Free Fire


  • Deutscher Titel: Free Fire
  • Original-Titel: Free Fire
  •  
  • Regie: Ben Wheatley
  • Land: Großbritannien/Frankreich
  • Jahr: 2016
  • Darsteller:

    Brie Larson (Justine), Cilian Murphy (Chris), Armie Hammer (Ord), Sharlto Copley (Vernon), Michael Smiley (Frank), Enzo Cilenti (Bernie), Sam Riley (Stevo), Babou Ceesay (Martin), Noah Taylor (Gordon), Jack Reynor (Harry), Patrick Bergin (Howie), Tom Davis (Leary), Mark Monero (Jimmy)


Vorwort:

Irgendwann in den 70ern, in einer heruntergekommenen Industriegegend in den Staaten. Der irische Ganove/Terrorist Craig trägt sich mit dem bescheidenen Wunsch, einen größeren Posten M-16er käuflich zu erwerben. Zu diesem Zweck hat er über seine Kontaktfrau Justine ein Meeting mit dem Deal-Vermittler Ord arrangiert, der wiederum den südafrikanischen Waffenhändler Vernon ("ein internationales Arschloch", wie Justine sich auszudrücken beliebt) im Schlepptau hat. Beide Parteien haben natürlich auch ihr Assortment an Sekundanten und Handlangern dabei. Das Treffen in einer verfallenen Fabrikhalle ist von gereizter Stimmung und gesegnetem Misstrauen geprägt, erst recht, als Vernon nicht die versprochenen M-16-Gewehre auspackt, sondern vergleichsweise altmodische AR-70. Craig ist pikiert, aber Vernon verweist auf die Marktlage - man muss nehmen, was man kriegt, und Leute totschießen kann man auch mit den Ballermännern. Auf diesen Standpunkt können sich alle verständigen - das Geld wird übergeben und die Ware angekarrt.

Es ergibt sich nur ein kleines, nicht vorherzusehendes Problem. Craigs angeheuerter Packesel Stevo hat am Vortag nach einem fehlgeschlagenen Anbaggerversuch das Gesicht einer jungen Frau mit einer abgebrochenen Flasche verunziert, und die Holde ist nun niemand anderes als die Cousine von Vernons Gehilfen Harry, der Steveo schon in unmittelbarer Folge der Zudringlichkeit die Schnauze poliert hat und mit dem verteilten Veilchen die Sache noch lange nicht als ordnungsgemäß abgeschlossen betrachtet. Nun haben aber weder Vernon, Craig noch Ord gesteigertes Interesse daran, dass der Deal wegen zweier Streithansel der untersten Kategorie platzt. Steve-O wird daher zu einer Entschuldigung genötigt, aber weil ein irischer Klengangster ja auch irgendwo seine Prinzipien hat, gibt's statt eines geheuchelten "sorry" eine Beleidigungstirade, die Harry unmöglich auf sich sitzen lassen kann. Und schon fliegen die blauen Bohnen rudelweise...

Binnen kürzester Zeit hat sich sprichwörtlich jeder mindestens eine Kugel eingefangen und kauert mit gezückter Kanone und schmerzverzerrtem Gesicht hinter irgendeiner provisorischen Deckung. Vernunftappelle verhallen ungehört, insbesondere die von Ord, der ja nun eigentlich mit der streitauslösenden Sache nun wirklich nichts am Hut hat. Justine findet sich unerwarteterweise in Craigs Nähe wieder, was Vernon, der sich in eine gepflegte Paranoia verabschiedet hat, als unwiderlegbares Anzeichen für Verrat und Mordio interpretiert. Die Lage ist also durchaus hoffnungslos und dabei auch ernst, denn wer immer seine Nase etwas zu weit aus der Deckung herausblicken lässt, ist sofort ein legitimes Ziel - und wer nun genau Freund oder Feind ist, ist dank der unübersichtlichen Lage auch nicht immer einfach auszumachen, da gerät man schon mal in "friendly fire".

Richtig konfus wird die Situation aber, als plötzlich BEIDE Parteien von unbekannter Seite unter Feuer genommen werden. Irgendjemand *hat* also ganz offenkundig Zeit und Ort des Deals ausgeplaudert, um mit den aus dem Verborgenen amtierenden Schützen gemeinsam Kasse zu machen. Wer kann jetzt wem noch vertrauen, und, noch praktischer - wer schafft es, sich trotz Kugelhagel und eigener Körper-Beschädigungen zum einzigen funktionierenden Telefon in der Halle durchzuschlagen, um Verbündete herbeizurufen?

Inhalt:

Ben Wheatley gehört zu der neuen Garde junger britischer Regisseure, die seit einiger Zeit mit ihren gewalttätigen, dabei aber originellen Geschichten die Leinwände der Welt mit Kunstblut besudeln. Mit Klopfern wie "Kill List" oder dem gelinde gesagt polarisierenden "A Field in England" ist Wheatley auch einer, der nie davor zurückscheut, das Publikum mal ordentlich vor den Kopf zu stoßen, gleichzeitig aber auch so viele Kritiker hinter sich zu vereinen, dass er seine Projekte vielleicht nicht unbedingt in den Budgets, aber hinsichtlich der Starpower deutlich vergrößern kann. Für die Ballard-Adaption "High Rise" zerrte er everybody's favorite evil nordic god, Tom Hiddelston, vor die Linse, und in seinem neuesten Werk "Free Fire" versammelt er ein veritables Ensamble namhafter Mimen, angeführt von der frischgebackenen Academy-Award-Preisträgerin Brie Larson ("Room"). Sein gemeinsam mit Amy Jump verfasstes Script für "Free Fire" begeisterte dann auch Martin Scorcese so sehr, dass der als einer von einem soliden halben Dutzend executive producers einstieg.

Nun könnte man erwarten, dass Wheatley, speziell mit Scorceses Support im Rücken, hier wieder ein ganz besonders subversives Stück underground-Kino zusammengestellt hat, aber... naja... man muss nicht gleich übertreiben. "Free Fire" ist formell nicht mehr als eine auf 90 Minuten ausgedehnte einzige Actionszene, quasi ein bisschen wie Tarantino ohne verkomplizierte Erzählstruktur und ohne pop-culture-Referenzen (dafür aber teilt Wheatley mit Tarantino das Faible für 70er-Jahre-Look). Betrachtet man Wheatleys bisherige Karriere und seinen bislang ausgeprägten Hang, alles inklusive Publikumserwartung, auf links zu drehen, könnte man nun zunächst enttäuscht sein, wie geradlinig und streng genommen ohne größere Überraschungen sich seine Quasi-Echtzeit-Geschichte entwickelt - andererseits kann man's ja auch so sehen, dass er gerade durch den Verzicht auf künstlerische Schnörkel und Sperenzchen ja wieder die Erwartungshaltung des Wheatley-Kenners unterläuft und gerade durch die überraschungslose Geradlinigkeit überrascht (if that makes any sense to you).

Und es ist nun auch nicht so, als hätte "Free Fire" außer Porno-Schnäuzern und insgesamt bedenklichen Frisuren und Outfits nichts zu bieten. In einer Weise nämlich gelingt es Wheatley sehr wohl, geläufige Genre-Klischees ad absurdum zu führen. Wie schon oben angekündigt, dauert es, sobald das Feuergefecht vom Zaun bricht, sicher keine drei-vier Minuten, bis jeder der Charaktere angeschossen wurde - und im Gegensatz zum üblichen Actionthriller, wo Henchmen von einem grob in ihre Gegend gewedelten Schuss automatisch tot umfallen, während wichtige Figuren es sogar weglächeln, wenn schon mehrere Meter Darm aus der Bauchhöhle quellen, sind Schußwunden in "Free Fire" zutiefst demokratisch - sie treffen und be-treffen jeden, und wem man in "Free Fire" mal ins Bein geschossen hat, der wird in der Folgezeit nicht mühelos sprinten, klettern oder auch nur stehen. Die Folge: für fast zwei Drittel der Laufzeit dieses Films krauchen, kriechen, robben unsere Protagonisten, ziehen sich mühselig vorwärts, leiden mehr oder weniger Höllenqualen. So wird aus dem vermeintlichen free-for-all schnell ein Katz-und-Maus-Spiel, an dem eigentlich nur Mäuse beteiligt sind. Jede Bewegung kann verraten, wo man sich gerade verkrochen hat, jeder Schuss, den man selbst abgibt, birgt das Risiko des Gegentreffers, weil man eben nicht wie Actionheld Flex McMuscle schnell mal fünf Meter quer durch die Luft zur nächsten Deckung segeln und dabei tausend Kugeln aus der Automatik versprühen kann. Die Action ist hier also nicht glorios-verherrlicht-übertrieben, sondern schmerzhaft-real, tut oft schon beim Hinkucken weh (die FSK 16 ist aber in Ordnung, da es nicht übermäßig graphisch-explizit wird. Die Jungs und das Mädel müssen sich nicht die Eingeweide rausschießen, um zu schocken).

Dadurch, dass Wheatley seine Figuren handicapped, reicht ihm auch eine Location völlig - mehr als die halbverfallene Industrieruine braucht er nicht; er betrachtet die Halle quasi als ein Spielfeld, auf dem eine harte Partie Mörderball ausgetraten wird. Konsequenterweise fliegt die Kamera stellvertretend für die weitgehend an ihre jeweiligen Stand- bzw. Liegeorte gefesselten Figuren durchs Areal, lotet immer neue Winkel und Perspektiven aus und schafft über den Schnitt auch mal Bewegungen, die physisch unmöglich sind. Man merkt: nur weil etwas auf den ersten Blick wie ein ganz gewöhnlicher Gangster-Ballerfilm wirkt, muss das bei genauem Hinschauen nicht "nur" so sein - in "Free Fire" ist die Kamera mindestens ebenso Protagonist wie die Schauspieler. Was Wheatley (womöglich) von Tarantino abgekupfert hat, ist der gelungene Musikeinsatz - ganz besonders abgesehen hat der Maestro es auf John Denver, der mit nicht weniger als drei Songs im Soundtrack vertreten ist.

Ganz großes Schauspielerkino ist "Free Fire" trotz des beachtlichen Casts sicher nicht. Charaktere an und für sich interessieren Wheatley in diesem Fall nicht - die Figuren sind holzschnittartig, bekommen ein-zwei EIgenschaften mit auf den Weg und damit hat's sich auch. Wozu auch mehr? Der Film behandelt eine Zeitspanne von ziemlich genau 90 Minuten, da wird höchstwahrscheinlich von fiesen Gangstern oder IRA-Terroristen niemand eine Epiphanie haben oder einen großartigen character arc durchlaufen. Sharlto Copley ("Disctrict 9", "Powers") kann ein überzeugend schmieriges Arschloch spielen, das wissen wir, das macht er hier, und er macht es gut. Brie Larson als undurchsichtige Gangsterbraut gefällt ebenfalls, ohne sich jetzt ganz groß in den Vordergrund zu spielen. Cillian Murphy ("Batman Begins", "28 Days Later") und Michael Smiley ("Das Parfüm", "Star Wars: Rogue One") harmonieren gut als irische Tunichtgute, Jack Reynor ("Transformers 4") setzt Akzente als Harry, Noah Taylor (gerade ganz groß als Hitler in "Preacher") hat leider als einer von Vernons Henchmen nicht so viel zu tun. Patrick Bergin ("Robin Hood", "Patriot Games") schaut für einen Überraschungsauftritt vorbei, aber die Schau stiehlt für mich Armie Hammer ("Lone Ranger", "Codename U.N.C.L.E.") als smarter Mittelsmann Ord, der eigentlich gar keine Aktien im Shoot-out hat, aber halt trotzdem mittendrin steckt.

Splendids Blu-Ray kommt in feinem 2.35:1-Widescreen. Ein paar lästige Wischer machen sich unglückseligerweise bemerkbar, ansonsten ist die Scheibe technisch aber einwandfrei. Als Zugabe gibt's Cast- und Crew-Interviews, Trailer, Making-of und B-Roll.

"Free Fire" ist der bislang wohl zugänglichste Film von Wheatley, was ein Mainstreampublikum angeht - er lässt sich als ganz "normaler" Gangster-Actionfilm konsumieren, kommt aber nicht ohne ein paar technische Finessen und inhaltliche Widerhaken aus, die man vielleicht beim ersten Ansehen gar nicht richtig bemerkt, die sich aber im Gedächtnis halten. Insofern: ein empfehlenswertes Stück Action-Kino, das auf die weitere Entwicklung des Regisseurs gespannt sein lässt.

Lonnie "Lucky Man" Johnson ist einer der Stars der nordamerikanischen Dragster-Racing-Szene. Mit seinem 2000-PS-Superdragster tingeln er und sein Team über Provinzrennstrecken und bespaßen das Publikum. Nebenher spielt Lonnie noch den Mentor für den talentierten Nachwuchsfahrer Billy "The Kid" Brooker, der in der rangniedrigeren Funny-Car-Klasse antritt und dort regelmäßig auf den Rivalen Gary "The Blacksmith" Black trifft. Das Team steht unter der Fuchtel des schmierigen Managers Adamson, eines prototypischen snake-oil-salesman, der die Interessen des Sponsors "Fastco", Hersteller eines nutzlosen Motor-Additivs, vertritt, und dem alles weitgehend egal ist, solange Lonnie die Firmenlinie vertritt, genügend Fastco-Dosen verkauft und ansonsten nach seiner Pfeife tanzt. Bei einem Rennen in Edmonton baut Lonnie einen spektakulären Crash, den er - seinem Spitznamen entsprechend - wie durch ein Wunder unbeschadet übersteht. Der neue Kompressor, der der Maschine noch dreihundert zusätzliche Hottehükrafte verleihen soll, ist ihm um die Ohren geflogen. Adamson ist sauer, denn der Dragster ist hin und ein neuer kostet Geld - Geld, dass Fastco nicht gewillt ist zu investieren, obwohl Lonnie und sein Chefmechaniker Elder darauf bestehen, dass sie das neue Teil brauchen, um gewinnen zu können. Gewinnen ist Adamson und Fastco allerdings herzlich egal, falls es Geld kostet - ansonsten reicht es den Geldgebern nämlich völlig, wenn Lonnie weit genug vorn mitmischt, um im Gespräch zu bleiben und den Sponsorennamen in jedem Interview fünfmal fallen lassen zu können, eine Einstellung, mit der Lonnie als echter Racer so seine Probleme hat.

Beim nächsten Rennen insistiert Adamson, dass Lonnie das Funny Car des Teams fährt, weil der Superdragster noch in Reparatur ist und das Publikum seinen Obolus nicht für einen hergelaufenen Nachwuchsfahrer, sondern für die Stars bezahlt. Lonnie weiß, dass Billy darauf verärgert reagieren wird, kommt dem Managerwunsch allerdings nach. Billy springt der Draht auch programmgemäß aus der Baseballcap, doch er fügt sich, soll seine Relegation auf einen Mechanikerposten ja nur temporär sein. Wer sich freut, ist Gary Black, der nur zugern Lonnie versägen würde. Das erste Duell auf der Strecke entscheidet allerdings Lonnie für sich.

Das Verhältnis zwischen Lonnie und Adamson ist aber zunehmend gespannt, erst recht, als Lonnie und Billy herausfinden, dass Adamson und Fastco nicht im Traum daran denken, einen neuen Superdragster zu finanzieren, sondern nach ihrem Willen Lonnie nun permanent bei den Funnys antreten soll. Adamson ahnt, dass Lonnies Renitenz zu einem größeren Problem werden wird und nimmt Sondierungsgespräche mit Black auf - der wäre an einem Fastco-Sponsorenvertrag nicht uninteressiert und sein Mechaniker Meatball lässt sich für eine kleine Sonderprämie auch gern auf eine Sabotageaktion ein. Beim nächsten Duell zwischen Lonnie und Black geht Lonnies Wagen in Flammen auf. Wieder entkommt Lonnie dem Inferno unversehrt, aber Adamson hat nun eine Ausrede, seinen Fahrer samt kompletten Team fristlos zu feuern und auch das Auto einzukassieren.

Nachdem der erste Schock verdaut ist, raufen sich Lonnie, Billy und Getreue zusammen - dann wird man halt beim nächsten Rennen als unabhängiges Team an den Start gehen und das Problem des fehlenden Autos lässt sich auch lösen. Adamson hat es in einer Ausstellung untergebracht und aus der kann man es ja auch zur Not unerlaubterweise wieder subtrahieren. Gesagt, getan - beim nächsten Rennen staunt Adamson Bauklötze, als Lonnie und sein Team das Auto aus dem Hänger holen. Das schreit nach härteren Maßnahmen, und Meatball hat da auch eine ganz fiese Idee für's letzte Rennen - das Rennen, in dem Lonnie Billy das Cockpit überlassen will...

Bei David Cronenberg denkt der geneigte Filmfreund an Schleim, Ekel und den Kult ums "neue Fleisch". Selbst kommerziellere Projekte wie "Scanners", die King-Verfilmung "The Dead Zone" oder obskurere Liebhaberwerke wie "M. Butterfly" lassen sich recht leicht in das Cronenberg'sche Ouevre, in dem es prinzipiell um Verwandlung und Verformung, Repression, Identität und Sexualität geht, einpassen. "Fast Company" ist da der "odd man out", denn dieser Film hat wirklich nichts mit den Themen zu tun, die Cronenberg über Dekaden hin fasziniert haben - es sei denn, man kommt über "Crash" hin zum Autofetisch Nordamerikas. Aber bei "Fast Company" wird die Kaltverformung stabilen Metalls nicht sexualisiert...

"Fast Company" ist vielmehr ein ganz gewöhnlicher Drive-in-Rennsport-Fetzer, wie ihn Arkoffs AIP oder Cormans New World in den 70ern ständig veröffentlichten und er auch von Ron Howard hätte stammen können, als der sich für Corman seine Regisseurs-Hörner abstieß. Für Cronenberg war der Film schlicht nichts anderes als eine Auftragsarbeit - der junge Regisseur hatte sich mit "Shivers" und "Rabid" längst eine gemütlich vor Körperflüssigkeiten triefende Nische geschaffen und sich in Horrorkreisen den Ruf des new hopefuls, auf den man achten würde müssen, erarbeitet - vielleicht war David einfach nur langweilig, oder er brauchte zur Vorbereitung von "The Brood" noch eine kleine Finanzspritze durch das Honorar für die Regietätigkeit. Kann man ja durchaus respektieren - zumal man Cronenberg nicht vorwerfen kann, er hätte "Fast Company" nur halbärschig abgeliefert.

Klar, die Geschichte ist nicht neu - der fiese böse Manager, der den aufrechten Rennfahrersburschen foppt, das hatten wir schon in Jack Hills unterschätztem "Pitstop" oder, auf lustig getrimmt, in Hal Needhams "Der rasende Gockel", in dem sich Burt Reynolds so richtig schön zu Affen machen konnte. Auch "Days of Thunder" und der TV-Abklatsch "Thunder Race" arbeiteten mit diesem Klischee, das halt deshalb eins wurde, weil's gemeinhin funktioniert. Normalerweise entscheidet sich diese Art Film, entweder den Aufsteig eines neuen, jungen Fahrers zu betrachten oder den Niedergang eines alten Haudegens, "Fast Company" schafft's diesbezüglich, seinen Kuchen zu haben und zu essen, er arbeitet beide Möglichkeiten ein. Lonnie ist der Veteran, der - wie der ganze Sport - schon bessere Zeiten gesehen hat, aber nicht davon los kommt, Billy der aufstrebende temperamentvolle Jungspund, der auf seine große Chance wartet. Immerhin ist das Script, an dem neben Cronenberg noch Phil Savath (später zu Ruhm gelangt als Produzent von "Beverly Hills, 90210") und Courtney Smith, klug genug, nicht die offensichtliche Ausfahrt zu nehmen und Billy gegen seinen Mentor auszuspielen. Der Junge ist zwar verständlicherweise sauer, als ihm das Auto zu Lonnies Gunsten weggenommen wird, bleibt aber loyal an der Seite des Älteren. Rivale Gary Black ist dann auch kein eindimensionaler Bösewicht, sonder lediglich Opportunist, der die Chance ergreift, die sich ihm mit dem Fastco-Sponsoring bietet und der von den dunklen Machenschaften, die Adamson und sein eigener Mechaniker Meatball so treiben, nichts weiß oder wenigstens nichts wissen *will*. Der Schurke im Stück ist eindeutig Adamson - wie schon oben erwähnt geradzu der laufende und atmende Lexikoneintrag für "snake oil salesman", skrupellos, nur an seinen Geschäften interessiert und nichts könne ihm egaler sein als auf sportlichem Wege zu gewinnen - eine Prachtrolle für John Saxon, der sich da auch ordentlich reinkniet. Für die menschliche Seite des Rennfahrerdramas gibt's dann auch noch Lonnies Freundin Sammy, die das Tingeln über heruntergekommene Dragstrips längst für eine bürgerliche Existenz aufgegeben hat, aber Lonnie nicht "losgelassen" hat - sie ist für die Story aber immerhin so bedeutsam, dass meine Inhaltsangabe komplett ohne ihre Erwähnung auskam und dabei auch nichts relevantes unterschlagen hat. Ich find's übrigens immer wieder recht lustig, dass Hollywood (bzw. die Filmproduzenten im Allgemeinen), selbst sicher das Zentrum des kapitalistischen Sündenpfuhls, sich so gerne des Sportfilms bediente, um die Kommerzialisierung und Ent-Romantisierung der Sport-Subkulturen anzuprangern...

Wie gesagt - die Geschichte ist nicht neu, aber sie funktioniert, hakt die notwendigen Punkte auf dem Drama- und Charaktermomente-Cheatsheet zuverlässig ab und hat, wie es sich für einen Motorsportfilm gehört, auch einen ordentlichen Zug drauf. Die Kulisse des in europäischen Gefilden doch wenig populären Dragster-Sports sorgt für einen gewissen Exotenbonus, ist das doch im Vergleich zum gewöhnlichen Rundstreckensport, auch in der Oval-Ausprägung, wie ihn die Amerikaner schätzen, eine ganz andere Subkultur, in der noch mehr als noch bei Indycars oder NASCAR die pure Show um die feuerspeienden PS-Giganten im Vordergrund steht (insofern ist der Sport stärker mit Monster-Truck-Rennen verwandt, die in den USA dann auch vom gleichen Verband organisiert werden). Sonderliche Regelkunde ist aber nicht notwendig, um die Rennen zu verstehen, schließlich ist es die wohl primitivste Möglichkeit, sich mit Motorsport zu befassen - wer schneller eine 420 Meter lange Gerade herunterfährt, hat gewonnen. Mehr muss man nicht wissen (schließlich ist es oft genug ein Zugangshindernis bei Sportfilmen, dass man zumindest solides Grundwissen über die Materie mitbringen muss, um der Dramaturgie der Sportereignisse folgen zu können - und Sachen wie Baseball z.B. sind nicht unbedingt "einsteigerfreundlich").

Das Unterfangen ist sicherlich, wie's im kanadischen Kino seinerzeit gute Sitte war, sehr low budget, aber Cronenberg lässt's sich nicht anmerken. Fast alles ist on Location an den Rennstrecken und auf und neben den Highways gedreht, und genug Geld, um einige Autos prächtig in die Luft jagen zu können, war dann auch noch vorhanden (und auch für zumindest einen sudeligen Make-up-Effekt hat's noch gereicht. Na, passt ja doch in Cronenbergs Werk!). Die musikalische Untermalung ist genrebedingt Countryrock-lastig. Mag man wie manc ein Rezensent für nerviges "Möchtegern-Springsteen"-Gefudel halten, ist nun aber mal, ganz besonders in Nordamerika, die Musik des Motorsports und der Motorsportfans.

Ein Plus des Films sind die starken Leads - William Smith ("Conan, der Barbar", "Laredo", "Uncle Sam", "The Final Sanction"), einer der besten tough guys des B-Films, beweist sich - gegen den Strich gecasted - als gute Wahl für den jovialen, aber etwas von der Zeit überholten Veteranen-Fahrers, und zu John Saxon ("Asphaltkannibalen", "Prisoners of the Lost Universe", "Battle Beyond the Stars") muss man eh nicht viel sagen. Claudia Jennings, Mega-Starlet der 70er und bekannt und beliebt aus "Deathsport", "Gator Bait", "Truck Stop Women", oder dem auch thematisch verwandten "Unholy Rollers", spielt hier ihre letzte Filmrolle - sie kam kurz nach den Dreharbeiten, gewillt, ihr von Drogen und Ausschweifungen geprägtes Leben rumzureißen (ihre Freizügigkeit in Playboy-Spreads hatte sie z.B. gerade die Rolle als Kate-Jackson-Ersatz in "Charlie's Angels" gekostet) bei einem Autounfall ums Leben. Der Rezensent muss daher auch konstatieren, dass Jennings unerwartet (und unerhofft) zugeknöpft bleibt (nackte Tatsachen gibt's im Film trotzdem, aber halt ohne Beteiligung von Miss Jennings). Nicholas Campbell (Billy) beeindruckte Cronenberg ersichtlich genug, um von ihm gleich zu "The Brood" mitgeschleift zu werden, auch in "Naked Lunch" griff Cronenberg auf den Kanadier zurück, der in der langlebigen Serie "Da Vinci's Inquest" auch noch um die Jahrtausendwende zu TV-Ruhm kam. TV-Veteran Don Francks ("Mission Impossible", "La Femme Nikita" und - Boba Fett im "Star Wars Holiday Special"!) spielt routiniert den Mechaniker Elder, Cedric Smith (nicht verwandt oder verschwägert, "Millennium", "Beyond Reality") macht sich anständig als Lonnies Rivale Gary Black.

Die Blu-Ray von Endless Classics erfindet das Medium sicher nicht neu und kommt bis auf den Trailer auch ohne Zusatzausstattung daher, wird aber mittlerweile recht günstig vertickt und kann bild- und tonqualitätstechnisch durchaus empfohlen werden.

"Fast Company" ist letztlich ein Film, den ich den Freunden zünftiger Rennsport-Filme und/oder PS-intensivem Drive-in-Kinos stärker ans Herz legen möchte als dem "typischen" Cronenberg-Fan - letzterer muss zwangsläufig enttäuscht sein, weil sich von den Trademarks des Regisseurs hier nun wirklich praktisch nichts findet. Losgelöst von der Person des Regisseurs und dem Ballast seiner Filmographie lässt sich aber an "Fast Company" viel Freude haben, ganz besonders, wenn man ein Freund von William Smith und/oder John Saxon ist. - ein unterhaltsames, spannendes Rennfahrerdrama ist der Film nämlich allemal.

(c) 2017 Dr. Acula


BOMBEN-Skala: 3

BIER-Skala: 7


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