel sah’s ambivalenter – für ihn ist Chloé am Ende nach wie vor die dominante Partei der (fraglos wiederhergestellten) Ehe, was er daran festmacht, dass Chloé vor dem Fick sich schamlos nackt bei geöffneter Toilettentür vor Paul entleert, damit quasi aussagt, dass Paul ihr zwar als Sexpartner willkommen ist, sie ihn aber nicht für „wertvoll“ genug erachtet, für ihn Schamesgrenzen zu errichten. Der Vogel sieht den ganzen Film dann auch als einen Versuch, einen Kompromiss zwischen Mickeys toxischer Maskulinität und Pauls peinlicher Beta-Male-Nummer zu finden, aber wenn das die Zielsetzung des Films ist, hat er sie entweder glatt verfehlt (weil das, was Paul am Ende ist, nun entweder, wie wir gerade festgestellt haben, die Adoption von Mickeys Männlichkeit oder eine weitere Unterwerfung unter weibliche Dominanz, die Männlichkeit nur in der Rivalität mit anderen Männern duldet, dieweil die Frau unter Ausübung ihrer Sexualität „ihren“ Mann an der Kandare hält, darstellt), oder es ist die Aussage, dass es diesen Kompromiss nicht gibt, nicht geben kann. Ich bin mir letztlich nicht sicher, welcher Interpretation ich zuneige – meine ursprüngliche „der Bösewicht wird in seinem Tun bestätigt“-These ist sicherlich die offensichtliche, aber dann wäre der Film geradezu boshaft gefährlich, und das glaube ich bei Oliver Abbou, der sich mit TERRITORIES, einem weiteren (gerade in den USA) ob seiner Thematik umstrittenen Horrorfilm, einen Namen gemacht hat, eigentlich nicht, eher schon, dass Abbou bewusst keine klare Lösung anbietet, sondern zur Interpretation und Diskussion über das Gezeigte einlädt. Und das ist im Endeffekt ein Positivum, denn für meine Begriffe gibt es heutzutage, gerade im Horrorgenre (und mit seinem Schlussakt positioniert GET IN sich dann doch recht eindeutig im Genre des gewaltsamen Blutverlusts), viel zu wenige Filme, die gekonnt sticheln, provozieren, kontroverse Debatten anregen wollen.

Von der filmisch-handwerklichen Seite gibt’s nichts zu meckern. Abbou eskaliert die Geschichte vom verhaltenen Auftakt über das Abgleiten Pauls in die Subkultur der Mickeys und Francks bis hin zum bluttriefenden Gemetzel des Finales sauber (auch wenn der Sprung von „Mickey und Franck enttarnen sich als simple, gewaltgeile Schläger“ zu „Mickey und Franck als blutrünstige Metzelmeuchler“ schon recht krass ist) mit solider Kameraarbeit von Laurent Tangy (THE PYRAMID: GRAB DES GRAUENS, DER UNBESTECHLICHE – MÖRDERISCHES MARSEILLE) und ruppig-sudeligen Make-ups und Prosthetics von Emmanuel Pitois (VALERIAN, DIE VOLLPFOSTEN, PAKT DER WÖLFE). Wer erwartet, dass ein Film von der ersten Sekunde auf die Kacke haut, muss hier schon Geduld mitbringen, denn Abbou lässt sich Zeit, baut sein Szenario und seine Charaktere behutsam auf und gibt uns Gelegenheit, uns langsam, aber zielstrebig von der Geschichte aufsaugen zu lassen – die große Kunst ist es dabei, dass es Abbou gelingt, Mickey und Franck zunächst durchaus als joviale, liebenswerte Gesellen zu gestalten, es verständlich zu machen, dass Paul auf sie hereinfällt, weil sie die ersten „richtigen“ Freunde zu sein scheinen, die ihn um seiner selbst willen mögen und nicht nur aufgrund seiner Angepasstheit und weil er eine beliebte Frau hat.

Womit wir nahtlos zum Ensemble kommen. Adama Niane ist als Paul überzeugend, seine Entwicklung nachvollziehbar gespielt. Stéphane Caillard ist ein echter Hinkucker (und weil Tuppence Middelton sich in DISAPPEARANCE AT CLIFTON HILL fieserweise nicht ausgezogen hat, meine Kandidatin für’s White-Nights-Babe 2020), hat aber – es ist ein Film über MÄNNER – nicht so viel zu tun als eine Wand zu sein, an die Niane seine Frustrationen spielen kann, Paul Hamy zunächst ein überzeugender Freund-in-der-Not, dann ein beängstigendes Monster, Eddy Leduc ist ein wirklich fieser kleiner Giftzwerg.

Abschließend – ich kann verstehen, wenn man von GET IN auf dem falschen Fuß erwischt wird und seine vermeintliche Aussage brutal ablehnt (so wie’s mir vielleicht mit Andreas Marschalls PIGS aus DEATHCEMBER geht). Es ist ein Film, der, vermute ich, gar keine klaren Lösungen, keine definitiven Antworten auf seine Frage, was Männlichkeit im 21. Jahrhundert ist, sein kann, sein soll, bieten will. Es ist ein ambivalenter, streitbare, provokanter Film – und allein deshalb schon sehenswert, egal, welche Lehren (wenn überhaupt) oder Botschaften man aus ihm ziehen will (und wenn alle Stricke reißen, kann man ihn auch als simplen, soliden Rachethriller mit einem brutalen, blutigen Finale sehen).

© 2020 Dr. Acula


BOMBEN-Skala: 4

BIER-Skala: 6


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